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Beschreibung von Cod. Guelf. 77 Weiss.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Prudentius Minor

Weißenburg, Benediktinerkloster — um 850

Provenienz: Vorsatzblatt verso Benediktinerkloster Weißenburg, Besitzvermerk: Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli apostolorum in Wissenburg. 2r Weißenburger Signaturenbuchstabe: .I. (14. Jh.). Die Handschrift gelangte über Heinrich Julius von Blum 1690 in den Besitz des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig. Wiener Liste 4° 8 (Butzmann Weißenburg, 3–18).

Pergament — 52 Bl. — 24 × 17 cm

Lagen: I Vorsatzblatt. 5 IV (43). 2 III (52). I Nachsatzblatt. Lagenbezeichnungen in römischen Zahlen am unteren Blattrand rechts. Verluste durch Blattbeschnitt. Erhalten sind die Bezeichnungen I, II und VI. Moderne Tintenfoliierung. Schriftraum: 17,5 × 12 cm, einspaltig, 24 Zeilen. Karolingische Minuskel von zwei Händen. Der Schreiber vom Haupttext wird durch weitere Hände ergänzt: Hand A: 1r Z. 1–13 (9. Jh.); Hand B: 1r Z. 14–18 (9. Jh.); Hand C: 50v Z. 1 (Ende 9. Jh.); Hand D: 50v Z. 1 (Ende 9. Jh.) und Hand E 50v Z. 5–51v identisch mit der Hand 62 Weiss., 99v (Händescheidung vgl. Hoffmann Schreibschulen Südwesten, Bd. 1, 316). Zahlreiche lateinische und althochdeutsche, interlineare und marginale Wortglossen, sowie Korrekturen und Nachträge. Nach W. Kleiber handelt es sich hierbei um die Hand Otfrids von Weißenburg, dem er auch die Auszeichnungsschrift auf 1v zuschreibt (vgl. Kleiber Otfrid von Weißenburg, 109–110). Incipit in roter Capitalis. Buchüberschriften in roter Capitalis rustica. Zu den Versanfängen 1,5–3zeilige, unverzierte, rote Initialen. Zu Beginn jeder Zeile eine rote Majuskel. 2r einleitend eine Textzierseite in tintenfarbiger Capitalis verziert mit zwei gestielten Herzblättern. Die Textanfänge in schwarzer Unzialis. Im Text vergrößerte 1–2zeilige Satzmajuskeln. Buchstaben hervorgehobener Satzanfänge farbig hinterlegt.

Roter Ledereinband (Nigerziegenleder; Neubindung 1968).

INHALT

1r Güterverzeichnis von Loganstein bei Weissenburg (Chevalier, 5220). 1v–49v Aurelius Prudentius Clemens: Prudentius Minor (zum Text vgl. W. Fels, Prudentius. Das Gesamtwerk, Stuttgart 2011 [Bibliothek der Mittellateinischen Literatur 9], 54–218). 1v–22v Prudentius: Liber Apotheosis (CPL 1439). 22v–25v Prudentius: Contra Symmachum. Praefatio und Buch 1 (CPL 1442). 25v–28r Prudentius: Liber Apotheosis (CPL 1439). 28r–49v Prudentius: Hamartigenia (CPL 1440). 1v–49v Lateinische und althochdeutsche Glossen (vgl. Steinmeyer/Sievers, 2, 386–387; Kleiber Otfrid von Weißenburg, 110). 50r–50v Carmen Quadam nocte niger dux candidus alter (Walther I, 14964; MGH Poetae, 4,3, 1119–1120). 50v–52r Carmina Wissenburgensia (Versus Ercanberti diaconi. Versus Ferdingi subdiaconi; Nachtrag, Ende 9. Jh.; vgl. Hoffmann Schreibschulen Südwesten, Bd. 1, 136; E. Dümmler, Weissenburger Gedichte, in: ZfdA 19 (1876), 115-118).

AUSSTATTUNG

1 einfache Initiale. 1 Zierinitiale. 1 Federzeichnung.

