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Beschreibung von Cod. Guelf. 72 Gud. lat.
(Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung))

Sammelhandschrift

Augsburg, Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra — 11. Jh., 1. und 2. Hälfte

Provenienz: Auf 1r und 52r der Besitzeintrag des Augsburger Gründungsabtes Reginbald des II. von Dillingen S. AFRE (oben) und REGINB̄ (unten). Auf dem vorderen Spiegel der Eintrag BOETI DE GEOMETRIÆ ARTE (auf dem Kopf; 10./11. Jh.). Der beschriftete Pergamentstreifen und der verwendete Blütenstempel auf dem Vorderdeckel bezeugen ebenfalls die Herkunft aus dem Augsburger Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra (Merkmale der Klosterbibliothek im 15. Jahrhundert; vgl. Hörberg, 54). In Augsburg wurde die Handschrift zusammen mit weiteren Codices (Cod. Guelf. 125 Gud. lat., Cod. Guelf. 334 Gud. lat., Cod. Guelf. 335 Gud. lat.) von Bernhard Rottendorf erworben und gelangten über ihn in die Sammlung und von dort 1710 in den Besitz der Herzog August Bibliothek (zur Sammlung Gude in Wolfenbüttel vgl.Lesser Ornamentum, 445–516).

Pergament — 87 Bl. — 28,5 × 25,5 cm

Lagen: IV (8). III (14). IV+2 (24). IV+1 (33). V (43). 5 IV (83). II (87).

Weißer Schweinsledereinband (15./16. Jh.). Streicheisenlinienenverzierung und Stempel mit einfachen Kreuz- und Vierpassblüten (Blüte, Vierblatt, ohne Zwischenblätter: EBDB s002043; Dublette zu EBDB s009609 - Cod. Guelf. 268 Gud. lat. und auch Cod. Guelf. 325 Gud. lat.). Vorne ein Pergamentstreifen mit der Aufschrift Musica Boecij et enkyriades / Ottonis: item scholia ottonis / in enchiriadem suam: (gotische Textura) und zwei Bibliothekssignaturen, eine in Rot (unleserlich) und eine schwarze 5. 135 (15. Jh.). Eine Schließe.

