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Eine ernsthafte Ermunterung an alle Christen zu einem frommen und heiligen Leben.

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Von William Law. A. M.

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Aus dem Englischen übersetzt.

Leipzig, In der Weidemannischen Handlung,

1756.

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Vorbericht.

Von dem Verfasser dieses Werks weis der Ueberse tzer desselben weiter nichts, als daß er ein Prediger in Irrland irgendwo gewesen, und sich auch noch durch andre Schriften bekannt gemacht hat. Er hat von der christlichen Vollkommenheit, Anmerkun gen über die bekannte Fabel von den Bienen, von der Unzuläßig keit der Schaubühne geschrie
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ben, und sich auch sonst in den To landschen und andern Streitigkei ten bekannt gemacht. Die gegenwärtige Ermunte rung hat er zu Londen 1729, ohne Vorrede, ans Licht gestellet. Man will sie also auch im Deutschen mit einem Stücke unvermehrt lassen, welches der Verfasser für unnöthig erkannt hat. Jeder Leser mag es nach seinen eignen Empfindungen bestimmen, was sie für einen Rang unter den geistlichen Büchern verdie net. Sie weitläuftig anpreisen, würde eben das sagen, als ob man an seiner andächtigen Aufmerksam keit im voraus zweifeln wollte.
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Inhalt.

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Erstes Hauptstück. Von dem Wesen und dem Umfange der christlichen Frömmigkeit.

------------------------------------------------------------ Die Frömmigkeit ist weder das be sondre noch das öffentliche Gebet; sondern so wohl das öf fentliche, als besondre Gebet sind Stücke oder Beweise der Frömmigkeit. Die Frömmigkeit besteht in einem Gott geweih ten Leben. Ein frommer Mensch ist also der, welcher nicht länger, nach seinem eignen Willen, oder nach dem Lauffe und dem Geiste der Welt, sondern einzig nach dem Willen Gottes lebt; welcher in allen Dingen auf GOtt sieht; wel cher GOtt in allen Dingen dienet; welcher alle Stücke seines gemeinen Lebens zu Stücken der Frömmigkeit macht, indem er alles im Namen Gottes, und nach solchen Vorschriften thut, die seiner Ehre gemäß sind.
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Daß GOtt allein die Regel und Richtschnur bey unserm Gebete seyn müsse; daß wir bey demselben gänzlich auf ihn zu sehen haben; daß wir, was wir dabey thun, nur seinetwegen thun müssen; daß wir nur auf solche Art, nur um solche Dinge, nur aus solchen Ab sichten, als mit seiner Ehre bestehen können, be ten müssen: dieses räumt man willig ein. Nun aber denke ein ieder selbst auf die Ursa che, warum er in seinem Gebete so eigentlich got tesfürchtig seyn müsse; und er wird finden, daß diese Ursache eine gleich starke Ursache sey, war um er eben so eigentlich gottesfürchtig, auch in den übrigen Stücken seines Lebens, seyn solle. Es muß sich nicht der geringste Schatten eines Grundes zeigen, warum wir GOtt zur Regel und Richtschnur unsers Gebets machen, gänz lich dabey auf ihn sehen, und nach seinem Willen beten sollen, welcher nicht auch zugleich bewiese, daß wir nothwendig auch in allen übri gen Handlungen unsers Lebens gänzlich auf GOtt zu sehen und ihn zu unsrer Regel und Richtschnur zu machen haben. Jede Lebens art, iede Anwendung unsrer Gaben, sowohl unsrer Gemüthsgaben, als unsrer Zeit und unsrer Glücksgüter, welche nicht genau mit dem Willen Gottes übereinkömmt, und deren Absicht der Ehre Gottes nicht gemäß ist, sind eben so große Ungereimtheiten und Verge hungen, als es die Gebete sind, welche mit dem Willen Gottes nicht übereinstimmen. Denn es ist kein andrer Grund, warum unser Gebet
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mit dem Willen Gottes übereinstimmen soll, warum es nichts in sich halten muß, als was weise, heilig und himmlisch ist; es ist kein andrer Grund hiervon, sag ich, als weil unser Leben von eben dieser Beschaffenheit, und mit gleicher Weisheit, Heiligkeit und himmli scher Neigung erfüllt seyn soll, weil wir in eben dem Geiste vor GOtt wandeln sollen, in dem wir zu ihm beten. Wäre es nicht unsre strenge Schuldigkeit in gänzlicher Beziehung auf GOtt zu leben, alle Handlungen unsers Le bens GOtt zu weihen; wäre es nicht unum gänglich nöthig, vor ihm in Weisheit, Heiligkeit und aller himmlischen Gemeinschaft zu wandeln, indem man alles in seinem Namen und zu sei ner Ehre thut: so würde weder Vortrefflichkeit noch Weisheit in dem aller himmlischsten Ge bete seyn. Ja ein solches Gebet würde abge schmackt und einem Gebete um Flügel gleich seyn, da es doch unsre Schuldigkeit nicht erfor derte, fliegen zu können. So gewiß also im Gebete um den Geist Got tes, Weisheit ist, so gewiß ist es auch, daß wir diesen Geist zur Regel aller unsrer Handlungen machen sollen: so gewiß es unsre Schuldigkeit ist, in unserm Gebete gänzlich auf GOtt zu se hen, so gewiß ist es auch unsre Schuldigkeit in unserm Leben gänzlich nach Gottes Willen zu leben. Wir leben aber eben so wenig nach Got tes Willen, wenn wir nicht in allen gewöhn lichen Handlungen unsers Lebens darnach le ben, wenn er nicht auf allen unsern Wegen die
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Regel und Richtschnur ist; als wir nach Got tes Willen beten, wenn wir in unserm Gebete nicht gänzlich auf ihn sehen: so, daß folglich unvernünftige und abgeschmackte Lebensarten, sie mögen unsere Verrichtungen oder unsere Ergötzlichkeiten betreffen, es mag unsre Zeit oder unser Geld dabey verlohren gehen, unvernünftigen und abgeschmackten Gebeten gleich, und, wie sie, Beleidigungen Gottes sind. Und bloß daher, weil dieses nicht erkannt, oder wenigstens nicht überlegt wird, kömmt es, daß wir eine so lächerliche Mischung in dem Leben der meisten Menschen sehen. Wir sehen, daß sie sich, zu den bestimmten Zeiten, und an den bestimmten Orten, der Andacht wegen, ge nau einstellen; ist aber der Gottesdienst in der Kirche vorbey, so sind sie nichts besser als die, welche ihn selten, oder gar nicht, besuchen. In ihrer Lebensart, in der Weise, ihre Zeit und ihr Vermögen anzuwenden, in ihrer Sorge und Furcht, in ihren Erhohlungen und Ergötz lichkeiten, in ihren Beschäftigungen und Zeitvertreiben gleichen sie den übrigen Men schen. Dieses verursacht denn, daß der ruchlo se Theil der Welt gemeiniglich mit den From men ein Gespötte treibt, weil er sieht, daß ihre Frömmigkeit nicht länger, als ihr Gebet währet, und daß, wenn dieses vorbey ist, sie nicht eher wieder vor GOtt wandeln, als bis die Zeit zum Gebete wieder herbeykömmt, wohl aber nach gleichen Neigungen und Grillen, in gleichem Genusse aller Thorheiten des Lebens, wie der
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übrige Hauffe, dahin leben. Und nur darum werden sie ein Spott und die Verachtung des sorglosen und weltlichen Pöbels; nicht weil sie in der That fromm sind, sondern weil man sie het, daß ihre Frömmigkeit in nichts, als in ge legentlichen Gebeten bestehet. Julius macht sich das größte Gewissen, den Gottesdienst zu versäumen; das ganze Kirch spiel glaubt, Julius müsse krank seyn, wenn er nicht in der Kirche ist. Wenn ihr ihn aber fragt: warum er seine übrige Zeit nicht anders als so zubringt, wie es seine Einfälle und die Gelegenheiten verlangen? warum er dem dümmsten Pöbel in seinen dümmsten Ergötz lichkeiten Gesellschaft leistet? warum er zu al len unanständigen Zeitvertreiben und Vergnü gen so bereit ist? Wenn ihr ihn fragt: warum ihm keine Belustigungen zu nichtig sind? war um er so geschäftig auf allen Bällen und in allen Versammlungen ist? warum er sich al len thörichten Zusammenkünften aufopfert? warum er mit gewissen Personen in einer närri schen Freundschaft und Zärtlichkeit lebt, die eine besondre Zuneigung weder brauchen noch verdie nen? warum er närrischen Empfindlichkeiten und dem Grolle wider gewisse Personen nach hängt, ohne zu bedenken, daß er ieden Menschen als sich selbst lieben solle? Wenn ihr ihn fragt: warum er weder seinen Umgang, noch seine Zeit, noch sein Glück den Regeln der Religion unterwirft: so weis Julius zu seiner Entschul digung nichts mehr zu sagen, als der unordent
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lichste Mensch. Denn der ganze Inhalt der Schrift ist eben so sehr wider ein solches Leben, als wider die Unmäßigkeit und Fleischeslust. Wer eine solche eitle und thörichte Lebensart führet, lebt eben so wenig nach der Religion Je su Christi, als der, welcher in Schwelgerey und Unzucht lebt. Wenn iemand zu dem Julius sagen sollte, eine so fleißige Besuchung der Kirche sey eben nicht nöthig; er könne, ohne Nachtheil, den Gottesdienst, wie der gemeine Hauffe versäu men: so würde Julius glauben, dieser, der so rede, könne unmöglich ein Christ seyn, und wür de es daher für seine Schuldigkeit halten, allen Umgang mit ihm zu fliehen. Wenn aber ie mand zu ihm sagte, er könne immer leben, wie der größte Theil der Welt lebt; er könne sich im mer, wie andre, lustig machen; er könne immer seine Zeit und sein Geld, so wie artige Leute, anwenden; er könne sich immer den Schwach heiten und Thorheiten des größten Hauffen gleichstellen; er könne immer, wie es andre thun, seine Neigungen und Leidenschaften vergnügen: so wird Julius nicht einmal auf den Arg wohn fallen, daß einem solchen Rathgeber der Geist des Christenthums fehle, oder daß er gar das Werk des Teufels treibe. Gleichwohl mag Julius das alte oder neue Testament, vom Anfange bis zum Ende, lesen; er wird seinen Lebenslauf auf ieder Seite ver dammt finden.
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Und es kann auch in der That nichts abge schmackters an sich selbst erdacht werden, als weise, hohe und himmlische Gebete, die man mit einem thörigten und eiteln Leben verbin det, in welchem weder Arbeit noch Ergötzung, weder Zeit noch Vermögen den Anordnungen der Weisheit und den himmlischen Gesinnungen unsers Gebets unterworfen sind. Wenn wir einen Menschen sehen sollten, welcher vorgäbe, daß er alles, was er thue, mit Absicht auf GOtt thue, welcher sich rühme, daß er sowohl bey An wendung seiner Zeit als seines Vermögens, sowohl bey seiner Arbeit als bey seinen Er götzlichkeiten, die strengsten Vorschriften der Vernunft und der Gottesfurcht zu Rathe ziehe; gleichwohl aber verachte dieser Mensch alles Gebet, das öffentliche und das besondere: wür den wir nicht über ihn erstaunen, und uns ver wundern, wie sich so viel Thorheit mit so viel Religion vertragen könne? Und doch ist dieses eben so vernünftig, als wenn iemand eine genaue Andacht beobachten, und sorgfältig Zeit und Ort des Gebets in Acht nehmen, übrigens aber den Rest seines Lebens, seine Zeit und Arbeit, seine Geschicklichkeit und sein Geld, ohne auf die strengen Regeln der Gottesfurcht und Frömmigkeit dabey zu se hen, anwenden wollte. Denn heilige Gebete und göttliche Bitten, ohne eine Heiligkeit des Le bens, die denselben gemäß ist, sich vorstellen, ist eben so ungereimt, als ein heiliges und göttliches Leben ohne Gebet vermuthen.
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Wenn also iemand auf Gründe denken will, mit welchen er diejenigen am leichtesten zu Schan den machen könne, die eine große Sorgfalt im Leben ohne Gebet vorgeben: so werden eben die se Gründe auch diejenigen gleich stark widerle gen, welche sich der Sorgfalt im Gebet rüh men, ohne diese Sorgfalt bey andern Stücken ihres Lebens zu beobachten. Denn schwach und närrisch bey Anwendung unsrer Zeit und unsrer Glücksgüter verfahren, ist kein größer Verge hen, als schwach und närrisch in Absicht auf un ser Gebet seyn: und uns selbst solchen Wegen des Lebens überlassen, welche GOtt weder gewid met sind, noch gewidmet seyn können, heißt eben so gottlos handeln, als wenn man das Gebet versäumet, oder es also verrichtet, daß es dem Höchsten ein unwürdiges Opfer wird. Die ganze Sache kömmt kürzlich hierauf hin aus. Entweder die Vernunft und Religion schreiben uns bey den gewöhnlichen Handlungen unsers Lebens Regeln und Absichten vor, oder nicht. Thuen sie es, so ist es eben so noth wendig, alle unsre Handlungen nach diesen Vor schriften einzurichten, als nothwendig es ist, GOtt anzubeten. Denn lehrt uns die Religion irgend etwas in Ansehung der Speise und des Tranks, oder des Gebrauchs unsrer Zeit und unsers Geldes; lehrt sie uns, wie wir die Welt brauchen und verachten sollen; sagt sie uns, was wir für Neigungen im gemeinen Leben haben müssen, wie wir gegen alle Menschen, und insbesondere gegen Kranke, Arme, Alte und
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Verlassene gesinnt seyn sollen; lehrt sie uns, was für Personen wir mit einer besondern Lie be begegnen, und was für welche wir mit einer besondern Hochachtung verehren müssen; sagt sie uns, wie wir unsern Feinden begegnen und uns selbst kreutzigen und verleugnen sollen: so muß der sehr einfältig seyn, der sich einbilden kann, diese Stücke der Religion dürften so ge nau nicht beobachtet werden, als irgend eine von denjenigen Lehren, die das Gebet betreffen. Es verdienet angemerkt zu werden, daß sich in dem ganzen Evangelio kein Gebot wegen des öffentlichen Gottesdienstes befindet; und vielleicht ist dieses eine Pflicht, auf welche die Schrift unter allen am wenigsten dringet. Der fleißigen Abwartung derselben wird in dem gan zen neuen Testamente nicht ein einzigesmal ge dacht; dahingegen diejenige Religion und Frömmigkeit, welche in den gewöhnlichen Handlungen unsers Lebens regieren soll, beynahe in allen Versen zu finden ist. Unser Heiland und seine Apostel beschäftigen sich nur mit Leh ren, die in das gemeine Leben einen Einfluß haben. Sie ermahnen uns, der Welt abzusa gen; uns in allen Neigungen und in allen Arten des Lebens von dem Geiste und den Wegen der Welt zu entfernen; sich aller ihrer Güter zu verzeihen; keines von ihren Uebeln zu fürchten; ihre Freuden zu verachten, und kei nen Werth auf ihre Glückseligkeit zu legen. Sie ermahnen uns, wie die neugebohrnen Kin der zu seyn, die für eine neue Welt gebohren
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sind; wie Pilgrime in geistlicher Wachsamkeit, in heiliger Furcht, in himmlischer Sehnsucht nach einem andern Leben, zu leben; unser täg liches Kreutz auf uns zu nehmen; die Seligkeit der Betrübten zu preisen, und nach der Selig keit derer, die geistlich arm sind, zu streben. Sie ermahnen uns, den Stolz und die Eitelkeit der Reichen zu verlassen; für den morgenden Tag nicht zu sorgen; in dem niedrigsten Stan de der Demuth zu leben; bey weltlichen Trüb salen frölich zu seyn; Fleischeslust, Augenlust und hoffärtiges Leben zu verwerfen; Unrecht zu erdulden; unsern Feinden zu verzeihen und sie zu segnen; die Menschen zu lieben, wie sie GOtt liebt; unser ganzes Herz und alle unsere Nei gungen GOtt zu übergeben, und durch die enge Pforte in das Leben der ewigen Herrlichkeit ein zugehen. Dieses ist die allgemeine Frömmigkeit, welche unser Heiland lehrte, um sie zu dem ge meinen Leben aller Christen zu machen. Ist es also nicht sehr sonderbar, daß der Pöbel die Frömmigkeit so gänzlich in die Abwartung des öffentlichen Gottesdienstes einschließt, von der wir doch nicht finden, daß sie unser Heiland ir gendwo ausdrücklich geboten habe, und dabey die gemeinen Pflichten unsers gewöhnlichen Lebens verachtet, die gleichwohl auf ieder Seite des Evangelii anbefohlen sind. Ich nenne die se Pflichten die Frömmigkeit unsers gemeinen Lebens, weil sie, wenn sie ausgeübt werden sol len, nothwendige Stücke unsers gemeinen Le
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bens seyn müssen und sonst nirgends Statt finden können. Wenn die Verachtung der Welt und die himmlische Gesinnung eine nothwendige Ei genschaft der Christen ist, so muß sich diese Ei genschaft nothwendig in unserm ganzen Leben, durch unser Verhalten gegen die Welt, zu er kennen geben, weil sie sonst nirgends Statt finden kann. Wenn die Selbstverleugnung eine Bedin gung ist, unter welcher wir selig werden sollen, so müssen sie alle, welche selig werden wollen, zu einem Theile ihres gewöhnlichen Lebens ma chen. Wenn die Demuth eine christliche Pflicht ist, so muß das gemeine Leben eines Christen ei ne beständige Ausübung aller Arten der Demuth seyn. Wenn die Armuth des Geistes noth wendig ist, so muß die Kraft und der Geist der selben sich in allen Tagen unsers Lebens äußern. Wenn wir den Nackten, den Kranken und den Gefangnen beystehen sollen, so müssen dieses die gewöhnlichen Beschäftigungen unserer Barm herzigkeit seyn, so weit es unsere Kräfte nur im mer zulassen. Wenn wir unsre Feinde lie ben sollen, so müssen wir unser gemeines Leben zu augenscheinlichen Ausübungen und Beweisen dieser Liebe machen. Wenn Zufriedenheit und Dankbarkeit, wenn das geduldige Ertragen der Widerwärtigkeiten Pflichten gegen GOtt sind, so sind es Pflichten für alle Tage und in allen Umständen des Lebens. Wenn wir weise und heilig, als die neugebohrnen Kinder Gottes
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seyn sollen, so können wir es auf keine andre Weise seyn, als wenn wir in allen Stücken un sers gemeinen Lebens alle dem, was thöricht und eitel ist, entsagen. Wenn wir neue Creaturen in Christo seyn sollen, so können wir nicht an ders zeigen, daß wir es sind, als wenn wir auf neuen Wegen des Lebens in der Welt einher gehen. Wenn wir Christo nachfolgen sollen, so muß sich diese Nachfolge in unserm Gebrau che eines ieden Tages äußern. Und so ist es mit allen Tugenden und heiligen Eigenschaften des Christenthums beschaffen, die wir nicht unser nennen können, wenn sie nicht die Tugenden und Eigenschaften unsers gewöhnli chen Lebens sind. Denn auf den gemeinen We gen des Lebens einherzugehen, den närrischen Ge wohnheiten gemäß zu leben, den Leidenschaften und Neigungen nachzuhängen, an welchen sich der Geist der Welt ergötzet, dieses erlaubt uns das Christenthum so wenig, daß vielmehr alle die Tugenden, welche es zur Seligkeit nothwen dig erfodert, eben so viel Wege eines den Hand lungen der Welt in allen Stücken entgegenge setzten Lebens sind. Wenn unser gemeines Leben nicht ein beständiger Wandel in Demuth, Selbstverleugnung, Absagung der Welt, Demuth des Geistes und himmlischer Sehn sucht ist, so leben wir nicht, wie Christen le ben sollen. So offenbar es nun ist, daß hierinn, und nur hierinn allein, das Christenthum bestehe, nehm lich in einer gleichförmigen, unverstellten und au
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genscheinlichen Ausübung aller dieser Tugenden: so offenbar ist es auch, daß man wenig oder gar nichts davon, auch bey der besten Sorte der Men schen, antrift. Man sieht sie zwar oft in der Kirche, wo sie sich an geschickten Predigern ergö tzen; allein werft einen Blick auf ihr Leben, und ihr werdet finden, daß sie in nichts von dem Thei le des Pöbels nnterschieden sind, welcher auf die Frömmigkeit keinen Anspruch zu machen ver langt. Der Unterschied, den ihr unter ihnen findet, ist bloß der Unterschied ihrer natürlichen Eigenschaften. Sie haben eben den Geschmack an der Welt, eben die weltlichen Sorgen, eben die Furcht und Freude; ihr Gemüth hat keine beßere Wendung, und ihre Begierden sind nicht minder eitel. Ihr findet an ihnen eben die närrische Liebe zu Staat und Pracht, eben den Stolz und eben die Eitelkeit im Putze, eben die Eigenliebe und Nachsicht gegen sich selbst, eben die närrischen Freundschaften und ungegründeten Hasse, eben die Leichtsinnig keit, eben den läppischen Geist, eben die Lust an Ergötzlichkeiten, eben die eiteln Neigungen, und die nichtigen Anwendungen ihrer Zeit zu Be suchen und Gesellschaften, die ihr an dem übrigen Haufen der Menschen findet, welche, wie gesagt, auf die Frömmigkeit keinen Anspruch zu machen verlangen. Ich will diese Vergleichung nicht zwischen Leu ten, die dem Schein nach gut sind, und öffentli chen Bösewichtern gemacht wissen, sondern beyderseits zwischen Leuten von sittsamen Wan
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del. Wir wollen zwey ehrbare Frauenzimmer zum Beyspiel wählen. Wir wollen setzen, die eine wäre in Beobachtung des Gottesdienstes sehr sorgfältig und wäre überzeugt, daß diese Beobachtung ihre Schuldigkeit sey; die andre aber ließe sich diese Pflicht eben nicht besonders angelegen seyn, sondern käme, so wie es die Ge legenheit mit sich brächte, selten oder oft in die Kirche. So weit ist der Unterschied zwischen diesen Personen ganz deutlich. Wenn man aber diesen ausnimmt, was für einen findet man sonst unter ihnen? Kann man sagen, daß ihr gemeines Leben von verschiedner Art sey? Sieht man nicht die Neigungen, die Ge wohnheiten, die Moden, die man an der ei nen sieht, auch an der andern? Leben sie wohl, als ob sie verschiednen Welten angehörten, als ob sie verschiedne Absichten, und verschiedne Regeln und Vorschriften zu allen ihren Handlungen hätten? Haben sie nicht einerley Güter und ei nerley Uebel? Werden sie nicht auf einerley Art und über einerley Dinge vergnügt und miß vergnügt? Beobachten sie nicht einerley Lauf des Lebens? Ist es nur die eine, welche ihr Au genmerk bloß auf das Zeitliche richtet, und sieht die andere bloß auf das Ewige? Lebt die eine in Freuden, vergnügt sie sich an Schmuck und Kleidern, indem die andre in Selbstverleu gnung und Kreutzigung lebt, und alle dem absagt, was in ihrem Putze oder in ihrer Auf führung eitel scheinen könnte? Ergiebt sich die eine öffentlichen Ergötzungen und verschwendet
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sie ihre Zeit mit eiteln Besuchen und in ver derbten Gesellschaften, indem die andre in al len Künsten, ihre Zeit wohl anzuwenden, aus lernt, ihr Leben mit Wachen und Beten und mit solchen guten Werken zubringt, die an jenem Ta ge auf ihrer Rechnung gelten können? Ist die eine sorglos in ihrem Aufwande, und freuet sie sich, daß sie sich mit allen Köstlichkeiten des Schmu ckes ausputzen kann, da die andere ihre Glücks güter nur als ein von Gott verliehenes Geschenk ansieht, das man der Religion gemäß brauchen, und eben so wenig zu eitelm und unnöthigen Pu tze anwenden, als in die Erde vergraben soll? Wo soll man also noch den Unterschied zwi schen einer Person, die Religion haben will, und einer, die keine hat, suchen? Und wie kann man, wenn sie in den ietzt genannten Stücken nicht unterschieden sind, gleichwohl mit einigem Grunde sagen, die eine sey eine gute Christin, und die andre sey keine? Laßt uns ein ander Beyspiel unter den Mannspersonen aufsuchen! Leo hat sehr viel von einer guten Gemüthsart, er hat sich allezeit zu guter Gesellschaft gehalten, er hasset alles, was falsch und niederträchtig ist, er ist sehr großmüthig und rechtschaffen gegen seine Freun de; um die Religion aber hat er sich so wenig bekümmert, daß er mit genauer Noth den Un terschied zwischen einem Juden und Christen weis. Eusebius, gegentheils, hat sehr jung die ersten Eindrücke der Religion über kommen. Er weiß von
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allen Festen und Fasttagen zu reden, und kann alle bey Namen nennen, die es in der Frömmig keit weit gebracht haben. Man hört ihn niemals schwören und ungeziemende Scherze treiben, und er spricht niemals anders von der Religion, als von einer Sache von der äußersten Wichtigkeit. Die eine Person also hat, nach der Meinung der Welt, Religion genug für einen frommen Christen gehalten zu werden; die andre aber ist von allem Anscheine der Religion so weit entfernt, daß man sie ganz wohl für einen Heiden halten könnte. Und gleichwohl wird man, wenn man ihr gemeines Leben ansieht, wenn man ihre herr schenden Neigungen nach den vornehmsten Lebenspflichten und Lehren des Christen thums untersucht, auch nicht den allergeringsten Unterschied, den man sich nur einbilden könnte, zwischen ihnen finden. Wir wollen sie nur in Ansehung ihres Ge brauchs der Welt betrachten, weil dieser das ist, was einem ieden in die Augen fallen muß. Richtige Begriffe aber von dieser Welt zu ha ben, ist ein eben so wesentliches Stücke der Re ligion, als richtige Begriffe von GOtt zu ha ben. Und es ist eben so wohl möglich, ein Krokodill anzubeten und gleichwohl ein from mer Mensch zu seyn, als ein guter Christ zu seyn, und dem ohngeachtet seine Neigungen auf diese Welt zu richten. Wenn man nun den Leo und Eusebius von dieser Seite betrachtet, so wird man finden, daß sie einander vollkommen ähnlich sind; indem sie
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alle Güter dieser Welt auf einerley Art, und aus einerley Absicht suchen und genießen. Man wird finden, daß Reichthum, Glück, Ver gnügen, Pracht und Ehre eben sowohl die Glückseligkeit des Eusebius, als die Glückse ligkeit des Leo ausmachen. Hat nun aber das Christenthum die Neigungen eines Menschen in diesen Stücken nicht geändert, was soll es denn sonst in ihm gewürkt haben? Denn wenn die Lehren des Christenthums ausgeübet werden, so wird der, welcher sie aus übt, von andern, in Ansehung aller weltlichen Neigungen, sinnlichen Vergnügungen und dem Stolze des Lebens, eben so sehr unterschie den seyn, als ein weiser Mann von einem ro hen natürlichen Menschen unterschieden ist; und es muß alsdenn eben so leicht seyn, einen Christen an diesen äußerlichen Stücken des Lebens zu erkennen, als es ietzo schwer hält, sie bey iemanden anzutreffen. Es ist nehmlich ganz offenbar, daß die Christen ietziger Zeit nicht allein den übrigen Menschen in ihren Schwach heiten gleich sind, welches sich noch einiger maaßen möchte entschuldigen lassen, sondern daß sie auch in den allervornehmsten Puncten ihres Lebens nichts besser als die Heiden sind; und das ist es, worüber man eigentlich klagt. Sie genießen die Welt und leben alle Tage nach eben den Neigungen, nach eben den Absichten und eben so sorglos, als einst die lebten, welche we der von Gott, noch von einem künftigen Leben et was wußten. Und daß es, in der That, auch mit
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dem frömmern Theile, so wohl männlichen als weiblichen Geschlechts, also stehe, muß ieder be obachtet haben, der nur die geringste Ueberle gung zu machen fähig ist. Er ist von dem übri gen Haufen weiter nicht unterschieden, als ihn der äußerliche Gottesdienst unterscheidet. Das aber heißt christliche Andacht und ein heidnisches Leben mit einander verbinden. Ich kann diese Anmerkung mit dem Ansehen des Heilandes selbst bekräftigen, wenn er spricht: ihr sollt nicht sorgen und sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? denn nach sol chem allen trachten die Heiden. Wenn uns nun aber sogar die Sorge für die Nothwen digkeiten des Lebens den Heiden gleich macht, und ein Beweis ist, daß wir nicht den Geist Christi haben, so muß es gewiß noch ein viel stär keres Merkmahl heidnischer Neigungen seyn, wenn man, wie sie, die Eitelkeiten und Thorhei ten des Lebens genießt, und ihnen, in den vor nehmsten Stücken des Lebens, in der Eigenliebe und Nachsicht gegen sich selbst, in den sinnlichen Ergötzungen, in der Eitelkeit des Putzes, in der Liebe zur Pracht und Größe, und andern schim mernden Vorzügen des Glücks gleich ist. Und folglich kann man von denen, welche die Andacht mit einem solchen Leben verbinden, mit Recht sagen: sie beten als Christen und leben als Heiden.
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Zweytes Hauptstück. Untersuchung der Ursachen, warum der größte Theil der Christen der christli chen Frömmigkeit und Heiligkeit so weit verfehlet.

------------------------------ Nunmehr werden wir füglich untersuchen dürfen, woher es wohl komme, daß auch der bessere Theil des Volks den Grundsätzen des Christenthums, so gar sehr zuwider lebt. Ehe ich aber hierauf eine eigentliche Antwort ertheile, wollte ich wohl vorläufig untersuchen, woher es komme, daß das Schwören ein so gemeines Laster unter den Christen sey? Es ist in der That unter dem weiblichen Ge schlechte nicht so gewöhnlich, als unter dem männlichen. Unter diesem ist es aber auch so gemein, daß von dreyen sich meistens mehr als zwey desselben schuldig machen; einige schwö ren nur mehr, einige weniger; einige be ständig fort, einige dann nnd<und> wann, wie es die Gelegenheit ohngefehr mit sich bringt. Nun frage ich, woher kömmt es, daß von drey Manns personen immer zwey sich einer so groben und ruchlosen Sünde, als das Schwören ist, schul dig machen? Man kann zu ihrem Vorwande weder Unwissenheit, noch menschliche Schwach heit anführen: sie ist wider ein ausdrückliches
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Gebot und wider die deutlichste Lehre unsers Heilandes. Nun aber mache man nur die Ursache ausfün dig, warum der meiste Theil der Menschen in diesem offenbaren Laster lebt, so wird man zu gleich auch die Ursache ausfündig gemacht haben, warum der größte Theil selbst von der besten Sorte der Menschen, dem Christenthume so zu wider lebet. Es ist aber die Ursache des gemeinen Schwö rens diese: weil die Menschen auch nicht einmal die Absicht haben, Gott in allen ihren Hand lungen zu gefallen. Denn wenn ein Mensch nur so viel Frömmigkeit hat, daß er es sich vor nimmt, Gott in allen Handlungen seines Lebens zu gefallen, und dieses für das beste zu halten, was er in der Welt thun kann; so wird er ganz gewiß nimmermehr schwören. So lange er diesen Vorsatz in sich fühlt, wird es ihm eben so unmöglich seyn zu schwören, als es einem, der seinem Fürsten gern gefallen will, möglich ist, ihm ins Angesicht zu lästern. Es scheint, daß es nur der kleinste und der aller nothwendigste Theil der Frömmigkeit sey, einen dergleichen ernsthaften Vorsatz zu ha ben, und daß derjenige nicht das geringste Recht habe, sich als einen Jünger Christi anzusehen, welcher in der Frömmigkeit nicht einmal so weit gekommen ist. Und gleichwohl rührt es bloß aus dem Mangel dieses niedrigen Grades der Frömmigkeit her, daß man in dem Leben auch
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der besten Sorte von Menschen eine solche Ver mischung von Sünde und Thorheit gewahr wird. Aus Mangel dieses Vorsatzes rührt es her, daß man Leute antrift, welche die Reli gion mit dem Munde bekennen, und gleichwohl in dem Laster des Schwörens und allen sinn lichen Lüsten leben; daß man Geistliche an trift, welche dem Stolze und dem Geitze und den weltlichen Ergötzungen ergeben sind. Aus Mangel dieses Vorsatzes rührt es her, daß man Frauenzimmer findet, welche andächtig heißen wollen, und gleichwohl in aller Thorheit und Eitelkeit des Putzes leben, ihre Zeit mit Müßiggehen und Ergötzungen verder ben, und allen Staat und Pomp mitmachen, den sie in Ansehung ihres Standes nur immer machen dürfen. Denn sobald ein Frauenzim mer ihr Herz mit diesem Vorsatze erfüllt fühlet, sobald wird sie es für eben so unmöglich halten, Schönpflästerchen und Schminke zu brau chen, als zu fluchen und zu schwören; sie wird eben so wenig auf Bällen und in Gesellschaf ten glänzen, oder unter denen, die sich am feinsten ausgeputzt haben, eine ausnehmende Figur ma chen, als auf einem Seile tanzen wollen, um den Zuschauern zu gefallen. Sie wird es einse hen, daß das eine von der Weisbeit und Vor treflichkeit des Geistes Christi eben so weit ent fernt sey, als das andre. Dieser allgemeine Vorsatz war es, welcher die ersten Christen zu so erhabnen Mustern der Frömmigkeit machte, welcher die liebliche
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Gemeinschaft der Heiligen stiftete, und die glorreichen Heere von Bekennern und Blut zeugen zusammenbrachte. Wenn man nun hier stillstehen und sich selbst fragen will, warum man so fromm nicht ist, als die ersten Christen waren, so wird uns unser eigen Herz sagen, daß es weder aus Unwissenheit noch aus Unfähig keit, sondern bloß daher rühre, weil man es sich niemals gehörig vorgesetzt habe. Wir bege hen eben den Sonntag den sie begingen, und sind zum Theil in Feyerung desselben nicht nach läßig, weil wir es uns ernstlich vorgesetzt haben, es nicht zu seyn. Und wenn wir es uns eben so ernstlich vorsetzten, ihnen auch in ihrem ge wöhnlichen gemeinen Leben gleich zu seyn, wenn wir uns vorsetzten, Gott in allen unsern Handlungen zu gefallen, so würden wir fin den, daß es eben sowohl möglich sey, als die Kirche fleißig zu besuchen. Und wenn wir den Vorsatz hätten, GOtt in allen unsern Handlungen zu gefallen, und dieses für das Beste zu halten, was wir in der Welt thun könnten, so würden wir in uns gegen al les, was im gemeinen Leben, sowohl in Anse hung unsrer Beschäftigungen als unsrer Ergö tzungen nichtig und thöricht ist, einen eben so großen Abscheu fühlen, als wir ietzt gegen alles, was ruchlos ist, empfinden. Wir würden uns eben so sehr in Acht nehmen, unsre Zeit und un sere Glücksgüter auf eine ungeziemende Art anzuwenden, als wir uns ietzt in Acht nehmen, den öffentlichen Gottesdienst zu versäumen.
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Kann nun wohl aber der, welchem dieser auf richtige Vorsatz fehlt, für einen Christen ge halten werden? Und gleichwohl würde die ganze Welt, wenn er unter den Christen zu finden wä re, eine andere Gestalt gewinnen; wahre Fröm migkeit und exemplarische Heiligkeit würde eben so gewöhnlich und sichtbar seyn, als Kauffen und Verkauffen, oder irgend eine andre Be schäftigung des Lebens. Man lasse einen Geistlichen nur so fromm seyn, und er wird leben, als ob ihn ein Apostel auferzogen hätte; er wird an wichtige Eh renämter eben so wenig mehr denken und da von reden, als an leckeres Essen, oder eine prächtige Karosse. Er wird sich über die Verachtung der Welt, über eine schlechte Pfründe, über den Mangel an Beförderern eben so wenig beklagen, als über den Mangel eines galonirten Kleides oder eines guten Renners. Man lasse ihn nur den Vorsatz ha ben, GOtt in allen seinen Handlungen zu gefallen, man lasse ihn nur dieses für das Beste halten, was er in det Welt thun kann, und er wird alsdenn gewiß einsehen, daß an einem Geistlichen nichts Vorzügliches ist, als ein brennender Eifer für das Wohl der ihm anvertrauten Seelen; und das nichts in seinem Amte armselig ist, als Faulheit und weltli che Neigungen. Desgleichen lasse man einen Handwerks mann nur diesen Vorsatz haben, und er wird ein Heiliger in seinem Krahmladen werden;
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seine alltäglichen Verrichtungen werden eine Folge von weisen und vernünftigen Handlungen seyn, die er dadurch GOtt heiliget, daß er sie im Gehorsam nach seinem Willen und Wohlgefal verrichtet. Er wird bloß darum kauffen und verkauffen, arbeiten und reisen, weil er auf diese Weise sich und andern gutes thun kann. Und weil GOtt nichts gefallen kann, als was weise, vernünftig und heilig ist, so wird auch die Art und die Absicht, mit welcher und aus welcher er kauft und verkauft, oder sonst eine Arbeit unternimmt, beständig weise, vernünf tig und heilig seyn. Er wird folglich nicht darauf sehen, was für Künste und Vortheile ihn am geschwindesten reicher und größer, als seine Brüder, machen, oder ihn aus seinem Krahmladen in ein angesehenes und ver gnügtes Leben versetzen können; sondern er wird einzig darauf sehen, was für Künste und Vortheile seine weltlichen Verrichtungen GOtt am angenehmsten, und ein Leben voll Gewerbe zu einem Leben voll Frömmigkeit und Heiligkeit machen können. Dieses sollte die Eigenschaft und der Geist aller Kaufleute und Handwerker seyn; und unter diesen Staffeln der Frömmig keit würden sie auch nimmermehr bleiben, wenn sie den Vorsatz hätten, GOtt in allen ihren Handlungen zu gefallen, und dieses für das Beste hielten, was sie auf der Welt thun könnten. Wer gegentheils bey seinem Handel und seiner Handthierung diese Eigenschaft und
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diesen Geist nicht zeigt, wer beydes nicht bloß so treibt, als es einem weisen, heiligen und himmlischen Leben am zuträglichsten ist, der hat ganz gewiß auch diesen Vorsatz nicht. Wer aber kann ohne diesem sich als einen Jünger Jesu Christi zeigen? Desgleichen lasse man einen Mann von Ge burt und Vermögen nur diesen Vorsatz haben, und man wird bald sehen, wie weit ihn dieser Vorsatz von allem Scheine des Uebels entfernen und zu allem antreiben wird, was ein Beweis von seiner Güte und Frömmigkeit seyn kann. Er wird nicht auf Gerathewohl, oder nach den Grillen seines eignen Kopfes leben, weil er weiß, daß GOtt nichts als ein weiser und ordentlicher Lauf des Lebens gefallen kann. Er wird sein Leben nicht in Faulheit und Zeitver kürzungen, nicht mit Ergötzlichkeiten und Spielen, nicht in Unmäßigkeit und eitelm Auf wande zubringen, weil er weiß, daß diese Din ge zu keinen Mitteln der Frömmigkeit und Hei ligkeit, noch zu Stücken eines weisen und himm lischen Lebens gemacht werden können. Und so sehr er sich von allem Anscheine des Uebels entfernt, eben so sehr eilt und strebt er allem nach, was gut ist. Er fragt nicht nach dem, was vergönnt und verzeihlich ist, son dern bloß nach dem, was löblich und preis würdig ist. Er fragt nicht, ob GOtt die Thorheit unsers Lebens, die Sinnlosigkeit unsrer Ergötzungen, die Eitelkeit unsers Auf wandes, die Kostbarkeit unsers Aufzugs, und
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die sorglose Verbringung unsrer Zeit vergeben will; sondern er fragt, ob GOtt an diesen Din gen einen Gefallen hat, und ob dieses die vor geschriebenen Wege sind, seine Gnade zu erlan gen. Er untersucht nicht, ob es ihm könne verziehen werden, wenn er Schätze sammele, sich mit Edelsteinen ausschmücke, und seine Wa gen vergulde, so lange noch Wittwen und Waisen, Kranke und Gefangene in ihrem Elende ohne Hülfe bleiben; sondern er unter sucht, ob Gott diese Dinge von unsern Händen gefordet habe, und ob wir an jenem Tage we gen Versäumung derselben zur Rechenschaft ge zogen werden sollen. Denn sein Vorsatz ist nicht auf solchen Wegen zu leben, die GOtt, so viel wir einsehen, vielleicht vergeben möchte, son dern er hat sich vorgenommen, auf solchen We gen zu wandeln, die GOtt, wie wir wissen, ganz gewiß belohnen will. Er wird folglich nicht auf das Leben der Christen sehen, um aus diesem zu lernen, wie er sein Vermögen gebrauchen solle, sondern er wird in der Schrift nachsehen, und iede Lehre, iede Parabel, iedes Geboth, ieden Unter richt, der reiche Leute angeht, zu einem Ge setze für sich bey Anwendung seines Vermö gens machen. Er wird nichts zu thun haben mit kostbarer Kleidung, denn der reiche Mann im Evangelio kleidete sich mit Purpur und köstlichem Leinwand. Er versagt sich selbst die Ver gnügen und Ergötzlichkeiten, die ihm sein
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Vermögen verschaffen könnte, weil unser Hei land sagt: wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin. Er wird bey sei ner Mildigkeit nur eine Regel beobachten, nehmlich diese, so viel er immer kann an milde Werke zu wenden, weil der Richter über Leben und Tod gesagt hat, daß man alles, was man so gäbe, ihm gäbe. Er wird keine gastfreye Tafel für die Rei chen haben, und diese werden es nicht seyn, die er mit Speise und Trank herrlich bewirthet: denn unser Heiland sagt: Wenn du ein Mit tagsmahl oder ein Abendmahl machst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brü der, noch deine Gefreundten, noch deine Nachbarn, die da reich sind, auf daß sie dich nicht etwa wieder laden, und dir vergolten werde. Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade die Armen, die Krüpel, die Lahmen, die Blinden, so bist du selig; denn sie habens dir nicht zu vergelten, es wird dir aber vergolten werden in der Auferstehung der Gerech ten. Lucä XIV, 12. 13. Er wird kein Geld mit Vergüldung der Zim mer oder mit kostbarem Hausrathe verschwenden: er wird sich nicht mit verschwenderischem Pompe von einer Lustbarkeit zur andern fahren lassen; denn ein begeisterter Apostel hat gesagt, daß al les, was in der Welt ist, Augenlust, Flei scheslust und hoffärtiges Leben nicht vom Vater ist, sondern von der Welt.
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Man halte dieses für keine eingebildete Be schreibung der Mildigkeit, die sich zwar schön denken lasse, aber nicht in Ausübung gebracht werden könne. Denn eine dergleichen Lebensart ist so wenig eingebildet und unthulich, daß viel mehr in den ersten Zeiten eine große Menge Christen sie wirklich geführt haben, die sich alle ein Vergnügen daraus machten, ihr ganzes Ver mögen zu nichts, als zu Werken der Liebe anzu wenden. Und sie ist auch ietzt noch so wenig un möglich, daß alle und iede Christen, wenn sie nur erst den ernstlichen Vorsatz haben, Gott in allen ihren Handlungen zu gefallen, sie mögen jung oder alt, ledig oder verheyrathet, männlichen oder weiblichen Geschlechts seyn, wenn sie, sag ich, nur diesen Vorsatz haben, nicht einmal anders handeln können. Dieser einzi ge Grundsatz wird sie unfehlbar zu dieser Höhe der christlichen Milde bringen, und es wird ih nen unmöglich seyn, unter derselben zu bleiben. Denn wie kann man sich nur einbilden, daß ein Mensch, welcher den Vorsatz hat, sein Geld auf eine Gott gefällige Art zu brauchen, und welcher diesen Vorsatz deswegen hat, weil er überzeugt ist, daß Gott zu gefallen, seine größte Glückseligkeit sey, daß, sage ich, so ein Mensch sein Geld mit unnöthiger, unge ziemender Kleiderpracht verschwenden, und sich oder sein Pferd mit Gold bedecken werde, so lange er noch einige Werke der Frömmigkeit und Milde damit thun, oder es auf irgend eine Art gut anwenden kann?
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Dieses ist eben so eigentlich unmöglich, als es einem Menschen, der den Vorsatz hat, Gott in allen seinen Worten zu gefallen, unmöglich ist, in Gesellschaften zu gehen, und daselbst vor sätzlich zu schwören und zu lügen. Denn da aller unnütze und unvernünftige Aufwand vor sätzlich und mit Ueberlegung geschehen muß, so kann sich keiner desselben schuldig machen, der den beständigen Vorsatz hat, sein Geld auf eine Gott gefällige Art anzuwenden. Ich habe diese Materie mit Fleiß dadurch er läutern wollen, daß ich mich durchgängig auf diesen Vorsatz bezogen, weil sie auf solche Wei se am deutlichsten wird, und sie ein ieder, wenn er will, in ihrem klärsten Lichte, und in aller ih rer Stärke, bloß durch einen Blick in sein eige nes Herz, sehen kann. Denn ieder Mensch kann eben so leicht wissen, ob es sein Vorsatz ist, Gott in allen seinen Handlungen zu gefallen, als es ein Diener wissen kann, ob er diesen Vor satz gegen seinen Herrn hat. Und folglich kann auch ein ieder eben so leicht sagen, wie er sein Geld anlegt, und ob er dabey Gott zu ge fallen denkt, als er sagen kann, wo er sein Ver mögen hat, und ob es in liegenden Gründen oder Gelde bestehet: so, daß folglich hier kein Vorwand, weder der Unwissenheit, noch des Unvermögens, übrig gelassen ist, und es dabey niemanden weder an Kenntniß noch an Kräf ten gebrechen kann. Kurz, niemand kann hier fehlen, außer der, welcher nicht einmal ein so guter Christ ist, daß er nur den Vorsatz haben
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sollte, sein Vermögen auf eine Gott gefällige Art anzuwenden. Wenn sich zwey Personen finden, deren eine sowohl in der Kirche als zu Hause ihr Gebet or dentlich verrichtet, die andre aber nicht: so liegt die Ursache dieser Verschiedenheit nicht daran, weil die eine zu Verrichtung des Gebets Kräfte und Stärke hat, und die andre nicht; sondern die Ursache ist diese, weil es sich die eine vorge setzt hat, Gott in den Pflichten der Andacht zu gefallen, der andern aber dieser Vorsatz feh let. Und eben so ist es mit dem rechten oder fal schen Gebrauche unsrer Zeit und unsers Geldes. Die eine Person verbringt ihre Zeit mit Schla fen und Faulheit, mit Besuchen und Ergö tzungen, und verthut ihr Geld mit den eitelsten und unvernünftigsten Ausgaben: eine andre da gegen geht mit ihrer Zeit sehr sorgfältig um, theilt ihre Stunden nach den Regeln der Ver nunft und Religion ein, und legt alle ihr Geld zu Werken der Liebe an. Der Unterschied nun zwischen diesen beyden Personen kömmt nicht da her, weil die eine Stärke und Kräfte hat, also zu handeln, und der andern das Vermögen dazu fehlet; sondern er kömmt daher, weil es sich die eine vorgesetzt hat, Gott durch dem rechten Gebrauch ihrer Zeit und ihres Geldes zu ge fallen, und der andern dieser Vorsatz nicht in den Sinn kömmt. Hier also richte man sich selbst mit der gehö rigen Aufrichtigkeit, und erlaube sich kein nichti ges Vergnügen an den gewöhnlichen Unordnun
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gen des Lebens, der Eitelkeit unsrer Ausgabe, der Thorheit unsrer Ergötzungen, dem Stol ze unsrer Kleidung, der Faulheit und Ver schwendnng<Verschwendung> unsrer Zeit, in der Meinung, daß alles dieses solche Unvollkommenheiten wä ren, in die nns<uns> die unvermeidliche Schwach heit unsrer Natur verfallen ließe; man sey viel mehr versichert, daß diese Unordnungen unsers gemeinen Lebens bloß daher kommen, weil wir nicht einmal so viel Christenthum haben, daß wir Gott in allen Handlungen unsers Le bens zu gefallen suchen, und dieses Gefal les für das beste und glücklichste für uns in der Welt halten sollten. Wir müssen uns folglich nicht in dem Stande einer gemeinen und verzeihlichen Unvollkommenheit, sondern vielmehr in einem solchen Stande zu seyn glau ben, bey welchem der erste und vornehmste Grundsatz des Christenthums fehlet, nehmlich Gott in allen unsern Handlungen zu ge fallen. Und es frage sich nur ein ieder selbst, woher es komme, daß es noch verschiedene Grade der Mäßigkeit gäbe, die er vernachläßige, verschied ne Ausübungen der Demuth, die man an ihm vermisse, verschiedne Werke der Mildigkeit, die er nie verrichte, und verschiedne Regeln, die verlohrne Zeit wieder einzubringen, welche er nicht beobachte: so wird ihm sein eigen Herz ant worten, daß es daher komme, weil er es sich nie mals vorgesetzt habe, in Ausübung dieser Pflichten so strenge zu seyn. Denn wenn wir
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es uns einmal fest vorgenommen haben, so ist es eben so wohl möglich, sich an eine solche Gesetzmäßigkeit des Lebens zu gewöhnen, als es möglich ist, iede Zeit des Gebets zu be obachten. Folglich liegt der Fehler nicht daran, weil wir zwar gern gut und vollkommen seyn wollten, von dem Unvermögen unsrer Natur aber zurückgehal ten würden; sondern er liegt daran, weil wir nicht Frömmigkeit genug besitzen, so gut zu seyn, als wir seyn können, oder Gott in allen Hand lungen unsers Lebens zu gefallen. Dieses ist offenbar die Ursache, wenn wir iemanden die Zeit mit Kurzweile vertreiben sehen, die er in der Kirche zubringen sollte, wo er nicht deswe gen nicht ist, weil er nicht da seyn kann, sondern weil er nicht da seyn will. Und eben dieses ist die Ursache auch von ieder andern Thorheit des menschlichen Lebens. Sie, welche ihre Zeit und ihr Geld nach den unver nünftigen Wegen und Gewohnheiten der Welt verschwendet, handelt nicht deswegen so, weil es ihr an Vermögen fehlt, von ihrem Gelde und ihrer Zeit einen weisen und heiligen Gebrauch zu machen, sondern weil sie den Vorsatz, die Lust dazu nicht hat. Hätte sie diesen Vorsatz, so würde sie finden, daß es ihr eben so wohl mög lich sey darnach zu leben, als es ihr möglich ist, keusch und züchtig zu leben, weil sie das Ver langen und den Vorsatz hat, so zu leben. Es setzt aber diese Lehre nicht voraus, daß wir die göttliche Gnade entbehren, und uns aus
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eignen Kräften vollkommen machen könnten. Sie setzt blos voraus, daß wir aus Mangel ei nes aufrichtigen Vorsatzes, Gott in allen unsern Handlungen zu gefallen, uns solchen Unregelmäßigkeiten des Lebens schuldig machen, die wir durch die ordentlichen Mittel der Gna de gar wohl vermeiden könnten, und daß wir deswegen nicht so vollkommen sind, als wir in unserm gegenwärtigen Stande der Gnade seyn könnten, weil wir nicht einmal den Vorsatz ha ben, es zu seyn. Sie lehrt uns bloß, daß die Ursache, warum wir keine wirkliche Kreutzi gung oder Selbstverleugnung, keine ausneh mende Nächstenliebe, keine tiefe Demuth, kei ne himmlische Neigung, keine wahre Ver achtung der Welt, keine christliche Sanft muth, keinen aufrichtigen Eifer, keine vor zügliche Frömmigkeit in dem gemeinen Leben der Christen sehen, diese ist, weil sie sich nicht einmal vornehmen, genau und exemplarisch in Ausübung dieser Tugenden zu seyn.
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Drittes Hauptstück. Von der großen Gefahr und Thor= heit, wenn man sich, bey Ausübung aller christlichen Tugenden, nicht vornimmt, so ausnehmend und exemplarisch zu werden, als man nur werden kann.

