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Beschreibung von Cod. Guelf. 721 Helmst.
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil V: Cod. Guelf. 616 bis 927 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser (in Vorbereitung).
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung
Handschriftentitel: Gerardus de Zutphania. Actus beati Francisci et sociorum eius
Entstehungsort: Northeim, Benediktinerkloster St. Blasius
Entstehungszeit: 15. Jh., Mitte
Katalognummer: Heinemann-Nr. 785
Beschreibstoff:
Umfang: 203 Bl.
Format: 21 × 14,5 cm
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 1205, Zählfehler: Bl. 128 und 129 übersprungen. Auf Bl. 5r–107r zusätzlich zeitgenössische Tintenfoliierung in römischen Zahlen: ICVII. In den beiden Texten separate Kustoden in arabischen Ziffern auf dem Kopfsteg der ersten Rectoseite der Lagen, und zwar beim ersten Text innen (19, Bl. 1–107), beim zweiten Text außen 18, Bl. 108–203).
Lagenstruktur: 8 VI (96). VI–1 (107). 4 VI (157)! V (167). 3 VI (203). IV–6 (205).
Seiteneinrichtung: 15–16 × 9–10 cm, einspaltig, 27–30 Zeilen.
Hände: Jüngere gotische Kursive von einer Hand.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:

Rubriziert, rote Lombarden.

Einband: Spätgotischer Holzdeckelband mit ungefärbtem, jetzt gebräuntem Schweinslederbezug; die Deckel sind an den Kanten mit einer breiten Fase versehen. Streicheisenlinien. Einzelstempel Adler heraldisch, einköpfig: EBDB s000074. Lilie, Mittelblatt rhombisch, unterer Abschluss nicht lilienförmig: EBDB s005854. Rosette, ein Blattkranz, fünfblättrig: EBDB s006617, s006645. Sämtlich der Werkstatt "Pelikan 50/51" (EBDB w000255) zugeordnet. Stern, sechsstrahlig: EBDB s008831. Der Werkstatt "Pelikan 52" (EBDB w000979) zugeschrieben; beide Werkstätten gehören ins Northeimer Blasiuskloster. Drei Doppelbünde, dazwischen alternierend zwei einfache Zierbünde ohne Heftfunktion. Kapital an Kopf und Schwanz mit ungefärbten Lederstreifen umflochten. Zwei Langriemenschließen, Ösen am Rand fein gezähnt und am oberen Ende gewellt, mit zwei Zierlöchern und einer Öse für die aus geflochtenen Ledertroddeln bestehenden Zugriemen. Auf VD und HD finden sich jeweils fünf aus einer rhombischen, randlich gekerbten Platte getriebene Hohlbuckel. Zu weiteren ähnlichen Einbänden aus dem Benediktinerkloster St. Blasius in Northeim vgl. die Liste bei Cod. Guelf. 695 Helmst. Auf dem VD beschädigtes Signaturschild (Papier, 5 × 2 cm) der Konventsbibliothek Clus mit der braunen Aufschrift: R VI wie bei Cod. Guelf. 389 Helmst., 430 Helmst., 434 Helmst. und 803 Helmst.
Entstehung der Handschrift: Der Codex wurde um 1450 nach Ausweis des charakteristischen Einbandes im Benediktinerkloster St. Blasius in Northeim geschrieben und gehört zu einer Gruppe von Hss. volkssprachlichen Inhalts, vgl. Lesser Clus, 199.
Provenienz der Handschrift:
  • Er befand sich zunächst im Besitz des wohlhabenden und einflussreichen Johannes Buxtehude, der zwischen 1446 und 1460 als Donate ins Benediktinerkloster Clus eingetreten war, vgl. Herbst Klus, 36 und 73; Goetting 2, 215f., 245, 273 und 301. Der entsprechende Besitzvermerk befindet sich auf dem VS: Dut bok is Johannis Boxstehuden. Ein wohl ebenfalls von ihm stammender Besitzvermerk findet sich auf dem Fragment Cod. Guelf. 404.6 Novi (20), das zu einer nach Northeim gelangten Mainzer Hs. gehörte, vgl. dazu bei Cod. Guelf. 887 Helmst. Ob dies darauf schließen lässt, dass Johannes Buxtehude vor seinem Eintritt in Clus im Northeimer Blasiuskloster gelebt hat oder lediglich über enge Verbindungen dorthin verfügte, kann nicht mehr entschieden werden.
