Beschreibung des Cod. Guelf. 86.4 Extrav.
Hans Butzmann: Die mittelalterlichen Handschriften der Gruppen Extravagantes, Novi und Novissimi. Frankfurt/M.: Klostermann, 1972. (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Neue Reihe, Bd. 15) S. 45–47
EMPFANG DES KÖNIGS FRANZ I. IN LYON
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Pergament. 41 blatt. Bl. 32 x 21 cm. cm. XVI. Jh. (nach 1515). Lyon.Rote Tintenlinierung. 36 Zeilen. Bastarda. 1v–2r und 41r Kursive. Größere
und kleinere goldene Anfangsbuchstaben auf Rot und Blau; desgleichen die goldenen
Paragraphenzeichen. Verschmutzte Ecken. Miniaturen s. u.
Pappband des XVII. Jhs., mit dunkelbraunem Leder überzogen. Im Feld zwischen
den beiden ineinandergeschachtelten und aus schmalen Goldkanten gebil-
deten Mittelrechtecken ist das Leder heller getönt. Kartuschen, goldene Außenkanten.
Goldschnitt. Die Vorsätze aus Modelpapier mit großen Blumen.
Die Miniaturen stammen von der Hand des Lyoner Meisters Guillaume II.
Leroy (f nach 1528). Rückseite des Vorblattes: Ce praesent livre appartient a
Mademoiselle Corbeau (?). Darunter, stark radiert: Appartient a Monsieur
Len — Endsilben nicht lesbar. Darunter, radiert und überstrichen: John .
Unter dem Carmen von Louis Demau (s. u.) Bl. 41r der Name Bourgoimg. B1.40v
nebeneinander: Bourgoimg Bourgoing Bourgoin.
Alice et Henri Joly, A la recherche de Guillaume Leroy, „Le peintre“. In:
Gazette des beaux-arts, T. 61, 1965, S. 279–290. Abb. von Bl. 26r u. 39r, S. 289.
Ir Sententia: Opsepo (!) te aliquando tandem.
1v Ü: Lyricum carmen. In Kursive. Datiert 2r: 1563. A: Mars curru vacuum
pervolat aera … 20 zweite asklepiadeische Strophen, die beiden letzten 2r,
Sp. 3 oben. 2r Französische Paraphrase. A: Mars par laer se transporte/Sur
son char triumphant… 20 Strophen.
2v leer.
3r Entree de Francois I. ä Lyon. A. Lan mil cinq eens et quinze et le jeudi
xxiie du moys de juillet Francois … alant a la conqueste de sa duche Milan
voulut passer par sa eite de Lyon … Schilderung des Empfangs und der z^i
Ehren des Königs veranstalteten Schaustellungen und Spiele (Histoires) mit
ihren Texten. Erklärung der allegorischen Figuren (s. u. die Beschreibung
der Miniaturen).
41r (Nachbl.) Jüngere Eintragung (Kursive). Ü: In laudem domini Demeau.
A: Non secus ac miles quondam fortissimus Hector… Unterschrift: Ludo-
vicus Demau hoc carmine plurimam dico. 3 Distichen.
Die Miniaturen stellen die dem König vorgeführten allegorischen Schaustellungen
dar. Alle Figuren sind hölzern, die Farben aufdringlich. Viel Gold. 7v/8r
(auf zwei gegenüberliegenden Seiten) Chlodovech überquert den Rhein. Das
Schiff wird gezogen von einem geflügelten weißen Hirsch, der im Strom schwimmt.
Auf dem Hirsch steht ein Gepanzerter mit Flammenschwert: Guide Loyal. Im
Schiff die Damen Frankreich und Bretagne: Amour Royalle u. Noble Fraternite,
neben dem Mast stehend. Vor ihnen im Bug ein Mann mit Hellebarde: La Personne
du Roy. Am Steuer steht der Marschall von Frankreich: Feal Patron. Im
Mastkorb ein nacktes geflügeltes Kind, das mit einem Blasebalg Wind in das
Segel bläst: Zephirus. Tiefe Flußlandschaft mit Bergen und Burg. Uv Unten im
Bild ein Torbogen, der sich über eine Straße spannt, mit Inschrift: Civitas inviolata.
Über dem Bogen ein goldener Baum, der in einer großen Blüte gipfelt. In
der Blüte die Halbfigur eines Königs, dazu Spruchband: Francoys I. Uber ihm
zwei schwebende Engel mit der Krone. Auch die Seitenäste tragen Blüten mit
Frauenfiguren: Grace de Dieu und France. Unter diesen, über den Torpfeilern,
die Damen La Cite de Lyon, die ein Türschloß, und Loyaute, die einen Schlüssel
in der Hand hält. Der Baumstamm wird flankiert von Guide Loyal und Feal
Patron. Zwischen ihnen ein geringelter Drache im Feuer: Salemandre. 13r, 15r,
20r, 22r, 26r, 28r, 33r und 37r je eine reichgeschmückte Frau auf hohem Piede-
stal. Jede hält einen goldenen Buchstaben in der Hand, die Bestandteile des
Namens FRANCOIS. 18r Chlodovechs Taufe. Vor einem Blumenteppich das Taufbecken,
in dem der nackte König kniet. Zwei Bischöfe, links und rechts vom Taufstein
zur Seite gewendet, empfangen von Engeln die Fiole mit dem heiligen öl
und das Lilienbanner. Uber dem Kopf des Königs das alte Wappen mit den drei
Kröten. Vorn links eine goldgekleidete Frau: Noble Assistance. Ihr gegenüber
eine Schar von Männern. Ihr Anführer trägt die Krone in der Hand. In der
oberen Bildhälfte Gott Vater im Strahlenkranz, tiaragekrönt. Ihn umschweben
kleine rote Cherubim. 31r Goldenes Tor, im Tympanon das Schlangenwappen
der Sforza. Darunter Inschrift: Le Jardin du Milan. Hinter dem Tor Prospekt eines
Blumengartens. Ein Baum mit Goldäpfeln überragt das Tympanon, auf dessen
Spitze ein Mann kniet, der die Äpfel pflückt: Le Noble Champion. Vor dem
Stamm ein Mann in richterlicher Robe, eine Urkunde in der Hand: Bon Droit.
Ihn umgeben zwei Frauen: France (Amour Royale) und Bretaigne (Noble Frater-
nite). Die Frauen halten Äpfel in der einen Hand, mit der anderen greifen sie
nach oben. Links im Vordergrund lanzentragende Dame: Juste Querelle. Hinter
ihr zwei Gewappnete. Vor den Gestalten unten ein schwarzer Bär, aus dessen
rechter Vordertatze die Krallen ausgerissen sind: der mailändische Bär. 39r Unten
ein Stadttor mit Straßenprospekt. Darüber in einem torähnlichen Rahmen zwei
gegeneinandergewendete Figuren, Mann und Frau: ein Prälat, der den Papst
repräsentiert, und eine Frau mit Lilienstengel: Noblesse Royale. Uber ihnen das
Wappen der Medici (Papst) und das Lilienwappen Frankreichs. Das Tympanon
wird von zwei feuerspeienden Delphinen gebildet, dazwischen ringelt sich ein
Drache im Feuer: Salemandre. Alles vor einem Blumenhintergrund.
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