------------------------------ Obgleich die Güte Gottes und seine uner schöpfliche Barmherzigkeit in Christo Je su, uns zur hinlänglichen Versicherung dient, daß er uns wegen unsrer unvermeidlichen Schwachheiten, nehmlich wegen solcher Fehler, welche Folgen der Unwissenheit oder Ueberra schung sind, Gnade erzeigen will; so haben wir doch keinen Grund, eben die Gnade in Anse hung derjenigen Sünden zu erwarten, in wel chen wir, aus Mangel des Vorsatzes, sie zu vermeiden, gelebt haben. Ein Schwörer und Flucher, zum Exem pel, welcher in dieser Sünde stirbt, scheint des wegen kein Recht auf die göttliche Barmherzig kelt zu haben, weil er eben so wenig irgend ein Unvermögen zu seiner Entschuldigung anführen kann, als jener, welcher sein Pfund in die Er de vergrub, den Mangel der Kräfte, es außer der Erde zu halten, vorwenden konnte. Wenn nun dieses, in Ansehung des gemeinen Schwörens, richtig geurtheilt ist, daß man es nehmlich deswegen für keine verzeihliche Schwachheit halten könne, weil kein Unver
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vermögen dabey zur Entschuldigung angeführet werden kann, warum wollen wir denn diese Art zu urtheilen nicht in ihrem gehörigen Umfange anwenden? Warum wollen wir nicht eben so wohl einen ieden andern Irrthum unsers Lebens verdammen, welcher nicht mehr Unvermögen zu seiner Entschuldigung anzuführen hat, als das gewöhnliche Schwören? Denn wenn dieses etwas so schändliches ist, weil es durch einen bloßen aufrichtigen Vorsatz vermieden werden kann, müssen nicht alle andre Irrthümer des Lebens eben so sträflich seyn, wenn wir ihnen, nicht aus Schwachheit und Un vermögen, sondern bloß deswegen ergeben sind, weil wir es uns niemals ernstlich vorgenommen haben, sie zu vermeiden? Zum Exempel, es habe es iemand in der aller wichtigsten christlichen Tugend nicht sehr weit gebracht, und habe kaum den halben Weg in De muth und Liebe zurückgelegt; wenn nun an seiner Versäumung dieser Pflichten bloß der Mangel des Vorsatzes, sie nach aller ihrer Vollkommenheit auszuüben, Schuld ist, hat er alsdenn nicht eben so wenig zu seiner Vertheidi gung anzuführen, und ist er nicht eben sowohl ohn alle Entschuldigung, als der leichtsinnige Schwörer? Warum drückt man also dergleichen Dinge seinem Gewissen nicht auf das schärfste ein? Warum glaubt man nicht, daß es für uns eben so gefährlich ist, in solchen Mängeln zu leben, die wir vermeiden könnten, als es für den leicht
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sinnigen Schwörer ist, in Uebertretung dieser Pflicht zu leben, die er zu beobachten gar wohl das Vermögen hätte? Ist Nachläßigkeit und Mangel eines aufrichtigen Vorsatzes in dem ei nem Falle nicht eben so sträflich, als in dem an dern? Wenn wir von der christlichen Vollkom menheit eben so weit entfernt sind; als der leichtsinnige Schwörer von der Beobachtung des zweyten Gebots; verdammen uns alsdenn die Lehren des Evangelii nicht eben sowohl, als den Schwörer das zweyte Gebot verdammt? Man wird vielleicht einwenden, daß durch aus niemand die Vollkommenheit des Evangelii erreichen könne, und daß sich also ein ieder wegen seiner Abweichungen von derselben zufrieden ge ben müsse. Allein das heißt etwas sagen, was nicht zur Sache gehört. Denn die Frage ist nicht, ob die Vollkommenheit des Evangelii völ lig erreicht werden mag, sondern ob man sich ihr wenigstens so weit nähert, als uns ein aufrichti ger Vorsatz und ein sorgfältiges Bestreben brin gen kann; ob man nicht in einem weit niedri gern Stande ist, als man seyn würde, wenn man sich aufrichtig vorsetzte, und sorgfältig dar nach strebte, in allen christlichen Tugenden so viel als möglich zuzunehmen. Wenn man in dem christlichen Leben so weit hinangekommen ist, als wir mit unsern kräftig sten Bemühungen haben kommen können, dann kann man mit Recht hoffen, daß uns unsre Un vollkommenheiten nicht werden zur Last ge
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legt werden. Wenn aber an unsern Mängeln in der Frömmigkeit, Demuth und Barmher zigkeit, unsre Nachläßigkeit und der nicht ge habte aufrichtige Vorsatz, in diesen Tugenden so ausnehmend zu werden, als man kann, Schuld ist, alsdenn sind wir eben sowohl ohne alle Ent schuldigung, als der, welcher in der Sünde des Schwörens, aus Mangel des aufrichtigen Vor satzes, sich davon frey zu machen, lebt. Das Seligwerden wird in der Schrift als eine Sache von Schwierigkeit vorgestellt, welche allen unsern Fleiß erfordere, und nicht anders, als mit Furcht und Zittern bewirkt werden könne. Es wird uns gesagt, daß die Pforte enge und der Weg schmal ist, der zum Leben führet, und daß ihrer wenige sind, die ihn finden. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt: und daß vie le ihrer Seligkeit verfehlen werden, die sich doch einige Mühe, sie zu erhalten, gegeben zu ha ben scheinen, wie die Worte lehren: ringet darnach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet, denn viele werden darnach trachten, wie sie hineinkommen, und werden es nicht thun können. Hier befiehlt uns unser Heiland, daß wir dar nach ringen sollen, durch die enge Pforte einzu gehen, weil viele nicht hineinkommen werden, die bloß getrachtet haben, hinein zukommen. Dieses nun lehret uns deutlich, daß die Religion ein Stand der Arbeit und des Ringens sey,
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und daß viele ihrer Seligkeit verfehlen werden, nicht weil sie sich gar keine Sorge und Mühe ih retwegen gemacht haben, sondern weil sie sich nicht genug Sorge und Mühe gemacht, weil sie bloß getrachtet und nicht gerungen haben, hinein zukommen. Ein ieder Christ sollte also sein Leben eben so wohl nach diesen Lehren, als nach den Geboten untersuchen. Denn diese Lehren sind eben so deutliche Kennzeichen unsers Standes, als die Gebote deutliche Kennzeichen unsrer Pflicht sind. Denn wenn die Seligkeit bloß denen ertheilt wird, welche darnach ringen, so muß ich, ver nünftiger Weise, eben so sehr darauf sehen, ob mein ganzes Leben ein beständiges Ringen, sie zu erhalten, ist, als ich darauf sehen muß, ob ich ein iedes der Gebote beobachte. Wenn meine Religion nichts als eine äußer liche Bequemung nach den Gebräuchen des Got tesdienstes ist, die zu den Zeiten, in welchen ich lebe, Mode sind; wenn sie mich keine Mühe, kei ne Arbeit kostet; wenn sie mich keinen Regeln, keinem Zwange unterwirft; wenn ich keine sor genvolle Gedanken, keine ernstliche Betrachtun gen darüber anstelle, so wäre es wohl eine große Schwachheit, wenn ich gleichwohl glauben woll te, ich ränge darnach durch die enge Pforte ein zugehen. Wenn ich alles suche, was meine Sinne ver gnügen und meine Lüste befriedigen kann; wenn ich meine Zeit und meine Glücksgüter zu Kurz
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weilen, Lustbarkeiten und weltlichen Ergötzun gen anwende, und unbekannt mit Wachen, Fa sten, Beten und Kreutzigen bin, wie kann man von mir sagen, daß ich mit Furcht und Zit tern selig zu werden schaffe? Wenn in meinem Leben und Umgange nichts anzutreffen ist, aus welchem erhellen könne, daß ich nicht zu den Juden und Heiden gehöre; wenn ich die Welt und die weltlichen Ergötzlich keiten so genieße, wie sie der größte Hauffe ge nießt und zu allen Zeiten genoßen hat, wie kann ich mir einbilden, unter den wenigen zu seyn, welche den schmalen Weg zum Himmel wandeln? Wenn nun dieser Weg schmal ist, wenn nie mand darauf wandeln kann, als die, welche darnach ringen, muß ich nicht eben so unum gänglich Acht haben, ob der Weg, auf welchem ich einhergehe, schmal genug ist, und ob die Mühe, welche ich mir gebe, ein hinlängliches Ringen ist, als ich Acht haben muß, ob ich das zweyte oder dritte Gebot hinlänglich be obachte? Kurz; aus den oben angeführten und vielen andern Stellen der Schrift, erhellet es deutlich, daß unsre Seligkeit von der Aufrichtigkeit und Vollkommenheit unsers Bestrebens, sie zu erlangen, abhängt. Schwache und unvollkommene Menschen sol len, ihrer Grbrechen<Gebrechen> und Mängel ungeachtet, an gesehen werden, als hätten sie Gott gefallen,
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wenn sie nnr<nur> ihr möglichstes gethan haben, ihm zu gefallen. Der Lohn der Barmherzigkeit, Frömmigkeit und Demuth, soll denjenigen ertheilt werden, de ren Leben ein sorgenvolles Bemühen gewesen ist, diese Tugenden in einem so hohen Grade auszuüben, als ihnen nur immer möglich ge wesen. Wir können GOtt nicht dienen, wie ihm die Engel dienen; wir können ihm nicht so gehor chen, wie ihm der Mensch in einem Stande der Vollkommenheit gehorchen würde; aber gefalle ne Menschen können doch ihr bestes thun, und dieses ist die Vollkommenheit, welche von uns gefordert wird; bloß die Vollkommenheit unsers besten Fleißes, unsers sorgenvollen Bestrebens, so vollkommen zu seyn, als wir können. Wenn wir aber dieser verfehlen, so verfehlen wir auch, wie wir wissen, der Barmherzigkeit Gottes, und haben, nach den Worten des Evan gelii, keine Entschuldigung. Denn GOtt hat in demselben seine Barmherzigkeit nicht den trä gen und nachläßigen versprochen; sondern seine Barmherzigkeit ist bloß unserm schwachen und unvollkommenen, aber möglichsten Be streben, alle Arten der Gerechtigkeit auszuüben, verheißen worden. So wie das Gesetz der Engel, englische Ge rechtigkeit ist, und das Gesetz vollkommener We sen, genaue Vollkommenheit: so ist das Gesetz unvollkommener Naturen der möglichste Ge
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horsam, den unsre schwache Natur zu leisten fähig ist. Daß Maaß unsrer Liebe gegen GOtt, scheinet mit Recht das Maaß unsrer Liebe gegen iede Tugend zu seyn, die wir von ganzem Herzen, von ganzem Gemüthe, von ganzer Seele und von allen Kräften lieben und ausüben sollen. Und wenn wir in dieser Gesinnung ge gen die Tugend zu leben unterlassen, so leben wir unter unsrer Natur, und machen uns, anstatt unser Unvermögen zur Entschuldigung anfüh ren zu können, der Nachläßigkeit schuldig. Die Ursache aber, warum wir ermahnt wer den, an unsrer Seligkeit mit Furcht und Zit tern zu arbeiten, ist diese; weil, wenn unser Herz und unsre Leidenschaften zu dem Werke unsrer Seligkeit nicht recht ernstlich angestren get werden, wenn keine heilige Furcht unsre Bemühungen belebt und unser Gewissen gegen ieden Theil unsrer Pflicht zart und scharf erhält, indem es unaufhörlich untersucht, wie wir leben, und wie geschickt wir zum Tode sind, wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, in einen Stand der Nachläßigkeit verfallen und in einem Leben ver harren würden, das uns zu den himmlischen Be lohnungen nicht führen könnte. Und wenn man überlegt, daß ein gerechter GOtt nur solche Vergebungen erzeigen kann, welche mit seiner Gerechtigkeit bestehen, daß alle unsre Werke im Feuer geprüfet werden sol len, so wird man finden, daß Furcht und Zittern denjenigen recht eigenthümlich zukom
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men, die sich einer so großen Prüfung allmä lig nahen. Es ist auch in der That gar nicht wahrschein lich, daß iemand alle Pflichten, welche von ihm erwartet werden, thun, oder es in der Frömmig keit so weit bringen sollte, als es die Gerechtig keit und Heiligkeit Gottes von ihm fordert, wenn er sich nicht beständig fürchtet, dieses seines Zwecks zu verfehlen. Man hat aber hiermit nicht die Absicht, die Gemüther der Menschen bey dem Dienste Got tes mit Bangigkeit und Angst zu erfüllen, son dern bloß, ihnen eine gerechte Furcht vor einem trägen und faulen Leben und der Versäumniß solcher Tugenden beyzubringen, die sie an ienem Tage des Gerichts nöthig haben. Man will sie nur zu einer ernstlichen Prüfung ihres Lebens, zu einem solchen Eifer und zu ei nem solchen Bestreben nach der christlichen Vollkommenheit ermuntern, als sie bey ieder andern Sache, an die sie ihr Herze und ihre Nei gung gehangen haben, zeigen. Man sucht sie nur so aufmerksam auf ihren Zustand, so demüthig in ihrer Meinung von sich selbst, so eifrig nach einem höhern Grade der Frömmigkeit, und so besorgt um ihre Seligkeit zu machen, als der heil. Apostel Paulus war, wenn er folgendes an die Philipper schrieb: Nicht, daß ichs schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sey. = = Eines aber sage ich, ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was dafor=
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nen ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Chri sto Jesu. Und gleich darauf setzt er hinzu: wie viel nun unser vollkommen sind, die lasset uns also gesinnet seyn. Wenn es nun der Apostel für nöthig hielt, daß die, welche in seinem Stande der Vollkom menheit waren, so gesinnt seyn sollten; das ist, daß sie nach denjenigen Graden der Heiligkeit, zu welchen sie noch nicht gelangt wären, trach ten, streben und ringen sollten; so wird es für uns, die wir in den letzten Zeiten gebohren, und mit größern Unvollkommenheiten beladen sind, noch weit nöthiger seyn, so gesinnt zu seyn, das ist, so ernstlich nach den Graden ei nes heiligen und göttlichen Lebens, die wir noch nicht erreicht haben, zu ringen. Die beste Weise, auf die ieder erkennen kann, wie sehr er nach der Heiligkeit streben müsse, ist die, daß er nicht darauf Acht hat, bey wie viel Bestreben darnach er noch ein vergnügtes Leben führen könne, sondern daß er sich selbst fragt, wie sehr er sich bestrebt zu haben, in der Stunde des Todes wünschen möchte. Ein ieder nun, der es wagt, so ernsthaft zu seyn, und diese Frage an sich selbst zu thun, wird sich gezwungen fühlen zu antworten, daß er in seinem Tode wünschen werde, so vollkommen ge wesen zu seyn, als die menschliche Natur nur immer seyn kann.
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Kann dieses uns also nicht hinlänglich antrei ben, alle die Vollkommenheit, welche wir als denn, nicht erlangt zu haben, bejammern müß ten, nicht allein zu wünschen, sondern auch dar nach zu streben? Und ist es nicht eine Thorheit über alle Thorheiten, sich mit einer solchen Aus übung der Frömmigkeit zu begnügen, von der wir itzt schon wissen, daß sie uns zu einer Zeit nicht befriedigen könne, wenn wir eines höhern Grades derselben so nöthig haben werden, daß uns sonst nichts zu trösten vermögend seyn wird? Wie können wir eine schärfere Verdammung wider uns selbst ergehen lassen, als wenn wir glauben, daß wir in der Stunde des Todes die Tugenden der Heiligen brauchen, und unter den vornehmsten Dienern Gottes gewesen zu seyn, wünschen werden, und gleichwohl zu ihrer Höhe der Frömmigkeit zu gelangen, bey unsern Leb zeiten keine Mittel anwenden? Es ist dieses zwar eine Ungereimtheit, die wir ietzt leicht übergehen können, da die Gesund heit unsrer Körper, die Leidenschaften unsrer See le, das Geräusche und Getöse, die Ergötzlichkei ten und Beschäftigungen der Welt, unsre Au gen zu Augen, die nicht sehen, und unsre Ohren zu Ohren, die nicht hören, machen; allein im Tode wird sie sich selbst uns in aller ihrer fürch terlichen Größe vorstellen, sie wird uns, gleich einem schrecklichen Gespenste, beunruhigen, und unser Gewissen wird uns nicht erlauben, die Au gen von ihr abzuwenden.
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Wir sehen es in den weltlichen Geschäften, was für eine Marter die Selbstverurtheilung ist; und wie schwer ein Mensch von sich selbst Vergebung erhalten kann, wenn er sich selbst, durch seinen eignen Fehler, in irgend ein Un glück gestürzt hat. Die Betrübniß peiniget ihn doppelt, weil er sich alles selbst zur Last legen muß, weil sein Elend sein eigen Werk ist, an welchem er, allen abhaltenden Bewegungsgrün den, allen Ermahnungen seiner Freunde zum Trotze, gearbeitet hat. Hieraus nun kann man sich einigermaaßen eine Vorstellung machen, wie schrecklich die Pein derjenigen Selbstverurtheilung seyn müsse, wenn sich der Mensch unter den Schrecknissen des To des und der Strenge seines ihm verdammenden Gewissens befindet, wenn er alle Schuld seines Elends auf seine eigne Thorheit und Unsinnig keit werfen muß, die ihn wider die Einsicht seines eignen Verstandes, wider alle Lehren und Ge bothe der Religion, wider alle göttliche und menschliche Ermahnungen und Warnungen, zu handeln verleitet. Pönitens war ein arbeitsamer, ansehnlicher Handelsmann, dem alle Geschäfte glücklich von statten gingen, der aber in dem fünf und dreyßigsten Jahre seines Alters starb. Kurz vor seinem Tode, als ihn die Aerzte auf gegeben hatten, kamen, an einem Abende, einige von seinen Nachbarn, ihn zu besuchen; und damals sprach er folgendes zu ihnen.
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Aus euren betrübten Gebehrden, meine Freunde, sagte er, erkenne ich die zärtliche Ge sinnung, die ihr gegen mich habt, und ich weiß die Gedanken, die ich ietzt in euch erwecke. Ihr denkt, was für ein melancholischer Anblick es sey, einen so jungen Mann, in einem so blühen den Wohlstande, dem Tode überantwortet zu se hen. Und vielleicht, wenn ich einen von euch in meinen Umständen besucht hätte, würde ich von euch eben die Gedanken gehabt haben. Jetzt aber, meine Freunde, sind meine Ge danken von euren Gedanken eben so sehr unter schieden, als meine Umstände von euren Um ständen. Daran, daß ich so jung, und noch eher als mein Glück zur Reiffe gekommen, sterben muß, kann ich ietzt ohne Beunruhigung denken. Diese Dinge sind nunmehr in eine solche Tie fe des Nichts versunken, daß ich keinen Na men, der klein genug wäre, für sie finden kann. Denn da ich in wenig Tagen oder Stunden die ses Gerippe der Erde überlassen, und mich ent weder auf immer in der Gnade Gottes selig, oder ewiglich von allem Lichte und Frieden ge trennt finden soll, können wohl Worte vermö gend seyn, die Nichtigkeit eines ieden andern Dinges auszudrücken? Ist ein Traum gleich dem Traume des Lebens, unter dessen Täuschungen wir so wichtige Dinge zu überlegen versäumen? Ist eine Thorheit gleich der Thorheit unsers männlichen Alters, welches zu weise uud<und> zu geschäftig ist, als
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daß es zu solchen Betrachtungen Musse haben sollte? Wenn wir den Tod als ein Unglück betrach ten, so denken wir ihn bloß als eine unglückliche Trennung von dem Genusse dieses Lebens. Wir bedauren selten einen alten Mann, welcher reich stirbt; aber einen jungen Mann beklagen wir, welcher in dem besten Fortgange seines Glücks dahingerissen wird. Ihr selbst betrach tet mich mit Wehmuth, nicht weil ich unbereitet vor den Richter der Lebendigen und Todten tre ten soll, sondern weil ich ein glückliches Gewer be in der Blüthe meines Lebens verlassen muß. Dieses ist die Weisheit unsrer männlichen Gedanken. Und welche Thorheit der einfältig sten Kinder ist so groß als diese? Denn was ist an dem Tode elend und schreck lich, als die Folgen desselben? Wenn ein Mensch gestorben ist, was geht ihn alsdenn weiter an, als der Zustand in welchem er sich befindet? Unser armer Freund, Lepidus, starb, wie ihr wißt, als er sich eben zu einem Feste fertig machte. Glaubt ihr, daß es ietzt ein Theil sei ner Unruhe sey, daß er die Begehung desselben nicht erlebt hat? Feste und Beschäftigungen und Zeitver treibe und Ergötzlichkeiten scheinen uns wichtige Dinge zu seyn, so lange als wir an sonst nichts denken; sobald wir ihnen aber den Tod beysetzen, versinken sie alle in eine gleiche Nichtigkeit, und die Seele, welche von dem Körper getrennt ist, beklagt den Verlust ih
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rer Geschäfte nicht mehr, als die Einbuße ei nes Festes. Wenn ich ietzt zu den himmlischen Freuden eingehe, habe ich wohl den geringsten Grund, mich zu betrüben, daß es eher geschieht, als ich vierzig Jahr alt bin? Kann es etwas klägliches seyn, daß ich in den Himmel komme, und nicht noch vorher einige Kauffe mehr geschlossen, oder ein wenig länger an meinem Schreibtische ge sessen habe? Und wenn ich zu den verlohrnen Geistern ge stoßen werde, was für eine Beruhigung kann es mir seyn, daß es nicht eher geschehen, als bis ich alt und mit Reichthümern überladen gewesen? Wenn die guten Engel bereit wären, meine Seele aufzunehmen, könnte es mich wohl ver drießen, daß ich auf einem armseligen Bette in einer Tachstube sterben müßte? Und wenn mich GOtt den bösen Geistern übergeben hat, mich an den Ort der Quaal zu schleppen, was für ein Trost kann es für mich seyn, daß sie mich auf einem Staatsbette finden? Wenn ihr einmal dem Tode so nahe seyn wer det, als ich ihm ietzt bin, alsdann werdet ihr einse hen, daß euch alle die verschiedenen Stände des Lebens, Jugend oder Alter, Reichthum oder Armuth, Größe oder Niedrigkeit, nicht mehr rühren, als die schlechte oder stattliche Aus zierung des Zimmers, in welchem ihr sterbt. Die Größe derjenigen Dinge, welche auf den Tod folgen, macht, daß alles, was vor ihm vor hergegangen, in ein Nichts versinket.
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Jetzt ist das Gerichte das nächste, welches ich vor mir sehe, und ewige Glückseligkeit oder ewiges Elend ist mir so nahe gekommen, daß mir alle Wohlfahrt, alle Ergötzlichkeiten des Le bens so eitel und nichts bedeutend zu seyn, und mit meiner Glückseligkeit nicht mehr zu thun zu haben scheinen, als die Kleider, welche ich trug, eh ich reden konnte. Aber, meine Freunde, wie sehr erstaune ich, daß ich diese Gedanken nicht allezeit gehabt ha be! Denn was ist in den Schrecknissen des To des, in den Eitelkeiten des Lebens, oder in den nothwendigen Uebungen der Frömmigkeit, was ich nicht, in iedem Theile meines Lebens, eben so leicht und eben so völlig hätte einsehen können? Was für eine wunderbare Sache ist es, daß ein Bißchen Gesundheit, oder die armseligen Geschäfte eines Ladens, uns so sinnlos gegen die großen Dinge erhalten können, die so ge schwinde auf uns zukommen! Eben als ihr in das Zimmer tratet, dachte ich bey mir selbst an die große Menge der See len in der Welt, die mit mir zu gleicher Zeit in diesem Zustande sind, und von den Aufforderun gen in iene Welt überrascht werden. Einige werden aus ihren Laden und Pachtungen, andre von ihren Zeitvertreiben und Ergötz lichkeiten, diese aus der Verwirrung ihrer Rechtshändel, jene von den Spieltischen, einige von den Landstraßen, andre aus ihren Stuben, abgefordert; alle aber werden zu ei ner Stunde überfallen, da sie am wenigsten dar
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an gedachten. Erschrocken über die Annäherung des Todes, verwickelt in der Eitelkeit ihrer Ge schäfte, Anschläge und Absichten, erstaunt über die Thorheit ihres vergangnen Lebens, wissen sie nicht wo sie ihre Gedanken hinwenden sollen, ei nigen Trost zu finden. Ihr Gewissen wacht wider sie auf, bringt ihnen alle ihre Sünden ins Gedächtniß zurück, peiniget sie mit der tiefsten Ueberzeung<Ueberzeugung> von ihrer eignen Thorheit, und schreckt sie mit dem Angesichte des erzürnten Richters, mit dem Wurme, welcher nimmer stirbt, mit dem Feuer, welches nimmer verlöscht, mit den Pforten der Hölle, mit den Geistern der Finsterniß und mit den grimmigen Martern des ewigen Todes. O meine Freunde, danket Gott, daß ihr nicht aus dieser Zahl seyd, und daß ihr Zeit und Kräf te habt, euch in solchen Werken der Frömmig keit zu üben, die euch in der letzten Stunde beru higen können. Und merket euch das, daß nichts als ein sehr frommes Leben, oder ein sehr sinnloser Tod euch von diesen bangen Erwartungen befreyen kann. Hätte ich ietzt tausend Welten, so wollte ich sie alle für ein einziges Jahr geben, welches ich Gott widmen könnte, für ein einziges Jahr sol cher Frömmigkeit und guten Werke, als ich mir vordem nicht einmal vorgesetzt hatte. Vielleicht wenn euch beyfällt, daß ich ohne öffentliches Aergerniß, eben nicht lüderlich, und in der Gemeinschaft der Kirche gelebt habe, wer det ihr euch wundern, daß ihr mich gleichwohl
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bey Annäherung des Todes so voller Reue und Selbstverurtheilung findet. Aber ach! was für eine armselige Sache ist es, bloß frey von Mord, Diebstahl und Ehebruch zu seyn, welches doch alles ist, was ich von mir selbst sagen kann. Ihr wißt zwar in der That, daß ich niemals für einen Trunkenbold gehalten worden; al lein ihr seyd zu gleicher Zeit auch Zeugen meiner Unmäßigkeit und Sinnlichkeit gewesen, an welchen ihr oft selbst Theil genommen. Und wenn ich ietzt vor den Richterstuhl treten werde, vor welchem nichts als gute Werke belohnet werden sollen, was wird es mich helfen, daß ich kein Trunkenbold bin, wenn ich dem ohn geachtet keine christliche Mäßigkeit für mich anzuführen habe? Es ist wahr, ich habe in der Gemeinschaft der Kirche gelebt, und habe meistentheils des Sonntags den Gottesdienst besucht, wenn ich weder zu faul war, noch sonst von meinen Ge schäften und Ergötzungen abgehalten wur de. Aber alsdenn war meine Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes mehr eine übliche Ge wohnheit, als ein wirklicher Vorsatz, das zu thun, was in der Kirche von uns verlangt wird; denn wäre sie dieses gewesen, so würde ich öftrer, und mit mehr Andacht, dahin gekom men seyn, und würde mir aus der geringsten Versäumung ein größer Bedenken gemacht haben.
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Das aber, worüber ich ietzt mehr als über et was in der Welt erstaune, ist dieses, daß ich nie mals auch nicht den geringsten Vorsatz gehabt habe, der Frömmigkeit des Evangelii gemäß zu leben. Dieses ist mir nie, weder in die Gedan ken, noch in das Herz, gekommen. Ich habe nicht ein einziges mal in meinem Leben daran ge dacht, ob ich auch so lebe, wie es die Gesetze der Religion verlangen, und ob mein Thun und Lassen von der Beschaffenheit sey, daß ich mir in dieser Stunde auf die Barmherzigkeit Gottes Rechnung machen dürfe. Und ist es wohl zu glauben, daß ich die Be dingungen des Evangelii zur Seligkeit sollte er füllet haben, ohne iemals den ernstlichen und überlegten Vorsatz, sie zu kennen und zu erfül len, gehabt zu haben? Kann man wohl glau ben, daß ich ein Leben, so wie es Gott gefällt, und wie er es von uns fordert, sollte geführt ha ben, ohne daß ich mich iemals darum beküm mert hätte, was er von uns verlangt, und wie genau ich diesem Verlangen nachgekommen? Was für eine leichte Sache müßte die Seligkeit seyn, wenn sie in meine sorglose Hände fallen könnte, der ich ihr nie irgend eine so ernsthafte Gedanke geschenkt habe, als der geringsten von meinen Handelsverrichtungen? Bey den Geschäften des Lebens habe ich Klug heit und Ueberlegung angewedet, und habe in allen Dingen nach festen Regeln und Methoden verfahren. Es ist mir angenehm gewesen, wenn ich mit Leuten von Erfahrung und Einsicht um
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gehen können, um die Ursachen ausfündig zu machen, warum einige in ihren Geschäften zu rückbleiben, und andre glücklich sind. Ich ha be keinen Schritt in meiner Handlung ohne die größte Behutsamkeit, und ohne den Schaden, oder Vortheil, der mir daraus zuwachsen könne, genau zu überlegen, gethan. Ich habe allezeit mein Augenmerk auf das vornehmste Ziel unsrer Geschäfte gerichtet, und alle Mittel und Wege ausgespäet, wie ich in allen meinen Unterneh mungen gewinnen könne. Wie aber kömmt es, daß ich diese Denkungs art auch nicht in Ansehung der Religion gehabt habe? Wie kömmt es, daß ich, der ich so oft von der Nothwendigkeit gewisser Regeln und Methoden und der Betriebsamkeit bey welt lichen Geschäften gesprochen habe, gleichwohl nicht ein einziges mal an irgend eine Regel, oder Methode, oder Einrichtung zu Führung eines frommen Leben gedacht habe? Glaubt ihr wohl, daß irgend etwas in der Welt einen sterbenden Menschen in größeres Er staunen, in größere Verwirrung setzen könne, als dieses? Was für Pein meint ihr wohl, daß derjenige fühlen müsse, dem sein Gewissen alle diese Thorheit vorhält, den es erinnert, wie sorgfältig, genau und weise er in nichtigen Din gen verfahren, welche gleich einem Traum ver schwunden, und wie dumm und sinnlos, wie ohne alle Ueberlegung und ohne alle Regeln, er sich in Dingen von so ewigen Folgen bezeigt, die alle unsre Gedanken übersteigen?
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Hätte ich ietzt, in meinen letzten Stunden, bloß meine Schwachheiten und Unvollkom menheiten zu bejammern, so würde ich in de müthigem Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes ruhig da liegen. Aber ach! wie kann ich eine allgemeine Versäumung, eine gänzliche Vernachläßigung aller gottesfürchtigen Hand lungen, eine Schwachheit oder Unvollkom menheit nennen; da es doch eben sowohl in meinem Vermögen stand, fleißig, genau und sorgfältig in Ausübung der Frömmigkeit, als in Besorgung meines Handels zu seyn? Ich hätte auf eben so viel Hülfsmittel, auf eben so viel Regeln, auf eben so viel sichere Me thoden zu Führung eines heiligen Lebens, als zu Führung eines glücklichen Handels, bedacht seyn können, wenn ich nur das Wollen und den Vorsatz gehabt hätte. O meine Freunde! ein sorgloses Leben, ohne Achtsamkeit gegen die Pflichten der Religion, ist so ohne alle Entschuldigung, und ist der Barmherzigkeit Gottes so unwürdig, und ge reicht unserm Verstande zu solcher Schmach, daß ich mir schwerlich eine größere Marter ein bilden kann, als wenn ein Mensch, der in mei ne Umstände verfallen ist, darüber nachdenkt. Poenitens wollte hier weiter fortreden, eine heftige Convulsion aber stopfte ihm den Mund, und ließ ihn nicht wieder zum Reden kommen. So lag er noch ungefehr zwölf Stunden, und gab endlich seinen Geist auf.
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Nun bilde sich der Leser ein, er habe mit diesen Poenitens in irgend einer besondern Verbindung gestanden, er habe alles, was hier beschrieben worden, mit angesehen und mit an gehört, er habe an der Seite des Bettes gestan den, als sein Freund in dieser Todesangst gele gen, und die Thorheit seines vergangenen Lebens bejammert; ich glaube gewiß, er wird so viel Weisheit daraus lernen, als ihm vordem nie in sein Herz gekommen. Wenn er über dieses noch bedenken will, wie oft er selbst in einem gleichen Stande der Nachläßigkeit hätte über rascht, und zu einem Beyspiele für die übrige Welt gemacht werden können, so wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, diese doppelte Betrach tung, über das Unglück seines Freundes so wohl, als über die Güte Gottes, welche ihn dafür bewahret, sein Herz zu heiligen Gesinnun gen erweichen, und ihn antreiben, den Ueber rest seines Lebens in sternger<strenger> Frömmigkeit zu zubringen. Da dieses also eine so nutzvolle Betrachtung ist, so will ich meinem Leser hier Zeit lassen, ihr desto ernstlicher nachzuhängen.
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Viertes Hauptstück. Wir können GOtt in keinem Stan= de, in keiner Lebensart anders gefallen, als wenn wir sie gänzlich seiner Eh re widmen.

