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Beschreibung von Beschreibung von Cod. Guelf. 576.2 Novi
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Evangeliar
Entstehungsort: Niedersachsen (Corvey?)
Entstehungszeit: um 1000
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 200 Bl.
Format: 26,5 × 19 cm
Seitennummerierung: Neuere Tintenfoliierung, teilweise ersetzt und berichtigt durch Bleistiftfoliierung.
Lagenstruktur: IV (8). IV-1 (15). 5 IV (55). IV (63). III-1 (68). IV (76). IV+1 (85). III+1 (93). IV+1 (107). 5 IV (147). V-1 (156). 3 IV (180). V (190). III+1 (197). II-1 (200).
Seiteneinrichtung: 19,5 × 12 cm, einspaltig, 26 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Händewechsel bei 16r, 24r, 32r, 61r, 96r, 101r, 103r.
Schrift: Überschriften und Anfangszeilen in Capitalis und Uncialis. Versanfänge mit rubrizierten Initialbuchstaben vor dem Text.
Überschriften und Anfangszeilen in Capitalis und Uncialis. Versanfänge mit rubrizierten Initialbuchstaben vor dem Text.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    1 Initiale. Kanontafeln. 4 ganzseitige Federzeichnnungen.
  • Federzeichnungen: Vor den Evangelien ganzseitige Federzeichnungen der Evangelisten, jeweils unter einer Arkade auf einem Thron sitzend (15v - Matthäus, 68v - Markus, 100v - Lukas, 150v - Johannes). In den Tympana die jeweiligen Evangelistensymbole mit aufgeschlagenen Büchern und begeleitendem Namenszug (bei Matthäus ist der Namenszug in den Architrav gesetzt). Arkaden, Säulen und Architrave unverziert. Die Säulen mit kugelförmigen (68v, 100v), in Voluten umgeschlagenen (15v), oder flechtband- bzw. schlaufenförmig angelegten Basen. Die Kapitelle mit Blüten- oder Blattverzierungen (68v, 150v, 15v) oder unverziert (100v).

    15v Matthäus frontal thronend mit nach links gerichtetem Blick. Die Linke am links vor ihm stehenden Schreibpult, in der Rechten eine Schriftrolle. Auf der Platte unter dem Thron die Inschrift R.a.h.19,8 × 13,0 cm.

    68v Markus seitlich nach links gedreht sitzend. Auf seinem Schoß das aufgeschlagenen Buch, in das er vornübergeugt schreibt. In der Linken hält er das Tintenfass. 18,2 × 12,0 cm.

    100v Lukas, frontal thronend nach links blickend. In der erhobenen Rechten der Griffel, mit der Linken eine Schreibtafel umfassen, die auf dem linken Oberschenkel ruht. 20,5 × 12.0 cm.

    150v Johannes, frontal thronend und inspiriert zu seinem Symbol aufblickend, mit Griffel in der Rechten und Tintenfass und Schreibtafel in der Linken. Rechts neben ihm ein Pult mit dem aufgeschlagenen Buch. 20,1 × 13,0 cm.

    Die Figuren und deren Gewänder mit harter, linearer Linienführung ohne Plastizität. Die Gesichter mit relativ runden Gesichtszügen und großer Augenpartie.

    Kanontafeln: 9r-14v 3- und 4spaltige Kanonbögen mit schlanken, hohen Säulen und oben abschließender Arkadenreihe (20,5 × 12,5 cm). Säulen und Arkaden unverziert. Basen kugelförmig (10v, 10r), einfach konkav (11r, 11v, 12r, 12v, 13r, 13v), mit eingerollten Voluten (9r, 9v), Palmetten (14r) und knospenartigen Ansätzen (14v). Die Kapitelle mit antithetisch verschlungenen Tierköpfen (9r, 9v), Tiermasken (10r, 10v), antithetisch gesetzten Blattknospen (11r, 11v) und weiteren Knospenvariationen (12r, 12v), Gesichtern (13r, 13v) und einer mit Schlaufe verbundenen Doppelpalmette (14r, 14v).

    Initiale: Eine Randleisteninitiale mit End- und Gliederungsgeflechten (9,0). Als Füllmotiv ein Palmettenfries. Vom Gliederungsgeflecht ausgehend ein Rankentrieb, bestehend aus Profilpalmetten.

  • Farben: Sämtliche Ausstattung ausgeführt mit Federzeichnung in Tintenfarbe. Details in Orange (Minium) und Tintenfarbe (Dunkelbraun). Für die Zeichnung des Johannes (150v) zusätzlich Verwendung von Dunkelrot. Die Initiale auf 16r ausschließlich in Minium.

