Patrizia Carmassi: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen lateinischen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Patrizia Carmassi. (Vorläufige Beschreibung)

Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 8° Cod. Ms. jurid. 163

Raimundus de Pennaforti, Guilelmus Redonensis

Pergament — III, 292, II Bl. — 16 × 10,5 cm — Frankreich — 13. Jh. Drittes Viertel

Lagen: I (II). 3 VIII (47). VII (61). VIII (77). IX (96). VII (109). 2 VIII (141). VIII-1 (157). VIII-1 (171). VIII-1 (186). 3 VIII (234). VII (248). VIII (264). 2 VII (292). I (V). Reklamanten, gelegentlich beschnitten. Lagenzählung mit römischen Zahlen. Mittelalterliche Foliierung in roter Tinte (römische Zahlen), Blattzahl auf der Versoseite oben links geschrieben, nur beim letzten Blatt wurde die Zahl in der Mitte des Fußstegs geschrieben. Sie beginnt mit dem heutigen Blatt 1v. Moderne Foliierung (Bleistift): moderne Vorsatzblätter (Papier) nicht foliiert, erstes Pergamentblatt mit I foliiert. Sprung in der alten Zählung von VI auf VIII, ohne Blattverlust. Zweimal fol. XXXI vergeben. Die Blätter CXLVI, CLXX und CLXXXVII fehlen (Verlust). Moderne Foliierung (295) in schwarzer Tinte nur auf dem letzten Blatt. Jüngere moderne Foliierung (Bleistift) mit arabischen Zahlen, hier berücksichtigt: 1-292. Flecken, Kopfschnitt wellig und vergraut. Erstes Pergamentblatt im unteren Teil abgerissen. Weitere Risse und Löcher, z. B. fol. 173, 174, 196, 197, 200, 231, u.ö., alt, manchmal genäht und mit Spuren vom alten weißen Faden. Registerzungen aus bräunlichem Leder zu Beginn der einzelnen Bücher wurden entfernt. Spuren erhalten fol. 72, 252. Zweispaltig. 27 Zeilen (Haupttext); Glosse bis zu 59 Zeilen. Layout: Die Seite wurde mit zwei mittleren Spalten für den Haupttext und einem Rahmenbereich für die Glosse vorbereitet, wobei äußerer Seitensteg und Fußsteg gleich breit bzw. hoch sind (2,5 cm), während innerer Seitensteg und Kopfsteg nur 1,5 cm messen. Die Glossierung folgt keinem einheitlichen Konzept. Man findet sowohl Vier-Spalten-Klammerform (s. Powitz, Abb. 6, S. 62), aber auch den Marginalglossen-Typ (ibid. S. 76-79), bes. wenn die Teilung des Fußstegs in zwei Spalten nicht berücksichtigt wird. Viele Seiten mit geringer oder keiner Glosse. Schriftraum: 9 × 5,5 cm. Textualis von einer Hand für den Hauptext. Verschiedene Hände für die Glosse (Semitextualis). Gelegentlich Nota Bene und Maniculae. Rubriziert und gestrichelt. I. Zwei bis 27 Zeilen hohe alternierende rot-blaue Fleuronnéeinitialen zu Beginn der ersten drei Bücher, mit Fleuronnée in der Gegenfarbe. Im Binnenfeld sich einrollende Parallelfäden. Besatz: Konturbegleitende Stege, Einzel- und Parallelfäden, haarnadel- oder spiralförmig, seitlich auch in kleinen Knospen oder Zwickelpalmetten endend. Fibrillen. II. Zwei bis 14 Zeilen hohe, einfache rote Lombarden zu Beginn der Kapitel. Repräsentanten. Rote und blaue Paragraphenzeichen. Titulus currens in blauer und roter Farbe mit Angabe der Bücherzahl (römische Zahlen). Hauptinitialen: 1ra: Q(uoniam). Die Cauda des Q endet wie eine Fleuronnée-Leiste mit Fischgrätenmuster und Keilformen mit gezahnter Kontur. 73ra: I(n) 128ra: E(xpeditis).

Moderner Pappeinband aus dem 18. Jh. Pappdeckel mit hellbraunem Kalbsleder überzogen. Als der Codex 1796 erworben wurde, hatte er schon einen Ledereinband, wie dem Auktionskatalog zu entnehmen ist (s. u.). Auf dem Rücken Papierzettel mit moderner Signatur (unten). Fünf Bünde, mit eingeprägten Goldlinien hervorgehoben. In Gold eingeprägt auch Titel der Handschrift (oben): RAYMUNDI SUMMA DE CASIBUS / MS. Kapital zweifarbig umstochen. VS, HS und Vorsatzblätter aus modernem Papier. Auf VS, HS und auf deren gegenüberliegenden Seite marmoriertes Papier geklebt (Pattern: Placard), in den Farben Rosa, Grün, Hellblau, Weiß, Grau, Braun und Gelb. Auf VS aufgeklebter Papierauschnitt aus Meyers Katalog über diese Handschrift. Überzug weist Flecken und Abrieb auf. Im Rücken ist die Vergoldung teilweise abgeplatzt. Gelenk vorne leicht brüchig.

