Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Projektes DE ANIMA – Digitale Edition & Analyse eines neu entdeckten jesuitischen Manuskripts: Das Wolfenbütteler Manuskript der jesuitischen Compendia der Philosophie, Theologie und Kosmologie in japanischer Übersetzung (ca. 1595)
Handschrift Nr. 1: Religionis Muhammedicae articuli et duae Confessiones arabice cum Malacensi intorpretatione. Handschrift Nr. 2: Cursus Theologicus et Philosophicus a Jesuitis descriptus, Lingua et Charactere Japonensi.
Papier — 426 Bl. — 25 × 16–17 cm — ca. 1595 bis 1650
Moderne Bleistiftfoliierung: 1 – 426, oben rechts recto.
Der Einband ist aus Kalbpergament, mit durchgezogenen Bünden und rotem Farbschnitt. Er weist weiterhin keine Besonderheiten auf und kann ca. auf das 17. Jahrhundert datiert werden. Auf VS oberer Marginale ist eine handschriftliche Notiz zur Angabe der Seitenzahl in Römische Zahlen. Sie ist in schwarzer Tinte mit Unterstreichung und lautet "foll. XXX+CCCLXXXIV=CCCCXIV", welches in Arabischen Zahlen 30+384=414 ergibt. Die Zählung der 30 folia (60 Seiten) des Manuskriptes Nr. 1 stimmt mit der heutigen Zählung überein. Die Zählung des Manuskriptes Nr. 2 weicht jedoch mit 384 folia (768 Seiten) von der heutigen Zählung von 788 Seiten um 20 Seiten ab. Neuste Forschungsergebnisse belegen, dass Manuskript Nr. 1 und Nr. 2 zwei voneinander unabhängige kodikologische Einheiten darstellten und erst in der Herzog August Bibliothek zusammengebunden wurden. Das Vorsatzpapier auf HS trägt ein Wasserzeichen, das auf die Familie von Honrodt im Wasserschloss Veltheim (Ohe) hinweist. Sie wird als Besitzer von Papiermühlen ca. 1697 genannt (vgl. https://www.blogus.de/Pmnamen.html#H). Das Wasserzeichen weist somit darauf hin, dass beide Manuskripte in der Region der Herzog August Bibliothek, das heutige Niedersachsen, zusammengebunden wurden. Auch die Tatsache, dass der rote Farbschnitt des Manuskriptes Nr. 1 unvollständig ist, ist ein weiteres Indiz für die späteren Arbeiten am Einband in Wolfenbüttel: die Breite der Seiten des Manuskriptes Nr. 1 Breite ist 1 cm geringer, weshalb die rote Farbe nicht an die rechte Kante der Seiten heranreichte. Die Seitenkante ist dementsprechend allein an der oberen und unteren Kante mit roter Farbe geschmückt, während die Seiten des 1 cm breiteren Manuskriptes Nr. 2 den roten Farbschnitt an allen Kanten aufweisen.
Herkunft: Investigative Recherchen von Auktions- und Besitzkatalogen von Privatpersonen und Institutionen konnte Einblicke in die Provenienz und Datierung der Dokumente geben (vgl. : The Textual History of the Jesuit Compendia in Latin and Japanese as seen from the Newly Identified Manuscript at Herzog August Bibliothek, WolfenbüttelHistoria Scientiarum. Second Series: International Journal of the History of Science Society of Japan. 2023. Volume 32: 2; Seiten 63-87). Der Katalog Catalogus omnium librorum et manuscriptorum bibliothecae. . 1654. Hagae-Comitis: Sumptibus haeredum. 350. des Jahres 1654 dokumentiert, dass die Manuskripte in den Beständen des Adriaan Pauw (1585–1653) getrennt gelagert wurden. — Die Erstkatalogisierung ca. 1687-1688 beider Manuskripte zusammengebunden in einem Buch ist im Bücherradkatalog der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel BA I, 327, p. 6901 zu finden. Die Aquisierung und darauf folgende neue Bindung der Bücher kann daher auf ca. 1654 bis 1687 datiert werden. Die aufgeklebten Titelbeschreibungen auf f. 1r und f. 34v entsprechen den Einträgen in den Verkaufskatalogen und sind in einer Hand geschrieben. Es ist wahrscheinlich, dass sie aus einer Liste von Titeln o.ä. stammen, die im Handelsgeschäft geführt wurden, und nach Erwerb ausgeschnitten und auf die Blätter aufgeklebt wurden.
