Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms "Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung"
Rupertus Tuitensis
Pergament — I, 174, I Bl. — 24,5 × 15 cm — Lamspringe, Benediktinerinnenkloster — 12. Jh., 3. Viertel
Lagen: 21 IV (168). III (174). Auf dem Fußsteg der letzten Versoseite jeder Lage (bei der letzten auf dem Fußsteg der ersten Rectoseite) Kustoden in Minuskelbuchstaben a–y. Bleistiftfoliierung modern: 1–174, hinteres und vorderes Vorsatz (ehem. Spiegelbl.) ungez. Grobes Pergament mit vielen Löchern und Nähten. Schriftraum: 19,5 × 10 cm, einspaltig, 38–43 Zeilen. Regelmäßige Carolino-Gothica von der Hand der sog. scriptrix wie in Cod. Guelf. 482a Helmst., 1r–81v, dort auch zu den übrigen Bänden der Gruppe. Im gesamten Codex marginale Zitatangaben durch Schlagworte und marginale Korrekturen sowie Notazeichen von anlegender Hand, meist ornamental in Rot in verschiedenen Formen umrahmt. Rote Überschriften, beschädigte Stellen im Pergament durch Wellenlinien, Balken, Striche etc. ausgefüllt, z. T. ebensolche Zeilenfüllungen. Am Beginn der einzelnen Bücher Spaltleisteninitialen über 9–10 Zeilen mit weißem, rot umzeichneten Leistenstamm, Schnallen und roter Spaltfüllung. Meist bildet der äußere Leistenstamm Kontur und Abschluss des Buchstabens, während sich der innere volutenartig einrollt und die Binnenfelder mit verschlungenen Ranken füllt, die in Knollenblätter und andere vegetabile Ornamente auslaufen, die durch Strichelung plastisch hervorgehoben sind. Im einzelnen: 1v, E (lib. I). 10v, L (lib. II). 21v, A (lib. III). 37v, lib. IV ohne Initiale. 52v, A (lib. V), der linke Teil ist Buchstabens ist figürlich in Form eines langhalsigen Drachens gestaltet, der mit der Schnalle am rechten Buchstabenstamm fixiert ist und mit seinen Krallen einen Löwen ergreift, der den Querbalken des A bildet. 69v, D (lib. VI), die Knollenblattranke ist von einem kleinen Raubvogel bewohnt, 84r, E (lib. VI, recte: VII), im Binnenfeld steht der segnende, bartlose Christus mit Kreuzstab und Kreuznimbus in einem rot-grün lavierten Priestergewand. 90v, O (lib. VII, 13), die Ranke ist von einem hundeartigen Raubtier bewohnt, das sich an einem Ausläufer festgebissen hat. 99r, T, der Querbalken endet in Tierköpfen, im Stamm selbst steht ein hundeartiges Raubtier auf den Hinterbeinen; der Buchstabenstamm läuft in wurzelartig gekrümmte Ranken aus, auf denen links der segnende auferstandene Christus (in gleicher Kleidung wie oben) und rechts eine Frauengestalt mit einer stilisierten Blume stehen, die entweder als Maria oder, zum kommentierten Tagesoffizium passender, als Maria Magdalena (Noli me tangere) identifiziert werden kann. 119r, Q (lib. IX), Cauda in Gestalt eines zweifüßigen langgestreckten geflügelten Drachens mit gepunktetem Leib und in zwei Knollenblattranken auslaufenden Schwanz, der sich in den Buchstabenkörper verbissen hat. 133r, Q (lib. X) mit analog gestalter Drachencauda, im Binnenfeld Darstellung des Pfingstwunders: Über einer zweitürmigen Architekturabbreviatur mit acht Aposteln sitzt die Taube des Heiligen Geistes. 164r D (lib. XI, recte: XII), in den Voluten der senkrecht aufstrebenden Mittelranke des Binnenfeldes rechts und links ein menschlicher Kopf, darüber ein axialsymmetrisch angeordnetes Vogelpaar, das sich mit den Schnäbeln an die Rankenausläufer klammert. Die Initialen sind wie in Cod. Guelf. 943 Helmst. Lippoldsberger Vorbildern verpflichtet. Am Beginn der einzelnen Abschnitte schlichte rote Initialmajuskeln über 2 Zeilen in Unzialform, vielfach mit charakteristischen Silhouettenornamenten in Form von Fähnchen, Blüten oder blattartigen Motiven, die in gleicher Form auch in den übrigen Bänden der "Scriptrix-Gruppe" zu finden sind.