Herkunft: Aufgrund von Schriftmerkmalen und Ausstattung lässt sich die Handschrift in Frankreich (Nordfrankreich?) verorten. Vgl. Vergleichsbeispiele in Stirnemann, S. 69-70. — Provenienz: Einige Spuren von früheren Besitzern wurden wahrscheinlich entfernt. Vgl. Riss im unteren Teil des Blattes III (= I). Im 18. Jh. gehörte die Handschrift zunächst (1745) einer Person, deren Namensinitialen anscheinend E.E.H. waren; danach war sie im Besitz des Philosophen und Theologen Lüder Kulenkamp (1724-1794). Vgl. die Vermerke auf fol. IIIr. Kulenkamp folgte 1755 dem Ruf nach Göttingen als reformierter Prediger und wurde dort ab 1764 ordentlicher Professor der Philosophie. 1787 erlangte er den Titel des Doktors der Theologie. Zu seiner Bibliothek s. den Auktionskatalog mit einem Vorwort von Christian Gottlob Heyne: Bibliotheca Lvderi Kvlenkamp, SS. Theol. Et Philos. D. Prof. P. O. Coetvsqve Reformat. Apvd Gottingenses Pastoris Qvondam Dignissimi: Ordine Digesta; Qvae Gottingae Postridie Festi Ascensionis Christi A. MDCCLXXXXVI. Pvblica Avctionis Lege Divendetvr, Göttingen 1795. Dort werden auf S. I-IV 39 Codices manuscripti aufgelistet. Unter Nr. 28, S. III, wird diese Handschrift beschrieben: Sancti Raymundi Summa de casibus, c. scholiis; Cod. MS. membranaceus: Saeculo XIV. scriptus, const. foliis CCXCV. Ldb. Aus Kulenkamps Bibliothek vgl. auch die Handschriften 8° Cod. Ms. jurid. 1 Cim.; 8° Cod. Ms. philol. 109; 2° Cod. Ms. philol. 110 Cim. Zu der Bibliothek s. Gutenberg und der europäische Frühdruck, S. 66; A. Pozzo, Membra disiecta. Inhalt und Wirkung der Bibliothek des Göttinger Professors Lüder Kulenkamp (1724-1794), Berlin 2014 (Berliner Arbeiten zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft 25), hier S. 119. — Die Bücherauktion fand in Göttingen am 06.05.1796 statt. Über den Erwerb der Handschrift vgl. die Dokumentation in: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Bibliotheksarchiv, Manual 1796, S. 148: Ex Bibliotheca Luderi Kulenkampii Profess. Gottingensis. 1796. Codices manuscripti. … pag. III. Nro. 28. S. Raymundi summa de casibus, c. scholiis; Cod. Msc. Membranac. Saec. XIV. Darauf weist auch die Notiz auf fol. Iv. Ein schwarzer ovaler Stempel auf fol. 2r: EX BIBLIOTHECA REGIA ACAD. GEORGIÆ AUG: (in Benutzung ab ca. 1765 bis ca. 1850), und auf fol. 2r: EX BIBLIOTHECA REGIA ACADEM. GEORGIÆ AUG: (in Benutzung ab ca. 1765). Vgl. Bibliotheksstempel, S. 93.

Göttingen 1, S. 355; Göttingen 3, Nachträge zu Jurid. 163, S. 541.

— Ir leer. (Iv) leer bis auf bibliothekarische Anmerkungen: 1. Moderne Signatur (Bleistift). 2. Provenienzvermerk (18.-19. Jh.): Ex Bibliotheca D. Lüd. Kulenkampii. 1796. (vid. Man. h. a. p. 148.). — IIr-v leer. (IIIra-b) Pergamentblatt, mit I foliiert (keine mittelalterliche Foliierung). Raimundus de Pennaforti: Summa de casibus. (Auszug aus Buch I). [Q]uoniam ut ait Ieronimus secunda … — … ad rubrice nateriam [!] spectantes. Nur die Rectoseite in Textualis geschrieben. Raum für die Initiale (4 Zeilen) frei gelassen, diese nicht ausgeführt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine verworfene Abschrift oder um eine Schreibprobe. Das Blatt gehört der ersten Lage. Auf dem Kopfsteg ausradiert, und nur mit UV-Lampe zu lesen: curiosa Res. Frühneuzeitliche Besitzvermerke am rechten Seitensteg: L. Kulenkamp 1774. E.E.H. 1745. Unterer Rand gerissen. (IIIv) leer, bis auf bibliothekarische Anmerkung: Constat codex foliis 295. Dazu Spuren von einem handschriftlichen Vermerk, wahrscheinlich aus dem Mittelalter, in brauner Tinte, durch den Riss im unteren Bereich des Blattes unleserlich.