Nr. 2965.
I
Papier — 34 Bl. — 25 × 16 cm — unbekannt
Moderne Bleistiftfoliierung: 1 – 34, oben rechts recto. Insgesamt guter Erhaltungszustand. Geringe Gebrauchsspuren, insbesondere leichte Verschmutzungen und bräunliche Verfärbungen an den unteren äußeren Blattecken (Umblätterspuren). Keine Beeinträchtigung des Textes. Schriftraum: 8-15 × 8-10 cm einspaltig (Spalten max. 15 cm hoch und 10 cm breit), je nach Umfang der interlinearen Annotationen (Glossen) 8–14 Zeilen. VEs lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob die arabische Schrift und die interlinearen malaiischen Glossen von derselben Hand stammen; weitere Untersuchungen sind erforderlich. Das Medium ist schwarze Tinte.
f. 1r-30v Religionis Muhammedicae articuli et duae Confessiones arabice cum Malacensi intorpretatione. f. 27v-28r leer. f. 28v und f. 29r tragen den lateinischen Buchstaben "B" als Majuskel jeweils am oberen Rand der Seiten. Eventuell ist dies ein Hinweis auf den strukturellen Aufbau des Textes.
II
Japanisches Papier — 391 Bl. — 25 × 17 cm — ca. 1595 bis 1620
Der Papiertypus ist wohl als Japanisches Papier zu bestimmen. Das dichte, opake Erscheinungsbild der Papieroberfläche, und die Struktur der Fasern sprechen für die Pflanzenart Ganpi (Diplomorpha sikokiana) oder Mitsumata (Edgeworthia chrysantha). Mikroskopaufnahmen und Messwerte das Papiers der Handschrift wurden von Frau Katharina Mähler, Stellvertretende Leiterin der Stabsstelle Erhaltung und Restaurierung, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, mit einem Dino-Lite AM4113ZT angefertigt. Eine eingehende Analyse dieser bestätigt, dass die Eigenschaften der Fasern mit denen von Ganpi und Mitsumata übereinstimmen: Die Faserlänge liegt zwischen 3-5mm und die Enden der Fasern sind gerundet (vgl. . Washi-o kagaku-suru: seishi gijutsu, sen'i bunseki, bunkazei shūfuku 和紙を科学する : 製紙技術・繊維分析・文化財修復Bensei shuppan 勉誠出版. 2024. Seiten141-148. ; . Bunshoshi-no sen'i sosei oyobi tenryō-no kansatsu 文書紙の繊維組成及び填料の観察.Komonjo ryōshi ronsō 古文書料紙論叢 Bensei shuppan 勉誠出版. 2017. Seiten 747–762. ; . Komonjo-no kagaku: ryōshi-o fukuganteki-ni bunseki-suru 古文書の科学: 料紙を複眼的に分析する.Bungaku tsūshin 文学通信. 2023. Seite98). Eine gleichmäßige Dicke der Fasern wird von den genannten Autoren in der Forschung als Merkmal für das Ganpi-Papier benannt. Da die Dicke der Fasern des vorliegenden Manuskriptes eher als ungleichmäßig zu beurteilen ist, erscheint die Verwendung von Mitsumata als wahrscheinlich. Darüber hinaus sind auf der Papieroberfläche weitere pflanzliche Fasern im Erscheinungsbild zu beobachten: (1) längliche hellbraune Fasern, bspw. auf f. 87r, 282v und 411r; und (2) runde dunkelbraune Fasern, bspw. auf f. 87r. Vermutlich handelt es sich bei diesen gröberen Fasern um Verunreinigungen während der Fasergewinnung, die beim Schöpfvorgang nicht entfernt worden sind. Für das ansonsten sehr feine und edle Ganpi-Papier sind solche Verunreinigungen jedoch eher als untypisch zu bewerten, welches ebenfalls für Mitsumata-Papier spricht. Bisher ist die biologische Klassifikation dieser Fasern noch nicht abgeschlossen. Weiterführende Untersuchungen sind notwendig. Die Dicke des Papieres liegt zwischen 0,08mm bis 0,14mm. Moderne Bleistiftfoliierung: 35 – 426, oben rechts recto. Zählfehler: f. 342v als 343 gez. Zwei Maniculae am Ende von f. 150r und zu Beginn von f. 151r, sowie zu Beginn von f. 342v und am Ende von f. 343r zeigen jeweils an, dass die Seiten in umgekehrter Reihenfolge zu lesen sind. Vorderes und hinteres Vorsatzblatt ungez. f. 423v, trägt obwohl es auf f. 423 recto entsprechend in Bleistift korrekt gezählt wurde, auf der verso Seite die Angabe "384" in der oberen linken Marginalie, nun