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Beschreibung von Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 2° Cod. Ms. jurid. 159
Patrizia Carmassi: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen lateinischen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Patrizia Carmassi.
Handschriftentitel: Summa decreti
Entstehungsort: Frankreich
Entstehungszeit: 13. Jh. Zweites Viertel oder Mitte
Katalognummer: Meyer-Nr.
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: I, 80, I Bl.
Format: 28,5 × 19,5 cm
Seitennummerierung: Moderne Foliierung mit arabischen Zahlen (Bleistift). Vorsatzblätter nicht foliiert.
Lagenstruktur: 1 Bl. (I). 10 IV (80). 1 Bl. (II). Reklamanten.
Zustand: Flecken, Löcher aus Insektenfraß (fol. 1-7). Erste Lage unten lose. Pergament leicht wellig. Buchschnitt oben vergraut.
Seiteneinrichtung: Zweispaltig. 41 Zeilen. 21,5 × 15 cm
Hände: . Haupttext von einer Hand (schwarze Tinte) in Carolino-gothica geschrieben. Diese Hand hat eine Revision des Textes unternommen, vgl. z. B. Nachtrag fol. 56v von einer wegen Homoioteleuton ausgelassenen Stelle. Sie hat auch viele Marginalien in roter und schwarzer Tinte hinzugefügt. Diese bestehen aus Nota Bene-Zeichen, Angaben zum Inhalt: Causa, contra, Zahl der Distinctio, gelegentlich Angaben von Quellen, wie z. B. fol. 55v der Verweis auf Gregorius Magnus, Expositio in Hiob. Bei den Zitaten oder Bezügen auf das AT im Text findet man am Rande die Marginalie hist[oria]. Zwei weitere zeitgenössische Hände haben am Seitenrand und auf dem Fußsteg weitere Anmerkungen geschrieben. Vgl. beide Hände auf fol. 7v. Glosse auf fol. 70va gedruckt in H. Müller, Der Anteil der Laien an der Bischofswahl. Ein Beitrag zur Geschichte der Kanonistik von Gratian bis Gregor IX, Amsterdam 1977 (Kanonistische Studien und Texte 29), S. 59; ibid. S. 58-61 über die Summa, mit einigen transkribierten Stellen aus der Göttinger Handschrift. Titulus currens in roter Tinte (nur im ersten Teil bis fol. 14v). Eine moderne Hand hat mit Bleistift an manchen Stellen am Rande Angaben zum Inhalt geschrieben.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Lemmata unterstrichen, von einem Paragraphenzeichen eingeführt, gelegentlich gestrichelt. Kleine rote, eine Zeile hohe Lombarden, nicht immer ausgeführt. Repräsentanten, z. T. am Rande sichtbar, meistens aber die Blattränder beschnitten. Fol. 1ra: Raum gelassen für eine zweizeilige hohe Hauptinitiale, jedoch mit einem einfachen a in brauner Tinte gefüllt.
Einband: Moderner Pappeinband. Überzug aus marmoriertem Papier in den Farben Braun, Schwarz und Dunkelrot (Vgl. https://digitalcollections.lib.washington.edu/digital/collection/dp/id/88/rec/16; Pattern: Shell). VS, HS und jeweils ein Vorsatzblatt aus hellem grün-grauem Papier. Auf dem Rücken zwei Papierschilder, das erste mit moderner Signatur, das zweite in der Farbe Grün, z. T. abgesprungen, auf dem die Beschriftung komplett verblasst ist. Auf dem VS bibliographische Angabe in schwarzer Tinte (19. Jh.): Cf. Savigny, Gesch. d. R. R. im Mittelalter 2. Ausg. b. 3 S. 514.5. Anm. a., bezogen auf die Ausgabe Heidelberg 1834, und moderne Signatur (Bleistift). Drei aufgeklebte Papierzetteln über Mikrofilmierung, Digitalisierung und Auszug aus Meyers Katalog über diese Handschrift. Auf HS Prüfangaben (bis 2008) und alte Signatur (Bleistift): Mscr. Jurid. 93.².
Zustand: Überzug abgerieben und mit Fehlstellen, z. T. restauriert.