------------------------------ Nachdem ich, in dem ersten Hauptstücke, das Wesen der Frömmigkeit überhaupt be stimmt und gezeigt habe, daß es in keiner gewis sen Art des Gebets, sondern in einer gewis sen Art des Lebens bestehe, welches GOtt nicht bloß zu besondern Zeiten, oder an besondern Or ten, sondern überall und in allen Stücken ge widmet wird: so werde ich mich nun insbeson dere einlassen und zeigen müssen, wie wir unsre Arbeit und Geschäfte, unsre Zeit und Glücksgüter GOtt widmen sollen. So wie ein guter Christ einen ieden Ort als heilig betrachten soll, weil GOtt daselbst zuge gen ist, so muß er auch jedes Stück seines Le bens als einen Stoff zur Heiligkeit ansehen, weil es GOtt dargebracht werden soll. Das Amt eines Geistlichen ist ein heiliges Amt, weil es eine Verwaltung heiliger Din ge, eine Pflege des Altars ist. Weltliche Ge schäfte aber können dem Herrn dadurch geheili get werden, wenn sie, als zu seinem Dienste, und in Uebereistimmung mit seinem göttlichen Wil len, verrichtet werden.
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Denn so wie alle Menschen und alle Dinge in der Welt eben sowohl GOtt angehören, als die besondern Orte, Dinge und Personen, welche dem göttlichen Dienste gewidmet sind, so müssen auch alle Personen, in ihren verschiednen Ständen und Lebensarten, zur Ehre Gottes han deln, und alle Dinge zur Ehre Gottes genutzt werden. Leute von weltlichen Geschäften müssen sich also nicht als Leute betrachten, welche die Frey heit haben, nach ihrem eignem Gutdünken zu le ben, und ihren eignen Grillen und Neigun gen nachzuhängen, weil ihre Geschäfte weltlich sind. Sondern sie müssen bedenken, daß so wie die Welt und alle weltliche Verrichtungen GOtt eben so wohl angehören, als die besondern Personen und Dinge, welche dem Altare ge widmet sind, es auch eben sowohl die Pflicht der Leute von weltlichen Geschäften sey, in allen Stücken dem Herrn zu leben, als es die Pflicht derjenigen ist, welche dem göttlichen Dienste ge widmet sind. So wie die ganze Welt Gottes ist, so soll auch die ganze Welt nach Gottes Willen han deln. So wie alle Menschen in einerley Ver bindung mit GOtt stehen, so wie alle Men schen alle ihre Kräfte und Vermögenheiten von GOtt haben, so sind auch alle Menschen verbunden, aus allen ihren Kräften nach Got tes Willen zu handeln. So wie alle Dinge Gottes sind, so müssen auch alle Dinge so gebraucht und angesehen
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werden, als wären sie Gottes. Denn wenn Menschen irdische Dinge misbrauchen, und nach ihrem eignen Willen leben, so ist dieses eine gleiche Empörung wider GOtt, als wenn En gel himmlische Dinge mißbrauchen; weil GOtt eben so wohl der Herr der ganzen Erde, als der Herr aller Himmel ist. Dinge können und müssen, ihrem Ge brauche nach, unterschieden seyn; alle aber müssen dem Willen Gottes gemäß gebraucht werden. Menschen können und müssen, ihren Ge schäften nach, unterschieden seyn; alle aber müssen, als schuldige Knechte Gottes, in einer ley Absicht handeln, und ihren verschiednen Beruffen in Gerechtigkeit und Frömmigkeit nachgehen. Geistliche müssen in ihrer besondern Le bensart, nehmlich in der Verwaltung des hei ligen Amts, in der Verrichtung des Gebets, in der Vollziehung der Sacramente, und in der eifrigen Austheilung der geistlichen Güter, gänzlich nach Gottes Willen leben. Leute von andern Geschäften aber müssen in ihren besondern Lebensarten eben sowohl als Knechte Gottes handeln, und in ihren verschied nen Beruffen ihm allein leben. Dieses ist der einzige Unterschied zwischen Geistlichen und Leuten von andern Gewerben. Wenn man darthun kann, daß die Menschen in ihren weltlichen Verrichtungen eitel, geitzig, sinnlich, fleischlich gesinnt, oder stolz seyn dürf
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fen, so wird es auch den Geistlichen nicht zu ver argen seyn, wenn sie sich in ihrem heiligen Amte eben so bezeigen. Denn wenn schon dergleichen Eigenschaften an Geistlichen häßlicher und strafbarer sind, als an andern, weil sie sich aus ser ihrem Taufgelübde, noch zu einem zweyten male GOtt gewidmet haben, um seine Diener, nicht in den gemeinen Verrichtungen des menschlichen Lebens, sondern in der geistlichen Verwaltung der allerheiligsten Sachen zu seyn, und folglich sich von dem gemeinen Leben andrer Menschen eben so sehr entfernen und ab sondern müssen, als man eine Kirche oder einen Altar von gemeinen Häusern oder Tischen ab sondert so sind doch überhaupt alle Christen in der Taufe GOtt gewidmet, und haben sich al le verbunden, in ihren verschiednen Beruffen als heilige und himmlische Personen zu leben, indem sie alles und iedes in ihrem gemeinen Leben auf so eine Art verrichten, daß es von Gott für ei nen ihm geleisteten Dienst aufgenommen werden kann. Denn alle Dinge, sowohl zeitliche als geistliche, sowohl gemeine als heilige, müssen gleich Menschen und Engeln, gleich Him mel und Erde, zur Verherrlichung der Ehre Gottes einstimmen. So wie nur ein GOtt und Vater unser aller ist, dessen Herrlichkeit allem, was da ist, Licht und Leben giebt, dessen Gegenwart alle Or te erfüllet, dessen Macht alle Dinge erhält, des sen Vorsicht alle Zufälle regiert; so muß auch alles, was da lebt, es mag im Himmel oder
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auf Erden, es mögen Thronen oder Herr schaften, Menschen oder Engel seyn, alles muß, in einem Geiste, gänzlich zur Ehre und Verherrlichung dieses einzigen Gottes und Va ters unser aller leben. Engel als Engel in ih ren himmlischen Verrichtungen, Männer als Männer, Weiber als Weiber, Bischöfe als Bischöfe, Priester als Priester, Kirchendie ner als Kirchendiener; einige in geistlichen Dingen, einige in weltlichen; alle müssen GOtt ein vernünftiges Leben, weise Handlun gen, reine Herzen und himmlische Neigungen zum täglichen Opfer bringen. Dieses ist das gemeine Geschäfte aller Menschen in der Welt. Es ist keinem Frauen zimmer in der Welt vergönnt, ihre Zeit in den Thorheiten und Nichtswürdigkeiten eines Le bens nach der Mode zu verbringen, noch ir gend einem Manne, sich weltlichen Sorgen und Angelegenheiten gänzlich zu überlassen; es ist keinem Reichen erlaubt, seine Leidenschaf ten, seine Lüste, seinen Stolz zu befriedigen, und auch keinem Armen, sein eigen Herz mit der Armuth seines Standes zu plagen und zu peini gen: sondern sowohl Männer als Weiber, so wohl Reiche als Arme, müssen, mit Bischöfen und Priestern, in eben demselben Geiste der Weisheit und Heiligkeit, in eben derselben Ver leugnung aller Eitelkeiten, in eben derselben Zucht und Sorge für ihre Seelen vor GOtt wandeln; nicht allein, weil sie alle einerley vernünftige Na tur haben und Knechte eben desselben GOttes
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sind, sondern weil sie alle einerley Heiligkeit be dürfen, die sie zu der Seligkeit geschickt machen muß, zu welcher sie insgesamt beruffen sind. Es müssen sich also nothwendig alle Christen, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, als Personen, die zu einem heiligen Leben ge widmet sind, betrachten, und alle Wege ihres Lebens nach solchen Regeln der Vernunft und Frömmigkeit einrichten, die sie zu einem unun terbrochnen Dienste Gottes machen können. Um aber unsre Arbeit nnd unsre Geschäfte zu einem Gott gefälligen Dienste zu machen, müssen wir sie in eben dem Geiste führen, in welchem wir Almosen geben, oder sonst ein Werk der Liebe verrichten sollen. Denn wenn wir, wir essen nun oder trinken, oder was wir sonst thun, alles zu Gottes Eh re thun sollen; wenn wir die Welt so brauchen sollen, daß wir sie nicht miß brauchen, [1 Corinth. VII. 31. und X. 31;] wenn wir unsre Leiber zum Opfer, das da lebendig, heilig und GOtt wohlgefällig sey, begeben sollen, [Röm. XII. 1;] wenn wir im Glauben und nicht im Schauen wandeln sollen, [2 Corinth. V. 7;] wenn un ser Wandel im Himmel seyn soll, [Phil. III. 20:] so muß nothwendig unser ganzes Leben, in iedem Stande, GOtt durch eben die Neigun gen zu verherrlichen suchen, die ihm unser Ge bet und unsre Verehrung gefällig und angenehm machen. Denn wenn wir in unsern Geschäf ten weltlich oder irdisch gesinnt sind, wenn wir
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sie aus eiteln Begierden, aus geitzigen Absich ten, bloß zu unsrer eignen Befriedigung führen, so kann von uns eben so wenig gesagt werden, daß wir zur Ehre Gottes leben, als man von Schlemmern und Trunkenbolden sagen kann, daß sie zur Ehre Gottes essen und trinken. So wie die Ehre Gottes eine und eben die selbe ist, so muß auch alles, wasin<was in> Absicht auf sie gethan wird, in einem und eben demselben Geiste gethan werden. Eben dieselbe Eigen schaft und Gesinnung des Geistes, welche unser Almosen und Gebet GOtt gefällig macht, muß auch unsre Arbeit und unsre Geschäfte zu einem GOtt angenehmen Opfer machen. Wenn ein Mensch arbeitet, um reich zu wer den, wenn er sein Gewerbe mit allem Fleiße treibt, um sich in der Welt in einen Stand des Ansehens und der Ehre zu schwingen, so dient er GOtt nicht mehr in seinen Verrichtungen; er handelt andern Herren zu gefallen, und hat auf die Belohnungen Gottes nicht mehr An spruch als der, welcher Almosen giebt, um ge sehen zu werden, oder betet, um von den Men schen gehört zu werden. Denn eitle und irdi sche Begierden sind bey unsern Geschäften eben so wenig, als bey unsern Almosen und unsrer Andacht zu dulden. Denn diese Nei gungen des weltlichen Stolzes und der eiteln Ehre, sind nicht allein übel, wenn sie sich mit unsern guten Werken vermischen, sondern sie be halten diese ihre üble Natur auch da, und ma chen uns auch dabey GOtt verhaßt, wenn sie sich
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in die gemeinen Beschäftigungen unsers Gewer bes mit einflechten. Wenn wir in unsern welt lichen Geschäften geitzigen und eiteln Be gierden Raum geben dürften, so würden wir auch bey unsrer Andacht einem eiteln Ehrgeitze nachhängen dürfen. So wie aber unser Al mosen und unser Gebet GOtt nur alsdenn ein angenehmer Dienst wird, wenn beyde aus einem ihm wirklich geweihten Herzen kommen, so können auch unsre gemeinen Beschäftigungen nur alsdenn, wenn sie mit gleichen Neigungen und aus gleicher Frömmigkeit des Herzens ge trieben werden, als ein ihm bewiesener Dienst angesehen werden. Die meisten von den Geschäften des Lebens sind, ihrer eignen Natur nach, zuläßig, und al le die, welche es sind, können zu einem wesentli chen Stücke unsrer Pflichten gegen GOtt ge macht werden, wenn wir uns nur so weit und aus solchen Absichten damit einlassen, als es Wesen anständig ist, welche so in der Welt leben sollen, als wären sie nicht in der Welt. Dieses ist das einzige Maaß, wie sehr wir uns mit irgend einem weltlichen Geschäfte abgeben dürfen; es mag seyn von was für einer Beschaffenheit es will, so muß es doch unsre Hände und unser Herz nicht mehr beschäftigen, und muß uns nicht mehr Zeit kosten, als es unsrer ernstlichen, täglichen und sorgfältigen Vorbereitung zu dem andern Leben zuträglich ist. Denn da alle Chri sten, als Christen, dieser Welt abgesagt haben, um sich durch tägliche Andacht, und durch all=
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gemeine Heiligkeit zu einem ewigen Zustande von ganz andrer Beschaffenheit vorzubereiten, so müssen sie die weltlichen Geschäfte, als weltli che Mängel und leibliche Schwachheiten ansehen; das ist, als Dinge, welche nicht zu be gehren, sondern bloß so lange zu dulden und zu ertragen sind, bis uns Tod und Auferstehung in den ewigen Stand wirklicher Seligkeit ver setzt haben. Von dem nun, welcher die Dinge dieses Le bens in einem so niedrigen Grade der Nichtig keit nicht betrachtet, kann man nicht sagen, daß er die größten Wahrheiten des Christenthums fühle oder glaube. Denn wenn er in den menschlichen Geschäften etwas für groß und wichtig ansieht, wie kann man behaupten, daß er diejenigen Schriftstellen für wahr halte, wel che das Leben, und die größten Dinge des Le bens als Blasen, Dünste, Träume und Schat ten vorstellen? Wenn er Ansehen und Glanz und weltli che Ehre, für eine geziemende Glückseligkeit eines Christen hält, wie kann man sagen, daß er jene Lehre fühle oder gläube? Selig seyd ihr, so euch die Menschen hassen, und euch absondern, und schelten euch, und verwerfen euren Namen, als einen Bos haftigen, um des Menschen Sohnes Willen. Denn gewiß wenn irgend eine wahre Seligkeit in dem Ansehen, dem Glanze und der weltliche Ehre zu finden wäre; wenn die se Dinge unser Dichten und Trachten verdien
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ten, so könnte es unmöglich eine Ursache der größten Freude seyn, wenn wir durch Ver folgungen und Trangsale davon abgezogen werden? Wenn also ein Mensch, um zu zeigen, daß er die wichtigsten Grundlehren des Christen thums fühle und glaube, so leben muß, als lebe er nicht in der Welt, so kann ihn nur diese Gesinnung geschickt machen, die Geschäfte des Lebens zu führen, und dennoch gänzlich GOtt zu leben, und unter weltlichen Verrichtungen ei nen himmlischen Sinn zu behalten. Ja, die se Gesinnung muß ein ieder bey seinen Ver richtungen eben so unumgänglich haben, als un umgänglich die Verrichtungen selbst zuläßig seyn müssen. Der Landmann, welcher das Feld bauet, beschäftiget sich mit einer ehrlichen Arbeit, wel che zum Leben nothwendig ist, und sehr wohl zu einem GOtt gefälligen Dienste gemacht werden kann. Wenn er aber, nicht zu Beförderung ei ner vernünftigen Absicht des Lebens, sondern deswegen ackert und arbeitet, um einen Pflug von Silber und Pferdegeschirre von Gold haben zu können, so geht die Zuläßigkeit seiner Verrichtungen für ihn verlohren, und seine Ar beit wird seine Thorheit. Ein Handelsmann kann mit Grunde glau ben, daß es GOtt wohlgefällig sey, wenn er Dinge verkauft, die unschuldig und zum Leben nützlich sind; Dinge, die ihm und andern eine vernünftige Hülfe gewähren, und sie in den Stand setzen, denjenigen beyzustehen, welche des
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Beystandes bedürfen. Wenn er aber, anstatt des sen, nur mit Absicht auf sich selbst, ohne irgend an dre Regeln, als die, welche ihm seine eignen Neigungen vorschreiben, handelt, wenn seine vornehmste Absicht dabey ist, reich zu werden, damit er Staat machen, sich pflegen, und sein Gewerbe endlich mit einem faulen und wollü stigen Leben verkauschen<vertauschen> könne; so verlieret der Handel, in Ansehnng<Ansehung> seiner, alle Unschuld, und ist so wenig ein Gott gefälliger Dienst, daß er vielmehr für nichts, als für eine feine Bemänt lung der Geldsucht, der Selbstliebe, und des Ehrgeitzes erkläret werden kann. Denn so ein Mensch verkehret die Nothwendigkeit seines Gewerbes in Stolz und Geitz, so wie der Trun kenbold und Epikurer die Nothwendigkeit des Essens und Trinkens in Schlemmerey und Trunkenheit verkehret. Der nun, wel cher zu dem Ende früh und spät auf ist, schwitzet und arbeitet, damit er einmal reich werde, und in Lust und Freude leben möge, lebt eben so we nig zur Ehre Gottes, als der, welcher zu diesem Ende spielet. Denn obgleich zwischen Han deln und Spielen ein großer Unterschied ist, so geht doch der größte Theil dieses Unterschieds alsdenn verloren, wenn Leute mit eben den Be gierden und Neigungen, zu eben dem Ende ihre Handlung treiben, mit welchen und zu wel chem andre spielen. Mildigkeit und Kleider pracht sind ganz verschiedene Dinge; wenn aber dieser und jener aus eben den Ursachen Almosen austheilet, aus welchen sich andre prächtig klei=
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den, nehmlich bloß um gesehn und bewun dert zu werden, so ist die Mildigkeit nichts bes ser, als die Eitelkeit des Putzes. Desgleichen auch, wenn gewisse Leute aus eben den Bewe gungsgründen bey ihrem Handel arbeitsam und unverdrossen sind, aus welchen andre unermüdet spielen, so wird beyder Mühe einander gleich. Calidus hat länger als dreyßig Jahr seinen Handel in der größten Stadt des Königreichs getrieben, und seit so mancher Zeit ist sein Han del und sein Glück immer größer geworden. Jede Stunde des Tages ist für ihn eine Stunde der Beschäftigung, und ob er gleich rechtschaffen ißt und trinkt, so scheint er doch iede Mahlzeit in der größten Eilfertigkeit zu halten, und er wollte gern sein Danket dem Herrn nach Ti sche beten, wenn er nur Zeit hätte. Calidus beschließt ieden Tag im Weinhause, länger aber als gegen neun Uhr kann er nicht bleiben. Er ist genöthiget alle Abende ein rechtschaffen Glas Wein zu trinken, um sich seiner Hand lungsgedanken zu entschlagen und seine Lebens geister zum Schlafe vorzubereiten. Die ganze Zeit über, die er auf ist, ist er beschäftiget, und er hat schon verschiedne Sachen abgethan, noch ehe er des Morgens in sein Contoir kommen kann. Sein Gebet bestehet aus einen oder zwey kurzen Seufzern, die er nie verabsäumen wird, wenn das Wetter stürmisch ist, weil er immer eines oder das andere auf der See hat. Calidus wird euch mit vielen Freuden sagen, daß er die se unruhige Lebensart schon so manche Jahre ge
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führt, und daß sie ihm gewiß längst das Leben gekostet hätte, wenn er sich nicht zum Gesetze gemacht, sich alle Sonnabende aus der Stadt zu begeben, und sich den Sonntag auf dem Lande zu einem Tage der Ruhe und des Wohl lebens zu machen. Nunmehr ist er so reich, daß er sich seinen Ge schäften ganz entziehn, und in seinem Alter ein hübsches Haus auf dem Lande, zum Zeitvertreibe, bauen möchte; nur fürchtet er sich, er möchte melancholisch werden, wenn er sein Gewerbe gar aufgäbe. Er wird euch mit der größten Ernsthaftigkeit sagen, es sey für einen Mann, welcher gewohnt gewesen, Geld zu verdienen, sehr gefährlich, sich dieser Gewohnheit iemalen zu entschlagen. Und wenn es frommen Ge danken irgend einmal gelingt, sich in seinen Kopf einzustehlen, so tröstet sich Calidus selbst da mit, daß er niemals ein Freund der Ketzer und Ungläubigen gewesen, daß er den Predigern in seinem Kirchspiele alle Höflichkeit erwiesen, und sehr oft für die Armenschulen etwas ge schenkt habe. Nun aber ist diese Lebensart von allen Lehren und Vorschriften des Christenthums so weit ent fernt, daß sie unmöglich iemand aus Unwissen heit oder Schwachheit führen kann. Calidus kann sich eben so wenig einbilden, daß er vom Geiste wiedergebohren sey, daß er eine ueue<neue> Creatur in Christo sey, [Joh. III. 6;] daß er hier als ein Fremder und Pilgrim lebe, [1 Petr. II. 11,] und nach dem trachte, was
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droben ist, und nicht nach dem, was auf Etden<Erden> ist, [Coloss. III. 2:] er kann sich, sage ich, dieses eben so wenig einbilden, als er sich einbilden kann, in seinem ganzen Leben ein Apo stel gewesen zu seyn, Wunder gethan und das Evangelium geprediget zu haben. Man muß gestehen, daß der größte Theil der Handelsleute, besonders in großen Städten, dem Calidus nur allzugleich ist. Die ganze Wo che über sind sie in Geschäften vergraben, und unfähig, an irgend etwas anders zu denken; den Sonntag aber bringen sie in Faulheit und Er götzlichkeiten, mit Lustreisen auf das Land, mit Besuchen und so fröhlichen Zusammenkünften zu, daß dieser Tag oft der schlimmste in der gan zen Woche wird. Nun aber leben sie nicht deswegen so, weil sie sich mit weniger Sorge, und mit gerin gerer Arbeitsamkeit in ihren Geschäften, nicht erhalten könnten; sondern sie leben deswegen so, weil sie durch ihr Gewerbe reich werden, und ih re Familie in ein solches Ansehen, und in solche gute Umstände setzen wollen, dergleichen das Le ben eines vernünftigen Christen zu verschaffen keine Gelegenheit hat. Man schaffe nur diese Ge sinnung weg, und sogleich werden alle Handels leute Musse genug habe, ieden Tag als Christen zu leben, iede Pflicht des Evangelii sorgfältig zu erfüllen, ihr Leben zu einer sichtbaren Ausübung der Religion zu machen, und immerfort strenge Beobachter so wohl der Hausandacht, als des öffentlichen Gottesdienstes zu seyn.
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Der einzige Weg hierzu aber ist dieser, wenn ein ieder sein Gewerbe als etwas betrachtet, wel ches er der Ehre Gottes zu widmen verbunden ist; als etwas, welches er auf solche Art treiben muß, daß ein GOtt gefälliger Dienst daraus werden kann. Nichts kann in unsern Geschäf ten recht seyn, was sich nicht nach diesen Regeln richtet. — Der Apostel befiehlt den Knechten: ihr Knechte seyd gehorsam euren leibli chen Herren, in Einfältigkeit eures Her zens als Christo. Nicht mit Dienst allein für Augen, als den Menschen zu gefallen, sondern als die Knechte Christi daß ihr solchen Willen Gottes thut mit gutem Willen, [Ephes. VI. 5]. Alles was ihr thut, das thut von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen, [Coloss. III. 23]. Diese Stelle zeigt uns zur Genüge, daß alle Christen, in allen Aemtern und Ständen, gänz lich GOtt leben, und die Werke ihres Berufs auf solche Art und zu solchem Ende verrichten sollen, daß sie ein Theil ihrer Frömmigkeit und Verehrung Gottes seyn können. Denn gewiß, wenn arme Sklaven mit ihrem Dienste nicht bloß Menschen gefallen, sondern in allen ih ren Handlungen gänzlich auf GOtt sehen, und in Einfältigkeit des Herzens, als dem Herrn dienen sollen, so müssen unstreitig Leute von an dern Ständen eben so sehr verbunden seyn, bey ihren Geschäften mit eben der Einfältigkeit des Herzens zu Werke zu gehen; sie müssen nicht ih rem eiteln Sinne nachhängen, ihrer Eigenliebe
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schmeicheln, und ihre weltlichen Leidenschaften be friedigen, sondern alles, was sie zu verrichten haben, als Knechte Gottes verrichten. Denn es wird wohl schwerlich iemand behaupten wol len, daß zwar ein Sklave seine Lebensart GOtt weihen, und den Willen Gottes zur einzigen Regel und Absicht machen müsse, der Kauf mann aber eben deswegen nicht nöthig habe, seine Geschäfte im gleichen Geiste der Frömmig keit zu treiben. Denn dieses wäre eben so abge schmackt, als wenn man behaupten wolle, ein Mensch müsse gerechter und gläubiger seyn, als der andre. Es ist also unwidersprechlich gewiß, daß sich kein Christ weiter, oder zu einem andern En de in die Geschäfte einlassen muß, als so fern er sie in Einfältigkeit des Herzens GOtt, als ei nen ihm gefälligen Dienst, zum Opfer bringen kann. Denn der Sohn Gottes hat uns zu die sem einzigen Ende erlöst, daß wir durch ein vernünftiges und frommes Leben, zur Ehre Gottes leben sollen; und dieses ist auch die einzi ge Regel und Richtschnur für alle Arten und für alle Stände des Lebens. Ohne diese Regel wird die zuläßigste Beschäftigung, zu einer Be schäftigung voll Sünde. Man sondre sie von dem Leben eines Geistli chen ab, und sein heiliges Amt wird ihm zu weiter nichts helfen, als daß es ihm einer grös sern Verdammung aussetzt. Man sondre sie von dem Leben der Kaufleute ab, und aus ihren Niederlagen, werden eben so viel Sitze
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des Geitzes und des schändlichsten Wuchers wer den. Man sondre sie von dem Leben der Vor nehmen ab, und ihr ganzer Lebenslauf wird ein Zusammenhang von Sinnlichkeit, Stolz und Muthwillen seyn. Man sondre diese Regeln von unsern Tischen ab, und alles wird sich in Schlemmerey und Trunkenheit verkehren. Man sondre sie von unsrer Kleidung und unsrer Tracht ab, und alles wird zu Schminke und Putz und zu so lächerlichen Auszierungen wer den, daß sie dem, der sie trägt, zu einer wirkli chen Schande gereichen. Man sondre sie von dem Gebrauche unsrer Glücksgüter ab, und man wird finden, daß die Menschen bey sonst nichts sparsam sind, als bey Liebeswerken. Man sondre sie von unsern Ergötzlichkeiten ab, und keine Kurzweile wird nichtig genug, kein Zeitvertreib eitel und verderbt genug seyn, daß er nicht die Lust und Freude der Christen werden könne. Wenn wir also GOtt zu leben verlangen, so müssen wir nothwendig unser ganzes Leben diesem Gesetze unterwerfen, daß wir nehmlich seine Ehre zur einzigen Regel und Richt schnur aller unsrer Handlungen in iedem Stan de des Lebens machen. Denn es giebt keine an dre wahre Frömmigkeit, als wenn man in den gemeinen Beschäftigungen unsers Lebens GOtt gewidmet lebt. Es muß sich daher der Mensch nicht mit der bloßen Zuläßigkeit seiner Verrichtungen be gnügen, sondern er muß auch betrachten, ob er
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so darinn verfähret, wie er mit iedem Dinge, als ein Fremdling und Pilgrim verfahren soll, der auf die Auferstehung Jesu Christi getauft ist, und ihm mit einem heiligen und unsträflichen Leben, in Entsagung aller weltlichen Lüste, und in Reinigung und Vorbereitung seiner Seele zu dem seligen Genusse Gottes folgen soll. Denn eitel, oder stolz, oder geizig oder ruhm süchtig in unserm gewöhnlichen Lebenswandel seyn, ist diesen heiligen Gesinnungen, welche das Christenthum erfordert, eben so sehr zu wider, als Betriegerey und Unehrlichkeit. Wenn ein Schlemmer zur Entschuldigung seiner Schlemmerey sagen wollte, daß er nichts esse, als was zu essen erlaubt sey, so würde er sich eben so gut entschuldigen, als wenn der gie rige, geitzige und eitle Handelsmann sagte, er treibe keinen andern als erlaubten Verkehr. Denn da ein Christ nicht allein ein ehrlicher Mann seyn, sondern auch den Geist Christi ha ben und sein Leben zu einer beständigen Ausü bung der Demuth, Reue und himmlischen Neigungen machen soll, so sind alle hiermit strei tende Eigenschaften dem Christenthume eben so sehr zuwider, als Betriegerey und Unehr lichkeit. Die ganze Sache läuft also deutlich dahin aus, daß alles unordentliche Verfahren im Handel nnd in Geschäften nicht besser als der unordentliche Gebrauch des Essens und Trinkens ist.
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Stolze Absichten und eitle Begierden sind bey unsern weltlichen Geschäften eben so wirkliche Laster und Unarten, als es die Heu cheley beym Gebet, und die Eitelkeit im Al mosengeben sind. Und man kann keinen einzi gen Grund angeben, warum uns die Eitelkeit beym Almosengeben GOtt verhaßt mache, wel cher nicht auch beweise, daß ihm iede andre Art des Stolzes eben so gehäßig sey. Der, wel cher in seinem Beruffe arbeitet, damit er in der Welt eine Figur machen und die Augen des Volks auf den Glanz seines Standes ziehen mö ge, ist von der frommen Demuth eines Chri sten eben so weit entfernt, als der, welcher Al mosen giebt, um von den Menschen gesehen zu werden. Denn die Ursache, warum Stolz und Eitelkeit unser Gebet und Almosen GOtt zu einem unangenehmen Dienste machen, liegt nicht darinn, weil in dem Gebet und in den Almosen irgend etwas besonders sey, daß sich mit dem Stolze nicht vertragen könne, sondern darinn, weil der Stolz überhaupt auf keine Art und Weise dem Menschen erlaubt ist; er vernichtet die Gottseligkeit unsrer Gebete und Almosen, weil er die Gottseligkeit eines ieden Dinges, wel ches er berühret, vernichtet, und eine iede Hand lung, an welcher er Antheil hat, unfähig macht, GOtt dargebracht zu werden. Wenn wir uns daher selbst so zertheilen könnten, daß wir in gewissen Dingen demü=<demütig> und in gewissen stolz wären, so würde uns diese Demuth ganz und gar nichts nützen, weil GOtt
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eben so wohl von uns verlangt, daß wir in al len unsern Handlungen und Absichten demüthig seyn sollen, als er von uns verlangt, daß wir in allen unsern Handlungen und Absichten aufrich tig und ehrlich seyn sollen. Und wie ein Mensch nicht deswegen aufrich tig und ehrlich ist, weil er es gegen viele Leute und bey verschiednen Gelegenheiten ist, son dern weil er gegen iedermann in allen seinen Handlungen ehrlich und aufrichtig verfährt, so ist es auch, gleicher Maaßen, mit der Demuth und ieder andern Eigenschaft bewandt, welche eine allgemeine herrschende Fähigkeit unsrer Seele seyn und sich durch alle unsre Handlungen und Absichten erstecken muß, ehe sie uns zuge rechnet werden kann. Wir pflegen zwar manchmal zu sagen, daß ein Mensch in gewissen Dingen demüthig, und in andern stolz seyn könne; demüthig in seiner Kleidung, aber stolz auf seine Gelehrsam keit, demüthig in seinem persönlichen Bezei gen, aber stolz in seinen Anschlägen und Ab sichten. Doch ob dieses gleich in gemeinen Re den gelten kann, wo man sich von wenigen Din gen nach der strengen Wahrheit ausdrückt, so kann es doch alsdenn nicht zugegeben werden, wenn wir das Wesen unsrer Handlungen un tersuchen. Es ist sehr wohl möglich, daß ein Mann, wel cher von Betriegereyen lebt, in Bezahlung des sen, was er gekauft hat, Wort und Zeit genau halten kann; es ist aber auch iedermann versi
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chert, daß er dieses aus keinem Antriebe wah rer Ehrlichkeit thut. Auf gleiche Art ist es gar wohl möglich, daß ein Mann stolz auf sein Vermögen, ehrgeitzig in seinen Absichten, eitel auf seine Gelehr samkeit seyn, und dennoch, von Kleidung und Person, sich so schlecht und recht bezeigen kann, als es ein wahrer demüthiger Mann nur immer zu thun pflegt; allein sich einzubilden, daß er aus einem Antriebe gottseliger Demuth so handle, würde eben so abgeschmackt seyn, als sich einzu bilden, daß ein Betrieger aus einem Antriebe gottseliger Ehrlichkeit das, was er gekauft, bezahle. Wie derohalben iede Art der Unehrlichkeit un sre Ansprüche auf ein ehrliches Gemüth ver nichtet, so vernichtet auch iede Art des Stolzes unsre Ansprüche auf den Geist der Demuth. Niemand wundert sich, das Gebete und Al mosen, welche aus Stolz und Begierde, sich sehen zu lassen, herkommen, GOtt verhaßt sind, und gleichwohl kann man eben so leicht beweisen, daß der Stolz in diesen Stücken zu verzeihen sey, als man es von irgend andern beweisen kann. Wenn wir glauben wollten, daß GOtt bey unsern Gebeten und Almosen den Stolz ver werfe, und in Ansehung unsrer Kleidung, unsrer Person, oder unsers Vermögens den Stolz dulde, so würde es eben das seyn, als wenn wir glauben wollten, daß GOtt die Falschheit bey einigen Handlungen verdamme, bey andern aber zulasse. Denn der Stolz in einem Dinge ist
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von dem Stolze in einem andern Dinge nicht mehr unterschieden, als die Beraubung eines Menschen, von der Beraubung eines andern. Ferner; wenn Stolz und Prahlerey so häß lich sind, daß sie das Verdienst und den Werth der vernünftigsten Handlungen vernichten, so müssen sie ganz unfehlbar eben so häßlich in den jenigen Handlungen seyn, welche bloß in der Schwachheit und in dem Unvermögen un srer Natur gegründet sind. Zum Exempel das Almosengeben ist von GOtt befohlen, als eine Sache, die an sich selbst vortreflich und ein wah rer Beweis unsrer göttlichen Gesinnungen ist; Kleider aber sind bloß verstattet, unsre Schaam zu bedecken. Es muß also ganz gewiß wenig stens ein eben so verhaßter Grad des Stolzes seyn, wenn man in Kleidern eitel ist, als wenn man es bey Austheilung des Almosens ist. Noch mehr; wir haben den Befehl, ohne Unterlaß zu beten, weil dieses ein Mittel ist, unsre Seelen immer erhabener und göttlicher zu machen; allein Schätze auf dieser Erde zu sammeln, ist uns verbothen. Können wir uns nun wohl einbilden, daß es nicht eben so sträf lich seyn sollte, eitel auf diese Schätze zu seyn, die uns GOtt zu sammeln verboten hat, als sträflich es ist, eitel auf das Gebet zu seyn, wel ches wir zu verrichten befehliger sind? Von den Weibern wird verlangt, daß sie ihre Häupter bedecken [1 Corinth. XI. 10] und sich mit Schaam und Zucht schmücken sollen. [1 Timoth. II. 9.] Wenn sie daher in
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solchen Dingen eitel sind, die ihnen ausdrücklich verbothen worden, wenn sie ihren Gesichtern durch Schönpflästerchen und Schminke aufhelfen wol len, die nur durch Schaam und Zucht geschmückt werden können, so haben sie gewiß einen solchen Stolz eben so sehr zu bereuen, als die, welche aus Stolz beten und Werke der Mildigkeit aus üben. Dieses muß nothwendig eingeräumt werden, es sey denn, daß man sagen wollte, es sey eher zu vergeben, wenn wir auf unsre Schaam, als wenn wir auf unsre Tugend stolz wären. Alle diese Beyspiele sollen bloß zeigen, wie nothwendig eine regelmäßige und sich immer selbst gleiche Frömmigkeit sey, die sich durch al le Handlungen unsers gemeinen Lebens erstrecke. Sie sollen zeigen, daß wir nach den Regeln der christlichen Mäßigkeit und Ehrbarkeit essen und trinken, uns kleiden und reden müssen; daß wir uns mit keinen Geschäften abgeben sollen, als nur mit solchen, welche GOtt wirklich gewid met werden können, daß wir uns auch nicht wei ter in dieselben einlassen sollen, als so fern es den vernünftigen Absichten eines frommen und heili gen Lebens zuträglich ist. Sie sollen zeigen, daß wir nicht allein bey be sondern Gelegenheiten ehrlich seyn müssen, nicht bloß bey Dingen, bey welchen der Beyfall der Welt damit zu gewinnen ist, oder die leicht und ohne Gefahr oder Verlust ausgeübet wer den können; sondern daß wir von einer so feuri gen Neigung zur Gerechtigkeit belebet werden
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müssen, die uns Wahrheit und Aufrichtigkeit in allen möglichen Fällen zu lieben und ihr durch alle Gefahren und durch alle Hindernisse zu folgen nöthiget: und zwar in fester Ueberzeu gung, daß, ie mehr wir für die Wahrheit bezah len, desto besser der Kauf sey, und daß unsre Aufrichtigkeit zu einer Perle werde, wenn wir alles fahren gelassen, um nur sie zu erhalten. Sie sollen zeigen, daß wir nicht allein in sol chen Fällen demüthig seyn müssen, wo die Welt Demuth von uns erwartet, oder wo sie mit un serer natürlichen Denkungsart übereinstimmet, nicht allein bey gewissen besondern Gelegenhei ten; sondern daß wir in solchem Geiste der De muth einhergehen müssen, der uns in unserm ganzen Lebenswandel sanftmüthig und stille erhält, und sich in unsrer Kleidung, in unsrer Person, in unserm Umgange, in unserm Ge nusse der Welt, in der Ruhe unsers Gemüths in unsrer Geduld bey Beschimpfungen, in un serer Ergebenheit gegen die Obern, in unsrer Herablassung gegen Geringere, und in allen äußerlichen Handlungen unsers Lebens, an den Tag legt. Sie sollen zeigen, daß wir nicht allein gewis se Zeiten und Orte der Andacht widmen müs sen, sondern daß wir überall mit dem Geiste der Frömmigkeit, mit gen Himmel gerichteten Herzen, einhergehen, in allen unsern Handlun gen auf GOtt sehen, alles, was wir thun, als Diener Gottes thun, in der Welt, als in einem heiligen Tempel Gottes leben, und ihn überall,
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ob schon nicht mit den Lippen, doch mit der Dankbarkeit unsrer Herzen, mit der Heilig keit unsrer Handlungen, mit dem gottseligen Gebrauche aller unsrer Gaben, verehren und an beten müssen. Sie sollen zeigen, daß wir nicht nur dann und wann unsre Gedanken und unser Gebet gen Himmel richten, sondern bey allen Geschäften mit einem himmlischen Geiste, als mystische Glieder des Leibes Christi, zu Werke gehen, und mit neuen Herzen und Sinnen, aus einem irdischen Leben eine Vorbereitung zu ienem herrlichen Leben in dem himmlischen Rei che machen müssen. Der einzige Weg nun, wie wir zu dieser Fröm migkeit des Geistes gelangen können, ist dieser, wenn wir alle unser Handlungen eben den Re geln unterwerffen, welchen unsre Andacht und unser Almosen unterworffen ist. Was die Frömmigkeit unsrer Andacht und unsrer Almosen ausmacht, ist bekannt genug; eben die selben Regeln aber, und eben dieselbe Beziehung auf GOtt müssen auch alle unsre übrigen Hand lungen zu einem würdigen und GOtt angeneh men Dienste machen. Es ist, hoff ich, weitläuftig genug gezeigt worden, wie nothwendig es sey, die Religion an allen Handlungen unsers gemeinen Le bens Antheil nehmen zu lassen, und durchgän gig in eben der Beziehung auf GOtt zu leben und handeln, in welcher wir beten und Almo sen geben.
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Essen ist eine von den erlaubtesten Handlun gen unsers Lebens, die wir mit allen Thieren ge mein haben, und doch sehen wir, daß die Fröm migkeit in allen Weltaltern diese gewöhnliche Handlung des animalischen Lebens gottesdienst lich zu machen gesucht hat, indem man iede Mahlzeit mit Gebet angefangen, und mit Ge bet geendet. Noch finden wir in vielen christlichen Familien einige Ueberbleibsel von dieser Gewohnheit; eini ge kleine Ueberbleibsel, welche zeigen, daß die Menschen ehedem bey dem Anfange und bey dem Ende ihrer Mahlzeiten GOtt angeruffen haben. Allein man verfähret in der That, größtentheils, so damit, daß es eher einer Spötterey über die An dacht, als einer feyerlichen Erhebung des Herzens zu GOtt, ähnlich sieht. In einigen Häusern zieht der Hausvater etwa seine Mütze ab, in andern steht er etwa halb vom Stuhle auf, und wenn er viel thut, so läßt es ungefehr, als ob er wirk lich etwas sagte. Bey dem allen aber erhellt doch, daß diese kleinen Beginnungen Ueber bleibsel einer Andacht sind, die einmal bey solcher Gelegenheit üblich war, und daß man wirklich ehedem die Religion mit diesem Theile des ge meinen Lebens verbunden hat. So weit aber ist es nunmehr mit uns gekom men, daß, obgleich die Gewohnheit sich noch er halten hat, wir denjenigen doch schwerlich lei den können, der nur einige Ernsthaftigkeit dabey blicken läßt, und daß wir es als ein Zei chen eines fanatischen Gehirns ansehen, wenn
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ein Mensch nicht eben so bald damit fertig ist, als er angefangen hat. Ich wollte nicht gern das Ansehen haben, als ob ich auf lange Gebete bey dieser Gelegen heit dränge; allein so viel kann ich doch sagen, daß wir, wenn wir bey dieser Gelegenheit beten wollen, verbunden sind, solche Ausdrücke und Worte zu gebrauchen, aus welchen man sehen kann, daß wir GOtt um solche Gnade und um solchen Segen feyerlich anruffen, als sich zu die sem Falle schicken. Außerdem wird dieser Spaßge brauch, anstatt unsre Speisen zu segnen, uns ge wöhnen, die Andacht geringschätzig zu halten, und uns zu der unseligen Fertigkeit verhelfen, von un sern Gebeten nicht gerührt zu werden. Wenn das Haupt einer ieden Familie ver bunden zu seyn glaubte, bey ieder Mahlzeit GOtt, auf eine anständige Art, feyerlich anzu ruffen, so würde es sehr leicht zu belehren seyn, daß Schwören, Sinnlichkeit, Schlemme rey und leichtfertige Rede, sich zu Mahlzeiten sehr schlecht schicken, die mit Andacht angefan gen und geendet werden. Und wenn in unsern allgemein verderbten Ta gen dieser Theil der Andacht zu einem Spaßge brauche geworden ist, so kömmt es unstreitig daher, weil Sinnlichkeit und Unmäßigkeit eine zu große Gewalt über uns erlangt haben, als daß sie uns, mit unsern Mahlzeiten einige Andacht zu verbinden, verstatten sollten. Die ses aber muß ich sagen, wenn wir so fromm wä ren, als die Juden und Heiden zu allen Zeiten
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gewesen sind, so würden wir es für sehr anstän dig halten, zu Anfange und zu Ende der Mahl zeit zu beten. Ich habe mich auf diese gottselige Gewohn heit aller Zeitalter, als auf einen Beweis von der Richtigkeit und Vernunftmäßigkeit der in diesem und in den vorhergehenden Hauptstücken vorgetragenen Lehren, beruffen; das ist, als auf einen Beweis, daß die Religion die Regel und Richtschnur bey allen unsern Handlungen des gemeinen Lebens seyn müsse. Denn gewiß, wenn wir nicht anders als nach solchen Regeln der Frömmigkeit essen sollen, so erhellet es ganz deutlich, daß wir auch alles andre, was wir sonst thun, iedes in seiner Art, mit eben der Beziehung auf die Ehre Gottes, und in eben der Uebereinstimmung mit den Grundsätzen eines frommen und heiligen Lebens, thun müssen.
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Fünftes Hauptstück. Personen, die der Nothwendigkeit der Arbeit und Aemter überhoben sind, müssen GOtt in einem höhern Grade gewidmet zu seyn glauben.

------------------------------ Ein großer Theil der Welt ist von der Noth wendigkeit der Arbeit und Aemter frey, und hat seine Zeit und seine Glücksgüter in seiner eignen Gewalt. Wie aber niemand in seinem Amte nach sei ner eignen Neigung, oder zu solchem Ende, als ihm selbst gefällig ist, leben, sondern alle seine Geschäfte so verrichten soll, daß sie ein GOtt ge fälliger Dienst werden können; so haben diejeni gen, welche kein besondres Amt verwalten, des wegen ganz und gar keine größere Freyheit, nach ihrem eignen Willen zu leben, ihren eignen Nei gungen zu folgen, und ihre Glücksgüter nach eignem Gutbefinden anzuwenden, sondern sie ste hen vielmehr in einer weit stärkern Verbindung, in allen ihren Handlungen gänzlich GOtt zu leben. Die Freyheit ihres Standes unterwirft sie einer weit größern Nothwendigkeit, allezeit nichts anders als das Beste zu wählen und zu thun. Sie sind diejenigen, von welchen viel gefor dert werden soll, weil ihnen viel gegeben worden.
|| [0085.01]
Ein Sklave kann nur auf eine einzige be sondere Art GOtt leben; nehmlich durch gott selige Geduld und Gelassenheit in dem Stande seiner Sklaverey. Denjenigen aber, welche ihre eigne Herren sind, welche mit ihrer Zeit und ihren Glücksgü tern machen können, was sie wollen, liegen alle Arten eines heiligen Lebens, alle Ausübungen aller und ieder Tugenden ob. Dergleichen Personen sind also eben so sehr verbunden, ihre Freyheit weislich zu gebrauchen, sich allen Arten der Tugend zu widmen, nach al lem, was recht und heilig ist, zu trachten, nach der höchsten Staffel in allen guten Werken zu streben, und GOtt auf die beste und vollkommen ste Art zu gefallen; sie sind, sage ich, zu einer so weisen Aufführung und zu einem so unum schränkten Bestreben nach Heiligkeit eben so sehr verbunden, als ein Sklave verbunden ist, sich in seinem Stande der Sklaverey GOtt zu er geben. Ihr seyd kein Landmann, kein Handwer ker, kein Kaufmann, kein Soldat; betrach tet euch also selbst, als Personen, welche in ei nen Stand versetzt sind, der einiger Maaßen dem Stande der guten Engel gleich ist, die in die Welt als dienstbare Geister, zum allgemeinen Besten des menschlichen Geschlechts, ausgesandt sind, um denen, welche die ewige Seligkeit er erben sollen, beyzustehen, sie zu beschützen, und ihnen zu dienen.
|| [0086.01]
Denn ie freyer ihr von den gemeinen Noth wendigkeiten der Menschen seyd, desto mehr seyd ihr verbunden, die höhern Vollkommenheiten der Engel nachzuahmen. Nöthigten euch, Serena, die Nothwendig keiten des Lebens, die Sorge für euren Unter halt, Wäsche zu waschen, oder einer Gebiethe rinn aufzuwarten, welcher ihr alle eure Arbeit widmen müßtet, so würde es alsdenn eure Pflicht seyn, durch allen Gehorsam, alle De muth und Treue, welche dieser Stand des Lebens verlangt, GOtt zu dienen und ihn zu verherrlichen. Es würde alsdenn eurer Sorgfalt empfohlen seyn, dieses eine Pfund so gut, als möglich, an zulegen; damit ihr, wenn die Zeit nun kömmt, daß die Menschen den Lohn für ihre Arbeit von dem großen Richter der Lebendigen und Todten erhalten sollen, mit einem: Ey du frommer und getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Freude! könntet empfangen werden. Da euch aber GOtt fünf Pfunde gegeben hat, da er euch über die Nothwendigkeiten des Lebens hinweg gesetzt hat, da er euch in euren eignen Händen gelassen hat, in der glücklichen Freyheit, die erhabensten Wege der Tugend zu wehlen, da er euch mit so mancherley Gaben des Glücks bereichert hat, da er euch sonst nichts zu thun aufgelegt hat, als seine Gnadengaben wohl anzuwenden, und auf die Beförderung eurer eignen Vollkommenheit, der Ehre Gottes und der Wohlfahrt eures Nächsten beflissen zu seyn:
|| [0087.01]
so ist es nunmehr eure Pflicht, den größten Knechten Gottes nachzuahmen, zu untersuchen, wie die erhabensten Heiligen gelebt haben, alle Künste und Methoden der Vollkommenheit zu studiren, und eurer Liebe und Dankbarkeit gegen den gütigen Urheber so mancherley Se gens, keine Grenzen zu setzen. Es ist nunmehr eure Pflicht, mit euren fünf Pfunden fünf andere zu gewinnen, und zu überlegen, wie ihr aus eurer Zeit aus eurer Musse, aus eurer Gesundheit, aus euren Glücksgütern, eben so viel selige Mittel, eu re Seele zu reinigen, eure Nebenmenschen auf den Wegen der Tugend zu befestigen, und endlich zu der größten Höhe der ewigen Herrlichkeit zu gelangen, machen könnt. Da ihr keine Gebietherinn zu bedienen habt, so laßt eure eigne Seele den Gegenstand eurer täglichen Sorge und Aufmerksamkeit seyn. Be wahret sie für alle Unreinigkeiten, Flecken und Unvollkommenheiten, und leget euch auf alle die heiligen Künste, durch die sie in ihre erste natürliche Reinigkeit wieder hergestellet werden kann. Macht es zu eurer Lust, ihr so zu dienen, und bittet GOtt, sie mit ieder Gnade und Vollkom menheit auszuzieren. Nähret sie mit guten Werken, beruhiget sie in der Einsamkeit, erhaltet sie stark im Gebet, macht sie weise durch fleißiges Lesen, erleuchtet sie durch Nachdenken, macht sie zärtlich durch Liebe, erweichet sie durch De muth, erniedriget sie durch Busse, erhebet sie
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durch Psalme und Lobgesänge, und stärket sie durch die öftere Betrachtung der künftigen Herrlichkeit. Erhaltet sie in der Gegenwart Gottes, und lehret sie diejenigen Schutzengel nachahmen, welche, ob sie gleich menschlicher Angelegenheiten und der Kleinsten unter den Menschen warten, dennoch allezeit das An gesicht unsers Vaters im Himmel sehen. [Matth. XVIII. 10]. Dieses, Serena, muß euer Dienst, eure Be schäftigung seyn. Denn so gewiß als GOtt nur ein GOtt ist, so gewiß ist es auch, daß er nur ein Geboth allen Menschen gegeben hat, sie mögen gebunden oder frey, reich oder arm seyn. Und dieses Geboth bestehet darinn, daß sie sich nach der Vortreflichkeit derjenigen Natur, die er ihnen gegeben hat, beeifern, der Vernunft gemäß leben, in dem Lichte der Religion wan deln, alle Dinge so, wie es die Weisheit befiehlt, gebrauchen, GOtt in allen seinen Gaben ver herrlichen, und ieden Stand des Lebens seinem Dienste widmen sollen. Dieses ist das eine allgemeine Geboth, wel ches GOtt allen Menschen gegeben hat. Habt ihr ein Amt, so seyd ihr verbunden, so vernünf tig, so fromm und heilig in Führung dieses Am tes zu leben; habt ihr aber Zeit und Glücks güter in eurer eignen Gewalt, so seyd ihr ver bunden, so vernünftig, so fromm und heilig, in Anwendung aller eurer Zeit und aller andrer Glücksgüter zu leben.
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Der richtige gottselige Gebrauch eines ieden Dinges, und einer ieden Fähigkeit, ist die unum gängliche Pflicht eines ieden Wesens, welches Recht und Unrecht zu erkennen fähig ist. Denn die Ursache, warum wir irgend et was so thun sollen, als ob wir es GOtt thäten, warum wir hier und da auf unsre Pflicht, und auf die Verbindung, in welcher wir mit ihm ste hen, sehen sollen, ist eben die Ursache, warum wir alles und iedes so thun sollen, als ob wir es GOtt thäten, warum wir überall auf unsre Pflicht und auf die Verbindung, in welcher wir mit ihm stehen, sehen sollen. Das, was den Grund abgiebt, warum wir in Führung aller unsrer Geschäfte weise und hei lig seyn sollen, ist auch zugleich der Grund, war um wir in Anwendung aller unsrer Gelder weise und heilig seyn sollen. Wie wir allezeit eben dieselbe Natur ha ben, wie wir überall Knechte eben desselben Gottes sind, wie seine Gegenwart einen Ort wie den an dern erfüllet, wie ein Ding, sowohl als das andre, sein Geschenk ist, so müssen wir auch allezeit der Vernunft unsrer Natur gemäß leben; wir müs sen alles und iedes als Knechte Gottes thun; wir müssen an iedem Orte, als in seiner Gegen wart leben; wir müssen iedes Ding so gebrau chen, wie etwas, das GOtt angehört, gebraucht werden muß. Diese Frömmigkeit, Weisheit und Andacht muß sich entweder auf allen Wegen des Lebens zeigen, und sich in dem Gebrauche aller und ie
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der Dinge äußern, oder sie hat mit keinem Stü cke des Lebens etwas zu thun. Wenn wir bey irgend einem Dinge, zu irgend einer Zeit, an irgend einem Orte, uns selbst oder GOtt vergessen, unsre Vernunft vernach läßigen, und nach eigner Phantasie leben dürf ten, so müßte es vergönnt seyn, ein gleiches bey iedem Dinge, zu ieder Zeit und an iedem Orte zu thun. Wenn sich daher manche Leute einbilden, daß sie zwar in der Kirche gesetzt und feyerlich seyn müßten, zu Hause aber läppisch und ausge lassen seyn dürften; daß sie zwar des Sonn tags nach gewissen Vorschriften leben müßten, die andern Tage aber, nach Gelegenheit, ver bringen dürften; daß sie zwar gewisse Zeiten dem Gebete widmen müßten, ihre übrige Zeit aber nach eignem Wohlgefallen anwenden dürf ten; daß sie zwar etwas Geld zu milden Wer ken bestimmen müßten, das übrige aber, wie sie nur selbst wollten, verschwenden dürften: so ha ben solche Leute das Wesen der Religion und die wahren Ursachen der Frömmigkeit nie genug überlegt. Denn der, welcher vernünftige Gründe angeben kann, warum man in der Kir che weise und himmlisch gesinnt seyn müsse, muß auch beweisen können, daß wir beständig eben diese Gesinnungen auch an allen andern Or ten haben sollen. Der, welcher gründlich weiß, warum er einige Zeit wohl anwenden soll, muß auch wissen, daß es durchaus nicht erlaubt sey, irgend einige Zeit schlecht zu verbringen. Der,
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welcher die Billigkeit und Vortreflichkeit der christlichen Milde gehörig einsieht, muß auch einsehen, daß es ganz und gar nicht vergönnt sey, irgend einen Theil unsers Geldes, in Stolz und Thorheit, mit unnöthigen Ausgaben zu ver schwenden. Denn ieder Grund, welcher die Weisheit und Vortreflichkeit der christlichen Milde beweiset, beweiset zugleich, daß es weise gehandelt sey, wenn wir alle unsre Glücksgüter wohl anwen den. Jeder Grund, aus welchem erhellet, daß es weise und vernünftig sey, gewisse Zeiten dem Gebete zu bestimmen, zeiget zugleich, daß es eben so weise und vernünftig sey, nicht den geringsten Theil unsrer Zeit zu verlieren. Wenn iemand beweisen könnte, daß wir eben nicht immer, als vor dem Angesichte Gottes, handeln dürften; daß wir eben nicht iedes Ding, als ein Geschenk Gottes, ansehen und brauchen dürften; daß wir eben nicht allezeit nach der Vernunft leben und die Religion zur Vorschrift aller unsrer Handlungen machen dürften: so wür de er zu gleicher Zeit bewiesen haben, daß wir nie mals, als vor dem Angesichte Gottes handeln, und bey keiner unsrer Handlungen Vernunft und Religion zur Richtschnur nehmen dürften. Wenn wir daher zu irgend einer Zeit, oder an ir gend einem Orte vor GOtt leben müssen, so müssen wir zu allen Zeiten und an allen Orten vor ihm leben. Wenn wir irgend etwas als ein Geschenk Gottes brauchen müssen, so müssen wir alles und iedes als ein Geschenk von ihm brauchen. Wenn
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wir irgend etwas nach den strengen Regeln der Vernunft und Frömmigkeit verrichten müssen, so müssen wir alles und iedes auf eben diese Art verrichten. Denn Vernunft, und Weisheit und Frömmigkeit sind eben so wohl zu allen Zeiten und an allen Orten das Beste, als sie zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten das Beste sind. Wenn unsre Ehre und Glückseligkeit darinne besteht, daß wir eine vernünftige Natur ha ben, welche mit Weisheit und Verstand begabet, und die göttliche Natur nachzuahmen fähig ist; so fordert es unsre Ehre und Glückseligkeit, un sern Verstand und unsre Weisheit immer voll kommner zu machen, nach der Vortreflichkeit unsrer vernünftigen Natur zu handeln, und GOtt in allen unsern Handlungen, so weit es unsre Kräfte zulassen, nachzuahmen. Diejeni gen also, welche die Religion auf gewisse Zei ten und Orte, auf wenige kleine Regeln in der Einsamkeit einschränken, welche glauben, es sey zu strenge und zu hart, wenn man die Religion auch in das gemeine Leben einfüh ren, und von ihr Vorschriften zu allen unsern Handlungen und Lebensarten nehmen wollte, diese, sage ich, verkennen die Religion, verken nen das ganze Wesen der Religion. Denn diejenigen verkennen sicherlich das ganze We sen der Religion, welche glauben können, ein Theil ihres Lebens habe mehr oder weniger mit ihr zu thun, als der andre. Diejenigen ver kennen sicherlich das ganze Wesen der Weis
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heit, welche es nicht für begehrenswürdig halten, allezeit weise zu seyn. Der weiß von dem We sen der Frömmigkeit nichts, welchem es zu viel dünkt, in allen seinen Handlungen fromm zu seyn. Der muß es nicht hinlänglich wissen, was Vernunft ist, welcher nicht ernstlich ver langt, in allen Dingen ihr gemäß zu leben. Wenn wir eine Religion hätten, welche voller abgeschmackten Aberglauben wäre, und wobey die Vollkommenheit unsrer Natur nicht in Be trachtung käme, so könnte sich der gemeine Hauf fe mit Recht freuen, wenn dieser oder jener Theil des Lebens mit ihr nichts zu thun hätte. Da aber die Religion des Evangelii nichts als die Verbesserung und Erhöhung unsrer besten Fähigkeiten ist, da sie ein höchst vernünftiges Leben verlangt, da sie von uns fordert, daß wir die Welt nur so brauchen sollen, wie sie nach der Vernunft gebraucht werden muß, daß wir nach solchen Neigungen leben sollen, die einem vernünftigen Wesen zur Ehre gereichen können, daß wir in solcher Weisheit, die unsre Natur zu erhöhen vermag, wandeln und solche Fröm migkeit, als uns zu GOtt erhebet, ausüben sol len: wer kann es für beschwerlich halten, alle zeit in dem Geiste einer solchen Religion zu le ben, und ieden Theil seines Lebens mit ihr zu er füllen, als nur der, welcher es noch für weit be schwerlicher halten würde, so zu seyn, als die Engel Gottes im Himmel? Ferner; so wie GOtt ein und eben dasselbe Wesen ist, und allezeit sich selbst gleich und nach
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seiner ihm eignen Natur handelt, so ist es auch die Pflicht eines ieden Wesens, das er erschaf fen hat, nach der Natur, die er ihm ertheilet, zu leben, und allezeit sich selbst gleich zu handeln. Es ist daher ein unveränderliches Gesetz Got tes, daß alle vernünftige Wesen in allen ihren Handlungen vernünftig handeln sollen; nicht blos zu dieser Zeit, oder an ienem Orte, nicht blos bey dieser Gelegenheit oder in dem Ge brauche irgend eines Dinges insbesondre, son dern zu allen Zeiten, an allen Orten, bey allen Gelegenheiten, und in dem Gebrauche aller Din ge. Dieses ist ein Gesetz, welches eben so un veränderlich ist, als GOtt selbst, und kann eben so wenig aufhören zu verbinden, als GOtt auf hören kann, ein GOtt der Weisheit und Ord nung zu seyn. Wenn daher irgend ein Wesen, welches mit Vernunft begabet ist, zu irgend einer Zeit, oder an irgend einem Orte, etwas unvernünftiges thut, so sündiget es wider das große Gesetz sei ner Natur, schändet sich selbst, und sündiget wider GOtt, welcher der Urheber dieser seiner Natur ist. Diejenigen folglich, welche irgend eine Eitel telkeit, thörichte Mode, Gewohnheit und Neigung der Welt, irgend einen Mißbrauch un serer Zeit und unsers Geldes vertheidigen, ver theidigen eine Empörung wider unsre eigne Na tur, eine Empörung wider GOtt, welcher uns die Vernunft zu keinem andern Ende gegeben
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hat, als daß wir sie auf allen Wegen unsers Le bens zur Regel und Richtschnur machen sollen. Wenn ihr also irgend einer Thorheit oder Ausschweiffung schuldig seyd, oder irgend ei ner übeln Neigung nachhängt, so sehet dieses nicht als eine geringe Sache an, wie es vielleicht, in Vergleichung mit andern Sünden, scheinen möchte; sondern sehet es als etwas an, wodurch ihr eurer Natur zuwider handelt, und alsdenn werdet ihr erkennen, daß nichts gering ist, was unvernünftig ist. Denn alle unvernünftige Handlungen sind der Natur aller vernünftigen Wesen, so wohl der Menschen als Engel, zu wider, und weder diese noch jene sind GOtt län ger angenehm, als so lange sie der Vernunft und Vortreflichkeit ihrer Natur gemäß handeln. Die Schwachheiten des menschlichen Lebens machen, daß wir Speise und Kleidung nö thig haben, welche die Engel nicht brauchen. Es ist uns aber eben so wenig erlaubt, diese Nothwendigkeiten in Thorheiten zu verkehren, und der Wollust im Essen und Trinken, oder der Eitelkeit in der Kleidung nachzuhängen, als es den Engeln erlaubt ist, etwas zu thun, was unter der Würde ihres eignen Standes ist. Denn ein vernünftiges Leben und ein weiser Gebrauch der Umstände, in welchen wir uns be finden, ist eben so wohl die Pflicht aller Men schen, als es die Pflicht aller Engel und ver nünftigen Wesen ist. Es sind dieses nicht lee re abgesonderte Begriffe, oder fruchtlose Einbil
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dungen, sondern es sind die klaren und un leugbaren Gesetze, welche in der Natur der vernünftigen Wesen gegründet sind, die als sol che nach der Vernunft leben, und GOtt durch einen beständigen rechten Gebrauch aller ihrer Gaben und Fähigkeiten verherrlichen sollen. Und obschon die Menschen keine Engel sind, so können sie doch aus der Betrachtung des Stan des und der Vollkommenheit der Engel lernen, zu welchem Ende und nach was für Regeln sie leben und handeln sollen. Auf diese Seite hat unser Heiland offenbar unsre Gedanken zu rich ten gesucht, indem er die Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden, zu einem beständigen Stücke unsers Gebets gemacht hat. Ein klarer Beweis, daß der Gehorsam der Menschen dem Gehorsame der Engel nachahmen soll, und die vernünfti gen Wesen auf der Erde eben so wohl vor GOtt leben müssen, als die vernünftigen Wesen im Himmel. Wenn ihr euch also in euren Gedanken vor stellen wollt, wie die Christen vor GOtt leben, und in welchem Grade der Weisheit und Heilig keit sie die Dinge dieses Lebens brauchen sollen, so müßt ihr nicht auf die Welt, sondern auf GOtt und auf die Gemeinschaft der Engel sehen, und überlegen, wie viel Weisheit und Heiligkeit hinlänglich sey, euch zu einem solchen Stande der Herrlichkeit vorzubereiten. Ihr müßt auf alle die erhabensten Gebothe des Evangelii se hen, ihr müßt euch selbst nach dem Geiste Christi
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prüfen, ihr müßt euch vorstellen, wie die wei sesten Menschen in der Welt gelebt haben, ihr müßt überlegen, wie abgeschiedene Seelen leben würden, wenn sie das kurze menschliche Le ben noch einmal anfangen könnten, ihr müßt erwägen, was für einen Grad der Weisheit und Heiligkeit ihr euch selbst, in dem Augenblicke, da ihr die Welt verlassen müßt, wünschen wolltet. Es heißt dieses nicht, die Sache übertreiben, oder sich eine unnöthige Vollkommenheit vorstel len. Es ist weiter nichts, als den Rath des Apostels Statt finden lassen, wenn er sagt: Endlich, lieben Brüder, was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem den ket nach. Denn niemand kann sich der Leh re dieser Stelle nähern, als der, welcher sich vor setzt, alles und iedes in diesem Leben als ein Knecht Gottes zu thun, in allem, was er thut, nach der Vernunft zu leben, und die Weisheit und Heiligkeit des Evangelii zur Regel und Richtschnur bey Begehrung und Anwendung ei ner ieden Gabe Gottes zu machen.
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Sechstes Hauptstück. Wie nothwendig und nützlich es sey, einen weisen und heiligen Gebrauch von unserm Vermögen, und unsern Glücks gütern zu machen.

