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Beschreibung von Cod. Guelf. 91 Weiss.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Sammelhandschrift

Weißenburg, Benediktinerkloster / Südwestdeutschland — 9. Jh., 1. Drittel (nach 813)

Provenienz: 1r Benediktinerkloster Weißenburg, Besitzeinträge: Codex monasterii sanctorum Petri et Pauli in Wissenburg. Darüber Itinerarium Clementis pape praedicationis sancti Petri apostoli. 2r Weißenburger Signaturenbuchstabe: .f. (14. Jh.). Die Handschrift gelangte über Heinrich Julius von Blum 1690 in den Besitz des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig. Wiener Liste 8°4 (Butzmann Weißenburg, 3–18).

Pergament — 176 Bl. — 21 × 12,2 cm

Aus fünf Teilen zusammengesetzt: A: Bl. 1–24, B: Bl. 25–88, C: Bl. 89–103 und Bl. 161–176, D: Bl. 104–126, E: Bl. 127–160. Auf einem Papiervorsatzblatt ein Inhaltsverzeichnis von der Hand Lauterbachs. Lagen: Papiervorsatzblätter. 11 IV (88). V (98). III-1 (103). 2 IV (119). IV-1 (126). V-1 (135). IV (143). V-1 (152). 3 IV (176). Neuere Tintenfoliierung.

Roter Ledereinband (Nigerziegenleder; Neubindung 1963).

STIL UND EINORDNUNG

Die Sammelhandschrift 91 Weiss. beinhaltet eine Zusammenstellung sehr heterogener Schriften von unterschiedlichen Händen und teils unterschiedlicher Herkunft (Teile A-D Weißenburg; Teil E südwestdeutscher Raum). Inhaltlich umfassen sie sowohl Beiträge zum Ablauf von Riten, deren Ausführung und die mit ihnen verbundenen Ämter (vgl. hierzu ausführlich P. Carmassi, in: Divina officia, Nr. 44), als auch Texte zur Zeitbestimmung (Teil C), die mit Schemata ergänzt wurden (89r und 101v). Die Handschrift war nachweislich im Kloster Weißenburg in Gebrauch. Die Texte datieren in das erste Drittel des 9. Jhs. und wurden nach 813 als Sammelband zusammengestellt (der Terminus post quem 813 ergibt sich aus dem Epitaph des Erzbischofs Richulf von Mainz [gest. 813], das auf 126v im Verbund mit aufgenommen ist). Der Weißenburger Buchschmuck (Teile A, B und C) ist sehr sparsam gehalten, es dominieren für Weißenburg bekannte, aufwendig angelegte und ausgewogen gestaltete Auszeichnungsschriften (vgl. 25v und 111v), wie sie auch aus anderen Weißenburger Codices aus dem 1. Drittel des 9. Jahrhunderts bekannt sind (vgl. 10 Weiss., 2v; 71 Weiss., 74v; 3 Weiss., 5v und 13 Weiss., 1v). Die Hand des Incipits in Teil D (111v) zeigt besonders große Ähnlichkeit zu den Incipits in 3 Weiss., 5v. Auch die an Fäden hängenden Trifolien (in den Teilen B und C) begegnen in Weißenburger Handschriften aus diesem Zeitraum (vgl. 3 Weiss., 28r und 49 Weiss., 1v). Die Teile A, B und C wurden von B. Bischoff paläographisch Weißenburg abgesprochen, eine alternative Zuordnung erfolgte von ihm jedoch nicht (Bischoff Paläographische Fragen, 117f.). Die Auszeichnungsschriften und der Buchschmuck sprechen für Weißenburg. Teil E (Bl. 127–160) ist paläographisch und kunsthistorisch nicht nach Weißenburg zu lokalisieren. Vermutlich bezieht sich die paläographische Einordnung der Handschrift von B. Bischoff mit "Westdeutschland (Oberrhein), IX. Jh. Anfang" auf diesen Teil des Sammelbandes (Bischoff Katalog 3, Nr. 7427 - hier nicht näher differenziert). Die südwestdeutsche Lokalisierung lässt sich aufgrund des Buchschmucks bestätigen. Einen aussagekräftigen Vergleich, mit sehr ähnlichem Füllmuster und vergleichbaren Knospenmotiven gibt die Murbacher Hieronymus-Handschrift München, BSB, Clm 14082, 137v, Murbach, um 800 (Bierbrauer Ill. Hss., Nr. 212, Abb. 434). Auch die in der Initiale verwendeten insularen Fabelwesenköpfe verweisen auf dieses Skriptorium, das nachweislich stark unter insularem Einfluss stand (vgl. das Spiegelfragment in 41.1 Aug. 2°).