STIL UND EINORDNUNG

Hoffmann gelang der paläographische Nachweis, dass die vorliegende Sammelhandschrift (Teil A und Teil B) von Schreibern aus dem Umfeld des Tegernseer Schreibers Froumund (um 960–1006/12) zu Beginn des 11. Jh. geschrieben wurde (Hoffmann Buchkunst, 439; zu Froumund vgl. G. Sporbeck, Froumund von Tegernsee [um 960–1006/12] als Literat und Lehrer, in: Kaiserin Theophanu. Begegnung des Ostens und Westens um die Wende des ersten Jahrtausends, hrsg. von A. von Euw und P. Schreiner, Köln 1991, Bd. 1, 369–378). Die Handschrift beinhaltet zu Beginn beider Teile jeweils den Besitzeintrag des Augsburger Gründungsabtes Reginbald, der in weiteren Handschriften durch Einträge belegt ist (München, BSB, Clm 4414, 61r; Augsburg, Archiv des Bistums, Hs. K 13, 2r; Kiel, UB, Ms. 145, 4rv; Zusammenstellung der Handschriften bei Hörberg, 50–55). Die Reginbald-Einträge in der Wolfenbütteler Handschrift bezeugen, dass sich beide Teile, die eventuell zuerst als eigenständige Bände geplant oder angelegt worden sind, im Besitz des Abtes von St. Ulrich und Afra Reginbald (amt. ca. 1006–1029) in Augsburg befunden haben, also bereits sehr früh nach der Niederschrift dorthin gelangt sein müssen. Den Kontakt beider Gelehrter, Froumund und Reginbald, bezeugt ein Briefwechsel; zudem ist davon auszugehen, dass Reginbald ein ehemaliger Tegernseer Klosterschüler gewesen ist und von dort aus an der Gründung des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg beteiligt war (zur Korrespondenz des Mönches Froumund von Tegernsee vgl. (Hörberg, 195–204; Klemm Ill. Hss. 2, 112–114). Die Ausstattung der Handschrift zeigt zwei unterschiedliche Initialstile, die von zwei Händen herrühren (beide in Teil A der Handschrift). Sie zeigen keinerlei Parallelen zur Ausstattung von Tegernseer Handschriften aus dem frühen 11. Jh. (es fehlen das verlängerte mittige Blatt und die in Tegernsee beliebten Trifolien; Zusammenstellung der Tegernseer Handschriften bei Klemm Ill. Hss. 2, Nr. 88–97). Die in der Wolfenbütteler Handschrift vorhandenen, auffälligen Kerne oder Kreisverzierungen der Knollen und Blattenden sind, wie von E. Klemm beschrieben, Merkmale der Buchmalerei aus dem Augsburger Raum, jedoch erst im 12.-13. Jh. (vgl. Klemm Ill. Hss. 3,2, Nr. 172). In den Handschriften aus dieser Region findet sich ergänzend die in 72 Gud. lat. vorhandene, breite Palette an Blatt- und Blütenformen, insbesondere zahlreiche Varianten des Herzblattes (vgl. München, BSB, Clm 4317, vermutlich Augsburg, um 1140; Klemm Ill. Hss. 3,2, Nr. 177, Abb. 341). Für das 11. Jh. ist in Augsburg eine Malerschule nicht mit eindeutiger Sicherheit nachweisbar (Berschin mit Gegenargumenten, Klemm mit Argumenten dafür, vgl. W. Berschin, Gab es eine Augsburger Buchmalerschule des 11. Jahrhunderts?, in: Herrschaft, Kirche, Kultur. Beitrag zur Geschichte des Mittelalters, Festschrift für F. Prinz zu seinem 65. Geburtstag, hrsg. von G. Jenal, Stuttgart 1993 [Monographien zur Geschichte des Mittelalters 37], 492–504; Klemm Ill. Hss. 2, 191). Das von Klemm nach Augsburg lokalisierte Donaueschinger Sakramentar zeigt im Initialornament mit der Wolfenbütteler Handschrift keine Verwandtschaft (München, BSB, Clm 30040, vermutlich Augsburg, 11. Jh., 2. Viertel; Klemm Ill. Hss. 2, Nr. 183, Abb. 360–369 - hier andere Knollenblätter und schlankere Ranken). Die 2. Hand der Wolfenbütteler Handschrift besitzt im Besatz ein etwas weiter entwickeltes Formenspektrum als die 1. Hand, deren Repertoire sich weitestgehend auf die Knollenblattranke beschränkt. Beide Initialtypen dürften in der Handschrift, die in Tegernsee geschrieben wurde, im 11. Jh. in Augsburg nachgetragen worden sein (Hand A, 11. Jh., 1. Hälfte; Hand B, 11. Jh., 2. Hälfte).

Wolfenbüttel Gud., Nr. 4376. — Hörberg, 28, 42, 53–55, 77, 87, 131–141, 151f., 168, 170f., 224, 231. — Musikalischer Lustgarten, Nr. III.3, 43–44 (A. Roth, und M. Staehlin). — Hoffmann Buchkunst, 438–439. — Krämer, Bd. 1,1.2, 42. — Hoffmann Schreibschulen Südwesten, 23, 38–39. — Divina officia, Nr. 82 (W. Hirschmann). — Verklingend und ewig, Nr. 2.1, 105–107 (S. Limbeck, und I. Knoth).

A

Augsburg, Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra / Tegernsee — 11. Jh., Anfang

Schriftraum: 21,2 × 18 cm, einspaltig, 31 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Hand A: 1r–32r Z. 3, Z. 11-Z. 14, linke Spalte Z. 29, rechte Spalte Z. 30; 32v; 34r; 40r–50r Z. 7; 38v (?). Hand B: 32r Z. 4–11, Z. 14-linke Spalte Z. 28, rechte Spalte Z. 31–34. Hand C: 33r–v. Hand D: 50r Z. 8–23. Hand E: 50v. Hand F: 51r–51v Z. 11. Hand G: 51v Z. 12–20. Hand A eventuell identisch mit Hand A des zweiten Teils. Sämtliche Hände aus dem Umkreis des Tegernseer Schreibers Froumund. Hoffmann Buchkunst, 439. Nachträge (Augsburger Hände): Hand A: 50r Z. 8–23 (1020/1030). Hand B: 50v (11. Jh., 2. Viertel). Hand C: 51r–51v Z. 11. Hand E: 51v Z. 12–20 (11. Jh., zweite Hälfte?). Hoffmann Schreibschulen Südwesten, 38. Buchbeginn in Anschluss an die Initiale in Capitalis Quadrata und anschließend in Capitalis Rustica. Rubrizierte Buchzählungen und Buchanfänge, letztere in Capitalis Rustica. Textanfänge mit randständigen 2–3zeiligen Initialmajuskeln. In den Text eingefügt zahlreiche, mit roter Feder gezeichnete Diagramme mit Überfangbögen (21r–31r), Schemata und Tabellen (38v–39r doppelseitig).