------------------------------ So wie die Heiligkeit des Christenthums al le Aemter und Geschäfte des Lebens GOtt widmet, so wie sie uns befiehlt, nach einem allgemeinen Gehorsame zu streben, und alles und iedes, als Knechte Gottes, zu thun und zu brau chen; eben so sind wir, noch ins besondrere, ver bunden, diese religiöse Strenge bey dem Ge braucheunsers<Gebrauche unsers> Vermögens und unsrer Glücks güter zu beobachten. Die Ursache hiervon zeigt sich ganz klar, wenn wir nur überlegen, daß unser Vermögen eben sowohl ein Geschenk Gottes ist, als unsre Au gen oder unsre Hände, und daß es eben so we nig vergraben, oder nach Gutbefinden verschwen det werden darf, als wir uns die Augen aus reißen, oder andre Glieder, nach unserm Gefal len, verstümmeln dürfen. Doch, außer dieser Betrachtung, finden sich noch verschiedene andre große und wichtige Ur sachen, warum wir bey Anwendung unsers Vermögens eine strenge Heiligkeit beobachten müssen. Erstlich, weil die Art, wie wir unser Geld ausgeben, oder unser Vermögen anlegen, einen
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so starken Einfluß in das Geschäfte eines ieden Tages hat, und einen so großen Theil unsers gemeinen Lebens ausmacht, daß unser gemei nes Leben größten Theils von eben der Be schaffenheit seyn muß, von welcher unsre ge meine Art und Weise ist, auf die wir un ser Vermögen anlegen. Wenn uns Vernunft und Religion in diesem Stücke regiren, so haben Vernunft und Religion schon viel über uns ge wonnen; allein wenn Eigensinn, Stolz und Einbildung die Regeln bey Anwendung un sers Vermögens sind, so werden Eigensinn, Stolz und Einbildung die Herrschaft über den größten Theil unsers Lebens haben. Zweytens ist eine andre große Ursache, war um wir unser ganzes Vermögen zu keinem an dern als heiligem Gebrauche widmen sollen, diese, weil es zu den vortreflichsten Absichten kann gebraucht werden, und ein vorzügliches Mittel, gutes zu thun, ist. Wenn wir es verschwenden, so verschwenden wir nicht eine Nichtswürdigkeit welche wenig auf sich hat, sondern wir verschwen den das, wodurch wir dem Blinden die Augen, den Wittwen ihre Gatten, den Waysen ihre Väter hätten ersetzen können. Wir verschwen den das, was uns nicht allein geschickt macht, denen, die im Elende sind, mit weltlicher Hülfe beyzustehen, sondern das, wodurch wir uns selbst ewige Schätze im Himmel sammeln können. Wenn wir uns also unsers Geldes auf thörichte Weise entschlagen, so entschlagen wir uns sehr wichtiger Mittel, unsern Nebengeschöpfen bey
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zustehen, und uns selbst auf ewig glücklich zu machen. Wenn nichts so rühmlich ist, als gutes thun, wenn nichts ist, was uns GOtt so ähnlich ma chen könne; so kann bey dem Gebrauche unsers Geldes nichts rühmlicher seyn, als wenn wir es ganz und gar zu Werken der Liebe und Milde anwenden, und uns zu Freunden, Vätern und Wohlthätern unsrer Nebengeschöpfe machen, indem wir die göttliche Liebe nachahmen und al le unser Vermögen zu Handlungen der Groß muth, Sorgfalt und Leutseligkeit, für die, welche es nöthig haben, widmen. Wenn iemand Augen, Hände und Füße hätte, die er denen, welchen sie fehlten, geben könnte, und er wollte sie lieber in einen Kasten verschließen, oder für sich selbst einen unnöthi gen und lächerlichen Gebrauch davon ma chen, anstatt daß er sie seinen blinden und lah men Brüdern gäbe, würden wir ihn nicht für den unmenschlichsten Bösewicht halten? Wenn er lieber sein Haus mit diesen Dingen auspu tzen, als sie denen, welchen Augen und Hän de fehlten, geben und sich dadurch den Anspruch auf eine ewige Belohnung erwerben wollte, würden wir ihn nicht mit Recht für unsinnig halten? Nun aber kann das Geld ziemlich den Man gel der Augen und Füße ersetzen; und wenn wir es also entweder in die Kasten verschließen, oder es durch unnöthige und lächerliche Ausgaben verschwenden, inzwischen da es den
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Armen und Elenden zu den Nothwendigkeiten des Lebens mangelt, wenn wir es zu lächerli chen Zierrathen des Putzes anwenden, inzwi schen da andre nackend erstarren: so sind wir nicht weit von der Grausamkeit desjenigen ent fernt, welcher sein Haus lieber mit Händen und Augen meubliren, als sie denen, welchen sie fehlen, geben wollte. Wenn wir uns lieber kostbare Ergötzlichkeiten, welche keinen wirkli chen Nutzen haben, und auch keinem wirkli chen Mangel abhelfen, verschaffen, als, durch guten Gebrauch unsers Geldes, einen Anspruch auf eine ewige Belohnung erwerben wollen; so machen wir uns der Unsinnigkeit desjenigen schuldig, welche Augen und Hände lieber ver schließen, als sie denen, welchen sie fehlen, geben und sich dadurch auf ewig glückselig machen wollte. Denn wenn wir unsre eigne Nothdurft, so weit es Vernunft und Mäßigkeit erfordern, befriediget, so ist unser übriges Geld alle gleich Augen und Händen, die man sparen will; es ist etwas, das wir, ohne einen thörichten Ge brauch davon zu machen, nicht selbst behalten können; etwas, das man nur alsdenn wohl an wendet, wenn man es denen giebt, welchen es mangelt. Drittens; wenn wir unser Geld verschwen den, so machen wir uns nicht blos der Ver schwendung eines Pfundes, welches uns GOtt gegeben, nicht blos der Unbrauchbarmachung eines so kräftigen Mittels, gutes zu thun, schul
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dig, sondern wir thun uns auch noch diesen Schaden, daß wir ein so nützliches Pfund in ein kräftiges Mittel, uns selbst zu verderben, verkehren; denn es kann nur so fern übel an gewendet werden, als es zu Befriedigung dieser oder jener übeln Neigung, zu Stillung die ser oder jener unvernünftigen Begierde, zu Beobachtung der Moden und zu Ausübung des weltlichen Stolzes angewendet wird, welchen wir, als Christen und vernünftige Menschen, entsagen sollen. So wie Witz und feine Gemüthsgaben nicht blos verlohren gehen, sondern diejenigen, welche sie besitzen, größern Thorheiten bloß stel len, wenn sie der Frömmigkeit nicht auf das ge naueste gewidmet werden; so geht auch das Geld, wenn es nicht der Vernunft und Reli gion vollkommen gemäß angewendet wird, nicht blos verlohren, sondern es wird auch seine Be sitzer zu größern Thorheiten verleiten, und ma chen, daß sie ein weit abgeschmackter und aus schweifender Leben führen, als sie ohne dasselbe würden geführt haben. Wenn ihr daher euer Geld nicht dazu anwendet, daß ihr andern gutes thut, so könnt ihr es nicht anders, als zu eurem eignem Nachtheile anwenden. Ihr werdet gleich einen Menschen handeln, welcher einem kranken Freunde etwas zur Herzstärkung versa get, ob er es gleich selbst nicht trinken kann, ohne sein Blut zu entzünden. Denn nicht anders ist es mit dem überflüßigen Gelde beschaffen; wenn ihr es denen gebt, die daran Mangel ha
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ben, so ist es eine Herzstärkung; verwendet ihr es aber für euch selbst an unnöthige Din ge, so entzündet und verwirret es euer Gemüth und macht euch weit schlimmer, als ihr ohne das selbe würdet gewesen seyn. Betrachtet noch einmal die vorerwehnte Ver gleichung; wenn der Mensch, welcher von den mehrern Händen und Augen, die er weggeben könnte, den gehörigen Gebrauch nicht machen wollte, dadurch, daß er es unaufhörlich ver suchte, sie selbst zu brauchen, seine eignen Augen und Hände verdürbe, würden wir ihn nicht mit Recht einer noch weit größern Unsinnigkeit be schuldigen können? Nun aber hat es mit den Reichthümern, die wir für uns selbst mit eiteln und unnöthigen Ausgaben verschwenden, vollkommen eben diese Bewandtniß; wenn wir sie da, wo sie keinen wirklichen Nutzen haben, und auch keinem wirklichen Mangel abhelfen, zu brauchen su chen, so brauchen wir sie zu unserm größten Scha den, indem sie unvernünftige Begierden hervor bringen, üble Neigungen unterhalten, unsern Leidenschaften schmeicheln, und die weltliche und eitle Gemüthsart bestärken. Denn herrliches Essen und Trinken, feine Kleider, schöne Häuser, Pracht und Staat, lustige Zeitver treibe und Ergötzungen, verderben insge samt natürlicher Weise unsre Herzen; sie sind die Nahrung aller Thorheiten und Schwachhei ten unsrer Natur, und die gewissen Mittel, uns in allen unsern Neigungen eitel und weltlich zu
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machen. Sie unterstützen alle etwas, was nicht unterstützt werden sollte; sie sind alle der Mäßigkeit und Frömmigkeit des Herzens zuwi der, die uns allein das, was göttlich ist, ange nehm machen müssen; sie sind gleich eben so vie len Gewichten, welche unsern Geist belästigen, und ihn weniger geschickt und weniger geneigt machen, unsre Gedanken und Neigungen zu dem, was droben ist, zu erheben. Das Geld also, welches so angewendet wor den, ist nicht blos verschwendet und ver lohren, sondern es ist zu bösen Absichten und zu elenden Wirkungen angewendet; es ist dazu angewendet, daß es unsre Herzen verderben und verwirren und uns unfähiger machen soll, nach den erhabenen Lehren des Evangelii zu leben. Es ist nichts anders, als den Armen Geld vor enthalten, um sich selbst Gift dafür zu kaufen. Denn so viel man desselben auf die Eitelkeit des Putzes verwendet, so viel muß man auf die Befestigung der Eitelkeit in unsern Gemüthern verwendet zu haben glauben. So viel man des selben für Beqvemlichkeit und Wohlleben ausgiebt, so viel wird man, unsre Herzen stumpf und sinnlich zu machen, ausgegeben haben. So viel man desselben mit Pracht und Staat verthut, so viel muß man, unsre eignen Augen zu verblenden, und uns zum Abgott unsrer eignen Einbildungskraft zu machen, verthan zu haben glauben. Und so ist es mit allen Din gen; wenn ihr weiter darinn geht, als es die Nothdurft erfordert, so unterhaltet ihr blos da
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mit diese oder jene unvernünftige Neigung, die se oder jene Gemüthsart, der ein guter Christ zu entsagen verbunden ist. Wir mögen also unser Vermögen entweder als ein von GOtt uns anvertrautes Pfund be trachten, oder wir mögen das viele Gute, wel ches wir damit stiften können, in Erwegung zie hen, oder wir mögen den großen Schaden bedenken, der uns aus dem übeln Gebrauche des selben zuwachsen kann; es erhellt aus einem wie aus dem andern, daß es durchaus nothwendig ist, Vernunft und Religion zur strengen Richt schnur bey dem Gebrauche unsrer Glücksgüter zu machen. Jede Ermahnung in der Schrift, weise und vernünftig zu seyn, und nur diejenigen Noth dürftigkeiten zu befriedigen, welche GOtt be friediget wissen will; iede Ermahnung, geistlich und himmlisch zu seyn, und nach der herrlichen Verklärung unsrer Natur zu trachten; iede Er mahnung, unsern Nächsten als uns selbst, und das ganze menschliche Geschlecht so zu lieben, wie es GOtt geliebet hat, ist ein Geboth, unser Geld nach der strengsten Heiligkeit zu gebrauchen. Denn es kann keiner von diesen Ermahnungen nachgekommen werden, wenn wir nicht bey dem Gebrauche unsrer Glücksgüter, durch brüderliche Liebe und durch Barmherzigkeit, die der Barm herzigkeit Gottes gleich ist, weise und vernünf tig, geistlich und himmlisch zu seyn trachten. Diese Eigenschaften und dieser Gebrauch unsrer weltlichen Güter ist die durchgängige Lehre des
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ganzen neuen Testaments, so daß man nicht ein einziges Hauptstück finden wird, in welchem nicht etwas davon eingeschärft werden sollte. Ich will nur eine merkwürdige Stelle anführen, welche alles, was ich von dem gottseligen Ge brauche unsrer Glücksgüter gesagt habe, hinläng lich rechtfertigen wird. Wenn aber des Menschen Sohn kom men wird in seiner Herrlichkeit und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammlet werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet; und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird denn der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines Va ters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beher berget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank ge wesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seyd zu mir kommen. — Denn wird er auch sa gen zn denen zur Linken: gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige
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Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewe sen und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast ge wesen, und ihr habt mich nicht beherber get. Ich bin nakend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. — Und sie werden in die ewige Pein eingehen, aber die Ge rechten in das ewige Leben. Ich habe diese Stelle deswegen nach der Län ge angeführt, weil man, wenn man den Lauf der Welt betrachtet, schwerlich glauben sollte, daß dieses Stück der Schrift iemals von Chri sten gelesen worden. Denn was findet man in dem Leben unsrer Christen, welches nur darnach aussähe, als ob ihre Seligkeit von diesen guten Werken abhienge? Und gleichwohl wird die Nothwendigkeit derselben hier auf das nach drücklichste erhärtet, und uns durch die lebhafteste Beschreibung der Herrlichkeit und der Schreck nisse des letzten Tages eingepräget. Es giebt Leute, selbst unter denen, welche noch tugendhafte Christen heißen können, die diese Schriftstelle blos als eine allgemeine Anpreisung gelegentlicher Werke der Mildigkeit betrachten; da sie doch nicht blos die Nothwendigkeit gele gentlicher Liebeswerke, die nur dann und wann ver richtet werden, sondern die Nothwendigkeit eines so milden ganzen Lebens, die Nothwendigkeit
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einer unaufhörlichen Aüsübung<Ausübung> aller in unserm Vermögen stehenden Werke der Liebe beweiset. Ihr sehet, daß ihr keinen Anspruch auf die Seligkeit machen könnt, wenn ihr diese guten Werke verabsäumet habt, denn die, die sie ver absäumet haben, sollen an dem Tage des Gerichts zur Linken gestellt und mit einem gehet hin ihr Verfluchten weggewiesen werden. Ohne Voll bringung dieser guten Werke ist also keine Selig keit zu hoffen. Wer ist aber der, von welchem man sagen kann, daß er diese guten Werke voll bracht habe? Ist es der, welcher irgend ein mal einem Kranken beygestanden, oder einem Ar men oder Gefangenen geholfen hat? Dieses würde eben so abgeschmackt seyn, als wenn man sagen wollte, daß der die Pflichten der Andacht beobach tet habe, welcher irgend einmal sein Gebet verrich tet. Ist es der, welcher zu verschiedenen ma len diese Werke der Liebe ausgeübet? Das läßt sich eben so wenig sagen, als man sagen kann, daß der ein wirklich gerechter Mann sey, welcher zu verschiednen malen die Gerechtigkeit in seinen Handlungen beobachtet. Was ist denn nun also die eigentliche Regel, das eigentliche Maaß, nach welchem wir diese guten Werke ver richten sollen? Wie kann ein Mensch gewiß seyn, daß er sie so ausgeübet, wie sie ausgeübet wer den sollen? Diese Regel ist ganz deutlich und leicht, und ist eben die, welche die Mildigkeit mit allen andern Tugenden, oder guten Neigungen gemein hat. — Wer ist ein demüthiger, leut
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seliger, frommer, gerechter oder gläubiger Mann? Ist es der, welcher dann und wann demüthig, leutselig, fromm, gerecht oder dem Glauben ge mäß gehandelt hat? Nein. Sondern der ist es, welcher in Ausübung dieser Tugenden eine Fertigkeit erlangt hat. Auf gleiche Weise kann man nur von dem sagen, daß er diese Wer ke der Liebe verrichtet, welcher, so weit es seine Kräfte zulassen, in beständiger Ausübung derselben gelebt. Nur der hat die Pflicht der göttlichen Liebe erfüllet, welcher GOtt von gan zem Herzen, von ganzem Gemüthe, und von allen Kräften liebt. Und nur der hat die Pflicht dieser guten Werke erfüllet, welcher sie von ganzem Herzen, von ganzem Gemüthe und nach allen Kräften ausgeübet hat. Denn das Maaß, wie viel wir Gutes thun sollen, wird allein durch das Vermögen, wie viel wir Gutes thun können, bestimmt. Der Apostel Petrus legte unserm Heilande die Frage vor: Herr wie oft muß ich mei nem Bruder, der an mir sündiget, verge ben? Ists genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: ich sage dir nicht siebenmal, son dern siebzigmal siebenmal. [Matth. XVIII. 21. 22]. Dieses ist nicht so zu verstehen, als ob, nach dieser Anzahl von Beleidigungen, ein Mensch zu vergeben aufhören dürfe; sondern der Ausdruck siebzigmal siebenmal, soll uns nur anzeigen, daß wir unsre Vergebung in keine Anzahl von Beleidigungen einschränken, son dern ohne Unterlaß vergeben sollen, wenn wir
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auch noch so oft beleidiget worden. Eben so sagt unser Heiland an einem andern Orte: und wenn dein Bruder siebenmal des Tages an dir sündigen würde, und siebenmal des Tages wiederkäme zu dir, und sprä che, es reuet mich; so sollt du ihm verge ben. [Luc. XVII. 4]. Wenn derohalben ie mand seinem Bruder nicht mehr vergeben will, weil er ihm schon oft vergeben hat; wenn er deswegen diesem zu vergeben nicht nöthig zu ha ben glaubt, weil er schon verschiednen andern vergeben hat: so übertritt er das Gesetz Christi, betreffend die Vergebung gegen unsre Brüder. Nun ist aber die Regel des Vergebens, auch die Regel des Gebens; ihr sollt nicht nur siebenmal geben oder Gutes thun, sondern siebzigmal siebenmal. Ihr sollt deswegen mit Geben nicht aufhören, weil ihr eben dersel ben Person, oder andern Personen schon oft ge geben habt; sondern ihr müßt glauben, daß ihr eben sowohl verbunden seyd, denen noch immer fort beyzustehen, die eures Beystandes noch im merfort bedürfen, als ihr verbunden waret, ih nen ein oder zweymal beyzustehen. Hättet ihr nicht die Kräfte gehabt, so wäret ihr entschuldi get gewesen, wenn ihr auch keinem ein einzi gesmal beygestanden hättet; da ihr aber die Kräfte habt, eurem Nächsten oft beyzustehen, so ist es eben sowohl eure Pflicht, es oft zu thun, als es andrer ihre Pflicht ist, es selten zu thun, weil sie nur selten dazu geschickt sind. Wer nicht bereit ist, seinem Bruder so
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oft zu vergeben, als dieser seine Vergebung nö thig hat, der vergiebt nicht als ein Jünger Chri sti. Und der, welcher nicht bereit ist, einem ie dem Bruder zu geben, dem es Noth thut, daß ihm etwas gegeben werde, der giebt nicht als ein Jünger Christi. Denn es ist eben so noth wendig, siebzigmal siebenmal zu geben, und in der beständigen Ausübung aller guten Werke, so weit es unsre Kräfte zulassen, zu leben, als es nothwendig ist, siebzigmal siebenmal zu ver geben, und diese Bereitwilligkeit, einem ieden un srer Beleidiger zu vergeben, beständig wirksam seyn zu lassen. Und die Ursache hiervon ist ganz deutlich; weil nehmlich milde und barmherzig seyn, zu ei ner Zeit so gut, so vortreflich und so noth wendig ist, als zur andern. Wir machen eben sowohl den besten Gebrauch von unserm Gelde, wenn wir beständig Gutes damit thun, als wenn wir es nur zu manchen Zeiten thun; so daß eben der Grund, welcher uns zu einer milden und barmherzigen Handlung antreibet, uns auch zu einem milden und barmherzigen Leben antreiben muß. Eben der Grund, wel cher uns antreibt, eine Beleidigung zu vergeben, muß uns auch antreiben, alle Beleidigungen zu vergeben. Denn nichts kann so ein Werk der Liebe auf heute anpreisen, es muß es zugleich auch auf morgen anpreisen; und wenn ihr es einmal verabsäumet, so macht ihr euch eben der Sünde schuldig, als wenn ihr es ein andermal verabsäumet hättet.
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So gewiß also diese Werke der Liebe zur Se ligkeit nothwendig sind, so gewiß ist es auch, daß wir sie nach unsern äußersten Kräften aus üben müssen; nicht blos heute, oder morgen, sondern unser ganzes Leben hindurch. Wenn es also einmal unsre Pflicht ist, irgend einer unnöthigen Ausgabe zu entsagen, und mäßig und sparsam zu seyn, damit man den Dürfti gen etwas zu geben habe; so muß es auch eben so wohl unsre Pflicht seyn, beständig so zu ver fahren, damit wir ie länger ie mehr Gutes thun können. Denn wenn es einmal Sünde ist, un nöthige eitle Ausgaben Werken der Mildig keit vorzuziehen, so ist es allezeit Sünde; weil die Mildigkeit alle unnöthigen und eiteln Aus gaben einmal so gut übertrift, als das andre: so daß wenn es einmal zu unsrer Seligkeit noth wendig ist, um diese Werke der Liebe besorgt zu seyn, und zuzusehen, daß wir geschickt werden mögen, sie in einigem Grade auszuüben; es auch eben so wohl zu unsrer Seligkeit nothwen dig ist, uns so geschickt darinn zu machen, als wir nur können, und alle Theile unsers Lebens damit zu erfüllen. Ihr müßt also entweder eurem Christenthu me so völlig entsagen, daß ihr kein einziges von diesen guten Werken nöthig zu haben behauptet; oder ihr müßt zugestehen, daß ihr schuldig seyd, sie euer ganzes Leben hindurch, in dem höchsten Grade, als euch nur möglich ist, auszuüben. Man kann hier keine Mittelstraße wählen, eben so wenig als eine Mittelstraße zwischen Stolz
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und Demuth, zwischen Mäßigkeit und Unmäs sigkeit giebt. Wenn ihr euch nicht bestrebet, alle Werke der Liebe auszuüben, wenn ihr ir gend eines, das in eurem Vermögen stehet, ver nachläßiget, und dem Dürftigen etwas zu ge ben versagt, was ihr ihm geben könntet, er sey wer er wolle, es sey was es wolle, so rechnet euch nur selbst unter die, welchen die christliche Liebe feh let; denn es ist eben sowohl eure Pflicht, mit allem, was ihr habt, Gutes zu thun, und in ei ner beständigen Ausübung guter Werke zu leben, als es eure Pflicht ist, in allem, was ihr esset und trinket, mäßig zu seyn. Hieraus also erhellet die Nothwendigkeit, al len den thörichten und unvernünftigen Aus gaben zu entsagen, welche der Stolz und die Thorheit der Menschen so gemein und gewöhn lich in der Welt gemacht haben. Denn wenn es nothwendig ist, so viel gute Werke zu thun, als ihr nur thun könnt, so muß es eben so nothwendig seyn, allen unnöthigen Verschwen dungen des Geldes zu entsagen, die euch außer Stand setzen, Werke der christlichen Liebe zu verrichten. Ihr müßt euch also nach diesem Lauffe der Welt eben so wenig richten, als ihr euch nach den Lastern der Welt bequemen dürft; ihr müßt eben so wenig mit denen verschwenden, die ihr Geld, wie es ihnen einkömmt, auf das thörichste verthun, als ihr mit den Trunkenbolden trinken, oder mit den Epikurern schwelgen dürft; denn dergleichen Ausgaben können eben so wenig mit
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einem milden und barmherzigen Leben be stehen, als übermäßiges Trinken mit einem nüchtern Leben bestehen kann. Wenn euch also iemand die Zuläßigkeit eines theuren An zuges behaupten, oder es für unschuldig erklären will, daß ihr an kostbaren Ergötzlichkeiten Ver gnügen findet, so bildet euch nur ein, als wenn euch eben diese Person sagte, ihr dürftet gar kei ne Werke der Liebe thun, Christus verlange gar nicht, daß ihr euren armen Brüdern Gutes er weisen sollt, als ob ihr es ihm erwieset; und als denn werdet ihr die Nichtigkeit eines solchen Vorgebens gar bald einsehen; denn es ist einer ley, ob man euch sagt, daß ihr solchen Auf wand machen dürft, bey welchem euch die Aus übung guter Werke unmöglich fällt, oder ob man euch sagt, daß ihr euch um diese guten Werke selbst gar nicht zu bekümmern habt.
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Siebendes Hauptstück. Wie sehr der thörichte Gebrauch des Reichthums alle Neigungen des Gemüths verderbe, und das Herz mit armseligen und lächerlichen Leidenschaften, das ganze Leben hindurch, erfülle, wird in dem Charakter der Flavia vorgestellt.

------------------------------ Es ist bereits angemerkt worden, daß wir alle Sorgfalt anwenden müssen, einen klugen und heiligen Gebrauch von unserm Gelde oder Reichthume zu machen, weil die Art, wie wir unsern Reichthum anwenden, einen so großen Theil des gemeinen Lebens ausmacht, und so sehr die Beschäftigung eines ieden Tages ist, daß, nach dem wir in diesem Stücke weise oder thö richt sind, auch unser ganzer Lebenswandel weise oder thöricht seyn wird. Es wundern sich oft Leute, welche gegen die Religion wohl gesinnet sind, und die Lehren der Frömmigkeit mit Zufriedenheit und Vergnü gen aufnehmen, wie es doch zugehe, daß sie in der Religion, welche sie so sehr bewundern, keine größern Progressen machen. Die Ursache nun hiervon ist diese; weil die Religion blos in ihrem Kopfe lebt, und etwas ganz anders von ihrem Herzen Besitz genom men hat. Sie lernen also von Jahr zu Jahr die Frömmigkeit mehr bewundern und erhe=
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ben, ohne iemals zu der Wirklichkeit und Voll kommenheit ihrer Gebothe zu gelangen. Fragt man aber, warum die Religion nicht Besitz von ihrem Herzen nehmen kann, so ist die ses die Ursache. Es kömmt nicht daher, weil sie in groben Sünden oder Ausschweifungen leben; denn vor solchen Vergehungen bewahret sie ihre Achtung gegen die Religion. Sondern es kömmt daher, weil ihre Herzen beständig durch den unvorsichtigen Gebrauch vor sich er laubter Dinge, beschäftiget, verkehret und in einer falschen Richtung erhalten werden. Die Nutzung und der Gebrauch ihres Reich thums ist erlaubt, und daher kömmt es ihnen gar nicht in die Gedanken, daß sie von dieser Seite viel zu befürchten haben sollten. Sie überlegen nie, daß es einen eiteln und thörich ten Gebrauch ihrer Reichthümer giebt, welcher das Herz, ob er es gleich nicht, wie grobe Sün den verwüstet, doch in solche Unordnung bringt, und es in der Sinnlichkeit und Träg heit, in dem Stolze und der Eitelkeit so be festiget, daß es unfähig wird, den Geist und das Leben der Frömmigkeit anzunehmen. Denn unsre Seelen können, blos durch den Gebrauch unschuldiger und erlaubter Din ge, einen unendlichen Schaden leiden und zu al len Tugenden ungeschickt gemacht werden. Was ist unschuldiger, als Ruhe und Ein gezogenheit; und was ist gleichwohl gefährli cher, als Trägheit und Faulheit? Was ist er laubter, als Essen und Trinken; und was ist
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gleichwohl tödtlicher für alle Tugenden und fruchtbarer an allen Lastern, als Sinnlichkeit und Schwelgerey? Wie erlaubt und preiswürdig ist die Sor ge für eine Familie; und wie viele werden gleich wohl, durch ein weltliches und sorgenvolles Ge müth, zu allen Tugenden untüchtig gemacht? Es liegt also blos an dem Mangel einer heili gen Sorgfalt bey dem Gebrauche dieser un schuldigen und erlaubten Dinge, daß die Religion nicht zu dem Besitze unsrer Herzen ge langen kann. Und eben in unserm richtigen und klugen Betragen, in Ansehung solcher Dinge, bestehet hauptsächlich alle die Kunst des heiligen Lebens. Grobe Sünden werden von Leuten, die nicht ohne alle Religion seyn wollen, sehr deut lich erkannt, und sehr leicht vermieden. Allein der unvorsichtige und gefährliche Gebrauch eines unschuldigen und erlaubten Dinges, belei diget unsere Gewissen nicht so merklich, und die Menschen sind also auch weit schwerer aufmerk sam darauf zu machen. Ein Mann von Stande, welcher allen sei nen Reichthum zu seinem Vergnügen anwendet, und ein Frauenzimmer, daß alle ihr Geld auf sich selbst wendet, sind schwer zu überreden, daß der Geist der Religion mit einer solchen Le bensart nicht bestehen könne. Dergleichen Personen, wie wir schon ange merkt haben, können frey von groben Sünden leben, sie können Freunde der Religion seyn, in
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so weit nehmlich, daß sie gutes von ihr spre chen sie loben und in ihren Gedanken bewun dern; allein diese Religion kann ihre Herzen nicht regieren, noch der Geist ihrer Handlungen seyn, bis sie ihren Lebenswandel ändern, und von der Religion Gesetze annehmen, wie sie ihre Reichthümer gebrauchen und anwenden sollen. Denn ein Frauenzimmer, welches den Putz liebt, und der keine Ausgabe zu groß ist, wenn es darauf ankömmt, ihre Person auszuschmü cken, kann hierbey nicht stehen bleiben. Denn diese Neigung ziehet tausend andre Thorheiten nach sich, und ihr ganzer Lebenslauf, ihre Be schäftigung, ihr Umgang, ihr Hoffen und ihr Fürchten, ihr Geschmack und ihre Er götzlichkeiten werden derselben gemäß seyn. Flavia und Miranda sind zwey unverhey rathete Schwestern, derer iede jährlich an tausend Thaler hat. Sie haben ihre Eltern vor zwan zig Jahren begraben, und haben seit der Zeit ihr Geld nach eignem Gutdünken angewendet. Flavia ist beständig, wegen ihrer vortreflichen Einrichtung, vermöge welcher sie, bey so mäßi gen Glücksgütern, eine so außerordentliche Figur machen können, die Bewunderung aller ih rer Freunde gewesen. Verschiedene Damen, welche das Jahr zweymal mehr haben, haben es doch nicht zwingen können, immer so galant und so fleißig bey allen Ergötzlichkeiten zu seyn. Sie hat alles, was Mode ist; sie ist an allen Orten, wo Lustbarkeiten gehalten wer den. Flavia ist dabey sehr orthodox; sie re
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det heftig wider alle Ketzereyen und Spal tungen; sie ist meistentheils in der Kirche und sehr oft zum Abendmale. Sie lobte eins mals eine Predigt wider den Stolz und die Eitelkeit im Putze, und glaubte, daß Lucin de sehr wohl damit getroffen worden, die sich, nach ihrer Meinung, um ein großes artiger hält, als sie es nöthig hätte. Wenn iemand der Flavia vorschlägt, ihre milde Hand einmal zu eröffnen, und sie derjenigen Person, welche den Vorschlag thut, gewogen, oder von ungefehr bey guten Gedanken ist, so wirft sie ihr einen halben Thaler, oder auch wohl einen Thaler hin, und spricht: wenn man wüßte, was für eine starke Rechnung ihr eben ietzt ihr Kauf mann zugeschickt hätte, so würde man sich wun dern, wie sie noch so viel geben könnte. Ein Vierteljahr darauf hört sie eine Predigt von der Nothwendigkeit der christlichen Milde; der Mann, denkt sie, predigt recht wohl, und es thut sehr Noth, daß man dem Volke diese Ma terie gehörig einschärfe; aber auf sich selbst wen det sie nichts davon an, weil sie sich besinnet, daß sie vor einiger Zeit einen Thaler gegeben, da sie ihn so schwer entbehren können. Was die Armen selbst anbelangt, von denen will sie durchaus nichts wissen; sie hält sie alle für Betrieger und Lügner, welche unter al lerley Vorwande nur Barmherzigkeit zu erregen suchen, und es muß daher Sünde seyn, sie in ih ren bösen Wegen zu bestärken.
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Man sollte meinen, Flavia habe das zärtlich ste Gewissen von der Welt, wenn man sieht, wie ängstlich und furchtsam sie ist, sich keiner übel ertheilten Wohlthat schuldig zu machen. Sie kauft alle witzige und lustige Schrif ten, und hat eine kostbare Sammlung von allen Dichtern in ihrer Sprache. Denn sie sagt, man könne an einem von ihnen keinen wahren Geschmack finden, wenn man nicht mit allen bekannt wäre. Dann und wann wird sie auch ein geistli ches Buch lesen, wenn es anders nicht stark ist, und wegen der Schreibart und Reinigkeit der Sprache gerühmet wird; sie kann euch auch sagen, wo ihr es könnt geliehen be kommen. Flavia ist sehr träge, und gleichwohl eine große Liebhaberinn von feiner Arbeit; dieses macht, daß sie oft bis um neun Uhr im Bette sitzt und arbeitet, und sich manch langes Histör chen erzehlen läßt, ehe sie aufsteht. Ich brauche es also nicht erst zu sagen, daß sie ihre Morgen andacht nicht immer richtig abwartet. Flavia würde ein Wunder der Frömmigkeit seyn, wenn sie für ihre Seele nur halb so besorgt wäre, als für ihren Körper. Es darf nur ein Blätterchen in ihrem Gesichte auffahren, oder es darf sie nur eine Mücke gestochen haben, so wird sie zwey bis drey Tage nicht aus ihrem Zimmer kommen, und diejenigen hält sie für sehr unbesonnen, die dergleichen Dinge nicht beyzeiten vorbauen. Sie ist daher wegen ihrer Gesund=
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heit so in Sorgen, daß sie nie gesund genug zu seyn glaubt; und so außerordentlich zärt lich, daß sie nie wirklich gesund seyn kann; da her ihr denn ihre Tränkchen, ihre Tropfen, ihre Spiritus, ihre Herzstärkungen nicht wenig kosten. Wenn ihr Flavien des Sonntags besucht, so werdet ihr allezeit gute Gesellschaft antreffen, in der ihr erfahren könnt, was in der Welt vor geht, welches die neueste Satyre ist, wer sie ge schrieben, und wer unter iedem darinn vorkom menden Namen gemeinet wird. Ihr könnt er fahren, was für Schauspiele die Woche auf geführet worden, welches die schönste Arie in der Oper sey, wer in der letzten Assemblee sich unerträglich aufgeführt, und was für Spiele am meisten Mode sind. Flavia hält die für Atheisten, die des Sonntags in der Karte spielen; allein die Feinheiten eines ieden Spie les, was sie für Karten bekommen, wie sie die selben gespielt, und die ganze Geschichte, die sich bey dem Spiele zugetragen, wird sie euch, ohne Anstand, erzehlen, sobald sie aus der Kirche gekommen ist. Wenn ihr wissen wollt, wer roh und übelgezogen, wer eitel und kindisch ist, wer für seinen Stand zu hoch lebt, wer in Schulden steckt; wenn ihr wissen wollt, wor über in einem gewissen Hause gezankt wird, und welche Personen mit einander in einem Lie besverständnisse stehen; wenn ihr wissen wollt, wie spät Belinde jüngst nach Hause gekommen, was sie für Kleider gekauft, was für eine Lieb
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haberinn sie von Komplimenten sey, und was sie für eine lange Historie an einem gewissen Or te erzehlt; wenn ihr wissen wollt, wie mürrisch Lucius gegen seine Frau ist, was er ihr für unanständige Dinge sagt, wenn niemand zu gegen ist; wenn ihr wissen wollt, wie sehr beyde einander in ihren Herzen hassen, ob sie gleich vor den Leuten freundlich mit einander thun: so müßt ihr Flavien des Sonntags besuchen. Und gleichwohl hat sie für die Heiligkeit des Sonntags eine so große Achtung, daß sie eine arme alte Wittwe, als eine ruchlose Sünde rinn ans<aus> ihrem Hause gestossen hat, weil sie ge sehen, daß sie des Sonntags Abends ihre Klei der ausgebessert. So lebt Flavia; und wenn sie noch zehn Jahr länger lebt, so wird sie ungefehr funf zehnhundert und sechzig Sonntage auf diese Weise zugebracht haben. Sie wird an die zweyhundert verschiedene ganze Anzüge ge tragen haben; von den dreyßig Jahren ihres Lebens wird sie derselben funfzehn im Bette zugebracht haben, und von den übrigen funf zehn werden ohngefehr vierzehn mit essen, trin ken, ankleiden, Besuche geben und annehmen, mit Anhörung und Lesung der Schauspiele und Romane, mit Opern, Assembleen, Bällen und Ergötzungen seyn verbracht worden. Denn man kann sicher annehmen, daß sie die ganze Zeit, die sie aufgewesen, nicht anders, als so, angewendet, ungefehr anderthalb Stunden ausgenommen, die sie die meisten Sonntage
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des Jahres in der Kirche zugebracht. Und für ihre eigne Rechnung wird sie, bey beständiger Beobachtung einer strengen Oekonomie, dreys sig tausend Thaler verthan haben, wenige Dreyer, Groschen und halbe Thaler abge rechnet, die für zufällige Liebeswerke darauf gegangen. Ich will mich nicht zu sagen unterstehen, daß Flavia unmöglich selig werden kann; so viel aber muß ich sagen, daß sie in der Schrift nicht den geringsten Grund finden wird, sich auf dem Wege der Seligkeit zu vermuthen. Denn ihr ganzes Leben ist allen den Neigungen und Ausübungen, welche das Evangelium zur Seligkeit nothwendig gemacht hat, schnur stracks zuwider. Wenn ihr sie sagen hörtet, daß sie gleich der Prophetinn Hanna gelebet, die nie vom Tempel kam, sondern GOtt mit Fasten und Beten Tag und Nacht diente, so wür det ihr sie für unsinnig halten; und gleichwohl würde es keine größere Unsinnigkeit seyn, als wenn sie sagen wollte, sie habe gerungen, durch die enge Pforte einzugehen, oder habe irgend eine Lehre des Evangelii zu einer Regel ihres Lebens gemacht. Sie kann eben sowohl sagen, daß sie mit un serm Heilande gelebt habe, als er auf Erden ge wesen, als daß sie ihm nachgeahmt, oder sich im geringsten so zu leben bemüht habe, wie er es von denen, welche seine Jünger seyn wollen, fordert. Sie kann eben sowohl sagen, daß sie
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alle Tage den Heiligen die Füsse gewa schen, als daß sie in christlicher Demuth und Armuth des Geistes gelebt habe. Sie kann mit eben so gutem Grunde von sich denken, daß sie in den Armenschulen die Jugend un terrichtet, als daß sie in Werken der christli chen Liebe gelebt habe. Sie kann sich eben sowohl einbilden, unter einem Kriegsheere Schildwache gestanden, als in Wachen und Selbstverleugnung gelebt zu haben. Und man kann mit gleichem Bestande der Wahrheit von ihr sagen, daß sie von der Arbeit ihrer Hän de gelebt, als daß sie sich alle mögliche Mühe gegeben habe, sich ihrer Beruffung und Auserwehlung zu versichern. Hier aber muß ich nothwendig die Anmer kung machen, daß diese armselige und eitle Gemüthsart, diese Thorheit und Unheilig keit des ganzen Lebens der Flavia, blos und al lein der Art, ihr Vermögen anzuwenden, zuzu rechnen ist. Diese hat ihren Geist gebildet, diese hat ieder thörichten Neigung das Le ben gegeben, diese hat iede nichtswürdige Leidenschaft ernährt und sie abgehalten, ihre Gedanken auf ein kluges, nützliches und heiliges Leben zu richten. Seit dem ihre Eltern verstorben, hat sie an ihre ährlichen<jährlichen> tausend Thaler nie anders, als an so viel Geld gedacht, mit welchem sie machen kön ne, was sie wolle, welches sie an sich solbst wen den, und mit welchem sie sich alle Ergötzungen
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und Befriedigungen ihrer Leidenschaften ver schaffen könne. Diese falsche Meinung, dieser unbehutsame Gebrauch ihrer Glücksgüter sind es, welche ihr ganzes Leben mit Unvorsichtigkeiten erfüllet und sie verhindert haben, an das, was recht, was weise, was heilig ist, zu denken. Wenn ihr gesehen habt, wie sehr sie sich an Schauspielen und Romanen, an Afterre den und Verleumdungen ergötzet; wie leicht sie sich durch Schmeicheleyen einnehmen, und durch die kleinsten Beleidigungen aufbringen lassen; wenn ihr gesehen habt, wie ergeben sie den Zeitvertreiben und Lustbarkeiten gewe sen; wie sklavisch sie einer ieden ihrer Leiden schaften gefolgt; wie eckel und zärtlich sie sich in allem, was ihren Körper und ihren Putz anbelangt, und wie sorglos sie sich in allem, was ihrer Seele hätte zum Besten gereichen können, bezeigt; wie begierig und fröhlich sie alle neue glückliche Erfindungen, den Staat und Putz betreffend, aufgenommen: so müßt ihr mir zu gestehen, daß alle diese Untugenden würden weggefallen seyn, wenn sie sie nicht mit den jähr lichen Renten ihres Vermögens erkauft hätte. Sie würde demüthig, ernsthaft, heilig, eine Liebhaberinn von guten Büchern, eine Verehrerinn des Gebets und der Einsamkeit, sparsam mit ihrer Zeit, fleißig in guten Wer ken, und voll von Barmherzigkeit und Liebe Gottes gewesen seyn, wenn ihr nicht dieser un vorsichtige Gebrauch ihres Vermögens alle
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die gegenseitigen Eigenschaften aufgedrungen hätte. Und was ist es Wunder, daß sie ihre Zeit, ihren Verstand, ihre Gesundheit und Kräf te, nicht besser und nicht anders, als ihr Geld gebraucht? Blos daher, weil sie in einem so wichtigen Artikel des Lebens falsch und unlau ter gehandelt, kömmt es, daß auch in allen an dern Stücken desselben nichts weises, oder ver nünftiges, oder heiliges zu finden ist. Ob nun gleich der unordentliche und nichtige Geist eines solchen Charakters, wie ich hoffe, wenigen zukömmt, so können doch viele etwas zu ihrem Unterrichte daraus lernen, und viel leicht etwas von ihrem eignen Charakter darinn erkennen. Denn so wie Flavia durch den unvernünftigen Gebrauch ihres Vermögens verdorben worden, so muß man auch die schwachen Tugenden der meisten Menschen, die Unvollkommenheit ihrer Gottesfurcht, die Unordnungen ihrer Leiden schaften, größten Theils dem unvorsichtigen Gebrauche und Genusse erlaubter und unschul diger Dinge zuschreiben. Es werden mehr Menschen durch eine regel mäßige Art von Sinnlichkeit und Wohlleben, als durch grobe Völlerey, abgehalten, einen wahren Geschmack an der Religion zu gewinnen. Mehr Menschen werden von einer allzugroßen Ach tung weltlicher Güter, als von offenbaren Ungerechtigkeiten, verhindert, den großen Pflichten der Frömmigkeit gemäß zu leben.
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Dieser Mensch würde vielleicht fromm seyn, wenn er nicht ein so großer Virtuose wäre; und ein andrer ist gegen alle Bewegunsgründe zur Frömmigkeit taub, weil er seiner Trägheit und Faulheit allzusehr nachhängt. Wenn ihr Diesen von seiner großen Neu begierde und Erforschungslust, und Die sen von seinem falschen Durste nach Gelehr samkeit heilen könntet, so würdet ihr weiter nichts thun dürfen, sie beyde zu Männern von großer Frömmigkeit zu machen. Wenn dieses Frauenzimmer weniger Be suche ablegen, und dieses nicht immer plau dern wollte, so würde es beyden weit weniger schwer vorkommen, Religion zu haben. Denn alle diese Dinge sind blos klein, wenn sie mit größern Sünden verglichen werden; und ob sie gleich in Ansehung dieser klein sind, so sind sie doch groß, weil sie Abhaltungen und Hindernisse der Frömmigkeit sind. Denn da die Ueberlegung das einzige Au ge der Seele ist, und sie die Wahrheiten der Re ligion durch nichts anders erkennen kann, so macht alles, was dem Leichtsinne und der Nei gung zu Kleinigkeiten aufhilft, die Seele un geschickter, die Lehren der Frömmigkeit zu er kennen, sie anzunehmen und Wohlgefallen an ihnen zu finden. Wenn wir daher wirkliche Progressen in der Religion machen wollen, so müssen wir nicht al lein grobe und offenbare Sünden vermeiden, sondern wir müssen auch die unschuldigen
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und erlaubten Stücke unsrer Aufführung ge hörig einrichten, und die allergemeinsten und zu läßigsten Handlungen des Lebens den Regeln der Klugheit und Frömmigkeit unterwerfen.

Achtes Hauptstück. Wie der weise und heilige Gebrauch des Vermögens uns natürlicher Weise zu einer großen Vollkommenheit in allen Tu genden des christlichen Lebens führe, wird in dem Charakter der Mi randa gezeigt.