Schnurr Weissenburger Handschrift 91. — Wolfenbüttel Weiss., Nr. 4175 (Heinemann Nr.). — Butzmann Weißenburg, 257–268. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 1, 64. — Bischoff Paläographische Fragen, 117f. — W. M. Stevens, Karolingische Renovatio in Wissenschaften und Literatur, in: 799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Karls der Große und Papst Leo III. in Paderborn, hrsg. von C. Stiegemann und M. Wemhoff, Bd. 3 (Beitragsband), Mainz 1999, 662–680, hier Abb. 6. — W. Haubrich, Das althochdeutsch-lateinische Textensemble des Cod. Weiss. 91 ("Weißenburger Katechismus") und das Bistum Worms im frühen neunten Jahrhundert, in: R. Bergmann, Volkssprachig-lateinische Mischtexte und Textensembles in der althochdeutschen, altsächsischen und altenglischen Überlieferung, Mediävistisches Kolloquium des Zentrums für Mittelalterstudien der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am 16. und 17. November 2001, Heidelberg 2003 (Germanistische Bibliothek 17), 131–173. — Bischoff Paläographie, 63. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7427. — Divina officia, Nr. 44.

A

Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 1. Viertel

Schriftraum: 18 × 9,4 cm, einspaltig, 26 Zeilen. Karolingische Minuskel von 2 Händen. Hand 1: 1v–22r, Hand 2: 22v–23r und 24v. 1v–22r rubrizierte Incipts und Explicits in Capitalis quadrata, zu den Versanfängen vergrößerte Initialmajuskeln. 22v–23r und 24v Incipit in Capitalis rustica, die Anfangsbuchstaben mit rotem Begleitstrich bzw. rotem Binnenfeld. Im Text vergrößerte Satzmajuskeln.

INHALT

1v–22r Canones Eusebiani, Libri I-X (PG 22, 1278). 22v–23r Gregorius I papa: Oratio de mortalitate (PL 76, 1311–1314; MGH Epp. 2, 365–367, Nr. 13,2). 23v–24r leer. 24v Carmen de Petri apostoli liberatione e carcere (MGH Poetae 4, Fasz. 2/3, 10787). 24v Versus de cruce (MGH Poetae 4, Fasz. 2/3, 10787; unter Berücksichtgung der Handschrift).

B

Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 1. Viertel

Schriftraum: 18 × 9,4 cm, einspaltig, 26 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Incipits (vgl. 35r und 38v) in Capitalis rustica oder Capitalis quadrata, nach Wort bzw. Silben rot und schwarz alternierend oder einfach rubriziert. Gelegentlich vorangestellt eine Kreuzverzierung (vgl. 62v). Textanfänge teils rubrizierte Capitalis rustica (vgl. 42v) oder Unzialis mit rot hinterlegten Buchstaben (vgl. 77r). Initial- und Satzmajuskeln rubriziert oder ausgeführt als kolorierte Hohlbuchstaben. Zum Textbeginn (26r) 1–3 zeilige Hohlbuchstaben, koloriert.

