1. Titel

2. Verfasser
Christian Lehmann wurde am 11. November 1611 in Königswalde als Sohn des örtlichen Pfarrers geboren. Mit der Berufung des Vaters in das nahe gelegene Elterlein zog die Familie 1612 an den neuen Arbeitsort. Lehmann begann seine Ausbildung 1622 an der Fürstenschule St. Afra in Meißen, wechselte 1625 nach Halle, 1628 an die Stadtschule in Guben. Im Zuge der Kriegshandlungen fand er 1631 in Stettin Zuflucht und setzte seine Studien an der örtlichen Stadtschule und vermutlich dem Paedagogium regium illustre fort. In Löckenitz (ehemals Pommern) trat er 1632 eine Stelle als Hauslehrer bei einem Pfarrer an. Die anhaltende Schwächung seines Vaters durch die Drangsale des Krieges und der gewaltsame Tod eines Hilfsgeistlichen führten Lehmann 1633 nach Elterlein zurück, um die vakante Stelle des Substituten anzunehmen. 1635 (oder 1636) heiratete Lehmann Euphrosyne Kreusel. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. 1638 siedelte Lehmann nach Scheibenberg über und übernahm die dortige Pfarrstelle (bis zu diesem Punkt differieren die Daten aus den biographischen Studien zu Lehmann teilweise). In den folgenden 50 Jahren erarbeitete er ausführliche chronikalische Studien, die sich in umfangreichen Material- und Informationssammlungen niederschlugen, die er allerdings „aus Bescheidenheit und Armuth“ (Hantzsch, S. 616) zu Lebzeiten nicht veröffentlichte. Sein Gesamtwerk bezeichnete er als „Pinifer Misniae illustratus“ (Roth, S. 17) und als „Sudetische Gebürg- Land- Kirchen- Berg und Sittenchronik“ (Roth, S. 17; Rüger, S. 94). Seine Geschichte und Beschreibung des Städtchens Schwarzenberg (Descriptio Nigromontana, lateinisch in 364 Hexametern) erschien 1731 im fünften Band der Diplomatischen und curieusen Nachlese der Historie von Obersachsen. Seine Kriegschronik ist handschriftlich überliefert und wurde 1756 von Georg Christoph Kreysig auszugsweise und in weiteren einzelnen Partien im Laufe des 19. Jahrhunderts veröffentlicht, eine umfänglichere Auswahlausgabe erstellte Leo Bönhoff 1911. Lehmanns Nachricht von den Wahlen wurde von seinem Enkel Christian Gottlob 1764 herausgegeben. Seine Nachrichten über das Bergstädtlein Scheibenberg wurden 1801 in den Sächsischen Provinzialblättern gedruckt. Am 11. Dezember 1688 starb Lehmann im Alter von 77 Jahren. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Kompilator Christoph Lehmann (1568-1638).
3. Publikation
3.1. Erstdruck
Erschienen 1699 in Leipzig. Das Titelblatt vermerkt „Friedrich Lanckischens sel. Erben“ als Verleger. Diese für den Verlag typische Bezeichnung geht auf Friedrich Lankisch zurück, der zwischen 1617 und 1630 in Leipzig als Buchdrucker und Buchhändler tätig war und dann gestorben sein dürfte, zumal seit 1632 Werke mit dem Titelblattelement „Lankischens Erben“ nachweisbar sind. Sein Sohn Friedrich (1618-1667) übernahm schließlich das Geschäft, das zwischendurch von Friedrichs Mutter als „Erbe“ fortgeführt wurde. Die Worte „Lankischs S. Erben“ behielt er bei (Franck, S. 696). Immanuel Tietze (1662-1728) ist von 1693 bis zu seinem Tod als Drucker in Leipzig nachweisbar (Benzing, S. 275).