------------------------------ Eine iede heilige Regelmäßigkeit in irgend ei nem Stücke des Lebens, ist nicht allein in diesem besondern Stücke von großem Nutzen, sondern sie hat auch überhaupt diesen Vortheil, daß sie uns angewöhnt, nach Regeln zu leben, und auf die Beherrschung unsrer selbst zu denken. Wenn ein Mann von vielen Angelegenheiten einen Theil seiner Geschäfte gehörig eingerichtet hat, so ist er auf gutem Wege, auch die übrigen so einzurichten. Und so kann man auch von dem, welcher ei nen Theil seines Lebens gewissen Regeln der Re ligion unterworffen hat, hoffen, er werde eben diese Ordnung und Regelmäßigkeit auch auf die übrigen Theile seines Lebens ausdehnen.
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Wenn iemand so weise ist, daß er glaubt, sei ne Zeit sey zu kostbar, als daß er sie auf Gera thewohl anlegen, oder sie von dem ersten dem besten, was ihm in den Weg kömmt, verschlin gen lassen sollte; wenn er es sich zum Gesetze macht, wohl Acht zu haben, wie er ieden Tag zu bringe, und sich selbst bey seinen Geschäften, und bey seiner Andacht an eine gewisse Ord nung der Zeit bindet: so wird eine solche Auf führung seinen ganzen Lebenswandel so ge schwind verbessern und vollkommen machen, als man es sich nimmermehr einbilden kann. Der, welcher einmal den Werth einer wohl eingerichteten Zeit erkennt und die Früchte der selben einsammelt, wird gar bald auch den Werth eines ieden andern Dinges erkennen, an welchem ihm wirklich gelegen ist. Eine Regel, nach welcher wir in dem klein sten Theile unsers Lebens verfahren, ist für uns von großen Nutzen, blos weil es eine Regel ist. Denn so wie das Sprichwort sagt: ein gu ter Anfang ist die halbe That; so hat auch der, welcher nach Regeln zu leben angefangen, schon einen großen Theil des Wegs zur Voll kommenheit seines Lebens zurück gelegt. Unter Regel versteh ich hier überall eine hei lige Regel, die man in Betrachtung seiner Pflichten gegen GOtt beobachtet. Denn wenn ein Mensch, blos seines Ma gens wegen, bey Tische mäßig ist; wenn er blos zu Vermeidung der Kopfschmerzen, sich des vielen Trinkens enthält; oder wenn er, blos
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aus Furcht vor der Schlafsucht, mäßig schläft, so kann er alle diese Regeln sehr genau be obachten, ohne deswegen im geringsten besser zu seyn. Wenn er aber in einem von diesen Stücken aus christlicher Mäßigkeit und Selbstver leugnung mäßig und ordentlich ist, damit er ein desto vernünftiger und heiliger Leben vor GOtt führen möge, so wird die geringste Re gel von dieser Art, zum natürlichen Anfange einer großen Frömmigkeit werden. Denn die geringste von solchen Regeln ist des wegen von großen Nutzen, weil sie uns ein Stück der Beherrschung unsrer selbst lehret, das zärtliche Gefühl der Seele unterhält, GOtt un sern Gedanken öfters darstellet, und eine Em pfindung der Religion mit den gewöhnlichsten Handlungen unsers gemeinen Lebens verbindet. Wenn iemand, so oft er in Gesellschaft einen schwören, leichtsinnig reden, oder seinen Nächsten verleumden höret, sich das Gesetz machen wollte, ihn entweder leutselig zu bestra sen, oder, wenn sich dieses nicht thun ließe, die Gesellschaft auf eine anständige Art zu verlas sen; so würde er finden, daß sich diese kleine Re gel, so wie ein wenig Sauerteig, den man un ter eine große Masse von Mehl gethan, durch den ganzen Wandel seines Lebens verbreiten und ausdehnen würde. Wenn es sich ein andrer zur Pflicht machte, an den Sonntagen sich verschiedner unschul digen und erlaubten Dinge zu enthalten, als
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des Arbeitens, der Besuche, der gewöhnlichen Unterredungen über weltliche Materien, über den Handeln, über die neuesten Begeben heiten und dergleichen; wenn er den Tag, aus ser dem öffentlichen Gottesdienste, einer größern Eingezogenheit, dem Lesen, der Andacht, dem Unterrichte und den Werken der Liebe widmete: so würde er vielleicht, ob es gleich etwas sehr klei nes und eine sehr unnöthige Sorgfalt zu seyn scheinet, wenn man von einem Menschen ver langet, sich solcher Dinge zu enthalten, die man ohne Sünde thun kann, finden, daß, durch Hül fe dieser kleinen Regel, sein ganzer Geist so ver ändert und ihm ein solcher Geschmack an der Frömmigkeit beygebracht worden, als ihm vor her gänzlich unbekannt gewesen. Es würde sehr leicht seyn, an noch mehrern Beyspielen zu zeigen, wie kleine und geringe Din ge die ersten Schritte und der natürliche Anfang einer großen Vollkommenheit seyn können. Die zwey Dinge aber, welche man vor allen einer strengen Regel unterwerfen muß, und welche sowohl für uns, als für andre der größte Segen werden können, wenn wir sie gehörig ge brauchen, sind unsre Zeit und unser Geld. Diese Pfunde sind beständige Mittel und Gele genheiten, Gutes zu thun. Der, welcher bey dem Gebrauche des einen von diesen Stücken, eine strenge und heilige Sorgfalt anwendet, kann nicht lange wegen des rechten Gebrauchs des andern unwissend bleiben. Und der, welcher so glücklich ist, daß
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er beyde auf die rechte Art anwendet, der ist be reits die Leiter der christlichen Vollkommenheit verschiedne Stuffen hinaufgestiegen. Miranda (die Schwester der Flavia) ist ei ne sittsame vernünftige Christinn. Sobald sie ihre Zeit und ihr Vermögen in ihrer eignen Gewalt hatte, war es ihre erste Sorge, wie sie alles, was Gott von ihr bey dem Gebrauche die ser Dinge fordert, auf das Beste erfüllen, und ihr kurzes Leben auf das seligste zubringen möge. Sie hat den Ausspruch unsers Heilandes: nur eins ist Noth, beständig vor Augen, und macht daher ihr ganzes Leben zu einem beständigen Bestreben nach diesem einigen. Sie hat nur einen einzigen Grund, etwas zu thun, oder nicht zu thun, etwas zu lieben, oder nicht zu lie ben, und dieser ist der Wille Gottes. Sie ist so schwach nicht, daß sie das, was man ein ar tiges Frauenzimmer nennt, mit einer wah ren Christinn sollte verbinden wollen. Miran da denkt zu wohl, als daß sie der Schall so thörichter Worte bethören könnte; sie hat der Welt abgesagt, um Christo in Ausübung der Demuth, Barmherzigkeit, Andacht, Enthal tung und aller himmlischen Neigungen nachzu folgen; und das allein ist Mirandens feine Le bensart. So lange sie noch unter ihrer Mutter stand, war sie gezwungen, galant zu seyn, nach dem Ceremoniel zu leben, spät in die Nacht aufzu bleiben, iede närrische Mode mit zu machen, und des Sonntags Besuche abzulegen. Sie
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war gezwungen, geschminkt und unter einer Last von Galanterien zu dem heiligen Nacht mahle zu gehen, an artigen Unterredungen Theil zu nehmen, vor der Schaubühne Unhei ligkeiten, und in der Oper zärtliche Lieder und verliebte Streiche anzuhören, an öffentlichen Orten zu tanzen, damit Narren und Stu tzer die Feinheit ihrer Gestalt und die Schön heit ihrer Bewegungen bewundern möch ten. Die Erinnerung dieser Lebensart macht sie außerordentlich sorgfältig, sie durch eine ganz entgegen gesetzte Aufführung wieder gut zu machen. Miranda theilt ihre Pflichten nicht in Pflichten gegen GOtt, gegen ihren Nächsten nnd gegen sich selbst; sondern sie betrachtet alles, als ob sie es GOtt schuldig sey, und thut alles in seinem Namen, und um seinet Willen. Sie betrachtet daher ihr Vermögen als ein Ge schenk Gottes, das sie nicht anders als so brau chen dürfe, wie das, was GOtt angehört, ge braucht werden muß, nehmlich zu Erlangung der weisen und vernünftigen Absichten eines christlichen und heiligen Lebens. Ihr Vermö gen ist unter sie und unter verschiedne arme Leute getheilet, so daß sie weiter nichts, als ih ren nöthigen Antheil, daran hat. Sie hält es für einerley Thorheit, selbst unnöthige und eitle Ausgaben zu machen, oder andern Geld zu geben, damit sie dergleichen machen können. So we nig sie also einem Armen Geld geben wird, ein Puppenspiel mit anzusehen, eben so wenig
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wird sie es für erlaubt halten, etwas auf gleiche Art für sich selbst auszugeben; weil sie es für sehr billig hält, selbst eben so weise zu seyn, als sie will, daß der arme Mann seyn soll. Denn, sagt Miranda, es ist für einen armen Mann eine Thorheit und Sünde, wenn er das, was ihm gegeben wird, mit thörichten Kleinigkeiten verthut, da es ihm inzwischen an Essen und Trinken und an Kleidern fehlet. Und ist es für mich eine kleinere Thorheit oder eine geringere Sünde, wenn ich das Geld mit nichtigen Lustbarkeiten durchbringe, welches ich weit besser zur Nachahmung der göttli chen Güte, zu Werken der Barmherzigkeit und Liebe gegen meine Nebengeschöpfe und Neben christen hätte anwenden können? Wenn die ei gnen Bedürfnisse eines Armen ein Grund sind, warum er nichts von seinem Gelde unnöthig ver thun soll; so sind die Bedürfnisse des Armen, und die Vortreflichkeit der Liebeswerke, welche so, als wären sie Christo selbst erzeigt worden, auf genommen werden sollen, noch ein weit stär kerer Grund, warum niemand etwas von seinem Gelde unnöthig verthun soll. Denn wenn er es thut, so gleicht er nicht allein dem armen Manne, so verthut er nicht allein das, was er selbst nöthig hätte, sondern er verthut das, was zu dem alleredelsten Gebrauche nöthig ist, und was Christus, als ob er es in seine eigne Hände empfangen hätte, aufnehmen will. Und wenn wir über einen Armen verdrüßlich sind, und ihn als einen Nichtswürdigen ansehen, wenn
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er das, wofür er sich Brod kauffen solle, ver schwendet; wie müssen wir in den Augen Got tes erscheinen, wenn wir dasjenige muthwillig und thöricht anlegen, wofür wir unsern hunge rigen und nackenden Brüdern, welche GOtt eben so nahe und eben so theuer sind, als wir, und die er zu Miterben eben desselben Standes einer zu künftigen Herrlichkeit bestimmt hat, Brod und Kleider kauffen sollten. Von so einem Geiste wird Miranda getrieben; und so braucht sie die Geschenke Gottes; sie ist weiter nichts, als eine von den armen Personen, welche durch ihr Vermögen erhalten werden, und hat vor ihnen weiter nichts voraus, als die Seligkeit des Gebens. Ihr<Ihre> Beköstigung ausgenommen, wird sie des Jahrs keine funfzig Thaler an sich wenden. Sie trägt sich schlecht, aber so reinlich, daß man sich nicht genug verwundern kann. Sie beobachtet in ihrem Putze nur eine einzige Re gel, nehmlich, sich beständig sauber und auf das wohlfeilste zu kleiden. Alles, was um sie ist, gleichet der Reinigkeit ihrer Seele, und sie ist beständig äußerlich sauber, weil sie beständig in nerlich rein ist. Ein ieder früher Morgen findet sie im Gebete sie erfreuet sich über den Anfang eines ieden Ta ges, weil sich die frommen Regeln eines heiligen Lebens mit ihm wieder anfangen, und sie das Vergnügen, ihnen zu folgen, wieder von neuem genießt. Sie scheint ein Schutzengel für die zu seyn, welche um sie herum wohnen, indem sie
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mit ihrem Wachen nnd Beten den Ort, wo sie wohnet, segnet, und für die, welche noch schla fen, Vorbitten bey GOtt einleget. Sie hat mit ihrer Andacht schon verschiedne mal inne gehalten, und GOtt hat verschiedne von ihren besondern Gebeten schon erhöret, wenn das Tageslicht noch nicht in das Zimmer ihrer Schwester scheinen darf. Miranda weiß nicht, was das ist, einen halben Tag träge und faul zu seyn; die immer wiederkehrenden Stun den ihres Gebets und ihre öftern heiligen Uebun gen, lassen ihr nicht den geringsten merklichen Theil desselben ungebraucht vorbeystreichen. Wenn man sie bey der Arbeit siehet, so wird man eben die Weisheit gewahr, welche alle ihre übrigen Handlungen regieret, sie mag nun etwas thun, das für sie selbst, oder für andre, welche ih res Beystandes bedürfen, nöthig ist. Es ist in ihrer Nachbarschaft schwerlich eine arme Fami lie, welche nicht eines oder das andre tragen soll te, was sie mit ihren eignen Händen verfertiget hat. Ihr weises und frommes Gemüth braucht keine Zeitvertreibungen, und kann sich mit keiner thörichten und unanständigen Arbeit beschäfti gen. Sie kann den Tag über nichts unschickli ches verrichten, weil sie des Abends von allen ihren Handlungen Rechenschaft geben muß; und eher wird Miranda nicht aufhören zu ar beiten, als bis sie mit ihren Händen kein Werk der Liebe und Barmherzigkeit mehr verrich ten kann. Bey Tische lebt sie genau nach der Regel der heiligen Schrift: ihr esset, oder ihr
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trinket, oder was ihr sonst thut, das thut, alles zur Ehre Gottes. Jede Mahlzeit wird daher von ihr eben so angefangen und ge endet, wie sie ieden Tag anfängt und endet; nehmlich mit Handlungen der Andacht; sie ißt und trinkt, blos um zu leben, und beydes mit so strenger Mäßigkeit, daß iede Mahlzeit eine Uebung der Selbstverleugnung ist, und sie ihren Körper kasteyet, so oft sie ihn nähret. Wenn Miranda sich nicht anders als mit Wettren nen erhalten könnte, so würde sie sich einer Diät unterwerffen, die sie dazu geschickt machte. Da aber das Wettrennen, welches ihr bevor steht, ein Wettrennen der Heiligkeit, Reinig keit und himmlischen Neigung ist, welches sie in einem verderbten und verwirrten Körper voll irrdischer Leidenschaften halten muß, so hat ihre tägliche Diät nur diese einzige Absicht, ihren Kör per zu diesem geistlichen Wettrennen geschickter zu machen. Sie wieget ihre Speisen in keiner Waagschale ab, sondern sie hat ein ganz an der Gewicht, nach welchem sie sie abwiegt; so viel als hinlänglich ist, dem Körper die gehörige Stärke zu geben, und ihn geschickt und willig macht, der Seele zu gehorchen, sich mit ihr zu Lobgesängen und Gebeten zu verbinden, und Au gen und Hände mit größrer Inbrunst gen Him mel zu erheben, so viel, und nicht mehr ist Mi randens Mahlzeit; so daß sie nicht eher von Fettigkeit aufgeschwollen seyn, oder unter der un behülflichen Last des Fleisches keichen wird, als bis sie ihre Religion wird verändert haben.
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Die heilige Schrift, und besonders das Neue Testament, ist ihre tägliche Befchäftigung<Beschäftigung>; die se lieset sie mit der genauesten Aufmerksamkeit, in dem sie beständig ein Auge auf sich selbst kehret, und sich nach ieder Lehre, die sie darinn antrift, prüfet. Wenn sie das neue Testament in ihren Händen hat, so glaubt sie zu den Füßen unsers Heilandes und seiner Apostel zu seyn, und macht alles, was sie von ihnen lernet, zu unverbrüchli chen Gesetzen ihres Lebens. Sie nimmt ihre geschriebne Lehren mit eben so viel Bereitwillig keit und Ehrfurcht an, als ob sie sie selbst in Person sähe, und als ob sie eben ietzt in der Ab sicht vom Himmel gekommen wären, ihr den Weg, der zu ihnen führet, zu zeigen. Sie glaubt, der einzige Weg, sich zu der Prü fung des jüngsten Tages geschickt zu machen, sey der, wenn sie sich selbst alle Tage nach den Lehren der Schrift prüfe. Sie befürchtet manchmal, daß sie allzuviel Geld an Bücher wen de, weil sie sich unmöglich enthalten kann, alle practische Bücher von einigem Werthe zu kaufen; besonders diejenigen, welche in das Herz der Religion eindringen, und die innere Heilig keit des christlichen Lebens beschreiben. Unter allen menschlichen Schriften aber sind die Le bensbeschreibungen frommer Personen und er habner Heiligen ihr größtes Vergnügen. In diesen sucht und gräbet sie, gleichsam als nach verborgenen Schätzen, in der Hoffnung, irgend ein Geheimniß des heiligen Lebens, irgend einen ausnehmenden Grad der Frömmigkeit darinn
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anzutreffen, den sie sich zueignen könne. Hier durch nun hat Miranda ihren Verstand und ihr Herz mit allen Grundsätzen der Weisheit und Heiligkeit so ausgerüstet, und ist von dem einzigen Nothwendigen so überzeugt worden, daß es ihr schwer wird, wenn sie von etwas an dern reden soll; und ist man mit ihr in Gesell schaft und sie findet es für gut, zu reden, so muß man aus ihrem Gespräche weiser und besser wer den, man mag wollen oder nicht. Ihre Werke der Liebe und Barmherzigkeit zu erzehlen, würde die Geschichte eines ieden Tages, von zwanzig Jahren her, erzehlen heißen. Sie hat an die zwanzig armen Handelsleuten wieder aufgeholfen, welche in ihrem Gewerbe unglück lich gewesen waren, und hat eben so viele, welche es werden wollten, davon errettet. Sie hat verschiedene arme Kinder erzogen, welche auf den Straßen gefunden worden, und hat sie in die Umstände gesetzt, daß sie sich ehrlich nähren kön nen. Sobald ein Arbeitsmann durch Krank heit genöthiget wird, zu Hause zu bleiben, schickt sie ihm, so lange bis er wieder gesund wird, zweymal so viel, als er verdienen kann, damit er mit der einen Hälfte seine Familie, wie ge wöhnlich, erhalten, und mit der andern sich in seiner Krankheit warten und pflegen könne. Wenn eine Familie zu weitläuftig scheinet, als daß sie die, welche darinn arbeiten können, mit ihrem Verdienste zu erhalten vermögend wären, so bezahlt sie ihre Zinsen, und giebt ih nen jährlich etwas zu Kleidern. Und so leben
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verschiedene arme Familien durch ihren Beystand gemächlich, und segnen sie, Jahr aus Jahr ein, in ihrem Gebete. Wenn sich ein armer Mann oder eine arme Frau findet, die mehr, als gewöhnlich, böse und lasterhaft sind, so hat Miranda ein wachsames Auge auf sie, und erwartet ihre Zeit der Wieder wärtigkeit und des Elendes; wenn sie denn merkt, daß sie sich in einer recht dringenden Noth befinden, so steht sie ihnen auf das geschwindeste bey. Es kömmt aber daher, daß sie für der gleichen Leute auf diese Weise sorgt, weil sie eins mals einen sehr lüderlichen Menschen von dem nahen Gefängnisse befreyete, der sogleich auf richtige Busse that. Nichts ist bewundernswürdiger in dem Cha rakter der Miranda als diese Eigenschaft. Denn ihre zärtliche Gesinnung gegen die verruchtesten Sünder, ist der stärkste Beweis ihrer himmli schen und göttlichen Seele. Miranda ging einsmals bey einem Hause vorbey, in welchem Mann und Frau sich zankten und einander auf die schrecklichste Art verfluchten, inzwischen da drey Kinder um sie herum schrien. Dieser Anblick rührte ihre mit leidige Seele so sehr, daß sie des andern Tages hinging, nnd<und> durch Geld die drey Kinder an sich brachte, damit sie nicht verdorben würden, wenn sie mit ruchlosen Eltern leben müßten; und nun mehr leben sie mit Miranden, welche für sie sorgt und für sie betet, und ihnen alles Gute er zeigt, welches sie ihnen nur erzeigen kann. Sie
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hören ihre Reden, sie sehen ihr Leben, und ver binden sich mit ihr in lobsingen und beten. Der älteste von ihnen hat bereits seine Eltern von ih rem ruchlosen Leben bekehret, und zeiget eine so außerordentlich fromme Gemüthsart, daß ihn Miranda zum geistlichen Stande bestimmt hat, damit er, wie er selbst errettet worden, auch andre erretten könne, und für das Wohl elender Seelen eben so eifrig besorgt seyn möge, als sie für das Wohl der seinigen gewesen. Miranda ist dem armen Volke in seinen Unglücksfällen eine beständige Hülffe. Es giebt manchmal kleine Unglücksfälle, welche den Armen begegnen, und die sie von sich selbst nim mermehr überwinden können. Der Tod einer Kuh, oder eines Pferdes, oder irgend ein kleiner Diebstahl kann sie auf Zeit Lebens ins Elend stürzen. Und unter dergleichen Zufällen läßt Miranda sie niemals erliegen, sondern sie giebt ihnen sogleich den vollen Werth des Verlusts, und betrachtet dieses als ein Mittel, ihre Gemü ther zu GOtt zu erheben. Sie hat eine große Zärtlichkeit für alte Leu te, welche nicht mehr arbeiten können. Das Almosen des Kirchspiels ist selten für dergleichen Leute ein gemächlicher Unterhalt. Und daher sind sie der beständige Gegenstand ihrer Sorge. Sie legt zu ihren Almosen noch so viel hinzu, daß es zusammen etwas mehr als den Verdienst austrägt, den sie in ihrer Jugend hatten. Sie thut dieses, um der Schwachheit ihres Alters zu Hülfe zu kommen, damit sie GOtt, ohne Beküm
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merniß und Trangsal, in Ruhe und Zufriedenheit dienen können. Von dieser Gattung hat sie ge meiniglich sehr viele, welche durch Hülfe ihrer Versorgung und ihrer Ermunterungen zur Hei ligkeit, ihre letzten Tage in großer Frömmigkeit und Andacht zubringen. Miranda läßt es niemals an Mittleiden auch gegen gemeine Bettler fehlen, und beson ders gegen die, welche alt oder krank, oder ge brechlich oder blind sind. Sie hört ihre Klagen mit Zärtlichkeit an, theilt ihnen etwas mit, und weiset sie nie mit harten Vorwürfen ab, aus Furcht, ihre Nebengeschöpfe noch mehr zu betrüben. Wenn ein armer alter Arbeitsmann ihr sagt, daß er weder Kräfte, noch Brod, noch Geld mehr habe, so wird sie ihn niemals heißen, wie der hingehen, wo er hergekommen sey, oder ihm sagen, daß sie ihm nicht helfen könne, weil er ihr unbekannt und wohl gar ein Betrieger sey; sondern sie hilft ihm eben deswegen, weil er ihr fremd und unbekannt ist. Denn das ist eben die größte Stärke der Barmherzigkeit, wenn man gegen die zärtlich und mitleidig ist, die man nie vorher gesehen, und vielleicht auch in seinem Leben nie wieder sehen wird. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich be herberget, sagt unser Heiland; wie aber kann der diese Pflicht erfüllen, der keinem helfen will, der ihm unbekannt ist. Miranda bedenkt, daß Lazarus ein gemei ner Bettler war, und gleichwohl von den En
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geln in Abrahams Schoos getragen wurde. Sie bedenkt, daß unser Heiland und seine Apo stel gegen die Bettler leutselig gewesen; daß sie ihnen tröstlich zugesprochen, ihre Krankheiten geheilet, und den Lahmen und Blinden Augen und Glieder wiedergegeben. Daß Petrus zu einem Bettler, welcher von ihm Almosen erwar tet, gesagt: Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir im Namen Jesu Christi von Nazareth, stehe auf und wandele. Miranda bezeigt daher gegen keinen Bettler Verachtung oder Abscheu, sondern sie ahmt die Leutseligkeit unsers Heilan des und seiner Apostel gegen sie nach, und ob sie gleich, wie diese, keine Wunder, ihnen zu hel fen, thun kann, so hilft sie ihnen doch damit, womit sie ihnen helfen kann, und sagt gleichsam mit dem Apostel; was ich habe, das gebe ich dir im Namen Jesu Christi. Es ist möglich, sagt Miranda, daß ich oft denen etwas gebe, welche es nicht verdienen, oder das Almosen übel anwenden. Aber was scha det das? Handelt die göttliche Güte nicht eben so? Läßt GOtt nicht seine Sonne aufgehen über Gute und Böse? Und ist dieses nicht eben die Güte, die uns in der heiligen Schrift empfohlen wird, in der wir GOtt nachahmen und dadurch Kinder unsers Vaters im Himmel werden sollen, welcher regnen läßt über Ge rechte und Ungerechte? Und soll ich deswe gen meinem Nebengeschöpfe ein wenig Geld oder Nahrung vorenthalten? weil ich ihn nicht
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für würdig genug schätze, es von mir zu bekommen? Soll ich zu GOtt beten, daß er nicht nach meinem Verdienste, sondern nach seiner großen Barmher zigkeit mit mir verfahren wolle; und soll ich gleich wohl so abgeschmackt seyn, meinem armen Bru der eine Gabe vorzuenthalten, weil er sie vielleicht nicht verdienet? Soll ich ihm mit einem Maaße messen, von welchem ich GOtt bitte, daß er mir nie damit messen möge? Und überdieses, wo hat die Schrift iemals das Verdienst zur Regel und Richtschnur un srer Barmherzigkeit gemacht? Sagt sie nicht gegentheils: hungert deinen Feind, so spei se ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Dieses nun lehret uns deutlich, daß das Verdienst einer Person keine Regel unsrer Barmherzigkeit seyn müsse, sondern daß wir auch gegen die barmherzig seyn sollen, welche es am wenigsten verdienen. Denn wenn ich meinen ärgsten Feind lieben und ihm Gutes thun soll; wenn ich gegen ihn, seines Grolles und seiner Bosheit ungeachtet, barmherzig seyn soll, so kann das Verdienst unmöglich die Richtschnur unsrer Barmherzigkeit seyn. Wenn ich meine Barmherzigkeit solchen bösen Leuten, die noch da zu meine Feinde sind, nicht vorenthalten soll, so muß ich auch gewiß armen Bettlern das Almosen nicht versagen, von welchen ich es nicht einmal weiß, ob sie böse Leute, oder auf irgend eine Art meine Feinde sind. Man wird vielleicht einwenden, daß man auf diese Art, das Volk zum Betteln anreitze. Al
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lein dieser sinnlose Einwurf kann gegen alle Arten von Liebeswerken gemacht werden, weil sie das Volk anreitzen können, sich darauf zu ver lassen. Eben das kann wider die Pflicht, unsern Feinden zu vergeben, gesagt werden, denn es können Leute dadurch angereitzt werden, uns zu beleidigen. Eben das kann sogar wider die Gü te Gottes gesagt werden, weil, wenn sie ihren Segen über Böse und Gute, über Gerechte und Ungerechte ausschüttet, der Böse und Ungerech te auf seinen gottlosen Wegen bestärket werden kann. Eben das kann wider die Pflicht, die Nackenden zu kleiden, oder den Kranken Arze neyen zu reichen, gesagt werden, weil Leute da durch angereitzt werden können, ihre Kleidung zu vernachläßigen, und ihre Gesundheit zu ver scherzen. Wenn aber die Liebe Gottes in euch wohnet, wenn diese euer Herz erweitert und es mit Empfindungen der Barmherzigkeit und des Mitleidens erfüllet hat, so werdet ihr dergleichen Einwürfe nicht mehr machen. Wenn ihr wieder einmal den armen, den alten, den kranken und hülflosen Fremdling, den Lahmen oder den Blinden abweiset, so leget euch selbst diese Frage vor: wünsche ich auf richtig, daß diese arme Geschöpfe eben so glück lich seyn mögen, als Lazarus, welcher von den Engeln in Abrahams Schooß getragen ward? Ist es mein aufrichtiges Verlangen, daß sie GOtt zu Miterben der ewigen Herrlichkeit machen mö ge? Wenn ihr nun euer Herz genau untersucht, so werdet ihr finden, daß ihr keine von derglei
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chen Gesinnungen habt, daß ihr ihnen von die sen allen nichts wünschet. Denn es ist unmög lich, daß iemand einem armen Geschöpfe eine so große Glückseligkeit von ganzem Herzen wün schen, und nicht die Barmherzigkeit haben soll te, ihm ein kleines Almosen zu geben. Aus dieser Ursache, sagt Miranda, gebe ich, so weit es in meinem Vermögen steht, allen, weil ich GOtt bitte, allen zu vergeben; und ich kann unmöglich denjenigen ein Almosen abschlagen, für welche ich GOtt bitte, daß er sie segnen und zu Theilhabern der ewigen Herrlichkeit ma chen wolle; ich bin vielmehr erfreuet, gegen die irgend einen Grad der Liebe zeigen zu können, die, wie ich hoffe, der Gegenstand der unendli chen Liebe Gottes seyn werden. Und wenn, wie uns unser Heiland versichert hat, geben seli ger denn nehmen ist, so sollten wir alle dieje nigen, welche ein Almosen von uns bitten, für eben so viel Freunde und Wohlthäter halten, die uns mehr Gutes erzeigen, als von uns erhal ten, die unsre Tugeud<Tugend> erhöhen, sich zu Zeugen unsrer Barmherzigkeit, zu Denkmalen unsrer Liebe, und zu unsern Vorsprechern bey GOtt machen, die uns an Christi Statt sind, die an dem Tage des Gerichts für uns auftreten, und uns zu einer größern Glückseligkeit verhelfen werden, als wir ihnen durch unser Almosen ge ben können. Dieses ist der Charakter und das Leben der frommen Miranda; und wenn sie noch zehn Jahr länger lebt, so wird sie an die dreyßig
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tausend Thaler zu Werken der Liebe verwen det haben; denn das, was sie an sich selbst ge wendet, kann mit gutem Grunde gleichfalls zu ihren Almosen gerechnet werden. Wenn sie stirbt, so muß sie unter den Apo steln und Heiligen und Märtyrern glänzen; sie muß unter den vornehmsten Knechten Gottes stehen und unter denen prangen, welche einen guten Kampf gekämpfet und ihren Lauf mit Freuden vollendet haben.

Neuntes Hauptstück. Enthält verschiedene Betrachtungen über das Leben der Miranda, und zeigt, wie es von ihrem ganzen Geschlechte nach geahmet werden könne und solle.

------------------------------ Dieses Leben der Miranda nun, welches ich ihrem Geschlechte zur Nachahmung von Grund des Herzens empfehle, so sehr es auch mit den Wegen und dem Lauffe der Welt zu streiten scheinet, ist dem wahren Geiste des Chri stenthums gemäß, und auf die deutlichsten Leh ren desselben gegründet. So leben, wie sie lebt, ist dem Evangelio Christi eben so eigentlich gemäß, als getauft werden und das Abendmahl empfangen. Der Geist, der sie belebet, belebte die Heiligen der erstern Zeiten, und nur deswegen, weil sie so
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lebten, wie sie lebet, preisen wir noch ihr Ge dächtniß, und danken GOtt für die Beyspiele, die sie uns gelassen haben. In ihrem Charakter ist nichts seltsames, läppisches oder unvernünftiges anzutreffen, sondern der geringste Zug desselben ist ein richti ger und hinlänglicher Beweis ihrer wirklichen und gründlichen Frömmigkeit. Man wird leichter zeigen können, daß es ab geschmackt sey, in die Kirche zu gehen, oder zu be ten, als daß es abgeschmackt sey, irgend eine von ihren Lebensregeln zu beobachten. Denn alle Regeln, nach welchen Miranda lebt, nach wel chen sie ihre Zeit und ihr Vermögen anwendet, nach welchen sie ißt, arbeitet, sich kleidet und Umgang hält, sind eben so wesentliche Stücke eines vernünftigen und heiligen Lebens, als An dacht und Gebet. Denn man kann nichts zum Behuf der Mäs sigkeit, der Andacht, der Barmherzigkeit, der Demuth anführen, was man nicht auch zum Behuf eines weisen und vernünftigen Ge brauchs der Kleidung und des Putzes anführen könnte. Auch kann nichts wider die Schwelgerey, wider die Sinnlichkeit, wider die Ausschwei fung, wider die Verschwendung, wider den Stolz, wider die Faulheit oder Gemächlich keit angeführet werden, welches man nicht eben sowohl wider die Thorheit des Putzes anführen könne. Denn die Religion ist bey dem einen eben so sehr intereßiret, als bey dem andern.
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Wenn man in einer Sache eitel seyn darf, so darf man es in allen seyn, denn eine Art der Ei telkeit ist von der andern mehr nicht unterschie den, als eine Art der Unmäßigkeit von der andern. Wenn ihr euer Geld an unnöthige Galante rien des Putzes wendet, so könnt ihr keine Ver schwendung, keine Ausschweifung, keine Ueppig keit verdammen, ohne euch selbst zu verdammen. Wenn ihr euch einbildet, daß dieses eure ein zige Thorheit sey, und daß es also nicht viel damit zu bedeuten haben werde, so seyd ihr den jenigen gleich, die sich bloß der Thorheit des Gei zes, oder der Thorheit der Ruhmsucht schuldig dünken. Denn ob gleich gewisse Leute ein so scheinbares Leben führen können, daß es nicht das Ansehen hat, als ob man ihnen, außer dem Geitze oder der Ruhmsucht, noch andere Fehler zur Last legen könne; so kömmt es doch hier ganz und gar nicht auf das Ansehen an, denn Geitz und Ruhmsucht kann unmöglich in einem Her zen wohnen, welches im übrigen GOtt gehörig gewidmet ist. Desgleichen, obschon diese und jene, welche ihr meistes Geld auf unnöthige Kostbarkeiten des Putzes wenden, gleichwohl in allen andern Stücken wahrhaftig fromm zu seyn scheinen, so ist es doch ganz gewiß falsch; denn es ist einem Menschen, in dessen Seele die Religion Wur zel gefaßt, eben so unmöglich in dem Gebrau che der Kleider, als in Ausspendung der Almo sen, und in den Uebungen der Andacht eitel zu
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seyn. Damit ich euch aber hiervon durch eure eignen Betrachtungen überzeugen möge, so laßt uns einmal setzen, es würde ein großer Heili ger, zum Exempel die heilige Jungfrau Ma ria, wieder in die Welt gesendet, um nochmals wenige Jahre in dem Stande der Prüfung zu zubringen, und ihr besuchtet sie, um euch durch ihre große Frömmigkeit zu erbauen. Würdet ihr euch wohl vorstellen, sie geputzt und in feinen und kostbaren Kleidern zu finden? Nein. Euer eigner Verstand wird euch sagen, dieses sey eben so unmöglich, als daß ihr sie im Begrif, tan zen zu lernen, finden solltet. Setzet das Bey wort fromm und heilig zu einer Person, zu welcher ihr wollt, sie mag männlichen oder weib lichen Geschlechts seyn, und ihr werdet von selbst einsehen, daß ein solcher Charakter auf keine Weise mit der Eitelkeit des Putzes bestehen kann. Eine artig geputzte Heilige ist eine eben so große Ungereimtheit, als ein Apostel in einem reichgestickten Kleide; eines ieden natürli cher Verstand muß ihn von der Unverträglichkeit dieser Dinge überzeugen. Woher kömmt es aber, daß wenn ihr an ei nen Heiligen oder an einen vorzüglichen Diener Gottes denkt, ihr die Eitelkeit in Klei dern mit ihm nicht zusammenreimen könnt? Kömmt es nicht daher, weil sie mit einer solchen Lauterkeit des Herzens, mit einer so wahren und erhabenen Frömmigkeit nicht bestehen kann? Und ist dieses nicht folglich ein unwidersprechlicher Beweis, daß da, wo solcher Eitelkeit nachgehan
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gen wird, die Lauterkeit des Herzens, die wah re und erhabene Frömmigkeit nothwendig fehlen müsse? Denn so gewiß es ist, daß die heilige Jungfrau Maria sich in Putz und Pracht der Eitelkeit der Welt nicht gleich stellen könnte; so gewiß ist es auch, daß niemand dieser Eitel keit nachhängen kann, als die, welchen ihre Frömmigkeit des Herzens fehlet; und folglich muß man zugestehen, daß alle unnöthige und kostbare Artigkeit des Putzes die Wirkung ei nes unordentlichen Herzens ist, welches von dem wahren Geiste der Religion nicht regieret wird. Der Geitz ist nicht deswegen ein Laster, weil Gold oder Silber etwas Böses wäre, son dern weil er eine thörichte und unvernünftige Beschaffenheit des Gemüths voraussetzt, welches von seinem wahren Gute abgefallen und in eine armselige und elende Lust versunken ist. Desgleichen ist die kostbare Artigkeit des Putzes nicht deswegen ein Laster, weil die Klei der an und vor sich selbst etwas Gutes oder Bö ses wären, sondern weil ein kostbarer Kleider schmuck von einer thörichten und unvernünf tigen Beschaffenheit des Herzens zeigt, welches die richtigen Begriffe von der menschlichen Na tur verlohren hat, die Absicht der Kleidung ver kehret, und die Bedürfnisse des Lebens zu Be weisen der Thorheit und des Stolzes miß braucht. Alle Welt verdammet einen vorzüglich när rischen Stutzer. Und warum das? Ge
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schieht es deswegen, weil etwas sündliches in sei ner besondern Art, sich zu kleiden, in seinen gezwungenen Manieren ist? Nein: sondern es geschieht deswegen, weil iedermann einsieht, daß das Gemüth eines Menschen dadurch verrathen wird, und daß bey einem so lächerlichen Aeußer lichen das Innere unmöglich in irgend einem Stücke weise, vernünftig und gut seyn könne. Und in der That, ein Stutzer von großer Fröm migkeit ist eine eben so offenbare Ungereimtheit, als ein Memme von großem Muthe; so daß alle Welt darinn einig ist, daß die Art, sich zu kleiden, ein Beweis von der Gemüthsart eines Menschen, und folglich ein sehr wesentlicher Punct der Religion ist. Es sollte aber wohl überlegt werden, daß, wie nicht allein der Trun kenbold, sondern ein ieder, welcher das rich tige und heilige Maaß im Essen und Trinken überschreitet, der Unmäßigkeit schuldig ist, so auch nicht blos der Stutzer sich der Eitelkeit und des Mißbrauchs der Kleidung schuldig ma che, sondern ein ieder, welcher weiter geht, als es die vernünftigen und heiligen Absichten der Kleidung verlangen. Wie derohalben ieder Grund wider die Völ lerey ein eben so guter Grund auch wider alle Arten der Unmäßigkeit ist; so ist auch ieder Grund wider die Eitelkeit der Stutzer ein eben so guter Grund wider alle Eitelkeit und alle Misbräuche der Kleidung. Denn sie sind alle von einerley Beschaffenheit und sind von einan der nicht mehr unterschieden, als ein Grad der
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Unmäßigkeit von dem andern unterschieden ist. Die, welche sich nur ein wenig schminkt, kann eine andre, welche sich sehr schminkt, mit eben so gutem Rechte anklagen, als die, welche nur die gewöhnlichen Galanterien des Putzes braucht, eine andre anklagen kann, welche in ihrem Putze über alle Maaßen galant ist. Denn so wie in Ansehung der Mäßigkeit keine andre Regel Statt findet, als die Nüch ternheit, wie sie den Lehren und dem Geiste un serer Religion gemäß ist; so ist auch in Anse hung der Kleidung keine andre Regel zu be obachten, als der rechte Gebrauch der Kleider, wie er mit den Lehren und dem Geiste unsrer Re ligion auf das genaueste übereinkömmt. Den Lauf der Welt zu unsrer Richtschnur in diesen Dingen machen wollen, ist eben so einfältig und abgeschmackt, als wenn wir den Lauf der Welt zur Richtschnur unsrer Mäßigkeit, Enthal tung und Demuth machen wollten. Es ist die ses ein Vorgeben, das in dem Munde eines Christen außerordentlich ungereimt ist, welcher sich nach den Gebräuchen und Moden dieses Le bens durchaus nicht richten kann, indem die Ueberwindung der Welt zu einem wesentli chen Merkmale des Christenthums gemacht worden. Von dieser Seite müßt ihr also die Sünde der eiteln Kleiderpracht beurtheilen; ihr müßt sie als eine Verstoßung wider den eigentlichen Gebrauch der Kleider betrachten, so wie der Geitz eine Verstoßung wider den eigentlichen
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Gebrauch des Geldes ist; ihr müßt sie als eine Nahrung des Stolzes und unvernünftiger Neigungen betrachten, als ein Vergehen wider die christliche Demuth und Mäßigkeit; ihr müßt sie als ein Verbrechen wider alle diejenigen Leh ren betrachten, welche von euch verlangen, daß ihr alles, was ihr thut, zur Ehre Gottes thun, und von allen euch verliehenen Gaben den rech ten Gebrauch machen sollt; ihr müßt sie als ei ne Geringschätzung aller derjenigen Schriftstel len betrachten, welche euch befehlen, euren Näch sten zu lieben, wie euch selbst, den Hungrigen zu speisen, den Nackenden zu kleiden, und alle Werke der Barmherzigkeit auszuüben, die in eu rem Vermögen stehen: so daß ihr euch also nicht selbst betriegen und sagen dürft, können die Klei der etwas Böses seyn? Denn der Geitzige kann mit eben dem Rechte sagen, kann Gold oder Sil ber etwas Böses seyn? sondern ihr müßt be denken, daß das etwas sehr Böses ist, wenn euer Herz nicht so weise, vernünftig und demü thig ist, als es nach dem Geiste der Religion seyn soll, und als es das Herz desjenigen unmöglich seyn kann, welcher der Eitelkeit in Kleidern oder den Begierden nach Reichthum erge ben ist. Es ist also in dem Gebrauche der Kleider, so wie in dem Gebrauche eines ieden Dinges in der Welt, nichts recht, als die evangelische Aufrich tigkeit und Einfältigkeit. Ein ieder andrer Gebrauch weltlicher Dinge, für so artig er auch in der Welt erkannt wird, zerstreuet und ver
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wirret das Herz, und kann mit der innern Fröm migkeit, mit der Reinigkeit des Herzens, mit der Weisheit des Verstandes, mit der Regel mäßigkeit unsrer Leidenschaften, welche das Chri stenthum erfordert, auf keine Weise bestehen. Wenn ihr ein guter Christ seyn wollt, so ist nur ein einziger Weg dazu, ihr müßt nehmlich gänzlich GOtt leben; und wenn ihr gänzlich GOtt leben wollt, so müßt ihr nach der Weis heit leben, welche von GOtt kömmt; ihr müßt nach richtigen Ueberlegungen der Natur und des Werths der Dinge handeln; ihr müßt in Aus übung aller heiligen und himmlischen Neigun gen leben, und alle verliehene Gaben zur Ehre Gottes anwenden. Vielleicht daß einige, welche die Reinigkeit und Vollkommenheit dieses Lebens der Miranda bewundern, sagen werden: wie kann man es uns aber zu einem allgemeinen Beyspiele vorstel len? Wie können wir, die wir verheyrathet sind, oder unter der Herrschaft unsrer Eltern stehen, so ein Leben nachahmen? Hierauf antworte ich: eben so, wie ihr das Leben unsers Heilandes und seiner Apostel nachahmen sollt. Die Lebensumstände unsers Heilandes, und der Stand, in welchem sich seine Apostel befanden, sind von eurem Stande und euren Lebensumstän den weit mehr unterschieden, als es Miran dens Stand und Lebensumstände sind; und gleichwohl ist ihr Leben, die Reinigkeit und Voll kommenheit ihrer Aufführung, das allgemeine
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Exempel, welches allen Christen vorgestellet wird. Ihren Geist, ihre Frömmigkeit, ihre Liebe zu GOtt sollt ihr nachahmen, und nicht die beson dere Art ihres Lebens. Wandelt vor GOtt, wie sie wandelten, richtet eure gemeinen Handlungen zu dem Ende, zu welchem sie die ihrigen richteten, verherrlichet eure besondere Lebensart mit so vieler Liebe zu GOtt, mit so vieler Barmherzigkeit gegen euren Nächsten, mit so vieler Demuth und Selbstver leugnung, als sie die ihrige verherrlichten; und alsdenn, ob ihr schon nur eure eignen Kinder unterrichtet, und der heil. Paulus ganze Völ ker bekehret hat, werdet ihr dennoch seinen Fußtapfen folgen und nach seinem Beyspiele handeln. Bildet euch also nicht ein, daß ihr der Mi randa nicht gleich seyn könnt, oder dürft, weil ihr euch nicht mit ihr in einerley Stande des Le bens befindet; denn wie eben derselbe Geist und eben dieselben Gesinnungen Miranden zu einer Heiligen würden gemacht haben, wenn sie auch wäre genöthiget gewesen, ums Brod zu arbeiten, so wird auch euch, wenn ihr nur nach ihrem Geiste und ihren Gesinnungen trachten wollt, ieder Stand, iede Art des Lebens genug Mittel an die Hand geben, diesen Geist und diese Ge sinnungen zu zeigen und wirksam zu machen. Miranda ist das, was sie ist, weil sie alles, was sie thut, im Namen Gottes, und in Betrach tung ihrer Pflicht gegen GOtt, thut; und wenn
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ihr eben das thut, so werdet ihr ihr vollkommen gleich seyn, wenn ihr in den äußerlichen Um ständen eures Lebens auch noch so verschieden von ihr seyd. Ihr sagt, ihr seyd verheyrathet; und also habt ihr eure Zeit und euer Vermögen nicht so in eurer Gewalt, als sie beydes hat. Es ist ganz richtig; und also könnt ihr auch nicht so viel Zeit, nicht so viel Geld auf die Art anwenden, als sie es anwendet. Mirandens Vollkommenheit aber besteht auch nicht darinn, daß sie so viel Zeit, oder so viel Geld auf solche Art anwendet, sondern daß sie sich bestrebt, alle Zeit und alles Geld wohl anzuwenden, so viel desselben GOtt ihrem eignen Gefallen überlassen hat. Braucht also nur die jenige Zeit und dasjenige Geld wohl, über wel ches ihr, nach eignem Gutdünken, zu befehlen habt, und denn werdet ihr Miranden gleich seyn. Hat sie zu tausend Thalern jährlich einzu nehmen, und ihr habt nur zwey Scherfe, seyd ihr nicht um so viel mehr verbunden, in dem weisesten Gebrauch derselben nach aller Strenge zu verfahren? Hat sie einen großen Theil der Zeit in ihrer Macht, und ihr nur einen sehr klei nen, müßt ihr alsdenn nicht noch weit wachsa mer und vorsichtiger seyn, damit auch dieses wenige nicht verloren gehe? Ihr sagt, wenn ihr eben so schlecht und wohlfeil gekleidet gehen wolltet, als sie, so wür det ihr eure Ehemänner beleidigen.
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Erstlich erforschet ja genau, ob dieses wahr sey, ehe ihr es zu einer Entschuldigung macht. Zweytens, wenn es eure Ehemänner wirk lich von euch verlangen, daß ihr euer Gesicht schminken, euren Busen bloß tragen, und in allen eurem Putze fein und prächtig seyn sollt, so fasset diesen gedoppelten Entschluß: Erstlich, euch alles dessen zu enthalten, so bald es euch eure Ehemänner verstatten werden. Zweytens, euer Möglichstes zu thun, damit ihr ihre Zuneigung durch gründliche Tugen den erwerbet, welche die Eitelkeit ihrer Gemü ther verbessern und sie angewöhnen können, euch solcher Eigenschaften wegen zu lieben, die euch in dem Angesichte Gottes und seiner heiligen En gel liebenswürdig machen. Vielleicht daß einige glauben, diese Lehre, be treffend die Einfalt und Ehrbarkeit in der Klei dung, könne durch die einzige Frage hinlänglich widerlegt werden: ob sich alle Personen auf ei nerley Art kleiden sollten? Dergleichen Fragen werden gemeiniglich von solchen Personen vorgebracht, welche die klär sten Wahrheiten lieber verwickeln, als ihnen zu folgen, verbunden seyn wollen. Wir wollen einmal setzen, ich hätte eine allge meine strenge Diät angepriesen. Und die Diät ist doch wohl etwas so vernünftiges, daß man sie allgemein anpreisen kann? Allein würde
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denn daraus folgen, daß der Edelmann und der Bauer auf einerley Fuß leben müßten? Gesetzt ich hätte auf eine allgemeine Mäs sigkeit gedrungen. Rechtfertiget die Religion etwa diese Lehre nicht genug? Würde daraus folgen, daß alle Menschen einerley Getränke und in einerley Maaße trinken müßten? Auf gleiche Weise folgt es auch ganz und gar nicht, daß deswegen, weil die Einfalt und Ehr barkeit in der Kleidung allen und ieden ange priesen wird, auch alle und iede auf einerley Art sich kleiden müssen. Welches ist aber die besondre Regel in An sehung der Mäßigkeit? Wie sollen verschiedene Personen, welche verschiedne Getränke und in verschiedner Maaße trinken, die ihnen zu kommende Mäßigkeit beobachten? Ist nicht dieses die Regel? Sollen sie nicht wider alle Lüsternheit auf ihrer Hut seyn, ih ren Gebrauch des Getränkes zu einem Gewis senspunkte machen, und sich keine andre als solche Erfrischungen erlauben, welche mit den strengsten Regeln der christlichen Mäßigkeit bestehen können? Nun wende man diese Regel auf die Materie von der Kleidung an, und alle Fragen, die man dabey vorbringen kann, sind beantwortet. Laßt nur einen ieden wider die Eitelkeit des Putzes auf der Hut seyn, laßt ihn nur den Ge brauch der Kleider zu einem Gewissenspunkte machen, laßt ihn nur den festen Vorsatz haben, sein Geld aufs beste anzulegen, ich bin gewiß,
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er wird keine weitere Regel nöthig haben, sich in iedem Stande des Lebens vernünftig zu betra gen. Diese Regel wird den Großen eben so wenig erlauben, eitel in der Kleidung, als unmäßig im Trinken zu seyn; und gleichwohl wird es noch immer eben so zuläßig bleiben, daß sich einiger Unterschied unter ihrer und andrer Leute Kleidung, als unter ihrem und andrer Leu te Getränke finden darf. Wolltet ihr aber nun wohl behaupten, daß ihr also deswegen, weil verschiedene Getränke erlaubt sind, die feinsten und theu ersten Wei ne, wenn und wie es euch gefällt, trinken und so verschwenderisch darinn seyn dürftet, als ihr nur immer wollt? Wenn ihr dieses nicht zu behaup ten wagt, wie könnt ihr behaupten, daß ihr des wegen die reichsten und kostbarsten Kleider, die ihr nur immer finden und euch anschaffen könnt, tragen dürftet, weil der bloße Unter schied in Kleidern erlaubt ist? Denn so wie die Zuläßigkeit verschiedner Ge tränke auch nicht den geringsten Grad der Unmäßigkeit im Trinken entschuldigen kann, so kann auch die Zuläßigkeit verschiedener Klei dung nicht den geringsten Grad der Eitelkeit in Kleidern entschuldigen. Die Frage aber, was die Eitelkeit in Klei dern sey, ist eben so leicht zu beantworten, als die Frage, was die Unmäßigkeit im Trinken sey? Und obgleich die Religion für alle und ie de Personen insbesondere hierinn kein festes Maaß bestimmt, so ertheilt sie doch solche all=
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gemeine Regeln, daß man in iedem Stande des Lebens sich darnach richten kann. Wer sich von der Religion belehren läßt, daß die Absicht des Trinkens blos die Erfrischung unsrer Geister, und die Erhaltung nnsrer Ge sundheit sey, damit Seel und Leib zu den Verrichtungen eines frommen und heiligen Le bens beständig willig und geschickt seyn mögen, und daß er sich bestreben müsse, GOtt durch den rechten Gebrauch dieser Freyheit zu verherr lichen, der wird es allezeit wissen, was in sei nen besondern Umständen Unmäßigkeit ist. Auf gleiche Weise wird auch der, welcher sich von der Religion belehren läßt, daß wir uns nur aus der Absicht, unsre Schaam und Blöße zu bedecken und unsern Körper vor den Ungemächlichkeiten der Witterung zu beschü tzen, kleiden, und GOtt durch einen weisen und anständigen Gebrauch dieser Nothwendigkeit verherrlichen sollen, allezeit wissen, was in seinen besondern Umständen die Eitelkeit des Pu tzes ist. Und der, welcher es für eine unnöthige Spitzfündigkeit hält, von dem vernünfti gen und frommen Gebrauche der Kleidung zu reden, der kann es mit eben so gutem Rechte für eine unnöthige Spitzfündigkeit halten, wenn man von dem vernünftigen und frommen Ge brauche der Getränke redet. Denn Ueppig keit in der Kleidung ist ein eben so großer Mißbrauch, als Ueppigkeit im Essen und Trin ken. Und man kann weder diese noch jene auf
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eine andre Weise vermeiden, als wenn man die Religion zu der strengen Richtschnur unsers Betragens in beyden Fällen macht. Es findet sich auch nichts in der Religion, was uns zu ei ner frommen Strenge in dem einen Falle an treiben könnte, und nicht auch ein eben so guter Bewegungsgrund zu einer gleichen Strenge im andern Falle seyn sollte. Ferner, wie nicht alles, was zuläßig ist, auch deswegen ersprießlich ist, so giebt es auch gewisse Dinge in dem Gebrauche der Geträn ke und der Kleidung, deren man sich aus frommen Absichten enthalten, und diese Ent haltung zu einem Mittel einer großen Vollkom menheit machen kann. Wenn sich zum Exempel ein Mensch den Ge brauch erlaubter Getränke versagte, und sich auch derjenigen Ausgaben für Getränke ent hielte, die er ohne Sünde machen könnte, und thäte dieses nicht blos einer größern Selbst verleugnung wegen, sondern auch deswegen, damit er im Stande seyn möge, hülflosen Ar men und Kranken beyzustehen und sie zu er quicken. Oder wenn ein andrer sich dessen, was in An sehung des Putzes erlaubt ist, enthielte, wenn er in seiner Kleidung schlechter und sparsa mer wäre, als es die Religion nothwendig er fordert; wenn er dieses nicht blos aus einer größern Demuth thäte, sondern auch darum, damit er desto eher im Stande seyn möge, andre Leute zu kleiden: so würde man von diesen Per
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sonen sagen können, daß sie in einem höhern Grade nach dem wahren Geiste des Gesetzes Christi handelten, ob es gleich nach dem Buch staben desselben von ihnen nicht gefordert würde. Denn wenn auch die, welche einem Jünger Christi einen Becher kalt Wasser gegeben haben, ihre Belohnung dafür erhalten sollen, wie theuer und werth müssen nicht die Christo seyn, welche oft selbst Wasser getrunken haben, um den kran ken und lächzenden Gliedern des Leibes Christi Wein geben zu können. Doch wieder auf unsre Materie zurück zu kommen! Alles was hier von verheyratheten Frauenzimmern gesagt worden, kann auch denen zum Unterricht dienen, welche noch unter der Gewalt ihrer Eltern stehen. Denn obgleich der Gehorsam, welchen sie ih ren Eltern schuldig sind, sie nicht verbindet, ih re Tugend nicht weiter zu treiben, als es ihre Eltern haben wollen; so erfordert doch ihr Gehorsam, daß sie sich in allen Dingen, welche dem Gesetze Gottes nicht zuwider sind, ihrer Führung überlassen. Wenn derohalben eure Eltern von euch ver langen, daß ihr mehr nach der Mode und nach dem gesellschaftlichen Betragen der Welt leben, auf euren Putz und eure Person mehr wenden, und eure Zeit anders anlegen sollt, als es mit eurem Verlangen nach größrer Voll kommenheit übereinstimmt; so müßt ihr euch unterwerfen, und es, als euer Kreutz, so lange
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geduldig ertragen, bis ihr die Freyheit erlangt, den erhabnen Vorschriften Christi zu folgen, und die besten Mittel, eure Tugend zu ihrer größ ten Höhe zu bringen, in eurer Gewalt sind. Denn ob ihr schon, so lange ihr in diesem Stande lebt, gezwungen seyn könnt, verschied ne Mittel zur Aufnahme eurer Tugend zu ver absäumen, so finden sich doch verschiedne andere darinn, die ihr in einem freyern Leben nicht wür det gehabt haben. Denn wenn ihr in diesem Stande, in wel chem der Gehorsam eine so große Tugend ist, euren Eltern in allen erlaubten Dingen, aus ei nem frommen und zärtlichen Gefühle eurer Pflicht, willfahret, so werden die Dinge, die ihr auf diese Weise verrichtet, anstatt daß sie Hin dernisse eurer Tugend seyn sollten, in Mittel zu ihrer größern Vollkommenheit verwandelt. Was ihr auf der einen Seite durch die Ab haltung von gewissen Dingen, die ihr gern be obachten wolltet, verlieret, das gewinnt ihr auf der andern Seite durch die vortrefliche Tugend des Gehorsams, in demüthiger Willfahrung wider eure eigne Neigungen. So viel wird hoffentlich genug seyn, zu zei gen, wie Personen, die unter der Gewalt an drer stehen, das weise und fromme Leben der Miranda nachahmen können. Was die aber anbelangt, welche völlig ihre eigne Herren sind, wenn sie die Freyheit ihres Standes dazu brauchen, das beste Theil zu erwählen, wenn sie sich dadurch antreiben lassen,
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die vortreflichsten Wege einzuschlagen, wenn sie, so wie sie ihren ganzen Lebenswandel in ih rer Gewalt haben, auch ihren ganzen Lebens wandel zu einer beständigen Ausübung der erha bensten Tugenden machen: — selig sind sie, wenn sie Christo so nachzufolgen gelernt haben! Alle werden das nicht fassen, was hier gesagt worden. Die es aber fassen werden, die mögen GOtt dafür danken, daß er so gute Regungen in ihre Herzen gelegt hat. Man kann in iedem Stande des Lebens GOtt dienen und ihn verherrlichen. Da es aber ver schiedene Stände des Lebens giebt, die mehr als andre zu wünschen sind, die unsre Naturen mehr reinigen, unsrer Tugend zuträglicher sind, und uns GOtt in einem höhern Grade widmen; so scheinen diejenigen, welche die Freyheit haben, für sich selbst zu wählen, von GOtt beruffen zu seyn, sich seinem Dienste auf eine vorzüglichere Art zu widmen. Es hat von Anfange des Christenthums an zwey Ordnungen oder Klassen unter den gu ten Christen gegeben. Die einen fürchteten GOtt und dienten ihm in den gemeinen Verrichtungen und Beschäftigungen des zeitlichen und weltlichen Lebens. Die andern entsagten den gemeinen Beschäfti gungen und dem gemeinen Genusse des Lebens, als dem Reichthume, der Heyrath, der Eh re, dem Vergnügen, und widmeten sich selbst einer freywilligen Armuth, Keuschheit,
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Andacht und Einsamkeit, damit sie auf diese Weise in täglicher Ausübung eines göttlichen und himmlischen Lebens gänzlich GOtt leben könnten. Ich weiß dieses aus dem Zeugnisse des be rühmten Kirchengeschichtschreibers, Eusebius, welcher zu der Zeit der ersten allgemeinen Kirchenversammlung lebte, als das Nicei sche Glaubensbekänntniß abgefaßt wurde, als die Kirche in ihrer größten Herrlichkeit und Reinigkeit war, als ihre Bischöffe eben so viel heilige Väter und die erhabensten Mu ster der Frömmigkeit waren. „Derohalben, sagt er, sind in der Kirche Chri sti zwey Wege oder Arten zu leben verordnet worden. Die eine Art erhebt sich über den ordentlichen Stand der Natur und über die gemeinen Wege des Lebens, entsagt dem Ehe stande, dem Reichthume und allen weltlichen Gütern, und ist, indem sie sich von dem ordent lichen Wandel des gemeinen Lebens gänzlich entfernet und absondert, einzig und allein der Verehrung und dem Dienste Gottes bestimmt und gewidmet, und zwar vermittelst eines außerordentlichen Grades himmlischer Liebe. Die, welche aus dieser Klasse des Volks sind, scheinen dem Leben der Welt abgestorben zu seyn, haben nur ihre Körper auf Er den, und wohnen mit ihren Seelen und Be trachtungen im Himmel; von wannen sie, gleich so vielen Bewohnern des Himmels, auf
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das menschliche Leben herabschauen, und dem allmächtigen Gott für das ganze menschliche Geschlecht Opfer und Vorbitten darbringen. Sie opfern aber nicht mit Blute von Thieren, oder mit Fett und Rauch von verbrannten Rindern, sondern mit erhabnen Ausübungen einer wahren Frömmigkeit, mit gereinigten und lautern Herzen und mit einem der strengsten Tugend gänzlich gewidmeten Lebenswandel. Dieses sind ihre Opfer, welche sie beständig GOtt darbringen, und womit sie ihn um Gna de und Barmherzigkeit für sich und ihre Ne bengeschöpfe anruffen. Diese Art des Lebens hält das Christenthum für die vollkommenste Lebensart. Die andre Art ist von einer geringern Gat tung und bequemet sich weit mehr nach der Be schaffenheit der menschlichen Natur; sie er laubt eine keusche Ehe, sie verstattet, für Kin der und Familie zu sorgen, und Handel und Geschäfte zu treiben, und unterzieht sich allen Verrichtungen des Lebens mit Empfindungen der Frömmigkeit und Furcht Gottes. Die nun, welche diese Art des Lebens er wehlet haben, haben ihre gesetzten Zeiten zur Rückkehr in sich selbst und zu geistlichen Uebungen, sie haben ihre besondern Tage, an welchen sie des Wort Gottes hören und lernen. Und dieser Stand der Menschen gehört gleich sam zu der zweyten Klasse der Frömmigkeit*).„ So weit der gelehrte Geschichtschreiber. 1
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Wenn sich also verschiedne Personen, von dem einen Geschlechte sowohl als von dem an dern, die durch das Leben der Miranda bewegt worden wären, nach einer größern Vollkommen heit zu streben, in kleine Gesellschaften vereinig ten, sich einer freywilligen Armuth, Keusch heit, Eingezogenheit und Andacht unter würfen, sich nur die äußersten Nothwendig keiten des Lebens verstatteten, damit sie andern durch ihre Liebeswerke beystehen und alle durch ihr Gebet segnen und durch ihr Beyspiel erbauen könnten; oder wenn sie, in Ermanglung solcher Gesellschaften, dieser Lebensart in einem so hohen Grade folgten, als sie ihr vor sich selbst folgen können: so würde man von dergleichen Personen, anstatt ihnen Aberglauben oder blinde Andacht vorwerfen zu können, gestehen müssen, daß sie diejenige Frömmigkeit wie der herzustellen suchten, welcher die Zierde und die Ehre der Kirche war, als ihre größten Hei ligen noch lebten. Da es nun, wie dieser gelehrte Geschicht schreiber anmerkt, ein außerordentlicher Grad himmlischer Liebe war, welcher diese Personen so weit von den gemeinen Wegen des Lebens entfernte und zu einer so erhabnen Hei ligkeit geschickt machte; so darf man sich gar nicht verwundern, wie die Religion Jesu Chri sti das Herz so mancher Christen mit einem so hohen Grade der Liebe habe erfüllen können. Denn eine Religion, welche eine solche Aus sicht der Herrlichkeit eröffnet, welche so unendlich
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weit über alles Irdische erhabene Dinge entdeckt, welche über den Tod so mächtig triumphiret, welche uns solcher seligen Wohnungen versichert, wo wir sobald den Engeln Gottes im Himmel gleich werden sollen: was ist es Wunder, wenn eine solche Religion, wenn solche Wahrheiten und Erwartungen, in der und jener himmlischen Seele alle irdische Begierden vernichtet, und die brennende Liebe zu himmlischen Dingen zur einzigen beständigen Leidenschaft ihrer Herzen macht? Wenn die Religion der Christen auf die un endliche Erniedrigung, auf die grausame Verspottung und Geißlung, auf das wun dersame Leiden, auf das arme und verfolgte Leben, und auf den schmerzlichen Tod eines ge kreutzigten Sohnes Gottes gegründet ist: was ist es Wunder, wenn der und jener demüthige Anbeter dieses unergründlichen Geheimnisses, der und jener ergebene Liebhaber eines ge kreutzigten Herrn, seinem Antheile an weltlichen Vergnügungen entsagt, und sich dafür einer be ständigen Kreutzigung und Selbstverleugnung ergiebt, damit der, welcher hier mit Christo leidet, dort mit ihm regieren könne? Wenn uns die Wahrheit selbst versichert hat, das nur Eines nöthig ist, was ist es Wun der, wenn der und jener unter den Christen so fest im Glauben ist, daß er diesen Ausspruch nach dem strengsten Wortverstande annimmt, und eine solche Trennung von der Welt verlan get, daß seine Sorge und Aufmerksamkeit auf
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das einzige Nöthige niemals unterbrochen wer den könne? Wenn unser Heiland gesagt hat: willst du vollkommen seyn, so gehe hin, verkauffe was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach: was ist es Wunder, wenn es unter den Christen einige so eifrige Nachfolger Christi giebt, die auf den Schatz im Himmel so erpicht und nach der Voll kommenheit so begierig sind, daß sie allem Genus se ihres Standes entsagen, eine freywillige Ar muth erwählen, und allen Armen beystehen, wel chen sie nur immer beystehen können? Wenn das auserwehlte Rüstzeug, der h. Paulus gesagt hat: Wer ledig ist, der sorget, was dem Herrn angehöret, wie er dem Herrn gefalle. Und das also ist der Unterschied zwischen einem Weibe und einer Jungfrau; welche nicht freyet, die sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sey, beyde am Leibe und auch am Geiste: was ist es Wunder, wenn die Reinigkeit und Vollkommenheit des jungfräuli chen Standes der Preis und die Ehre der Kir che in ihren ersten und reinsten Zeiten gewesen ist? Was ist es Wunder, wenn es von ie her einige gegeben hat, welche so begierig gewesen sind, GOtt zu gefallen, welche so eifrig nach ie dem Grade der Reinigkeit und Vollkommen heit gestrebt und sich über iedes Mittel, in ih rer Tugend zuzunehmen, so sehr gefreuet haben,
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daß sie den Vortheilen und dem Genusse des Ehestandes entsagt, um ihre Lampen zu schmü cken, ihre Seelen zu reinigen, und GOtt in dem Stande einer beständigen Keuschheit zu dienen? Und wenn es in unsern Tagen an Beyspielen von diesen verschiednen Graden der Voll kommenheit fehlet, wenn weder Geistliche noch Layen von diesem Geiste vieles haben; wenn wir so weit davon abgekommen sind, daß derjenige, wie der h. Paulus den Athenien sern, eine neue Lehre zu predigen scheinet, welcher die Selbstverleugnung, die Entsa gung der Welt, die strenge Andacht, die Eingezogenheit, die Keuschheit und die freywillige Armuth anpreiset: so kömmt es daher, weil wir in einer Zeit leben, in der die Liebe nicht nur mancher, sondern der allermei sten Menschen erkaltet ist. Ich habe mich deswegen hier auf das Alter thum beruffen, und diese wenigen Schriftstellen angeführet, um verschiedne ungewöhnliche Ue bungen in dem Leben der Miranda zu rechtfer tigen, und zu zeigen, daß ihre strengsten Re geln eines heiligen Lebens, ihre Andacht, ihre Selbstverleugnung, ihre Entsagung der Welt, ihre Barmherzigkeit, ihre Keuschheit, ihre freywillige Armuth, in den erhabensten Ermahnungen Christi und seiner Apostel gegrün det, den hohen Erwartungen eines andern Lebens gemäß, und eigentliche Beweise einer
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himmlischen Liebe sind, so wie sie die größ ten Heiligen, in den schönsten und reinsten Ta gen der Kirche, von sich gegeben haben. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Zehntes Hauptstück. Zeiget, daß alle Menschen, sie mögen seyn von welchem Geschlechte, von wel chem Alter, von welcher Gattung sie wollen, verbunden sind, sich GOtt zu widmen.