Federzeichnung: 52v Zeichnung/Skizze eines jugendlichen, männlichen Kopfes ausgeführt mit sicherer, kräftiger Linienführung (1,5 cm). Der Kopf ist in angedeuteter Dreiviertelansicht leicht nach rechts gewandt (vermutlich später hinzugefügt, 12.-13. Jh.?).

Initialen: 1v zum ersten Absatz der Apotheosis (De Trinitate), deren Text von Otfrids Hand stammt (vgl. Kleiber Otfrid von Weißenburg, 109–110), eine E-Initiale in schwarzer Federzeichnung mit kaum in Erscheinung tretenden Eck- und spitz zulaufenden Endverflechtungen (1v; 8,0 cm; Abb. 340). Als Füllmotive dienen Spiral- und Wirbelmotive, wobei die Spiralmotive von den Eckverflechtungen abzweigen und die Wirbelmotive flankieren (Sporangien). In den Hasten einbeschriebene Flechtbandfelder mit ausgesparter, kolorierter Bandführung. Die Eckgeflechte mit spiral- oder hakenförmigen Sporangien. Diese ersetzen auch die Hörner der Endverflechtungen. 1v zum Beginn der Vorrede eine in roter Federzeichnung angelegte E-Initiale mit axial gespiegeltem, fadenförmigem Flechtband im Binnenfeld (3,0 cm).

Farben: Grün, Rot und Gelb. 1v Binnenfeld und Geflecht in den Farben Gelb und Grün axial komplementär hinterlegt. Motive und Gründe der initialen in den Farben Grün, Gelb und Rot, in der Zusammenstellung mit harmonisch abgestimmten Kombinationen.