Standorte des Erstdrucks
- Bayerische Staatsbibliothek München, Sign. BHS II G 145
- Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Sign. B4/DWB
- Deutsches Museum München, Sign. 3000/1980 A 2180
- Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover, Sign. G-A 2664
- Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sign. Xb 1911
- Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Sign. 6, 7 : 33
- Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, Sign. 19 A 18706
- Hessische Landesbibliothek Wiesbaden, Sign. Rc 2402
- Landesbibliothek Eutin, Sign. Lr 237
- Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Sign. 8 H NAT II, 6700
- Priesterseminar Bamberg, Sign. 0159/Al hist 314
- Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Sign. S.B.306
- Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Sign. Fg 51
- Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sign. 4 Gs 1410
- Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg, Sign. A/48393
- Staatsbibliothek Bamberg, Sign. 22/Or.q.3
- Staatsbibliothek zu Berlin, Sign. 4’’ Sr 1560; Sign. Sr 1560 <ag>
- Stadtbibliothek Chemnitz, Sign. 1 x 9
- Stadtbibliothek Leipzig, Sax.prov.671
- Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena, Sign. 4 Bud. Sax. 62a; Sign. 4 Sax. I, 4
- Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, Sign. Geogr 8° 02405/01
- Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, Sign. M 24/5
- Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Sign. P+1 1440
- Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle, Sign. Pon Vk 106; Sign. AB 56486 (1); Sign. AB 88466
- Universitätsbibliothek Basel, Sign. Hu VII 3
- Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Sign. H00/4 HIST 803 h 1, Sign. H61/4 TREW.0 344
- Universitätsbibliothek Leipzig, Sign. Hist.Sax.698-d
- Universitätsbibliothek TU Bergakademie Freiberg, Sign. IX 270 4
- Universitätsbibliothek Wien, Sign. I 186 . 544
- Universitätsbibliothek Würzburg, Sign. H.n.q. 38
- Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Sign. Geogr.oct.4038
Weitere in der einschlägigen Auflistung von Roch (Inhalts-, Personen- und Ortsnamensverzeichnis, S. 59) 1961 noch angeführte Standorte ließen sich mit den üblichen bibliographischen Hilfsmitteln nicht mehr ermitteln.
3.2. Weitere Ausgaben
- Neudruck
Neudruck unter dem Titel Schatzkammer oder ausführliche Beschreibung des Meißnischen Ober-Erzgebirges bei Friedrich Lankischs Erben Leipzig 1747 (ohne Angabe des Verfassers).
- Teilausgaben
Christian Lehmann: Historischer Schauplatz des Obererzgebirges. Teil 1. Geschichtsbüchlein. Hg. von Leo Bönhoff. Leipzig 1926. Christian Lehmann: Erzgebirgsannalen des 17. Jahrhunderts. Von Unwettern/ Tieren in Wald und Haus/ Kuriositäten/ Pestilenzen und Spukereien. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Helmut Obst. Berlin 1986 (2. Aufl. 1991).
3.2.1. Neuedition
Stuttgart: v. Elterlein 1988 (2. Aufl. 1996).
3.2.2. Mikroform-Ausgabe
Weimar: Herzogin Anna Amalia Bibliothek 1999. Vorlage: Exemplar der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Sign. Ma 1002.
3.2.3. Digitale Ausgaben
- Wolfenbüttel: Herzog August Bibliothek 2010 (= Theatrum-Literatur der Frühen Neuzeit). Vorlage: Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sign. Xb 1911.
- Halle: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt 2008. Vorlage: Exemplar der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle, Sign. Pon Vk 106.