INHALT

1r–50r Anicius Manlius Severinus Boethius: De institutione musica (PL 63, 1167ff.; Boèce. Traité de la musique, hrsg. von C. Meyer, Turnhout 2004). 50r Carmen 16 Verse (Schaller/Könsgen 13213; MGH Poetae 5,1 522 Nr. 41). 50v–51v Notker Labeo: De mensura fistularum organicarum institutio (Die Schriften Notkers und seiner Schule, hrsg. von P. Piper, Freiburg 1882–1883, 857ff.; K.-J. Sachs, Mensura fistularum, Stuttgart 1970, 41 und 98f.). 51r–51v Descriptio monochordi (Scriptores Ecclesiastici 1, 103; Schmidt Musica, 179–181; L.C. Meyer, Mensura monochordi, Paris 1996, CXVII und 241–243). 51v Decem nomina dei.

AUSSTATTUNG

3 Initialen.

Initialen: Zu Anfang des ersten Teils 3 Spaltleisteninitialen von zwei verschiedenen Händen. Hand 1: 1r und Hand 2: 2v, 3r; 2,5–7 cm. Die Initiale von Hand 1 mit breit gespaltenem Initialstamm, die innere Leiste in Schlaufen verlaufend, unten von einer abgerundeten Spange gehalten. Vom Initialstamm abgehend Knollenrankenverläufe, die in der Mitte des Binnenfeldes einen Flechtknoten bilden. Gabelungen der Ranken mit gestauchten Ansätzen. Als Besatz des Flechtbandes und als Rankenendungen gekernte Knollen und Profilblätter. Die Initialen von Hand 2 von etwas geringerer Qualität. Initialstämme gehalten durch kleine genagelte Spangen. In den Binnenfeldern unregelmäßig verlaufende Ranken. Als Besatz Knollenblätter, Kelchblüten sowie Profil- und Herzblätter. Blüten- und Blattenden mit Augenbesatz.

Farben: Die Initiale von Hand 1 in roter Federzeichnung; der Binnengrund dunkelblau, das Initialfeld dunkelgrün hinterlegt. Beide Initialen der zweiten Hand ausschließlich in tintenfarbiger Federzeichnung.

B

Tegernsee — 11. Jh., Anfang

Schriftraum: 22 × 17,5 cm, einspaltig, 35 Zeilen. Karolingische Minuskel von zwei Händen. Hand A: 52r–54v Z. 17; 55r–87r. Hand B: 54v Z. 18–35. Hand A eventuell identisch mit Hand A des ersten Teils. Hoffmann Buchkunst, 439. Textanfang in rubrizierter Capitalis Quadrata, Buchstaben teils grün hinterlegt. Im Text teils farbig (grün, hellrot, gelb) hinterlegte Schemata, Diagramme und Tabellen. Auf 52r Textbeginn mit einbeschriebener, kolorierter Säulendarstellung. Textanfänge in rubrizierter Capitalis Rustica, beginnend mit 2–3zeiligen, häufig rubrizierten Initialmajuskeln. Hervorgehobene Textabschnitte rubriziert.

INHALT

52r–82r Hoger von Werden: Musica enchiriadas et Scolica enchiriadas (CALMA 6, 218–219; Schmidt Musica, 3–156). 82v–87r Commemoratio brevis de tonis psalmis modulandis (Schmidt Musica, 157–178; vgl. auch Musica enchiriadis, Lat. und Deutsch, übers. und grsg. von P. Weber, Paderborn 2016). 87v Litterae Noeane s. Noeaci cum notis musicis (Scriptores Ecclesiastici 1, 229; Musica enchiriadis. Lateinisch und Deutsch, übersetzt und herausgegeben von P. Weber, Paderborn 2016).


Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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