  • Als Schenkung Buxtehudes gelangte der Codex zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich vor seinem Umzug ins Kloster Reinhausen, in die Cluser Konventsbibliothek, vgl. den entsprechenden Besitzvermerk auf dem VS: Dut boek horet to der Clues. Über dem Besitzvermerk befindet sich auf einem separat eingeklebten Papierzettel der schwarze, mit roten Punkturen verzierte Majuskelbuchstabe E; ob er als besonderer Kennzeichnung oder Signatur gedient hat, ist unbekannt.
Erwerb der Handschrift: Am 3.2.1624 mit einem Großteil der Buchbestände des Konvents in die Universitätsbibliothek Helmstedt überführt. 1644 in deren Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 17r) als De virtutibus et vitiis tractatus, linguâ Saxonicâ. Vita sancti Francisci et sociorum ejus unter den Theologici MSSti in quarto beschrieben; im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 681 aufgeführt.
Hauptsprache: Schreibsprache: Mittelniederdeutsch (ostfälisch).
Inhalt:
  1. 1r–107r Gerardus de Zutphania: De spiritualibus ascensionibus (mnd.).
    • (1r–5r) Register. Van vif puncten de de iene de hir inne vort gan willen notdorftich sin … — … Van deme dridden nedderstigende dar eyn ouerste van not inne mot nedderstigen vmme bewaringhe vnde sorchvoldicheyd der iene de ome bevolen sint. Die nachträglich beigegebenen Zahlen beziehen sich auf die von der gleichen Hand nachträglich hinzugefügte Foliierung.
    • (5r–107r) Text. >Van vif puncten de dar ieneme not sin de hir inne vortgan willen<. Salich is de man des hulpe de here is he heft dat vpstigen in sinen herte gheschicket in den dal der trene in de stede de he gheschicket hefft [Ps 83,6]. Minsche ek hebbe bekant dat du sterkliken begherest vp to stigende … — … To deme seuende male gheliker wijs also de licham mid sinen laste vnde bordenen den minschen nedder drucket also plecht dat hantwerk vakene beweghelicheyd des … (Text bricht ab). Die Kapitelgliederung entspricht der lat. Fassung; der Schluss von cap. 67 sowie die cap. 68–70 fehlen.
    Es handelt sich um eine nicht direkt aus dem Lateinischen übersetzte, sondern aus dem Mittelniederländischen ins Mittelniederdeutsche transponierte Fassung von Zerbolts Text.
    Ausgaben
    • RETM G1640-40/5–40/155;
    • Gérard Zerbolt de Zutphen, La montée du cœur (= De spiritualibus ascensionibus), éd. critique et trad. par F. J. Legrand, Turnhout 2006 (Sous la règle de Saint Augustin 11), $–$ (lat. Text);
    • Gerard Zerbolt van Zutphen: Geestelijke opklimmingen. Een gids voor de geestelijke weg uit de vroege Moderne Devotie, vertaald, ingeleid en toegelicht door R.Th.M. van Dijk, Amsterdam 2011 (Bibliotheca Dissidentium Neerlandicorum 8).
    Literatur
    • J. T. M. M. van Rooij, Gerard Zerbolt van Zutphen, Bd. 1: Leven en geschriften, Nijmegen u. a. 1936, 283 und 313–322 (zur volkssprachigen Überlieferung, ohne Kenntnis dieser Hs.);
    • Deutsche Philologie im Aufriss, unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter hrsg. von W. Stammler, Bd. 2, Berlin2 1960, 961f. (Hs. genannt);
    • Schlusemann, 86 Nr. G003D4 (diese Hs.);
    • 2VL 10, 1537–1541;
    • CALMA 4, 303f. Nr. 3.