4. Inhalt
Textgeschichtlich ist der Historische Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten nicht ganz unproblematisch, zumal die Endredaktion bei der Zusammenstellung und Anordnung des Materials Ende des 17. Jahrhunderts durch Lehmanns Sohn Johann Christian (1642-1723) übernommen wurde, der mithilfe der separaten Nachlasskonvolute einer Land-, Kirchen-, Kriegs- und Sittenchronik des Oberen Erzgebirges den Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten zusammensetzte. Seit dem Tod seines Vaters führte er zudem zusammen mit seinen Brüdern Theodosius und Immanuel die Sammelarbeit weiter fort. Dadurch finden sich immer wieder Datierungen, die Jahreszahlen nach dem Tod von Christian Lehmann im Jahre 1688 aufweisen. Über die Entstehungsbedingungen des Werkes wird denn auch in der Dedikation von den „ Lehmannische[n] Kinder[n] und Kindes-Kinder[n]“ bereits Zeugnis abgelegt, nochmals verfeinert und ausführlicher beschrieben findet sich die Problematik in der „Vorrede an den wohlgesinnten Leser“, die wiederum mit „Des Herrn AUTORIS annoch lebende Kinder und Erben“ signiert ist. Der Historische Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten ist in 17 Abteilungen mit insgesamt 227 Kapiteln aufgeteilt. Die Abteilungen behandeln die thematischen Einheiten „vom Gebirge insgeheim“ (I. Abt.), „vom Gebirge insonderheit“ (II.), „von Wäldern“ (III.), „von Felsen-Gebirge“ (IV.), „vom Wasser im Ober Ertz-Gebirge“ (V.), „von der Lufft/ allerhand Meteoris und Lufft-Witterungen“ (VI.), „vom Feuer“ (VII.), „von allerhand Steinen“ (VIII.), „von Erd-Gewächsen“ (IX.), „von Thieren“ (X.), „von kleinen Raub-Thierlein/ Ungeziefer/ etc.“ (XI.), „von zahmen Hauß- und Nutzungs-Viehe“ (XII.), „von Vogeln und Feder-Vieh“ (XIII.), „von Fischen“ (XIV.), „von Menschen“ (XV.), „von allerley Menschlichen Zufällen“ (XVI.) und „von der Pest“ (XVII.). Lehmann unterscheidet in seiner Beschreibung also zwischen der Topographie, den Elementen Wasser, Luft und Feuer in ihrem lokalen Umfeld der Geologie, der Flora, der Fauna (nochmals aufgeteilt in Tiere in freier Wildbahn und in Nutztiere), der Anthropologie und der schlimmsten Krankheit, die die Menschen der Zeit heimsuchen konnte, der Pest. Dabei lässt sich immer wieder Lehmanns spezialisierte Kenntnis unterschiedlichster gelehrter materia feststellen, wie z.B. sein Wissen über die heilsame Kraft des Sauerbrunnens (Abt. V/XIII: „von allerlei Heil-Brunnen“, V/XIV: „von Sauer-Brunnen“), über Astronomie/Astrologie (Abt. VI/XVI: „Von Neben-Sonnen“, VI/XVIII: „Von Comet-Sternen“), über Kräuterklassifizierung und Kräuterheilkunde (Abt. IX/I: „ von Berg- Wald- und Feld-Kräutern“ und folgende Kapitel), über Tierheilkunde (Abt. XII/VIII: „von Vieh-Seuchen und Mitteln darwieder“), über Traumdeutung (Abt. XV/XXII: „ von religiösen Träumen“) oder über Medizin (Abt. XVII/XIV: „von etlichen General-Mitteln wieder die Pest“) nachhaltig demonstriert. Lehmann sondiert dabei sorgfältig den jeweiligen Begriff oder Sachverhalt unter Zuhilfenahme der jeweiligen Fachliteratur, bevor er die historischen Ausprägungen in ihrer konkreten Bedeutung für das Erzgebirge durch die Jahrhunderte hindurch, nach Möglichkeit mit genauen Datierungen, rekonstruiert. Für die Ausbreitung seiner disparaten Informationsbestände arbeitet Lehmann mit einer solide vernetzten Quellenverbundstruktur, die sich aus mündlich weitergegebenen – freilich dadurch nicht mehr rekonstruierbaren – Geschichten, aus den einschlägigen Aufzeichnungen seines Vaters und Großvaters (Obst, S. 154), aus einer intensiven Korrespondenz – von der 192 Briefe überliefert und in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek Gießen archiviert sind (Roth, S. 23) – und aus dem Rückgriff auf 300 (!) gelehrte Werke aus allen Wissensbereichen herstellt: „Lehmanns Buch ist gleichzeitig Reservoir alter literarischer Traditionen und mündlicher Überlieferungen.