------------------------------ Ich habe in den vorhergehenden Hauptstücken verschiedne wichtige Punkte, in welchen sich die christliche Frömmigkeit äußert, betrachtet, und gezeigt, daß alle Theile unsers gemeinen Le bens, unsre Geschäfte, unsre Gaben und unsre Glücksgüter GOtt geheiliget und ihm angenehm gemacht werden müssen, durch einen weisen und frommen Gebrauch nehmlich, und dadurch, daß wir bey allen unsern Handlungen und Anschlägen solche Absichten haben, die mit der Ehre und Verherrlichung Gottes überein kommen. Nunmehr muß ich zeigen, daß diese Heilig keit des gemeinen Lebens, dieser gottselige Ge brauch eines ieden Dinges, die Pflicht aller und ieder Christen sey.
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Fulvius hat eine gelehrte Erziehung gehabt, und hat seine Gradus auf der Universität er langt, und ist von da zurückgekommen, um von allem Zwange irgend einer Lebensart frey zu bleiben. Er nimmt kein Amt an, er giebt sich mit keinen Geschäften ab, weil er glaubt, daß man in einem Amte und bey gewissen Geschäften an die ge hörige Beobachtung damit verknüpfter Pflichten gebunden sey. Er wird euch in allem Ernst sa gen, daß er nicht deswegen in den geistlichen Stand getreten, weil dieser Stand eine größre Heiligkeit des Lebens erfordre, und daß es mit sei nem Naturelle gar nicht übereinstimme, so voll kommen gut zu seyn. Er wird euch sagen, daß er Willens sey, niemals zu heyrathen, weil er sich unmöglich zu dem ordentlichen Leben und zu dem guten Betragen zwingen könne, zu welchem die, die einer Familie vorstehen wollten, verbunden wären. Er schlug es ab, der Taufzeuge eines seiner Neffen zu seyn, blos weil er durchaus kei ne Art von Verantwortung auf sich laden wollte. Fulvius glaubt in seiner Aufführung gewis senhaft zu seyn, und begnügt sich derohalben mit dem trägsten, untauglichsten und sorg losesten Leben. Er hat keine Religion, keine Andacht, keine Ansprüche auf die Frömmigkeit. Er lebt nach keinen Regeln, und läßt alles so gut seyn, weil er weder ein Priester, noch ein Vater, noch ein Aufseher ist, weil er weder Amt noch Fa milie hat, auf die er Acht haben müßte.
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Aber du bist ein vernünftiges Geschöpf, Ful vius, und als ein solches bist du eben so wohl verbunden, nach der Vernunft und Ordnung zu leben, als ein Priester verbunden ist, des Altars zu warten, oder ein Aufseher, auf seine Untergebenen Acht zu haben. Wenn du wider die Vernunft lebst, so begehest du nicht ein kleines Verbrechen, so ladest du keine geringe Verantwortung auf dich; sondern du brichst das Gesetz der Natur, du empörest dich wider GOtt, welcher dir diese Natur gab, und setzest dich selbst unter die, welche der GOtt der Ver nunft und Ordnung als Abtrünnige und Ueberläuffet bestrafen will. Ob du gleich kein Amt hast, so bist du doch auf das Bekenntniß der christlichen Religion getauft, und also eben sowohl verbunden, nach dem Geiste des Christenthums zu leben, und al le bey deiner Tauffe gethane Versprechungen zu erfüllen, als irgend ein andrer verbunden ist, in seinem Beruffe treu und redlich zu seyn. Wenn du diesen großen Beruff mißbrauchst, so bist du nicht in einem geringen Punkte irrig, sondern du misbrauchst das kostbare Blut Christi; du kreutzigest den Sohn Gottes aufs neue; du ver nachläßigest die stärksten Beweise deiner Lauter keit; du verunehrest die Kirche Gottes; du schändest den Leib Christi; du misbrauchest die Mittel der Gnade und die Verheißungen der Herrlichkeit; und es wird Tyro und Si don an ienem Tage erträglicher ergehen, denn dir.
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Es ist daher eine große Thorheit, wenn ir gend iemand glaubt, er konne leben wie er wolle, weil er in keinem Stande sey, in welchem sich an dre befinden; denn wenn irgend eine Gefahr bey dem Misbrauche einer anvertrauten Sache ist, wenn irgend bey der Versäumniß eines Be rufs etwas zu befürchten ist, so ist gewiß dey<bey> nichts größere Gefahr, so ist gewiß bey nichts mehr zu befürchten, als bey dem übeln Gebrau che unsrer Vernunft, und bey der Versäum niß unsers christlichen Berufs, mit welchem es nicht blos auf die kleinen Nutzungen eines kurzen Lebens, sondern darauf angesehen ist, daß die Erlösung der Seelen vollbracht, der Himmel mit Heiligen erfüllt, und das Reich der ewigen Herrlichkeit zu Stande gebracht werde. Es muß also niemand einer genauen Ver nunftmäßigkeit und Frömmigkeit überhoben zu seyn glauben, weil er sich ein unabhängiges und geschäftloses Leben in der Welt erwählet hat; denn die Nothwendigkeit eines vernünftigen und heiligen Lebens gründet sich nicht auf die verschiedenen Stände und Geschäfte dieses Lebens, sondern auf die unwandelbare Natur Gottes, und auf die Natur des Menschen. Ein Mensch muß nicht deswegen vernünftig und heilig seyn, weil er ein Priester, oder der Vater einer Fa milie ist, sondern er muß ein frommer Priester und ein guter Vater seyn, weil Frömmigkeit und Güte die Gesetze der menschlichen Natur sind. Wenn ein Mensch, ohne nach Vernunft und Ordnung zu leben, GOtt gefallen könnte, so
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würde GOtt auch an einem trägen Priester, und an einem ruchlosen Vater nichts mißfäl liges finden. Der also, welcher seine Ver nunft mißbraucht, ist so schlimm als der, wel cher das Priesterthum mißbraucht, und der, welcher die Heiligkeit des christlichen Lebens verabsäumet, ist nichts besser als der, welcher ir gend eine anvertraute Sache von der größ ten Wichtigkeit vernachläßiget. Wenn sich ein Mensch lieber die Augen aus stechen, als das Licht des Tages sehen und die Werke Gottes bewundern wollte, wenn er sich, durch gänzliche Enthaltung des Essens und Trinkens freywillig umbringen wollte, so würde iedermann gestehen, daß so ein Mensch sich wi der GOtt empöre, und seine höchste Ungnade verdiene. Man würde nicht sagen, daß so et was blos an einem Priester oder an dem Haupte einer Familie, sondern an iedem Men schen, als Menschen betrachtet, sündlich sey. Worinn besteht denn aber die Sündlichkeit eines solchen Betragens? Besteht sie nicht darinn, daß er seine Natur mißbraucht, und daß er die Person nicht vorstellen will, zu der ihn GOtt erschaffen hat? Wenn dieses aber wahr ist, so sind alle Menschen, welche ihre Vernunft miß brauchen, welche eine andre Person vorstellen, als die, zu der sie GOtt erschaffen hat, diesem Bösewicht gleich, empören sich wider GOtt und ziehen seinen Zorn aus eben der Ursache über sich.
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Laßt uns setzen, dieser Mann habe, anstatt sich seine Augen auszustechen, sie blos zu Be schauung lächerlicher Dinge gebraucht, oder habe sie beständig von dem Schlafe verschließen lassen; laßt uns setzen, er habe, anstatt sich zu Tode zu hungern, iede Mahlzeit in einen Schmauß verwandelt, und gleich einem Epi kurer gegessen und getrunken: könnte man wohl sagen, daß er deswegen mehr zur Ehre Gottes gelebt habe? Könnte man wohl sagen, daß er des wegen die Person, zu der ihn GOtt erschaffen hat, besser vorgestellt habe, als wenn er sich die Augen ausgestochen oder sich zu Tode gehungert hätte? Nunmehr setzet an seine Statt einen Men schen, welcher unvernünftig handelt, welcher seine Vernunft ersticket, anstatt sich die Au gen auszustechen; welcher in beständiger Thor heit und Unmäßigkeit lebt, an statt sich zu Tode zu hungern; und ihr werdet einen eben so großen Rebellen wider GOtt haben. Denn die Sünde eines Menschen, welcher sich die Augen aussticht, oder sich selbst ermor det, bestehet blos darinn, daß er die Kräfte, die ihm GOtt gegeben hat, misbraucht, daß er die Person nicht vorstellen will, zu welcher ihn GOtt erschaffen hat, und daß er sich selbst in ei nen Stand stürzet, welcher dem göttlichen Wil len zuwider ist. Und darinn besteht auch in der That die Sünde eines ieden, welcher ein unver nünftiges, unheiliges und närrisches Leben führt. Wie derohalben kein besondrer Stand oder Privatleben den Misbrauch unsrer Körper,
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oder den Selbstmord entschuldigen kann, so kann auch kein besondrer Stand oder Privatle ben, den Misbrauch unsrer Vernunft oder die Verabsäumung der Heiligkeit der christlichen Religion entschuldigen. Denn es ist sicher lich der eben so ernstliche Wille GOttes, daß wir den besten Gebrauch von den Fähigkeiten unsrer Vernunft machen, und nach der Reinig keit und Heiligkeit des Christenthums leben sol len, als es der ernstliche Wille Gottes, daß wir unsre Augen gebrauchen, und zur Erhaltung un sers Lebens essen und trinken sollen. So lange also ein Mensch nicht zeigen kann, daß er sich aufrichtig bestrebet, nach Gottes Willen zu leben, und das zu seyn, was GOtt will, daß er seyn soll; so lange er nicht zeigen kann, daß er sich nach der Heiligkeit der christlichen Religion zu leben bemühet: so lange hat er, er mag seyn, wer er wolle, er mag seyn, wo er wolle, nichts mehr zu seiner Entschuldigung an zuführen, als die, welche gar nicht leben wollen, welche das Wichtigste, was man ihnen anver trauet hat, vernachläßigen, und den vornehm sten Beruf in der Welt verabsäumen. Ein ieder giebt zu, daß man in allen Stän den treu und ehrlich seyn müsse, und daß uns keine besondere Lebensart, kein Privatstand von diesen Pflichten lossprechen könne. Wenn wir nunmehr auf die Vernunft und die Natur der Dinge Achtung geben, und die Natur Gottes sowohl als die Natur des Menschen überlegen wollten: so würden wir gar bald einsehen, daß
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ieder andre richtige Gebrauch der Vernunft, iede Heiligkeit des christlichen Lebens, eben so unum gänglich nöthig sey; wir würden gar bald sehen, daß es eben so abgeschmackt sey, zu sagen, daß dieser eine strenge Frömmigkeit nöthig habe, und jener nicht, als zu sagen, daß dieser die Ehrlichkeit genau beobachten müsse, und ie ner nicht. Denn christliche Demuth, Mäs sigkeit, Andacht und Frömmigkeit sind eben so große und wichtige Stücke eines vernünftigen Lebens, als Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Und andern Theils sind Stolz, Sinnlich keit und Geitz eben so große Unordnungen der Seele, eben so grobe Misbräuche der Vernunft, und GOtt eben so sehr zuwider, als Betriege rey und Unehrlichkeit. Diebstahl und Unehrlichkeit scheinen in der That gemeinen Augen größere Sünden, weil sie der bürgerlichen Gesellschaft so nachtheilig sind, und nach den menschlichen Gesetzen so scharf bestraft werden. Wenn wir aber das menschliche Geschlecht aus einem höhern Gesichtspunkte betrachten, nehmlich als Gottes Ordnung oder Gesell schaft vernünftiger Wesen, welche ihn durch den richtigen Gebrauch ihrer Vernunft, und durch ihrer Natur gemäße Handlungen verherrlichen sollen; so werden wir finden, daß alle Neigun gen, welche der Vernunft und Ordnung gleich sehr zuwider sind, die mit den Absichten Gottes gleich sehr streiten, und die Schönheit und Herr lichkeit der vernünftigen Welt gleich sehr verletzen,
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dem Menschen auch gleich sündlich und GOtt gleich verhaßt seyn müssen. Dieses würde uns zeigen, daß die Sünde der Sinnlichkeit eine eben so große Sünde sey, als die Unehrlich keit, und uns zu eben so großen Gegenständen des göttlichen Misfallens mache, als diese. Wenn wir ferner das menschliche Geschlecht aus einem noch höhern Gesichtspunkte betrachten, nehmlich als eine erlöste Ordnung gefallener Geister, welche zur Gemeinschaft des Sohnes Gottes getauft sind, um Tempel des heiligen Geistes zu seyn, nach seinen heiligen Eingebun gen zu leben, Gott ein demüthiges, frommes und dankerfülltes Leben zum Opfer darzubringen, sich von den Flecken ihres Falles zu reinigen, und die Mittel der Gnade, wodurch sie Söhne der ewigen Herrlichkeit werden sollen, gehörig zu gebrauchen: wenn wir, sage ich, das menschliche Geschlecht in diesen seinem wahren Lichte betrachten, so werden wir finden, daß alle Neigungen, welche dieser heili gen Gemeinschaft zuwider, und Misbräuche dieser unendlichen Gnade sind; daß alle Handlungen, welche uns Christo unähnlich machen, die Gna denmittel misbrauchen und unsern Hoffnungen einer ewigen Herrlichkeit entgegen stehen, alles dasjenige in sich fassen, was uns bey GOtt auf ewig verhaßt machen kann. Und obgleich also Stolz und Sinnlichkeit, und andre Laster die ser Art, der bürgerlichen Gesellschaft nicht so nachtheilig sind, als Betriegerey und Unehr lichkeit, so sind sie doch derjenigen Gesellschaft nachtheilig, und lauffen denjenigen Absichten zu
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wider, welche in den Augen Gottes größer und herrlicher sind, als alle Gesellschaften, die diese Welt angehen. Es kann folglich nichts falscher seyn, als wenn wir uns einbilden, daß weil wir Privat personen sind, welche sich keinem Amte und kei nen Geschäften des Lebens unterzogen haben, wir deswegen freyer leben, unsern Lüsten mehr nachhängen, und um die Pflichten der Frömmig keit und Heiligkeit weniger besorgt seyn dürften; denn dieses würde eine eben so gute Entschuldi gung der Betriegerey und Unehrlichkeit seyn, und zwar deswegen, weil das Leben des jenigen, welcher seine Vernunft misbraucht, welcher sich der Lust und Sinnlichkeit ergiebt, und die weise und vernünftige Person eines wahren Christen vorzustellen verabsäumet, alles was ihm bey GOtt verhaßt machen kann, eben sowohl in sich enthält, als es in der Betriege rey und Unehrlichkeit enthalten ist. Wenn ihr derohalben lieber ein fauler Epi kurer, als unredlich seyn wollt; wenn ihr lie ber in Lust und Sinnlichkeit leben, als eu rem Nächsten an seinem Vermögen vervorthei len wollt, so habt ihr euch der Gnade Gottes nicht besser als der versichert, welcher lieber ein Haus als eine Kirche bestehlen will. Denn der Misbrauch unsrer eignen Natur, ist ein eben so großer Ungehorsam gegen GOtt, als die Vervortheilung unsers Nächsten; und der, welchem die Frömmigkeit gegen GOtt fehlet, hat eben so viel zu seiner Verdammung beyge
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tragen, als der, welchem die Redlichkeit gegen seinen Nächsten mangelt. Jeder Beweisgrund also, daß alle Menschen, in allen Ständen des Lebens, treu und redlich seyn müssen, beweiset auch eben sowohl, daß alle Menschen, in allen Ständen des ebens<Lebens>, heilig und fromm seyn, und alles, was sie thun, so thun müssen, wie es mit der Ehre Gottes bestehen kann. Ferner kann ein andrer Beweisgrund, daß alle Stände der Menschen in dem gemeinen Wandel ihres Lebens und in dem Gebrauch al ler und ieder Dinge so fromm und heilig seyn müssen, aus unsrer Verbindlichkeit zum Gebet hergeleitet werden. Man gestehet zu, daß das Gebet eine Schul digkeit sey, welche allen Ständen und Gattun gen der Menschen obliege. Wenn wir nun der Ursache nachforschen, warum kein Stand des Lebens das Gebet unterlassen darf, so werden wir finden, daß diese Ursache auch die Ursach sey, warum ieder Stand des Lebens in allen Stü cken zu einem Stande der Frömmigkeit und Hei ligkeit gemacht werden müsse. Denn die Ursache, warum wir zu GOtt be ten und ihn mit Psalmen und Lobgesängen prei sen sollen, ist diese, weil wir gänzlich GOtt le ben und ihn auf alle mögliche Weise verherrli chen sollen. Es kömmt nicht daher, weil wört liche Gebete, oder abgefaßte Formeln der Danksagung, besondrere Stücke der Frömmigkeit oder eine eigentlichere Verehrung Gottes wären; sondern es kömmt daher, weil sie eine mögliche
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Weise sind, unsre Ergebenheit, unsern Gehor sam und unsre Andacht gegen GOtt an den Tag zu legen. Wenn nun die Ursache unsrer wört lichen Gebete und Danksagungen zu GOtt diese ist, weil wir auf alle mögliche Weise GOtt le ben sollen; so folgt es sehr deutlich, daß wir eben sowohl verbunden sind, GOtt in allen an dern Handlungen, welche zu Handlungen der Frömmigkeit und des Gehorsams gegen ihn ge macht werden können, zu preisen und zu verherr lichen. Und da Handlungen weit mehr zu sa gen haben, als Worte, so muß es auch ein GOtt weit angenehmerer Dienst seyn, wenn wir ihn in den Handlungen unsers gemeinen Lebens ver herrlichen, als wenn wir es nur zu gewissen Zei ten mit einer kleinen Formel, mit wenigen abge faßten Worten thun. Also, wenn GOtt mit abgefaßten Danksagun gen verehret werden muß, so preiset der, wel cher es sich zum Gesetze macht, in allen Stücken und in allen Zufällen des Lebens zufrieden und dankbar zu seyn, weil sie alle von GOtt kom men, GOtt auf eine weit höhere Art als der, welcher zu gewissen Zeiten Psalmen singt. Wer sich nicht untersteht, ein unnützes Wort zu sa gen, oder etwas unvernünftiges zu thun, weil er überall die Gegenwart Gottes scheuet, der ver richtet eine bessere Andacht als der, welcher sich nicht unterstehet, die Kirche zu versäumen. In der Welt als ein Fremder und Pilgrim leben, alle ihre Freuden so genießen, als ob wir sie nicht genössen, aus allen unsern Handlungen eben so
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viel Schritte zu einem bessern Leben machen, heißt GOtt ein besser Opfer bringen, als alle Formeln heiliger und himmlischer Gebete seyn können. Demüthig in allen unsern Handlungen seyn, allen Anschein des Stolzes und der Eitelkeit vermeiden, leutselig und sanftmthig<sanftmüthig> in allen un sern Worten und Handlungen, in unsrer Klei dung, in unsrer Aufführung, in unsern An schlägen seyn, heißt GOtt auf eine höhere Art verehren, als ihn die verehren, welche nur zu gewissen Zeiten in Andacht vor ihm auf die Knie fallen. Wer sich mit dem aller Noth wendigsten behilft, damit er das Uebrige denen, welche Mangel leiden, geben könne; wer es nicht wagt, irgend einiges Geld auf eine thö richte Weise zu verthun, weil er es als ein von GOtt ihm anvertrautes Pfund betrachtet, wel ches nach seinem Willen gebraucht werden muß, der preiset GOtt mit etwas, das weit herrlicher ist, als Lobgesänge. Wer gewisse Zeiten zu weisen und frommen Gebeten bestimmt hat, der verrichtet ein Werk der Andacht; wer aber zu allen Zeiten und an allen Orten, sich keine andre als solche Hand lungen erlaubt, welche der Weisheit und Heilig keit auf das strengste gemäß sind, der verehret die göttliche Natur mit der allereigentlichsten und wesentlichsten Andacht. Denn wem ist un bekannt, daß es besser ist, rein und heilig zu seyn, als von der Reinigkeit und Heiligkeit zu reden? Wem ist unbekannt, daß niemand wei
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ter für rein, oder heilig, oder gerecht gehalten wird, als in so fern er in dem gemeinen Wan del seines Lebens rein, heilig und gerecht ist? Ist dieses aber ausgemacht, so ist es auch ausge macht, daß es besser ist, heilig zu seyn, als heili ge Gebete zu verrichten. Das Beten ist also so wenig eine hinlängli che Frömmigkeit, daß es vielmehr der kleinste Theil derselben ist. Wir müssen GOtt mit Worten und Gebet preisen, weil es eine mögli che Art ist, GOtt zu verherrlichen, welcher uns die Fähigkeiten dazu gegeben hat. Wie aber Worte, vor sich betrachtet, etwas sehr geringes sind, und die Zeiten zum Gebete, in Verglei chung mit unserm übrigen Leben, nur sehr wenig ausmachen; so ist auch die Frömmigkeit, wel che nur in gewissen Zeiten zum Gebet und in ge wissen Gebetformeln besteht, in Vergleichung mit derjenigen Frömmigkeit, welche sich in ie dem andern Stücke unsers Lebens zeigen soll, nur etwas sehr geringes. Ferner; so wie es etwas sehr leichtes ist, GOtt mit gewissen Gebetformeln zu verehren, und zu gewissen Zeiten mit denselben vor ihm zu erscheinen, so ist es auch die allergeringste Art der Frömmigkeit. Und so wie es Gegentheils weit schwerer ist, GOtt mit unserm Wesen zu verehren, ihn durch den rechten Gebrauch unsrer Zeit zu verherrli chen, und ihm ein beständiges Opfer von Selbst verleugnung und Kreutzigung darzubringen; so wie es mehr Frömmigkeit erfordert, nur zu dem
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Ende zu essen und zu trinken, damit GOtt ver herrlichet werde, und keine Arbeit zu unterneh men, sich keine Ergötzlichkeit zu verstatten, als die im Namen Gottes gethan und genossen wer den kann; so wie es weit schwerer ist, alle unsre verderbten Neigungen aufzuopfern, alle unsre Leidenschaften zu verbessern, und die Frömmig keit zur Regel und Richtschuur aller Handlun gen unsers gemeinen Lebens zu machen: so ist auch die Andacht von dieser Art ein GOtt weit angenehmerer Dienst, als jene Worte der An dacht, die wir ihm entweder in der Kirche, oder in unsrer Kammer darbringen. Ein ieder verständige Leser wird leicht einse hen, daß ich nicht gesonnen bin, den wahren und großen Werth des Gebets, es geschehe öffentlich oder in geheim, zu verkleinern; sondern ich will blos zeigen, daß das Gebet, in Vergleichung mit einem frommen Leben, nur ein sehr geringes Stück der Frömmigkeit sey. Um dieses in einem noch klärern Lichte zu zeigen, so laßt uns setzen, es habe irgend eine Person ihre bestimmten Zeiten zu Psalmen und Lobgesängen, und beobachte dieselben auch sehr genau; laßt uns zugleich setzen, in ihrem gemei nen Leben sey sie unruhig und unzufrieden, vol ler Murren und Klagen über alles und iedes, sie sey nur dann und wann, nachdem sie bey guter Laune ist, vergnügt, und murre und klage auch da noch, und habe an allem, was ihr begegnet, etwas auszusetzen. Kann man sich nun wohl etwas abgeschmackters und unvernünftigers, als
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so einen Charakter vorstellen? Kann man sagen, daß so ein Mensch dankbar gegen GOtt sey, weil er ihm gewisse Formeln der Danksagung darbringt? Ist es nicht gewiß, daß solche For meln der Danksagung, anstatt eine GOtt ange nehme Andacht zu seyn, von ihm verworffen und verabscheuet werden müssen? Die Ungereimt heit aber, die ihr in diesem Falle wahrnehmet, fin det sich auch in iedem andern Stücke des Lebens; und wenn unser gemeines Leben mit unsern Gebeten nicht übereinstimmt, so ist es GOtt ein eben so großer Abscheu, als Danklieder in dem Munde eines Murrenden. Gebogene Knie, wenn ihr euch dabey mit Stolz kleidet; himmlische Bitten, wenn ihr da bey auf Sammlung irdischer Schätze denket; heilige Andacht, wenn ihr dabey in den Thor heiten der Welt lebt; Gebete voll Leutseligkeit und Barmherzigkeit, wenn euer Herz dabey der Sitz der Feindschaft und des Grolles ist; ge wisse Stunden zum Gebete, wenn ihr ganze Ta ge und Jahre mit nichtigen Ergötzungen, mit unnützen Besuchen, mit närrischen Lustbarkeiten verschwendet; sind GOtt ein eben so abge schmackter und unangenehmer Dienst, als es Danksagungsformeln sind, die er von einem Unzufriednen hören muß. Wenn unser gemeines Leben also mit dem Geiste unsrer Gebete nicht übereinstimmt, so sind sie, anstatt ein wirklicher oder hinlänglicher Grad der Frömmigkeit zu seyn, weiter nichts als eine leere Bemühung unsrer Lippen, oder,
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welches noch schlimmer ist, eine offenbare Heu cheley. Da wir also sehen, daß wir den Geist und die Beschaffenheit unsrer Gebete, zum Geiste und zur Beschaffenheit unsers Lebens machen müssen, so können wir uns daraus überzeugen, daß alle Stände der Menschen auch nach eben derselben äußersten Vollkommenheit des christlichen Lebens zu streben, und zu ringen ver bunden sind. Denn da alle Christen einerley heilige und himmlische Andacht haben, und mit einerley Ernste um den Geist Gottes beten sollen; so ist dieses ein hinlänglicher Beweis, daß auch alle Stände der Menschen ihr Leben diesem Gei ste, um welchen sie beten, angenehm machen müssen. So gewiß derohalben einerley Heiligkeit der Gebete auch einerley Heiligkeit des Lebens er fordert, so gewiß ist es auch, daß alle Christen zu einerley Heiligkeit des Lebens beruffen sind. Ein Soldat oder ein Handwerksmann, ist nicht dazu beruffen, ein Diener am Altare zu seyn, oder das Evangelium zu predigen; allein ein ieder Soldat oder Handwerksmann ist eben sowohl verbunden, in allen Stücken seines ge meinen Lebens andächtig, demüthig, heilig und himmlisch gesinnt zu seyn, als ein Geistlicher verbunden ist, eifrig, treu und arbeitsam in al len Stücken seines Amtes zu seyn. Und alles dieses zwar aus der einzigen klaren Ursache, weil alle Menschen um eben dieselbe Heiligkeit und Weisheit, um eben dieselben
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himmlischen Neigungen beten, und sich zu eben derselben Seligkeit so geschickt machen sollen, als sie nur immer können. Alle Menschen also haben, als Menschen, ein und eben dasselbe wichtige Geschäfte, nehm lich nach der Vortreflichkeit ihrer vernünftigen Natur zu handeln, und Vernunft und Ord nung zu dem Gesetze aller ihrer Anschläge und Handlungen zu machen. Alle Christen haben, als Christen, einen und eben denselben Berus<Beruf>, nehmlich nach der Vortreflichkeit des Geistes Christi zu leben, und die erhabnen Gebothe des Evangelii zur Regel und Richtschnur aller ihrer Neigungen im gemeinen Leben zu machen. Der Kaufmann muß nicht länger Schätze auf Erden sammeln; der Soldat muß nicht länger für die Ehre fechten; der große Gelehr te muß nicht länger auf seine tiefe Einsichten in die Wissenschaften stolz seyn; sondern sie müssen alle in einem Geiste, gegen die Vortreflichkeit der Erkenntniß Jesu Christi, alles andere für Verlust schätzen. Das galante Frauenzimmer muß ihre Augen weinen lehren und mit Demuth gekleidet seyn. Der belebte Weltmann muß seine lustigen Einfälle, seine Munterkeit des Witzes mit einem zerknirschten und zerschlagenen Herzen vertauschen. Der Mann von Stan de muß der Würde seiner Geburt so sehr entsa gen, daß er sich selbst so lange für elend hält, bis er wieder gebohren werde. Bediente müs sen ihren Herren so dienen, als ob sie GOtt
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dienten. Herren müssen ihre Bedienten als ih re Brüder in Christo betrachten, und sie als Mitglieder des mystischen Leibes Christi halten. Junge Frauenzimmer müssen sich entwe der der Frömmigkeit, dem Gebete, der Selbst verleugnung und allen guten Werken in einem jungfräulichem Stande des Lebens weihen; oder sie müssen sich verheyrathen, um einer Fa milie vernünftig und heilig vorzustehen, ihre Kinder in Frömmigkeit, Demuth und Andacht zu erziehen, und alle andre gute Werke so häufig zu verrichten, als es ihr Stand und ihre Kräfte verstatten. Etwas anders können sie nicht wählen, sondern in einem von diesen Ständen müssen sie sich GOtt widmen. Sie können eine verheyrathere oder ledige Lebensart erwählen; aber das steht nicht in ihrer Wahl, ob sie den Stand, den sie erwählt, zu einem Stande der Heiligkeit, Demuth, Andacht und aller andern Pflichten des christlichen Lebens machen wollen, oder nicht. Es ist eben so wenig ihrer Willkühr überlassen, sich deswegen, weil sie Vermögen haben, oder von reichen Eltern gebohren worden, zwischen GOtt und der Welt zu theilen, und al le Ergötzlichkeiten zu genießen, die ihnen ihr Vermögen verschaffen kann, als es in ihrer Willkühr steht, manchmal keusch und züchtig zu seyn, und manchmal nicht. Sie müssen nicht darauf denken, bey wie viel Religion sie noch den Charakter der Artigkeit behaupten können, oder wie sich Andacht mit
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einem ungereimten, eitlen und schwindlich ten Leben am besten verbinden lasse; sondern sie müssen den Geist und den Inhalt ihrer Gebe te zu Rathe ziehen, sie müssen die Natur und den Endzweck des Christenthums betrachten, und denn werden sie einsehen, daß ihnen immer, sie mögen verheyrathet oder unverheyrathet seyn, nur ein Geschäfte obliege; nehmlich nicht nur in der Art und in den Formeln ihrer Andacht, sondern in allen ihren Neigungen, in allem ih ren Betragen und in dem täglichen Wandel ih res gemeinen Lebens, weise, fromm und heilig zu seyn. Junge Leute von Stande müssen über legen, was unser Heiland einem jungen Men schen von Stande in dem Evangelio sagte: ver kauffe alles, was du hast und giebs den Armen. Ob nun gleich diese Schriftstelle nicht alle Menschen verbindet, alles zu verkauffen, so verbindet sie doch alle Arten von Menschen, alle ihr Vermögen auf eine so vernünftige, weise und gutthätige Art anzulegen, daß man deutlich er kenne, sie hätten es gänzlich GOtt gewidmet, und entzögen den Armen keinen Theil desselben, um es mit unnöthigen, eiteln und närrischen Ausgaben zu verschwenden. Wenn sich daher iunge Leute von Stande ein Leben voller Ergötzlichkeiten und guter Tage vorsetzen, wenn sie ihr Vermögen in Ueppigkeit und Unmäßigkeit, mit Staat und Pracht, mit Lustbarkeiten und Zeitvertreiben, mit Spielen
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nnd<und> andern solchen muthwilligen Befriedigun gen ihrer Leidenschaften verschwenden, so können sie sich mit eben so gutem Grunde für Engel, als für Jünger Christi halten. Sie müssen überzeugt seyn, daß die einzige Obliegenheit eines christlichen Mannes von Stande diese ist, sich in guten Werken hervor zu thun, in den erhabensten Tugenden des Evan gelii andre zu übertreffen, die Unwissenheit und Schwachheit des gemeinen Volks zu ertragen, ein Freund und Gönner aller derer zu seyn, wel che um ihn herum wohnen, so viel ihm möglich in der größten Weisheit und Heiligkeit zu leben, und in seinem ganzen Lebenswandel die wahre Erhabenheit einer frommen Seele zu zeigen. Sie müssen nach keiner andern standmäßigen Aufführung streben, als die sie von Jesu wür den gelernt haben, wenn sie ihn gesehn hätten; sie müssen keine andre standmäßige Denkungsart zeigen, als die sie angenommen haben würden, wenn sie mit den heiligen Aposteln hätten leben können. Sie müssen GOtt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften, und ih ren Nächsten als sich selbst lieben lernen; und alsdenn nur werden sie alle die Größe und alle den Vorzug haben, den sie hier haben können, um sich zu jener ewigen Herrlichkeit im Himmel geschickt zu machen. Dieses also ist die gemeine Heiligkeit aller Stände und Gattungen der Menschen, weib lichen Geschlechts sowohl als männlichen,
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welche das gemeine Leben aller Christen seyn soll. Der Kauffmann muß nicht die Andacht dem Geistlichen, noch der Geistliche die De muth dem Tagelöhner überlassen. Reiche Frauenzimmer müssen es nicht den Armen ihres Geschlechts überlassen, sittsam, keusch und eingezogen zu seyn, und sich mit ehrbarer Kleidung, mit Schamhaftigkeit und Be scheidenheit zu schmücken; auch müssen es arme Weibspersonen nicht den reichen über lassen, die Kirche zu besuchen und den Gottesdienst abzuwarten. Große Leute müssen ihre Erha benheit in der wahren Armuth des Geistes zei gen, und Leute von niedrigem und elendem Stande müssen groß und freudig in GOtt seyn. Der, welcher Stärke und Gewalt hat, muß seinen Feinden vergeben, und für sie beten; und der, welcher unschuldig leidet, und im Gefäng nisse sitzet, muß, wie Paulus und Silas, um die Mitternacht beten und GOtt loben. Denn GOtt muß verherrlichet, Heiligkeit muß ausge übet, und der Geist der Religion muß zum ge meinen Geiste eines ieden Christen in iedem Stande des Lebens gemacht werden. Denn der Sohn Gottes kam nicht von oben herab, einen blos äußerlichen Gottesdienst mit den verschiednen Lebensarten, welche in der Welt sind, zu verbinden, und übrigens das Volk so leben zu lassen, wie es vorher lebte, in eben denselben Nei gungen und Lüsten, welche der Lauf und der Geist der Welt billigen. Sondern so wie er, als GOtt
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und Mensch in einer Natur, vom Himmel kam, so berief er auch das Geschlecht der Menschen zu einem göttlichen und himmlischen Leben, zur völ ligen Veränderung ihrer ganzen Natur und al ler ihrer Neigungen, zur Wiedergeburth des heil. Geistes, und zum Wandel in Weisheit und Liebe Gottes; er berief sie, ihm nach ihren äus sersten Kräften gleich zu werden; auch den schein barsten Wegen der Welt, sowohl in Ansehung der Geschäfte als der Ergötzlichkeiten, abzusa gen, ihre liebsten Leidenschaften zu ertödten und in solcher Reinigkeit und Heiligkeit zu leben, die sie zu dem herrlichen und ewigen Genusse Gottes geschickt machen könne. Alles was derohalben in dem Leben eines Christen thöricht, lächerlich, eitel, oder ir disch, oder sinnlich ist, das ist etwas, welches nicht darinn seyn sollte; es ist ein Schand fleck, welcher mit Thränen der Reue abgewa schen werden muß. Und wenn sich irgend et was von dieser Art mit in unsern Lebenswandel einmischt, wenn wir uns etwas verstatten, was eitel, närrisch oder sinnlich ist, so entsagen wir unserm christlichen Beruffe. Denn so gewiß als Christus Weisheit und Heiligkeit war, so gewiß er in die Welt kam, uns ihm gleich zu machen, und auf seinen Geist ge tauft zu werden, so gewiß ist es auch, daß sich niemand rühmen kann, seinem christlichen Be ruffe zu folgen, als der, welcher sich äußerst be strebt, ein weises, heiliges und himmlisches Le
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ben zu führen. Dieses, und dieses allein ist Christenthum; nehmlich eine allgemeine Heilig keit in iedem Stücke des Lebens, und eine himm lische Weisheit in allen unsern Handlungen, welche sich nicht nach dem Geiste und den Nei gungen der Welt richtet, sondern alle weltliche Dinge zu Mitteln der Frömmigkeit und eines GOtt gewidmeten Lebens macht. Wenn nun aber in dieser frommen Beschaf fenheit des Herzens, in diesen Fertigkeiten der innerlichen Heiligkeit die wahre Religion beste het, so muß auch die wahre Religion die Pflicht und Seligkeit aller und ieder Stände der Men schen seyn; denn sie kann durch nichts einem Stande insbesondere angepriesen werden, wo durch man sie nicht eben sowohl allen Ständen, ohne Ausnahme, anpreisen könnte. Wenn es die Seligkeit und der Ruhm eines Bischofs ist, in diesem Geiste der Frömmigkeit zu leben, und voll von diesen heiligen Gesinnun gen, alles, was er thut, so zu thun, als ob er es GOtt thäte; so ist es eben sowohl die Seligkeit und der Ruhm aller Männer und Weiber, sie mögen jung oder alt seyn, in eben diesem Geiste zu leben. Und es mag iemand Bewegungs gründe erdenken, was für welche er nur will, warum ein Bischof seine Gedanken auf göttli che Dinge richten, und sein ganzes Leben zu ge nauen Ausübungen der Frömmigkeit, Weisheit und Andacht machen müsse, so wird er finden, daß es eben so viel Bewegungsgründe sind, war
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um auch er seine äußersten Kräfte anwenden müs se, ein gleiches zu thun. Wenn ihr sagt, daß ein Bischof ein erhabe nes Muster christlicher Heiligkeit, wegen seines hohen und heiligen Berufs, seyn müsse, so sagt ihr die Wahrheit. Wenn ihr aber sagt, daß es ihm mehr Vortheil bringe, exemplarisch zu seyn, als es euch bringe, so irrt ihr sehr. Denn alles, was die höchsten Staffeln der Heiligkeit für ei nen Bischof erforderlich macht, das macht sie auch eben so erforderlich für iede junge Person aus ieder Familie. Denn eine erhabene Frömmigkeit, eine feu rige Andacht, ein heiliger Gebrauch aller Din ge, ist der Ruhm und die Seligkeit des einen Standes sowohl, als des andern. Stellet euch nur in Gedanken vor, was für einen Geist der Frömmigkeit ihr wohl wolltet, daß der beste Bischof in der Welt haben solle, wie sehr er GOtt lieben, wie sehr er unsern Heiland und seine Apostel nachahmen, wie weit entfernt er von allem Weltlichen leben, und wie herrlich er in allen Beweisstücken eines himmlischen Lebens erscheinen solle; und dann werdet ihr den Geist ausfindig gemacht haben, welchen ihr zu dem Geiste eures eignen Lebens machen müßt. Ich wünschte, daß ieder Leser dieser Betrach tung ein wenig nachhängen möchte, und viel leicht würde er mehr Ueberzeugung darinn fin
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den, als er sich einbildet. Ein ieder kann wis sen, wie gut und fromm er wolle, daß dieser oder jener seyn möge; ein ieder sieht es ein, was für eine vortrefliche Sache es um einen Bischof sey, welcher über alles Weltliche erhaben und ein glänzendes Beyspiel der christlichen Vollkom menheit ist: denn so bald man an einen weisen alten Bischof denket, so bald stellt man sich ei nen erhabnen Grad der Frömmigkeit, und ein lebendiges Exempel aller der heiligen Eigenschaf ten vor, welche in dem Evangelio beschrieben werden. Wenn ihr euch nun selbst fragt, welches wohl das Beste sey, was ein junger Geistlicher thun könne? so werdet ihr euch gezwungen sehen, zu antworten, daß nichts für ihn rühmlicher und seliger seyn könne, als diesem vortreflichen heiligen Bischofe gleich zu seyn. Wenn ihr weiter geht, und fraget, was das beste und seligste sey, was ein junger Mensch von Stande oder dessen Schwestern thun könnten? so wird die Antwort eben dieselbe seyn: daß nehmlich für sie nichts rühmlicher und seli ger seyn könne, als in eben den Fertigkeiten der Heiligkeit, in eben den Ausübungen eines gött lichen Lebens zu leben, in welchen dieser gute alte Bischof lebet. Denn alles was in der Religion groß und rühmlich ist, ist eben so wohl für alle Männer und Weiber, als für einen Bischof rühmlich. Wenn hohe Grade der gött
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lichen Liebe, wenn brennende Barmherzigkeit, wenn unbefleckte Reinigkeit, wenn himmlische Neigungen, wenn beständige Kreutzigung, wenn öfftere Andacht die besten und seligsten Wege für irgend einen Christen sind; so sind sie es für alle und iede Christen. Ueberlegt Gegentheils; wenn ihr einen Bi schof sehen solltet, dessen ganzer Lebenswandel unter seinem Charakter wäre, der sich nach allen Thorheiten der Welt bequemte, und von eben den Sorgen, von eben der Furcht regieret wür de, von welchen eitle Weltkinder regieret wer den, was würdet ihr wohl von ihm denken? Würdet ihr wohl von ihm denken, daß er blos eines geringen Vergehens schuldig sey? Nein. Ihr würdet ihn als einen Mann ver dammen, welcher nicht allein in den wichtig sten Stücken, sondern in dem einzigen wich tigen Stücke seines Berufs irre. Stehet bey dieser Betrachtung ein wenig stille, bis ihr gänz lich überzeugt seyd, was für eine elende Thorheit es um einen Bischof sey, welcher ein sorgloses weltliches Leben führet. Und unterdessen, da ihr darüber nachdenkt, wendet eure Gedanken auf diese oder jene von eurer Bekanntschaft, auf euren Bruder, auf eu re Schwester, oder auf irgend eine andre junge Person. Wenn ihr nun sehet, daß ihr gemei ner Lebenswandel den Lehren des Evangelii nicht gemäß ist, wenn ihr sehet, daß ihr Leben kein
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ernstliches Ringen, durch die enge Pforte ein zugehen, heißen kann, so sehet ihr etwas, daß ihr in eben dem Grade und aus eben den Ursa chen verdammen müßt. Sie begehen kein ge ringes Versehen, sondern sie sind in dem, worauf es ganz und allein ankömmt, irrig, und verkennen ihre wahre Seligkeit eben so sehr, als der Bischof, welcher die hohen Pflichten seines Berufs vernachläßiget. Wendet diese Gedanken endlich auch auf euch selbst an. Fin det ihr, daß ihr ein träges, wollüstiges und eitles Leben führet, daß ihr lieber eure Leideuschaften<Leidenschaften> befriedigen, als nach den Lehren des Christen thums leben, und den deutlichen Geboten un sers Heilandes folgen wollt; so müßt ihr euch selbst alle die Blindheit und Unvernunft beymes sen, die ihr irgend einem unordentlichen Bi schoffe zur Last legt. Denn alle Tugenden des christlichen Lebens, seine vollkommene Reinigkeit, seine himmlischen Eigenschaften, sind eben sowohl die einzige Richtschnur unsers Lebens, als sie die einzige Richtschnur des Lebens eines Bischofs sind. Wenn ihr diese heiligen Eigenschaften vernach läßiget, wenn ihr nicht ernstlich nach denselben strebet, wenn ihr euch nicht selbst zu einem le bendigen Beyspiele derselben macht, so habt ihr eurer wahren Seligkeit eben so weit verfehlet, so seyd ihr eben so sehr eure Feinde, so habt ihr eine eben so schlimme Wahl getroffen, als derje nige Bischof, welcher lieber seine Familie berei
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chern, als einem Apostel gleich werden will. Denn alle die Ursachen, warum man die höchste Heiligkeit und die himmlischen Eigenschaften für die Pflicht und Seligkeit eines Bischofs halten muß, sind gleich starke Ursachen, eben diese Eigenschaften für die Pflicht und Selig keit aller und ieder Christen zu halten. Und so wie der weiseste Bischof in der Welt der ist, welcher in der größten Heiligkeit lebt, wel cher in allen Uebungen eines göttlichen Lebens der exemplarischste ist; so ist auch der weiseste Jüngling, das weiseste Frauenzimmer, es mag verheyrathet oder ledig seyn, dasjeni ge, welches in der größten christlichen Heilig keit lebet, und in allen Uebungen eines göttli chen und himmlischen Lebens das fleißigste und sorgfältigste ist.
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Eilftes Hauptstück. Zeiget, daß große Frömmigkeit unser Leben mit dem größten Frieden und der größten Seligkeit, die wir auf dieser Welt genießen können, erfülle.