INHALT

25r leer. 25v–37v Clemens I, papa: Epistulae ad Jacobum fratrem domini aus Pseudo-Isidorus, decretalium collectio, Ep. 1, cap. 1–19 (PL 130, 19–27, 37–44; Hinschius, 30–36, 46–52). 37v–38r Vita Clementis I., papae aus dem Liber Pontificalis (PL 127, 1077–1080; MGH, Gesta pontificum Romanorum 1,1, 7). 38v Hieronymus ad Damasum papam de Missarum solemniis. 42r Gregorius I. papa: Decretum vom 5. 7. 595 (PL 77, 1334–39; MGH Epp. 1, 362–67, Nr. 5, 57a). 42v–88v Oridines Romani (zum Inhalt vgl. Butzmann Weißenburg, 257–268).

AUSSTATTUNG

Verzierte Initialmajuskeln. 1 Textzierseite.

25v Textzierseite: Acht Zeilen Capitalis quadrata in Hohlbuchstaben, zeilenweise rot und schwarz alternierend. Vor dem Beginn eine Kreuzverzierung. Am unteren Blattrand direkt im Anschluss eine Zeile rubrizierte Unzialis. Abb. 276.

Verzierte Initialmajuskeln: Zu einzelnen Textabschnitten (62v, 63r, 77r, 80v und 84v) einfache, rot gefüllte Hohlbuchstaben mit an Fäden hängenden Trifolien (vgl. 62v) und knospenartig gespaltenen Initialstammendungen (vgl. 63r).

C

Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 1. Drittel

Schriftraum: 18 × 9,4 cm, einspaltig, 38 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Rubrizierte Incipits und Überschriften in Capitalis rustica. Tintenfarbige Initialmajuskeln, einige davon als Hohlbuchstaben. Ab 94v die Initialmajuskeln mit roten Begleitstrichen und roten Binnenfeldern. 148v knospenverziertes Explicit (Abb. 281).

INHALT

89r–103r Computus I. 89r Zeichnung einer Windrose; 89v–99v Computus; 99v–100r Mondtafeln; 100v leer; 101r Computus; 101v Darstellung des Sonnenverlaufs im Jahr (Zeichnung); 102r leer; 102v–103r Kalendarie. 103v–104r leer. 161r–175r Computus II Zu den Texten vgl. ausführlich Butzmann Weißenburg, 257–268. 175v–176v leer.

AUSSTATTUNG

Verzierte Initialmajuskeln. 2 Schemata. 1 Windrose.

Verzierte Initialmajuskeln: Zu den Textanfängen tintenfarbige Initialmajuskeln mit an Fäden hängenden Trifolien und Herzblättern (89v, 164v, 165v).

Schemata und Windrose:

101v Schemata. Obere Blatthälfte, eine stufenförmige Pyramide mit einem Kreis (bez. SOL) als Spitze. Darauf ein Kreuz mit angedeutetem Strahlenkranz. Die Stufen beschriftet mit der jeweiligen Tagesanzahl eines Monats (Sonnenverlauf im Jahr; 11,5 × 16,9 cm). Auf der unteren Blatthälfte ein Kreis mit drei beschrifteten Bahnen (Sonnenverlauf im Jahr; 10,7 cm; Abb. 282).

89r ganze Seite, eine kreuzförmige Windrose mit insg. 12 Bahnen, auf denen die Winde eingetragen sind (14,5 × 10,3 cm; Abb. 282).

D

Weißenburg, Benediktinerkloster — 9. Jh., 1. Drittel

Schriftraum: 18 × 9,4 cm, einspaltig, 26 Zeilen. Karolingische Minuskel von mehreren Händen. Rubrizierte Überschiften und rubrizierte 2–3zeilige Initial- und Satzmajuskel, letztere auch tintenfarbig; auf 121v mit einfacher Palmette; 125v im Binnenfeld mit einfacher Blattverzierung. Auf 111v und 114v, 115v vergrößerte tintenfarbige Incipits in Capitalis rustica.

