Transkription

Günther, Johann/Schwendler, Johann Christoph: Send-Schreiben an einen S. Theologum, in welchem die 50. Motiven, dadurch eine erlauchte Person zum Abtritte von der evangelisch-lutherischen zu der römisch-catholischen Kirche soll seyn verleitet worden, kürtzlich nach und aus Gottes Worte geprüfet.
[Inhaltsverzeichnis]
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I. N. J. Send-Schreiben an einen S. THEOLOGUM, In welchem die 50. Motiven / dadurch eine Erlauchte Person zum Abtritte von der Evangelisch-Lutherischen zu der Römisch-Catholischen Kirche soll seyn verleitet worden, Kürtzlich nach und aus GOttes Worte geprüfet / Sich anfangs zu eigner Erbauung aufgesetzt; Hernach aber auf Rath eines hoch-verdienten THEOLOGI zu anderer Stärckung überlassen von Einem Liebhaber der Warheit. Zum Beschlusse sind hinzu gefüget 50. wichtige Motiven / welche einen jeden rechtschaffenen Christen abhalten können, daß er sich zu der Römischen Kirche nicht begebe.
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Leipzig / bey Joh. Friedr. Braun / 1711.
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JESUS!
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Heiliger Vater / heilige uns in deiner Warheit / dein Wort ist die Warheit / Amen.
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Hoch-Ehrwürdiger, Großachtbarer und Hochgelahrter Herr,
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Sonders Hochgeehrtester Amts-Brüderlicher Gönner und Freund.
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DEsselben geehrtes vom 1. Junii hab ich den 6. ejusd. nebst der Beylage so wohl der 50. Motiven oder Bewegenden Ursachen und Betrachtungen mit wahren Grund der rechten Vernunfft des Glaubens kürtzlich abgefasset / warum unter so vielen Religionen etc. der alleinige Römisch-Catholische Glaube zu erwehlen und allen andern Glaubens-Bekäntnißen vorzuziehen sey, samt einem Schrei
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ben Clementis XI. an Hertzog Anton Ulrich zu Braunschweig und Lüneburg / unterm 2. Feb. 1710. als auch des Briefs den 8. Martii 1711. an den Hrn. M. L.P.A. B. abgelassen / richtig erhalten / dafür ich demselben großen Danck sage / und mich zu allem möglichen Gegendienst wieder verpflichte. So eyfrig aber mein Verlangen solche zu fehen und zu lesen gewesen; so wenig Zeit hab ich doch gefunden / solches ins Werck zu richten. Und ob ich gleich den 10. Junii einen Anfang machte; so muste ich doch solche weg legen / biß mir vergangenen 20. und 21. Julii eine Reise vorstieß / bey derer Gelegenheit ich solche von Anfang biß zu Ende gelesen / und alsbald auf dem Wege ein und andere Structuras und Observationes auf den Rand notirete. Und weil ich heute (31. Julii 1711.) noch ein wenig Zeit übrig finde; so will ich solche zusammen colligiren und meinem Hochwerthesten Herrn zu seinem Judicio überschicken / und damit zugleich die angefangene erbauliche Correspondence suchen zu continuiren. Ich ruffe den Vater der Lichter im Nahmen JEsu um sein Licht und Krafft darzu an / der erleuchte uns durch seinen Geist in seinem Worte / alle irrige Vernunffts-Lichter
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glücklich zu erkennen und zu verwerffen / die Irrigen auf ebener Bahn zu führen / die Schwachen zu stärcken / die Befestigten zum Bekäntniß freudig zu machen / um sein selbst willen / Amen! Aus der Historie ist bekant / daß vor diesem schon mehr dergleichen Bekäntnisse und Schutz-Reden der ohne Grund vorgenommenen Religions-Veränderungen herauskommen sind / welche mit diesen Motiven und Bekäntnissen zwar der Zahl nach / aber zu ihrem schlechten Vortheile / vermehret werden. Der Titul ist: 50. Motiven oder bewegende Ursachen und Betrachtungen. Heist es aber sonst: Quantitatis nulla est efficacia; so wird wohl die gröste Zahl der Warheit wenig geben oder nehmen: indem nicht die Frage ist wie viele / sondern wie wichtig die Motiven sind / und da wird sichs weisen / daß die meisten entweder gar nichts gelten / oder sehr leicht sind / die aber einen Schein der Warheit haben / der Krafft nach mehr für unsere wahre Religion als ihre anzuführen sind. Zum Principio cognoscendi ist die rechte Vernunfft und der Glaube gelegt. Welches aber zwey sich selber ausschliessende und einander entgegen gesetzte Dinge sind. Denn
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der Glaube kommt nicht aus der Vernunfft / sondern aus dem Gehöre des Evangelii / Röm. 10. Und hernach ist der Glaube nicht ein Principium sondern ein Principiatum, etwas das aus einem andern muß erkant und geurtheilet werden; in Glaubens-Sachen muß NB. alle Vernunfft gefangen werden / unter den Gehorsam Christi 2. Cor. 10. Der thierische Mensch vernimmt nichts etc. 1. Cor. 2. Ob die hohe Person / oder nicht vielmehr ein Römisch-Catholischer Geistlicher / unter dem Nahmen dieser hohen Person / der wahre Autor zu dieser Schrifft sey / will ich nicht untersuchen: jedoch dieses zuvoraus bedingen / daß ich hier mit derselben nicht weiter zu thun habe / als sofern unsere Religion angegriffen / und dadurch vielen einfältigen und unvorsichtigen ein Ergerniß und Gefahr entstehen kan / wie ich denn hiemit bezeuge / daß die Methode und die Art des Vortrages so afficirend eingerichtet ist / daß ich diese Untersuchung vor mich selbst / sonderlich zu dieser Zeit nöthig halte / und nachdem sie einem vornehmen Theologo communiciret wurde / so hat er solche zur Publication begehrt / darzu ich auch solche mit Beyfügung dieser wenigen Worte überlasse / GOtt wolle auch darauf
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einen Seegen legen um Jesu Christi Willen / Amen. Ich komme hierauf zur Vorrede des Hrn. Autoris, in welcher er anfangs beschreibet die Sorge für seine Seele / und den einigen wahren seeligmachenden Glauben zu erkundigen; auch zugleich die Mittel anführet / die er anfangs gebraucht / und die dennoch die gesuchte Wirckung nicht gehabt; und die er nachgehends gebraucht / nemlich das Gebeth und die Göttliche gnädige Hülffe / die Ubung der Gottseligkeit zur Vermeidung aller parteyischen Neigungen / und die Betrachtung seines Endes und des letzten Gerichts. Nebst diesen Mitteln habe er sich vorgestellet / einige unfehlbare Fundamenta oder Haupt-Punct des Christlichen Glaubens / in welchen alle Religionen überein kommen / und denn die Grund-Regeln der rechten Vernunfft. Und bey deren Applicirung habe er die Römisch-Catholische für allen andern erwehlet. Hierauf mercke folgendes an: daß es allerdings nöthig ist / daß ein Mensch die Warheit seiner Religion untersuche / und nicht nur darum für wahr halte / weil er solches von seinen Lehrern oder Eltern gehöret; sondern er muß es selbst erfahren / und in seiner Seelen ge
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schmecket haben / denn die wahre Theologie ist practica affectiva, und gehet vom Wissen zum Thun. Nunmehro aber ist die Frage: Was soll einer vor Mittel darzu gebrauchen / die Warheit seiner Religion zu erfahren? Und weil pro diversitate subjectorum auch diversa media seyn / oder doch diversa mediorum applicatio ist / so muß auch hier gesehen werden / was vor ein Subjectum diese Media appliciret hat / da wird sichs denn weisen / daß eines und das andere zu desideriren ist. Da das Subjectum mangelhafftig / so kan auch wohl die vorgenommene Operation nicht ex culpa mediorum sondern subjecti, einen ungleichen effectum produciren. Nun ist aber das Subjectum bißher nicht ohne Religion / sondern der Evangelischen Lutherischen Religion zugethan gewesen / und hat solche öffentlich bekennet; gleichwohl aber lehret ietzt der Ausgang / daß das Bekäntniß dem Hertzens-Glauben ist zuwieder gewesen / und das Gemüthe vielmehr mit allerhand Zweiffel umgegangen; da denn die Frage: Ob man nicht zu diesen Zweiffeln mit seinem Fürwitz Gelegenheit gegeben / und an statt der Warheit / Lügen lieb gewonnen? da denn GOtt aus gerechtem Gerichte solche
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Leute fallen lässet / und mit seiner besondern Gnade von ihnen weichet / daß sie den Lügen glauben. 2. Thessal. 2. Irre sich niemand / GOtt läßt sich nicht spotten / Gal. 6. Wer von Jugend auf in der wahren Religion erzogen / derselben aber nicht von Hertzen würdig wandelt / und GOtt weder dancket / noch ihn um Erhaltung darinnen anrufft / auch sich nicht weiter begehrt darinnen recht zu befestigen / vielmehr sich unnöthige Scrupel sucht und macht / seinen Lüsten folgt / das Gebethe unterläst / den kan GOtt / ungeachtet seiner Weißheit und äuserlichen Frömmigkeit / gar leicht fallen lassen. Hernach will ich ietzt nicht an qualitatem der ersten Mittel gedencken; sondern nur derselben usum und ordinem berühren / ob man sie auch recht gebrauchet hat; als worauf es hauptsächlich ankömmt. Wie / quo scopo, fine, modo hat man die Universitäten besucht / die Bibliotheken durchgangen / die Glaubens-Streitigkeiten gelesen / die Doctores befragt / den Disputationibus beygewohnet / mit den Vornehmsten jedes Glaubens gesprochen? Das solte alles communiciret werden / so könte man bey der Untersuchung sehen / bey wem die Schuld / ob bey jenen oder bey dem Hrn.
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Autore? ob die Gründe kräfftig genug zu convinciren / und ob das Hertz mit unnöthigen und unbilligen praejudiciis verstrickt / solche nicht können / oder nicht wollen anzunehmen? 2. Tim. 3.7. Soll ich aber auch etwas von der Beschaffenheit dieser Mittel sagen; so eracht ich sie freylich theils vor unzulänglich / sein Gewissen in Ruhe zu setzen. Und wäre das sicherste gewesen / nebst dem Gebeth die Heil. Schrifft für sich zu nehmen / und dieselbe fleißig und aufrichtig zu lesen / Joh. 5 / 39. Luc. 16 / 29. 2. Tim. 3 / 15. seqq. so würde GOtt vielleichte besseren Segen gegeben haben; und eben das ist es auch / was ich auf die zuletzt adhibirten Media antworte. Ich traue aber dem Hrn.Autori zu / daß er mit Erzehlung derselben Gebrauchs aufrichtig umgehet. Gesetzt aber auch / daß er die erzehlten Mittel also gebrauchet hat, so ist die Frage: Ob die Mittel / die ex sua natura gut und auch geschickt wären den rechten Finem zu erlangen / nicht ex vitio Subjecti sind verhindert worden. Denn erstlich muß sich der Hr.Autor prüfen / wie er mit der von Jugend auf erkanten Warheit / auch nur so viel er davon erkant hat / ist umgegangen? ob er GOtt dafür gedancket / ihn um die Bestätigung darinnen
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angeruffen / dieselbe geprüfet / sich darinnen gestärcket / derselben würdiglich gewandelt? ist es nicht geschehen / so müste er nicht von dem Gebethe um Erhaltung / Erleuchtung und Gottseeligkeit anfangen / denn das ist ein grosser Saltus, macht einen schrecklichen Hiatum, der Unglücke bringt; sondern von der Busse: erkenne deine Sünde / bereue sie / suche Trost in JEsu / und nun bete und bessere dich; denn GOtt hört die Sünder nicht / Joh. 9. Hernach so prüfe man sich aufrichtig für GOtt / so wird man sehen / daß ein solches Gebeth mehr ein Versuchen als Anbeten GOttes ist / welches dergleichen unseligen Ausgang hinter sich läst. Und dahin geht das Zeugniß der Päbstlichen Abgesandten Sess. I. C. T. Edit. Hallens. p. 12. nisi peccata bene cognita & perspecta fuerint, frustra intrari in concilium, frustra invocari Spiritum S. &c. Die Ubung in der Gottseligkeit ist gut; sonderlich wo wenig davon geredet aber viel gethan wird / wenig Worte und viel Gehorsam GOttes: aber es giebt eine äuserliche Moral und innerliche Frömmigkeit / eine eingebildete und wahre / eine natürliche und geistliche; Bey dem 3. Mittel ist es eine weitläufftige Frage / ob alle parteyische Neigung kan ab
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geleget werden / und ob ich sie ablegen soll / und obs hier geschehen ist? Die Neigung zur Warheit muß ein Rechtgläubiger niemals ablegen; denn das hiesse doch einmahl dran zweiffeln und sündigen / daß was gutes daraus komme. Warheit und Gottseligkeit muß stets beysammen seyn / so wenig ich auf eine Zeitlang zweiffeln soll / ob ein GOtt sey / daß ichs hernach gewiß wisse; Hernach ist die Frage / ob die parteyische Neigung zu den irrigen Religionen kan abgeleget werden? Unser Verstand ist von Natur stets zum Irrthum geneigt / und inclinirt immer mehr zur Lügen als zur Warheit; ob nun wohl ein Rechtgläubiger Christe aus GOttes Wort erleuchtet / solche Neigung in sich dämpfft und darüber herrscht / so kan er sie doch nicht gantz ablegen / sondern sie hindert ihn noch immerzu. Sonderlich aber ist hier die Frage / ob man nicht die parteyische Neigung zur Päbstischen sich hat mehr als zu sehr einnehmen lassen? Es ist gar ein anders / die wahre Ablegung und die eingebildete Ablegung: ach das Hertze läst sich gar zu leichte die äusserliche Dinge heimlich beugen / daß mans kaum mercket / sonderlich wo mans nicht will mercken / und es weichet auch GOtt von ih
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nen / und wehe ihnen / wenn dieser weg ist mit seiner erleuchtenden Gnade. Und endlich ist der Glaube nicht unser Werck und auch nicht mit unserm Thun zu erlangen / sondern er ist GOttes Werck und Gabe / Joh. 6. Die Vorstellung des Endes und des letzten Gerichts sind gute Verwahrungs-Mittel / aufrichtig und ernstlich mit einer Sachen umzugehen; aber die daraus gezogene Conclusion braucht noch eine weitere Untersuchung. Deßwegen muß ich nicht bald eine Religion verwerffen / so ich auch nur den geringsten Irrthum drinnen finde / denn da ist bekant / daß die Religion unter Menschen ist / die noch nicht völlig erleuchtet sind / und kan also gar zu leicht ein Irrthum einschleichen. Steckte nicht Petrus / der ein Pfeiler der Warheit / Gal. 2. zu Antiochia in einem Irrthum / den Paulus an ihm straffte? deswegen war Petri Religion von Pauli Religion nicht unterschieden / noch zu verlassen. Man reformire die Fehler in der Lehr und Leben / die sich mit einschleichen / und behalte die Warheit. Der angeführte Spruch 1. Tim. 3.15. will eben dieses. Weil die Kirche ist ein Pfeiler und Grund-Feste der Warheit / so soll sie solche suchen rein zu behalten / damit
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aber ist noch nicht bewiesen / daß nicht ein und ander Irrthum einschleichen kan. Man bedencke über das oben angeführte Exempel den Zustand der Kirchen zu Corinthen die 7. Gemeinen in der Apoc. und mercke dabey die Worte Pauli Act. 20. v. 30. und lerne: Ab officio tuendae veritatis ad effectum nunquam mutandae veritatis N. V. C. Petrus war auch ein Pfeiler der Warheit und wanckte gleichwohl. confer. Euseb. lib. 5. Hist. Eccl. c.1. Gregor. Naz. T. I. pag. 389. Und wie wird es um die Application stehen? Solte die Römische Kirche ohne Irrthum seyn / die so viel Lehren hat / die nicht nur sondern gar sind? Hierauf folgen noch 2. Stücke / die er sich vorläufftig zu betrachten vornimmt: 1.) etliche unfehlbare Haupt-Puncta, in welchen alle Christliche Religionen einstim̅en / 2.) die Grund-Regeln der Vernunfft. Was das erste Stück anbelangt; so wundert michs daß er nicht sowohl das Principium selber zum Grunde legt / als nur etliche Principiata, die doch ihre Gewißheit und Ansehen / erst aus der Heil. Schrifft her haben. Bey dem 3. acht ich wohl zu mercken / daß es nicht genug ist die Glaubens-Lehre wissen und bekennen / und zu sagen: HErr / HErr / sondern GOttes
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Wille muß auch gethan seyn / Matth. 7. Was das 2. anbelangt / so ist die Vernunfft freylich als eine Gabe GOttes nicht zu verachten; aber NB. auch recht zu gebrauchen / und nicht zum Principio oder Comprincipio normativo zu machen in Glaubens-Sachen; sondern allein als ein nützlich Werckzeug anzuwenden / und dieses nach 1. Cor. 2. 14. 2. Cor. 10. 5. Denn da gehet die Religion mit Geheimnissen um / die ich nicht per suam Causam erkenne / sondern schlechter Dings glaube / weil es GOttes Wort sagt / und eben das gilt auch von ihren Regeln und Aussprüchen und Schlüssen. Daher fällt alsbald die erste Regel weg. Die Religion ist nicht einer freyen und willkührigen Erwehlung zu unterwerffen; sondern sie dependirt von GOttes Offenbahrung: unsere Vernunfft ist auch nicht Herr über sie / weil sie aus GOttes Wort / die nicht aus menschlichen Willen / sondern von GOtt her ist; ich kan auch nicht das / was der rechten Vernunfft gemäß / vor dem / was der Vernunfft zuwider / erwehlen / weil sie kein judicium reale de sententiis, sondern nur modale de connexione sententiarum hat / Matth. 22. 29. 31. Und wenn wir gleich einen und andern
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Schluß / Folge und Vergleichung anstellen / so geschiehet solches nicht aus der Vernunfft / sondern durch die Vernunfft aus der Schrift / und behält die Schrifft das Urtheil von der Warheit / nicht die Vernunfft: Ja auch die erleuchtete Vernunfft / und NB. Experientia spiritualis ist kein Principium normativum, sondern diese Ehre bleibt allein dem recht verstandenen Worte GOttes / 2. Cor. 4 / 6. collat. Act. 17 / 2. 11. Die andere Regel ist richtig / auch deren Determination oder die dritte Regel; aber deren Application und usus, oder die vierdte Regel / ist schnurstracks wider die Art der wahren Religion / welche weder von der Vernunfft / noch von dem Ansehen der Verständigen und Frommen / noch von dem unmittelbaren Einsprechen des H. Geistes; sonden allein von GOtt und seiner Offenbahrung NB. im geschriebenen Worte dependiret / wie aus den bißherigen Demonstrationen schon bekant. Dem ersten widerspricht 1. Cor. 2 / 14. dem andern 1. Cor. 1 / 25. Col. 2 / 8. Rom. 3 / 4. dem dritten aber die praxis Apostolica, 2. Petr. 1 / 19. Da nun also die Fundamenta so unrichtig und ungegründet sind / so ist leicht zu erachten / was von denen daraus gezogenen Betrachtungen
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und Conclusionibus zu vermuthen / wie eitel und ungegründet dieselben gleichfalls werden aussehen / und dem Hause gleich sind / das auf dem Sand gebauet / und von jedem Winde und Regen wird umgestossen werden / Matth. 7 / 26. 27. Und sind sie gleich seinem Verstande überlegene und recht bewegende Ursachen; so ist doch ein großer Unterscheid inter intellectum sibi relictum & variis praejudiciis occupatum, & inter intellectum rectè & malè informatum. Einen Wollüstigen können geringe Dinge mächtig genug bewegen / die einen Geitzigen nicht können moviren; noch weniger einen von GOtt erleuchteten und gestärckten Christen. Also hat der Hr. Autor seinen Verstand wohl zu prüfen / ehe er eine solche wichtige Sache vornimmt / daran der Seelen Heil hanget. Und da auch nunmehr solche Erinnerungen solten vor ihn kommen / so wünsche ich von Hertzen Göttliche Erleuchtung darzu / und bitte GOtt / daß er ihn rühren / und wieder zurechte bringen wolle! Ja GOtt lasse keinen dieses ohne Segen lesen / damit sein Nahme durch Warheit und Gottseligkeit recht sehr geheiliget werde / Amen. Doch ich komme nunmehro zu den Moti
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ven selbst / die ihn sollen zur Erwehlung des Römisch-Catholischen Glaubens bewogen haben / und setze also folgende Beantwortungen:

Antwort auf die erste Betrachtung.
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Der Inhalt dieser Betrachtung ist: Welche Religion eigenthümlich ist derjenigen / welche nachfolgen dem Römischen Glauben / so aller Orten und Enden in der gantzen Welt ausgebreitet / in allen Glaubens-Artickeln allezeit einhellig / allezeit gleichförmig ist / und gewesen ist / das ist die wahre Religion. Die Evangelische Religion ist nicht eigenthümlich etc. E. ist die Evangelische Religion nicht die wahre / und also zu verwerffen. Den ersten Satz laß ich stehen / und wende mich zu dem andern / und zwar zu dessen Beweiß / der sehr unbillig ist / und nichts beweiset. Denn er fällt von dem wahren Verstande des Worts Evangelii / auf einen gantz andern Verstand / und nim̅t das Wort einmahl etymologicè; hernach consuetudinariè. Will er bey der ersten Bedeutung bleiben; so negir ich den minorem, und zeige ihm / daß allerdings die Evangelische Lutherische Religion in ihrer Lehre mit allen heiligen Evangelien
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übereinstimmet; bleibt er bey der andern Bedeutung / und versteht dadurch diejenige Religion / welche von Calvino den Nahmen hat / und etliche harte und GOttes Wort allerdings entgegen lauffende Lehren hegt / so laß ich gar gern den Minorem stehen / und falle seiner Conclusion selbsten bey. Versteht er aber dadurch unsere Evangel. Lutherische Religion / so muß er seinen Beweiß nicht à contradictione nostrorum adversariorum, sondern aus unsern eigenen Lehr-Sätzen herholen. Es wäre denn / daß er seine Gedancken auf diejenigen richte / welche die Lutherische und Calvinische Religion mit einander vereinigen wollen / bey Behaltung der sich einander wiedersprechenden Lehren / welches aber weder seyn kan / noch von unserer Kirche angenommen worden / zugeschweigen / daß es ein gantz falsch praesuppositum sey / was der Autor in der ersten Betrachtung bald zu Anfange praesupponiret hat / ob sey die Römisch-Catholische Religion in allen allezeit einhellig. Die wichtigen Streitigkeiten zwischen den Dominicanern und Jesuiten / wie auch zwischen den Jansenisten und Jesuiten / zeigen gar ein anders. Uber diß ist wohl zu mercken / daß wenn der Autor hätte erweisen wollen /
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daß unsere Evangelische Lutherische Religion mit den heiligen Evangelien nicht übereinstimme / er solches dahero hätte beweisen müssen / daß unsere Religion von dem in der H. Schrifft vorgetragenen Evangelio abwiche / nicht aber daher / (wie er gethan /) weil sie von der Reformirten Religion / die wir als eine irrige / öffentlich verwerffen / abweichen.