“ (Greverus, S. 43) Er konsultierte abgesehen von der zentralen Autorität der Heiligen Schrift „theologische Autoren, Schriftsteller des klassischen Altertums, Schriften von Humanisten und Neulateinern, Verfasser von Geschichtswerken und Chroniken, Manuskripte, Kirchenbücher, geographische Bücher, Schriften von Naturforschern, medizinische Schriften“ (Rüger, S. 88), zu denen noch die zeitgenössischen Prodigiensammlungen treten (Greverus, S. 42, Anm. 32). Ein eindrucksvolles Beispiel für Lehmanns versierte Nutzung gelehrter Folianten ist etwa Abt. I/V „Beweiß der alten Wildigkeit aus Scribenten“. Die genaue Rekonstruktion von Lehmanns Quellen, deren Zitierung mit einer von Fall zu Fall unterschiedlichen Datenlage operiert, stellt ein großes Desiderat der historischen Erzählforschung dar: „Zu den nahezu 300 allein im Schauplatz angegebenen Literaturzitaten, kann noch mit weiteren Literaturquellen gerechnet werden, da sich eine Mischung von exakter Quellenangabe über eine bloße Erwähnung des benutzten Autors bis zu völligem Stillschweigen durch das gesamte Werk zieht“ (Greverus, S. 46). Die ohnehin nur punktuell und mit langen Pausen operierende Lehmann-Forschung hat in dieser Hinsicht allenfalls erste Ansätze erbracht. Als wenig hilfreich erweist sich zudem Rochs Inhalts-, Personen- und Ortsnamen-Verzeichnis zu Christian Lehmanns Chronik von 1699 über das Ober-Erzgebirge, das zwar die genannten Personennamen (von Bewohnern des Ober-Erzgebirges) und Ortsnamen notiert, nicht aber die Namen der zahlreich genannten Autoren gelehrter Werke.
Eine explizite Thematisierung des Schauplatz-Begriffes und seiner Bedeutung für den Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten nehmen Lehmanns Nachfahren in der „Vorrede“ nicht vor, auch Lehmann äußert sich nicht dazu in Abt. I/I („Was den Autor zur Verfassung dieses Buchs bewogen“). Bestimmte Werke der Theatrum-Literatur der Frühen Neuzeit waren allerdings sowohl Lehmanns Nachfahren wie auch Lehmann geläufig. In der „Vorrede“ wird der Zusammenhang mit einem anscheinend stadtgeographisch akzentuierten Theatrum hergestellt: „Dresserus klagt in seinem Theatro Urbium, er habe nur die Abrisse/ nicht aber die Beschreibung vorstellen können“ (Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten, „Vorrede“, unpag.) – in der Tat bleibt hier unentschieden, ob es sich um eine Anspielung auf Matthäus Dressers De praecipuis Germaniae urbibus (Leipzig 1606) oder auf Abraham Saurs bis 1658 häufig gedrucktes Theatrum urbium (Frankfurt/Main 1595) handelt. Lehmann wiederum konnte in weitere Werke mit Theatrum-Titelei Einsicht nehmen, Poeschel verweist auf das 1598 in Magdeburg publizierte Theatrum Genealogicum von Hieronymus Henninges (Poeschel, S. 85). In vielfacher Hinsicht präsentiert sich der Historische Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten als ein Theatrum vitae humanae für einen lokal eng eingegrenzten Bereich, das sich zudem von einer Geschichtsschreibung der Herrschenden und Mächtigen rigoros abgrenzt: „Werden hier nicht eitel grosse Welt-Händel und wichtige Geschichte ansehnlicher Leute/ über welche man allein pflegt die Augen auffzusperren/ gleich als wenn sonst nichts Schreibwürdiges in rerum natura wäre/ gelesen/ so sind doch auch die Geschichte/ die GOtt unter gemeinem Volck vorgehen lässet/ und die von seiner heiligen Regierung Zeugniß gnugsam abstatten/ nicht zu verachten/ oder mit Stillschweigen zu ubergehen/ und haben bey frommen Leuten geringes Standes/ in der application mehr Nutzen/ als die Geschichte der Grossen in der Welt/ wen der Riesen Schue zu kleiner Leute Füssen sich übel schicken.“ (Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten, „Vorrede“, unpag.) Ein weiteres mögliches – für viele Publikationen aber keinesfalls zwingendes – Spezifikum der Theatrum-Literatur ist für den Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten mithin konstitutiv: 72 Abbildungen, über die 1005 paginierten Seiten maßvoll verteilt, visualisieren gerade in den naturwissenschaftlichen Abteilungen immer wieder höchst anschaulich den zuweilen trockenen Chroniktext.
