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Beschreibung von Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 4° Cod.Ms. hist. 823
Lukas Wolfinger: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen volkssprachigen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Lukas Wolfinger.
Manuscript title: Jean de Mandeville – Johannes de Hildesheim – Jacobus de Cessolis
Place of origin: Spittal an der Drau (?) Ortenburg (?)
Date of origin: 1470
Catalogue number: Meyer-Sign. Histor. 823
Support: Papier; Wasserzeichen: Waage (WZIS DE3270-hist823_76); Waage (WZIS DE3270-hist823_37); Waage (WZIS DE3270-hist823_26); Waage (WZIS DE3270-hist823_25); Waage (WZIS DE3270-hist823_99; Motivgruppe zwischen 1471 und 1476 belegt); Waage (WZIS DE3270-hist823_85; Motivgruppe zwischen 1471 und 1476); neuzeitliches Vorsatzbl. (Bl. I): Buchstaben (WZIS DE3270-hist823_I; vielleicht die Initialen des pfälzischen Papiermachers Johann Friedrich Lorch);
Extent: I, 134, I Bl.
Format: 27,7-28 × 20-20,5 cm
8
Foliation: Tinten-Foliierung (alt): 1-132; die Zählung läuft in arabischen Ziffern bis 100, beginnt dann mit 1 neu und läuft weiter bis [1]32; zwischen Bl. 88 und 89 blieb ein Bl. zuerst ungezählt, nun als 88b in die Foliierung einbezogen; nicht zutreffend ist die Angabe bei Morrall, Sir John Mandevilles Reisebeschreibung S. LVII, dass nach Bl. 83 ein weiteres Bl. nicht gezählt bzw. foliiert sei); auf Bl. 101-132 überdies moderne Bleistiftfoliierung.
Collation: neben einem Vorsatzbl. (wohl 18./19. Jh.) besteht die Handschrift aus folgenden Lagen: 10 VI (118!). VII (132).
Condition: Im ersten Teil der Handschrift sind die Bl. an den Ecken stark beschädigt bzw. größere Teile fehlend. Die entsprechenden Teile wurden bei einer Restaurierung durch angeklebte Papierteile grob ergänzt – wie insbesondere ein schriftlicher Eintrag auf einem ergänzten Teil auf 8v zeigt, waren diese Ergänzungen spätestens im 19. Jh. vorhanden.
Page layout: Schriftraum: 19,7-20,5 × 13,2-14,3 cm, zweispaltig, 35-42 Zeilen;
Hands: Haupttext in ebenso geübter wie regelmäßiger, rechtsgeneigter Bastarda, die Oberlängen in der ersten Zeile öfters in die Höhe gezogen; nur wenige Korrekturen;
Display script / Decoration:

durchgehend rubriziert; Unterstreichungen (insbesondere Namen und Zitate), Streichungen und Paragraphenzeichen in Rot, ebenso die Überschriften und einfache, aber gekonnt gesetzte Initialen (in der Regel ca. 3-zeilig).

Binding: Heller, melierter Pappeinband (2. H. 20. Jh.; bereits Morrall, Sir John Mandevilles Reisebeschreibung S. LVII schreibt 1974, dass die Handschrift einen modernen beigen Pappeinband habe); auf dem Rücken Papierschildchen mit der modernen Göttinger Signatur; diese mit Bleistift auch eingetragen am oberen Rand des VS (4o Cod. Ms. hist. 823); darunter eingeklebt das Formular mit dem Bearbeitungsvermerk der Preuß. Akad. d. Wiss. (Bearbeiterin: Dr. Marie-Luise Dittrich, Okt. 1939) sowie die Beschreibung von W. Meyer.