Antwort auf die andere Betrachtung.
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Diese ist hergenommen von dem Widerspruch der Lutheraner und Calvinisten / aus denen beyden er keine habe wehlen können / weil sich beyde einander widersprochen: allein 1.) hat er unrecht gethan / daß er in Glaubens-Sachen die Vernunfft zu seinem Richter und Entscheider angenommen / und was diese ihm eingegeben / so gleich vor Wahrheit angenommen / wider die klaren Worte der Schrifft / 1. Cor. 2. Und ob es gleich hier scheinet / daß er sie hier nur zum instrument gebraucht / welches noch könte gelten; so weiset doch das nachfolgende gar ein anders. Denn da gedencket er / daß Lutheraner und Calvinisten für ihre Meynung einige Texte anführen / erklären und behaupten aus ihrem
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Privat-Geiste: aber keine Motiven vorbrächten / warum des andern Privat-Geist mehr irren solte als des andern; also habe er auch keine erwehlen können. Das heisset ja seine Vernunfft / und nicht einmahl die gesunde / sondern blinde / und von dem Eigenwillen gefangene Vernunfft / zum Principio gemacht. Die Schrifft ist nicht aus dem Privat-Geiste zu erklären / sondern durch den Heil. Geist. Durch dessen Eingeben sie geschrieben / durch dessen Hülffe muß sie auch erkläret werden. Wer also bußfertig ist / GOtt um seinen H. Geist im Nahmen JEsu anrufft / die Schrifft also mit Buß und Gebeth zu seiner Erleuchtung lieset / die vorhergehenden und nachfolgenden Worte / wie auch den Haupt-Zweck dieses oder jenes Spruches wohl überleget / dem wird GOtt auch gewiß seinen Heil. Geist nicht versagen; sondern ihn aus dem Wort GOttes lehren / nach den schönen Verheissungen / Psalm 32. Ich will dich unterweisen etc. und nach den Zeugnissen Psalm 19. und 119. Dein Wort macht mich klug. Und das ist alsdenn kein Privat-sondern der Heil. Geist / der insonderheit und öffentlich zeuget und lehret. Es ist nicht genung / einen Text anführen vor seine Mey
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nung: sondern er muß auch geprüft werden / ob dieser Text die Meinung beweiset. Nicht gnug erklären / sondern die Erklärung muß auch mit GOttes Wort einstimmen. Nicht gnug / daß ich meinen Privat-Geist und Sinn zur Richtschnur mache / als obs gnug wäre / wenn es damit einstimmte / sondern es muß mit dem in der Heil. Schrifft befindlichen Worte GOttes übereinstimmen / das ist allein das wahre allgemeine vollkommene Principium normativum, und durchaus nicht unsere Illuminatio oder Experientia. Nach jenem und nicht nach diesem muß die Prüfung angestellet werden / nicht weniger von gemeinen Leuten / als von den öffentlichen Lehrern. Gut wäre es / wenn ein oder mehr Exempel wären angeführet worden / so hätte man solche geprüfft. Rathe aber noch solche Prüfung. Ist aber jemand so boßhafftig / der auch die offenbahre Warheit nicht erkennen will / sondern vielmehr noch widerspricht / den überlassen wir GOttes Gerichte. Nach dem Zeugniß Lutheri. confer. Luth. T. 2. Jen. a. f. 127. b. 129. b. 135. a. 194. Haec est origo litis incomponibilis & assiduae inter veraces & fallaces, quod utrique sua studia asserunt solida esse, ita ut nisi solus Dominus
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his judicet, nullus hominum judicare possit. Das Urtheil eines eintzigen Lehrers aus der Schrifft und nach der Schrifft / ist das Urtheil des Heil. Geistes / das Urtheil aber des Pabstes und aller Cardinälen und Concilien ohne und wider die Schrifft / bleibt ein Urtheil des Privat-Geistes / das niemand ungeprüfft annehmen muß.

Antwort auf die dritte Betrachtung.
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Diese Betrachtung hat die Wiedertäuffer und Arrianer oder Socinianer zum Grunde / die gleichfalls vor Evangelisch solten von uns erkant und angenommen werden. Weil sie ihre Lehre auch wie wir aus GOttes Wort beweisen. Allein insgemein ist hier zu wiederholen was ich oben schon gesagt: ein anders ist / seine Meynung aus der Schrifft beweisen / auf einigerley Weise / ein anders auf rechte Weise. Marc. 16 / 16. wird nicht sowohl ordo als vielmehr necessitas fidei salvandorum gelehret / welche Erklärung die Schrifft / der context, sonderlich des Gegensatzes: Wer aber nicht glaubet etc. und die Worte selbst mit sich bringen. Will nun jemand solchen deutlichen Vortrag nicht an
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nehmen und sich nicht überzeugen lassen / oder die erkante Warheit nicht bekennen / so ist er GOttes Gerichte zu überlassen. Fides non vult cogi. Die Worte Joh. 14 / 28. können wir durch GOttes Gnade und fleißiges Forschen schon verstehen und erklären / daß JEsus hier in Ansehung seiner menschlichen Natur redet / und seiner tieffen Erniedrigung und Knechts Gestalt / wenn wir gleich der Väter Zeugniß nicht hätten / die offt vielmehr die Sache verwirren / als deutlich machen. Und gilt uns der Väter Autorität in diesem Punct gar nicht mehr / als in andern Puncten. Wir brauchen sie nicht / Lehr-Puncte daraus zu beweisen / sondern nur bloß als Argumenta Historica, zu zeigen was von diesem und jenem Puncte von den Vätern ist gegläubet worden. Wenn wir aber unsre eigne Erklärung geben / so geschiehet es nicht aus unserm Privat-Geiste / den wir nicht pro normativo Principio halten / sondern es geschicht aus und nach der Schrifft / da es denn nicht nöthig ist / alles mit klaren Worten und Buchstaben zu zeigen; sondern es ist auch probatio mediata oder per legitimam consequentiam gültig und tüchtig / und von JEsu Matth. 22. und seinen Aposteln / Petro Act. 2. und Paulo Act. 13. u. s. f. gebrauchet.
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Antwort auf die vierdte Betrachtung.
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Diese Betrachtung hat einen Spruch zum Grunde aus Jerem. 6 / 16. welcher Anno 1698. den (9) 19. Junii an dem öffentlichen Buß-Tage in den Sächsischen Landen erkläret worden / dessen Zweck darinnen bestehet: daß Jeremias die Jüden zu seiner Zeit / die von den Wegen und Gebothen GOttes abgetreten und Abgötterey und Boßheit sich erwehlet hatten / vermahnet auf die Wege zu treten / und zu sehen / oder zu prüfen / und zu fragen nach den Wegen der Zeit / ob dieser Weg gut und darinnen zu gehen / so würden sie Ruhe finden für ihre Seelen. Hierauf solte nun der Transitus kommen / der Weg der Päbstischen Religion sey der Weg der Zeit / welches weg gelassen wird / weil man vielleicht solches zu sagen Bedencken hat. Indessen wird doch ein Beweiß dazu gesetzt / der hergenommen ist von vieler Seligkeit / die sie auf diesem Wege der Römisch-Catholischen Religion erhalten / da man hingegen von anderer Religion kein Exempel wisse. Allein wie übel hängt alles an einander / und noch übler ist es zu beweisen. Jeremias ver
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mahnt nach dem Weg der Zeit zu fragen: Ergo heist er die Evangelischen Papistisch werden? woher weiß ers / daß viele in dem Römisch-Catholischen Glauben sind selig worden? woher weiß ers nicht gewiß daß etliche aus den andern Religionen sind selig worden? Jenes ist vielleicht eine parteyische Mutmassung und ungegründete Hoffnung die sie sich machen / diese aber ein bitterer Neid und Argwohn / der den Beschuldigten nicht schadet; solchergestalt wird auch die Conclusion keiner Gewißheit seyn / noch vielweniger die Römisch-Catholische Religion für allen andern zu erwehlen.

Antwort auf die fünffte Betrachtung.
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Die fliesset aus der vorigen / und ist ein Beweiß der vorigen. Daher auch die vorige Antwort zu wiederholen. Es ist wahr: wer selig wird / gefället GOtt. Denn eben das Wohlgefallen ist der Menschen Seligkeit. Jerem. 9. etc. Es ist auch wahr / daß ohne Glauben niemand GOtt gefallen kan / Hebr. 11 / 6. wodurch denn auch unstreitig der wahre Glaube verstanden wird; allein wie connectirt nun Thesis nnd Hypothesis:
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E. ist der Römisch-Catholische Glaube der wahre. Er spricht: es sind ohn allen Zweiffel viel in dem Römisch-Catholischen Glauben selig worden. Wer sagt dieses? die Widersacher selbst können es nicht leugnen. Wo haben sie es zugestanden? Dieses leugnen wir wohl nicht / daß in der Römisch-Catholischen Kirche Leute sind seelig worden; aber nicht in dem Römisch-Catholischen Glauben / sondern in dem wahren Glauben / der aus GOttes wahrem Wort herkömmt. Sie haben Christi hochtheures Verdienst ergriffen / und sind also gerecht und selig worden / wie der Kayser Carolus V. Ferdinandus I. Maximilianus II. und viele andere Weltliche und Geistliche Hohe und Niedrige Standes-Personen / solche sind wohl in aber nicht von der Römisch-Catholischen Kirchen gewesen: confer. D. Ge. Heinr. Götzens von Lutherischen Römischen Kaysern.

Antwort auf die sechste Betrachtung.
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Diese Betrachtung ist auf die vorhergende gegründet; wie nun dieselbe ohne Grund / also auch diese. Es ist ein GOtt / es ist auch
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nur ein Glaube / dieser aber ist / der JEsum Christum den Sohn GOttes allein zum Grunde der Seligkeit hat / welches der Römisch-Catholische Glaube nicht thut; und ist also kein Heyl darinnen / auch nicht anzunehmen. 1. Cor. 3.

Antwort auf die siebende Betrachtung.
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Diese Betrachtung führet zum Grunde: daß die Ketzer bekenneten / die Catholischen könten selig werden; da diese jenen solches absprechen. Allein wer hat gesagt / daß ein Römisch-Catholischer in sensu reduplicativo als ein Römisch-Catholischer kan selig werden? und was giebt das der Warheit für Schaden und Vortheil wenn ihr Feind sie bestreitet? und wie kan also einer solche ungegründete Dinge in die Wahl setzen / das sicherste draus zu erwehlen? Es kan ein Römisch-Cathol. in sensu specificativo der in der Röm. Kirche ist / und der Busse thut und an JEsum Christum glaubt und seiner eigenen Gerechtigkeit absagt / un̅ allein Christi Gerechtigkeit ergreifft / selig werden. Deswegen folgt daraus noch lange nicht: E. kan einer selig
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werden / der auf seinen Päbstischen Glauben stirbet. Es hat niemahls ein Evangelischer Lehrer statuiret / daß ein Päbstischer / der auf seinen Päbstischen Glauben lebet und stirbet / könne selig werden.

Antwort auf die achte Betrachtung.
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Die Sprüche Deut. 32 / 1. 7. Prov. 22 / 28. sind sehr gut an und vor sich selbst / und handelt jener von den fleißigen Catechisationibus der Hauß-Väter mit ihren Kindern / aus dem geschriebenen Worte GOttes anzustellen / nach Deut. 6 / 6. Nicht aber von Satzungen außer der Schrifft / Deut. 4 / 2. der andre handelt eigentlich von den Gräntzen die niemand verrücken soll. Und obgleich die Worte allegorice auf den Glauben der Alt-Väter gezogen werden; so ist hernach erst die Frage / was wir für Alt-Väter nehmen sollen. Denn David sagt / Psalm 119 / 100. also nehme man fein die rechten Alt-Väter die Propheten und Apostel / auf die auch Hieronymus die Worte deutet / so wird man bald sehen / daß wir ihre Gräntzen noch beobachten / welche die Römisch-Catholischen sehr übertreten. Daß Augustinus sich
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von den Manichäern zur Christlichen Kirchen gewendet / hat er daran recht gethan; was er aber und Irenaeus und Tertullianus und Hieronymus von der Kirchen schreibet / dessen hat sich nicht die Römisch-Catholische Kirche / sondern die allgemeine Christliche Kirche anzunehmen; indem jene nicht mehr glaubt / was diese glauben soll / nach GOttes Wort. Und kan sich dessen die ietzige Römische Kirche so wenig annehmen / als eine Hure des bey ihrer reinen Jungfrauschafft empfangenen Lobes. Und über dieses ist auch zu mercken / daß nicht alles Gold ist in den Vätern / sondern viel Spreu mit untergemenget; welches die Römisch-Catholischen allein ergreiffen / und lassen jenes fahren. Die Kirche ist Apostolisch / die die Apostel gepflantzt haben / und die die Lehre der Apostel hatten / als die zu Corinthen / Epheso / und dergleichen auch zu Rom / und weil diese um das Jahr Christi 400. vor andern in Occident berühmt war / wegen des reinen Glaubens / guten Ordnung und Lebens / und vieler Märtyrer / so hieß sie Apostolisch / wie aus dem 17. Can. Concil. Chalced. zu ersehen; dahingegen im Orient die Alexandrinische und andere eben
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diesen Titul führeten. Derselbe ist Petri Nachfolger / und sitzt auf seinem Stuhl / der seiner Lehre folgt / die er von dem HErrn mit den andern Aposteln empfangen / er mag also dem Orte nach seyn wo er will / conf. Sinesii 56. Epist. &c. Was Augustinus von der Kirche und damahligen Pabste geglaubet / ist zu sehen Praefat. in Ps. 139. Exposit. in Evangel. Joh. Tract. 124. dazu kan genommen werden / Cyprianus Epist. 71. n. 73. und l. de unitate Ecclesiae. Was Tertullianus geglaubet / ist zu sehen de Praescript. accommodat. 1. Item Irenaeus lib. 4. c. 43. l. 3. c. 2. Confer. D. Pauli Antonii scriptum de qualitate Fundamentorum pag. 18.

Antwort auf die neundte u. zehnde Betrachtung.
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Dieser Grund gründet sich auf die vorigen / und ist also auch die vorige Antwort zu wiederholen. Ein anders ist die Römische Kirche / ein anders der Glaube. Ein anders die alte Römisch-Apostolische Kirche / ein anders die nachgehends abgefallene / abtrünnige Kirche. Jene haben in der noch blühenden Kirchen gelebt / jetzt ist sie nach vieler redlichen Papisten eignen Geständniß / in dem grösten
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Verfall; Jene haben für die Warheit ihr Blut vergossen / jetzt glaubt sie den Lügen.

Antwort auf die eilffte Betrachtung.
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Die verdammten Ketzer sind nicht darum verdammt / daß sie von der Römischen Kirchen / sondern daß sie von der wahren Kirchen abgefallen / und die Warheit verlassen.

Antwort auf die zwölffte Betrachtung.
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Paulus ist ohne Zweiffel recht gläubig gewesen; auch die zu seiner Zeit florirende Römische Kirche / aber daraus folgt nicht / daß der Römische Glaube / noch ist der wahre Apostolische Glaube / welches gnugsam von den unsern probiret worden / und auch nur neulichst D. Joh. Günther in seinen deswegen ausführlich verfertigten Schrifften bewiesen hat / vid. Demonstrat. quod Ecclesia Luther. sit Apostolica, Romana verò Apostatica.

Antwort auf die dreyzehnde Betrachtung.
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Dieser Grund von der Uneinigkeit der Lehrer ist nicht tüchtig / deßwegen unsere Lehre
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und Kirche zu verlassen / und die Päbstische anzunehmen: weil unter den Papisten selbst in vielen Hauptstücken so viel Uneinigkeit ist / als immermehr unter den unsern seyn kan. Und so um einiges Zanckes willen in der Lehre und andern Dingen / die Lehre selbst nicht recht wäre / wie würde es mit der Apostolischen Lehre und Kirche gestanden haben? confer Act. 15. Gal. 2. etc. coll. Luc. 12 / 51. 1. Cor. 1 / 12. seqq. Indeß befleißigen wir uns je mehr und mehr einerley Meynung und Reden zu führen / wie Christus darum seinen Vater gebeten / Joh. 17. vermahnen einander darzu / und bitten GOTT / er wolle uns durch seinen Geist je mehr und mehr reinigen / Rom. 15 / 5. 6.

Antwort auf die vierzehnde Betrachtung.
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Was ich oben erinnert von dem falschen Principio der Vernunfft / das wiederhol ich hier wieder. Der Glaube muß nach der Schrifft / und nicht nach der Vernunfft geurtheilet werden. Wie nun also die Thesis in sich schon große Unrichtigkeit hat; so ist es auch mit derselben usu & applicatione beschaffen. Wenn nun der Autor aus diesem
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Principio, daß GOtt weise und gütig sey / gleichwohl aber auch Gesetze gegeben habe / die wir nach unserer Lehre nicht halten könten / schliessen wil / daß wir seine Weißheit und Gütigkeit damit leugneten / so ist weder das Principium noch der Schluß richtig: nicht jenes / denn GOtt ist nicht nur weise und gütig / sondern auch gerecht; nicht dieses / denn wir glauben eine solche Weißheit und Gütigkeit / die die Gerechtigkeit nicht aufhebet / sondern mit derselben stimmet. GOttes Gesetz ist zweyerley / das Gesetz der Gebothe / und das Gesetz des Glaubens. Jenes hat GOtt dem vollkommenen Menschen gegeben: nachdem er sich aber untüchtig gemacht / so ist dieses Gesetze zufälliger Weise nicht gut / Ezech. 20 / 25. das in sich gut ist / Rom. 8 / 3. Drum gab er uns des Glaubens Gesetz: welches uns lehret aus Christo nehmen das gantze Heyl / Vergebung der Sünden / und den Heil. Geist. Und ob gleich GOtt nachmals am Berge Sinai das Gesetze wiederholete; so ist es doch gar nicht darum geschehen / daß die Verheissung solte aufhören / Gal. 3. sondern daß es uns nur die Sünde solte offenbahren. Und ist uns also das Gesetze nach den Sündenfall nicht darum gege
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ben / daß wir solten dadurch seelig werden; sondern daß es uns zu JEsu Christo führete / Gal. 3 / 24. seqq. Nachdem wir aber durch Christi Verdienst gerecht worden und den Heil. Geist empfangen haben / so haben wir allerdings Gnade das Gesetze zu halten / obwohl nicht vollkommen / auch nicht damit die Seeligkeit zu verdienen / sondern unsern Glauben zu üben und danckbar zu seyn / gegen GOtt / und unsern Nechsten zu erbauen. Auf den andern Punct antworte ich / daß es nicht allein wider seine Gütigkeit / sondern auch wider seine Gerechtigkeit wäre / einen Unschuldigen zu verdammen. Auf den dritten Punct ist zu wissen / daß ich nicht nur fragen muß / ob Christus warhafftig und allmächtig ist; welches beydes zugestanden wird; sondern num voluerit, ob er gewolt hat / daß das Brodt in seinen Leib hat sollen verwandelt werden / und der Wein in sein Blut? Wenn dieses richtig wäre / so wäre jenes auch richtig. Wir bleiben bey den Worten der Heil. Schrifft / und halten das gesegnete Brodt für eine Gemeinschafft des Leibes Christi; den gesegneten Kelch für eine Gemeinschafft des Blutes Christi / 1. Cor. 10. und bitten GOtt / daß er diejenigen / so hier irren / durch
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seinen Geist bekehren wolle. Die Einsetzungs-Worte sind verba exhibitiva, und demnach also zu verstehen: Diß / was ich euch mit und unter dem gesegneten Brodte gebe / ist mein Leib.

Antwort auf die funffzehende Betrachtung.
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Hierauf geb ich diese Erklärung: Wir lehren von der Sünde / was GOttes Wort sagt und anweiset. Dieses aber sagt es: daß der Todt der Sünden Sold sey / daß fleischlich gesinnet seyn / sey der Todt / und daß nicht nur die sündlichen Worte / sondern auch NB. die sündliche anklebende Lust verdam̅lich sey. Rom. 6. und 8. Und ist also keine Sünde in ihrer Natur erläßlich. Indessen aber ist gleichwohl die Sünde nicht einerley Art / denn da ist die Sünde in Ansehung der Ursache mit oder wider unsern Willen; in Ansehung seiner ist sie entweder äuserlich oder innerlich; in Ansehung der That / daß man entweder was gutes unterlassen / oder was böses begangen; in Ansehung der Würckung ist es entweder eine herrschende oder Schwachheits- / schreyende oder gemeine Sünde. In Ansehung der Bekehrung / ist
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sie entweder mit der Verstockung verknüpfft / oder der Mensch stehet ab; in Ansehung des Ausgangs / sind die Sünden tödlich oder läßlich / das sind diese / da der Mensch aus Unwissenheit / Ubereilung und Schwachheit sündiget / aber bald aufstehet / durch Buße und Zueignung des Verdienstes Jesu Christi und also im Glauben und in der NB. sonderbahren Gnade und Gemeinschafft GOttes bleibt. Unter den Tod-Sünden / ist wohl eine schwehrer als die andere / Joh. 19 / 11. doch ist deßwegen auch die geringste keine erläßlich; iedoch ist wohl zu mercken / daß ein anders ist mortis meritum, ein anders mortis actus, diesen wircklichen Tod verdient der muthwillige / jenes verdient auch der schwache. Der Spruch Matth. 5 / 22. ist nicht wider / sondern für uns / und weiset / daß die Sünde verdam̅lich / jedoch nach Beschaffenheit der Sünde auch die Straffe unterschiedlich sey. Der Spruch 1. Joh. 5 / 16. ist auch nicht wider uns / und lehret nicht mehr / als daß die Sünde wider den Heil. Geist unfehlbar den Tod nach sich ziehe / die andern Sünden aber wohl den Tod verdienten / der aber durch Buße noch könne abgewendet werden. Der Spruch Prov. 24 / 16. handelt gar nicht von den Sünden /
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sondern von den Unglücks-Fällen der Frommen; und so wir auch das harte Wort Fallen / von den täglichen Fällen / lapsibus peccaminosis piorum, verstehen / so ist zu wissen: daß sie wohl merito des Todes werth sind; aber um des Verdienstes Christi willen / das sie sich im Glauben zueignen / erfolgt er nicht in der That.