    – 107v leer.
  2. 108r–205v Actus beati Francisci et sociorum eius (mnd.). Dut sint de namen van sunte Franciscus ghesellen de erste van hem geropen waren totter orden: De erste was Franciscus suluen van gode gheropen de andere broder Bernhart van Asiis gheborn … To deme ersten schulle wy weten dat de hilge man Franciscus in velen punten gheliken was vnsem heren Ihesu Christo … — … Des mote sin ghebenediget de sine creaturen vorsten kan in dusser tyd vnde in ewicheyd Amen.
    Textgeschichte: Gehört zur Textfassung A. Es handelt sich vermutlich wie oben um eine nicht direkt aus dem Lateinischen übersetzte, sondern aus dem Mittelniederländischen ins Mittelniederdeutsche transponierte Fassung des weit verbreiteten Textes.
    Ausgaben
    • Actus beati Francisci et sociorum eius, hrsg. von P. Sabatier, Paris 1902 (Collection d'ẻtudes et de documents sur l'histoire réligieuse et littéraire du Moyen-âge 4), 1–220;
    • Die capittelen vanden ghesellen sancti Francisci, in't licht gegeven door P. Fr. St. Schoutens, Antwerpen 1904.
    Literatur
    • BHL 3119b;
    • de Kok, 457 (Hs. genannt);
    • Kruitwagen, 184 (Nr. 40 Hs. genannt);
    • Clasen/Gurp, 466f. (Hs. genannt);
    • Clasen, 166 (Hs. genannt);
    • J. Deschamps, Middelnederlandse vertalingen van Levens en Legenden van de H. Franciscus van Assisi. Handschriften en drukken, in: Franciscana 31 (1976), 59–73 (66 Hs. genannt);
    • Honemann Schrifttum, 623f. (Hs. genannt).
    • 2VL 2, 845–847.
Bibliographie
Handschriftenteil: Pergamentfalze
Entstehungsort: Mainz
Entstehungszeit: 14./15. Jh.
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 2 Streifen
Format: 4 × 21 cm
Zustand: Teile von zwei Doppelbl.; die beiden Pergamentstreifen sind als Heftverstärkung um die erste bzw. letzte Lage gehängt und mit dem VD bzw. HD verklebt. Auf dem VS ist nur ein Notensystem, auf dem HS eine notierte Textzeile erhalten.
Hände: Textualis von einer Hand.
Musiknotationen: Über jeder Textzeile ein fünfliniges Notensystem mit c-Schlüssel und gotischer Hufnagelnotation.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Erhalten ist eine Cadelle.
Inhalt:
1. VS, HS Antiphonale (Proprium de sanctis). Enthält den Beginn der Antiphona super Benedictus in festo sancti Albani martyris (21.6.): Angelice plebis comitatur pompa cele[bris] Das aus dem Benediktinerkloster St. Alban vor Mainz überlieferte Sonderoffizium ist gedruckt in: J. G. Reuter, Albansgulden oder kurze Geschichte des Ritterstiftes zum heil. Alban bey Mainz von dessen ersten Stiftung an als Abtey bis auf seine jetzige Verfassung, mit Nachrichten von desselben Münzrechte, Mainz 1790, 240–250 Nr. XLI, hier 248.
Handschriftenteil: HS
Entstehungsort: Norddeutschland
Entstehungszeit: 14./15. Jh.
Beschreibstoff: Papier
Umfang: 1 Bl.
Format: 21 × 10 cm
Seiteneinrichtung: 15 × 8 cm (beschnitten), einspaltig, 12 Zeilen erhalten.
Hände: Bastarda von einer Hand.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Keinerlei Buchschmuck.
Inhalt:
1. HS Alexander de Villa Dei: Doctrinale. Enthalten sind die Verse 1432–1443 nach folgender Ausgabe: Reichling Doctrinale, 91f. Zu weiteren Ausgaben, zur Parallelüberlieferung des Haupttextes und zur Literatur vgl. Cod. Guelf. 625 Helmst., 1r–48r.