INHALT

104v–106r Sermo de symbolo et virtutibus. 106r Zitat aus einem Capitulare (vgl. W. Scherer, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 13 [1865], 443; Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 3). 106v–111r De symbolo et oratione, Sermo de Symbolo (Zeitschrift für Kirchengeschichte 19 [1899], 186–190). 111r–114r Pelagius: Libellus fidei ad Innocentium papam (PL 45, 1716–18; PL 98, 1113–15). 114r–115v Hilarius episcopus Arelatensis: Expositio de fide catholica (Zeitschrift für Kirchengeschichte 19 [1899], 180–186). 115v–120v Commentarius Fortunati in symbolum Athanasianum (A. E. Burn, the Athanasian Creed, Cambridge 1896 [Text and Studies 4,1], 28–39). 120v Oratio de Maria virgine. 120v–121v Expositio orationis dominicae (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 8–9). 121v–122v Expositio orationis dominicae (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 9–10). 122v–124v Expositio orationis dominicae (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 11–13). 125r leer. 125v–126v Oratio pro aeris temperie. 126v Epitaphium Riculphi archiepiscopi Moguntinensis (Epitaph des Erzbischofs Richulf von Mainz, gest. 813; Zeitschrift für deutsches Altertum 12 [1865], 443f.; MGH Poetae 1, 432).

E

Südwestdeutschland — 9. Jh., 1. Drittel

Schriftraum: 18 × 9,4 cm, einspaltig, Bl. 127–152 28 Zeilen, Bl. 153–160 26 Zeilen. Karolingische Minuskel. Rubrizierte und tintenfarbige Incipits und Explicits meist in Unzialis, gelegentlich in Capitalis rustica. Rubrizierte Zählungen im Text und Initial- und Satzmajuskeln. 148v ein mit Knospen verziertes Explicit (s.u.).

INHALT

127r–160v Breviarium der Paulusbriefe, Katechismus, Breviarium der Gregor-Homilien: 127r Loci Novi Testamenti (auf überschriebener Initiale). 127v Damasus Papa: Epigramma in Paulum (PL 13, 379–81). 127v–130r Canones concordantiarum de omnibus epistolis apostoli Pauli. 130r–148v Capitula et Initia epistularum Pauli et Epistulae ad Hebraeos (zu den Texten vgl. ausführlich Butzmann Weißenburg, 257–268). 148v–149r Vergilius: Georgica (1, 231–44; Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 4 nach G. Milchsacks Abschrift). 149r Nota de plagis Aegyptiacis (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 4). 149r De septem gradibus ecclesiae (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 13–14). 149r–v De Officiis presbyteri de missa et baptismate (Schnurr Weissenburger Handschrift 91, 14–15). 149v–160v Weißenburger Katechismus (zu den Texten vgl. ausführlich Butzmann Weißenburg, 257–268; W. Haubrich, Das althochdeutsch-lateinische Textensemble des Cod. Weiss. 91 ("Weißenburger Katechismus") und das Bistum Worms im frühen neunten Jarhundert, in: R. Bergmann, Volkssprachig-lateinische Mischtexte und Textensembles in der althochdeutschen, altsächsischen und altenglischen Überlieferung, Mediävistisches Kolloquium des Zentrums für Mittelalterstudien der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am 16. und 17. November 2001, Heidelberg 2003 (Germanistische Bibliothek 17), 131–173).

AUSSTATTUNG

1 verziertes Explicit. 1 Initiale.

Initiale: Auf 127r eine nahezu seitengroße, nachträglich überschriebene Initiale als gefüllter Hohlbuchstabe. Als Füllmotiv ein Rautenmuster mit eingefügten Knospen- und Kreisverzierungen, im oberen Abschluss ein Kreuz. Als Besatz zwei Fabelwesenköpfe. 17,5 cm.

Verziertes Explicit: 148v ein vierzeiliges Explicit. Unkolorierte Hohlbuchstaben mit Knospenverzierungen.


Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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