Antwort auf die sechzehnde Betrachtung.
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Wie nun diese vorhergehende Betrachtung ohne Grund ist; also fallen auch die in dieser Betrachtung heraus gezogene Conclusiones von sich selber dahin; und sagen wir / daß unsere guten Wercke NB. wegen des unvollkommenen wirckenden Menschens und seiner anklebenden Sünde unvollkommen sind / und also in dem gestrengen Gerichte Gottes Zorn verdienen. Mit einem Worte / der Gerechte sündiget in jedem guten Wercke: und unterlässet entweder etwas in dem Guten / oder begehet etwas Böses dabey: deßwegen ist doch das gute Werck / in GOtt gethan / in seiner Natur gut / ob gleich zufälliger Weise nicht vollkommen gut / und kan demnach in dem strengen Gerichte GOttes nicht vor gut
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passiren. Dannenhero auch geschrieben stehet: daß alle unsere Gerechtigkeit vor GOtt sey wie ein beflecktes Kleid / Es. 64. Indessen ist doch auch das unvollkommene gute Werck GOtt angenehm wegen der Genugthuung und Fürbitte JEsu Christi / und deren bußfertigen gläubigen Zueignung. Gregor. M. Moral. L. IX. c. 11. omnis humana Justitia injustitia dicitur, si districtè judicetur.

Antwort auf die siebenzehnde Betrachtung.
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Ein Praedicante würde dem / welcher andern was entwendet hat / rathen / daß er das entwendete Gut wiedergeben solte / weil solches ein gutes (quoad formam substantialem & accidentalem) und von GOtt befohlenes Werck ist; jedoch darff sich ein solcher Mensch auf diß gute Werck nichts einbilden / weil in seinem verderbten Fleische bey solcher Restitution die anklebende Trägheit sich befindet / und also sein gutes Werck in den Augen des allerheiligsten und allwissenden Gottes nicht vollkommen gut sondern mangelhafftig ist.
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Antwort auf die achtzehnde Betrachtung.
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Diese Betrachtung ist nicht wider uns / also laß ich sie vertheidigen / wer solche Meynung heget. Daß aber Lutherus dergleichen mit den Calvinisten soll gelehret haben / dem widersprech ich getrost / und fordere Beweiß. Unsere Lehre hievon ist / daß GOtt durchaus das Böse nicht wolle / vielmehr davon abhalte / mit abmahnen / drohen und straffen / und ob er gleich den Bösen das natürliche Leben und dessen Bewegung erhält / so will er doch durchaus nicht der Bösen Mißbrauch und Unordnung / nach Psalm. 5 / 5. Jac. 1 / 13. 17. etc.

Antwort auf die neunzehnde Betrachtung.
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Es ist ein großer Unterscheid unter dem Nahmen und unter der Sache selbst. Es kan ja einerley Sache nach dem Unterscheid der Zeiten und Oerter und Personen vielerley Nahmen haben / die nach und nach aufkommen und bekant werden / wie kan ich aber schliessen / zu der und der Zeit hat man von dem Nahmen dieser Sachen nichts gewust.
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E. ist die Sache gar nicht. Dieser Schluß ist ja gar nichts werth. Zu Christi Zeit und auch zur ersten Zeit war der Nahme der Christen nicht bekant / war deswegen die Sache auch unbekant oder gar ein non ens? Ist gleich der Nahme Lutheri vor dem 15. Seculo nicht bekant gewesen / so ist doch die Lehre Lutheri bekant gewesen: Ja eben Lutheri Lehre ist Pauli und des HErren JEsu Lehre / und aller Propheten Lehre / und also von Anfang der Welt her bekant gewesen / wie die Probe genugsam weiset.

Antwort auf die zwanzigste Betrachtung.
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Dieses Buch ist mir nicht bekandt / und kan also nicht von seiner Arbeit urtheilen. Indeß sag ich doch so viel / daß diejenigen / so er mit dem Nahmen der Calvinisten belegt / uns viel näher sind / als die Römisch-Catholische / und also kan gar leicht ein grosser Theil der Väter und vieles aus ihnen zugleich für unsere / und jene Religion angeführet werden. Deßwegen aber giebt es weder Lutherisch-Calvinische Christen; noch werden dieselben Lutherischen Calvinisch seyn; aus denen gleichlautende Zeugnisse geholet werden / sondern sie sind Lutherisch / was ihre beystim
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mende Zeugnisse anbetrifft / und ist desto rühmlicher für unsere Kirche / daß ihre Bekäntniß auch von den Feinden der Warheit erkant worden: ja es hört die Warheit nicht auf Warheit zu seyn / wenn sie auch gleich der Mahometh in seinem Alcoran hat; sondern es ist ein Zeugniß wider sie. Daß Irenaeus und Polycarpus unserer Lehre beystimmen / ist klar / daß aber auch Gregorius in vielen Stücken dergleichen gethan / ist auch nur daraus bekant / daß er in vielen Orten denselben für den Fürläuffer des Antichristes gehalten / der sich den Titul eines Episcopi Universalis zueignen würde / worauf Maimburgius in historia Pontificatus Greg. M. noch nicht geantwortet: von Bellarmino ist gleichfalls bekant / daß er wider seinen Willen gar viel Zeugnisse für unsere wahre Lehre in seinen Schrifften mit einfliessen lassen / wie solches aus D. Joh. Gerhard. in seiner Confess. Cathol. zu sehen / darzu auch D. J. Dorschei Buch / Thomas Aquinas Confessor veritatis, zu zehlen ist. Und wenn auch unter den heutigen Römisch-Cathol. Lehrern noch viel sind die dergleichen thun / wie wir gäntzlich hoffen / so ist es nicht wider / sondern für uns. NB. Der Autor zeige uns doch nur einen eini
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gen von denen Alt-Vätern / welcher alle diejenigen Artickel geglaubet / die das Concilium Tridentinum der Christlichen Welt obtrudiret hat.

Antwort auf die ein und zwanzigste Betrachtung.
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Diese Betrachtung ist mit den nechsten zweyen so weit einstimmig / daß es aus der Historie genom̅en: jedoch meinet er / daß unsre Lehr-Puncten von den Ketzern wären gelehret worden / die die Christlich-Catholische Kirche vorlängst verdammt; darzu man noch andere geflickt und eine neue Gestalt gegeben. Hier find ich einen neuen Nahmen der Kirche / der heist Christlich-Catholisch / daraus muthmasse ich / daß der Herr Autor dem Nahmen Römisch-Catholisch selbst nicht gar zu viel Sicherheit der Warheit zutrauet / welches ich schon etliche mahl observiret; hernach ist zumercken / daß viele in dem Ketzer-Register der Röm. Cathol. stehen / die an jenem Tage als Testes und Confessores veritatis von Jesu werden erkant werden; und wo er Lutherum schon auch dazu zehlet / wird uns solches wenig Nach- und Ihm wenig Vortheil geben. Hat doch das Haupt der wahren
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Christen unter die Ubelthäter müssen gerechnet werden / wie soll es denn seinen wahren Gliedern besser gehen? Im übrigen daß nicht in unserer / sondern in der Päbstischen Kirche viele von den alten Ketzereyen zu finden sind / hat zur Genüge erwiesen D. Günther in der Vertheidigung des Himmels-Weges p. 35. welches auch hernach in dessen so genanten Päbstischen Jubel-Jahre gegen den P. Eisenhuth zu Augspurg so vindiciret worden ist / daß er darauf hat stille schweigen müssen.

Antwort auf die zwey und zwanzigste Betrachtung.
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Diese Betrachtung saget viel von der Römisch-Catholischen Kirchen; beweiset aber wenig / daher uns das bloße Sagen ohne Beweiß nicht schädlich seyn kan; vielmehr kehren wir die Sache um und sagen / daß unsere Kirche einig / heilig / Catholisch und Apostolisch sey / und beweisen auch solches. Sie ist einig: und das ist aus unsern Libris Symbolicis zu sehen / die deswegen von den andern nicht angenommen werden / die nicht mit uns übereinstimmen. Sie ist heilig: Denn wir lehren allerdinges das Böse meiden und das Gute thun / und ob wir gleich die Leute aus
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Gottes Wort von der hohen Foderung des Gesetzes unterrichten / und daß dessen vollkommene Erfüllung uns Menschen nach dem Sündenfall unmöglich sey; dennoch aber zeigen wir / wie es doch müglich sey / durch Gottes Gnade und aus den in der Wiedergeburth empfangenen Kräfften des Heil. Geistes das Gesetze GOttes zu halten / das ist: so zu beobachten / daß man nicht muthwillig und vorsetzlich darwider sündige; und vermahnen deßwegen die Bekehrten / sich nach der Haltung und Erfüllung der Gebothe GOttes zu bemühen / und in der Heiligung zu wachsen / und biß ans Ende darinnen fortzufahren / 2. Cor. 7. nicht die Seeligkeit zu verdienen / die wir schon in der Rechtfertigung zugleich mit empfangen / sondern um vieler andern Ursachen auch Nutzens halben / und ob wir gleich keine canonisirte Heiligen haben / so halten wir doch dafür / daß GOtt unter uns seine verborgene gewiß habe / Rom. 2 / 29. 1. Cor. 4 / 9. und GOttes Wort unter uns seine Krafft erreichet / Es. 55. Unsere Kirche ist auch allgemeine / und hat für sich catholicismum temporum & locorum: wo die wahre Kirche ist / und wenn sie gewesen ist / die ist mit uns einig gewesen / und hat ei
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nerley Meynung mit uns gehabt. Da hingegen die Römisch-Catholische Kirche ihre Allgemeinheit gar schlecht beweisen kan. Und wer ist Apostolisch? Wo die Apostolische Lehre / da ist auch die Apostolische Kirche / wie solches Hr. D. Paul. Anton. in seiner Dissert. de Fundamentorum Pontificiorum qualitate §. 22. gnugsam und mit den Worten der berühmten Väter gezeiget hat. Im übrigen ist bey diesem §. wohl zu mercken / 1. daß in der Römisch-Cathol. Kirche gar schlechte Einigkeit sey / welches der seel. Hr. D. Botsaccius in dem Buche de contradictionibus Pontificiorum ausführlich erwiesen hat / allwo er gezeiget / daß ein Pabst dem andern in seinen richterlichen Aussprüchen / ein Päbstisch Concilium dem andern in seinen Decretis, ein Orden dem andern / ja ein Doctor dem andern in ihren Schrifften entgegen und zuwider sey. Die Uneinigkeiten zwischen den Jesuiten und Dominicanern und Jansenisten / ingleichen zwischen den Sorbonisten / ja zwischen der gantzen Clerisey in Franckreich und denen die vom Päbstischen Hofe dependiren / sind bekant genug. 2. Die Heiligen in der Römischen Kirche sind mehrentheils gar schlechte Heiligen / in
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dem sie mehrentheils deswegen vor Heilige gehalten werden / weil sie die Menschen-Satzungen / vom Fasten durch Unterscheid der Speise / vom Wallfahrten / vom Geisseln / etc. beobachtet haben. O wie wenig rechtschaffene Heiligen müssen in derjenigen Kirche seyn / darinne man den Leuten das rechte Mittel zur Heiligung / nemlich das geschriebene Wort GOttes entzieht und zu lesen verbiethet / auch die Leute zu dem opere operato anführet / und sie in der irrigen Meynung stecken läst / ob sey es schon genug und GOtt dem HErrn gefällig / wenn man nur viele Pater noster und Ave Maria mit dem Munde herplappere. 3. Daß die Römisch-Catholische Kirche nicht die rechte Christliche Catholische und allgemeine Kirche sey / weil sie nicht mehr den alten Apostolischen Catholischen Glauben hat. Zugeschweigen daß es auch eine blosse Pralerey sey / was vor eine grosse Menge sey derer / die ihr beypflichten / sintemahl bekant ist / daß derer welche in der Protestantischen und Griechischen Kirche / ihr widersprechen / eine grössere Anzahl sey. Was von der alten Römischen Kirche Rom. 1. angeführet wird / dessen hat sich die ietzige Römische
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Kirche gar nicht zu rühmen / als welche von jener ihrem Glauben schon längst abgewichen ist.

Antwort auf die drey und zwanzigste Betrachtung.
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Hier ist die Bekehrung der Heyden angeführet; zugleich aber eines und das andere / das dem Hn. Autori schnurstracks entgegen ist. Denn da er bißher die Warheit der Christlichen Lehre allezeit nach der Vernunfft will beurtheilen / so zeigt er hier / daß indoles Christianae Religionis sey / daß ihre Lehre dem Fleisch und Blut zuwider sey / und solche Geheimnisse habe / die vom Menschlichen Verstande nicht können begriffen werden / wie will doch also die Vernunfft eine Richterin der Dinge seyn / die sie nicht verstehet / die dazu von schlechten einfältigen und unansehnlichen Männern und Predigern gelehret worden. Wie kan er denn an einem andern Orte auf das Argument von der Unansehnlichkeit unserer Lehre und Ansehnlichkeit ihrer Lehre so grosses Wesen machen. Ach hieraus solte er die Art des Reichs Christi erkennen / wie es für der Welt sehr schlecht und geringe / alle seine Herrlichkeit aber von innen habe. Doch jetzt lassen
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wir dieses / und sehen das Haupt-Argument an. Die Apostel haben die Leute nicht auf sich / sondern auf JEsum gewiesen / die sie zu bekehren gesucht / und die sich bekehret haben. Das ist geschehen in den ersten 500. Jahren; zu welcher Zeit aber die Römische Kirche in einem gar andern Zustande war / als sie nachgehends gewesen. Es ist eine sehr grosse Unwarheit / wenn der Autor schreibt / daß in den ersten 500. Jahren keine andere Religion gewesen sey / zu welcher die Heyden bekehret worden / als die Römisch-Catholische / und daß solches wir Lutheraner selbst nicht leugneten / da doch bekant genug ist / daß unsere Lehrer wider den Römisch-Catholischen Glauben nebst der Heil. Schrifft / auf die Beystimmung der H. Väter / in den ersten 500. Jahren nach Christi Geburth sich gar sonderlich beruffen / vid. D. Bebelii antiquitates Ecclesiae Evangelicae. Was der Autor von denen vorbringet / welche bey Bekehrung der Heyden durch Verleyhung Göttlicher Gnade vieles gethan / und von den Römischen Bischöffen sind gesendet worden / hat der seel. Sagittarius in seinem Sendschreiben wider P. Schönmanns Zeug-Hauß alles ausführlich beantwortet. Hierbey will ich nur dieses
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melden / daß wenn der H. Augustinus, Bonifacius und andere / viele Heyden bekehret haben / sie solches nicht dadurch gethan / daß sie denselben die Päbstischen Menschen-Satzungen und Irthümer vorgetragen / sondern dadurch / daß sie ihnen aus der Heil. Schrifft die Haupt-Articul der Christlichen Religion vorgetragen / und sie darinne unterwiesen haben. Wenn sich der Autor auf den Pabst Gregorium beruffet / so solte er sich auch erinnern / daß derselbe denjenigen Bischoff / welcher sich universal Episcopum nennen würde / den Vorläuffer des grossen Antichrists genennet habe / woraus er schon wird abnehmen können / daß zwischen den damahligen Römischen Bischöffen und den itzigen Päbsten ein grosser Unterschied sey / und es sich von jenen auf diese nicht schliessen lasse. Was Cyrillum und Methodium betrifft / so sind dieselben nicht vom Pabste / sondern von dem Patriarchen zu Constantinopel abgeschicket gewesen / auch wegen ihres Dissensus von der Römischen Kirchen beym Pabste zu Rom verklagt / und von ihm citiret worden / vor dem sie auch gestanden und sich verantwortet haben. Im übrigen muß man sich wundern / daß der Autor von der Bekehrung / welche in Indien zum
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Römisch-Catholischen Glauben geschehen / so viel Wesens macht / denn es ist ja bekant genug / daß in West-Indien die armen Heyden von den tyrannischen Spaniern mit schrecklicher Gewalt und Grausamkeit zu der Bekäntniß der Christlichen Religion sind gezwungen worden / und daß in Ost-Indien / sonderlich in China / die Jesuiten / nach dem Urtheil der Herren Dominicaner / sich einer leichtfertigen und unverantwortlichen Art die Heyden zum Christl. Glauben zu bringen / bedienet haben. Auf das übrige was der Autor in der 23. Betrachtung vorbringt / ist zu mercken / daß alle diejenigen Heydnischen Völcker / welche sich zu dem wahren Christlichen Glauben bekehret haben / auch eben hierdurch zu dem Evangelischen Lutherischen Glauben / (welcher von jenem nicht unterschieden ist /) sich gewendet haben. Und ist denn auch dem Autori die Bekehrung der Heyden auf der Küste Tranquebar zu unser Evangelischen Religion so gar unbekant / daß er frech in den Tag hinein schreiben darff / er habe nicht ein einiges Heydnisches Volck funden / das sich zu unserer Religion bekehret hätte.
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Antwort auf die vier und zwanzigste Betrachtung.
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Es ist wahr / GOtt hat den Aposteln und Apostolischen GOttes-Männern die Gaben der Wunderwercke gegeben / dazumahl da die Kirche noch solte gepflantzet werden / aber nachdem sie gepflantzet worden ist / so hat diese Gabe aufgehöret. Deswegen auch S. Augustinus schreibet / de Civitate Dei lib. 22. c. 8. qui adhuc prodigia, ut credat, inquirit, magnum est ipse prodigium, qui mundo credente non credit. NB. Nachdem die Kirche gepflantzet ist / so ist diejenige Particulir-Kirche / welche sich der Wunderwercke rühmet / [wie die ietzige Römische Kirche] in sehr grossem Verdachte / daß sie Antichristisch und daß ihre Lehrer falsche Propheten seyn / weil St. Paulus ausdrücklich schreibet / daß die Zukunfft des grossen Anti-Christs geschehen werde / nach der Wirckung des Satans / nach allerley lügenhafften kräfftigen Zeichen und Wundern 2. Thess. 2 / 9. ingleichen weil der H. Augustinus schreibet Tract. 13. in Joh. contra istos mirabiliarios cautum me fecit Deus meus, dicens: in novissimis diebus exurgent multi pseudoprophetae facientes
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signa & portenta, ut in errorem inducant, si fieri possit, etiam Electos. &c. Dannenhero ist es kein Wunder / daß unsere Reformatores zu derjenigen Zeit / da schon die Kirche durch die gantze Welt ist gepflantzet gewesen / keine Wunderwercke gethan / zumahlen da man auch im alten Testamente findet / daß zu derjenigen Zeit / wenn die Reformation nach der H. Schrifft geschehen / keine Wunderwercke sind gethan worden / wie diejenigen dieß wissen / welchen das bekant ist / was zu den Zeiten Hiskiae, Josiae, Nehemiae und Esdrae vorgegangen. NB. Was sonst der Autor an unsern Reformatoribus desideriret / daß sie kein lahmes Pferd gesund machen können / bekümmert uns nicht / und lassen wir ihnen gerne die Ehre / daß sie / die Papisten / sich rühmen / sie könten durch ihre Privat-Messen krancke Pferde und Hunde gesund machen / denn das sind solche Wunder / welche ihre Kirche in grossen Verdacht setzet. Wann die Päbstler noch die Gabe der Wunder hätten / so würden sie wohl können mit fremden Sprachen reden / zumahl in Indien / allwo diese Gabe ihnen zu Ausbreitung der Kirche sehr profitabel uud dienlich seyn würde; nun aber ist bekant / daß der berühmte
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Jesuite Xaverius in seinen herausgegebenen Episteln sich beklaget habe / daß er 20. Jahr über der Sinesischen Sprache gelernet / und doch dieselbe sehr wenig begriffen habe. Wenn man die Wunderwercke / welche ietzo im Pabstthum geschehen oder geschehen sollen seyn / recht untersuchet / so wird man bald inne / daß es leichtfertige Betrügereyen der Päbstischen Pfaffen sind. Wann die Papisten rechte Wunderwercke thun können / so kommen sie nur zu uns Evangelischen Christen [wie Christus vor Zeiten zu den Juden kam] und wecken die Todten auf / und machen die Blinden sehend / und die Stummen redend / und die Lahmen gehend etc. Ist denn dem Autori nicht bekant / was vor einigen Jahren mit dem Patre Aviano vorgegangen? wie derselbe in der Römischen Kirche vor einen grossen Wunderthäter ist gehalten worden / wie er sich unterstanden hat / mit der Kayserl. Armee [welche dazumahl nach seinem Angeben aus lauter Römisch-Catholischen Regimentern bestehen muste /] in die Belagerung vor die Stadt Ofen zu gehen / und wie er einen gewissen Tag angesetzet in Ofen Messe zu halten / wie sehr übel aber dieß abgelauffen mit dem Ruin der Kayserl. Armee; da im Gegentheil Ihro
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Kayserl. Majestät ein Jahr darauf / als Sie die von dem Autore so genanten Ketzer / nemlich die Sächsischen / Brandenburgischen und Lüneburgischen Völcker / zu Hülffe nahmen [ungeachtet der P. Avianus nicht dabey war] viele grössere Wunder gethan / indem sie die Stadt Ofen dazumahl mit stürmender Hand erobert haben.

Antwort auf die fünf und zwanzigste Betrachtung.
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Was das Leben der Reformatorum betrifft / so mercke der Autor anfangs / daß er es zu verantworten hat / daß er ohne genugsamen Grund / wider das achte Gebot die theuren Werckzeuge schmähet / die mit vieler Armuth / Mühe / Arbeit / Wachen / Fasten / Bethen / Gefahr / Verfolgung und Todes-Angst das Evangelium verkündiget haben / worinnen sie gar gewiß viel Aehnlichkeiten der Apostel und Apostolischen Männer weisen. Haben sie aber noch ein und andere unanständige Dinge an sich gehabt / die Lutherus selber bußfertig an sich erkant; so sind es Reliquiae aus dem Pabstthum gewesen / die ihnen so bald nicht möglich gewesen / abzulegen. Wobey wohl zu mercken / daß das meiste / welches man in Pabstthume
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dem seel. Luthero imputiret / bloße Calumnien und schändliche Verdrehungen seiner Worte seyn / wie der seel. Müller in Luthero Defenso zur Genüge erwiesen hat. Conf. Seckendorffii Lutheranismus. NB. Und da der Autor so viel Wesens von der Boßheit und Leichtfertigkeit / welche wider die Warheit dem seel. Luthero beygemessen wird / gemacht hat / warum hat er sich denn nicht der Boßheit und Leichtfertigkeiten darinnen so viele Päbste / welche die Römisch-Catholischen vor das Haupt ihrer Kirchen halten / erinnert / davon ihm der Cardinal Baronius über das 9. Seculum und der Cardinal Benno in der Historie von dem Leben der Päbste zur Gnüge überzeugen können. Vid. Reiseri Roma non gloriosa. NB. In diesen Büchern wird er so viel unflätige Thaten von den Römischen Päbsten finden / daß er hinführo wohl vergessen wird / die Schrifften des seel. Vaters Lutheri einer Unfläterey zu beschuldigen. Daß aber Lutherus auf seine Auslegung getrotzt / das ist nicht ein Hoffarth / sondern eine Frucht des Glaubens / weil er wuste / daß er seine Auslegungen nicht aus eignem Kopffe ersonnen / sondern die Schrifft mit Schrifft erklähret hatte. Es ist auch falsch und un
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warhafftig / daß der seel. Lutherus seine Auslegungen allen Auslegungen der H. Väter hochmüthiger Weise solte vorgezogen haben / er hat vielmehr dieselben mit den Auslegungen der H. Väter in der ersten Kirche bestätiget.