Origin of the manuscript: Wie das Kolophon auf 132v mitteilt, wurde die Handschrift von Konrad Blanck aus Chiemsee geschrieben, der sich zu dieser Zeit jedoch in in hospitali prope Ortemberg befand, und am 4. Apr. 1470 beendet; die Abschrift erfolgte dabei auf Geheiß des dortigen Richters Erhard Karel (Finitus est liber iste per me Conradum Blannckhen de Kyemsee tunc temporis in hospitali prope Ortemberg ex iussu Erhardi Karel judicis ibidem feria quarta post Letare, anno domini millesimo quadringentesimo septuagesimo). Obwohl das Kolophon also vergleichwseise viele Details zur Entstehungsgeschichte verrät, ist eine genaue Einordnung der Handschrift bislang noch nicht erfolgt, da die weder die Frage, um welchen Ort es sich bei Ortemberg handelt, geklärt ist, noch Konrad Blanck von Chiemsee oder Erhard Karel nachgewiesen sind. Während etwa Morrall, Sir John Mandevilles, S. LVII noch an Ortenberg (Hessen, Baden?) dachte, nehmen Plessow - Honemann - Temmen, Mittelalterliche Schachzabelbücher, S. 417 – auch aufgrund der Schreibsprache – an, dass es sich entweder um das niederbayrische Ortenburg oder um Spittal an der Drau handelt, wobei sie die Identifizierung mit Spittal an der Drau jedoch für 'unwahrscheinlicher' halten (ebd., S. 417). Nicht beachtet scheint dabei, dass die Bezeichnung '(de) hospitali prope Ortenburg' im 15. Jahrhundert tatsächlich genau in der Form mehrfach als Bezeichnung für Spittal an der Drau nachweisbar ist – so etwa in Urkunden und einer Handschrift, die der Notar Franciscus Angeli de Hospitali prope Ortenburg bzw. Franciscus Engelhardt de Hospitali prope Ortenburg schrieb; vgl. Hutz – Freidinger, Die Urkunden, S. 139, Nr. 308 sowie Carinthia I, Bd. 170, 1980, S. 100; auch beim Schreiber einer heute im Stift Seitenstetten liegenden Handschrift – Michaelis Golsar de hospitali prope Ortenburg – dürfte es sich um einen Mann aus Spittal an der Drau handeln (zur betreffenden Handschrift siehe Glaßner, Inventar, zu Cod. 157). Spittal a. d. Drau war seit dem 14. Jh. auch Sitz eines Landrichters und besaß seit 1457 das Recht, Richter und Rat selbst zu wählen; vgl. etwa Grünwald, Spittal 800, S. 110. Die prominente Rolle und Nennung des Richters wäre vor diesem Hintergrund gut zu erklären, eine Herkunft aus Spittal a. d. Drau erscheint demnach – anders als Plessow - Honemann - Temmen, Mittelalterliche Schachzabelbücher, S. 417 meinten – durchaus naheliegend; Schreibsprache: bairisch-österreichisch.
Provenance of the manuscript:
  • Ob der im Kolophon genannte Auftraggeber, der Richter Erhard Karel, die Handschrift für sich selbst oder andere, etwa die Stadt/den Rat von Spittal an der Drau, anfertigen ließ, ist nicht bekannt, auch wenn Ersteres wahrscheinlicher wirkt.
  • Die weitere mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Handschrift ist großteils nicht nachweisbar. Allerdings gelangte sie zu unbekanntem Zeitpunkt in den Besitz des Nürnberger Arztes und Universalgelehrten Gottfried Thomasius (1660-1746), wie aus dem 1772 gedruckten Auktions-Katalog zu dessen nachgelassener Bibliothek hervorgeht (Ad bibliothecam Thomasianam appendices, quarum prior exhibit centurias aliquot librorum …, Nürnberg 1772, S. 46: Nr. 55. Hans von Monteuilla Reisebeschreib. Nach einer alten deutschen Uebersetzung. 2) das Schachzagell. 3 Finger dick. 1 fl. 30 kr. Die ersten Blätter sind am Rande etwas beschädigt; am Ende aber steht: Finitus est liber iste per me Conrad. Blanckhn de Kyemsee tunc temporis in hospitali. – Ex iussu Erhardi Karel iudicis ibid. Anno 1470). Vermutlich gelangte die Handschrift bereits im Zuge des damaligen Verkaufs an die Fürsten von Waldeck bzw. in die Fürstlich Waldecksche Bibliothek nach Arolsen.
Acquisition of the manuscript: Von dort wurde sie nämlich im Jahr 1801 für die Georgia Augusta erworben; vgl. dazu den Eintrag in SUB Göttingen, Bibliotheksarchiv, Manuale zum Jahr 1801, S. 24 ff.: Verzeichnis einiger bücher aus Arolsen.; die vorliegende Handschrift ist hier eingetragen auf S. 25 mit den Worten: Hanns von Montevilla - hat ditz buech gemacht in frantzoysch zung (Reise in das heilige Land) Mscpt, Schachzagell. Mscpt., in fine: finitus est iste liber per me Conradum Blannckhn de Kyemsee tunc temporis in hospitali prope Ortemberg Anno Dni. 1470 - Mscpt. Allgemein zu den aus Arolsen bzw. von den Fürsten Waldeck nach Göttingen gelangten Altbeständen s. Broszinski, '... ein ganz artiges Stück'; speziell zur vorliegenden Handschrift ebd., S. 172; insgesamt gelangten in den Jahren 1794-1801 17 Handschriften und 45 Inkunabeln und 179 Drucke aus dem 16. Jahrhundert von Arolsen in die Universitätsbibliothek Göttingen (ebd.).
Contents:
  • Ir-Iv Vorsatzbl. (wohl 18. Jh.; s. Wasserzeichen): leer, auf der Rectoseite allerdings vermerkt N. 383 (alte Signatur?).