STIL UND EINORDNUNG

Das für den Unterricht bestimmte Lehrbuch (vgl. P. Carmassi, Litterae e scrittura nell'insegnamento della Grammatica in età altomedievale. Premesse teoretiche e aspetti pratici, in: Teaching Writing, Learning to Write. Proceedings of the XVIth Colloquium of the Comité International de Paléographie Latine, hrsg. von P. R. Robinson, London 2010, 37–60, Pl. 4.2 und 4.3) gilt, neben acht weiteren Weissenburger Handschriften (10 Weiss., 26 Weiss., 32 Weiss., 33 Weiss., 36 Weiss., 50 Weiss., 59 Weiss., 87 Weiss.) und dem Wiener Evangelienbuch mit seinen Einträgen (Wien, ÖNB, Cod. 2687; zur Handschrift vgl. Frankish Manuscripts, Nr. 81) als eines der Otfrid-Autographen (Zusammenstellung und paläographischer Nachweis bei Kleiber Otfrid von Weißenburg, 102–125, 133–135). Die Prudentius-Anthologie dürfte, ebenso wie die teilweise von Otfrid eigenhändig geschriebene Priscian-Handschrift 50 Weiss. in Weißenburg für den Unterricht des Triviums, speziell für den Unterricht in Grammatik/Rhetorik, gedient haben (vgl. Kleiber Otfrid von Weißenburg, 107–109). Die von Otfrid geschriebenen Zeilen zu Beginn und zum Ende der Handschrift stehen in festem Zusammenhang mit dem Haupttext und der Initialaussstattung des Unterrichtswerkes, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die Handschrift vollständig in Weißenburg, wo Otfrid als Schul- bzw. Skriptoriumsleiter tätig war (vgl. Kleiber Otfrid von Weißenburg, 131–160; Bergmann Literatur, 322–326), geschrieben und illuminiert wurde. Die Initialaustattung der Handschrift lässt sich nicht direkt mit der Buchmalerei des Weißenburger Skriptoriums um 800 und des ersten Drittels des 9. Jh. in Verbindung bringen, zeigt jedoch Ähnlichkeit zu der Ausstattung des im 2. Viertel des 9. Jh. in Weißenburg unter Fuldaer Einfluss entstandenen Evangeliars 61 Weiss. Hier sind es die Verwendung der insularen Wirbelräder, das in den Gelenk- und Endverflechtungen auftretende schwarze, fadenförmig geführte Flechtband und dessen sorgfältig, stark kontrastierend gewählte farbige Hinterlegung, sowie das als Füllmotiv verwendete, in Feldern eingefügte, ebenfalls in den Farben wechselnde bandförmige Flechtband. Die in beiden Handschriften gebrauchten, leuchtenden Farben Grün, Rot und Gelb (in 61 Weiss. ergänzt durch ein bräunliches Beige) vervollständigen das Bild. Die Zusammenstellung von größeren Zierinitialen und kleineren roten Federinitialen mit farbiger Hinterlegung begegnet ebenfalls in den später entstandenen Weißenburger apokryphen Apostelgeschichten 48 Weiss. Hier finden sich die auch in 77 Weiss. vorhandenen, spitz zulaufenden Endgeflechte. Die Heidelberger Otfrid-Handschrift zeigt die spiralartig aufgerollten Fädchen (Heidelberg, UB, Cod. Pal. lat. 52, Weißenburg, um 870, 8r; Kleiber/Hellgardt, Bd. 2, Teil 2, Taf. II). Im Initialstil ergeben sich zudem Parallelen zur frühen Sankt Galler Buchmalerei. St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 116, p. 348 (Sankt Gallen, 1. Drittel 9. Jh.; vgl. von Euw St. Gallen, Nr. 29, Abb. 80) zeigt, ebenso wie 77 Weiss., eine einlinige, bzw. fadenförmige Kontur- und Flechtbandführung, kontrastierende Farbgebung in der Schaft- und Flechtbandfüllung, farbig gefülltes Flechtband als Füllmotiv (vgl. p. 146 und 280; von Euw St. Gallen, Abb. 78, 79) und die Verwendung von Spiralmotiven und hakenförmig abstehenden Fädchen. Das insulare Wirbelmotiv ist ebenfalls aus St. Galler Handschriften bekannt (vgl. St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 20, Wolfcoz-Psalter, p. 65, p. 22 um 820–830; von Euw St. Gallen, Abb. 98, 101). Außerdem bestehen Ähnlichkeiten zur Fuldaer Buchmalerei aus der Zeit des Abtes Hrabanus Maurus. Hier finden sich die in 77 Weiss. markant auftretenden, spitz nach unten weisenden unteren Ecken der Endgeflechte (vgl. München, BSB, Clm 29482, 1r, Fulda, 2. Viertel 9. Jh.; Bierbrauer Ill. Hss., Nr. 225, Abb. 461) und die bereits in 61 Weiss. übernommenen, in den Initialstamm integrierten Flechtbandpaneelen vor farbig wechselnden und stark kontrastierenden Hintergründen sowie das insulare Wirbelmotiv (vgl. Kassel, UBLMB, 2° Ms. theol. 44, 5r, Fulda, 2. Viertel 9. Jh. und Frankfurt, UB, Ms. Barth. 32, 4r, Fulda, 2. Viertel 9. Jh.; Weiner, Nr. 21 und Nr. 15; Frankish Manuscripts, Nr. 44). Aufgrund der aufgeführten Vergleiche sind die paläographischen Datierungen von Bischoff Katalog 3; Mitte/3. Viertel 9. Jh. und Hoffmann Schreibschulen Südwesten, Bd. 1, 316; 2. Hälfte 9. Jh. auf die Mitte des 9. Jh. zu präzisieren.

Wolfenbüttel Weiss., Nr. 4161 (Heinemann Nr.). — Lesne, 707. — Butzmann Weißenburg, 231–232. — Kleiber Otfrid von Weißenburg, 123–128, 126 Anm. 579. — Krämer, Bd. 1,1.2, 824. — Hoffmann Schreibschulen Südwesten, Bd. 1, 296, 299, 314, 316, Bd. 2, 198a. — S. O'Sullivan, Early Medieval Glosses on Prudentius' Psychomachia. The Weitz tradition, Leiden/Boston 2004, 28, 28 Anm. 16 und 17, 34 Anm. 53, 74. Bergmann/Stricker Glossenhandschriften, Nr. 976. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7420. — Grifoni, 83. — Westphal Buchmalerei Weißenburg, 366.


Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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