Antwort auf die sechs und zwanzigste Betrachtung.
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Die 26. Motive / die hergenommen ist von der Beschaffenheit der Missionariorum, ist wiederum sehr schwach. Denn einmahl ist der Major in Syllogismo nicht richtig; sonst müste die zu Christi Zeit befindliche Jüdische Kirche die rechte Kirche gewesen seyn / weil sie auch Missionarios hatte / die viele Mühe und Trübsal über sich nahmen / Jüden-Genossen zu machen / Matth. 23 / 15. Gleichwie nun aber dieselben Missionarii, wann sie dem Worte GOttes den Pharisäischen Sauerteig beyfügeten / aus denen zum Jüdenthum gebrachten Heyden gedoppelte Höllen-Kinder machten; so ist eben dergleichen Urtheil von denen Päbstischen Missionarien zu fällen / welche in Bekehrung der Heyden nicht bey den Grund-Artickeln der Christlichen Religion verbleiben / sondern ihnen auch den
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Päbstischen Sauerteig mit beybringen. NB. Ich läugne nicht / daß die Heyden sich eher von denen Papisten bekehren lassen / als von den Protestanten / weil sie im Pabstthume viel Heydnische Dinge finden / dazu sie von Jugend auf gewohnet sind / Abgötterey / Aberglauben / die Meynung von eignem Verdienste / das opus operatum &c. vid. Hunnii Apostasia Romanae Ecclesiae. NB. Der Papist Acosta hält gar wenig von der Jesuitischen Heyden-Bekehrung.

Antwort auf die sieben und zwanzigste Betrachtung.
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Diese 27. Motive / die hergenommen ist von dem Geistlichen Stande / darein sich offtmahls die Vornehmsten bey ihnen begeben / welches bey uns nicht sey; und also aus einer sonderbahren Gnade herrühren müsse / ist noch schwächer / indem weder der Major noch Minor einigen Schein der Stärcke hat / die sie haben sollen. Denn ist das ein Zeichen der wahren Religion / in den Geistlichen Stand sich begeben; so wird die Türckische Religion und auch der Heyden Religion / einen unwiderleglichen Grund der Warheit haben / weil sie beyde Leute unter sich haben / die
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sich von den andern Leuten meynen abzusondern / und zu dem Geistlichen Stande begeben. Ja wenn er in der Bibel lesen wird / so wird der Scrupel wider des Autoris Argument noch grösser / weil in derselben geschrieben stehet / daß nicht viele Gewaltige nach dem Fleische / nicht viel Edle beruffen / sondern was thöricht ist vor der Welt / das hat GOtt erwehlet / und das Unedle für der Welt das hat GOtt erwehlet / 1. Cor. 1 / 26. 27. 28. Hernach wenn wir auch den Minorem ansehen / so frag ich ihn auf seine Seele: Ob bey den Römisch-Catholischen / die Erwehlung des Geistlichen Standes mit Grund der Warheit / eine Verlassung der Welt mit aller Eitelkeit / oder nicht mit besserem Grunde / eine Suchung der Welt mit aller Eitelkeit heissen könne? Ich rede ietzt nicht von etlichen / die etwan aus Unwissenheit / Einfalt und Aberglauben sich darein begeben / und auch in Einfalt darinnen leben; sondern ich rede von dem was am meisten geschicht / und davon die Rede ist: und da getraue ich mirs wohl zu behaupten / daß das geistliche Leben vielmehr heist die Eitelkeit der Welt erwehlen / als fliehen. Die tägliche Erfahrung mag hiervon ein unwiderleglich Zeugniß ablegen. Daher auch andere deßwe
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gen die Römisch-Catholische Religion den Standes-Personen anpreisen / weil bey ihnen so viele Gelegenheit ist / daß Standes-Personen Standes-mäßig leben können; da hingegen bey den Protestirenden keine Gelegenheit sey. Und also wehlen viele den geistlichen Stand / nicht aus einer sonderbahren Gnaden-Wirckung GOttes / sondern aus Staats-Ursachen / aus Liebe zur Welt etc. Die Nachfolge Christi erfordert die Verläugnung sein selbst / und darzu sind wenig zu bringen. Es sind aber auch zwar viel beruffen / aber wenig auserwehlt / Matth. 16 / 20.

Antwort auf die acht und zwanzigste Betrachtung.
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Diese Ursache und Motive von einer Muthmaßung und unbedachtsamen Urtheil zweyer Lutherischen Prediger kan wohl eine schlechte Ursache geben / und wenn es auch gleich nur eine Neben-Ursache seyn solte. Denn erstlich ist ja nicht nur die Keuschheit und Reinigkeit / sondern auch alle andere NB. wahre Christliche Tugenden / sonderbahre Gaben und Gnaden GOttes. Zum andern ist ja das nicht nur Keuschheit ohne Ehestand leben / sondern es ist auch castitas con
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jugalis, wie Chrysost. Homil. 19. ad 1. Cor. 7. gar wohl ausgeführet. Drittens ist die Gabe ohne Ehestand keusch zu leben / nicht so gar unbekant unter uns / sondern bey allerley Personen im Prediger-Regenten- und Hauß-Stande anzutreffen. Doch wird die Erinnerung darbey gethan / daß so auch jemand diese Gabe hätte / er doch frey habe / entweder in oder auser dem Ehestande solche zu gebrauchen: nur GOtt zu Ehren und ohne alle Einbildung einiges Verdienstes. Wie aber vieler / ja NB. der meisten Römisch-Catholischen Geistlichen und Kloster-Leute Männlichen und Weiblichen Geschlechtes Keuschheit beschaffen ist / wie rein und unsträflich solche heimlich und öffentlich geführet wird / das wird ihrer eigenen Prüfung überlassen / nebst der Verweisung auf das jüngste Gerichte. NB. Weiß der Autor nicht die Historie von den 6000. Kinder-Köpffen / die in einem Teiche bey Rom gefunden worden? Weiß er nicht / was Alvarus Pelagius de planctu Ecclesiae, lib. 2. c. 20. de Confessariis schreibet: Saepe cum mulieribus, quae ad Confessionem admittuntur, scelestissimè fornicantur. it. artic. 28. & 133. plerique vitia contra naturam committunt, contra sanctam Castitatem,
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quam Domino promiserunt. Praeterea nefandissima, quae in occultis perpetrant, quod nec chartae reciperent nec calamus exarare posset. Weiß er nicht / was Bernhardus schreibet in S. de Convers. ad Clericos c. 22. Post fornicationes, post adulteria, post incestus, nec ipse quidem apud antiquos ignominiosae passiones & turpitudinis opera desunt. Esset sine dubio melius nubere, quam in Cleri sublimitate deterius vivere &c.

Antwort auf die neun und zwanzigste Betrachtung.
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Diese Betrachtung hält etwas in sich / das wohl zu erwegen und zu unterscheiden ist. Es ist ja wahr / daß wir viele Articul behaupten / und billig suchen zu behaupten / welche die Römisch-Catholischen zwar nicht apertè und immediatè, jedoch aber in ihren Consequentiis läugnen. Also läugnen sie wohl nicht apertè, daß GOtt allein soll angebethet werden. Wenn wir aber ihre Neben-Lehren dazu nehmen / daß e. g. Maria und die Heiligen zu verehren / diese religiöse Verehrung aber in der That ein Anbethen ist; so ist eben hiemit jener Artickel geläugnet. Sie machen den Ehestand zu einem Sacrament. Wenn
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ich aber auch dabey lehre / daß der Ehestand ein fleischlicher Stand sey / dessen vornehmstes Werck sündlich und unrein ist; so wird ja eben hiemit dem ersten widersprochen. NB. Die Sacramenta sind ja heilige Dinge / warum enthalten sich denn diejenigen / welche im Pabstthume vor andern gar sonderlich heilig seyn wollen / von dem heil. Sacrament der Ehe? Was den angeführten Spruch / 1. Cor. 7, 38. betrifft / so thut freylich diejenige Person besser / wenn sie nicht heyrathet. NB. Wenn sie die sonderbahre Gabe der Keuschheit empfangen hat / und NB. zur Zeit der instehenden schweren Verfolgung wie dazumahl war. Sie erheben die Verdienste Christi; wenn ich aber auch den Wercken und Leiden der Menschen zuschreibe / was dem Verdienste Christi alleine gehöret / so wird ja jenes / wo nicht geläugnet / doch dessen Krafft vermindert. Die angeführten Sprüche müssen nur recht nach dem Sinne des Heil. Geistes / der aus der Zusammenhaltung der Schrifft und der Aehnlichkeit des Glaubens zu erkennen / verstanden werden / so ist die Sache schon gehoben. In dem ersten Spruche / 2. Petr. 1 / 10. wird davon gehandelt / wenn wir unsern Beruff und Erweh
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lung feste machen / à posteriori. Denn wenn ein Mensch rechte gute Wercke thut / so kan er dadurch versichert seyn / daß er noch im Glauben und in dem Stande der Wiedergeburth sich befinde / und also auf dem Wege der Seeligkeit fortgehe. Der andere Spruch / Rom. 8 / 17. handelt nicht de causâ meritoriâ, sondern de ordine & Statu salvandorum. Der dritte Spruch / Jac. 2 / 24. ist aus der Connexion und Scopo der Epistel zu urtheilen / und da wird jederman sehen / daß Jacobus nicht handele / wie der Mensch vor GOtt effectivè soll gerecht werden / welches allein durch den Glauben an JEsum geschicht; sondern de Justificatione declarativa coram hominibus, oder woraus die Menschen erkennen können daß einer im Stande der Gerechtfertigung sich befinde / darum spricht eben der Apostel: Zeige mir deinen Glauben mit deinen Wercken / in eben diesem 2. Capitel. Der fünfte Spruch 1. Cor. 13 / 2. handelt von dem wunderthätigen Glauben / der auch ohne den Gerechtmachenden seyn kan / wie aus Matth. 7 / 22. zu sehen. Was der Autor zuletzte setzt von unseren Klagen / über das böse Leben ihrer Priester / so ist zu wissen / daß derjenigen Priester / welche bey
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ihnen ein gottloß Leben führen / nicht nur etliche seyn / wie er schreibet / sondern sehr viele / und daß sie durch die Lehr-Sätze der Päbstischen Religion / von dem opere operato, von dem aufgedrungenen coelibat, wie auch durch den Müßiggang / indem sie auser dem bißgen Meß-Lesen wenig zu thun haben / dazu verleitet werden.

Antwort auf die dreyßigste Betrachtung.
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In dieser Motive liegt wieder etwas / das wohl zu untersuchen ist. Denn was erstlich insgemein von dem Schmähen und Lästern geurtheilet wird / dem stimme ich völlig bey / und wird mit Schmähen und Lügen keine Warheit vertheidiget. Nur ist die Frage / wer solches Schmähen und Lügen treibet? und da wird es wohl die Römisch-Catholischen treffen. Und wo auch unter unsern dergleichen zu finden; so wird es doch nicht aus einerley Absehen geschehen / indem aus dem 1. Reg. 18. zu sehen / daß auch Elias ohne Sünde die Baals-Pfaffen spottet. Es stehet beydes Prov. 26 / 4. 5. Antworte / und antworte dem Narren nicht nach seiner Narrheit. NB. Wenn etliche von unsern Predi
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gern sagen / als ob die Römisch-Cathol. die Heiligen gleich als Gott anbetheten / so zielen sie theils auf die Praxin des gemeinen Volcks / theils darauf / weil die Papisten lehren / daß man den Heiligen einen religieusen Dienst erzeigen solle / welcher doch vor GOtt alleine gehöret. Hernach so ist es auch keine falsche Beschuldigung / wenn wir die Papisten bezüchtigen / daß sie den Pabst vor ihren Gott halten / denn zu geschweigen / daß sie ihn in unterschiedenen Schrifften ausdrücklich einen Gott nennen / vid. D. Scherzeri System. in Artic. de Anti-Christo, so ist ja bekant genug / daß sie darauf dringen / man solle in des Pabstes Ausspruche / als wenn es GOttes unbetrüglicher Ausspruch wäre / beruhen. Und weiß denn der Autor nicht die Müntze / die man zu Rom hat schlagen lassen / da auf der einen Seiten der Römische Pabst zu sehen / wie er auf dem hohen Altar sitzt / und alle Cardinäle / die ihn erwehlet haben / auf den Knien und Angesichtern liegen / mit der Beyschrifft: Quem creant, adorant.

Antwort auf die ein und dreyßigste Betrachtung.
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Diese Motive ist wiederum von schlechtem
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Nachdrucke. Einer oder zwey können auf ein Argument nicht antworten / E. kan niemand drauf antworten. Ab impossibili subjectivo ad impossibile objectivum N. V. C. Es ist einem Halbgelehrten vieles unmöglich / daß einem Grundgelehrten gar wohl möglich ist.

Antwort auf die zwey und dreyßigste Betrachtung.
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In dieser Motive liegen zwey Stücke / die sich aber auch beyde selbst widerlegen. Denn gleichwie wir nur einerley Bibel haben: also lassen wir auch nur einerley Auslegung zu / und nehmen kein ander Buch zur Bibel / als die darzu gehören / und statuiren auch keine andere Auslegung / als die mit der gantzen Schrifft überein kömmt. Da hingegen die Römisch-Catholischen / Bücher zu der Bibel setzen / die keinen Grund der Göttlichen Eingebung für sich haben / und eine Auslegung / die ein non-ens ist. Denn wo ist der H. Väter einstimmige Auslegung? Es ist ja bekant genug / daß öffters ein Pater in Auslegung der Schrifft dem andern widerspricht / ja wohl gar sich selbsten. Hat nicht der H. Hierony mus den locum ad Gal. 2. so ausgeleget /
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ob habe Paulus dem Apostel Petro nur zum Scheine und nicht ernstlich widersprochen / da im Gegentheil der H. Augustinus davor gehalten / Paulus habe solches mit Ernst und Eyfer gethan. Der Autor schlage doch den berühmten Römisch-Catholischen Theologum Launojum auf / P. V. Epistolarum Ep. V. allwo er finden wird / daß die Patres über den Haupt-Spruch Matth. 16 / 18. Du bist Petrus etc. viererley Meynungen haben / unter welchen die meisten unsere Evangelische Lutherische Meynung behaupten: Daß Christus durch den Felß sich selbst / und die abgelegte Bekäntniß von ihm verstanden habe. NB. Die Christliche Kirche hat nicht bloß der Lateinischen Bibel sich bedienet / wie der Autor in den Gedancken stehet / sondern auch der Ebräischen und Griechischen / aus welcher sie hat die Fehler die in der Lateinischen Bibel verbessern können / welches dem Autori wohl würde bekant seyn / wenn er nur den H. Hieronymum fleißiger gelesen hätte.

Antwort auf die drey und dreyßigste Betrachtung.
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Diese Motive gründet sich auf die gleichförmige Einigkeit der Catechismorum bey
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den Römisch-Catholischen / und auf den Unterscheid unserer Catechismorum. Allein es ist zu wissen / daß nicht aller Unterscheid unrecht sey; und also muß man nur unterscheiden das materiale, das einerley seyn muß / und das formale das variren kan / und nach eines jeden Vorschlag und capacität der Zuhörer sich richtet. Die angeführten zwey Catechismi sind mir nicht vorkommen. Bey dem ersten aber erinnere nur so viel / daß 1567. Lutherus schon todt gewesen / und also diese Arbeit ihm nur angedichtet seyn wird. Wie denn die Jesuiter gethan / und einen solchen Catechismum, aus seinen ersten Tomis erläutert / ediret / davon ich ein paar Exemplaria gesehen / eines 1667. zu Brieg gedruckt / und eines 1694. zu Prage gedruckt: Der Titul heist: Enchiridion der kleine Catechismus für die Gemeine Pfarrer und Prediger gemehret und gebessert / aus D. Martin Lutheri Schrifften und Büchern / erstlich zu Wittenberg gedruckt Anno 1587. darinnen solche Dinge stehen / die er damahls im Anfange seiner Bekehrung zwar noch geglaubet / aber nachgehends retractiret / und nach dieser seiner letzten Meynung muß man Lutherum urtheilen / gleich wie Augustinum
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nachdem er die libros Retractationum geschrieben.

Antwort auf die vier und dreyßigste Betrachtung.
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Diese Motive ist wiederum res facti, und weiß jederman / daß die Augspurg. Confess. die wir haben / eben diejenige ist / die Carolo V. ist exhibiret worden / und ob sich gleich etliche unterstanden dieselbe zu ändern: so hat man doch dieselbe allezeit ungeändert gesucht zu erhalten / und diese invariata ist frey von allen Lügen und Widersprechen / und wird der Beweiß eines andern wohl gar schlechten Grund haben / und dieses so lange eine ungegründete Beschuldigung bleiben / biß das Gegentheil bewiesen / und des Herrn D. Val. Alberti auf Churfürstl. Gnädigsten Befehl Anno 1684. verfertigte Refutation der Anti-Augustanae Confessionis gründlich widerleget ist. Worauf aber bißhero die Päbstische Clerisey hat verstummen / und ihre Verläumdungen wider die Augspurgische Confession einschlucken müssen. Trotz sey dem Autori gebothen / daß er einen einigen Glaubens-Artickel anzeigen könne / worinne ein Exemplar dem andern [NB. von der ungeänderten Augspurgischen Confession] widersprochen habe.
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Antwort auf die fünf und dreyßigste Betrachtung.
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Diese Betrachtung ist gar weitläufftig / aber von grosser Schwäche. Denn Christi Worte Matth. 7 / 13. und Luc. 13 / 24. werden durch unsere Lehre vom Glauben / durch den ich seelig werde / nicht verkehrt / sondern recht verstanden. Denn was ist schwehrers als glauben / als recht glauben / Joh. 6 / 29. Act. 17 / 31. 2. Thess. 3 / 2. Die Natur ist viel zu unvermögend dazu. Sie erschrickt mit aller ihrer Frömmigkeit für dem geringsten Creutz / wie solte sie sich wider den grossen / starcken Zorn GOttes rüsten können? Es muß solches die sonderbahre Gnade Gottes alleine thun. Darnach so ist es ja bekant / daß unser Evangelische Lutherische Lehre den todten Mund- und Maul-Glauben nicht approbiret / sondern einen lebendigen Glauben erfodert / welcher eine doppelte hat partim primariam, vermöge dessen er Christi Verdienst ergreifft / und also uns gerecht macht / partim secundariam, vermöge deren er durch die Liebe thätig ist / und als ein guter Baum gute Früchte bringet. Einen solchen wahren Glauben zu haben und zu behalten /
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ist nichts leichtes / sondern sehr schwehres / weil eine beständige geistliche Wachsamkeit / ein beständiges andächtiges Gebet / ein fleisiger Gebrauch der Gnaden-Mittel zur Seeligkeit / eine Enthaltung von der sündlichen und üppigen Welt / daß man sich ihr nicht gleiche stelle / darzu erfodert wird. Was aber den Ort / Matth. 19 / 16. anbelangt / so ist zu wissen / daß Christus ihm nicht sowohl hat antworten / als seine falsche Meynung widerlegen wollen / die er von der possibilitate Legis implendae bey sich führete / wie soches der gantze Context weiset. Und auf solche Weise sind alle dergleichen Antworten in der Bibel / nach Beschaffenheit des fragenden Subjecti eingerichtet / und müssen einander nicht entgegen gesetzet; sondern unter einander gesetzet werden. NB. Der Schrifftgelehrte wolte legaliter und durch das Thun gerecht und selig werden / darum antwortete ihm der Heyland legaliter nach seiner Frage / und saget: Wenn er durch das Thun wolte selig werden / so müste er alle Gebote des Göttlichen Gesetzes vollkommen halten. Er zeigt ihm aber bald hernach / daß er bißhero noch nicht einmahl gewust / wer sein Nächster sey / geschweige denn daß er die andere Tafel [und
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noch viel weniger die erste] solte erfüllet haben / wodurch er eben seinen geistlichen Hochmuth / da er sich einbildete / er wäre ein Gesetz-Erfüller / niederschlagen wolte. Außer dem / wenn Christus um den Weg zur Seligkeit und von dem Mittel zur Seligkeit / von solchen Leuten die geängsteten Geistes und zerschlagenen Hertzens gewesen / ist gefraget worden / hat er gar anders nemlich folgender massen geantwortet: Also hat GOtt die Welt geliebet / daß er seinen eingebohrnen Sohn gab / auf daß alle / die an ihn gläuben / nicht verlohren werden / sondern das ewige Leben haben / Joh. 3 / 16. auf eben dieses haben / St. Paulus und Silas den Kerckermeister gewiesen / als sie ihm zurieffen: Gläube an den HErrn JEsum / so wirst du selig Act. 16 / 31. Was der Autor aus Act. 2. Luc. 13. wider unsere Religion anführet / ist alles vergebens und ümsonst / weil wir lehren / daß der wahre seligmachende Glaube nicht eher in dem Hertzen könne gewürcket werden / biß der Mensch sich zuvorhero durch das Straff-Amt des Heil. Geistes zu einer rechten Contrition und Buße habe bringen lassen / ingleichen daß der Glaube / wenn er von rechter Art ist / die guten Früchte nach sich
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ziehe. NB. Was die Verzeihung betrifft; welche man demjenigen / der uns beleidiget hat / soll wiederfahren lassen / so ist dieses eine Pflicht eines gerechtfertigten Christen / welche er nothwendig beobachten muß / wofern er anders im Stande der geistlichen Wiedergeburth und Gerechtfertigung beharren will. Aber es ist solche Verzeihung kein Mittel zur Seligkeit / denn dieß bleibet der Glaube allein. Die vorgelegte Frage hätte der Autor nicht also einrichten sollen / ob man durch die guten Wercke könne das ewige Leben ererben, sondern ob man es verdienen könne? Was den angeführten Spruch 1. Pet. 1 / 10. betrifft / so ist schon oben drauf geantwortet worden. Die Worte / Röm. 2 / 6. zeigen wohl normam & analogiam ac similitudinem mercedis & laboris, aber nicht causam an / wie auch / 1. Cor. 3 / 8. nemlich daß auf gute Wercke werde guter Lohn folgen / [nemlich aus Gnaden /] auf böse Wercke aber böser Lohn / [nemlich aus Verdienst] denn der Tod ist wohl der Sünden Sold / [ein verdienter Sold] aber das ewige Leben ist eine Gabe GOttes / [nach dem Griechischen Text ein Gnaden Geschencke Gottes] Rom. 6. v. ult. Er schlage nur hier auf / was Gregorius M. in
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Psalm. 7. poenit. p. 194. geschrieben / so wird er daselbst diese richtige Erklärung finden. Was sonsten der Autor von Allmosen und dergleichen mit beyfüget / so gehöret dieß alles mit ad conditionem subjecti salvandi [oder was derjenige / der da will selig werden / vor Pflichten und Schuldigkeiten auf sich habe / die er nothwendig beobachten müsse / wenn er nicht aus dem Stande der geistlichen Wiedergeburth und Gerechtfertigung heraus fallen wolle] nicht ad Medium & causam Salutis nicht dazu / daß man das ewige Leben dadurch verdiene. In dem Spruche / welchen der Autor aus Dan. 4. angeführet / hätte er den Chaldäischen Text recht ansehen sollen / so würde er befunden haben / daß die Lateinische Bibel an solchem Orte von dem Grund-Texte abgewichen sey / und dieser Ort also müsse übersetzet werden / wie ihn der sel. D. Schmid übersetzet hat: peccata tua in Justitiam abrumpas [mutes] & iniquitates in misereri afflictorum. Si futura sic Diuturnitas Tranquillitati tuae. Durch welche Erklärung das Argument, so der Autor aus diesem Spruche hat nehmen wollen / auf einmahl hinweg fället. NB. Der Autor solte wohl mercken / daß Buße / Glauben und Gottseligkeit zusam
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men gehöret; ein jedes aber auf seine Weise. Die Buße ist ordo, der Glaube ist causa, die Gottseligkeit ist Effectus, Consequens und Declaratio. Auf den Einwurff aus 1. Cor. 6 / 9. 10. ist zu wissen / daß die geringste Sünde merito die Hölle verdient; aber ratio formalis, immediata proxima, daß sie actu solche verdienen / ist der Unglaube. Der Unglaube ist die unmittelbahre Ursache der Verdam̅niß; und hat der sel. Vater Lutherus auf die Worte unsers Heylandes gesehen / da er gesaget hat: Wer nicht gläubt / der ist schon gerichtet / Joh. 3 / 18. ingleichen der H. Geist wird die Welt straffen um des Unglaubens willen / Joh. 16 / 9. zu geschweigen / daß auch der Unglaube / der böse Baum ist / woher alle böse Früchte / alle Laster / Sünden und Untugenden herrühren.