5. Kontext und Klassifizierung
Die historiographischen Werke der frühen Neuzeit definieren sich als Datenfundus quellenmäßig belegbarer Fakten und betonen ihren Wahrheits- und Exempelcharakter mit der Berufung auf die Autorität der historia. Den Gegenbegriff bilden erfundene Begebenheiten und Lügengeschichten, die nur das Unterhaltungsbedürfnis und die Neugier der Leser bedienen und die unter dem Begriff fabula gefasst werden. Die entrüstete Abgrenzung von derartigen fiktionalen Gebilden, die keinerlei Anspruch auf Faktizität erheben können (und auch nicht wollen), gehört zu den zumeist in den Paratexten formulierten Topoi von historiographischen (oder sich historiographisch gebenden) Kompendien. Insbesondere die niederen Romane geraten dabei immer wieder in das kritische Kreuzfeuer der Geschichtsschreiber. So nimmt etwa Georg Philipp Harsdörffer in seinem ebenfalls der historia verpflichteten Grossen Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte (1649-1650) in seiner „Vorrede“ rigoros vom Pikaro-Roman Abstand. Auch Lehmanns Nachfahren sind mit dem einschlägigen Diskurs vertraut: „Gewiß/ es wird mehr Frucht aus diesen warhafftigen Begebenheiten zu gewarten seyn/ als aus allen mit so grossen Kopffbrechen/ Arbeit und Zeitverlust ausgesonnenen heroischen Lügen-Gedichten/ so unter dem Nahmen der Romains der albern Jugend in die Hände gespielt werden/ zu ihren grossen Verderb/ und derer sich die Autores in ihrem reiffen Alter gemeiniglich selbst schämen/ oder aus andern lustigen Fabeleyen/ die künstlich/ unter den Schein besonderer Handgriffe/ einem die Klugheit beyzubringen/ ausgearbeitet/ und anmuthig zu lesen sind/ hinterlassen aber unvermerckt den Gifft und Stachel der Welt-Liebe und sündlicher Vanität/ dazu unser Fleisch und Blut von sich selbst mehr als zu geneiget ist.“ (Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten, „Vorrede“, unpag.) Vordergründig steht die harte Kritik an den „Fabeleyen“ in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis zu den keinesfalls seltenen phantastisch anmutenden Einschüben des Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten. Lehmanns geschilderte Erzgebirgslandschaft erscheint – aller regionalen Verbundenheit ihres Autors zum Trotz – als massive Drohkulisse vielfältiger und teilweise hochgradig undurchschaubarer Gefahren für ihre Bewohner. Der Historische Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten ist angefüllt mit rätselhaften Phänomenen, kuriosen Erscheinungen und allgegenwärtigen Wunderzeichen, die sich nur durch einen festen Glauben an Gott und an die göttliche Vorsehung mit der Vorstellung einer wohlgeordneten Schöpfung in Einklang bringen lassen. Für den Chronisten Lehmann sind Berichte über Wunder und Monstrositäten – auch wenn er durchaus fallweise Skepsis anmeldet – keine (gar aus den zuvor demonstrativ gescholtenen Romanen entspringenden) abwegigen Phantastereien, sondern in erster Linie glaubwürdige Augenzeugenberichte, die unter strenger Einhaltung der Chronistenpflicht niedergelegt werden müssen. Der von der Forschung erhobene Vorwurf des Aberglaubens lässt sich wohl kaum von der Hand weisen, wäre in seiner historischen Ausprägung und seinem Umfeld etwa der zeitgenössischen Wunderzeichen- oder Teufelsliteratur aber zunächst genau zu differenzieren. Lehmanns Zeitgenosse Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen – gut ein Jahrzehnt nach Lehmanns Geburt geboren und mehr als ein Jahrzehnt vor seinem Tod gestorben – karikiert in seinen Texten bereits den naiven Glauben an die empirische Gültigkeit von Prodigien.
