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Beschreibung von Cod. Guelf. 519 Helmst.
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil IV: Cod. Guelf. 462 bis 615 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser (in Vorbereitung).
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung
Handschriftentitel: Gregorius I papa
Entstehungsort: Lamspringe, Benediktinerinnenkloster
Entstehungszeit: 12. Jh., 4. Viertel
Katalognummer:
  • Heinemann-Nr. 566(A)
  • Manuscripta Mediaevalia Objektnummer, 32412355,T
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 107 Bl.
Format: 23,5 × 15 cm
Seitennummerierung: Tintenfoliierung modern: 1107.
Lagenstruktur: 13 IV (104). I+1 (107). Kustoden in arabischen Zahlen auf der letzten Versoseite der Lagen (mit Ausnahme der letzten): IusXIIus.
Zustand: Grobes, durch Gebrauch stark verschmutztes Pergament mit zahlreichen Löchern und Nähten.
Seiteneinrichtung: 18,5 × 10,5 cm, Text ein-, Kapitelverzeichnisse zweispaltig, 31 Zeilen.
Hände: Regelmäßige Carolino-Gothica von der Hand der scriptrix, vgl. bei Cod. Guelf. 482a Helmst.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Rubriziert, Überschriften vielfach in Unzialis oder Capitalis rustica. Geschwungene rote Satzmajuskeln am Abschnittsbeginn. Am Beginn der einzelnen Kapitel schlichte rote Initialen über 2 Zeilen in Unzialform mit floralen und zoomorphen (Vogelköpfe, z. B. 28v, vgl. Härtel, 23) Silhouettenornamenten, die denen der übrigen Bände der „Scriptrix-Gruppe“ (vgl. Cod. Guelf. 443 Helmst.) entsprechen.
  • Der Beginn des einzelnen Bücher in einzeiliger, rot gestrichelter Auszeichnungsschrift (Unzialis und Capitalis rustica gemischt). Auf Bl. 22r der Beginn des zweiten Buchs (Benediktsvita) zusätzlich hervorgehoben: Die erste Textzeile nach der Initiale (FUIT VIR VITE) in vergrößerter (2 Zeilen) Auszeichnungsschrift, Buchstabenformen gemischt aus Unzialis und Capitalis rustica, Buchstaben wechselnd schwarz und rot mit Punktverzierungen in der Gegenfarbe, der Buchstabe I z. T. dem vorausgehenden V einbeschrieben. Die folgenden eineinhalb Zeilen (VENERABILIS GRATIA DEI BENEDICTUS) in einzeiliger Auszeichnungsschrift wie die übrigen Bücher. Die Buchstabengestaltung und Schrifthierarchie sind vermutlich aus einer älteren (karolingischen) Textvorlage übernommen.
  • Am Beginn der einzelnen Bücher Spaltleisteninitialen über 6–14 Zeilen mit weißem, rot umzeichneten Leistenstamm, ebensolchen Schnallen und roter Spaltfüllung, die Binnenfelder sind auf einem orangen Polstergrund mit verschlungenen, durch Strichelung plastisch hervorgehobenen Ranken gefüllt, die in Knollenblätter und andere vegetabile Ornamente auslaufen. Gleichartige, wiederum Lippoldsberger Vorbildern verpflichtete Initialen in Cod. Guelf. 510 Helmst. Im einzelnen:
  • 1v Q (lib. I) mit einer mächtigen Cauda in Gestalt eines zweifüßigen langgestreckten geflügelten Drachens mit gepunktetem Leib und in Knollenblätter und Palmetten auslaufenden Schwanz, der seinen Kopf nach oben in den Buchstaben streckt. Aus seinem Rachen quillt eine durch eine Schnalle verbundene zentralsymmetrische Doppelranke mit Halbpalmetten und Knollenblättern, die das Binnenfeld füllt; das Motiv findet sich sehr ähnlich in Cod. Guelf. 443 Helmst., 26r (Abb. beider Initialen bei Härtel, 50f.).
  • 22r F (lib. II).
  • 43v D (lib. III).
  • 77v P (lib. IV).
Spätere Ergänzungen: Im gesamten Codex marginale Korrekturen und Notazeichen von anlegender Hand, meist ornamental in Rot in verschiedenen Formen umrahmt.