Antwort auf die sechs und dreyßigste Betrachtung.
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Auf diese Motive ist von den unsern schon vielmahl reichlich und gründlich geantwortet worden. Lutherus hat den Text Rom. 3 / 28. nicht verfälscht; sondern er stehet noch wie er lange gestanden. Daß er aber in seiner Ubersetzung das Wort allein, den Spruch nicht zu verfälschen / sondern zu erklären / hin
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zu gesetzet / indem eben das die Krafft der Worte mit sich bringt / was das Wort allein ausdruckt. Und über dieses sehen wir dieses auch an der Griechischen Dollmetschung / die die Worte / Deut. 6 / 13. mit dem Wort allein erklärt / welches JEsus und der Heil. Geist gebilliget / Matth. 4 / 10. vid. D. Scherzeri systema defin. in Articulo de Justisicatione, in specie in thesi, quod sola fides justificet, allwo gründlich erwiesen wird / daß das Wörtlein sola in vielen alten Griechischen / Lateinischen und Teutschen Bibeln / wie auch in den Schrifften der H. Väter / wenn sie solchen Spruch / Rom. 3. anführen / anzutreffen sey. Hat doch auch die Vulgata diß gethan / und an vielen Orten ein und ander Wort zur Erklärung hinein gesetzet / als 2. Pet. 1 / 10. allwo die Worte durch die guten Wercke in der Griechischen Bibel nicht zu finden sind. Daferne nun hier eine Verfälschung geschehen / so ist sie von denen Papisten und nicht von uns geschehen. Was der Autor in folgenden Worten denen Reformirten vorwirfft / werden sie bey Gelegenheit schon selbst beantworten. Das Wörtlein denn ist / Matth. 25 / 34. 35. in Lutheri Version ausdrücklich zu finden. Deßwegen aber ist kein meritum
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draus zu machen; weil das Wort denn nicht nicht nur causaliter, sondern auch offtermals significative und consecutive genommen wird / wie denen Papisten von den unsrigen offters ist erwiesen worden / vid. M. Lomers fortgesetzte Abfertigung zweyer Jesuiten p. 452. seqq.

Antwort auf die sieben und dreyßigste Betrachtung.
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In dieser Betrachtung bringet der Autor wiederum solche Dinge vor / die schon vielmahl von den Unsrigen sind beantwortet worden. Wir gestehen vor allen Dingen dieses gar gerne zu / daß die Christliche Kirche biß ans Ende der Welt werde beharren / und also der Bräutigam niemahls ohne Braut / und das geistl. Haupt niemahls ohne den geistl. Leib seyn. Allein hieraus folget noch lange nicht / daß solche wahre Christliche Kirche anitzo zu Rom und im Römischen Gebiethe sey. Wenn eine Particulir-Kirche (wie die Römische ist) von ihrem geistlichen Bräutigam abweichet / und nicht mehr seine Stimme hören will / so giebet er derselben einen Scheide-Brlef. NB. Wann die Kirche Christi auf Petrum als auf einen Felsen wä
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re gegründet gewesen / so würde sie gar bald gewancket haben / weil der Apostel Petrus selbsten kurtz darauf / als Christus die Worte Matth. 16. zu ihm gesaget hatte / gar sehr gewancket hat / indem er Christum dreymahl verläugnet / Matth. 26. und auch nach der Ausgiessung des Heil. Geistes denen Jüden öffentlich geheuchelt hat / so gar daß auch der Apostel Paulus kein Bedencken getragen / ihn deßwegen öffentlich zu bestraffen / Gal. 2. Solches ist den H. Vätern wohl bekant gewesen / dannenhero haben sie den Felsen auf welchen die Kirche gebauet ist / nicht mit denen Papisten von Petro / sondern mit uns Evangelischen Christen von Christo / (welcher der Stein ist / den die Bau-Leute verworffen / und hernach zum Eckstein worden /) ingleichen von der Bekäntniß von Christo erkläret / z. E. Augustinus de verbis Domini secundum Matthaeum Serm. 13. Tom. X. p. 58. super hanc Petram, quam confessus es, super hanc Petram, quam cognovisti, dicens: Tu es Christus filius Dei vivi, aedificabo Ecclesiam meam it. Exposit. in Evang. Ioh. Tract. 124. Tom. IX. p. 571. Ecclesia in hoc seculo diversis tentationibus velut imbribus, fluminibus, tempestatibusque quatiur, & non ca
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dit, quoniam fundata est super Petram, unde & Petrus nomen accepit. Non enim à Petro petra, sed Petrus à petra; sicut non Christus à Christiano, sed Christianus à Christo vocatur. Ideo quippe ait Dominus: super hanc Petram aedificabo Ecclesiam meam. Petra erat Christus, super quod fundamentum etiam ipse aedificatus est Petrus. Fundamentum quippe aliud nemo potest ponere praeter id, quod positum est, quod est Jesus Christus. it. in Tract. de Trinitate lib. 2. c. 17. & Libros Retract. Tom. I. l. 1. c. 21. p. 30. allwo wir diese Worte finden: Dixi in quodam loco de Apostolo Petro, quod in illo tanquam in Petra aedificata sit Ecclesia. Sed scio me postea sic exposuisse, quod à Domino dictum est: Tu es Petrus & super hanc Petram aedificabo Ecclesiam meam ut super hunc intelligeretur, quam confessus est Petrus, dicens: Tu es Christus filius Dei vivi. Non enim dictum est illi, tu es Petra, sed tu es Petrus. Petra autem erat Christus quem confessus Simon, sicut cum tota Ecclesia confitetur, dictus est Petrus. Hilarius schreibet de Trinitate lib. 2. p. 19. Edit. Basil. 1570. Unum ergo est immobile fundamentum, una haec felix Petra, Petri ore confessa: Tues filius Dei vivi. Theodo
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retus schreibet über 1. Cor. 3 / v. 11. p. 133. Tom. III. edit. Paris. An. 1642. Hoc fundamentum jecit beatus Petrus, vel potius ipse Dominus, cum enim dixisset Petrus: Tu es Christus filius Dei vivi, dixit Dominus: Super hanc Petram aedificabo Ecclesiam meam. Ne vos ergo denominate ab hominibus, Christus enim est fundamentum. Der H. Ambrosius schreibet in Epist. ad Ephes. c. 2. Tom. 5. Edit. Basil. Anno 1567. Dominus dicit ad Petrum: Super istam Petram aedificabo Ecclesiam: hoc est: in hac Catholicae fidei confessione statuam fideles ad vitam. Gregorius Nyssenus lässet sich vernehmen contra Judaeos cap. ult. Tom. II. Edit. Paris. p. 162. Super hanc Petram aedificabo Ecclesiam meam, super Confessionem scilicet Christi, quia dixerat: Tues Christus. Was den angeführten Spruch / Matth. 18. betrifft / so ist daselbsten die Rede von einer Particulir-Kirche / NB. zu der man gehen und bey der man wegen empfangener Beleidigung sich beklagen kan / welche freylich sichtbarlich ist / [nemlich materialiter, aber doch nicht formaliter,] denn der feste Grund GOttes bestehet und hat diesen Siegel / der HErr kennet die Seinen. Der HErr alleine weiß es / welches recht
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schaffene Gliedmassen der Kirchen sind / 2. Tim. 2 / 19. Rom. 2 / 28. 29. die aber gar leichte hinfallen kan / wenn durch ihre Verschuldung der Sohn GOttes den Leuchter hinweg stösset / von seiner Stätte / Apoc. 2 / 5. NB. Daß die Christliche Kirche als die Apostel in alle Welt ausgegangen das Evangelium allen Völckern zu predigen / eine allgemeine Catholische Kirche worden / ist nicht zu läugnen. Allein wenn der Autor recht zur Erkäntniß kommen wolte / so solte er nicht darauf sehen / wie die Christliche Kirche dazumahl und in den glückseligen Zeiten gewesen ist / sondern er solte darauf wohl acht haben / wie von den Aposteln ist verkündiget worden / daß mit der Zeit in der Christlichen Kirche ein grosser Abfall geschehen würde / und daß solcher Abfall durch den grossen Anti-Christ würde verursachet werden / 2. Thess. 2. Apoc. 13. C. 14. C. 17. Solchergestalt fallen die folgenden auf den Pabst gegründeten und applicirten Argumenta alle weg. Es ist zwar wahr / daß die Kirche nicht fehlen und irren kan [in den Grund-Artickeln des Glaubens] noch untergehen; doch ist dieses nur von der Universal-Kirche zu verstehen / nicht aber von einer jeglichen Particulir-Kirche / derogleichen die
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Römische ist / denn sonsten hätte auch die Corinthische / Ephesinische nicht fehlen und irren können / wovon doch das Gegentheil der Welt vor Augen lieget. Eine falsche Hypothesis ist es auch / welche der Autor vorbringet / wann er schreibet: es habe die Kirche allezeit müssen sichtbar seyn / denn es ist ja bekant genug / daß sie nicht sichtbar gewesen / zu den Zeiten des Propheten Eliä / welcher vermeinte / er wäre allein übrig blieben von den Rechtgläubigen / nicht zu den Zeiten der Pharisäer und Schrifftgelehrten vor Christi Geburth / nicht zu den Zeiten des Concilii zu Rimino [quo tempore totus mundus admiratus est, se tam cito factum esse Arrianum,] nicht zu den Zeiten des grossen Anti-Christs nach der Papisten ihrem eigenen Geständnisse. Aus dem / daß die Kirche Christi ein Schaf-Stall / ein Leib genennet wird / folget gar nicht / daß sie deswegen ein sichtbarlich Haupt haben müsse / Christus das unsichtbahre Haupt / Ephes. 2. ist hier schon genug. Daß solches sichtbahre Haupt St. Petrus habe seyn sollen / wird sehr übel aus Joh. 21 / 16. erwiesen / weil derselbe einzig und alleine von der Wiederannehmung zum Apostel-Amte handelt / welches Christus zu dreyen mahlen wegen seiner drey
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mahligen Verleugnung that. Auf die Worte / Matth. 16 / 18. ist oben geantwortet. Und die Worte Matth. 28 / 20. Siehe ich bin bey euch alle Tage / erweisen nichts mehr / als daß Christus auch nach seiner Menschlichen Natur bey uns / als das Haupt der Kirche beständig zu gegen sey. Woraus vielmehr zu schliessen / daß die Kirche keines sichtbarlichen Hauptes von nöthen habe. Christus hat zwar in seinem Prophetischen Amte seine Successores und Nachfolger / aber nur diejenigen / welche seine Stimme und sein Wort der Gemeine vortragen. Der Autor confundirt immer die Successionem personalem & Doctrinalem. Was von der Heiligkeit gemeldet wird / das nehmen wir an. Es muß die wahre Kirche Christi durch ihre Lehre allerdings zur Heiligkeit führen / und auch heilige Personen haben. Ich hoffe aber / daß unsere Religion dieses mit rechtem Ernste und Nachdrucke thut / indem sie nicht alleine weiset / wie alle Lehr-Sätze zur Gottseligkeit zu appliciren / sondern auch die Quelle weiset / woraus alle Krafft dazu soll genom̅en werden. Und haben wir gleich keine canonisirte Heiligen aufzuweisen; so sind doch gleichwohl wahre Heiligen unter uns / die sich mit Ernst
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bemühen fromm zu seyn / und der Heiligung nachjagen / Ebr. 12. Und ist also der Schluß nicht auf die Römisch-Catholische / sondern vielmehr und mit Recht auf unsere Kirche zu machen: NB. die Römische Kirche hat wohl iederzeit viele Scheinheilige gehabt / welche ihre Menschen-Satzungen fleißig beobachtet haben / aber wenig rechte Heiligen / weil sie von der Zeit an ihres grossen Abfalles das H. Bibel-Buch / wodurch die Menschen zu einer rechten Heiligkeit können gebracht werden / denen Leuten aus den Händen gerissen. Wenn die Römische Kirche so gar heilig ist / wie der Autor prahlet / warum schreibet denn Baptista Mantuanus l. 1. Omnia cum liceant Romae, non licet esse pium. Warum schreibet denn Alvarus Pelagius de planctu Ecclesiae l. 2. art. 2. fol. 104. Ecclesia coepit mandata Dei facere, & postea contemsit. Bernhardus hat schon zu seiner Zeit diese Klage führen müssen Sermon. 33. p. 59. Tom. III. super Cantic. Serpit hodie putida Tabes per omne corpus Ecclesiae, & quo latius, eo desperatius, eo periculosius, quo interius. NB. Was die Heiligen in der ersten Kirche betrifft / und die treuen Blut-Zeugen Christi / so hat sich wohl derselben die damahlige Rö
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mische Kirche / als sie noch in ihrem reinen Jungfräulichen Zustande war / rühmen können; aber die ietzige abgefallene Römische Kirche kan sich derselben nicht rühmen / noch auf sie beruffen.

Antwort auf die acht und dreyßigste Betrachtung.
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Diese Motive hat nichts neues in sich / sondern ist nur eine Wiederholung der vorhergehenden / die auch könte unbeantwortet bleiben / wenn er nicht sein Absehen auf unsere Lutherische Gemeine vornehmlich gerichtet; daher ich solches nur invertire und sage: Unsere Kirche hat keine andere Articul / als die wahre Kirche zu allen Zeiten gelehret hat / sie ist also Apostolisch / ist überall wo wahre Christen seyn / und unsere Lehrer sind wahre Nachfolger der Apostel / quoad successionem doctrinalem, und aller treuen Lehrer / es sind auch noch viel Fromme / die sich der wahren Gottseligkeit befleißigen. Wir lehren das Böse lassen / und das Gute thun / und sagen daß die Gottseligkeit nöthig / und vieles möglich sey / durch die von GOtt verliehene Gnaden-Krafft / und auch zu allen Dingen nützlich / und sind also eine heilige Kirche / und straffen
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die untreuen / unfruchtbahren / faulen Christen nachdrücklich / und halten sie zur Buße und zu mehrerm Fleisse im Guten an / und haben also genugsame Kennzeichen der Warheit / nach des Herrn Autoris eigener Hypothesi.

Antwort auf die neun und dreyßigste Betrachtung.
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In dieser Betrachtung kömmet wieder unterschiedenes vor / welches schon oben ist beantwortet worden. Jedoch wil ich noch eines und das andere anmercken: 1. Derjenigen Lehrer ihre Auslegung ist recht / welche den streitigen Spruch erklären / nicht nach ihrem eigenen Gehirne / sondern aus Erwegung der Antecedentium und Consequentium, aus dem Haupt-Absehen des gantzen Capitels / und aus denen locis parallelis. Kürtzer zu sagen: Dererjenigen Lehrer Erklärung ist die beste / welche die Schrifft nach der Aehnligkeit des Glaubens auslegen / Rom. 12. 2. Das ist ein sehr falsch praesuppositum, daß die Auslegungen der ietzigen Päbstischen Kirche mit der Auslegung der uhralten Kirchen-Väter überein komme. Das Widerspiel lehret der Augenschein / sonderlich wenn
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man nur des H. Hieronymi Schrifft-Auslegungen mit den Auslegungen der ietzigen Römischen Kirche conferiret. 3. Ist wohl zu mercken / daß eine Privat-Person alsdenn publicam interpretationem vorbringe [eine gültige /] wenn sie eine solche Auslegung vorbringet / welche aus der Schrifft selbst genommen / und dem Sinn und Absehen des H. Geistes gemäße ist; da im Gegentheil persona publica und ein vornehmer Kirchen-Lehrer interpretationem privatam und eine ungültige vorbringet / wenn er die Schrifft bloß nach seinem Kopff und Sinne und nicht Schrifft aus Schrifft erkläret. 4. Von denen Vätern / welche zu der Apostel Zeiten gelebet / haben wir gar keine Commentarios über die Schrifft / welche genuin wären / also kan sich auch die Römische Kirche nicht auf dieselben beruffen. Was unter solchen uhralten Heil. Väter Nahmen im Pabstthume von Schrifft-Erklärungen herum getragen wird / davon haben schon ihre eigene gelehrte Leute selbsten beobachtet und erwiesen / daß es nur eingeschobene Schrifften sind. 5. Was zuletzt uns imputiret wird / ob wolten wir die Schrifft nach unser Lehre zwingen / ist ein falsches Vorgeben.
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Antwort auf die vierzigste Betrachtung.
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In dieser Betrachtung will der Autor mit einem Exempel beweisen / daß in der Römischen Kirche die rechte Auslegung der Heil. Schrifft anzutreffen sey / welche überein käme mit der Auslegung aller H. Väter / wovon aber nicht allein die Reformirten / sondern auch die Lutheraner abwichen. Das Exempel ist genommen von den Einsetzungs-Worten Christi des H. Abendmahls: Hoc est corpus meum, das ist mein Leib. Allein wenn der Autor die Bücher derer Protestanten / welche aus denen H. Vätern so viele loca wider die Päbstische Auslegungen anführen / fleißiger gelesen hätte / so würde er wohl auf die allgemeine Beystim̅ung der Väter sich nicht beruffen haben. Hernach so ist es gantz falsch und erdichtet / daß die Papisten die angeführten Worte unsers Heylandes in natürlichen und wahrem Sinne annehmen. Denn der Heyland hat ja niemahls gesaget: Das Brod ist mein Leib / sondern: Hoc est corpus meum, [was ich euch mit dem Brodte unsichtbarlich überreiche] ist mein Leib. Denn auf solche und keine andere Art muß eine propositio ex
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hibitiva convivalis erkläret werden / wenn man sie in ihrem natürlichen und wahrem Verstande annehmen wil. Dannenher auch der Apostel Paulus / als er solche Worte unsers Heylandes erklären wollen / nicht also geschrieben: Das gesegnete Brod ist der Leib Christi selbsten / sondern also: Das gesegnete Brod und der gesegnete Wein ist NB. die Gemeinschafft des Leibes und Blutes Christi, 1. Cor. 10. Diejenigen Dinge welche mit einander Gemeinschafft haben / werden nicht in einander verwandelt / sondern sind nur beysammen / wie aus dem Exempel Leibes und Seelen erhellet. Solche Gemeinschafft bringet nicht eine Verwandelung / sondern eine Vereinigung / [und zwar allhier eine Sacramentirliche Vereinigung] mit sich.