Romanischer Holzdeckelband mit geradem Rücken, Kanten bündig mit Buchblock. Der Originalbezug aus ungefärbtem Kalbsleder ist verloren, Reste sind auf den Spiegeln erhalten. Die Deckel wurden nachträglich mit einem Halbbezug aus braun gefärbtem Kalbsleder versehen (vgl. bei Cod. Guelf. 1030 Helmst.). Drei Doppelbünde. Zwei Riemenschließen mit Ösenverschluss und zugehörige Dornen an der Kante des VD verloren.
Fragmente (VS und HS, jetzt abgelöst und als Bl. Ir–v und I*r–v gez.): Pergament, je ein Bl. (Teile eines Doppelbl. aus der Lagenmitte), ca. 24,5 x 15 cm, stark beschädigt und verschmutzt, Leimspuren, mitgeheftet und um die erste Lage gehängt.. Schriftraum: 19 x 13 cm, einspaltig, 16 Zeilen. Karolingische Minuskel des frühen 10. Jh. Rubriziert, Satzmajuskeln in Capitalis quadrata. Über jeder Zeile adiastematische, sog. ”paläofränkische” Neumen. Mit großer Wahrscheinlichkeit im Benediktinerkloster Corvey geschrieben. Graduale (Proprium de sanctis). (Ir) In festo purificationis BMV (2.2.) Erhalten sind der Schluss des Tractusversikels g01384c, das Offertorium g01378 mit dem Versikel g01378a sowie die Communio g00080. (Ir–v) ›Sancte Agathe‹ (5.2.) Enthält das vollständige Proprium missae mit dem Introitus ( 501004.1), dem Psalmvers Ps 44,2, dem Gradualresponsorium mit Versikel ( g01374 mit g01374a), dem Tractus mit zwei Versikeln ( g01314 mit g01314a und g01314b), dem nur mit dem ersten Wort zitierten Offertorium ( g00083.1) und der Communio ( g00084). (Iv–I*r) ›Natale sancti Valentini‹ (14.2.) Enthält das vollständige Proprium missae mit dem Introitus ( g01290), dem Psalmvers Ps 20,5, dem Gradualresponsorium mit Versikel ( g01291 mit g01291a), dem Tractus mit zwei Versikeln ( g01275 mit g01275a und g01275b), dem Offertorium mit zwei Versikeln ( g01357 mit g01357a und g01357b) und der Communio ( g01261). (I*r) In festo sanctorum Faustini et Jovitae (15.2.). Enthält das vollständige Proprium missae mit dem Gradualresponsorium mit Versikel ( g01311 mit g01311a, nur anzitiert), dem Tractus ( g03165), dem Offertorium ( g00116, nur anzitiert) und der Communio ( g00209). (I*r–v) In festo cathedrae Petri (22.2.) Der Beginn ist erheblich durch Textverlust fragmentiert; erhalten sind noch der anzitierte Invitatoriumsversikel ( g01271a), das Gradualresponsorium mit Versikel ( g00027 mit g00027a, stark fragmentiert), der Tractus mit drei Versikeln ( g00030 mit g00030a, g00030b.1 und g00030c) sowie das Offertorium mit zwei Versikeln ( g00261 mit g00261a und g00261b); die Communio ist nicht mehr lesbar. Darunter befinden sich noch zwei Zeilen eines liturgischen Gesangsstücks (11. Jh.) mit deutschen Neumen, die aufgrund ihres Erhaltungszustandes nicht identifiziert werden konnten. Siehe zu den Fragmenten , 129; 2, 840–842 Nr. XI.36 (); , 162f.; , Medieval liturgical chant and patristic exegesis. Words and music in the second-mode tracts, Woodbridge 2009 (Studies in medieval and Renaissance music 9), XII, 152f., 155, 158–171, 173–175, 209, 212, 237f. und 308 (jeweils Hs. genannt, Sigle Kor); , 36; , A propos de la notation «paléofranque». Observations spécifiques et générales extraites de mon carnet d'atélier, in: Manuscrits notés en neumes en Occident. Actes du Colloque de Royaumont, Abbaye de Royaumont 29–31 octobre 2010, hrsg. von und , Solesmes 2012 (Études grégoriennes 39), 51–72 (51, 59–64 Hs. genannt, Sigle W); , Una notazione neumatica della Germania del nord-ovest. Nuovi frammenti di un Missale Lucchese, Santa Rufina di Cittaducale 2021, 32f. (Hs. genannt).