------------------------------ Es werden vielleicht einige einwenden, daß al le diese Regeln eines heiligen Lebens, wel ches in allem, was wir thun, GOtt gewidmet ist, dem menschlichen Leben einen gar zu großen Zwang auflegten; daß es ein allzuängstlicher Stand werden müsse, wenn wir in allen unsern Handlungen eine gewisse Beziehung auf GOtt beobachten sollten; und daß wir, durch die Ent haltung von so mancherley, dem Ansehen nach, unschuldigen Ergötzlichkeiten, unser Leben ver drießlich, traurig und melancholisch ma chen würden. Hierauf kann geantwortet werden: Erstlich, daß diese Regeln zu einem ganz andern Ende vorgeschrieben worden, und auch wirklich eine ganz andre Wirkung hervorbrin gen; daß sie, anstatt unser Leben verdrießlich und melancholisch zu machen, es mit Vergnü gen und mächtigen Beruhigungen erfüllen; daß wir durch diese Regeln blos die kindischen Befriedigungen unsrer eiteln und kranken Leidenschaften mit gründlichen Freuden und mit wirklicher Seligkeit eines gesunden Ge müths vertauschen.
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Zweytens, daß wie wir keinen gegründeten Trost in den Ergötzlichkeiten des Lebens, sondern blos in der Versicherung finden können, daß ein weiser und guter GOtt die Welt regiere, wir auch also, ie mehr wir GOtt in iedem Dinge ausfindig machen, ie mehr wir uns an allen Or ten zu ihm wenden, ie mehr wir in allen Hand lungen auf ihn sehen, ie mehr wir uns nach sei nem Willen richten, ie mehr wir nach seiner Weisheit handeln und seine Güte nachahmen, desto mehr zu dem Genusse Gottes gelangen, der göttlichen Natur theilhaft werden, und alles, was in dem menschlichen Leben selig und tröst lich ist, erhöhen und stärken. Drittens; der, welcher alle diese Leidenschaf ten des Stolzes, des Neides, der Ruhm sucht, die der Religion so zuwider sind, aus sei nem Gemüthe auszurotten bemühet ist, thut mehr zur Beförderung seiner Glückseligkeit auch in diesem Leben, als der, welcher auf Mittel, sie zu befriedigen, sinnet. Denn diese Leidenschaften sind die Ursachen aller Beunruhigungen und Plagen des mensch lischen Lebens; sie sind die Hydropsien und Fieber unsrer Seelen, die sie mit falschen Ap petiten und mit unruhigem Verlangen nach Dingen, die wir nicht nöthig haben, peinigen, und uns den Geschmack an denjenigen Dingen, welche unser eigentliches Gut sind, benehmen. Bildet euch ein, ihr hättet irgendwo einen Mann gesehen, welcher die Vernunft zur Vor
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schrift aller seiner Handlungen gemacht, welcher nichts begehrt, als das, was seine Natur wirk lich nöthig gehabt und die Religion billiget, welcher von allen Bewegungen des Stolzes, des Neides, des Geitzes so rein, als von Ge danken des Mordes gewesen, welcher bey die ser Freyheit von allen weltlichen Leidenschaften, eine Seele gehabt, die mit göttlicher Liebe erfüllt gewesen, und dessen Wunsch und Gebet dahin gegangen, daß alle Menschen von weltlichen Dingen so viel, als sie brauchten, haben und Miterben der ewigen Herrlichkeit in jenem Leben werden möchten. Bildet euch ein, es lebe ein Mensch auf diese Art, und euer eigen Gewissen wird euch sogleich sagen, daß er der glücklichste Mann in der Welt sey, und daß die fruchtbarste Einbildung keine höhere Seligkeit in dem gegen wärtigen Stande dis Lebens erdenken könne. Und wenn ihr Gegentheils setzet, daß er einige Grade weniger vollkommen sey, wenn ihr setzet, daß er nur einer einzigen thörichten Be gierde, einer einzigen eiteln Leidenschaft unter worfen sey; so wird euch abermals euer eigen Gewissen sagen, daß er in so weit seine eigne Seligkeit verringere, und sich des freudigen Ge nusses seiner übrigen Tugenden beraube. So gewiß ist es, daß ie mehr wir nach den Regeln unsrer Religion leben, desto friedlicher und seli ger wir unser Leben machen! Und wie es auf diese Weise erhellet, daß wirk liche Seligkeit nur durch die höchsten Grade
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der Frömmigkeit, nur durch die stärksten Ver leugnungen unsrer Leidenschaften, nur durch die strengsten Regeln der Religion erlangt werden kann, so wird eben diese Wahrheit auch aus der Betrachtung des menschlichen Elendes erhellen. Wenn wir uns in der Welt umsehen und die Unruhen und Plagen des menschlichen Lebens bedenken, so werden wir finden, daß sie alle aus unsern heftigen und unordentlichen Lei denschaften entspringen. Alle Unruhen, alles Misvergnügen gründet sich auf den Mangel eines oder des andern Dinges. Wollen wir also die wahre Ursache unsrer Unruhe und unsers Misvergnügens wis sen, so müssen wir die Ursache unsers Mangels ausfindig machen; denn das, was unsern Man gel verursachet oder vermehret, verursachet und vermehret auch, in eben demselben Grade, unsre Unruhe und unser Misvergnügen. Der allmächtige GOtt hat uns mit sehr we nigen Bedürfnissen in die Welt gesendet; Es sen und Trinken und Kleider sind das ein zige, was wir in dem Leben unumgänglich brau chen; und wie es nur unsre gegenwärtigen Be dürfnisse sind, so ist auch die gegenwärtige Welt gar wohl vermögend, diesen Bedürfnissen ab zuhelfen. Wenn ein Mensch auch die halbe Welt in sei ner Gewalt hätte, so könnte er sie doch nicht wei ter, als dazu brauchen. Sie soll ihm blos ein animalisches Leben erhalten helfen, und kann
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ihm also zu sonst nichts dienen, noch ihm eine andre Glückseligkeit verschaffen. In diesem Stande befindet sich der Mensch, welcher mit wenigen Bedürfnissen in einer weiten Welt gebohren wird, in der er ihnen hinlängli che Genüge leisten kann; so daß man mit gutem Grunde glauben sollte, der Mensch müsse sein Leben in Zufriedenheit und Dankbarkeit gegen GOtt, wenigstens ohne heftige Unruhen und Plagen, zubringen können, weil er in eine Welt gesetzet worden, die seinen Bedürfnissen mehr als zu wohl abhelfen kann. Wenn wir aber zu diesem allen noch hinzufü gen, daß dieses kurze mit allem, was wir darinn nöthig haben, so wohl versehene Leben, blos ein kurzer Durchgang zur ewigen Herrlichkeit ist, wo wir mit dem Glanze der Engel bekleidet seyn und zu den Freuden Gottes eingehen werden; so sollte man, vernünftiger Weise, noch eher glau ben, daß dieses Leben ein Stand des Friedens und der Zufriedenheit in GOtt seyn müsse. Und das würde es auch ganz gewiß seyn, wenn die Vernunft ihre völlige Gewalt über uns hätte. Aber ach! ob schon GOtt, und Natur, und Vernunft, das menschliche Leben so frey von Bedürfnissen und so voller Glückseligkeit ma chen, so empören sich dennoch unsre Leidenschaf ten wider GOtt, wider Natur und Vernunft, schaffen eine Welt voll Uebel, und erfüllen das menschliche Leben mit eingebildeten Bedürfnis sen und Unruhen.
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Ein Stolzer hat tausend Bedürfnisse, wel che blos sein eigner Stolz erschaffen hat; und diese machen ihn eben so voller Unruhe, als wenn ihn GOtt mit tausend Begierden erschaffen hät te, ohne das geringste, womit sie befriediget werden könnten, mit zu erschaffen. Auch haben Neid und Ruhmsucht ihre unendlichen Be dürfnisse, welche die Seelen der Menschen beun ruhigen, und sie, durch ihre einander widerspre chende Bewegungen, so närrisch elend machen, als kaum die seyn könnten, welche zu gleicher Zeit fliegen und kriechen wollten. Laßt euch nur einen klagenden, unruhigen Menschen den Grund seiner Unzufriedenheit sa gen, und ihr werdet deutlich sehen, daß er selbst der Urheber seiner Plagen ist, daß er sich selbst mit einem eingebildeten Uebel peiniget, welches ihn zu peinigen den Augenblick aufhören wird, sobald er sich begnüget, das zu seyn, was GOtt und Natur und Vernunft wollen, daß er seyn soll. Wenn ihr sehen solltet, daß ein Mensch seine Tage in Unruhe und Verdruß zubrächte, weil er nicht auf dem Wasser gehen, oder die Vö gel, so wie sie bey ihm vorbey fliegen, erha schen könnte, so würdet ihr ohne Anstand be kennen, daß ein solcher Mensch sein Misvergnü gen sich selbst zuzuschreiben habe. Nur aber betrachtet auch die allerpeinlichsten Unruhen des Lebens, und ihr werdet finden, daß sie eben so ungereimt sind, indem sich die Menschen durch
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ihre eigne Thorheit plagen und sich mit Dingen peinigen, die für sie und ihr wahres Wohl eben so wenig zu bedeuten haben, als das Gehen auf dem Wasser, oder das Erhaschen der Vögel. Könnte man sich etwas abgeschmackters und ausschweifenders einbilden, als einen Menschen, welcher sich den Kopf zerbräche und Tag und Nacht darüber nachdächte, wie er fliegen wolle? Gesetzt er wanderte aus seiner Heimat, er ermüdete sich mit Erkletterung einer ieden Anhöhe, er bä te alle, die ihm begegneten, demüthig und fußfäl lig, ihm von dem Boden aufzuheben, er zerschlüge und verwundete sich durch beständiges Fal len, und endlich bräche er den Hals. Und das alles, weil er sich einbildete, es werde nicht nur für ihn ungemein rühmlich seyn, wenn ihm der erstaunte Pöbel nachsähe, sondern es müsse auch eine große Glückseligkeit seyn, auf den höchsten Gipfeln im Lande essen, trinken und schlafen zu können. Würde man nicht, ohne sich lange zu bedenken, gestehen, daß sich ein solcher Mensch durch seine eigne Narrheit beunruhige? Fragt man, was diese närrischen Geschöpfe, dergleichen in dem menschlichen Leben nirgends gefunden würden, hier sollen? So antworte ich: überall, wo ihr einen ehrgeitzigen Mann se het, da sehet ihr diesen eiteln und sinnlosen Flieger. Ferner; wenn ihr einen Mann sehen solltet, welcher einen großen Teich voll Wasser hätte, und gleichwohl in beständigem Durste lebte;
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er erlaubte sich nicht den geringsten Schluck, damit sein Teich ja nicht abnähme; er wendete alle seine Zeit, und alle seine Kräfte an, mehr Wasser in den Teich zu tragen; er dürstete beständig und trüge doch beständig einen Eimer voll Wasser in seiner Hand; er wäre früh und spät beschäftiget, alle Regentropfen aufzusam meln; er schnapfte nach ieder Wolke; er renne begierig durch alle Sümpfe, in Hoffnung, Was ser zu finden; und sänne ohne Unterlaß darauf, wie er machen könne, daß ieder Graben in sei nen Teich fließen müsse. Wenn ihr sehen soll tet, daß er unter diesen ängstlichen Beschäfti gungen alt und grau würde, und beschlösse endlich sein sorgenvolles, durstiges Leben, in dem er in seinen eignen Teich fiele, würdet ihr nicht sagen, dieser Mensch habe sich alle seine Unruhen selbst gemacht, ja er sey närrisch ge nug gewesen, ihn unter die Wahnwitzigen und Rasenden zu rechnen? Aber so närrisch und abgeschmackt dieser Charakter ist, so zeiget er doch kaum die Hälfte der thörichten und ab geschmackten Unruhen eines Geitzigen. Ich könnte so mit leichter Mühe auch die ähn lichen Wirkungen aller andern Leidenschaften zeigen, und es unwidersprechlich darthun, daß alle unser Elend, alle unsre Plagen und Be schwerden, gänzlich unser eigen Werk sind, und zwar auf eben die abgeschmackte Art, wie man es in den Beyspielen des Geitzigen und des Ruhm süchtigen gesehen hat. Wendet eure Augen wohin ihr wollt, und ihr werdet sehen, daß alle
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weltliche Quaalen, den Quaalen desjenigen gleich sind, welcher in allen Sümpfen und Morä sten Wasser, seinen Durst zu löschen, suchet, ob er gleich zu Hause mehr Wasser hat, als für hundert Pferde genug ist. Cälia wird euch ohne Unterlaß sagen, wie aufgebracht sie sey, was für verdrüßliche, unerträgliche Dinge ihr begegnen, was für ungeheure Begegnungen sie ausstehen muß, und was für Peinigungen sie überall antrift. Sie sagt euch, daß ihr die Geduld gänzlich aus reiße, und daß sie das Bezeigen der Leute unmög lich mehr aushalten könne. Sie kömmt aus ieder Gesellschaft aufgebracht nach Hause, weil eines oder das andre darinn gesagt oder gethan wor den, was kein vernünftiger, wohlerzogner Mensch dulden könne. Die armen Leute, die sie um ihre Barmherzigkeit ansprechen, weiset sie mit hitzigen Reden ab, nicht weil ihr das wenige Geld ans Herz gewachsen, sondern weil ihr Ge müth viel zu beunruhiget ist, als daß sie auf an drer Klagen hören könnte. Cälia hat weiter keine Geschäfte auf sich, als die Renten eines überflüßigen Vermögens einzunehmen; aus der widerwärtigen Beschaffenheit ihres Gemüths aber sollte man schließen, es müsse ihr an dem allernothwendigsten, an Essen und Wohnung fehlen. Wenn ihr sie blasser, als gewöhnlich, sehet, wenn ihre Lippen, indem sie mit euch spricht, zittern, so ist das die Ursache, weil sie eben von einem Besuche gekommen, wo Lu pus sich gar nicht um sie bekümmert, sondern
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die ganze Zeit mit Lucinden gesprochen hat, welche doch nicht halb so viel Vermögen besitzt, als sie. Und wenn dergleichen verdrüßliche Zu fälle ihre Lebensgeister so in Unordnung gebracht haben, daß sie nach dem Arzte schicken muß, um ihr wieder Appetit zum Essen zu machen, so sagt sie ihm, mit der größten Erbitterung gegen die Vorsicht, daß ihr nie, so lange als sie lebe, recht wohl gewesen, und daß sie ieden gesunden Bettler beneide. Dieses ist das unruhige Leben der Cälia, die durch nichts, als durch ihre eigne Gemüthsart gepeiniget wird. Wenn man ihr nur christliche Demuth beybringen könnte, so würde man sie zu der glücklichsten Person von der Welt gemacht ha ben. Diese Tugend würde sie dankbar gegen GOtt machen, wenn sie auch nur halb so gesund wäre, als sie ist; sie würde sie vor dem Zittern der Glieder, vor dem Mangel des Appetits be wahren, und die heftigen Wallungen des Ge blüths, ohne irgend eine andre Arzney, nieder schlagen. Ich habe diese abgeschmackten Charaktere zu keinem andern Ende berührt, als meine Leser auf das deutlichste zu überzeugen, daß die streng sten Regeln der Religion so wenig unser Leben verdrüßlich, ängstlich und melancholisch (wie man oben eingewendet hat) machen, daß vielmehr alles Elend, alle Martern und Klagen in der Welt, aus dem Mangel der Religion entspringen und von den ungereimten Leiden
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schaften erzeugt werden, welche uns die Reli gion verleugnen lehret. Denn alle Bedürfnisse, die das menschliche Leben unruhig, uns mit uns selbst unzufrieden, zänkisch gegen andre, und undankbar gegen GOtt machen; die uns mit eiteln Arbeiten und thörichten Beängstigungen ermüden, die uns von Anschlägen zu Anschlägen, von Ort zu Ort treiben, um, wir wissen nicht was, zu verfolgen, sind Bedürfnisse, welchen uns weder GOtt, noch die Natur, noch die Vernunft unterwor fen hat, sondern die uns einzig und allein von dem Stolze, dem Neide, der Ruhmsucht und dem Geitze beygebracht werden. Je mehr ihr also eure Begierden nur auf das, was Natur und Vernunft verlangen, einschränkt, ie genauer ihr alle Bewegungen eures Herzens nach den strengen Regeln der Religion ordnet; desto weiter entfernet ihr euch von unendlich vie len Bedürfnissen und Martern, welche iedes sich selbst überlassene Herz peinigen. Die meisten Menschen gestehen zwar, daß uns die Religion vor sehr vielen Uebeln bewah re, und uns auf mehr als eine Weise zu der glück lichen Beruhigung unsrer selbst verhelfe; allein sie bilden sich ein, daß dieses nur von einem so mäßigen Theil der Religion zu verstehen sey, als uns vor den Ausschweifungen unsrer Leiden schaften zu bewahren hinlänglich ist. Sie setzen voraus, daß die strengen Regeln und Vor schriften einer erhabnen Frömmigkeit, unsrer
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Natur so sehr widersprächen, daß sie noth wendig unser Leben traurig und trostlos machen müßten. Ob nun schon die Schwäche dieses Einwurfs hinläglich aus dem, was bereits gesagt worden, erhellet, so will ich doch noch einige Worte hinzufügen. Dieser Einwurf setzt voraus, daß die Reli gion, wenn sie mäßig ausgeübet werde, vieles zur Glückseligkeit des Lebens beytrage; und daß hingegen der hohe Grad der Frömmigkeit, wie ihn die Vollkommenheit der Religion erfordert, eine ganz entgegen gesetzte Wirkung habe. Er setzt also voraus, daß es eine Glückselig keit sey, vor den Ausschweifungen des Nei des bewahret zu werden; daß es aber eine Un glückseligkeit sey, von andern Graden des Nei des frey zu bleiben; daß es eine Glückseligkeit sey, von einem grenzenlosen Ehrgeitze befreyet zu werden, eine Unglückseligkeit aber, auch nicht einen gemäßigten Ehrgeitz zu haben. Er setzt voraus, daß die Glückseligkeit des Lebens in ei ner Mischung von Tugend und Lastern bestehe, in einer Mischung von Stolz und Demuth, von Barmherzigkeit und Neid, von Geitz und himmlischer Neigung. Alles dieses ist aber eben so abgeschmackt, als wenn man annehmen wollte, daß es zwar ein Glück sey, von heftigen Schmerzen frey zu seyn, ein Unglück aber, ohne alle gemäßigte Schmerzen zu seyn; oder daß die Glückseligkeit der Gesundheit darinn bestehe, sich Theils krank, Theils wohl zu besinden.
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Denn wenn die Demuth der Friede und die Ruhe der Seelen ist, so ist niemand durch die Demuth glückseliger, als der, welcher der aller demüthigste ist. Wenn außerordentlicher Neid eine Marter der Seelen ist, so befreyt sich nur der vollkommen von dieser Marter, welcher ieden Funken des Neides vollkommen erstickt. Wenn es Ruhe und Vergnügen bringt, irgend eine Handlung nach dem Willen Gottes zu verrich ten, so muß der, welcher die meisten seiner Handlungen dieser Regel unterwirft, auch am meisten die Ruhe und das Vergnügen seines Le bens befördern. Und so ist es mit ieder Tugend; ie größer der Grad ist, in welchem ihr sie ausübt, desto grös ser ist auch die Glückseligkeit, die sie euch ver schaft. Und so ist es mit iedem Laster; wenn ihr blos seine äußersten Ausschweifungen un terdrücket, so thut ihr zu eurem Besten nur etwas sehr geringes; wenn ihr es aber nach al len seinen Graden verwerft, alsdenn empfindet ihr die wahre Zufriedenheit und Freude eures gebesserten Gemüths. Zum Exempel: wenn die Religion blos den Ausschweifungen der Rache Einhalt thut, in geringern Fällen aber euch ihr nachhängen läßt, so wird eure Religion euer Leben von außen zwar ein wenig wohlanständiger, in dem innern aber euch weder ruhiger noch glücklicher gemacht haben. Wenn ihr aber einmal alle Gedanken der Rache, zu Folge eures Gehorsams gegen
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GOtt aufgegeben habt, und entschlossen seyd, beständig böses mit gutem zu vergelten, um euch GOtt ähnlicher und seiner Gnade in dem Reiche der Liebe und Herrlichkeit würdiger zu machen; so wird euch dieser Gipfel der Tugend alle seine Seligkeit empfinden lassen. Zweytens; was die Befriedigungen unsrer Leidenschaften und die Ergötzungen anbelangt, die uns eine erhabne Frömmigkeit untersagt, so werden wir dadurch keines wirklichen Trostes in diesem Leben beraubt. Denn erstlich verlangt die Frömmigkeit nicht von uns, daß wir allen Wegen des Lebens, auf welchen wir vernünftig handeln, und das, was wir thun, zur Ehre Gottes thun können, entsa gen sollen. Von allen Wegen des Lebens, von allen Befriedigungen und Ergötzungen, welche in diese Grenzen eingeschlossen sind, wird uns keine von den strengsten Regeln der Frömmig keit verbothen. Alles was ihr, als in dem Angesichte Gottes, als seine Diener, als seine vernünftigen Geschöpfe, welchen er Vernunft und Erkenntniß gegeben hat, thun und ge nießen könnt; alles was einer vernünftigen Natur, und dem Willen Gottes gemäß ist, das alles erlauben die Gesetze der Frömmigkeit. Und könnt ihr wohl glauben, daß ihr euch alles Trostes in diesem Leben beraubet, wenn ihr GOtt nicht mißfallt, wenn ihr nicht thöricht und närrisch seyd, und der Vernunft und Weis heit, die er in euch gelegt hat, nicht zuwider handelt?
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Und was diejenigen Vergnügen anbelangt, die wir einem heiligen GOtt nicht darbringen können, die blos von der Thorheit der verderbten Welt erfunden worden, die unsre Leidenschaften entzünden, unsre Seelen in Sinnlichkeit und grobe Lüste versenken, und uns sowohl hier als dort der göttlichen Gnade unfähig machen; so kann es unmöglich ein trostloser Stand des Le bens seyn, wenn wir durch die Religion von sol chem Selbstmorde abgehalten und einer ewigen Glückseligkeit fähig gemacht werden. Wir wollen uns eine Person einbilden, wel cher die Kenntnisse, die wir durch unsre Sinnen erlangen, fehlten, und irgend wo hin versetzt wäre, wo sie sich ganz allein, mitten unter einer Menge Dinge, deren Gebrauch sie nicht kennte, befände. Gesetzt sie hätte Brod, Wein, Was ser, Goldstaub, eiserne Ketten, Sand, Kleider, Feuer et cetera um sich; sie wüßte aber nichts von dem rechten Gebrauche dieser Dinge, und ihre Sinne gäben ihr auch keine Anweisung, wie sie ihren Durst löschen, ihren Hunger stil len, oder sonst etwas von den Dingen, die sie um sich hat, brauchen solle. Gesetzt, sie streu te sich, wenn sie durstig wäre, Goldstaub in die Augen, und wenn ihr die Augen schmerz ten, so gösse sie sich Wein in die Ohren; gesetzt sie nähme, wenn sie hungrig wäre, Sand in den Mund, sie belade sich, wenn sie Schmerzen füh le, mit den eisernen Ketten, sie setze, wenn sie Frost empfinde, ihre Füße in das Wasser, sie lauffe von dem Feuer weg, weil sie sich dafür
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fürchte, und mache sich, wenn sie müde wäre, einen Sitz von ihrem Brode. Gesetzt sie pla ge und martere sich ihr ganzes Leben hindurch, weil sie den rechten Gebrauch der Dinge, die um sie sind, nicht kenne, und müsse endlich, vom Staube blind, vom Sande erstickt, und unter den Ketten erdrückt sterben. Gesetzt, es käme irgend ein gutes Wesen zu ihr, und lehrte sie die Natur und den Gebrauch aller Dinge, die sie um sich hat, und gäbe ihr, sie recht zu gebrau chen, so strenge Regeln, daß sie sich durch ih re Beobachtung ganz gewiß glücklich machen und von den Martern des Hungers, des Dursts und der Kälte befreyen könnte. Könnte man nun wohl mit Grunde sagen, daß diese strengen Regeln, nach welchen sie die Dinge, die um sie sind, brauchen müsse, das Leben dieser elenden Person verdrüßlich und trostlos gemacht hätten? Nun aber ist dieses einigermaaßen eine Vor stellung von den strengen Regeln der Reli gion, welche blos unsrer Unwissenheit abhelffen, uns von selbst gemachten Martern befreyen, und uns lehren, wie wir alles, was um uns ist, zu unserm eigentlichsten Vortheile gebrau chen sollen. Der Mensch ist in eine Welt, voller Ver schiedenheit und Mannigfaltigkeit der Dinge, gesetzt; seine Unwissenheit macht, daß er nicht wenige derselben, auf eine eben so ungereimte Art, braucht, als der Mensch, welcher, seinen
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Durst zu löschen, Goldstaub in die Augen streuet, oder, zu Linderung seiner Schmerzen, sich mit Ketten belästiget. Hier kömmt ihm also die Religion zu Hülffe, und giebt ihm so strenge Regeln, wie er alles und iedes, was um ihn ist, brauchen soll, daß er allezeit, indem er es seiner eignen Natur und der Natur des Dinges selbst gemäß braucht, das Vergnügen haben wird, den wahren Nutzen daraus zu ziehen. Sie zeiget ihm, was in Es sen und Trinken und Kleidern recht und vernünf tig ist; sie lehret ihn, daß er von den Dingen in dieser Welt weiter nichts zu erwarten habe, als die Befriedigung seiner eignen Bedürfnisse, und daß er nach dieser allen seinen Brüdern beyzu stehen verbunden sey, damit er seinen Nebenge schöpfen, so weit es seine Kräfte zulassen, eben die Bequemlichkeiten in der Welt verschaffen könne, die er in derselben hat. Sie sagt ihm, daß diese Welt nicht vermö gend ist, ihm zu einer andern Glückseligkeit zu verhelffen, und daß alle Bemühungen sich durch Schätze, durch liegende Gründe, durch feine Kleider, durch reiche Betten, durch ei nen prächtigen Aufzug, durch Staat und Pracht glücklich zu machen, nichts als eitle Bemühungen und unverständige Anschläge auf Unmöglichkeiten sind, indem diese Dinge ihm eben so wenig zu irgend einem Grade der Glückseligkeit verhelffen können, als Goldstaub in den Augen den Durst, oder Sand im Munde den Hunger
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stillen kann. Sie dienen vielmehr blos dazu, daß sie ihn, wie der unrecht gebrauchte Sand und Staub, wenn er sie eben so unvernünftig braucht, nur noch unglücklicher machen. Sie sagt ihm, daß zwar diese Welt mehr nicht für ihn thun könne, als den Bedürfnissen seines Körpers abhelffen; daß aber ein weit grös sers Gut für den Menschen bestimmt sey, als Essen, und Trinken und Kleider; daß seine Au gen dieses Gut zwar nicht sehen könnten, indem es viel zu herrlich sey, als daß es Fleisch und Blut zu fassen vermögend wären; daß es aber für ihn aufbehalten werde, und er in den Besitz desselben kommen solle, sobald dieses kurze Leben vorbey sey, da er denn, mit einem neuen verklär ten Körper umgeben, gleich den Engeln, in dem Lichte und der Herrlichkeit Gottes, alle Ewigkeit hindurch, wohnen werde. Sie sagt ihm, daß dieser Stand der Herrlich keit für alle die bestimmt sey, welche einen rech ten Gebrauch von den Dingen dieser gegenwär tigen Welt machen; für die, welche sich nicht mit Goldstaube blenden, oder Sand essen, oder unter eisernen Bürden winseln, die sie sich selbst aufgelegt haben; für die, welche Brod, Wasser, Wein und Kleider nur so brauchen, wie es der Natur und Vernunft gemäß ist; für die, welche den freundlichen Geber alles des sen, was sie hier genießen, mit dankbarem und gläubigen Herzen verehren, und auf die Zu kunft hoffen.
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Wie kann man nun wohl sagen, daß die strengsten Regeln einer solchen Religion, uns irgend einen Trost des Lebens raubten? Kann man nicht vielmehr mit Recht von diesen Regeln sagen, daß sie blos den Menschen verhindern, sich nicht mit Sande zu ersticken? Denn die Strengigkeit dieser Regeln bestehet blos in ihrer genauen Richtigkeit. Wer wollte sich über die scharfe Strenge eines Gesetzes beschweren, welches ohne alle Ausnah me, Staub in die Augen zu streuen verböthe? Wer könnte es deswegen für zu hart halten, weil es ganz und gar keinen Abfall litte? Dieses nun aber ist die Strenge der Religion; sie fordert nichts auf das strengste, oder ohne alle Ausna me von uns, als wo auch der geringste Grad des untersagten Dinges schlimm ist, und die kleinste Nachsicht uns Schaden thun kann. Wenn die Religion die Rache in allen Fäl len, ohne die geringste Ausnahme, verbietet, so kömmt es daher, weil alle Rache die Natur des Gifts hat; und wenn wir gleich nicht so viel davon zu uns nehmen, als unserm Leben ein Ende machen kann, so wird doch schon das wenige, das wir zu uns nehmen, die ganze Masse des Blutes so verderben, daß es schwerlich zur ersten Gesund heit wieder hergestellet werden kann. Wenn die Religion eine allgemeine Barmher zigkeit befiehlt, wenn sie befiehlt unsern Näch sten, wie uns selbst zu lieben, unsern Feinden, ohne allen Vorbehalt, zu vergeben, und für sie
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zu beten; so geschiehet es deswegen, weil alle Grade der Liebe, Grade der Glückseligkeit sind, welche das göttliche Leben der Seele stärken und erhalten, und zu ihrer Gesundheit und Wohl fahrt eben so nothwendig sind, als taugliche Speise zur Gesundheit und zum Wohlstande des Körpers nothwendig ist. Wenn die Religion Gesetze wider das Sam meln irdischer Schätze hat, wenn sie uns be fiehlt mit Nahrung und Kleider zufrieden zu seyn; so geschiehet es deswegen, weil ieder andre Gebrauch der Welt ein Misbrauch derselben zu unsrer eignen Pein ist, und alle ihre Beqvem lichkeiten in Stricke und Fallen zu unserm Ver derben verkehret; es geschieht deswegen, weil so ein schlechtes und rechtes Leben uns vor den Sorgen und Martern des unruhigen Stolzes und Neides sichert, und uns geschickter macht, auf dem schmalen Wege zu bleiben, welcher zu zu dem ewigen Leben führet. Wenn die Religion sagt: verkauffe, was du hast, und giebs den Armen, so geschieht es deswegen, weil man die Reichthümer nicht besser und vernünftiger brauchen kann, und weil wir uns auf keine andre Art glücklicher durch sie machen können; es geschiehet deswegen, weil es der strengsten Billigkeit eben so gemäß ist, das, was wir nicht nöthig haben, andern zu geben, als billig es ist, selbst so viel davon zu genießen, als unsre Bedürfnisse erfordern. Denn wenn ein Mensch mehr zu seinem Unterhalte hat, als seine
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Natur fordert, ist es nicht etwas sehr nieder trächtiges und unvernünftiges, diesen Ueberfluß lieber thörichter Weise zu verschwenden, oder sei nen vollen Wanst damit zu pflegen, als ihn mit seinen armen Nebengeschöpfen zu theilen? Das Gesetz, unsern Reichthum so zu gebrauchen, ist daher ganz und gar kein zu strenges Gesetz der Religion; sondern ein vernünftiger Mann wird sich vielmehr derjenigen Religion erfreuen, wel che ihn lehret, daß geben seliger ist, als nehmen; welche ihn lehret, daß Nahrung und Kleider, die er für Nothleidende sparet, ihm mehr Segen bringen, als die, womit er seinen eignen Leib speiset und kleidet. Wenn die Religion von uns verlangt, daß wir manchmal fasten und unsern natürliche Ap peitt verleugnen sollen, so geschieht es, den in nern Kampf und Streit unsrer Natur zu schwä chen, unsre Leiber zu geschicktern Werkzeugen der Reinigkeit zu machen, den guten Bewegungen der göttlichen Gnade mehr Gehorsam zu ver schaffen, die Quellen unsrer Leidenschaften zu vertrocknen, die Hitze unsers Blutes zu kühlen, und unsern Geist zu göttlichen Betrachtungen aufgelegter zu machen; so daß dergleichen Ent haltungen, ob sie gleich dem Körper einige Pein verursachen, die Gewalt der körperlichen Be gierden und Leidenschaften doch so schwächen, und unsern Geschmack an geistigen Freuden so stärken, daß selbst diese Strengigkeit der Reli gion, wenn sie mit gehöriger Klugheit befolgt
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wird, den Trost und die Zufriedenheit nnsers Le bens um ein großes vermehret. Wenn uns die Religion zu wachen und zu beten befiehlt, so geschiehet es, weil wir über all mit Feinden umgeben sind, und des göttlichen Beystandes nöthig haben. Wenn wir unsre Sünden bekennen und beweinen sollen, so sollen wir es deswegen, weil dergleichen Bekenntnisse das Gemüth erleichtern und wieder munter ma chen; so wie Bürden und Lasten, wenn sie von den Schultern genommen werden, den Kör per erleichtern und ihn wieder in einen behägli chern Stand setzen. Wenn wir fleißig und brün stig im Gebet seyn sollen, so sollen wir es deswe gen seyn, damit wir unser wahres Gut nie aus den Augen lassen, der Seligkeit eines lebendigen Glaubens nie ermangeln, sondern beständig eine freudige Hoffnung und ein gegründetes Ver trauen auf GOtt haben mögen. Wenn wir oft beten sollen, so sollen wir es, um oft die gehei me und stille Freude zu genießen, die uns blos und allein das Gebet geben kann, das uns mit der göttlichen Gegenwart vertraut macht, und unsre Seelen mit solcher Seligkeit erfüllet, als Wesen, die nicht im Himmel sind, nur immer empfinden können. Wenn etwas in der Welt unsrer Sorgfalt würdiger wäre, wenn irgend eine geistliche Uebung, irgend ein Umgang mit Menschen, zu unserm Vortheile mehr gereichen könnte, als diese Vertraulichkeit mit GOtt, so würde uns
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ein solches Anhalten im Gebet nicht befohlen seyn. Wenn aber ein Mensch betrachtet, was er unterdes sen, da er sich zum Gebet einschließt, unterläßt, so wird er es für keine geringe Glückseligkeit ach ten, daß er so oft abgehalten wird, entweder gar nichts oder doch nichts taugliches zu thun; daß er so oft verhindert wird, seiner Faulheit nachzuhängen, unnütze Arbeit zu unternehmen, oder mit eiteln Besuchen die Zeit zu verderben. Wenn er bedenkt, daß alles, was in der Welt ist und darinn gethan wird, blos des Körpers und der körperlichen Bedürfnisse wegen ist, und ge than wird, so wird er Ursache genug haben, sich dieser Stunden des Gebets zu erfreuen, die ihn zu kräftigern Tröstungen leiten, die ihn über die armseligen Verbindungen hiernieden erheben, seinem Geiste eine Aussicht größrer Dinge eröff nen, und seine Seele zur Erwartung derselben gewöhnen. Wenn uns die Religion befiehlt, gänzlich GOtt zu leben, und alles zu seiner Ehre zu thun, so geschieht es deswegen, weil iede andre Art zu leben, ein Leben zu unserm eignen Schaden ist, das sich zu unsrer Schaam und Verwirrung en den muß. Wie alles dunkel ist, was GOtt nicht er leuchtet; wie alles sinnlos ist, was seinen Theil der Erkenntniß nicht von ihm hat; wie nichts lebt, als was durch ihn lebt; wie nichts ist, als was er seyn lassen will: so ist auch nichts groß und herrlich, als was vor GOtt groß und herrlich ist.
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Wir können zwar in der That von menschli cher Ehre, so wie vom menschlichen Leben und menschlicher Erkenntniß reden; wie wir aber gewiß wissen, daß das menschliche Leben nichts enthält, was unser eigen wäre, daß es nur ein von Gott abhängendes Leben ist, daß wir es nur in ihm leben; so muß auch die menschliche Ehre, wir mögen sie finden, wo wir wollen, ein zig und allein eine Ehre seyn, die wir in und zu der Ehre Gottes genießen. Dieses ist der Stand aller Geschöpfe, sie mö gen Menschen oder Engel seyn; so wie sie sich nicht selbst hervorgebracht haben, so müssen sie auch nichts für sich selbst genießen; wenn sie groß sind, so müssen sie blos groß seyn, weil sie große Gaben von GOtt erhalten haben; ihre Kräfte können blos ein Theil der göttlichen Kräfte seyn, die in ihnen wirken; ihre Weisheit kann blos ein Theil der göttlichen Weisheit seyn, die aus ihnen strahlet, und ihr Glanz und ihre Herrlichkeit kann blos ein Theil des Glanzes und der Herrlichkeit seyn, die GOtt auf sie fallen läßt. So wie es weder Menschen noch Engel giebt, die Menschen oder Engel wären, weil sie es hätten seyn wollen, sondern weil sie der Wille Got tes dazu, was sie sind, gemacht hat; so können sie auch nicht diese oder jene Glückseligkeit der Menschen oder Engel genießen, weil sie sie ge nießen wollen, sondern weil GOtt will, daß die ses oder jenes die Glückseligkeit der Menschen, und dieses oder jenes die Glückseligkeit der Engel seyn soll. Wenn nun aber also GOtt alles in
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allem ist; wenn sein Wille also das Maaß aller Dinge und aller Naturen ist; wenn nichts ge than werden kann, als was durch seine Kräfte gethan wird; wenn nichts gesehen wird, als was durch das von ihm verliehene Licht gesehen wird; wenn wir nichts zu befürchten haben, als was wir von seiner Gerechtigkeit zu befürchten haben; wenn wir nichts zu hoffen haben, als was wir von seiner Güte hoffen können; wenn dieses die Natur des Menschen ist; wenn sie vor sich selbst so ohnmächtig ist; wenn dieses der Stand aller Geschöpfe, sowohl im Himmel, als auf Erden, ist; wenn sie nichts sind, wenn sie nichts thun, wenn sie keine Pein leiden, kei ne Glückseligkeit empfinden können, als in so fern die Macht Gottes dabey im Werke ist; wenn dieses die Beschaffenheit aller Dinge ist, wie können wir nur den geringsten Schimmer von Freude oder Trost haben, wie können wir nur irgend eine Ruhe und Zufriedenheit genießen, wenn wir nicht gänzlich diesem GOtt leben und nicht alles nach seinem Willen brauchen und thun? Ein Leben aber, welches GOtt so gewidmet ist, welches bey allen unsern Handlungen gänzlich auf ihn sieht, welches seine Ehre zur beständigen Absicht hat, kann unmöglich traurig und trostlos seyn, sondern muß vielmehr in allem, was wir thun, neue Freude und neuen Trost erschaffen. Will man Gegentheils sehen, wie glücklich diejenigen sind, welche nach ihrem eignen Willen leben, und sich mit den traurigen und melan cholischen Geschäften eines GOtt gewidmeten
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Lebens nicht vermengen wollen, so betrachte man den Knecht, welcher in dem Gleichnisse ein Pfund von seinem Herrn erhalten hatte. Es war ihm ungelegen, sein Pfund dem Wil len desjenigen gemäß zu brauchen, von welchem er es erhalten hatte, und wollte sich lieber auf eine Art glücklich machen, die er selbst für die beste hielt: Herr, sprach er, ich wußte, daß du ein harter Mann bist; du schneidest, wo du nicht gesäet hast, und sammelst, da du nicht gestreuet hast; und furchte mich, und ging hin, und verbarg dein Pfund in die Erde: siehe da hast du das Deine! Hierauf überzeugte ihn der Herr seines Un rechts aus seinen eignen Worten, und wies ihn mit diesem Urtheile von sich: werffet diesen unnützen Knecht in die Finsterniß hinaus, da wird seyn Heulen und Zähnklappen, [Matth. XXV. 24, 30]. Hier sieht man nun, wie glücklich sich dieser Mensch machte, der nicht gänzlich nach dem Willen seines Herrn handeln wollte. Nach sei nem eignen Geständnisse dünkten ihm Murren und Misvergnügen etwas bessers: ich wußte, sprach er, daß du ein harter Mann bist. Er hielt es für dienlicher, sich mit Furcht und bangen Erwartungen zu plagen; ich furch te mich, sprach er. Er glaubte, bey eitler Ar beit und fruchtloser Bemühung es besser zu treffen; ich ging hin, sprach er, und ver barg dein Pfund in die Erde. Nachdem
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er nun eine Zeitlang das Spiel seiner thörichten Leidenschaften, seiner quälenden Furcht, seiner fruchtlosen Arbeit gewesen war, wurde er mit Finsterniß, mit Heulen und Zähnklappen be lohnet. Und das wird auch die Glückseligkeit aller de rer seyn, die eine strenge und erhabene Frömmig keit, welche der rechte Gebrauch unsers Pfundes ist, für einen verdrüßlichen und melancholischen Stand des Lebens halten. Sie können zwar eine Zeitlang frey von dem Zwange und den Vorschrifften der Religion le ben, anstatt dessen aber müssen sie unter der thö richten Herrschaft ihrer Leidenschaften stehen und dem Knechte in dem Gleichnisse gleich seyn, welcher in Murren und Misvergnügen, in Furcht und banger Erwartung lebte. Sie können der Arbeit gutes zu thun, ihre Zeit wohl anzuwenden, Schätze im Himmel zu sam meln, die Nackenden zu kleiden, und die Kran ken zu besuchen, überhoben seyn; anstatt dessen aber müssen sie, wie dieser Knecht, vergebens arbeiten und sich umsonst quälen, so daß sie weder ihr eignes noch andrer Bestes dadurch be fördern; sie müssen arbeiten, und graben, und es sich sauer werden lassen, um ihr Pfund in die Erde zu verbergen. Und wenn endlich der Herr kömmt, so müssen sie, wie dieser Knecht, aus ih ren eignen Reden ihres Unrechts überführt, und von ihren eignen Herzen angeklagt werden; und alles, was sie iemals von der Religion gesagt
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oder gedacht haben, muß die Gerechtigkeit ihrer Verdammung zur ewigen Finsterniß, zu Heulen und Zähnklappen, zu erhärten dienen. Das ist der Lohn, welchen diejenigen davon tragen, die von der Strenge und Vollkommen heit der Religion nichts wissen wollen, um desto glücklicher leben zu können. Will man auch Gegentheils eine kurze Be schreibung von der Seligkeit eines wohl ange wandten und GOtt gewidmeten Lebens sehen, so muß man den Mann in dem Gleichnisse be trachten, welchem sein Herr fünf Pfunde gege ben hat. Herr, sprach er, du hast mir fünf Pfunde gegeben; siehe da, ich habe da mit andre fünf Pfunde gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: ey du frommer und getreuer Knecht, du bist mir über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude. Hier sieht man, daß ein Leben, bey dem man gänzlich auf die gute Anlegung der Pfunde sie het, welches gänzlich GOtt gewidmet wird, ein Stand der Seligkeit ist, in welchem alle Arbei ten einen glücklichen und gesegneten Ausgang gewinnen. Hier sind, wie in dem vorhergehen den Falle, keine unzufriednen Leidenschaf ten, kein Murren, keine eitle Furcht, keine fruchtlosen Bemühungen. Der Mann ar beitet und gräbt nicht vergebens, nicht ohne Nu tzen, sondern seine fromme Arbeit geht glücklich
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in seinen Händen von statten, seine Glückselig keit nimmt zu, der Segen von fünf Pfunden wächst zu einem Segen von zehn Pfunden, und er wird mit einem, ey du frommer und ge treuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Freude, empfangen. Wie nun den Knechten in dem Gleichnisse keine andre Wahl frey steht, als entweder ihre Pfunde zur Ehre ihres Herrn zu brauchen und sich dadurch glücklich zu machen, oder sie nach ihrem eignen Gutdünken zu brauchen, und sich da durch ins Elend zu stürzen, so stehet uns auch in dem Stande des Christenthums keine andre Wahl frey. Alles was wir haben, alles was wir sind, al les was wir genießen, sind eben so viele Pfun de von GOtt; brauchen wir sie nun zu den Ab sichten eines frommen und heiligen Lebens, so werden aus unsern fünf Pfunden zehne, und un sre Arbeit führet uns zur Freude unsers Herrn ein; misbrauchen wir sie aber zur Befriedigung unsrer Leidenschaften, und bringen die Gaben Gottes unserm Stolze und unsrer Eitelkeit zum Opfer, so werden wir hier in unnützer Arbeit und ängstlichen Bekümmernissen leben, die Reli gion als etwas melancholisches meiden, unsern Herrn als einen harten Mann verklagen, und uns endlich in ein ewiges Elend stürzen. Wir können uns zwar eine Zeitlang mit Na men, mit Tönen, mit Schatten von Glück seligkeit unterhalten, und von dieser und jener
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Größe und Würde reden; trachten wir aber nach einer wirklichen Glückseligkeit, so ist kein andrer Weg dazu möglich, als wenn wir unsre Pfunde wohl anwenden, und die Kräfte und Fähig keiten, die wir als Menschen haben, in dem gegenwärtigen Stande so fromm und heilig brauchen, daß wir in jener Welt mit den Kräf ten und Fähigkeiten der Engel beseliget wer den können. Wie wenig kennen also diejenigen das Wesen der Religion, das Wesen der Menschen und das Wesen Gottes, welche ein andächtiges Leben voll strenger Frömmigkeit für einen ver drüßlichen und trostlosen Stand halten; da es doch so deutlich und unwidersprechlich ist, daß man weder Trost noch Freude in irgend etwas andern auf der Welt finden kann.
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Zwölftes Hauptstück. Die Glückseligkeit eines gänzlich GOtt gewidmeten Lebens, wird ferner aus der Eitelkeit, der Sinnlichkeit und den lächer lichen und armseligen Vergnügungen der jenigen, welche nach ihrem eignen Gut dünken leben, erwiesen und in verschied nen Charakteren vorgestellt.