Einband: Gotischer Holzdeckelband, mit braungefärbten Schafsleder überzogen. Unregelmäßig gezogene Streicheisenlinien. Einzelstempel Rosette, ein Blattkranz, sechsblättrig: EBDB s007095. Der vermutlich im südniedersächsischen Raum angesiedelten "Streu-Stempel Helmst. 447" (EBDB w000317) zugeschrieben. 3 Doppelbünde. Eine mittig angebrachte Riemenschließe mit Stiftlager, Ende des Lagers gewellt, Schließenriemen und -haken einschließlich des Gegenblechs verloren.
Zusatzmaterial: Fragment VS: Pergament, ein Bl., noch 19 x 10 cm, mitgeheftet und um die erste Lage gehängt. Schriftraum identisch (beschnitten), einspaltig, noch 22 Zeilen. Carolino-Gothica des späten 12. Jh. oder frühen 13. Jh. Rubriziert, rote Satzmajuskeln in Capitalis quadrata. Psalterium. Erhalten ist [a]udivi quia potestas dei et [Ps 61,12] … — … quis ob[structum] est os loquentium iniqua [Ps 62,12].
Entstehung der Handschrift: Gegen Ende des 12. Jh. im Benediktinerinnenkloster Lamspringe geschrieben, vermutlich nach einer karolingischen Vorlage (siehe oben). Auf Bl. 1r entsprechender Besitzvermerk Liber sancti incliti martiris Adriani in Lamespringe.
Erwerb der Handschrift: Am 10.4.1572 mit den übrigen Lamspringer Codices in die Bibliotheca Julia in Wolfenbüttel überführt, im 1588 angelegten Verzeichnis der Pergamenthandschriften der Bibliotheca Julia (NLA – StA Wolfenbüttel, 1 Alt 22, 83, 22r–35v) nicht sicher zu identifizieren. 1614 im Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 298 [293]) unter den Papalia Miscellanea als Liber dialogorum Petri et Gregorii in membranis mit der Signatur Y 56 nachgewiesen. Seit 1618 in der Universitätsbibliothek Helmstedt, 1644 im Helmstedter Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 13v) als Gregorii Papæ Dialogi. In membrana unter den Theologici MSSti in quarto beschrieben; auf dem Kopfsteg des VS die entsprechende Helmstedter Signatur T 4° 17. Im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 458 genannt.
Inhalt:
  1. 1r Besitzvermerk (siehe oben), darunter Federproben (a a e abbcddee), eine Inhaltsangabe des 15. (Dialogus, gleiche Hand wie in Cod. Guelf. 475 Helmst., 1r) und eine des 16. Jh. (Dialogi beati Gregorii papae).
  2. 1v107r Gregorius I papa: Dialogi.
    • (1v2r) >Incipit prologus dialogorum<. >Explicit prologus<.
    • (2r21r) >Incipit liber [primus]<. >Explicit liber primus dialogorum beati Gregorii pape<.
    • (21rv) >Incipiunt capitula in librum secundum<. >Expliciunt capitula<.
    • (22r43r) >Incipit liber secundus<. >Explicit liber secundus<.
    • (43rv) >Incipiunt capitula in librum tercium<. >Expliciunt capitula<.
    • (43v76v) >Incipit liber tercius<. >Explicit liber secundus[sic]<.
    • (76v77v) >Incipiunt capitula in librum tercium[sic]<. >Expliciunt capitula<.
    • (77v107r) Incipit liber … us … (fehlerhaftes tercius radiert, aber nicht korrigiert). >Explicit liber dialogorum beati Gregorii pape urbis Rome<.
    Die Gliederung entspricht den Ausgaben, die Sprecherrollen sind durch rubrizierte Namenskürzel angegeben.
    Textgeschichte: Vollständig auch in Cod. Guelf. 445 Helmst., 1ra–66va; 677 Helmst., 1r–158r; 32.11 Aug. 2°, 158ra–227va; 33.6 Aug. 2°, 2ra–61va. Auszüge und Fragmente in Cod. Guelf. 32 Helmst., 122r; 137 Helmst., VS; 482a Helmst., 83v–86r; 552 Helmst., 283r–285v; 567 Helmst., 128r–v; 1109 Helmst., 107r–128v; 17.20 Aug. 4°, 162v–168r; 50.6 Aug. 4°, 40v–41v; 404.1 Novi (10).