Herkunft: Der Codex wurde nach Ausweis der Schriftmerkmale und des Buchschmucks im 3. Viertel des 12. Jh. im Benediktinerinnenkloster Lamspringe geschrieben, auf Bl. 1r entsprechender Besitzvermerk Liber sancti Adriani in Lamesprigge. Nach Ausstattung und Schriftmerkmalen steht er den übrigen von der sog. "Scriptrix" angefertigten Codices nahe, insbesondere Cod. Guelf. 482a Helmst., 511 Helmst., 519 Helmst. und 943 Helmst. — Am 10.4.1572 mit den übrigen Lamspringer Codices in die Hofbibliothek nach Wolfenbüttel überführt, 1588 von Eberhard Eggelinck unter den Pergamenthandschriften der Hofbibliothek (NLA – StA Wolfenbüttel, 1 Alt 22, 83, 22r–35v, hier 28r), als Tractatus de divinis officiis per anni circulum 11 libris distributus auff Pergamein geschrieben in quarto vnd bretter gebunden verzeichnet. 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 289 [284]) unter den Papalia Miscellanea als De divinis officiis libri undecim in membranis conscripti mit der Signatur W 28 nachgewiesen. Seit 1618 in der Universitätsbibliothek Helmstedt, 1644 im Helmstedter Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 13r) als Ruperti Tuitiensis de divinis officiis per anni circulum libri undecim. In membrana unter den Theologici MSSti in quarto beschrieben; auf dem Kopfsteg des VS die entsprechende Helmstedter Signatur T 4° 3. Im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 471 genannt.
, 70 Nr. 3.11. — Nr. 557. — , 473. — 11, 370 — , 468, 476. — , Bücher und Urkunden aus Helmarshausen und Corvey, Hannover 1992 (MGH Studien und Texte 4), 84. — , 239. — , 138. — , 119, 123, 125f., 130, 138f. mit Abb. 8 und 9. — , Neues zu Ebstorfer Handschriftenfragmenten, in: Kloster und Bildung im Mittelalter, hrsg. von N. Kruppa und Dems, Göttingen 2006 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 218, Studien zur Germania sacra 28), 471–496, hier 484. — , 46f., 78f. Nr. 8. — , 90, 93f. mit Abb. 3. — , 30. — , 73f. mit Abb. 4. — , 262. — , 332, 334, 337 mit Abb. 11, 344. — .
1r Besitzvermerk (siehe oben), Inhaltsangabe (Bastarda, 15. Jh., gleiche Hand wie in Cod. Guelf. 475 Helmst., 1r): Rotbertus) und Federprobe (abc ave Maria).
1v–173r : De divinis officiis. (1v–2r) ›Prologus sequentis opusculi de divinis officiis per anni circulum‹. Ea que per anni circulum ordine constituto in divinis aguntur officiis … — … unde causas institucionis acceperint iam dicendum est. (2r–173r) Textus. ›De divinis officiis liber primus incipit‹. Septem canonicas horas diei non licet a quoquam … — … quantum cultior [!] pugna tanto difficilior victoria. ›Explicit liber undecimus de divinis officiis per anni circulum‹. Der Widmungsbrief an Bischof Kuno von Regensburg fehlt, die Gliederung entspricht der Ausgabe, allerdings sind die Bücher X und XI zusammengezogen (daher Bl. 164r Buch XII als ›Liber undecimus‹ gez.) sowie auf Bl. 84r ist Buch VII nochmals als ›Liber VI‹ bezeichnet. Edition: 170, 11–331; 7, 5–418 (mit dieser Hs., XXXVII genannt, Sigle C 2) . Literatur: , Die Überlieferung der Schriften Ruperts von Deutz, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 16 (1960) 339–436 (416 Hs. genannt); , La tradition manuscrite des œuvres de Rupert de Deutz. A propos d’une étude récente de Rhaban Haacke, in: Scriptorium 16 (1962), 336–345 (345 Hs. genannt); Index scriptorum operumque latino-belgicorum medii aevi, p. III: XIIe siècle, vol. 2: Œuvres non hagiographiques, par , Bruxelles 1979, 238–240; 8, 402–414, bes. 406f. – 174v leer.
- Manuscripta Mediaevalia Objektnummer hinzugefügt (schassan, 2019-08-20)
- Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der mittelalterlichen Helmstedter Handschriften Teil III.