Antwort auf die ein und vierzigste Betrachtung.
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Bald zu Anfange dieser Betrachtung giebet der Autor zu verstehen / daß er es gar sehr versehen habe / weil er nur acht darauf gehabt / wie derer so genanten Uncatholischen Doctorum ihre Lehre mit den H. Vätern übereingestimmet / da er doch vornemlich hätte acht geben sollen / wie solche Lehre mit den Schriff
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ten der Propheten und Apostel eingestimmet habe / welche allem Vermuthen nach der Autor sich gar wenig bekant gemacht hat / und des wegen in so grosse Seelen-gefährliche Irthümer gerathen ist. Was der Autor von der Ubereinstimmung aller Römisch-Catholischen in allen Ländern rühmet / ist eine offenbahre Unwarheit / weil ja bekant ist / wie ihrer viele von der Frantzösischen Clerisey / sonderlich Edmundus Richerius, Launoius, Petrus de Marca, Natalis Alexander, Arnoldus und viele andere denen Italiänischen und Spanischen Doctoribus, ja insgemein allen denjenigen / welche de Curia Romana sind / bißhero in der Haupt-Lehre von der Autorität des Römischen Pabstes / auch in vielen andern Dingen / auch denen Erklärungen Biblischer Sprüche / gar sehr zuwider gewesen. Nicht weniger ist es eine Unwarheit / was der Autor von der Ubereinstimmung aller Scholasticorum in Glaubens-Sachen vorbringet. Das Gegentheil ist von dem sel. Hrn. M. Scheibler in der Väter-Probe p. 379. zur Gnüge erwiesen / und noch mehr von David Parreo, welcher 239. wichtige Controversien angemercket hat / welche zwischen den Päbstisch-Scholastischen Doctoribus ventiliret werden / vid.
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ejus Irenicum c. 27. p. 197. 241. conf. Bottsacci Contradictiones Pontificiorum. Was der Autor von der grossen Einigkeit der Väter rühmet / würde er wohl haben bleiben lassen / wann er die Bücher derer von ihm so genannten Uncatholischen in allen von ihm so genanten Secten fleißiger gelesen hätte; denn da würde er befunden haben / wie unterschiedene von den H. Vätern so geschrieben / daß sie deroselben Worte vor sich haben anziehen können. Wobey er nachschlagen kan L. Günthers Anhang an die Beschluß-Schrifft wider die Academisten pag. 20. seqq. Eben daher ist es geschehen / daß Bellarminus und andere offtmahls gar verächtlich von den H. Vätern geredet / wenn von unsern Lehrern unterschiedene Stellen wider das Pabstthum aus ihnen sind angeführet worden / da haben sie wohl eher zuletzt zur Ausflucht gebraucht: Papa nullos habet Patres, sed omnes filios. Eine Unwarheit ist es auch / wenn der Autor schreibet / daß unsre Lehre von der Lehre der H. Väter so weit entfernet sey / als der Himmel von der Erden; es kommet vielmehr unsre Lehre mit der alten Väter / sehr wohl überein in denen Grund-Artickeln / wie solches aus des sel. Gerhardi Confessione Catholica, inglei
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chen aus seinem Systemate zur Gnüge zu sehen ist. Er schlage doch absonderlich nach Reiseri Augustinum vindicatum, so wird er bald sehen / daß dieser H. Vater mehr auf unsere als der Papisten ihrer Seiten stehe. Hat doch Petavius selbsten gestanden / daß wenn ein Papiste aus dem H. Augustino wider uns Lutheraner disputiren wolte / er zu schanden werden und übel auskommen würde / vid. D. Veils Enchiridion, cujus Titulus est: Sanctus Augustinus veri falsique in capitalioribus, quae nobis cum Pontificiis intercedunt, Controversiis fidelis Index. Wenn der Autor schreibet / daß die Wittenbergischen Lutheraner anders lehreten / als die Königsbergischen / so hätte er nicht insgemein setzen sollen: als die Königsbergischen; sondern: als diejenigen / welche zuvor in Königsberg den Syncretismum foviret haben / und denenselben hätte er nicht bloß die Herrn Wittenberger / sondern insgemein alle rechtschaffene Lutheraner entgegen setzen sollen. Indem aber rechtschaffene Lutheraner denen Syncretistischen Heuchlern sich entgegen setzen / so kan man daraus so wenig ein Praejudicium wider unsre Evangelische Kirche fassen / so wenig man vor Zeiten die
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Apostolische Kirche in Verdacht hat ziehen können / weil sie denjenigen / welche zu Corinth und Galata mit den Jüden heuchelten und ihnen zugefallen die Lehre von der Gerechtfertigung durch das Gesetze und Beobachtung der Menschen Gebothe mit einführten / widersprochen und widerstanden hat. Daß die rechtschaffenen Lutheraner in Schweden anders lehren / was die Artickel unsers Evangel. Glaubens betrifft / als die in Ungarn / ist abermals eine öffentliche Unwarheit. Eben eine solche Unwarheit ist es / wenn der Autor vorgiebt / daß wir ietzo andere Glaubens-Artickel hätten als im vorigen Seculo. Es sind diese nichtige Vorwürffe schon längsten zur Genüge abgelehnet worden / in der Haupt-Vertheidigung des Evangel. Aug-Apffels. Der Autor würde am jüngsten Tage besser bestehen und auskommen können / wenn er alsdenn dem allgemeinen Welt-Richter antworten könte / er habe das Wort GOttes allem Menschlichen Vorgeben vorgezogen und sich nach jenem gerichtet / denn es ist bekant / daß wir an jenem Tage nicht nach der Meynung derer Väter / sondern nach dem Worte GOttes sollen gerichtet werden. Joh. 12 / 48.
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Antwort auf die zwey und vierzigste Betrachtung.
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In dieser Betrachtung bringet der Autor ein sehr schlecht Argument vor / die Warheit der Römisch-Catholischen Kirche zu bestätigen / von den alten Ceremonien etc. genommen / welches nicht werth ist / daß man es widerlege. Ich möchte nur wissen / ob der Autor unter solche alte Ceremonien und Ritus woraus die Warheit der Römischen Kirche könne bestätiget werden / auch diejenigen mitrechne / wenn man bey der Päbstischen Firmelung Ohrfeigen austheilet / ingleichen wenn man bey Haltung der Messe unter den Brustlatz klingelt / wie auch wenn man bey der Tauffe denen Kindern den Speichel in Mund schmieret etc. Was etliche Fest-Tage betrifft / welche wir noch mit den Papisten halten / so thun wir solches aus Christlicher Freyheit dem lieben GOtt zu Ehren.

Antwort auf die drey und vierzigste Betrachtung.
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Diese Motive hat wohl einen guten Grund; aber eine schlimme Application. Denn die Kirche / die die Türcken / Heyden / u.
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s. f. bestritten / ist zwar unmittelbahr die sichtbahre Kirche gewesen / die auch leyder! an vielen Orten ist überwältiget worden; Gleichwohl aber hat sich GOtt an diesem und jenem Orte noch immerzu ein gläubiges Häuflein erhalten; daß aber viele alte Ketzereyen untergangen / ist allerdings wahr / und dem lieben GOtt davor hertzlich zu dancken; daß aber auch GOtt im Gegentheil dem Pabstthum ein sehr langes Ziel gesteckt / das rühret her von seinen unerforschlichen Gerichten / davon 2. Thess. 2. zu lesen. Der böse Hauffe steht von Cains Zeiten an biß heute / deßwegen kan niemand aus dieser langwierigen Dauerhafftigkeit schliessen / daß solcher böse Hauffen der Gottlosen die rechte Kirche sey / nicht weniger ist es gar ein schlechter Grund / wann sich der Autor auf den beständigen Flor und Glückseligkeit der Römischen Kirche beruffet. Denn wir lesen Apoc. 18 / 7. daß die Anti-Christische Kirche sich darauf beruffen werde / und wissen auch / daß die Türcken in ihrem Alcoran sich hierauf [nemlich auf den beständigen Flor und Glückseligkeit] beruffen. Die rechte wahre Kirche hat offtermahls zu klagen Ursache: Sie haben mich offte bedränget / Ps. 129 / 2.
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Antwort auf die vier und vierzigste Betrachtung.
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Auf diese Betrachtung ist wohl zu mercken 1. Daß in den Päbstischen Büchern de vitis sanctorum, davon der Autor schreibet / daß unzehlige Exempel von allerhand Heiligen darin anzutreffen wären / auch unzehlig viel Fabeln sind. Wie wird nicht heute zu Tage der Surius de vitis sanctorum mit seinen vorgebrachten fabelhafften Dingen / von verständigen Papisten selbst verlachet? NB. In Anführung der Heiligen confundiret der Autor die Heiligen und Scheinheiligen mit einander / wovon ich schon oben gehandelt. Es ist wahr / ein böser Baum kan nicht gute Früchte bringen / aber ein Heuchler und Scheinheiliger / kan doch gute Schein-Früchte bringen / die bey den Leuten ein grosses Aufsehen machen können / wie solches vor Zeiten bey den Pharisäern geschehen. 2. Was das Rühmen des Autoris von ihren Libris Asceticis betrifft / so würde er wohl damit zurück gehalten haben / wenn er sich ein wenig besser in unsern Evangelischen Bibliothecken umgesehen und des sel. Herrn D. Müllers / Arnds / Scrivers / Lassenii, Lütkemans / Gerhardi, Speneri, Feuerleins / Baulers / und noch sehr viele an
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dere aufgeschlagen und angesehen hätte / welche offtermahls / auf einer Seite mehr erbauliche Dinge / und dieß was zum thätigen Christenthum gehöret / aus der Heil. Schrifft vorbringen / als die Päbstischen Ascetici in vielen Blättern nicht thun. 3. Mit seinen Moralisten hätte er wohl mögen zu Hause bleiben / indem von den Unsrigen schon offtermahls ist gezeiget worden / was vor schändliche und böse Dinge in ihrem Sanchez und andern enthalten sind / man erschrickt darüber / wenn man den Päbstischen Frantzosen Pascal, in den unter dem Nahmen Ludovici Montaltitii heraus gegebenen Epistolis lieset / allwo er die abscheulichen Sätze der Moral der Jesuiten erzehlet / daß billig das gantze Pabstthum darüber erstaunen solte. In denen andern Päbstischen Moralisten ist viel unnöthiges speculiren und philosophiren / aber sehr wenig Schrifft. Der Autor lese hinführo dieß / was unsre Theologi in Theologia morali heraus gegeben / nemlich D. Dorscheus, D. Gebhard, Theodorus Meierus, D. Dannhauerus, Gerhardus, Langius und andere / so wird er schon auf andere Gedancken kommen. Was der Autor zum Fundament setzet / daß man in der Evangelischen Kirche keine rechte
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Theologiam moralem schreiben könte / rühret daher / weil er die angeführten Lehr-Sätze unserer Evangelischen Kirche / von Haltung der Gebote Gottes etc. theils übel verstanden / theils schändlicher Weise verdrehet hat. Welches auch oben alles zur Gnüge ist beantwortet worden. Was er zum Beschluß setzt / daß wir in unsern Büchern nichts von der Nachfolge Christi / nichts von der Ubung der guten Wercke hätten / so ist dieses abermahls eine handgreiffliche Unwarheit / wie der Augenschein lehret / wenn man nur die obangeführten Autores nachschläget. Von der Evangelischen Christlichen Vollkommenheit / wird der Autor in unsern Asceticis gar vieles finden / obgleich nicht von der Pharisäischen und gesetzlichen Vollkommenheit / welche man sich im Pabstthum vergeblich einbildet.

Antwort auf die fünff und vierzigste Betrachtung.
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Diese Motive hält auch keinen Stich / weil die Concilia nicht das Principium und der Richter in Glaubens-Sachen sind / es mag nun eines groß oder klein seyn / viel oder wenig Theologi dabey seyn / kurtz oder lang währen. Alle Theologi sind nichts weiters
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als Werckzeuge die Warheit aus der Schrifft zu forschen. Insonderheit ist folgendes auf dasjenige / was der Autor in dieser Motive vorgebracht / wohl zu mercken. 1. Daß diejenigen Zusammenkünffte eine rechte Autorität haben / welche die Schlüsse aus GOttes Wort machen. 2. Daß die allgemeinen Concilia der uhralten Catholischen Kirche / nicht die Lehr-Sätze der jetzigen Römischen / sondern der wahren Christlichen Apostolischen Kirche behauptet haben. 3. Wenn zu den rechten allgemeinen Concilien die Bischöffe aus der gantzen Welt beruffen worden / so ist das Concilium Tridentinum kein allgemein Concilium gewesen. 4. Wenn der Autor derer Oratorum und Abgesandten von denen Königen gedencket / so erinnere er sich des Frantzösischen Oratoris und Abgesandten Mons. Ferrier seiner Rede / welche er im Nahmen des Königs von Franckreich an das Concilium Tridentinum gehalten / darinnen er denen versammleten Vätern zu Trident frey unter die Augen gesagt: sein König und dessen Unterthanen würden ihre Decreta und Dogmata nicht annehmen / weil sie zwar gelehrte / aber nicht sich selbst gelassen wären / sondern in ihren Schlüssen und
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Decreten von dem Römischen Hofe dependireten. Wenn der Autor des Petri Svavis historiam Concilii Tridentini fleißiger gelesen hätte / so würde er wohl nicht geschrieben haben / daß in einem solchen Concilio alles einhellig geschlossen würde. NB. Daß das Concilium viele Jahre gedauret / gereichet denen darauf versamleten Vätern zu schlechten Ehren / weil sie in 18. Jahren nur 25. Sessiones gehalten / und zwar so / daß in der letzten Session sie sehr viele Päbstliche Artickel zusammen genommen. Die lange Zeit über haben die versammleten H. Väter mit Schmaußen und Divertissementen zugebracht / so gar / daß auch der Römische Pabst ist bewogen worden / etliche Bullen an sie abzusenden / worinnen das wollüstige Leben / die Geilheit und der Ehrgeitz der Bischöffe gar sehr perstringiret wird / vid. Sess. 2. 5. Der Autor giebet seine Unwissenheit bloß / wenn er schreibet daß die Augspurgische Confession zu Augspurg sey geschmiedet worden / denn es ja bekant / daß der sel. Lutherus dieselben zu Torgau aufgesetzt im Mertz-Monat 1530. und daß sie erst den 25. Junii ist übergeben worden. Wodurch auch dieses hinweg fällt / wenn der Autor vorgiebt / es sey sehr eil
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fertig damit zugegangen. Daß die damahls in Augspurg anwesende Lutherischen Theologi von der Theologischen Wissenschafft mehr als ihnen lieb gewesen / geschmecket haben / hat P. Eccius nebst seinen Consorten mehr als zu sehr erfahren / sowohl in dem Colloquio, welches sie mit den Unsrigen nach der übergebenen Confession angestellet haben / als auch durch die von dem sel. Philippo Melanchtone ausgefertigte schriffrliche Apologiam Augustanae Confessionis. 6. Was der Autor zuletzt von denen zu Augspurg versam̅leten Lutheranern vorgiebt / ist eine unverantwortliche Verläumdung. 7. Wenn der Autor schreibet / daß unsre Augspurgische Confession nur von etlichen Städten sey angenommen worden / so widerspricht er hiermit dem Bellarmino, welcher in seiner Praefatione Opp. editorum hefftig darüber klaget / daß solche Lehre nicht allein durch gantz Deutschland durchgebrochen / sondern auch die benachbarten Länder / Franckreich / Spanien / Engelland etc. eingenommen habe / und endlich gar über die Alpen-Gebürge gekommen / und in das Hertz von Italien eingedrungen sey.
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Antwort auf die sechs und vierzigste Betrachtung.
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Diese Motive ist wider den klaren Buchstaben der H. Schrifft / und wider die Vernunfft: Denn das Gewissen giebt wohl einige Nachricht / von dem / was der Wille thun und lassen soll; aber nicht eine vollkommene Nachricht / und bleiben viel Dinge dem menschlichen Verstande und Gewissen unbekant / indem das Gesetze geistlich ist / wir aber sind fleischlich / Rom. 7 / 14. 7. Und also macht hier Paulus das geoffenbahrte Gesetze GOttes zur Regel des Willens. Was 1. die angeführten Regeln der Catholischen betrifft / so ist anfangs dieses auch unsere Lehre / daß man alle wissentliche und vorsetzliche Sünden vermeiden und hassen soll / welches aber nicht aus natürlichen Kräfften / sondern nur durch Verleyhung Göttlicher Gnade geschehen kan. Die 2. und 3. Regel approbiren wir ebener maßen. Was die 4. Regel betrifft / daß man GOtt Rechenschafft geben müsse von allen Sünden / so ist dieses wahr / wenn wir darauf sehen / was von rechtswegen geschehen soll; wenn aber ein Mensch im Glauben an Christum JEsum stirbet / so sagt
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der Heyland von ihm / er kömmt nicht ins Gerichte / sondern ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen / Joh. 5 / 24. Eine falsche Regel ist es / wenn der Autor schreibet / daß ein iedweder übernatürliches gutes Werck die Göttliche Gnade und Seeligkeit verdienet; Christus sagt ja ausdrücklich / wenn ihr alles gethan habet / so sprecht: wir sind unnütze Knechte / wir haben gethan / was wir zu thun schuldig waren / Luc. 17. Wie können wir denn etwas verdienen? Daß man die begangenen Tod-Sünden dem Beicht-Vater bekenne und offenbahre / ist wohl nützlich / aber nicht von unbedingter Nothwendigkeit. Was ferner die Regeln der Protestanten betrifft / welche der Autor anführet / so hat er die selben zum Theil nicht recht verstanden / zum Theil muthwilliger Weise verkehret und verdrehet / zum Theil ohne Ursache gemißbilliget. 1. Unsere Lehre von Haltung der Gebote GOttes / verstehet der Autor nicht / wie oben gezeiget worden. 2. Wir sagen nicht / daß ein jeder schuldig sey zu glauben / daß er werde selig werden / er lebe wie er wolle / sondern daß derjenige / welcher in der Buß und Glauben stehet / der Gnade GOttes und der ewigen Seeligkeit könne versichert seyn / und nicht
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Ursache habe daran zu zweifeln / Rom. 5 / 1. C. 8 / 1. 3. Der Unglaube ist diejenige Sünde / welche uns unmittelbar in die Verdammniß hinein stürtzet. Daß die guten Wercke nicht verdienstlich sind der ewigen Seeligkeit / saget St. Paulus selbsten / wenn er schreibet aus Gnaden seyd ihr selig worden durch den Glauben / nicht aus den Wercken / auf daß sich nicht jemand rühme. NB. Es ist freylich nicht in unserer Gewalt / die Sünde zu vermeiden aus eignen natürlichen Kräfften / unterdessen können wir uns doch vor muthwilligen Sünden durch Verleyhung Göttlicher Gnade hüten. Wir pflegen den Glauben der Buße und Beichte nicht entgegen zu setzen / sondern selbige zu praesupponiren. Es muß alles in seiner richtigen Ordnung gehen; der Sünder muß das Straf-Amt des H. Geistes annehmen / und über seine Sünden erschrecken / und davon abstehen / und alsdenn kan er aus dem Evangelio ein gut Vertrauen zu der Gnade GOttes / welche in Christi Verdienst gegründet ist / fassen.

Antwort auf die sieben und vierzigste Betrachtung.
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Diejenigen Prediger / welche nur allein die Römisch-Catholischen tadeln und auslachen /
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und die Buße zu predigen vergessen / hat Lutherus schon zu seiner Zeit gestrafft / und das Volck zur Buße und zum Glauben anzuführen befohlen. Daß wir aber keine wahre Priester hätten / die das Sacrament nicht könten consecriren / noch die Sünde vergeben / ist von den Unsrigen so wohl weitläufftig als gründlich widerleget / sonderlich in Herrn D. Joh. Günthers Schutz-Schrifft vor die Evangelisch-Lutherischen Prediger / welche auch hernach wider alle Einwürffe seiner Augspurgischen und Breßlauischen Widersacher in noch zwey Schrifften so ist vindiciret worden / daß seine Gegner darauf haben verstummen müssen. Auf das Päbstische Schmirament mit vielem Oel und Salbung köm̅t es nicht an / daß einer ein rechter Priester sey / sondern auf den rechtmäßigen Beruff von derjenigen Gemeine / welcher er vorgesetzet ist. Im übrigen daß wir nichts anders lehren / als was die erste Christliche Kirche und uhralten Väter gelehret haben / kan der Autor in Compendio beysammen sehen in D. Joh. Güntheri Demonstratione, quod Ecclesia hodierna Romana non sit Apostolica, sed apostatica. Zuletzt macht der Autor den Beschluß mit einer ziemlichen Unwarheit / als
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ob wir Evangelischen Prediger die Unsrigen nicht lehreten die Sünde zu meiden / noch vor die begangenen Sünden Buße zu thun. Wer nur etliche mahl in unsre Predigten gehet / der wird gleich in seinem Hertzen überzeuget seyn / daß der Autor dißfalls eine handgreiffliche Unwarheit geschrieben.

Antwort auf die acht und vierzigste Betrachtung.
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Diese Motive ist mehr eine harte und ungegründete Beschuldigung / als ein Zeugniß der Warheit / und ob wir gleich von unsern Christen nicht die Beobachtung der von dem Autore angeführten Menschen-Satzungen fordern / die theils wider GOttes Gebote / theils ohne GOttes Wort sind; so dringen wir doch darauf / daß sie in denen von GOtt befohlenen Wercken sich üben sollen / z. E. in der Verläugnung sein selbst / in der Creutzigung des sündlichen Fleisches / in der Nachfolge JEsu Christi etc. Wir führen sie gewiß zu keinem Müßiggange an / wenn wir sie heissen streiten wider den Teufel, der sie stets zur Sicherheit oder zum Unglauben und zum Zweifel reitzet; O was ist hier vor Kampff nöthig / daß der Glaube und die Hoffnung
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feste stehe / auf dem Worte der Verheissung / und überwinde! Wider die Welt, die die Frommen entweder reitzet mit ihrem bösen Exempel / oder hasset und tödtet; O wie muß man nicht hier wachen und dulden! Wider das Fleisch, das immer zur Untugend reitzet / und keine Ruhe lässet. O was ist da vor Wachen / Bethen / Nüchternkeit von nöthen! O diese Wercke lassen sich viel schwerer üben / als das Päbstische Fasten / Beichten / etc. Ja ich habe mich offte gewundert / wie es zugehe / daß diejenigen / so doch lehren / daß Bona opera meritoria, dennoch wenig von den rechten wahren guten Wercken halten / und dieselben vornemlich helffen hassen und verfolgen / die der wahren Gottseligkeit sich befleißigen / daraus ich geschlossen / daß ihre gute Wercke nur Schein-Wercke seyn müssen.