Lehmanns Schauplatz-Titelei reiht sich in die von der Barockforschung bislang aufgefundenen zehn Theatren mit einschlägigen semantischen Elementen ein, die insbesondere Ende des 17. Jahrhunderts auftreten. Zu nennen wären z. B. Christoph Zeisselers Neu-eröffneter Historischer Schauplatz (Leipzig 1695), Gottfried Dexelius’Theatrum Historicum Curiosum (Dresden 1698) und das wieder im strengeren Sinne historiographisch verfahrende, als Theatrum Mundi angelegte Theatrum Historicum Theoretico-Practicum (Frankfurt 1699) von Christian Matthiae. Aber auch in der regionalen Chronistik ist Lehmann keineswegs der erste Scribent, der die beliebte und erfolgsversprechende Schauplatz- und Theatrum-Titelei für sein Werk nutzt, knapp fünfzig Jahre zuvor entstand im benachbarten Freiberg bereits Andreas Möllers Theatrum Freibergense Chronicum (2 Tle. Freiberg 1653).
6. Rezeption
Lehmanns Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten erfreute sich offenbar zumindest in seinem regionalen Umfeld einer großen Beliebtheit. Die heute noch flächendeckende Überlieferung des Textes in Landes- und Universitätsbibliotheken mit einem namhaften Altbestand (und sogar in Stadtbibliotheken) lässt auf eine entsprechend solide Verbreitung im 18. Jahrhundert schließen. Wilhelm Ernst Tentzel rezensierte in seiner Curieusen Bibliothec oder Fortsetzung der Monatlichen Unterredungen (Frankfurt, Leipzig 1704) das voluminöse Werk bereits fünf Jahre nach der Erstpublikation, biobibliographische Informationen über Lehmann finden sich in zahlreichen gelehrten Werken des 18. Jahrhunderts ebenso wie in Bd. 16 von Zedlers berühmtem Universal-Lexicon (vgl. dazu Roth, S. 35-38, und die verdienstvolle Bibliographie von Rüger, S. 102-108). Auch im 19. Jahrhundert erfuhr Lehmann immer wieder sporadische Aufmerksamkeit, die in den 1880-er Jahren in einigen kleineren Studien und schließlich in einer nach wie vor höchst aufschlussreichen Monographie von Johannes Poeschel im Jahre 1883 kulminierte (vgl. Roth, S. 38-40). Lehmann’sche Historien wurden (ohne explizite Quellennennung) von Widar Ziehnert in seine Kompilation Sachsens Volkssagen, Balladen, Romanzen und Legenden (3 Bde. Annaberg 1838-1839) eingearbeitet, weitere sagenartige Exempel aus dem Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten fanden Eingang in die sächsischen Sagensammlungen des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Georg Theodor Grässe (Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen. 2 Bde. 2. Aufl. Dresden 1874), Johann August Ernst Köhler (Sagenbuch des Erzgebirges. Schneeberg, Schwarzenberg 1886), Alfred Meiche (Sagenbuch des Königreichs Sachsen. Leipzig 1903) und Friedrich Sieber (Sächsische Sagen, von Wittenberg bis Leitmeritz. Jena 1926). Auch in weiteren Sagenbüchern mit dem Schwerpunkt Sachsen oder Erzgebirge finden Chronikerzählungen (vgl. zum Begriff Greverus, S. 37-40) aus dem Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten bis ins 21. Jahrhundert hinein Erwähnung. Als narrativ überformtes – und dadurch einmaliges – Dokument der Wirkungsgeschichte Lehmanns erscheint hingegen die in Form einer fiktiven Autobiographie verfasste Erzählung Unter den Orgelpfeifen. Ein Büchlein über Christian Lehmann, den Pfarrer zu Scheibenberg und Chronisten des Erzgebirges (Berlin 1969, 2. Aufl. 1971) von Karl Hans Pollmer, in der Lehmann als Ich-Erzähler auftritt und wichtige Ereignisse seines Lebens, die überwiegend mit den Wirren und Schrecken des Krieges verbunden sind, aus der Perspektive eines souverän abgeklärten Rückblicks Revue passieren lässt. Pollmer dürfte dabei auch auf Informationsbestände aus dem Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten zurückgegriffen haben. Noch Ende des 20. Jahrhunderts ist es als positives Rezeptionsmoment zu vermerken, dass der Stuttgarter Elterlein-Verlag im Jahre 1988 – also weit nach der Reprintwelle der 1960-er und 1970-er Jahre – einen aufwändigen Nachdruck des Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten herausbrachte.