  • IIr-v leer, abgesehen von den lateinischen Versen Liba libens libo libendus libencius ibo/ hunc puto grammaticum qui construat versum istum auf IIr (noch von mittelalterlicher Hand eingetragen, jedoch wohl nicht von der des Haupttextes) und dem neuzeitlichen Vermerk A. 1470 ebd., der sich offenkundig auf das Entstehungsjahr der Handschrift bezieht; zudem auf IIv moderner Göttinger Bibliotheksstempel (Niedersächs. Staats- U. Univ.-Bibliothek Göttingen).
  • 1ra–72rb Jean de Mandeville: Reisebeschreibung (dt. Übersetzung des Michel Velser). >Ich Hanns von Monteuilla Ritter, wol ob ich sein nicht wirdig bin gebornn erzogen in Engenlandt in ainem dorff sand Alam hat dits buech gemacht in frantzoyisch zung<. Do ich von haym aus fuer in dem muet das ich wolt varen veber mer zu dem heyligen grab vnd zu dem gesegentem erdreich das maen in latein haysset terra promissioninis … — … dar veber bitt ich all guet Christen das sy got wellen für mich bitten mit ainem Pater noster der warten das ich den parmhertzigen got in einer welt gern wil für euch bitten das vns got allen verleich nach disem leben das ebig leben. Amen. Text der 2. Redaktion (zu derselben vgl. Morrall, Sir John Mandevilles, S. CLXVI-CLXIX); es fehlt ein Register der Rubriken; Edition: Morrall, Sir John Mandevilles Reisebeschreibung (nach der Überlieferung in einer Stuttgarter Handschrift); zu Michel Velser und seiner dt. Übersetzung siehe ebd. sowie 2VL 5, Sp. 1201-1204 und 2VL 11, Sp. 961; Zapf, Art. Velser, Sp. 493-495; Morrall, The Text; zu den entsprechenden Handschriften auch Bennett, The Rediscovery, S. 316-323; Schoerner, Die deutschen Mandeville-Versionen, S. 31-48.
  • 72va–98ra Johannes de Hildesheim: Historia trium regum (dt. Übersetzung). >Hie hebt sich an die materi von den heyligen dreyn künigen wie si got ir opferr bracht habennt<. Dye materi der heiligen drey künig die haben ainen vrsprungkh von der prophecey herren Balaams der was ain briester von Median … — … vnd das vns die heyligen drey chünig ze staten vnd ze hilff chömen in allen vnsern nöten vnd trüebsal leibs vnd der sele, das verleich vns got der vater vnd der sun vnd der heilig geist. Amen. >Deo gracias<. Der Text beginnt mit dem 2. Kapitel der Legende; es handelt sich um die im 15. Jh. entstandene und besonders im bair.-österr. Raum verbreitete Übersetzung der Historia trium regum (vgl. 2VL 4, Sp. 645, Nr. 4b.). (98rb-98vb) leer.
  • 99ra–132vb Jacobus de Cessolis: Liber de moribus hominum et de officiis nobilium sive de ludo scaccorum (dt. Übersetzung: Schachzabelbuch). >Hie hebt sich an das Schachzagell<. Ich brueder Jacob von Cassalis prediger ordenns bin über wunden von der brüeder gepet weltlichr studenten vnd ander erberg lewt die mich haben hören predigen das spil das da haist Schachzagel … — … das ist bezaichent an ainem maister der hies Virgilius vnd was geboren von ainem swachen geschlächt vnd doch wenn er weishait het, so was er erkanndt vnd genant in aller der welt vnd noch hewt des tags. Finitus est liber iste per me Conradum Blannckhen de Kyemsee tunc temporis in hospitali prope Ortemb(u/e)rg ex iussu Erhardi Karel judicis ibidem feria quarta post Letare, anno domini millesimo quadringentesimo septuagesimo. Es handelt sich um die zweite Fassung der deutschen Prosa-Bearbeitungen des Werkes (vgl. etwa Schmidt, Das Schachzabelbuch, S. 14; zur 2. Fassung s. ebd., S. 10-11 und S. 14 ff.; Keller, Textgemeinschaften, S. 228); Edition: Schmidt, Das Schachzabelbuch (allerdings nach der eng verwandten 1. Fassung; im Vergleich zu dieser fehlt der Göttinger Variante die Zusammenfassung am Ende, denn darin endet der Text mit den Darlegungen zu Vergil; vgl. ebd., S. 128, Z. 71/72 bzw. 132vb im Göttinger Codex).
Bibliography

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
Göttingen 2 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 2: Universitäts-Bibliothek: Geschichte, Karten, Naturwissenschaften, Theologie, Handschriften aus Lüneburg, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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