Entstehung der Handschrift: Aus paläographischen Gründen ist eine Entstehung der Handschrift in Frankreich (Nordfrankreich?) im zweiten Viertel oder in der Mitte des 13. Jh. anzunehmen. Vgl. z. B. Angers, Bibliothèque municipale, MS 239, (1. Drittel 13. Jh.); München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 6206 (Nordfrankreich, Paris?, Mitte 13. Jh.). Dazu Bauer-Eberhardt, Ill. Hss. französischer Herkunft 1, Kat.-Nr. 107, S. 125-126. Paris, Bibliothèque nationale de France, latin 2529 (1230-1250), vgl. Manuscrits datés Frankreich, 2, Pl. XXVII. Auch von der Entstehungsgeschichte des Textes, die ca. 1170 angesetzt wird, ist eine Abschrift der Summa in einer französischen Rechtsschule denkbar. Die Anlage und die Marginalien sprechen dafür. Vgl. fol. 78v (Fußsteg): Considerandum est in doctrina quis quod quare quo loco doceat. Der Text dieser Summa gilt als eine Bearbeitung der älteren Summa des Kanonisten Rufinus († ca. 1192). Sie ist in nur vier Handschriften überliefert, am vollständigsten in der Göttinger Handschrift. Wie schon Singer, korrigierte Kuttner Schulte, der die Summa Rufinus zugeschrieben hatte. Kuttner listete die Summa Antiquitate et tempore unter den "Dekretsummen der französischen Schule" auf. Später ordneten Kuttner und Rathbone den anonymen Verfasser der Summa der Schule von Gerard Pucelle († 1184) zu, der zwischen Frankreich (Paris), Deutschland (Köln) und England tätig war. Vgl. auch J. Fried, Gerard Pucelle und Köln, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 68 (1982), S. 125-135; C. Donahue, Gerard Pucelle as a Canon Lawyer: Life and Battle Abbey Case, in Grundlagen des Rechts. Festschrift für Peter Landau zum 65. Geburtstag, hg. von R. H. Helmholz, P. Mikat, J. Müller und M. Stolleis, Paderborn 2000 (Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft. N.F. 91), S. 333-348; P. Landau, Die Kölner Kanonistik des 12. Jahrhunderts. Ein Höhepunkt der europäischen Rechtswissenschaft, Badenweiler 2008 (Kölner rechtsgeschichtliche Vorträge 1). Da Andeutungen auf kirchlich-institutionelle Gegebenheiten in Köln im Text festgestellt wurden, ist eine direkte Erfahrung des Autors vor Ort vorauszusetzen. Landau hat zuletzt deutlicher zwischen einer französischen und einer kölnischen Schule unterschieden und diese Summa dem Magister Gottfried, Augustiner-Chorherr in der Kirche Sankt Andreas zu Köln, zugeschrieben. Dieser sei Landau zufolge mit dem Archipoeta zu identifizieren. Vgl. zu dieser Person auch 8° Cod. Ms. philol. 170 Cim. Eine neue Edition wird von Tatsushi Genka vorbereitet.
Provenienz der Handschrift: Provenienz: Im 19. Jh. gehörte die Handschrift dem Rechtsgelehrten und Professor an der Universität Göttingen Friedrich Christian Bergmann (1785-1845). Zu dieser Person siehe Steffenhagen, Art. Bergmann, Friedrich Christian, in ADB 2 (1875), S. 392 und die Literaturangaben bei der Beschreibung von 2° Cod. Ms. jurid. 152, der auch Bergmann gehört hatte. Der Auktionskatalog seiner Bücher erschien 1845 in Göttingen: Verzeichnis der vom … [Friedrich Christian] Bergmann nachgelassenen vorzüglich im Fache Jurisprudenz u. Philologie ausgezeichneten Bücher-Sammlung, […] welche den 17. November 1845 […] verkauft werden, Göttingen 1845. Dort ist allerdings diese Handschrift nicht verzeichnet.
Erwerb der Handschrift: Fol. 1r: schwarzer ovaler Stempel (4,3 x 3,5 cm) EX BIBLIOTHECA REGIA ACAD. GEORGIÆ AUG:, in Benutzung ab 1765. Vgl. Bibliotheksstempel, S. 93.
Inhalt:
  • Ir leer.
  • Iv leer bis auf moderne Inhaltsangabe (Bleistift): Summa Rufini super decretum.
  • 1ra-80vb Summa decreti. >glossa super decretum<. (Auf dem Kopfsteg später geschrieben). Antiquitate et tempore prius est ius … — … debet providere universo episcopatui yconomum qui. Endet abrupt wegen Lücke von mindestens einer Lage mit D. 89 c. 2. Am Ende des Blattes die Reklamante domui.
    Druck
    • Vgl. Die Summa magistri Rufini zum Decretum Gratiani, hg. von J. F. von Schulte, Gießen 1892, S. XLVII-LXX (Auszüge aus der Göttingen Handschrift).
    • Schulte 1, S. 245-250 (Druck der Vorrede). Zu den Fehlern in Schultes Tranksription der Göttinger Handschrift s. allerdings H. Singer, Beiträge zur Würdigung der Decretistenliteratur, in Archiv für katholisches Kirchenrecht 73 (1895), S. 3-124. Zu der Kontroverse zwischen den beiden Rechtsgelehrten s. A. A. Fiori, Vecchie e nuove ipotesi sul magister Rufinus, in Bulletin of Medieval Canon Law N.S. 36 (2019), S. 243-274, hier S. 243-250.