7. Bibliographische Nachweise und Forschungsliteratur
- VD17 3:302104H [vd17]
- Anonym: Art. „Christian Lehmann“, in: Hanns Bächtold-Stäubli (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin, Leipzig 1933 [ND Berlin, New York 1987], Bd. 5, Sp. 1014-1019
- Art. „Lehmann, (Christian)“, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon Aller Wissenschafften und Künste. 68 Bde. Halle, Leipzig 1732-1754,, Bd. 16, Sp. 1427
- Josef Benzing: Die Drucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 12). Wiesbaden 1963
- J. Franck: Art. „Lankisch, Friedrich“, in: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde., Leipzig 1875-1912, Bd. 17, S. 695-696
- Ina-Maria Greverus: Die Chronikerzählung. Ein Beitrag zur Erzählforschung am Beispiel von Chr. Lehmanns „Historischem Schauplatz“ (1699), in: Fritz Harkort, Karel C. Peeters, Robert Wildhaber (Hg.): Volksüberlieferung. Festschrift für Kurt Ranke zur Vollendung des 60. Lebensjahres. Göttingen 1968, S. 37-80
- Viktor Hantzsch: Art. „Lehmann, Christian“, in: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde., Leipzig 1875-1912, Bd. 51, S. 616-618
- Ernst von Lehmann: Geschichte der Familie von Lehmann, insbesondere der Vor- und Nachfahren des erzgebirgischen Chronisten Christian Lehmann. Schwarzenberg/ Erzgebirge 1938
- Helmut Obst: Nachwort, in: Christian Lehmann: Erzgebirgsannalen des 17. Jahrhunderts. Von Unwettern/ Tieren in Wald und Haus/ Kuriositäten/ Pestilenzen und Spukereien. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Helmut Obst. Berlin 1986 (2. Aufl. 1991), S. 147-157
- Johannes Poeschel: Eine Erzgebirgische Gelehrtenfamilie. Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts. Leipzig 1883
- Willy Roch: Zu Christian Lehmanns Gedächtnis (350. Geburtstag), in: Glück auf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins 8 (1961), Nr. 11, S. 111-113 (auch in: Christian Lehmann: Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten. Stuttgart 1988, S. 1*-9*)
- Willy Roch: Inhalts-, Personen- und Ortsnamen-Verzeichnis zu Christian Lehmanns Chronik von 1699 über das Ober-Erzgebirge (Die Fundgrube. Eine Sammlung genealogischen Materials H. 24). Regensburg 1961
- Fritz Roth: Christian Lehmanns Leben und Werke und seine Stellung zum Aberglauben. Schwarzenberg/Erzgebirge 1933
- Conrad Alfred Rüger: Ein Pfarrer im Toben des Dreißigjährigen Krieges. Hg. von Conrad Georg Frank Rüger. Stuttgart 1977
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