Antwort auf die neun und vierzigste Betrachtung.
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In dieser Betrachtung thut der Autor vor allen Dingen einen sehr vermessenen Ausspruch / wenn er schreibet daß NB. niemahlen einer von den Römisch-Catholischen zu uns übergetreten sey / dadurch besser zu werden / sondern nur darum / daß er desto ungehinder
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ter seinen fleischlichen Lüsten nachleben könne. Mir sind selber unterschiedene Exempel von rechtschaffenen Conversis bekant / welche bey uns erst rechtschaffene Christen worden sind / da sie vorher bloß mit einem Heuchel-Wesen sich beholffen hatten. Daß einer und der andere geheyrathet hat / ist an und vor sich selbst nicht sündlich. Denn der Ehestand ist ein Gott-wohlgefälliger Stand / und sollen diejenigen freyen / die sich nicht enthalten können / 1. Cor. 7. Was aber diejenigen vor Christen worden sind / welche sich von uns zu den Römisch-Catholischen gewendet haben / ist auch genug bekant / indem sie entweder zum Theil gar nichts glauben / oder doch sehr Epicurisch leben. Hat jemand Gottseligkeit dabey geübet und Ruhe gefunden / dem rathe ich sehr nach GOttes Worte sich wohl zu prüfen / daß er nicht den Schein der Gottseligkeit und falsche Ruhe / vor wahre Gottseligkeit und wahre Ruhe halte. Daß der Autor unsere Lehre von der Gerechtfertigung durch den Glauben alleine in seiner kleinen Schrifft so offt und vielmahl anficht / rühret bloß daher / daß er unsere Lehre von der Gerechtfertigung durch den Glauben nicht recht verstehet; Denn wir schliessen dadurch die Liebe / die
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Hoffnung und andere Tugenden nicht aus von der vorgeschriebenen Göttlichen Ordnung / darinnen wir uns sollen erfinden lassen. Ja wir admittiren sie als eine conditionem subjecti justificati, oder als etwas das zu der Pflicht und Schuldigkeit derer allbereit gerechtfertigten Christen gehöret. Unterdessen müssen wir doch mit Paulo sagen / daß der Glaube allein dasjenige Mittel sey / wodurch wir die von Christo erworbene Gerechtigkeit er greiffen und uns zueignen / und also vor GOtt gerecht werden können. Was der Autor p. 75. von der Hoffnung anführet / kan wieder uns nicht urgiret werden / weil der König David in den angeführten Sprüchen von der Gläubigen Hoffnung redet / oder von derjenigen Hoffnung / welche den wahren seligmachenden Glauben zum Grunde hat. Was den Einwurff von der Liebe betrifft / Luc. 7 / 47. So ist von den Unsern schon vielmahl erwiesen worden / daß das Wörtlein daselbst nicht causaliter sondern significativè genommen werde / wie solches auch aus den vorhergehenden erhellet. Was ferner den Spruch betrifft 1. Pet. 4. so ist ebenermaßen vielmahl von den Unsern gezeiget worden / daß solcher also zu verstehen sey: Die Liebe deckt
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der Sünden Menge / nemlich unserer Neben-Christen. Denn wenn ein Christe seinen Nächsten recht hertzlich liebet / so hilfft er dessen Fehler zudecken / so gut er kan / und so weit es sich thun lässet. Es steht aber nicht in diesem Spruche / daß die Liebe unsre eigne Sünden tilge. Was von Haltung Göttlicher Gebote angeführet wird / ist schon oben beantwortet worden. In dem angeführten Spruche Joh. 5. stehet wohl dieses in sensu specificativo, daß diejenigen / welche Gutes gethan haben / dermahleinst herfür gehen sollen zur Auferstehung des Lebens; allein es wird dieses nicht gesaget / daß sie diese hohe Glückseligkeit durch das gute Thun verdienet hätten. Was der Autor von der Buße vorbringet / ist schon oben beantwortet worden. Der Spruch Prov. 16 / 6. ist zu erklären aus Cap. 10 / 12. Was der Autor aus Tobiä 4. anführet / ist genommen aus einem Libro apocrypho, woraus die Glaubens-Streitigkeiten nicht können entschieden werden. Wenn man Allmosen (Luc. 11.) aus liebreichem Hertzen giebt / so ist uns alles rein / weil solches ein gutes Anzeichen ist / daß der lebendige Glaube in unserm Hertzen sey / durch welchen unsere Hertzen gereiniget werden / Act. 14.
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und der sich auch durch die Christliche Liebe thätig erzeiget / Gal. 5. In den angeführten Sprüchen / welche darauf dringen / daß man seinen Feinden vergeben solle / und worauf sich der Autor beruffet / ist nur so viel zu ersehen / daß solches Vergeben und Verzeyhen nur eine Pflicht und Schuldigkeit derjenigen sey / welche bey GOtt die Vergebung der Sünden erlanget haben; keinesweges aber ist daraus zu ersehen und zu schliessen / daß man durch solch Vergeben und Verzeyhen bey GOtt die Vergebung der Sünden verdienen könne. Was den letzten Spruch betrifft / 1. Cor. 13 / 2. so wird daselbsten die Liebe dem wunderthätigen nicht aber dem seligmachenden Glauben vorgezogen. Was zuletzt von den guten Wercken wiederholet wird / ob hielten wir sie vor Sünde / ist schon oben etliche mahl beantwortet worden.

Antwort auf die funfzigste Betrachtung.
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Diese Betrachtung beruht auf Factis, die aber mit andern Factis können widerleget werden / die wohl bessern Grund haben. Wer sind sie / die sich an ihrem Ende noch zur Päbstischen Religion gewandt haben? viel sind
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ihrer wohl / die man an ihrem Ende durch gewaltsame Reichung des Sacraments zur Römisch-Catholischen Religion zu treten gezwungen; viel sind ihrer aber auch / die zwar im Leben zur Römisch-Catholischen Kirche sich bekennet / iedoch aber auch den Glauben der Evangelischen Religion im Hertzen gehabt / und dieses gar sonderlich bey herannahendem Tode öffentlich haben mercken lassen. Wie solches von unterschiedenen hohen Potentaten bekant ist; sonderlich von dem glorwürdigen Kayser Carolo dem Vten / [welchem der Römische Pabst deswegen / weil er es in dem Haupt-Artickel von der Gerechtfertigung durch den Glauben mit den Lutheranern gehalten / die öffentlichen Exequien nicht hat wollen celebriren lassen /] Maximiliano II. wie auch von vielen Römisch-Catholischen Lehrern / die ein gleiches gethan. Bellarminus selbst erwehlet sich zu seinem Glaubens-Grunde GOttes Barmhertzigkeit. Doch halt ich für das gewisseste / also zu leben / wie man will sterben / und vermahne jederman / und auch ihn / heute noch den vorigen / rechten / alten / guten / sichern Weg / der in der Bibel beschrieben ist / und den alle Gläubigen Altes und Neues Testamentes gegangen sind / zu forschen und
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zu gehen / und denselben auch mit dem Tode zu bestätigen. So wird ein jeder selbst für sich der Gnade GOttes und des ewigen Heyls können gewiß seyn / und wird nicht nöthig haben / daß sich einer angebe für ihn zu stehen / und in die Verdammniß zu gehen / wo sie ihn treffen solte. Wie man denn auch nirgends lieset / daß die Propheten und Apostel / wenn sie die Leute haben bekehren wollen / solche Päbstische Methode gebraucht / daß sie ihre Seele vor derjenigen ihre Seele / welche sie bekehren wollen / verpfändet hätten. Aber die Päbstischen Geistlichen handeln so unbesonnen / [da sie doch wissen solten aus der H. Schrifft / daß ein ieder vor sich selbst dem lieben GOtte wird Rechenschafft geben müssen / und keiner vor den andern stehen könne.] NB. Ists nicht eine große Unbesonnenheit / daß die Päbstlichen Geistlichen ihre eigene Seeligkeit andern verpfänden wollen / ob würden sie gewiß in der Päbstischen Religion selig / da sie doch nach ihrer eigenen Hypothesi keine Gewißheit von ihrer eignen Seeligkeit haben können. Ja sie sind noch verwegener / nemlich so / daß sie sich gar verwünschen / wenn ihre Religion nicht die rechte seyn solte / wie denn bekannt ist / daß der Jesuit Georgius Schererus zu Lintz in Ober-Oesterreich 1605.
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den 6. Sonntag nach Pfingsten auf der Cantzel öffentlich gesaget hat: Ist der Päbstische Glaube nicht recht / so straffe mich GOtt mit Blindheit / da er denn auch mitten in der Predigt blind worden ist / daß man ihn ohnmächtig von der Cantzel hat herunter tragen müssen / wie solches Herr D. Mäyer in seinem reinen Gewissen wider den Erffurtischen Jesuiten Schönemannen p. 373. aus dem Jesuiten Alegambe in vita Georgii Schereri mit vielen Umständen erzehlet.