    Literatur
    • Schulte 1, S. 122-130, mit Erwähnung dieser Handschrift S. 122, Anm. 5.
    • Die Summa magistri Rufini zum Decretum Gratiani, hg. von J. F. von Schulte, Gießen 1892, § 9: Eine Überarbeitung der Pars I. der Summa Rufini, S. XLVII-LXX.
    • H. Singer, Beiträge zur Würdigung der Decretistenliteratur, in Archiv für katholisches Kirchenrecht 73 (1895), S. 3-124, mit Erwähnung dieser Handschrift (passim).
    • Kuttner, S. 178-179, mit Erwähnung dieser Handschrift S. 178.
    • S. Kuttner, E. Rathbone, Anglo-Norman Canonists of the twelfth century: An Introductory Study, in Traditio 7 (1949-1951), S. 279-358, hier S. 298-301.
    • H. Kalb, Rechtskraft und ihre Durchbrechungen im Spannungsfeld von kanonistischem und theologischem Diskurs (Rufin - Stephan von Tournai - Johannes Faventinus), in Grundlagen des Rechts. Festschrift für Peter Landau zum 65. Geburtstag, hg. von R. H. Helmholz, P. Mikat, J. Müller und M. Stolleis, Paderborn 2000 (Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft. N.F. 91), S. 405-419.
    • B. C. Brasington, Require in Prologo: The Decretists and Ivo of Chartres' Prologue, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 87 (2001), S. 84-124.
    • R. Weigand, The Transmontane Decretists, in The history of medieval canon law in the classical period, 1140 - 1234. From Gratian to the decretals of Pope Gregory IX, hg. von W. Hartmann und K. Pennington, Washington, D.C. 2008 (History of medieval canon law 6), S. 174-210, mit Erwähnung dieser Handschrift S. 184.
    • P. Landau, Die Kölner Kanonistik des 12. Jahrhunderts. Ein Höhepunkt der europäischen Rechtswissenschaft, Badenweiler 2008 (Kölner rechtsgeschichtliche Vorträge 1), bes. S. 18-21, mit Erwähnung dieser Handschrift.
    • P. Landau, Jurisprudenz und Fälschung in Köln im 12. Jahrhundert. Die Kölner Institutionenglosse in Deutsche Rechtsgeschichte im Kontext Europas. 40 Aufsätze aus vier Jahrzehnten, versehen mit Addenda, Register und einer Gesamtbibliographie des Autors, Badenweiler 2016, S. 153-78 [zuvor erschienen in Rivista internationale di diritto comune 22 (2011), S. 9-33], hier S. 170-172.
    • P. Landau, Master Peter of Louveciennes and the Origins of the Parisian School of Canon Law around 1170, in Proceedings of the Fourteenth International Congress of Medieval canon law: Toronto, 5-11 August 2012, hg. von J. W. Goering, S. Dusil, A. Thier, Città del Vaticano 2016, S. 379-394, hier S. 380, 382, 394.
    • P. Landau, Die Dekretsumme Fecit Moyses tabernaculum - ein weiteres Werk der Kölner Kanonistik, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 96 (2010), S. 602-608.
    • P. Landau, Der Archipoeta - Deutschlands erster Dichterjurist. Neues zu Identifizierung des politischen Poeten der Barbarossazeit, München 2011 (Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte, Jahrgang 2011, Heft 3), bes. Kap. V, S. 25-30.
    • A. Fiori, Art. Rufino, in Dizionario Biografico degli Italiani 89 (2017), S. 169-171.
    • A. Fiori, Vecchie e nuove ipotesi sul magister Rufinus, in Bulletin of Medieval Canon Law N.S. 36 (2019), S. 243-274, mit Erwähnung dieser Handschrift, S. 245.
  • IIr-v leer.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

ADB Allgemeine deutsche Biographie auf Veranlassung und mit Unterstützung Seiner Majestät des Königs von Bayern Maximilian II. hrsg. durch die Historische Commission bei der Königl. Akademie der Wissenschaften, 2., unveränd. Aufl., Neudr. der 1. Aufl., Leipzig 1875–1912, Berlin 1967–1971
Bibliotheksstempel Bibliotheksstempel: Besitzvermerke von Bibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. von A. Jammers, Wiesbaden 1998 (Beiträge aus der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz 6)
Göttingen 1 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 1: Universitäts-Bibliothek: Philologie, Literärgeschichte, Philosophie, Jurisprudenz, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
Kuttner S. Kuttner, Repertorium der Kanonistik (1140–1234), Città del Vaticano 1937 (Studi e testi 71)
Schulte J. F. von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur des Canonischen Rechts … , Bd. 1: … von Gratian bis auf Papst Gregor IX. Stuttgart 1875; Bd. 2: … von Papst Gregor IX. bis zum Concil von Trient, Stuttgart 1877

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