jedoch nicht von links nach rechts, sondern von unten nach oben gelesen. Gut erhalten. Leichte, lokal begrenzte Insektenfraßschäden sowie vereinzelt Insektenspuren zwischen den Blättern. Rasuren zur Korrektur von Text durch die zeitgenössischen Schreiber führten stellenweise zu einer Schwächung des Papiers. Im Extremfall kann eine Rasur zu einem Loch in der Papieroberfläche führen, wie beispielsweise auf f. 43r zu sehen. Partielles Durchscheinen der Versoseite. Der Schriftraum ist einspaltig angelegt und umfasst in der Regel 15 Zeilen. Von f. 35r bis f. 90v, von f. 99r bis f. 380r, und von f. 381r bis f. 423v sind 15 Zeilen vorhanden; auf den f. 91r bis f. 98v hingegen nur 13 Zeilen. Ausnahmen bilden f. 39v, f. 102v, f. 348r, f. 348v, mit 16 Zeilen. Das 16 spalitige Layout auf f. 39v bietet Raum für ein Diagramm. Die Maße des Schriftraumes liegen zwischen 20-24 × 15-16 cm Eine eingehende Handschriftenanalyse identifizierte zwei Hände. Hand 1: f. 31r-380r und f. 393r-423v; Hand 2: f. 381r-392v. Marginalien sind in Menge und Diversität im ersten Teil, De Anima, besonders ausgeprägt: Insgesamt gibt es in diesem anfänglichen Teil des Manuskriptes 104 Marginalien, davon sind 84 in Latein (82 in Lateinschrift, 2 in griechischer Schrift), 17 in Japanisch (14 in japanischer, 2 in lateinischer, und 1 in griechischer Schrift) und 3 Marginalien sind bilingual (Lateinisch und Japanisch) im lateinischen Alphabet. Im zweiten Teil, De Theologia, gibt es insgesamt 40 Marginalien in Latein, 42 in Japanisch in japanischer Schrift, 12 in Japanisch in lateinischer Schrift, und 2 in Lateinisch und Japanisch. Im dritten Teil, De Sphaera, gibt es keine lateinischen Marginalien, sondern allein 5 japanische Marginalien auf f. 391r, f. 410r, f. 413r, f. 414v und f. 416r, die Ergänzungen zum Haupttext darstellen. Marginalien werden am oberen Seitenrand möglichst nah an der betreffenden Zeile gesetzt. Nur bei Platzmangel in De Theologia. kann sich der Text bis in den Raum der Marginalie des linken Seitenrandes auf f. 203v und f. 360r erstrecken. Die Mehrheit der Marginalien in allen drei Teilen weist Symbole (sogenannte signes-de-renvoi) auf, welche die konkrete Position der Einfügung im Haupttext und die entsprechende Marginalie anzeigen. Die Diversität der Symbole nimmt parallel zur Häufigkeit ab: In De Anima. kann bei gehäuften Verlinkungen von Textstelle und Marginalien neben dem Kreis, der höchst frequenten, universellen Markierung, zudem mit schwarzer Tinte gefüllte Kreise (vgl. f. 59v), 1 bis 2 Zusatzstrichen an dem Kreis (vgl. f. 55v, f. 43r), ein Asterisk (vgl. f. 43r), oder ein Kreuz (vgl. f. 45r) verwendet werden. Im folgenden Teil De Theologia. werden neben dem Kreis selten Kreise mit einem durchgezogenen Strich verwendet. Im letzten Teil, De Sphaera, treten nur Kreise auf. f. 380v leer. Trennt den zweiten Teil De Theologia vom dritten Teil De Sphaera. Zudem f. 264v leer vor Beginn §1 im Kapitel 11, Traktat 4, Part 1 von De Theologia. Verzierte geschwungene Verschriftung der Abschlussformel Finis Laus DEO & Virgini M.[ari]æ mit Ornamenten in schwarzer Tinte, welche explizit den dritten Teil De Sphaera. als finalen Teil der Compendia. auf f. 423v auszeichnet. Für einen speziellen Abschnitt des Textes wurde ein besonderer Verschriftungsstil gewählt: Auf f. 164r ist das Apostolisches Glaubensbekenntnis (lat. Symbolum Apostolorum.) in geschwungenen Lettern in Latein festgehalten. Diese Version des christlichen Glaubensbekenntnisses wird auf f. 164v mit dem Nicaeno-Constantinopolitaische Glaubensbekenntnis komplementiert. Sie stellen die größten Textmengen an zusammenhängenden lateinischen Texten in den Compendia. dar.