Einband: Holzdeckeleinband. Brauner Lederbezug aus dem 19. Jh. mit dunkel gefärbten Ecken und Rücken. Zwei Schließen; Riemen erneuert mit älteren Messingösen. Die obere mit einem bärtigen Männerkopf (Maske?), die untere mit einem Frauenkopf.
Geschichte der Handschrift: Mit dem Verweis auf 2r Rhode (Heinemann las noch Liber beate Mariae Magdalene in Rodhe; vgl. Bauer, Bd. 1, XXI), ist davon auszugehen, dass sich das vorliegende Evangeliar ehemals in der Probstei Maria Magdalena in tom Roden, nördlich des Klosters Corvey (seit 1184; vgl. H. Richtering, Stifte und Klöster im Weserraum, in: Ostwestfälisch-Weserländische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde, hrsg. von H. Stoob, Münster 1970, 404) befand, bevor es in den Bestand des Braunschweiger Blasius-Stifts überging. Aufgrund von stilistischen Vergleichen der Autorenportraits mit den Handschriften der sogenannten Federzeichnungsgruppe (Evangeliar aus Abdinghof, Kassel, UBLMB , Ms. theol. 2° 60, Wesergebiet, um 1000; Kunst und Kultur im Weserraum, Kat.Nr. 173, Abb. 167; Cod. Guelf. 16.1 Aug. 2°, Corvey, Ende 10. Jh. und das Fragment eines Evangelistars Leipzig, UBL, Rep. I 57, Corvey, um 1000 (Kunst und Kultur im Weserraum, Kat.Nr. 171, Abb. 163, 164), die stilistisch auf Reimser Vorbilder zurückgreifen, ging Buddensieg von einer Enstehung des Evangeliars in Corvey mit einer Datierung um 1000 aus (Buddensieg, 101-105). Diese Einordnung wurde mit dem Verweis Butzmanns auf das Evangeliar aus der Schönbornschen Sammlung (Pommersfelden, Schönbornsche Schloßbibliothek, Hs. 94 (2795), Niedersachsen (?), um 1000; Die Grafen von Schönborn, Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene, Ausstellung Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 18. Februar - 23. April 1989, Nürnberg 1989, 448f. Kat.Nr. 355 (R. Kahsnitz); Hoffmann Schreibschulen, 84, 85) in Frage gestellt. Das Schönbornsche Evangeliar enthält Evangelistenzeichnungen, die bis auf einige kleine Details den Zeichnugen der Wolfenbütteler Handschrift entsprechen. Kahsnitz erkannte in diesem Zusammenhang, dass die Zeichnungen des Schönbornschen Evangeliars im Vergleich zur Wolfenbütteler Handschrift weniger sicher und in den Umrißlininen weniger stimmig erscheinen und stufte dementsprechend die Schönbornsche Handschrift als direkte Kopie des Wolfenbütteler Evangeliars ein. Kahsnitz schließt für die Schönbornsche Handschrift, die einem Eintrag aus dem 15. Jh. nach aus dem Besitz des 1159 gegründeten Augustinerchorherrenstift Rebdorf bei Eichstätt stammt, eine Entstehung in Franken oder Süddeutschland aus. Trotz der von Bauer geäußerten Bedenken (Bauer, Bd. 1, XXI) plädiert Kahsnitz für eine niedersächsische Herkunft beider Codices. Hoffmann gibt die Wolfenbütteler Handschrift paläographisch in den sächsischen (thüringischen) Raum mit einer Datierung gegen Ende des 10. Jh.
Provenienz der Handschrift: Besitzeinträge: 2r der Ortsname Rodhe (14. oder 15. Jh.?), 149r Iste liber est dominorum de novali. Die Handschrift gehörte zu dem Bestand des Braunschweiger Blasius-Stifts, in dessen Besitz sie zu einem unbestimmten Zeitpunkt gelangte. Von dort kam sie in das Herzogliche Landeshauptarchiv (vermutlich 1837); 1885 wurde sie im Tausch gegen Urkunden für die Herzog August Bibliothek erworben.
Inhalt:
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

Bauer G. Bauer, Corvey oder Hildesheim? Zur ottonischen Buchmalerei in Norddeutschland, 2 Bde., Phil. Diss., Hamburg 1977
Buddensieg T. Buddensieg, Zur ottonischen Buchmalerei und Elfenbeinskulptur in Sachsen, in: Studien zur Buchmalerei und Goldschmiedekunst des Mittelalters. Festschrift für Karl Hermann Usener zu, 60. Geburtstag am 19. August 1965, hrsg. von F. Dettweiler, H. Köllner und P. A. Riedl, Marburg 1967, 93-114
Butzmann Extravagantes, Novi, Novissimi H. Butzmann, Die mittelalterlichen Handschriften der Gruppen Extravagantes, Novi und Novissimi, Frankfurt/M. 1972 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Die Neue Reihe 15)
Heitzmann C. Heitzmann, "Ganze Bücher von Geschichten". Bibeln aus Niedersachsen, Wolfenbüttel 2003 (Ausstellungskataloge der Herzog-August-Bibliothek 81)
Hoffmann Schreibschulen H. Hoffmann, Schreibschulen und Buchmalerei. Handschriften und Texte des 9.–11. Jahrhunderts, Hannover 2012 (MGH Schriften 65)
Kunst und Kultur im Weserraum Kunst und Kultur im Weserraum 800–1600. Ausstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, Corvey 1966, Bd. 2: Katalog, hrsg. von B. Korzus u. a., Münster/Westf. 1966
Milde Mittelalterliche Handschriften der Herzog August Bibliothek, ausgewählt und erläutert von W. Milde, Frankfurt/M. 1972 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sonderbd. 1)
PL Patrologiae cursus completus. Series Latina, Bd. 1–221, hrsg. von J. P. Migne, Paris 1844–1865
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980

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