1ra-292rb Text: Raimundus de Pennaforti: Summa de casibus sive Summa de poenitentia. Summa de matrimonio. Cum glossis Guilelmi Redonensis. An einigen Stellen lückenhaft. Auf dem Kopfsteg von fol. 1r: Sancti spiritus assit nobis gratia, z.T. beschnitten. Quoniam ut ait Ieronimus secunda post naufragium tabula … — … voluptarias vero perdit ut ibidem plenius invenitur. Explicit summa de casibus. Danach zwei Zeilen getilgt (unleserlich). Der Text entspricht der zweiten Rezension, nach 1234 verfasst, wie sie von Kuttner (1953) festgestellt wurde. Liste der Capitula vor den jeweiligen Büchern. Zwischen den Zeilen befindet sich dort die Angabe zu den korrespondierenden Foliozahlen in roter Farbe. (1r) Auf dem Fußsteg Inhaltsangabe (Textualis), von einer späteren Hand nachgetragen: Est hec Summa de casibus Raymundi. (2ra-251vb) Summa de casibus libri III. (1ra-1va) Prologus. Quoniam ut ait Ieronimus secunda post naufragium tabula. (1va-b) Tituli libri I. (1vb-72vb) Liber I. De Symonia. Quoniam inter crimina ecclesiastica. (72vb) Tituli libri II. (73ra-127va) Liber II. In prima parte dictum est de quibusdam. (127va-128ra) Tituli libri III. (128ra-251vb) Liber III. Expeditur per dei gratiam. (251vb-292rb) Summa de matrimonio. [= Liber IV]. (251vb-252ra) Prologus. Prologus in quartum. Quoniam frequenter in foro … — … singulas pertinentes. (252ra-b) Tituli libri IV. (252rb-292rb) Liber IV. De sponsalibus. Quoniam matrimonium sponsalia. Druck: Summa sancti Raimundi de Peniafort [...] de poenitentia et matrimonio cum glossis Ioannis de Friburgo, Romae 1603. Edition: S. Raimundus de Pennaforte, Summa de paenitentia, ed. Xaverio Ochoa, Rom 1976 (Universa Bibliotheca iuris 1B). S. Raimundus de Pennaforte, Summa de matrimonio, ed. X. Ochoa et A. Diez Rom 1978 (Universa Bibliotheca iuris 1C), Sp. 903-998. Vgl. allerdings zu der Edition Bulletin of medieval canon law 11 (1981), S. 44, n. 16. Englische Übersetzung: P. Payer, Summa on Marriage, Toronto 2005 (Mediaeval Sources in Translation 41). Literatur: Schulte 2, S. 408-413, mit Erwähnung dieser Handschrift Anm. 6, S. 410. DDC 7, Sp. 462. Kaeppeli 3407. Bloomfield 5054. Michaud-Quantin, S. 34-42. Kuttner, S. 443-445. S. Kuttner, Zur Entstehungsgeschichte der Summa de casibus poenitentiae des hl. Raymund von Penyafort, in Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abt. 39 (1953), S. 419–434. K. Pennington, Summae on Raymond de Pennafort's 'Summa de casibus' in the Bayerische Staatsbibliothek, Munich, in Traditio 27 (1971), S. 471-480. Repertorio de historia de las ciencias eclesiásticas en España. 3. Siglos XIII-XVI, Salamanca 1971 (Corpus scriptorum sacrorum Hispaniae. Estudios 2), S. 12-45, ohne Erwähnung dieser Handschrift. J. D. Mann, Unstudied Manuscripts of the «Summa de poenitentia» of Raymond de Pennaforte, in Manuscripta. A Journal for Manuscript Research 34 (1990), S. 45-49. 3LThK 8, Sp. 813. Magister Raimundus. Atti del Convegno per il IV centenario della canonizzazione di San Raimondo de Penyafort (1601-2001), hg. von C. Longo, Roma 2002 (Dissertationes historicae 28).

1ra-292rb Guilelmus Redonensis: Apparatus in Summam de casibus Raimundi. Quoniam ius est ars boni et equi ... Tabula hic dicitur babtismus vel penitentia … — … etiam si voluntate mulieris facte sunt. Erweiterte Fassung der Glosse. Literatur: Schulte 2, S. 413-414, mit Erwähnung dieser Handschrift, S. 413, Anm. 2. CALMA 5, S. 160-161, hier 1, S. 160. DDC 5, Sp. 1080. DHGE 22, Sp. 995. Michaud-Quantin, S. 41-42. Kaeppeli 1637, mit Erwähnung dieser Handschrift. https://home.uni-leipzig.de/jurarom/manuscr/Can&RaomL/titles/10170.htm [zur Handschriftenüberlieferung und mit Erwähnung der Göttinger Handschrift].

— IVr-v leer. (Vr) leer bis auf ältere Signaturen (Bleistift): Jus Can. 30. 6. 4to; MSS. Jurid. 95b (Jus Canon. 30.). — Vv leer.


Abgekürzt zitierte Literatur

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Göttingen 3 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 3: Universitäts-Bibliothek: Nachlässe von Gelehrten, Orientalische Handschriften, Handschriften im Besitz von Instituten und Behörden, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1894 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 3)
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