f. 31r-425v (f. 35r-90v) De Anima. Teil 1 thematisiert die Schrift De Anima, die Seelenlehre von Aristoteles. (f. 91r-380r) De Theologia. Teil 2 führt in die christliche Theologie ein, wie sie im zeitgenössisch vom Trienter Konzil im Catechismus Romanus des Jahres 1566 vertreten wurde. (f. 381r-423v) De Sphaera. Teil 3 vermittelt Kosmologie nach den Lehren des Claudius Ptolemäus und Aristoteles. Zentral ist das geozentrische Weltbild und die Vier-Elemente-Lehre. Als der Autor des zweiten Teiles, De Theologia wird der Spanische Jesuit (1533/35–1600) und als Übersetzer der Spanische Jesuit Pedro Ramón (ca. 1549–1611)in dem einzigen weiteren Textzeugen der Compendia, dem Ms. 228. Magdalen College Oxford, genannt. Externe Quellen weisen zudem darauf hin, dass auch (Co-)Autor des ersten Teiles, De Anima war. Das hier beschriebene Manuskript nennt für den dritten Teil De Sphaera den Jesuiten (ca. 1562–1639) als Kompilierer. Insgesamt gibt es 31 Federzeichnungen in schwarzer Tinte. Auf f. 383r, 389v, 390v, 397v, 398v, 402v, 404r, 404v, 405v, 406r, 418r, 420v und 422r sind geometrische, figürliche und gegenständliche Abbildungen zur Vermittlung von Kosmologie basierend auf Claudius Ptolemäus und Aristoteles. Lateinische Beschriftungen der Illustrationen sind auf f. 400r, 400v, 401v und 418r zu finden. Darüber hinaus gibt es die seltene Besonderheit von lateinische Beschriftungen der Abbildungen in lateinischer und griechischer Schrift auf f. 386v und 388r. Zusätzlich sind zur visuellen Unterteilung von Teilen und (Unter-)Kapiteln zu Beginn oder Ende von strukturellen Texteinheiten auf f. 164v und f. 423v Ornamente in schwarzer Tinte zu finden. Edition des einzigen weiteren unvollständigen Textzeugen der Compendia, Oxford, Magdalen College, Ms. 228: Iezusukai nihon korejio-no kōgi yōkō. イエズス会日本コレジヨの講義要綱. Kyōbunkan 教文館 1997–1999 Literatur: : The Textual History of the Jesuit Compendia in Latin and Japanese as seen from the Newly Identified Manuscript at Herzog August Bibliothek, WolfenbüttelHistoria Scientiarum. Second Series: International Journal of the History of Science Society of Japan2023. Volume 32: 2; Seiten 63-87 : The Discovery and Significance of Sufera no nukigaki (Selection on the Sphere), a Jesuit Cosmology Textbook in Japanese TranslationHistoria Scientiarum. Second Series: International Journal of the History of Science Society of Japan 2023. Volume 32: 2; Seiten 88–116
Abgekürzt zitierte Literatur
| O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, ND Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Die alte Reihe 1–3) |
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes DE ANIMA – Digitale Edition & Analyse eines neu entdeckten jesuitischen Manuskripts: Das Wolfenbütteler Manuskript der jesuitischen Compendia der Philosophie, Theologie und Kosmologie in japanischer Übersetzung (ca. 1595).