Beschluß.
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Weil nun also unsere Evangelische Lutherische Kirche keine Vereinigung widriger Lehren duldet, allen Irthümern widerspricht, wahrhafftig Evangelisch ist, viele darinne selig worden, und also GOtt gefällt, und folgends aller ander Glaube falsch ist / und man in keiner, auch nicht in Pontificiâ quà tali, kan selig werden, auch in der ersten Kirche und Väter Schrifften Zeugniß hat, alle wahre Heiligen solchen Glauben gehabt, viele ihr Leben dabey gelassen, alle davon Abtrünnige verdam̅t worden, unser Glaube Pauli Glaube ist, dieser Glaube der Seelen Ruhe giebt, die andern Religionen viele unheilige und GOttes Wort zuwider lauffende Lehren haben, unsere Religion recht alt ist, alle Ketzerey verwirfft, und die Kennzeichen der wahren Kirche hat, darzu alle sich bekehrt und sich noch bekehren, wir Christum und die Apostel zu unserm Urheber haben, und auch unter uns die Lehrer der
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andern Heyl suchen, viele das Predig-Amt aus hertzlicher Liebe zu der Seelen Heyl führen etc. E. ist unsere Religion die wahre, und sind alle andere, auch die Römisch-Catholische, nichts als Secten und Ketzereyen. Und da wir eben das thun, was er von dem Römisch Catholischen Glauben vorgiebt, dem sie aber in der That widersprechen, oder eben damit unserer Evangelischen Lehre ein Zeugniß geben, lehren was No. 50. in der Wiederholung stehet: so ist unsere Religion und sonst keine andere die allein wahre. Deßwegen ich ihn, und alle, so wohl von Jugend auf gewesene, als neulichst gewordene Römisch-Catholische vermahne, den ungewissen Weg, dessen ihre Lehrer selber nicht gewiß sind, und auch andere dessen nicht gewiß versichern können, sondern deßwegen sich verpfänden müssen, zu verlassen, und den gewissen Weg, den GOttes Wort zeigt, zu erwehlen; den Weg, den alle Gläubigen von Anfang der Welt gegangen, welcher ist JEsus Christus, mit wahrem Glauben ergreiffen, Joh. 3, 16. Act. 4, 12. Ebr. 12. und dabey bleiben biß ans Ende. Dazu ich ihm, und allen, Göttliche Gnade, Erleuchtung und Krafft von Hertzen wünsche, NB. Matth. 10, 33. So werden wir mit Paulo sagen können: Ich habe einen guten Kampff etc. 2. Tim. 4. und alsdenn von dem wahren Ober-Hirten JEsu Christo, an jenem Tage bekennet werden, als eine Pflantze, die GOtt durch sein Wort und seinen Geist gepflantzet hat, und dem Vater überantwortet werden, als seine, hier den Weisen und Edlen dieser Welt, zwar unbekante und verachtete, aber ihm bekante liebe Braut, 1. Pet. 5, 10. 11. Amen!
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I. N. J. Anhang von 50. Motiven / welche einen jedweden rechtschaffenen und verständigen Christen abhalten können / daß er sich zu der Römischen Kirche nicht begebe / hinzugefügt von einem aufrichtigen Lutheraner.
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1. WEil man in der Römischen Kirche denen, welche von Natur nicht Götter sind, denen Heiligen, denen Bildern etc. duliam oder einen religieusen Dienst erweiset, welches nach dem Urtheile des Apostels Pauli eine Abgötterey ist, Gal. 4, 8. NB. und solcher Abgötterey dürffen die, so im Pabstthum sind, nicht widersprechen, ob sie gleich im Hertzen mercken, daß es unrecht sey, sondern müssen mitmachen, oder doch zum wenigsten stille dazu schweigen. 2. Weil man in der Römischen Kirche den Mord-Geist antrifft, wie aus der Spanischen Inquisition, Parisischen Blut-Hochzeit und Irrländischen Massacre erhellet. Die wahre Kirche Christi, welche Christi Geist hat, hat niemahls gemordet und tyrannisiret, sondern sie hat sich bemühet, die Irrenden durch freundliche und gute Anführung auf den rechten Weg zu bringen. 3. Weil man in der Römischen Kirche die consecrirte und in die Monstranz eingeschlossene Hostie
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anbethet, und sich einbildet, sie sey nicht mehr Brod, sondern in Christum verwandelt, da sie doch dieses letztere nicht einmahl gewiß wissen können, indem sie nicht gewiß versichert sind, ob der Conficiens die Intention gehabt zu wandeln, daher sie conditionatè die Anbethung verrichten sollen, (nach dem Consilio ihrer Moralisten,) adoro te, si Deus es. Hier trifft wohl ein, was geschrieben stehet: Ihr wisset nicht was ihr anbethet, Joh. 4. 4. Weil in der Römischen Kirche kein einiger solcher Geistlicher, kein einiger solcher Bischoff und Diener Christi ist / wie in der ersten Apostolischen Kirche gewesen, der eines Weibes Mann sey, 1. Timoth. 3, 2. Tit. 1, 6. 5. Weil man in der Römischen Kirche’den Ehestand und gewisse Speisen verbiethet, (man solle am Freytage kein Fleisch essen,) welches der Apostel unter die Teufels-Lehren zehlet, und zugleich meldet, daß solches in den letzten Zeiten in derjenigen Kirche würde angetroffen werden, welche von dem wahren Glauben abgetreten, 1. Tim. 4, 1. seq. 6. Weil man in der Päbstischen Kirche die Leute nöthiget in die Messe zu gehen, und sie beredet, ob würde. Christus alle Tage in der Messe ihnen zum besten, geopffert, da doch der Heyland mit einem Opffer (am Stamme des Creutzes) in Ewigkeit vollendet, die da sollen geheiliget werden, Ebr. 10, 14. 7. Weil man in der Römischen Kirche sich einbildet, (ich rede sonderlich von ihren Ordens-Leuten) man könne opera supererogationis oder überflüßige gute Wercke thun, die noch einem andern
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könten zu statten kommen, und verdienstlich seyn; da doch Christus ausdrücklich gesaget hat: Wenn ihr alles gethan, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren, Luc. 17, 10. 8. Weil man in der Römischen Kirche die Sterbenden beredet, daß sie in ein schrecklich Feuer hinein müssen / so bald ihre Seele von dem Leibe getrennet würde; da im Gegentheil die H. Schrifft denen, die im Glauben an Christum JEsum sterben, genugsame Versicherung giebet, daß sie zum Friede kommen, Luc. 2, 29. und zur Ruhe, Apoc. 14, 13. 9. Weil die Römische Kirche die Communicanten Christi Blut nicht will trincken lassen, sondern verordnet, daß sie es unter dem gesegneten Brodte mit essen sollen; da doch Christus sein Blut zu trincken / und nicht zu essen eingesetzet hat; ingleichen weil sie das Trincken des Blutes Christi nur einem gestattet, nemlich dem Conficienti, da doch Christus zu seinen Aposteln, (welche dazumahl nicht die Conficienten, sondern Communicanten waren,) gesaget hat, trincket alle daraus. Ist denn der Conficiens Herr Omnis? 10. Weil man in der Römischen Kirchen viele Menschen-Gebote hat, wider welche Christus iederzeit gar sehr geeifert, Matth. 15. & 23. 11. Weil man in der Römischen Kirche die Leute dadurch zu bekehren suchet, daß man ihnen Geld und Ehre anbiethet; da im Gegentheil die Aposteb auf keine andere Art sich bemühet haben die Menschen zu bekehren / als durch Lehren und Predigen,
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durch schriffelichen und mündlichen Unterricht. 12. Weil man in der Römischen Kirche die Leute auf viele Mittler und Vorbitter weiset, da doch die erste Apostolische Kirche von keinem andern Mittler und Vorbitter etwas hat wissen wollen, als von Christo, 1. Timoth. 2, 5. 1. Joh. 2, 1. Rom. 8, 34. 13. Weil die Römische Kirche ihren Bischöffen und Praelaten weltliche Macht und Herrschafft vergönnet, welche doch Christus den Geistlichen ausdrücklich untersaget hat / Luc. 20, 25. seq. 14. Weil die Römische Kirche an dem Pabste ein solches Haupt hat, an welchem die Eigenschafften des grossen Antichrists gar sehr hervorragen, zum Exempel, daß er werde seine Residentz haben in der Stadt die auf sieben Bergen lieget, Apoc. 17, 9. Daß er sich werde über alle Obrigkeit, über Fürsten und Könige, ja so gar über die Kayserliche Würde () erheben, 2. Thess. 2, 4. coll. Ezech. 28, 2. 3. Daß er werde ein grosser Heuchler seyn, Apoc. 13, 11. (worzu diß gar sonderlich gehöret, wenn er sich sehr demüthig anstellet, indeme er sich einen Knecht aller Knechte nennet, da er doch würcklich und in der That ein Herr aller Herren seyn will, und vor allen Fürsten, Königen und Kaysern die Praecedenz begehret, ingleichen die Füße sich küssen lässet,) daß er den Seinigen, damit sie kauffen und verkauffen, (das ist mit dem Meß-lesen, und mit dem Ablaß-Kram marchantiren könten,) ein Mahlzeichen geben werde nihrer Stirn (in der Firmelung) und an ihrer richten Hand (in der Ordination) Apoc. 13, 16.
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15. Weil man in der Römischen Kirche sehr viel lügenhaffte Wunder findet, 2. Thess. 2, 9. 10. bey deren Untersuchung es sich zeiget, daß alles was man sonderlich von den wunderthätigen Bildern vorgiebet, auf Lügen und Betrug hinaus lausse. 16. Weil man in der Römischen Kirche mehr zu der Mutter (zu der Heil. Jungfrau Maria) als zu dem (himmlischen) Vater ruffet und schreyet, und mit der Mutter unsers Heylandes und dero Bildern, so große Abgötterey begehet, daß auch unterschiedene Gewissenhaffte Papisten selbst einen Greuel davor bekommen, und deßwegen ein Buch heraus gegeben haben contra indiscretos B. Virginis Cultores. 17. Weil in den Ländern, welche der Römischen Kirche recht eyfrig zugethan sind, der Abgöttische Bilder-Dienst so sehr überhand genommen hat, daß man wohl sagen kan aus Esaiä am 2, 8. 9. Ihr Land ist voll Götzen, sie bethen an ihrer Hände Werck, welches ihre Finger gemacht haben. Da bücket sich der Pöbel, da demüthigen sich die Junckern. 18. Weil man in der Römischen Kirche von der Heiligen Schrifft als dem rechten Glaubens-Grunde abgezogen, und im Gegentheil auf die Autorität der Menschen (des Pabstes und der Praelaten) geführet wird, so daß man dasselbige glauben soll und muß, was sie beschliessen und haben wollen; da doch die Apostel selbst nicht haben wollen Herren unsers Glaubens seyn, 2. Cor. 1, 24. 19. Weil das Pabstthum gantz von andrer Art ist, als die Beschaffenheit des Reiches Christi es mit
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sich bringet; indem jenes auf weltliche Ehre und Herrlichkeit gehet, und einen grossen Splendeur vor den Augen der Menschen machet. Da im Gegentheil dieses in Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heil. Geiste bestehet, Rom. 14, 17. und haben will, daß man trachten soll nach dem, was droben ist, und nicht nach dem, was auf Erden ist, Col. 3, 1. 2. Wie denn auch die heiligen Apostel niemals bemühet gewesen ein weltliches Reich und Päbstischen Staat aufzurichten, sondern den Heyland Christum JEsum durch die Predigt des heiligen Evangelii in der Welt bekant zu machen, und die Leute zur Buße, zur Gottesfurcht und zur Demuth zu bringen. 20. Weil die Geistlichen in Pabstthume ihre Haupt-Verrichtung das Meß-lesen seyn lassen, da doch der Heyland nirgends verordnet hat, daß seine Diener Meß-Pfaffen seyn sollen / sondern daß sie Praedicanten seyn sollen. Denn er sagte nicht bey ihrer Absendung: Gehet hin, leset Messe; sondern also: Gehet hin, und prediget, Mare. 16, 15. 21. Weil man in der Römischen Kirche den Haupt-Artickel von der zugerechneten Gerechtigkeit Christi, welche durch den Glauben unser wird, leugnet, und nur alles auf die Justitiam inhaesivam oder inhafftende Gerechtigkeit will ankommen lassen; da doch Paulus nicht auf die Justitiam iuhaesivam, fondern auf die imputatam sein Vertrauen gesetzet, Phil. 3, 9. Und da doch sonst die Römisch-Catholischen meinen, es könne ihnen eine fremde Gerechtigkeit, eines blossen Menschen, nemlich dieses oder jenes heiligen Mönches zugerechnet werden, deßwe
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gen auch nach dem Tode in dessen Kutte sich einkleiden lassen. 22. Weil man in der Röm. Kirche zu allerhand schweren Sünden und Lastern verleitet wird; zur Hurerey, indem man zu Rom und andern Päbstischen Oertern öffentliche Huren-Häuser verstattet, und noch darzu der vermeinte Statthalter Christi, einen jährlichen Zinß davon nim̅et; zur Heucheley, durch die Lehre von dem opere operato, wenn man nur das heilige Werck verrichte, viele Pater noster und Ave Maria bethe, Wallfahrten lauffe, es möge mit oder ohne Andacht des Hertzens geschehen; zum geistlichen Hochmuth, durch die Lehre, daß man könne überflüßige Gute Wercke thun, (opera supererogationis;) zum Meineid und Treulosigkeit, durch die Lehre, daß man den Ketzern diß nicht halten dürffe, was man ihnen versprochen, wenn es gleich eydlich geschehen wäre; zum Lügen und zur Unwarheit, durch die Lehre von den reservationibus mentalibus &c. 23. Weil die Römische Kirche in vielen Stücken mit den Quackern überein kömmt; indeme sie mit diesen gar verächtlich von der H. Schrifft redet, und selbige einen todten Buchstaben nennet, indeme sie mit diesen auf die Justitiam imputatam lästert, und eine Sünden-Schmier nennet, im Gegentheil aber nur mit der Justitia inhaerente vor GOtt bestehen will; indem sie mit diesen vieler unmittelbahren Offenbahrungen und Visionen sich rühmet, da bald diesem die H. Jungfrau Maria, einem andern der H. Franciscus &c. soll erschienen seyn, und mit ihm geredet haben.
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24. Weil die Römische Kirche in vielen Stücken der H. Schrifft ausdrücklich widerspricht. Denn wenn die Schrifft saget von dem gesegneten Kelche: Trincket alle daraus so spricht sie im Gegentheil: Trincket nicht alle daraus, sondern nur allein der Conficiens; Wenn die Schrifft saget: Ein Bischoff soll seyn eines Weibes Mann, so spricht sie im Gegentheil: Ein Bischoff soll seyn keines Weibes Mann; Wenn die Schrifft saget: Wir würden selig nicht aus den guten Wercken, damit sich nicht jemand rühme, (Eph. 2.) so spricht sie im Gegentheil doch: aus den Wercken; Wenn die Schrifft saget: Die abgeschiedenen Seelen derer Gläubigen kämen zur Ruhe und zum Frieden, (in pacem,) so spricht sie im Gegentheil sie kämen in picem, in Schwefel und Pech, in das schreckliche Fege-Feuer etc. 25. Weil die Römische Kirche in ihren vornehmsten Lehr-Sätzen nur auf das Interesse culinare und statisticum siehet, damit das Ansehen und die Einkünffte der Clerisey möge befestiget und vermehret werden. Zum Exempel, sie verbiethet deßwegen den Layen die Bibel ohne Dispensation zu lesen, damit ein iedweder zu den Geistlichen gehen, und sie zuvor sehr hoffiren müsse, ehe er die Bibel dürsse in die Hände nehmen. Wie vermehret auch dieses nicht das Ansehen der Clerisey, wenn man beredet ist, daß dieselbe allein den Schlüssel der Erkäntniß habe? Weil die Päbstische Pfaffen es aufgebracht, daß ihnen in der Beichte alle Sünden müssen erzehlet werden, so haben sie hierdurch bey allen und iedweden sich in grosse Autorität gesetzet. Denn
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wer wolte nicht die jenigen aufs demüthigste veneriren, welche alle Geheimnisse unsers Hertzens wissen. Die Messe bringt viel in die Küche, zumahlen wenn vornehme Herren sterben, die nicht gerne lange im Fege-Feuer bleiben wollen. Und durch eben dieses Blendwerck haben die Pfaffen ihr Ansehen gar hoch gebracht. Denn wer wolte sich nicht ducken und bügen vor einem solchen Manne, der durch ein bloßes heimliches Gemurmel, aus einem bißgen Brodt den Schöpffer machen, und denselben hernach vor Todte und Lebendige aufopffern kan. Den guten Wercken und sonderlich dem Allmosen würde man schwerlich so grosse Verdienste zuschreiben, wenn es nicht der Römischen Clerisey viel eintrüge. Alle Geistliche müssen deßwegen vom Ehestande sich enthalten, nur daß keiner durch eigne Hauß-Sorgen abstrahiret werde, auf das allgemeine Staats Interesse des Päbstischen Reiches zusehen. Die Lehre, daß die Krafft und Würckung der Sacramente von der Intention des administrirenden Pfaffens dependire, würde wohl zurücke blieben seyn, wenn man nicht hierdurch die Layen dahin zubringen gesucht hätte, daß ein iedweder allen möglichen Fleiß anwenden solte, die Geistlichen durch Geschencke und demüthige Verehrung zu guten Freunden zu behalten, damit sie nicht eine üble Intention haben, und hierdurch die H. Sacramenta fruchtloß machen möchten. Wenn die Pfaffen bey Verrichtung des öffentlichen Gottesdiensts, sonderlich vorm Altare, bloß der Lateinischen Sprache sich gebrauchen, welche das gemeine Volck nicht
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verstehet, so ist es eben nur darauf angesehen, daß ein jedweder Einfältiger, sie vor hochgelehrte, ungemeine vortreffliche Leute halten soll. Die Pfaffen sind so geitzig gewesen, daß sie auch noch gerne von den Verstorbenen, (welche sonst von Tribut frey sind) haben Geld erpressen wollen. Deßwegen ist das Fege-Feuer erdacht, und den armen Leuten sehr heiß gemacht worden, daß sie auch nach dem Tode viel Messen bezahlen müssen. 26. Weil die Römische Kirche die Untersuchung derer Glaubens-Artickel und das Urtheil davon denen Layen abspricht, da ihnen doch die H. Schrifft solche zuspricht, ja von ihnen erfordert, 1. Thess. 5, 21. Prüfet alles, das Gute behaltet, 1. Cor. 10, 15. Als mit Klugen rede ich, richtet ihr, was ich sage / coll. Matth. 7, 15. 1. Joh. 4, 1. 27. Weil die vornehmsten Bedienten des Pabstes, welche am meisten bemühet sind, uns Protestanten zu der Römischen Kirche zu bringen, nemlich die Herren Jesuiten, bey ihren eigenen Glaubens-Genossen ein sehr schlechtes Lob haben, und als Betrüger und lasterhaffte Menschen / welche auch über die ärgsten Thaten sich kein Gewissen machen, in öffentlichen Schrifften angegeben werden. vid. Fortunii Galindi Disputatio de causis publici erga Jefuitas odii; Jarrigii Jesuita in ferali pegmate; Alphonsus de Vargas de stratag ematibus Jesuitarum; Bonarschii Amphitheatrum honoris Jesuitici; Franciscus Juniperus in Arcanis contra Jesuitas; Caroli Molinaei Consilium super commodis & incommo dis novae sectae Jesuitarum; Pascal in denen
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unter dem Nahmen Ludo vici Montaltitii ausgegebenen Epistolis provincialibus, welche Wilhelmus Wendrockius ins Lateinische übersetzet hat, sonderlich Epist. X. 28. Weil unterschiedene Papisten ja gantze Päbstische Universitäten, über der irrigen Lehre von der unbefleckten Empfängniß der H. Jungfrauen Marien sehr fest und eyfrig halten, ja sich eydlich verpflichten, darbey feste zu beharren, ungeachtet der gantze Dominicaner-Orden, und welche es mit ihnen halten, solcher Lehre widerspricht, und zur Gnüge zeiget, daß alle alte heilige Väter derselben zuwider seyn. 29. Weil die Römische Kirche noch biß dato dabey beharret, daß man nicht könne der Seligkeit und Gnade GOttes gewiß versichert seyn, sondern iederzeit Ursache habe, daran zu zweiffeln, ungeachtet das Gegentheil aus den Worten des Apostels Pauli Sonnen-klar erhellet, wenn er schreibet: Nun wir sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Friede mit GOtt durch unsern Herrn JEsum Christum, Rom. 5, 1. Es ist nichts verdamliches an denen, die in Christo JEsu sind C. 8, 1. Ihr habet nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch fürchten müstet, sondern ihr habet einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir ruffen, Abba lieber Vater: Derselbige Geist giebt Zeugniß unserm Geiste, daß wir GOttes Kinder sind, sind wir den Kinder, so sind wir auch Erben etc. v. 15. 16. 17. Wer will die Auserwehlten GOttes beschuldigen? GOtt ist hier, der gerecht machet.
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Wer will verdam̅en? Christus ist hier der gestorben, ja vielmehr der auch auferwecket ist, welcher sitzet zur Rechten GOttes und vertritt uns, v. 33. 34. NB. Wer will denn nun von der alten Apostolischen Kirche, darinnen man der Gnade GOttes und seiner Seligkeit gewiß versichert seyn kan, abgehen, und sich zu einer solchen Kirche wenden, da man hieran zweiffeln muß. Solche Zweifler müssen endlich gar verzweiffeln. NB. Was hilfft es denn die Papisten, daß sie so viel Ablaß kauffen, daß sie so vielen Messen beywohnen, daß sie sich geisseln, daß sie wallfahrten, beichten, fasten, Menschen-Gebothe halten, etc. etc. wenn sie es durch allen diesen Plunder nicht so weit bringen können, daß sie der Gnade GOttes und der Seligkeit können versichert seyn. 30. Weil die Römische Kirche die Reliquien der Heiligen, dem Volcke religieus zu küssen vorhält, da doch nach vieler klugen Römisch-Catholischen eigenem Geständniß schrecklicher Betrug dar mit vorgehet, so daß mancher meinet, die Gebeine eines grossen Heiligen vor sich zu haben, da es doch nur Knochen von einem bösen Buben sind. Zu geschweigen, daß man einerley Reliquien an vielen Orten zeiget, so daß mancher Heiliger viele Arme und Beine und gantze Tonnen voll Finger und Zähne müste gehabt haben, wenn alles wahre Reliquien wären. 31. Weil man nicht lieset, daß Christus nach seiner Himmelfahrt einen solchen Diener solte gesetzt haben, (vid. Eph. 4, 11.) der sein Statthalter auf
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Erden das sichtbarliche Haupt der Kirche, ein unbetrüglicher Richter in Glaubens-Sachen und ein großer Monarch seyn solte, der sich dürffte auf einem großen Stuhl herum tragen lassen, oder prächtige Cavalcaden anstellen. 32. Weil der Pabst mit seiner gantzen Clerisen sich von dem Gehorsam und Unterthänigkeit gegen die weltliche Obrigkeit entzogen; da doch Paulus ausdrücklich schreibet: Jedweder (omnis anima) sey unterthan der Obrigkeit, Rom. 13, 1. worüber Chrysostomus also schreibet: (Homil. 23. in Epist. ad Rom. T. IV. p. 102. lit. A.) ostendit Apostolus, quod ista imperentur, omnibus & sacerdotibus & Monachis, non solum secularibus &c. Und Bernhardus Epist. 42. ad Archi-Episc. Senen. Si omnis anima debet esse subdita. Ergo & vestra. Quis vos excipit ab Universitate? Si quis tentat excipere, conatur decipere. 33. Weil die Römische Kirche den Ehestand vor einen unreinen Stand hält, in welchem die Geistlichen, welche immer mit heiligen Dingen umgiengen, nicht leben dörfften; da doch die allerheiligsten Leute, mit welchen Gott geredet hat, nemlich die H. Patriarchen und Propheten im Ehestande gelebet haben. NB. Der Hohe-Priester selbst, ungeachtet er in das Allerheiligste hinein gehen muste, und GOtt durch das Urim und Thummim mit ihme redete, dorffte doch im Ehestande leben, nur daß er eine Jungfrau (und nicht eine Wittwe) heyrathen muste, Lev. 21, 13. 34. Weil die Römische Kirche alle diejenigen,
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welche sich zu ihr wenden, an das Concilium Tridentinum verbinden will, daß sie diß glauben sollen, was darinnen ist decretiret worden; da doch zu derselbigen Zeit gantz Franckreich wider solche Decreta und Dogmata selbst protestiret hat. Die Worte, welche der Frantzösische Abgesandte du Ferrier der gantzen Tridentinischen Versammlung in seiner von ihm gehaltenen Oration unter die Augen gesaget, sind sehr merckwürdig, und lauten also: Quanquam, Patres sanctissimi, vestra omnis religio, vita, eruditio, magna semper fuit & erit apud nos Autoritatis; cum tamen NB. nihil à Vobis, sed omnia magis Romae, quam Tridenti agantur, denunciamus & testamur, quaecunque in hoc Conventu decreta sunt & publicata, decernentur & publicabuntur, ea neque Regem Christianissimum probaturum, neque Ecclesiam Gallicanam pro Decretis Oecumenicae Synodi habituram. 35. Weil die Römische Kirche den einfältigen Layen ein betrügliches Blendwerck vormahlet, mit der vorgegebenen unverrückten Succession derer Römischen Päbste, von Petro an biß auf den ietzigen, und hierinnen demjenigen, was die Apostel gethan, gantz entgegen ist, als welche sich in Ansehung der Propheten nicht auf die unverrückte persönliche Nachfolge, (denn solche war durch die Pharisäer unterbrochen worden,) sondern auf die Nachfolge in der Lehre, beruffen haben, Act. 26, 22. (ich sage nichts ausser dem das die Propheten gesagt etc.) Ich schrieb zuvor, daß man mit solcher vorgegebenen unverrückten persönlichen Succession
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nur den einfältigen Layen (welche die Sachen aus der Historie nicht untersuchen können) ein Blendwerck vormache, denn die Gelehrten lassen sich nicht so betrügen, als denen gar wohl bekant ist / daß die persöhnliche Nachfolge derer Nachfolger Petri, (wovor man die Römischen Päbste ausgiebet,) gar sehr sey unterbrochen worden; theils durch die vielen Schismata (sonderlich das große von A. C. 1378. biß 1429. da so viele Jahre zwey Päbste gewesen, und eine Parthey die andere verdammet hat,) als auch durch viele Gottlose Päbste, welche rechte Monstra gewesen, und durch böse Particken auf Petri Stuhl gekommen, (sonderlich im 9. und 10. Sec. vid. Baronius ad A. C. 912.) NB. Dazumahl sind viele Päbste nicht concordi & canonica electione Cardinalium auf den Thron gekommen, und also sind sie (nach dem Ausspruch Nicolai II.) keine rechte Stadthalter Christi gewesen, die Petri Gewalt gehabt, andere Bischöffe und Geistliche zu setzen und zu ordiniren, woraus folget, daß zu solcher Zeit die gantze Clerisey im Pabstthum in Confusion gerathen / und ihre persönliche Succession unterbrochen worden ist. 36. Weil die Römische Kirche beständig läugnet, daß der Mensch Christus JEsus allgegenwärtig sey, da er doch solches ausdrücklich gesaget hat, Matth. 28, 20. (Siehe ich bin bey euch alle Tage biß an der Welt Ende,) und da die Papisten gleichwohl vorgeben, daß der Leib unsers Heylandes auf allen Altären in der gantzen Welt, wo Messe gehalten wird, gar sonderlich zugegen sey, und die Hostie
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in denselben verwandelt werde; ingleichen daß die H. Jungfrau Maria bey allen Bildern, welche ihr zu Ehren aufgerichtet sind, (sonderlich bey den Wunderthätigen) zugegen sey. NB. So nun ein bloßer Mensch (wie die Heil. Jungfrau Maria ist,) an so vielen Orten auf einmahl kan zugegen seyn; warum solte nicht der Mensch Christus JEsus, in welchem die gantze Fülle der Gottheit leibhafftig wohnet, allgegenwärtig seyn können? 37. Weil die Römische Kirche uns bereden will, daß die Erb-Sünde in den getaufften Christen, gantz ausgetilget, oder doch zum wenigsten nicht mehr eine eigentlich so genandte Sünde sey; da doch der Apostel Paulus dieselbe, so ferne sie bey ihme als einem Wiedergebohrnen war, Rom. 6. und 7. C. vierzehnmahl Sünde genennet hat; und ein ieglicher getauffter Christ an sich selbsten sattsam mercket, daß ihm solche Erb-Sünde noch immer zum Guten träge machet, und zum Bösen reitzet. 38. Weil die Römische Kirche uns bereden will, daß diejenigen fasten, welche am Freytage Fische und Brod essen, auch zur Sättigung, und darbey guten Wein oder auch gutes Bier trincken, (NB. auf solche Art hätten die 5000. Mann in der Wüsten einen Fast-Tag gehalten, als sie Christus mit fünf Gersten-Brodten und zween Fischen gespeiset, Joh. 6.) Ja wenn ein Päbstischer Geistlicher zu solcher Zeit mit den niedlichsten Fischen seinen Magen gantz angefüllet, und darbey von guten Weine sich einen ziemlichen Rausch getruncken hat,
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so heisset es doch, er habe das Fasten gehalten; da im Gegentheil derjenige, welcher nur ein Stücklein Fleisch an dem Freytage ohne erhaltene Dispensation isset, als ein solcher verdammet wird, der das Fasten gebrochen habe. Wer wolte doch zu einer solchen Kirche sich wenden, die so ungereimte Dinge vorgiebet? 39. Weil von der Römischen Kirche die oder Verletzung seines eignen Leibes [da man sich selbst geisselt] gebilliget und unterhaltem wird, welche doch der Apostel Paulus an den falschen Aposteln öffentlich verworffen hat, Col. 2, 23. und bekant gnug ist, daß selbige niemals bey den rechten Propheten und Aposteln, sondern nur bey den Baals-Pfaffen sey anzutreffen gewest, 1. Reg. 18, 28. 40. Weil man in der Römischen Kirche die Bettel-Mönche heget, da doch GOtt ausdrücklich haben will, daß ein jedweder im Schweiß seines Angesichts sein Brod essen, (Gen. 3, 19.) und nicht müßig gehen soll, 2. Thess. 3, 10. 11. 41. Weil die ietzige Römische Kirche, denen, welche es inne werden, daß sie die Gabe der immerwährenden Keuschheit nicht haben, gar einen andern Rath giebet, als den die erste Apostolische Kirche ihnen gegeben. Denn in der ersten Apostolischen Kirche ist ihnen der Rath gegeben worden, sie sollen heyrathen, 1. Cor. 7, 9. (Si non continent, nubant.) In der ietzigen Römischen Kirche aber wird so vielen tausend Mönchen und Nonnen, welche wohl mercken, daß sie die Gabt der Keuschheit, und ohne Ehe
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gatten zu leben nicht haben, gantz ein ander Rath gegeben, nemlich sie sollen sich geisseln, stachlichte Gürtel um den blossen Leib legen, und auf viele andere Art den Leib martern und peinigen. 42. Weil die ietzige Römische Kirche ihrem Pabste zuschreibet / daß er völligen Ablaß ertheilen könte, welcher den Christen in diesem Leben und auch nach diesem Leben zu gute käme; da er doch selbsten sich nicht soviel Ablaß geben kan / daß er mit dem Feg Feuer verschonet bliebe. NB. Der gantze Ablaß-Kram mit allen Umständen / machet die Römische Kirche sehr verdächtig / zumahlen weil es mit denselben nur auf diejenigen angesehen ist / welche Geld haben. Denn von den Armen heisset es in der Taxâ poenitentiariâ: Pauperes quia non habent, ergo non possunt consolari. Ich werde sonst wohl nicht irren / wenn ich sage, daß die Päbstischen Ablaß-Briefe den leeren Zetteln im Glücks-Topffe (oder in der Lotterie) gleich sind, welche nichts nütze sind / als daß man sie zerreisse. 43. Weil die Römische Kirche uns bereden will / ob würde die consecrirte Hostie in Christi Leib verwandelt und bliebe nicht mehr warhafftiges Brodt; da man doch siehet, daß die Mäuse sie verzehren können / ingleichen daß die Würmer darinnen wachsen / wenn sie an feuchten Orten stehet / und über die Zeit aufgehoben wird; Ja man weiß aus der Historie / daß die Pfaffen und Mönche die consecrirte Hostie haben vergifftet und hierdurch auch die Kayser ums Leben bringen können / (v. c. Henricum VII.) Dieß alles könte nicht geschehen und hätte nicht geschehen können / wenn die consecrirte Hostie nicht mehr warhafftiges Brodt / sondern der Leib Christi wäre. 44. Weil die Römische Kirche ihre Heiligsten Oerter, ihre Kirchen, ihre Klöster / ihre Altäre zu rechten Schlupffwinckeln der ärgsten Buben machet. Denn wenn einer gemorder, gestohlen etc. so findet er bey denen seine Sicherheit / die von Rechts-wegen das Gesetz GOttes mit ihren Lippen bewahren / und den Missethäter (wenn er sonst entkommen wolte) in die Hände der Ju
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stiz liefern solten. Der berühmte Papist Andreas Masius klaget hefftig darüber / über das 20. Cap. des Buchs Josuä / uud vergleichet es mit der Heydnischen Freyheit, welche Romulus und Remus um ihre Bürgerschafft zu vermehren allen verlauffenen Banditen gegeben haben. Bey denen Kindern Israel hatten sich die muthwilligen Missethäter keiner Freystadt zu getrösten. Denn GOtt machte die Verordnung / daß wo iemand an seinem Nächsten / frevele / und ihn mit List erwürge / so solle man denselben vom Altare nehmen und ihn tödten. Fliehe er in der Frey-Städte eiue / so solten die Aeltesten selbiselbiger Stadt hinschicken und ihn holen lassen / und in die Hände des Blut-Rächers geben daß er sterbe. Exod. 21 / 14. Deut. 19 / 11. seq, conf. 1. Reg. 2 / 28. 34. 1. Reg. 11 / 15. 16. Es gieng solche Freyheit nur allein diejenigeu an / welche ohne ihre Schuld in Unglück geriethen, und einen unversehenen Todschlag wider ihren Willen begiengen, Deut. 19, 4. 5. Num. 35 / 10. 11. 22. 23. 45. Weil die Römische Kirche das Frohn-Leichnams-Fest so hochhält, und von allen Christen wil celebriret wissen, da doch aus der Historie bekant ist, daß solches Fest allererst A. C. 1264. ist eingesetzet worden / nemlich von Pabst Urbano IV. und zwar auf Angeben und Einrathen seiner vorigen Maitresse Eva genannt / welche von Lück gebürtig gewesen / und vorgegeben sie habe eine Göttliche Offenbahrung gehabt / daß hinführo dieses Fest in der Christenheit solte begangen werden. 46. Weil die Römische Kirche solche Stücke der Buße statuiret / welche auch bey denjenigen seyn können / welche verzweiffeln / wie bey dem Judas Ischariot. Den̅ bey demselben befand sich contritio cordis, (es reuete ihn) confessio oris (er sprach: ich habe übel gethan / daß ich unschuldig Blut verrathen habe) uud satisfactio operis (denn er brachte das Geld wieder und hing sich selbst. NB. Dieß letztere war noch eine grössere Satisfaction als wenn er sich biß auf den Todt gegeisselt hätte.) 47. Weil die Nömische Kirche so viel Wesens und Geprale von allerhand Wunderthätern machet, die in ih
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rem Schosse sich befinden sollen; dadoch ihr Oberhaupt / nemlich der Pabst (welcher der allerheiligste Vater heisset und Christi Statthalter seyn soll) keine Wunderwercke thut, nach dem eigenen Geständniß Bellarmini, welcher L. 3. de R. P. c. 21. §. de miraculis also schreibet: Pontifices nec vera nec falsa miracula fecerunt, neque hoc seculo neque superiori. 48. Weil das Haupt der Römischen Kirche sich unterstehet in solchen Gradibus zu dispensiren / welche GOtt selbst verbothen hat. Lev. 18. sonderlich darinnen daß einer seines annoch lebenden Bruders Weib nehmen hat dürffen. (NB. Johannes der Täuffer ließ sich eher seinen Kopff nehmen / als daß er dem Herode dießfalls hätte heucheln oder dispensiren sollen.) 49. Weil die Römische Kirche (nach dem Berichte des Angeli de Clavasio) vorgiebet / papam si vellet, posse totum purgatorium evacuare. Kan der Pabst dieses thun / warum hilfft er nicht denen Armen welche keine Messe bezahlen können / aus dem Fege-Feuer / sondern lässet sie darinnen so lange braten und schmachten? Man siehet hieraus, daß der Vater Pabst gar ein unbarmhertziger Vater sey, und es also nicht rathsam sey, unter seine Bothmäßigkeit sich zu begeben. 50. Weil die Römische Kirche von dem ersten einfältigen Apostolischen Christlichen Glauben abgewichen ist und sehr vieles aus dem Jüden- und Heydenthum angenommen hat, wie solches der sel. Hunnius in seinem Buche de Apostasia R. Ecclesiae so gründlich erwiesen / daß die Papisten biß dato nichts gründliches darwider haben einwenden noch dieses Buch refutiren können. Conclusio. Ach GOtt mein Herr erbarm dich der, die dich noch itzt verleugnen / und achten sehr auf Menschen Lehr / darinn sie doch verderben / deines Wortes Verstand / mach ihnen bekant / daß sie nicht ewig sterben. NB. Die mit eingeschlichenen Druckfehler wolle der geneigte Leser der Eilfertigkeit zu gute halten.


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