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
BHL Bibliotheca hagiographica Latina antiquae et mediae aetatis, 2 Bde., ed. Socii Bollandini, Bruxelles 1898–1901 (Subsidia hagiographica 6), Bd. 3: Supplementi editio altera, Bruxelles 1911 (Subsidia hagiographica 12)
CALMA C.A.L.M.A. Compendium auctorum latinorum medii aevi, hrsg. von M. Lapidge u. a., Bd. 1–, Firenze 1999–
Clasen S. Clasen, Legenda antiqua Sancti Francisci. Untersuchung über die nachbonaventurianischen Franziskusquellen, Legenda trium Sociorum, Speculum perfectionis, Actus B. Francisci et sociorum eius und verwandtes Schrifttum, Leiden 1967 (Studia et documenta Franciscana 5)
Clasen/Gurp S. Clasen, J. van Gurp, Nachbonaventurianische Franziskusquellen in niederländischen und deutschen Handschriften des Mittelalters, in: Archivum Franciscanum Historicum 49 (1956), 434–482
de Kok D. de Kok, Les études franciscaines en Hollande depuis 1894. (Notes bibliographiques et critiques), in: Archivum Franciscanum Historicum 5 (1912), 448–458 und 652–662
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
Goetting 2 H. Goetting, Das Bistum Hildesheim, Bd. 2: Das Benediktiner(innen)kloster Brunshausen. Das Benediktinerinnenkloster St. Marien vor Gandersheim. Das Benediktinerkloster Clus. Das Franziskanerkloster Gandersheim, Berlin, New York 1974 (Germania Sacra N.F. 8)
Härtel Nachweis H. Härtel, Zum Nachweis der Bibel in niedersächsischen Klöstern, in: Deutsche Bibelübersetzungen des Mittelalters. Beiträge eines Kolloquiums im Deutschen Bibel-Archiv, hrsg. von N. Henkel und H. Reinitzer, Bern u. a. 1991 (Vestigia Bibliae 9/10), 76–96
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Herbst Klus H. Herbst, Das Benediktinerkloster Klus bei Gandersheim und die Bursfelder Reform, Leipzig, Berlin 1932 (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance 50)
Honemann Schrifttum V. Honemann, Das mittelalterliche Schrifttum der Franziskaner der Sächsischen Ordensprovinz unter besonderer Berücksichtigung deutschsprachiger Zeugnisse, in: Geschichte der Sächsischen Franziskaner-Provinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Reformation, hrsg. von Dems., Paderborn 2015, 603–730
Krämer S. Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, Bd. 1–3, München 1989–1990 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1)
Kruitwagen B. Kruitwagen, De middelnederlandsche handschriften over het leven van Sint Franciscus en zijn eerste gezellen, in: De Katholiek 28 (1905), 151–191
Lesser Clus B. Lesser, Die Benediktiner von Clus und ihre Bücher. Exemplarische Analyse und Rekonstruktion der Konventsbibliothek, in: Zentrum oder Peripherie? Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12.–15. Jahrhundert), hrsg. von M. E. Müller und J. Reiche, Wiesbaden 2017 (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 32), 165–228
Reichling Doctrinale Das Doctrinale des Alexander de Villa-Dei. Kritisch-exegetische Ausgabe mit Einleitung, Verzeichniss der Handschriften und Drucke nebst Registern, bearbeitet von D. Reichling, Berlin 1893 (Monumenta Germaniae paedagogica 12)
RETM Repertorium edierter Texte des Mittelalters aus dem Bereich der Philosophie und angrenzender Gebiete, 2. Aufl., hrsg. von R. Schönberger u. a., Bd. 1–4, Berlin 2011
Schlusemann R. Schlusemann, Niederländische Literatur bis 1550, Berlin, New York 2011 (Bibliographie der niederländischen Literatur in deutscher Übersetzung 1)
Stammler Mystik W. Stammler, Studien zur Geschichte der Mystik in Norddeutschland, in: Altdeutsche und altniderländische Mystik, hrsg. von K. Ruh, Darmstadt 1964 (Wege der Forschung 23), 386–436
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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