    Druck
    • PL 77, 149–429;
    • Gregorii Magni Dialogi libri IV, hrsg. von U. Moricca, Roma 1924 (Fonti per la storia d'Italia 57), ND Roma 1966 und 1990;
    • Gregorius Dialogi Bde. 2, 3.
  3. 107v Anathema (von anderer Hand): Qui hunc librum alienaverit anathema sit.
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Manuscripta Mediaevalia Objektnummer hinzugefügt (schassan, 2019-08-20)
  • Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)

Abgekürzt zitierte Literatur

CALMA C.A.L.M.A. Compendium auctorum latinorum medii aevi, hrsg. von M. Lapidge u. a., Bd. 1–, Firenze 1999–
CPL Clavis patrum Latinorum, hrsg. von E. Dekkers, Steenbrugge u.a. 31995 (Corpus Christianorum. Series Latina)
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
El-Kholi S. El-Kholi, Lektüre in Frauenkonventen des ostfränkisch-deutschen Reiches vom 8. Jahrhundert bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, Würzburg 1997 (Epistemata 203)
Germania Benedictina Germania Benedictina, hrsg. von der Bayerischen Benediktiner-Akademie München in Verbindung mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach, Bd. 1–, St. Ottilien 1994–
Gregorius Dialogi Grégoire le Grand, Dialogues, Bd. 1–3, hrsg. von A. de Vogüé, Paris 1978–1980, Nachdruck 2006 (Sources chrétiennes 251, 260, 265)
Härtel H. Härtel, Geschrieben und gemalt. Gelehrte Bücher aus Frauenhand. Eine Klosterbibliothek sächsischer Benediktinerinnen des 12. Jahrhunderts, Wiesbaden 2006 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 86)
Härtel Lamspringe H. Härtel, Lamspringe. Ein mittelalterliches Skriptorium in einem Benediktinerinnenkloster, in: Kloster und Bildung im Mittelalter, hrsg. von N. Kruppa und J. Wilke, Göttingen 2006 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 218, Studien zur Germania sacra 28), 115–153
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Kat. Illuminierte Hs. HAB 1 Geplant: Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1, 6.-11. Jh., beschrieben von Stefanie Westphal
Krämer S. Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, Bd. 1–3, München 1989–1990 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1)
Müller Einflüsse M. E. Müller, Einflüsse aus West und Ost in der Hildesheimer und in der thüringisch-sächsischen Buchmalerei des 12. und 13. Jahrhunderts, in: Zentrum oder Peripherie? Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12.–15. Jahrhundert), hrsg. von ders. und J. Reiche, Wiesbaden 2017 (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 32), 305–366
Oldermann-Meier R. Oldermann-Meier, Der Kirchenschatz des ehemaligen Benediktinerinnenklosters Lamspringe. Zusammensetzung und Einziehung zur Zeit der lutherischen Reformation, in: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 66 (1998), 111–146
PL Patrologiae cursus completus. Series Latina, Bd. 1–221, hrsg. von J. P. Migne, Paris 1844–1865
Schönemann C. P. C. Schönemann, Zur Geschichte und Beschreibung der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, in: Serapeum 18 (1857), 65–91, 97–107
Straw C. Straw, Gregory the Great, in: Authors of the Middle Ages. Historical and Religious Writers of the Latin West, hrsg. von P. J. Geary, Bd. 4 Nr. 12, Aldershot 1996, 1–72
Te.Tra. La trasmissione dei testi latini del medioevo – Mediaeval latin texts and their transmissions, Bd. 1–, hrsg. von P. Chiesa und L. Castaldi, Firenze 2004– (TE.TRA. 1–)
Wolter-von dem Knesebeck Lamspringe H. Wolter-von dem Knesebeck, Lamspringe, ein unbekanntes Scriptorium des Hamersleben–Halberstädter Reformkreises zur Zeit Heinrichs des Löwen, in: Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125–1235. Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995, Bd. 2: Essays, hrsg. von J. Luckhardt und F. Niehoff, München 1995, 468–477

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