------------------------------ Noch näher werden wir die Glückseligkeit ei nes GOtt gewidmeten Lebens einsehen lernen, wenn wir die armseligen Bemühungen nach Glückseligkeit und die verächtlichen Lebensar ten derjenigen betrachten, die sich von einer stren gen Frömmigkeit nicht regieren lassen, sondern ihre Glückseligkeit auf andern Wegen suchen. Wenn man das Leben derjenigen ansieht, wel che nach keiner andern Regel, als nach ihrem eignen Gutdünken leben; wenn man auf das Acht hat, was sie Freude und Größe und Glückseligkeit nennen; wenn man siehet, wie Lust und Reue bey ihnen abwechseln, und wie sie voller Unbestand von einer Täuschung zu der andern fliehen: so wird es uns zu einer großen Freude gereichen müssen, daß uns GOtt einen so geraden und schmalen Weg, welcher zum Leben führet, angewiesen und uns nicht der Thor heit unsers eignen Verstandes überlassen hat, bey welcher wir uns mit den Schatten der Freude und Glückseligkeit, wie sie die Thorheit
|| [0232.01]
der Welt erfunden hat, hätten begnügen müs sen. Ich sage erfunden hat, weil die Dinge, welche die Freude und Seligkeit der Welt aus machen, nichts als bloße Erfindungen sind, die keinen Grund in der Vernunft und Natur haben, die zur wahren Glückseligkeit des Men schen nichts helfen, die weder seinen Körper, noch seine Seele vollkommner machen, und ihn von seinem wahren Zwecke nur abbringen. Wenn, zum Exempel, iemand auf den Wegen des Ehrgeitzes glücklich werden will, indem er sich durch irgend eine eingebildete Größe über andre Menschen erhebet: so ist dieses in der That eine eingebildete Glückseligkeit, welche in der Natur keinen Grund hat, und nichts als ein Selbstbetrug; gleich als ob ein Mensch glück licher zu werden vermeinte, wenn er auf einer Leiter hinauf kletterte. Wenn ein Frauenzimmer ihre Glückselig keit in der schönen Farbe ihres Gesichts, in Jubelen und reichen Kleidern sucht, so ist dieses nichts als eine eingebildete Glückselig keit, die der Natur und Vernunft eben so sehr zuwider ist, als wenn sie ein Klotz schmücken und mit aller Kleiderpracht ausputzen, und sich einbilden wollte, daß sie ihre Glückseligkeit da durch befördre. Ich nenne dergleichen Freuden und Glückseligkeiten der Welt eingebildete Glückseligkeiten, weil sie weder von GOtt, noch von der Natur und Vernunft dazu bestimmt wor den, und weil blos unsre Blindheit und Eikeilkeit
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das, was darinn fröhlich, groß und glücklich scheinet, erschaffen und erfunden hat. Auf dergleichen eingebildete Glückseligkeiten nun, wünschte ich, daß ihr eure Augen werffen wolltet, um daraus zu lernen, was für ein großes Gut die Religion ist, die uns von so vielen Thorheiten und eiteln Begierden befreyet, mit welchen die Gemüther derjenigen geplaget und gepeiniget werden, die von ihrer wahren Glückseligkeit in GOtt abweichen. Betrachtet den Flatus, und lernet, wie elend diejenigen sind, die sich der Thorheit ihrer Leiden schaften überlassen. Flatus ist reich und gesund, beständig aber misvergnügt und durstig nach Glückseligkeit. So oft ihr ihn besucht, so oft werdet ihr finden, daß er einen neuen Anschlag im Kopfe hat, auf welchen er als auf etwas erpicht ist, daß seiner Zeit und seiner Mühe werther und ersprießlicher für ihn sey, als alles vergangene. Alles, was ihm neu ist, nimmt ihn so sehr ein, daß er sich für höchst unglücklich halten würde, wenn man es ihm entziehen wollte. Sein sanguinisches Temperament und seine starken Leidenschaften versprechen ihm in allen Dingen so viel Glückse ligkeit, daß er beständig betrogen wird, und nir gends die rechte Befriedigung findet. Bey seinem ersten Eintritte in die große Welt, waren schöne Kleider seine Lust; alle sein Dich ten und Trachten ging anf<auf> den besten Schnei der und Peruckenmacher, und es kam ihm
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nicht in die Gedanken, sich in etwas andern, als in der Kleiderpracht hervorzuthun. Er sparte kein Geld und trieb alle Artigkeiten des Putzes, so weit sie sich nur immer treiben ließen. Doch da diese Glückseligkeit seiner Erwartung nicht gleich kam, so ließ er die reichen Stoffe fahren, kleidete sich ganz schlecht, spottete über die Zieraffen und Stutzer, und legte sich mit großem Eifer aufs Spielen. Dieses neue Vergnügen befriedigte ihn eine Zeitlang, und er beneidete keine andre Lebensart. Als er aber durch Verdrüßlichkeiten bey dem Spiele zu einem Zweykampfe genöthiget wur de, in welchem er mit genauer Noth das Leben davon brachte, so ließ er die Würffel liegen, und suchte seine Glückseligkeit nicht länger unter den Spielern. Das nächste was hierauf sich seiner herum schweifenden Einbildungskraft bemächtigte, wa ren die Lustbarkeiten der Stadt, und ohngefehr ein Jahr hindurch hörte man ihn von nichts, als von Frauenzimmern, von Vorgemächern, von Geburtstägen, von Schauspielen, von Bällen und Assembleen reden. Nachdem er aber auch dieser überdrüßig geworden, nahm er seine Zuflucht zum starken Trinken. Durch dieses machte er sich manche lustige Nächte und glaubte, stärkere Freude zu fühlen, als er iemals gefühlt hätte. Hierbey also nahm er sich vor, stille zu stehen, und seine Gedanken auf nichts anders zu richten; zu allem Unglücke aber fiel er
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in ein Fieber, und ward aller starken Getränke so überdrüßig, daß er betrunken seyn nicht län ger für eine Glückseligkeit halten wollte. Sein folgender Anschlag auf Glückseligkeit führte ihn aufs Land, und zwey oder drey Jahr hielt er nichts für besser, als jagen; er legte sich mit allen Kräften darauf, und setzte in der kurzen Zeit über mehr Zäune und Gräben, als er fonst gesehen hatte. Man sahe ihn nie anders als in einem grünen Kleide; alle die das Waldhorn bliesen, beneideten ihn, und be ständig war er in einem sehr ernstlichen Gespräche mit seinen Hunden begriffen. Wenn man ihn an einem unangenehmen Tage zu Hause fand, so hörte man ihn, sich auf dem Waldhorne üben, oder von den erstaunenden Begebenheiten bey der letz ten Hetze reden. Kaum aber hat Flatus die ganze Welt über die Erziehung und Abrichtung seiner Hunde vergessen, kaum hat er neue Hüt ten für sie, und neue Ställe gebauet, und sich ei ne neue Jagdgerechtigkeit erkauft, als ihm auf einmal wieder eine andre Glückseligkeit ein fällt; er fing an das sinnlose Geräusche der Jagd zu hassen, verschenkte seine Hunde, und ver tiefte sich eine Zeitlang in das Vergnügen zu bauen. Er erfindet neue Arten von Taubenhäusern und bringt in seinen Scheuren und Ställen Erfindungen an, dergleichen man nie gesehen hat. Er wundert sich über den Unverstand der alten Bauherren, ist auf nichts als auf die
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Aufnahme der Architektur bedacht, und die Thüren, die er angiebt, haben alle vor andern Thüren etwas voraus. Er versichert seine Freunde, daß ihn in seinem Leben nie etwas so ergötzt habe; daß er bey seinen Ziegeln und sei nem Mauerkalke mehr Glückseligkeit fände, als er iemals am Hofe gefunden; und daß er darauf denken werde, daß sich immer etwas fin den möge, diese Beschäftigung, so lange als er lebe, fortzusetzen. Das nächste Jahr darauf ließ er sein Haus unausgebauet stehen, beklagte sich bey iedermann über die Maurer und Zimmerleute und wid mete sich gänzlich der Glückseligkeit des Herum reitens. Seit der Zeit sahe man ihn bestän dig zu Pferde, und er schien mit dieser neuen Le bensart so außerordentlich zufrieden zu seyn, daß man hätte denken sollen, wenn man ihm nur sein Pferd und ein flaches Stück Land ließe, so würde er sich alles andre nehmen lassen. Eine Menge verschiedner Sattel und Zäume, und ei ne öftere Veränderung der Pferde, vermehrten das Vergnügen dieser seiner neuen Lebensart um ein großes. Doch auch hiermit währte es nicht lange; er hatte sich und seine Pferde gar bald marode geritten, und die größte Glückseligkeit, die er sich nunmehr einbildete, war, außer Lan des zu gehen und fremde Reiche zu besehen. Diese Glückseligkeit nun übertraf alle seine Ein bildung, und er war nur darüber verdrüßlich, daß er ein so feines Leben nicht eher angefangen. Doch wenige Monate darauf, kam er wieder
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nach Hause; es war ihm unmöglich gewesen, die seltsamen und närrischen Sitten der Aus länder länger zu ertragen. Nach diesem studirte er, ein ganzes Jahr, sehr fleißig; er lag früh und spät über seiner italiä nischen Grammatik, damit er so glücklich seyn möge, die Oper zu verstehen, wenn er irgend einmal eine hören sollte, und nicht wie das un vernünftige Volk seyn dürffe, die ein Ver gnügen, sie wissen selbst nicht an was, finden. Flatus ist murrisch oder unfreundlich, nach dem seine Sachen stehen, wenn ihr ihn besucht. Kommt ihr gleich zu der Zeit, da er einer von seinen Lebensarten müde ist, so findet ihr einen recht ungezognen, wunderlichen Menschen; kommt ihr aber gleich, wenn er seine Glückse ligkeit zu reiten, angetreten hat, oder auf dem Waldhorne gut zu blasen anfängt, so wird er euch mit der größten Höflichkeit em pfangen. Nunmehr ist Flatus in sehr seltsamen Um ständen; er thut, was er noch nie in seinem Le ben gethan hat, er überlegt und geht mit sich selbst zu Rathe. Er sinnt manchen langen Tag, was für eine von seinen schon versuchten Lebensarten er wieder vornehmen soll. Doch plötzlich kömmt ihm ein neuer Anschlag zu Hülfe. Er übet sich im Wettlauffen, und lebt von nichts als Kräutern, damit es ihm eben so wenig an Athem fehlen möge, als den besten Wettläuffern im Königreiche.
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Ich bin in Beschreibung dieser närrischen Lebensart deswegen so umständlich gewesen, weil ich hoffe, daß man aus ieder besondern Thor heit, die man hier gesehen hat, einen Grund für die Weisheit und Seligkeit eines frommen Le bens wird nehmen können. Wenn ich euch eine umständliche Beschrei bung von allen Unglücksfällen und Schrecknis sen, welchen ein Leben zur See täglich ausge setzt ist, vorlegen könnte, so würde ich euch die Glückseligkeit eines Lebens auf dem Lande de sto fühlbarer machen, ie umständlicher ich in ie ner Beschreibung wäre. Und so auch, ie genauer ich die Thorheiten, Beängstigungen, Täuschungen und un ruhigen Begierden erzehle und beschreibe, mit welchen ein den menschlichen Leidenschaften und weltlichen Ergötzungen gewidmetes Leben erfül let ist, desto mehr müßt ihr für den Frieden, die Ruhe und wahre Zufriedenheit eingenommen werden, deren die Seelen der Menschen durch die Religion theilhaft werden. Wenn ihr nur von ohngefehr einen Blick auf einen Wahnwitzigen, oder einen Narren werft, so wird es vielleicht wenig Eindruck auf euch machen; wenn ihr aber einige Tage lang auf sie Acht habt, und die klägliche Tollheit aller ihrer Handlungen betrachtet, so wird es ein sehr rührender Anblick werden, und ihr werdet euch, wegen des Gebrauchs eurer Vernunft und Sin nen, nicht oft genug glücklich preisen können.
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Gleicher Weise wird es auch einen sehr kleinen oder gar keinen Eindruck auf euch machen, wenn man euch die Thorheit und den Wahnwitz eines der Welt gewidmeten Lebens nur überhaupt vor stellet; wenn man euch aber zeigt, wie derglei chen Leute alle Tage leben; wenn ihr die unun terbrochne Thorheit und Unsinnigkeit aller ihrer besondern Handlungen und Anschläge sehet, so wird es ein sehr rührender Anblick werden, und ihr werdet GOtt nicht oft genug danken können, daß er euch eine größre Glückseligkeit gewiesen hat, nach welcher ihr streben sollt. Je mehr närrisches und lächerliches also in den Charakteren von dieser Art ist, wenn sie nur anders nach dem Leben geschildert sind, desto nützlicher und lehrreicher sind sie, und schicken sich also nirgends besser hin, als in geistliche Bücher, die von der practischen Frömmigkeit handeln. Und so wie wir, in verschiednen Fäl len, die Natur eines Dinges am besten durch das, was ihm entgegengesetzt ist, einsehen; so werden wir vielleicht auch die Vortreflichkeit der Weisheit, am besten durch die wilden Aus schweifungen der Thorheit kennen lernen. Ich will also nach dieser Methode ein wenig weiter fortfahren, und mich bestreben, euch die Glückseligkeit eines frommen Lebens dadurch an zupreisen, indem ich euch noch in einigen andern Exempeln zeige, wie elend und armselig ein Leben ohne Frömmigkeit ist. Vielleicht aber werdet ihr sagen, daß das lä cherliche und unruhige Leben des Flatus nicht
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das gewöhnliche Leben derjenigen sey, welche nach eignem Gutdünken leben wollen und die strengen Regeln der Religion vernachläßigen; und daß es folglich kein so starker Grund für die Glückseligkeit eines frommen Lebens seyn könne, als ich daraus hätte machen wollen. Hierauf antworte ich, daß ich sehr besorge, es sey dieses einer von den allgemeinsten Charakteren des Lebens, und daß ihn wenig Leute lesen können, ohne etwas darinn zu fin den, das auch sie angeht. Denn wo werden wir den weisen und glücklichen Mann fin den, welcher nicht verschiedne anscheinende Glückseligkeiten verfolgt, und die wahre Glück seligkeit bald hier, bald da, anzutreffen geglaubt hätte? Und wenn die Menschen ihr Leben in beson dre Absätze theilen und sich selbst fragen wollten, nach was sie gestrebt oder was sie vornehmlich vor Augen gehabt, als sie zwanzig Jahr alt gewesen; auf was ihre Gedanken und Begier den gegangen, als sie fünf und zwanzig, als sie dreyßig, als sie vierzig, als sie funfzig Jahr, und so weiter, alt geworden, bis sie end lich auf ihr Sterbebette gekommen; so würden die allermeisten bekennen müssen, daß sie eben so verschiednen anscheinenden Glückseligkeiten nach gestrebet haben, als man in dem Leben des Fla tus gesehen hat. Und so muß es auch nothwendig, mehr oder weniger, mit allen denen seyn, welche sich eine
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andre Glückseligkeit als die vorsetzen, die aus einer strengen und ordentlichen Frömmigkeit entspringt. Gesetzt nun aber auch, vors zweyte, die meisten Menschen hätten keine so unruhigen und wankelhaften Neigungen, als Flatus; so ist doch der Unterschied nur dieser, daß Flatus be ständig abwechselt, und etwas neues versucht, die andern aber mit einem Stande zufrieden sind. Sie lassen das Spielen nicht, um aufs Jagen zu verfallen; sondern sie sind in ihren Neigungen so beständig, daß einige nach kei ner andern Glückseligkeit trachten, als Schätze zu sammeln, oder unter den Zeitvertreiben des Landlebens alt werden, und andre sich zu Tode trinken, ohne im geringsten nach einer andern Glückseligkeit verlangt zu haben. Ist aber deswegen bey so einem Leben mehr Glückseligkeit, mehr Vernunft, als bey dem Leben des Flatus? Ist es nicht eben so etwas großes und wünschenswürdiges, nicht eben so etwas weises und glückliches, beständig eines mit dem andern abzuwechseln, als nichts als ein Geldsammler, nichts als ein Jäger, nichts als ein Spieler, nichts als ein Trunkenbold, das ganze Leben hindurch, zu seyn? Kann die Religion deswegen als eine Last, als ein verdrüßlicher und melancholischer Stand angesehen werden, weil sie die Menschen von so einer Glückseligkeit, als diese, abzieht, und sie nach den Gesetzen Gottes zu leben, nach der
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Vollkommenheit ihrer Natur sich zu bearbeiten, und zu einem ewigen Stande der Freude und Herrlichkeit geschickt zu machen, anhält? Doch wendet eure Augen nunmehr auf eine andre Seite, und laßt euch die nichtigen Freuden, die kindischen Glückseligkeiten der Feliciana lehren, wie weise diejenigen sind, und was für Täuschungen sie entgehen, deren Herz und Hoffnung auf die Glückseligkeit in GOtt gerichtet ist. Ihr dürftet nur ein halbes Jahr mit der Fe liciana leben, um alle die Glückseligkeiten kennen zu lernen, die sie, ihr ganzes Leben hindurch, ge nießen wird. Es wartet nichts auf sie, als eine armselige Wiederhohlung dessen, was auch nicht das erstemal gefallen kann, wenn man nicht eine sehr niedrige Seele und einen sehr großen Mangel an Gedanken hat. Sie wird sich abermals fein ankleiden und ihre Besuche abwarten. Sie wird abermals die Farbe ihres Anzugs verändern, abermals einen neuen Kopfputz haben, und abermals Pflästerchen ins Gesicht legen. Sie wird aber mals sehen, wer auf der Schaubühne am be sten agirt, und in der Oper am feinsten singt. Sie wird abermals in einem Tage zehn Besuche ablegen, und es abermals in einem Tage zehn mal versuchen, ein künstliches, feines und unge zwungenes Gespräch von Nichts zu führen. Sie wird sich abermals an einer neuen Mode vergnügen, und abermals über das Wiederauf
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kommen einer alten verdrüßlich seyn. Sie wird abermals bey den Karten sitzen, abermals bis zu Mitternacht spielen, und abermals um neun Uhr noch im Bette seyn. Sie wird sich aber mals durch heuchlerische Complimente kützeln, und abermals durch eingebildete Beleidigungen aufbringen lassen. Sie wird sich abermals über ihr gutes Glück im Spiele freuen, und sich aber mals über den Verlust ihres Geldes beklagen. Sie wird sich abermals zu einem Geburtstage anputzen, und abermals sehen, wie viel artige Gesellschaften dieses oder jenes Fest in der Stadt zusammengebracht hat. Sie wird abermals die Cabalen und Händel dieser und jener Fami lie hören, abermals von geheimen Liebesver ständnissen Wind bekommen, und abermals die erste Nachricht von Heyrathen, Zänkereyen und Abreisen haben. Wenn ihr sie muntrer, als gewöhnlich, aus dem Wagen steigen seht, wenn ihr sie in ihren Gesprächen mehr Witz verschwenden hört, wenn sie freudiger zu seyn scheinet, als sie vergangne Woche war, so ist das die Ursache, weil ein außerordentlicher neuer Putz erfunden worden, oder eben eine ganz neue Lustbarkeit in der Stadt angekommen ist. Dieses alles sind die wesentlichsten und ordentlichsten Stücke von Felicianens Glückseligkeit, und sie weiß keinen vergnügten Tag in ihrem Leben, der es nicht durch eines oder das andre von diesen Dingen geworden wäre.
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Und um dieser Glückseligkeit willen, ist sie von ieher gegen die Gründe der Religion taub und viel zu munter und aufgeräumt gewesen, als daß sie hätte überlegen sollen, was, in Ansehung der Ewigkeit, recht oder unrecht sey, oder daß sie auf den Schall der verdrüßlichen Worte, dergleichen Weisheit, Frömmigkeit und An dacht sind, hätte merken sollen. Und blos aus Furcht, etwas von dieser Glückseligkeit zu verlieren, hat sie es nie gewagt, an die Unsterblichkeit ihrer Seele zu denken, ih re Verbindung mit GOtt zu überlegen, und ihre Gedanken auf solche Freuden zu richten, welche Heilige und Engel, in dem Genusse und der Herrlichkeit Gottes, ewig glückselig machen. Nun laßt uns aber hier die Anmerkung ma chen, daß so armselig ein solcher Zirkel von Glückseligkeit auch scheinet, dennoch die meisten Frauenzimmer, welche, für ein lustiges Leben, dem Zwange der Religion entsagen, sich an sehr kleinen Theilen desselben müssen begnügen las sen. Weil sie Felicianens Vermögen und Rang in der Welt nicht haben, so müssen sie den Trost eines frommen Lebens für einen sehr gerin gen Theil ihrer Glückseligkeit weggeben. Und wenn ihr euch in der Welt umsehet, und das Leben derjenigen Frauenzimmer betrachtet, die durch keine Gründe zu bewegen sind, durch eine weise und fromme Aufführung gänzlich GOtt zu leben, so werdet ihr finden, daß die al lermeisten von ihnen, allen Trost der Religion
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verlieren, ohne den zehnten Theil von Felicia nens Glückseligkeit zu gewinnen. Sie ver schwenden größten Theils ihre Zeit und ihr Ver mögen durch bloße Nachäffungen der Ergötzlich keiten der Reichen, und schnappen und sehnen sich mehr nach den Täuschungen, die man nur durch sehr ansehnliche Reichthümer erkauffen kann, als das sie sie wirklich genießen sollten. Wenn aber ein Frauenzimmer von hoher Geburt und großem Vermögen, welche das Evangelium gelesen hätte, lieber eine niedrige Magd in irgend einer frommen Familie, in welcher Weisheit, Frömmigkeit und Andacht alle Handlungen eines ieden Tages regieren, seyn, als auf dem Gipfel von Felicianens Glückseligkeit leben wollte; so würde ich sie we der für wahnwitzig noch melancholisch hal ten, sondern ich würde glauben, daß sie von dem Geiste des Evangelii eben so richtig urthei le, als sie urtheilen würde, wenn sie lieber der arme Lazarus vor der Thüre, als der reiche Mann seyn wollte, welcher sich mit Purpur und köstlichem Leinwand kleidete, und alle Tag herrlich und in Freuden lebte. Doch wir wollen weiter gehen; und um es aus noch einem andern Beyspiele zu erkennen, was für eine Glückseligkeit es ist, wenn man von der Religion regiert wird, und sich den Freuden und Hoffnungen eines frommen Lebens widmet, so betrachtet das armselige Leben des Succus, dessen größte Glückseligkeit, wenn er im Bette liegt, in
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einem guten Schlafe, und, wenn er auf ist, in einer guten Mahlzeit besteht. Wenn er von Glückseligkeit spricht, so geschieht es allezeit in solchen Ausdrücken, die zu erkennen geben, daß er weiter an nichts, als an sein Bette und an seine Mahlzeit denkt. Diese Sorgfalt für seine Ruhe und sein Es sen, macht, daß Succus alle seine übrige Zeit, so wie es für beydes am zuträglichsten ist, an wendet. Er wird sich keines Geschäftes unter ziehen, das seine Kräfte mitnehmen, oder die Stunden seines Essens und seiner Ruhe unter brechen könnte. Wenn er lieset, so lieset er län ger nicht, als eine halbe Stunde, weil dieses hin länglich ist, seinen Geist zu erquicken; auch wird er nichts anders lesen, als was ihn zu la chen machen kann, damit seinem Körper das Essen und die Ruhe desto besser bekommen mö ge. Will er sich aber ja einmal mit wichtigen Gedanken beschäftigen, so nimmt er seine Zu flucht zu einem nützlichen Werke von der Koch kunst der Alten. Succus ist ein Feind von allen politischen Streitigkeiten, weil er ange merkt hat, daß man unter den Whigs eben so gut esse, als unter den Tories. Er redet von allen Dingen mit Mäßigung und Kaltsinnigkeit, und fürchtet sich eben so sehr, in Affect zu gerathen, als sich zu erkälten; weil er fest überzeugt ist, daß beydes dem Magen schädlich sey. Wenn ihr ihn hitziger, als ge wöhnlich, seht, so muß ihn eine sehr wichtige
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Materie, als etwa ein streitiger Punkt aus der Kochkunst, oder die Vertheidigung irgend eines guten Tisches, an welchem er sichs öfters wohl seyn lassen, dazu aufgefordert haben. Er hat aber mit beyden Materien schon so viel zu thun gehabt, und es ist ihm alles, was von beyden Seiten gesagt werden kann, schon so wohl be kannt, daß er gemeiniglich die Streitigkeiten mit vielem Nachdrucke entscheidet. Succus ist ein sehr getreuer Unterthan, und sobald ihm ein Wein schmeckt, trinkt er des Kö nigs Gesundheit von Grund des Herzens. Nichts wird ihm rebellische Gedanken beybringen können, es wäre denn daß die Regierung durch einen öffentlichen Befehl, Fasanen Eyer zu es sen, verbiethen ließe. Alle Stunden, welche weder zur Ruhe noch zum Essen bestimmt sind, sieht Succus als verlohrne Nebenstunden an. Aus dieser Ursa che wohnt er nicht weit von einem Caffeehause und Weinhause, damit er, wenn er des Mor gens aufsteht, nicht weit nach den Neuigkei ten gehen dürffe, und des Abends, wenn er sich wegbegiebt, nicht weit nach seinem Bette habe. Man sieht ihn alle Morgen auf dem Caffee hause an seiner gewöhnlichen Stelle sitzen, und wenn er sich einmal aufmerksamer, als sonst, mit iemanden zu unterreden scheinet, so kömmt es daher, weil etwa einige Missethäter aus dem Gefängnisse gebrochen sind, oder eine gewisse Da me, die man noch nicht nennen kann, des Nachts
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bestohlen worden. Wenn er nun alles gelernt hat, was er lernen kann, so geht er nach Hause, die Neuigkeiten mit dem Barbierjungen, wel cher ihn zu rasiren kömmt, vollends aufs reine zu bringen. Die andre müßige Zeit, die ihm auf dem Halse liegt, ist vom Mittagsessen, bis zum Abendessen. Und wenn ihm ja einmal melan cholische Gedanken in den Kopf kommen, so ist es zu dieser Zeit, wenn er sein größtes Vergnü gen eben genossen hat, und eine oder mehrere Stunden sich selbst überlassen ist. Er fürchtet sich zu schlafen, weil er gehört hat, daß der Schlaf nach dem Essen nicht gesund sey, und ist also gezwungen, einen sonst so willkommnen Gast abzuweisen. Bald aber kömmt ihm hier die eingeführte Gewohnheit, in der Karte zu spielen, zu Hülfe, bis es endlich Zeit wird, auf irgend eines oder das andre zum Abendessen zu denken. Hierauf nimmt Succus seine Gläser vor, spricht von der Vortreflichkeit der englischen Staatsverfassung, und lobt denjenigen Mi nister am meisten, welcher die beste Tafel hält. Des Sonntags Abends, hört man ihn dann und wann das lockere Leben der Stadtwüstlin ge verdammen; und das bitterste, was er wider sie vorbringt, ist dieses, daß er wirklich glaube, manche von ihnen wären so lüderlich, daß sie nicht einmal einen ordentlichen Tisch hätten, und in einer Woche kaum eine einzige ganze Nacht schliefen.
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Um eilf Uhr bietet Succus allen eine gute Nacht und geht in großer Freundschaft fort. Nunmehr ist er im Bette, und schläft bis es Zeit ist, des Morgens wieder aufs Caffeehaus zu gehen. Ihr könnt ein ganzes Jahr mit dem Suc cus leben, und werdet in seinem ganzen Leben doch weiter nichts, als dieses bemerken; einige wenige Flüche und Schwüre ausgenommen, deren er sich gelegentlich bedienet. Und nun kann ich mich nicht enthalten, fol gende Anmerkung zu machen. So wie ich glaube, daß das sicherste Mittel, wahre Frömmigkeit iemanden beyzubringen, die ses ist, wenn man ihm das Beyspiel irgend ei nes erhabnen Bekenners der Religion betrachten läßt; so halte ich dafür, daß nach diesem kein sichrers Mittel ist, uns mit gleichem Eifer zu erfüllen, als wenn wir die Thorheit und Nie derträchtigkeit und die armseligen Vergnü gen eines Lebens ohne Religion in Erwegung zie hen. So wie wir durch jenes ermuntert werden, die Weisheit und die Größe der Religion zu lie ben und zu bewundern; so werden wir durch die ses, gegen ein Leben ohne Religion furchtsam ge macht, und auf unsrer Hut zu seyn belehret. Denn wer kann sich enthalten, GOtt für die Mittel der Gnade, und für die Hoffnung der ewigen Herrlichkeit, zu danken, wenn er siehet, in was für mancherley Thorheit dieje nigen sinken, die ohne dieselben leben? Wer
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wollte sich nicht von Grund des Herzens auf al le Handlungen und Uebungen eines frommen Lebens befleißigen, und sich beständig fest und unbeweglich in den Werken des Herrn bezeigen, wenn er siehet, was für einer elenden Sinnlichkeit, was für armseligen Absichten und was für groben Vergnügen diejenigen überlassen sind, welche ihre Glückseligkeit auf an dern Wegen suchen? Denn wir mögen nun die Größe der Religion, oder die Niedrigkeit aller andern Dinge, und die Geringschätzigkeit aller andern Vergnügen betrachten; wir werden in der ganzen Natur der Dinge nichts finden, wo bey sich ein Geist, welcher denkt, beruhigen könn te, als die Glückseligkeit in den Hoffnungen der Religion. Ueberlegt es nunmehr selbst, wie unvernünf tig es ist, wenn man behaupten will, daß ein Leben voll strenger Frömmigkeit ein verdrüß licher und ängstlicher Stand seyn müsse. Denn kann man mit einigem Grunde sagen, daß die Pflichten und Einschränkungen der Religion unser Leben traurig und melancholisch machten, wenn sie uns blos solcher Glückseligkeiten berau ben, als uns ietzt vor Augen gelegt worden? Kann es etwas ekles und beschwerliches seyn, in beständiger Ausübung der Barmherzigkeit, Andacht und Mäßigkeit zu leben, weise und tu gendhaft zu handeln, so viel gutes zu thun, als in unsern Kräften steht, die göttlichen Voll kommenheiten nachzuahmen, und uns zu dem
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Genusse Gottes vorzubereiten? Kann es etwas trauriges und verdrüßliches seyn, von Blind heit und Eitelkeit, von falschen Hoffnungen und eitler Furcht befreyet zu werden, in Heilig keit zuzunehmen, den Trost eines guten Gewis sens in allen unsern Handlungen zu fühlen, über zeugt zu seyn, daß GOtt unser Freund ist, daß alles zu unserm Besten gereichen muß, und daß uns weder Leben noch Tod, weder Mensch noch Teufel einiges Leid zufügen können; sondern daß alles, was wir leiden und thun, wenn wir es GOtt leiden und thun, daß unser Wachen und Gebet, unsre Werke der Liebe und Barm herzigkeit, in kurzem mit ewiger Herrlichkeit in dem Anschauen Gottes belohnet werden soll? Kann so ein Stand, wie dieser, für beschwer lich und ekel gehalten werden, weil ihm solche Glückseligkeiten, als Flatus und Feliciane ge nießen, fehlen? Wenn nun dieses nicht gesagt werden kann, so verliert man durch eine strenge Frömmigkeit kein wahres Vergnügen, keine wahre Glückse ligkeit, und der Fromme findet in keinem andern Stande des Lebens etwas beneidenswerthes. Denn alle Kunst und Scharfsinnigkeit in der Welt, kann, ohne Religion, aus dem menschli chen Leben doch nichts mehr machen, und die Glückseligkeit desselben doch nicht höher bringen, als Flatus und Feliciana gethan haben. Der witzigste Kopf, das größte Genie auf Erden, muß, wenn er nicht von der Religion re
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giert wird, in seinen Bemühungen nach Glück seligkeit eben so thöricht, eben so klein und eitel seyn, als der armselige Succus. Wenn sich ein Mensch, das ganze Leben hin durch, thörichter Weise bestreben wollte, seinen Durst dadurch zu löschen, daß er einen und eben denselben leeren Becher beständig vor den Mund hielte, so würdet ihr ganz gewiß seinen Unverstand verspotten. Wenn aber andre, welche bessere Gemüths gaben und einen feinern Verstand hätten, und über die unsinnige Bemühung, den Durst aus diesem einem Becher zu löschen, lachten, ihren eignen Durst aus einer Menge vergüldeter und goldner leerer Becher zu löschen glaubten, würdet ihr sie wohl, wegen ihres feinern Ver standes, für weiser, für glücklicher, für besser halten? Und dieses ist doch der ganze Unterschied, den man unter den Glückseligkeiten dieses Lebens findet. Die stumpfe und träge Seele, kann sich vielleicht mit einem einzigen leeren Anschei ne von Glückseligkeit begnügen, und unaufhör lich den einen und eben denselben leeren Be cher an seinen Mund halten. Nun aber laßt den witzigen Kopf, den tiefsinnigen Gelehr ten, das große Genie, den verschlagnen Staatsmann, den artigen Hofmann allen ih ren Verstand zusammen nehmen, und sie kön nen euch weiter nichts, als nur mehrere und
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verschiednere leere Anscheine von Glückse ligkeit zeigen; gebt ihnen die ganze Welt in ih re Hände, laßt sie schneiden und schnitzen, sie werden weiter nichts, als eine größre Menge leerer Becher zu Stande bringen. Wenn es euch nun nicht zu hart dünkt, um der Religion willen des Vergnügens der Schlem merey beraubt zu seyn, so habt ihr keine Ursa che, es euch etwas hartes dünken zu lassen, wenn ihr auch von jedem andern weltlichen Vergnü gen zurückgehalten werdet. Denn forschet so tief nach, sehet euch so weit um, als ihr wollt, ihr werdet doch hier auf der Welt nichts finden, was edler und größer sey, als köstliches Essen und Trinken, wenn ihr euch nicht in der Weis heit und in den Gesetzen der Religion darnach umsehet. Und wenn alles, was in der Welt ist, nur so viel leere Becher sind, was liegt daran, wel chen von diesen Bechern ihr nehmet, oder wie viel ihr derselben nehmet und besitzet? Wenn ihr euch nur in dergleichen Betrach tungen einlassen wolltet, wenn ihr nur die Ei telkeit aller Stände des Lebens ohne Frömmig keit erwegen, und überlegen wolltet, daß alle Wege der Welt blos und allein so viel verschied ne Wege des Irthums, der Blindheit und des Wahns sind: so würdet ihr gar bald finden, daß euer Herz weiser und besser dadurch geworden sey. Diese Betrachtungen würden eure See le zu einer eifrigen Begierde nach jener wahren
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Seligkeit erwecken, welche blos in der Zuflucht zu GOtt gefunden wird. Die Muster großer Frömmigkeit sind ietzt in der Welt nicht sehr gemein; ihr werdet schwer lich so glücklich seyn, eines vor Augen haben zu können, und eure Tugend durch die glänzenden Vollkommenheiten desselben anfeuren zu lassen. Das Elend und die Thorheit der weltlichen Menschen aber, kömmt euch aller Orten zu Ge sichte, und ihr könnt es überall sehen, wie arm selig und eitel die Menschen, aus Mangel der Weisheit der Religion, ihr Leben verträumen. Dieses ist die Ursache, warum ich euch so man che Charaktere von der Eitelkeit eines weltlichen Lebens vorgelegt habe; ich wollte euch nehmlich lehren, wie ihr euch die Verderbnisse eures Zeit alters zu Nutze machen, und wo nicht durch die Betrachtung dessen, was weise ist, wenigstens durch die Erblickung des Elends und der Thor heit, die da, wo keine Frömmigkeit ist, herrschet, weiser werden sollt. Wenn ihr euer Nachdenken mit dergleichen Betrachtungen beschäftigen wolltet, so würdet ihr durch eure eigne Beobachtungen in diesen Lehren noch viel weiter kommen, und aller euer Umgang, alle eure Verbindung mit der Welt würde euch statt einer täglichen Ueberzeugung dienen, wie nothwendig es sey, nach einer größern Glückseligkeit zu streben, als uns die armseligen Vergnügen dieser Welt verschaffen können.
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Ueber die Vollkommenheit der göttlichen Ei genschaften nachzudenken, die Herrlichkeit des Himmels sich vorzustellen, die Freude der Hei ligen und Engel zu erwegen, die auf ewig in dem Glanze und der Seligkeit des göttlichen Anschauens leben; das sind Betrachtungen, welche nur Seelen machen können, die es in der Frömmigkeit schon zu etwas gebracht haben, und erfordern mehr, als gemeine Fä higkeiten. Allein das Leere und Geringe aller welt lichen Glückseligkeit zu sehen und zu erwegen; das Grobe der sinnlichen Lüste, die Armse ligkeit des Stolzes, die Dummheit des Gei tzes, die Eitelkeit der Pracht, die Täuschun gen der Ehre, die Blindheit unsrer Leiden schaften, die Ungewißheit unsers Lebens, die Vergänglichkeit aller weltlichen Anschläge zu überlegen; das sind Betrachtungen, wozu ieder die Fähigkeit hat, und die geschickt sind, al ler Gemüther zu rühren; sie erfordern kein tie fes Nachdenken, kein spitzfindiges Nachgrübeln, sondern sie werden uns durch alle unsre Sinne eingeschärft, und uns von allem, was wir sehen und hören, geprediget. Dieses ist die Weisheit, welche öffentlich am Wege und an den Straßen ruffet und sich hören läßt, [Sprüch. Sal. VIII. 1]. welche durch alle Sinne in uns eindringt, und uns aller Orten durch alles, was wir sehen und hören, durch Geburth und Begräbniß, durch
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Krankheit und Gesundheit, durch Leben und Tod, durch Plagen und Armuth, durch Elend und Eitelkeit, durch alle Veränderungen und Zu fälle des Lebens, lehret; daß der Mensch auf nichts anders zu sehen habe, und daß kein andrer Endzweck in der Natur sey, nach welchem er streben müsse, als die Glückseligkeit, die sich ein zig und allein auf die Hoffnungen und Erwar tungen der Religion gründet.

Dreyzehntes Hauptstück. Daß nicht allein ein eitles und sinnloses Leben, sondern auch die scheinbarste Art des Lebens, wenn sie von keiner großen Frömmigkeit regiert wird, ihr Elend, ih re Mängel und ihre Nichtigkeit den Au gen der ganzen Welt gnugsam zeigt. Dieses wird in verschiednen Cha rakteren vorgestellt.

------------------------------ Es sind sehr merkwürdige Worte, welche un ser Herr und Heiland zu seinen Jüngern sagte: selig sind eure Augen, daß sie se hen, und eure Ohren, daß sie hören. Wir lernen daraus zweyerley: Erstlich daß die Trägheit und Dummheit des menschlichen Ver standes, in Ansehung geistlicher Dinge, so groß ist, daß sie füglich dem Mangel der Augen und Ohren verglichen werden kann.
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Zweytens, daß GOtt an alle Orte und in alle Dinge so viel Bewegungsgründe und Er munterungen zu einem guten Leben gelegt hat, daß die, welche nur so glücklich sind, ihre Augen und Ohren zu haben, nothwendig davon gerührt werden müssen. Ob nun gleich in diesem Falle vornehmlich die waren, deren Sinne Zeugen von dem Leben, den Wundern und Lehren unsers Heilandes seyn konnten; so sind doch auch gewiß alle Christen ie tziger Zeit in eben diesem Falle. Denn die Gründe der Religion, die Ermunterungen zur Frömmigkeit, sind auf alle Dinge so deutlich ge schrieben und eingegraben, fallen so stark in die Augen, und dringen bey allem, was uns vor kömmt, so mächtig durch alle unsre Sinne; daß sie blos von Augen, welche nicht sehen, und von Ohren, welche nicht hören, nicht bemerkt wer den können. Was kann für ein größrer Bewegungsgrund zu einem frommen Leben seyn, als die Eitelkeit und Armseligkeit aller weltlichen Vergnügen? Und wer ist der, welcher diese Eitelkeit und die se Armseligkeit nicht alle Tage seines Lebens se hen und fühlen müßte? Was kann uns mehr ermuntern, auf GOtt zu sehen, als die Leiden, die Trübsale, die Pla gen dieses Lebens? Und wessen Augen und Oh ren sind nicht tägliche Zeugen derselben? Was für Wunder könnten unsre Sinnen stärker rühren, was für Bothschaften vom Him
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mel könnten sich deutlicher gegen uns erklären, als das tägliche Sterben und Abscheiden un srer Nebengeschöpfe? Das einzige nothwendige also, oder der große Endzweck des Lebens, darf nicht erst durch müh sames Nachgrübeln, und durch tieffe Ueberle gungen entdecket werden; sondern er wird uns auf das nachdrücklichste durch die Erfahrung aller unsrer Sinnen eingeschärft, und alles pre diget uns davon, was uns in unserm Leben vorkömmt. Wir dürffen nur sehen und hören wollen, und die ganze Welt wird für uns ein Buch der Weisheit und des Unterrichts werden; alles was in der Ordnung der Natur seinen Grund hat, al les was in dem Lauffe der Dinge zufällig ist, al le Irrthümer, in die wir gerathen, alle Unfälle, die uns begegnen, alles Elend, alle Vergehun gen, die wir an andern sehen, werden für uns zu so vielen Ermahnungen und Warnungen, die uns eben so zuverläßig, als ein Engel vom Himmel, lehren, daß wir auf keinem andern Wege zur Glückseligkeit gelangen können, als wenn wir alle unsre Gedanken, alle unsre Wün sche und Bemühungen auf die Glückseligkeit ei nes andern Lebens richten. Dieser rechte Gebrauch der Welt ist es, zu welchem ich euch, durch die Vorstellung aller Ar ten von menschlicher Thorheit, gern Anleitung geben möchte, damit ihr neue Gründe und Be wegungsursachen, den besten und größten End
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zwecken eurer Schöpfung gemäß zu leben, dar aus hernehmen könntet. Und wenn ihr nur beständig den Vorsatz ha ben wolltet, euch die Thorheiten der Welt zu Nutze zu machen, und die Größe der Religion aus der Nichtigkeit und Eitelkeit aller andrer Lebenswandel kennen zu lernen; wenn ihr, sage ich, nur diesen Vorsatz beständig haben wolltet, so würdet ihr an iedem Tage, an iedem Orte, an ieder Person einen neuen Beweis von der Weis heit derjenigen finden, welche gänzlich GOtt zu leben erwählet haben. Ihr würdet alsdenn durch alles, was euch in den Weg kömmt, in eu rer Religion immer mehr und mehr befestiget werden, und immer weiser und besser wieder nach Hause gehen. Octavius ist ein gelehrter und witziger Mann, welcher sich in den meisten Theilen der Litteratur sehr wohl umgesehen hat, und in allen Europäischen Ländern bekannt ist. Als er sich vor einiger Zeit eben von einem auszehrenden Fieber wieder erhohlte, redete er gegen seine Freunde also. Mein Stundenglas, sprach er, ist nun fast abgelauffen; und eure Augen sehen, wie viel Zeichen des Alters und des Todes ich an und um mir habe. Ich merke es deutlicher, als sich einer von euch Umstehenden einbilden kann, daß mein Leben zu Ende eilet, und glaube ganz ge wiß, daß ich längstens in Jahr und Tag an mei nem Ziele seyn werde.
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Durch diese Rede wurden seine Freunde un gleich aufmerksamer, und hofften von einem so gelehrten Manne, welcher nur noch ein Jahr zu leben hätte, etwas sehr vortrefliches zu hören; als er folgender Gestalt fortfuhr. Ich habe daher, sprach er, allen Weinhäusern entsagt, weil der Wein, den man an diesen Orten be kömmt, für meine abnehmende Gesundheit lan ge nicht gut genug ist. Ich muß in meinem Trinken nunmehr behutsam und zärtlich seyn, und darf mir nicht mehr so viel zutrauen, als ich mir zugetrauet habe. Und also bin ich ent schlossen, mir selber einen kleinen Vorrath von dem besten Weine einzulegen, und wenn er mir auch noch so theuer zu stehen kommen sollte. Denn meine lieben Freunde, ich muß euch sa gen, daß das Alter einen Mann in vielen Stü cken weise zu seyn nöthiget, und uns von die sen und jenen Meinungen und Gewohnheiten abbringt. Ihr wißt, wie sehr ich eine weitläuftige Be kanntschaft geliebt habe, ietzt aber verdamme ich diesen Wahn. Drey oder vier muntre, lusti ge Gesellschafter ist alles, was ich nunmehr begehre, weil ich finde, daß ich bey meiner ietzi gen schwächlichen Gesundheit ganz verdrüßlich werde, wenn ich entweder allein, oder in einer ernsthaften Gesellschaft bin. Wenige Tage nachher, als Octavius sich gegen seine Freunde dergestalt erklärt hatte, fiel er wieder in seine vorige Krankheit, ward einer
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Wärterinn übergeben, welche ihm die Augen zudrückte, noch ehe seine bestellten Weine an kamen. Der junge Eugenius, welcher bey dieser Rede zugegen war, ging als ein neuer Mensch nach Hause, und faßte den ernstlichen Vorsatz, sich gänzlich GOtt zu widmen. Niemals, sagt Eugenius, bin ich von der Weisheit und Wichtigkeit der Religion so stark gerührt worden, als da ich sahe, wie armselig und elend der gelehrte Octavius, aus Man gel derselben, die Welt verlassen mußte. Wie oft habe ich seine große Gelehrsam keit, seine Kenntniß der Sprachen, seine Ein sicht in die Alterthümer, seine Geschicklich keiten, seine angenehme Art, sich von allem auszudrücken, beneidet! Als ich aber sahe, wie armselig sich dieses alles endete, wie erbärmlich daß letzte Jahr eines solchen Lebens war, und wie närrisch der Besitzer aller dieser Vollkommenhei ten reden mußte, weil er die Freuden und Erwar tungen der Frömmigkeit nicht kannte; so wurde ich gänzlich überzeugt, daß man nichts als ein Leben voll wahrer Frömmigkeit beneiden und wünschen sollte, und daß nichts armseliger und trostloser sey, als ein Tod ohne so ein Leben. Wie nun der junge Eugenius durch dieses Exempel dergestalt erleuchtet und erbauet wur de, so werdet auch ihr überall eine Menge von dergleichen Lehren und Warnungen antreffen,
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wenn ihr nur etwas weniges von seiner nach denklichen Gemüthsart habt. Ihr werdet fin den, daß die Gründe für die Weisheit und Glückseligkeit einer strengen Frömmigkeit, sich euch an allen Orten darbieten, und auf das mäch tigste durch alle eure Sinne eindringen. Ihr werdet finden, daß die ganze Welt den Auf merksamen prediget, und daß euch alles, was ihr antrefft, wenn ihr nur Ohren zu hören habt, einen Unterricht der Weisheit ertheilet. Wenn wir nun zu diesen Lehren und Ermah nungen, die wir durch unsre Sinne, und durch die Erfahrungen des menschlichen Lebens über kommen, das Licht der Religion, und die gros sen Wahrheiten, die uns der Sohn Gottes ge lehrt hat, hinzuthun, so wird es eben so unge zweifelt erhellen, daß für den Menschen nur ei ne Glückseligkeit bestimmt ist, als ungezweifelt es so erhellet, daß nur ein GOtt ist. Denn da uns die Religion lehret, daß unsre Seelen unsterblich sind, daß Andacht und Fröm migkeit sie zu dem ewigen Genusse Gottes füh ren werden; da sie uus<uns> lehret, daß weltliche und fleischliche Neigungen, sie in das ewige Elend zu den verdammten Geistern stürzen: welche grobe Dummheit und Unvernunft ist es, den Namen der Freude und Glückselig keit irgend einem andern Dinge als dem zu ge ben, was uns zu dieser Freude und Glückselig keit in GOtt führen soll!
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Wenn alles mit unserm Körper untergin ge, so möchte sich vielleicht für diese verschied nen Arten von Glückseligkeit, von welchen ietzt so viel gesprochen wird, noch einiger Vor wand finden lassen; da wir aber mit dem Tode erst recht zu seyn anfangen, da alle Menschen in einer Welt, die von der gegenwärtigen ganz unterschieden ist, entweder ewig elend, oder ewig glücklich seyn sollen, da alle in der größten Un gewißheit, wie bald sie der Tod abfordern wer de, dem Tode entgegen eilen, einige krank, andre gesund, einige wachend, andre schlafend, ei nige um Mitternacht, andre wenn der Hahn krähet, alle aber zu einer Stunde, die ihnen unbekannt ist, von hinnen müssen: ist es nicht unwidersprechlich, daß niemand den andern an Freude und Glückseligkeit übertreffen kann, als in so fern er ihn in denjenigen Tugenden über trifft, die ihm zu einem seligen Tode geschickt machen? Cognatus ist ein ehrbarer und ordentlicher Geistlicher, welcher in der Welt einen guten Ruff hat, und von seinem Kirchspiele hochge halten wird. Alle seine Kirchkinder sagen, er sey ein ehrlicher Mann, und verstehe sich be sonders auf Schließung eines Contracts sehr wohl. Die Pächter hören ihm mit großer Auf merksamkeit zu, wenn er von der bequemsten Zeit, mit dem Korne los zu schlagen, redet. Er ist seit zwanzig Jahren ein genauer Be obachter des Marktpreises gewesen, und hat
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sich durch eine gute Haushaltung ein ansehnli ches Vermögen erworben. Cognatus ist sehr orthodox, und voller Ehrerbietung gegen die englische Liturgie; und wenn er des Mittewochs und des Frey tags keine Betstunde hält, so kömmt es daher, weil sein Vorgänger das Kirchspiel nicht dazu gewöhnt hat. Da er seine Pfründen alle beyde nicht selbst versehen kann, so macht er es sich zu einem Ge wissenspunkte, für die eine einen ehrbaren Vicarium zu halten, welchem er die Sorge für alle Seelen im Kirchspiele, so wohlfeil als mög lich, verdinget. Cognatus ist beständig ziemlich glücklich ge wesen; nie aber hat es ihm an den Verdrüßlich keiten und Plagen gefehlt, welchen die, die sich mit weltlichen Geschäften allzusehr verwickeln, unterworffen sind. Steuern und Gaben, Unglücksfälle, unsichere Hypothecken, schlimme Miethsleute und die schweren Zei ten, sind der beständige Stoff seiner Unterredun gen, und eine gute oder schlimme Witterung hat auf seine Seele einen großen Einfluß. Cognatus will aus keiner andern Ursache reich werden, als um einer jungen Anver wandtinn, die er von den Einkünften seiner zwey Pfründen in aller Galanterie erzogen hat, ein ansehnliches Vermögen zu hinterlassen. Die Nachbarn betrachten den Cognatus als einen glücklichen Geistlichen, weil sie ihn, wie
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sie sagen, in guten Umständen sehen; und ei nige sind dadurch gar bewogen worden, ihre Söhne der Kirche zu widmen, weil sie sehen, daß Cognatus so wohl gefahren, dessen Vater nur ein gemeiner Mann gewesen. Wenn nun aber Cognatus, als er zuerst in den heiligen Stand trat, eingesehen hätte, wie abgeschmackt es sey, durch das Evangelium reich werden zu wollen; wenn er sich das Bey spiel einiger Väter der ersten Kirche vorge stellt hätte; wenn er die große Frömmigkeit des h. Augustinus, welcher keinen von seinen Ver wandten von den Einkünften der Kirche berei chern wollte, vor Augen gehabt hätte; wenn er, anstatt zwanzig Jahr irdische Schätze zu sammeln, die Einnahme iedes Jahrs zu christlichen Wer ken der Barmherzigkeit und Milde angewandt hätte; wenn er, anstatt seine Anverwandtinn durch allerley Schmuck, den der Apostel ver bietet, zum Stolze zu reitzen, eine Anzahl von Wittwen, Waysen und Unglücklichen ge kleidet und erhalten hätte, die alle an ienem Ta ge für ihn sprechen könnten; wenn er, anstatt der Mühe und Sorge, die ihm unsichere Hy pothecken und schlimme Miethleute ge macht, den beständigen Trost gehabt hätte, daß er sich da Schätze gesammelt, wo sie die Motten und der Rost nicht fressen, noch Diebe nachgraben und stehlen: hätte man als denn mit einigem Grun de sagen können, daß er den Geist und die Wür de seines Ordens verkannt, oder irgend eine von
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den Glückseligkeiten eingebüßt habe, die bey sei nem heiligen Amte gefunden werden? Wenn er, anstatt sich über das Glück einer zweyten Pfründe zu freuen, bedacht hätte, daß es einem Geistlichen eben so unanständig sey, mit heiligen Dingen Wucher zu treiben, als einen Krahmladen zu haben; wenn er bedacht hät te, daß es besser sey, seine Anverwandtinn mit irgend einer ehrlichen Arbeit zu beschäftigen, als sie durch den Schweiß eines Vicarii in ihrem Müßiggange zu erhalten; daß es besser sey, ihr weder feine Kleider, noch einen reichen Mann zu verschaffen, als zuzugeben, daß ein Amts bruder, des Altars, dessen er pfleget, nicht ge nießen solle: wenn dieses der Geist des Cogna tus gewesen wäre, würde man mit einigem Grunde sagen können, daß diese Regeln der Re ligion, diese strenge Frömmigkeit dem Cogna tus irgend eine wirkliche Glückseligkeit gerau bet hätten? Würde man sagen können, daß ein Leben, welches der Geist des Evangelii so re giert, ein verdrüßliches und melancholi sches Leben, in Vergleichung des Vergnügens, eine Anverwandte reich zu machen, seyn müsse? Wie nun dieses bey gegenwärtigem Falle nicht gesagt werden kann, so wird man auch bey ieder andern Lebensart, wenn man sie genau betrach tet, finden, daß ob sie schon noch so angenehm und glücklich zu seyn scheinet, die Frömmigkeit sich doch zu keinem Stücke derselben hinzuthun
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läßt, ohne sie mit einer bessern Freude und Se ligkeit zu beglücken. Betrachtet nunmehr einen Stand des Lebens, welcher den Neid aller Augen auf sich ziehet. Negotius ist ein ehrbarer, vernünftiger Mann. Er lernte die Handlung bey einem Herrn, welcher ein sehr weitläuftiges Verkehr hatte; und durch seine Geschicklichkeit hat er sie zu einer weit wichtigern Beschäftigung gemacht, als sie iemals war. In den vergangnen dreys sig Jahren hat er alle Wochen funfzig bis sech zig Briefe geschrieben, und seine Correspondenz erstreckt sich durch alle Länder in Europa. Das allgemeine Beste der Handlung, scheinet dem Negotius das allgemeine Beste des menschli chen Lebens zu seyn; alles, was er bewundert, alles was er, sowohl in der Kirche als in dem Staate, anpreiset oder verdammt, wird nach Maaßgebung der Verbindung, in welcher es mit der Handlung steht, von ihm bewundert, angepriesen und verdammt. Da ihm das Geld beständig zufließt, so wen det er es auch öfters zu verschiednen Ausgaben der Großmuth, und nicht selten so gar zu Wer ken der Liebe an. Negotius ist beständig zu allen öffentlichen Auflagen bereit und willig; und wenn an dem Orte, wo er sich befindet, eine Summe Geldes zusammen gelegt werden soll, es sey nun, um den Preis bey einem Pferderennen dafür anzu schaffen, oder um einen Gefangnen aus dem
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Kerker loszukauffen, so kann man sichere Rech nung darauf machen, daß er etwas dazu ge ben wird. Er hat einer gewissen Kirche auf dem Lande ein schönes Geläute Klocken geschenkt; und man steht in der Erwartung, daß er über lang oder kurz die Fronte des Rathhauses weit schöner werde bauen lassen, als man sie an ir gend einem Orte finde. Denn dieses ist die großmüthige Art des Negotius, daß er nichts nur halb thut, was er thut. Fragt man nun, was den Negotius von al len groben und ärgerlichen Lastern bewah ret habe, so ist es eben das, was ihn von einer strengen Frömmigkeit abgehalten hat, nehm lich seine großen Geschäfte. Er hat beständig allzuviel wichtige Dinge in seinem Kopfe gehabt, seine Gedanken sind immer allzusehr auf dieses und jenes gerichtet gewesen, als daß er in ein ruchloses Leben hätte verfallen, oder die Noth wendigkeit einer innern gründlichen Fröm migkeit fühlen können. Aus dieser Ursache hört er von den Vergnü gen eines lockern Lebens, und von den Vergnü gen der Frömmigkeit, mit einerley Gleichgültig keit reden; und hat eben so wenig Lust in den einen, als in den andern zu leben, weil alle beyde mit der Denkungsart, und den vielen und mannigfaltigen Geschäften, welche seine Glück seligkeit ausmachen, nicht bestehen. Wenn man den Negotius fragen wollte, wornach er in der Welt trachte, so würde er we
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gen einer Antwort eben so sehr verlegen seyn, als wenn man ihn gefragt hätte, was diese oder jene Person davon denke. Denn ob er gleich beständig, was er thut, zu wissen scheint, und eine Menge Dinge in seinem Kopfe hat, welche die Bewegungsgründe zu seinen Handlungen sind; so wird er doch nichts von irgend einem allgemeinen Endzwecke des Lebens zu sagen wissen, welchen er mit Ueberlegung erwählet, und seiner Arbeit und Mühe würdig befunden hätte. Er hat verschiedne verwirrte Begriffe in sei nem Kopfe, welche schon seit langer Zeit darinn sind; als zum Exempel: daß es etwas großes sey, mehr als andre Leute, zu thun zu haben, sich mit mehr Geschäften abzugeben, als hunderten von eben derselben Profeßion nicht obliegen, be ständig reicher und reicher zu werden, und ein erstaunliches Vermögen vor seinem Tode zusam men zu bringen. Das, was dem Negotius das größte Leben und den meisten Muth zu ma chen scheinet, und am wenigsten aus seinen Ge danken kömmt, ist die sichre Hoffnung, daß er reicher sterben werde, als ie einer gestorben ist, der mit ihm gleichen Handel getrieben. Wenn sich die meisten Leute eine Glückselig keit einbilden wollen, so denken sie an den Ne gotius, von welchem sie glauben, daß in seinem Leben alle Arten von Glückseligkeit zusammen kommen müßten; ehrbar, klug, reich, glücklich, großmüthig, wohlthätig.
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Laßt uns derohalben seine Lebensart in einem andern, aber wahrern Lichte, betrachten. Laßt uns annehmen, eben dieser Negotius sey ein fleißiger, arbeitsamer Mann, welcher alle Tage in eine Menge verschiedner Geschäfte tief verwickelt wäre; er tränke nicht und liebte auch sonst keine Ausschweiffungen, sondern wä re in allen seinen Geschäften ordentlich und ehrbar. Laßt uns annehmen, daß er bey die ser Führung seines Handels alt werde, und daß der Endzweck und die Absicht aller seiner Arbeit, seiner Sorge und Unermüdlichkeit, blos diese gewesen wäre, in dem Besitze von mehr als hundert tausend Paar Stiefeln und Sporen, und eben so vieler Kleider zu sterben. Laßt uns annehmen, daß der ehrbare Theil der Welt nach seinem Tode von ihm sage, er sey ein großer und glücklicher Mann, ein vollkomm ner Handelsmann gewesen, und habe hundert tausend Paar Stiefeln und Sporen in seinem Leben erworben. Wenn nun dieses wirklich der Fall wäre, so glaube ich, würde man es ohne Bedenken zu geben, daß ein dergleichen beschäftigtes Leben, so elend und lächerlich sey, als man nur im mer eines erdenken könne. Allein der würde sich in großer Verlegenheit befinden, welcher be weisen sollte, daß derjenige, der seine ganze Zeit in nichts als Geschäften und Verwirrungen zu gebracht, damit er, wie man zu reden pflegt, hundert tausend Pfund reich sterben könne, nur
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im geringsten weiser wäre, als der, welcher eben dieselbe Arbeit und Mühe übernommen, damit er so viel Paar Stiefeln und Sporen hinter lassen möge. Denn wenn der Zustand und die Beschaf fenheit unsrer Seele, unsre ganze Beschaf fenheit ist; wenn der einzige Endzweck des Le bens dieser ist, so frey von Sünden und so stark in der Tugend zu sterben, als wir haben werden können; wenn wir die Welt eben so nackend verlassen müssen, als wir in dieselbe gekommen, und vor Christo und seinen heiligen Engeln ge prüft werden sollen, ob wir der ewigen Glückse ligkeit, oder des ewigen Elendes werth sind: was liegt daran, ob ein Mensch in der Welt et was hat, oder ob er nichts hat? Was liegt dar an, wie man die Dinge, die ein Mensch hinter lassen hat, nennt; ob man sie seine oder ei nes andern nennt; ob man sie Bäume und Felder, oder Vögel und Federvieh nennt; ob man sie hundert tausend Pfund, oder hundert tausend Paar Stiefeln und Sporen nennt? Ich sage, nennt; denn die Dinge selbst, haben für ihn eben so wenig mehr zu be deuten, als die Namen. Nun ist es etwas sehr leichtes, die Thorheit eines Lebens einzusehen, in welchem man einzig und allein bemüht ist, eine solche Menge Stie feln und Sporen zu erwerben. Allein man braucht keine tiefre Einsicht, keinen feinern Ver stand, um auch die Thorheit eines Lebens ein
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zusehen, das man gänzlich anwendet, zehn Städte, ehe man stirbt, zu besitzen. Denn wenn er nun alle seine Städte, oder alle seine Stiefeln erworben hat, so muß seine Seele doch an den für sie bestimmten Ort zu den abgeschiednen Geistern gehn, und sein Kör per in einem Sarge beygelegt werden, bis die letzte Trompete ihn zum Gerichte fordert, wo die Frage seyn wird, wie demüthig, wie andäch tig, wie leutselig, wie fromm, wie barm herzig, wie himmlisch wir, weil wir im Kör per gewesen, geredt, gedacht und gehandelt haben? Wie kann man aber sagen, daß der, welcher sein ganzes Leben daran gewendet, hun dert tausend Pfund zu erwerben, weiser für sich gehandelt habe, als der, welcher sich Mühe gegeben, hundert tausend Paar Sporen, oder andre Dinge, zusammen zu bringen. Laßt uns aber nun weiter annehmen, Nego tius habe, als er seine Handlung angefangen, das Evangelium mit Aufmerksamkeit und offnen Augen gelesen, und habe gefunden, daß ihm ein wichtiger Geschäfte obliege, als das, um deßwillen er die Lehrjahre ausgestanden; daß es Dinge gäbe, welche den Menschen näher ange hen, als alles, was unsre Augen sehen können, welche so herrlich sind, daß sie unser Dichten und Trachten verdienen, so gefährlich, daß sie alle unsre Behutsamkeit nöthig haben, und so gewiß, daß sie einen gläubigen Arbeiter nie betriegen. Laßt uns annehmen, er hätte bey Lesung die ses Buchs entdecket, daß seine Seele ein wich
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tigerer Theil von ihm sey, als sein Körper; daß es besser sey, an den Tugenden der Seele zuzu nehmen, als einen fetten Leib und einen vollen Beutel zu haben; daß es besser sey, sich zu den himmlischen Wohnungen geschickt zu machen, als eine Menge schöner Häuser auf Erden zu besitzen; daß es besser sey, sich einer ewigen Glückseligkeit zu versichern, als Ueberfluß an Dingen zu haben, die er nicht behalten kann; daß es besser sey, in den Ausübungen der De muth, Frömmigkeit, Andacht, Barmherzigkeit und Selbstverleugnung zu leben, als unbereitet zu sterben; daß es besser sey, unserm Heilande, oder irgend einem erhabnen Heiligen, gleich zu werden, als alle Kaufleute in der Welt, an Menge der Geschäfte, und an Glück, zu über treffen. Laßt uns annehmen, Negotius habe alles dieses für wahr gehalten, und sich daher, gleich von dem Anfange seiner Handlung an, gänzlich GOtt gewidmet, und den Vorsatz gefaßt, sein Gewerbe nicht weiter zu treiben, als in so weit es mit der wahren Andacht, Demuth und Selbst verleugnung bestehen kann, auch keine andre Absichten dabey zu haben, als sich selbst den noth dürftigen Unterhalt zu verschaffen, und allen seinen Nebengeschöpfen, an ihren Leibern und ih ren Seelen, so viel gutes, als ihm möglich, zu thun. Laßt uns also annehmen, anstatt in beständi ger Verwirrung der Geschäfte zu leben, habe er
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sich öffters eingeschlossen, und alle Stunden des Gebets genau beobachtet; anstatt der unruhigen Begierden, immer reicher zu werden, sey seine Seele voll Liebe Gottes und himmlischer Nei gungen gewesen, habe sich beständig gegen die weltlichen Lüste auf ihrer Hut gehalten, und der göttlichen Gnade entgegen gesehen; anstatt welt licher Sorgen und Bemühungen, sey er besorgt gewesen, seine Seele gegen alle Anfälle der Sünde zu stärken; anstatt der kostbaren Pracht und des prahlenden Aufwands eines vorneh men Lebens, habe er alle Werke der Demuth und Niedrigkeit geliebt und ausgeübt; anstatt der großen Gastereyen und vollen Tafeln, habe blos der in seinem Hause die nöthige Erquickung gefunden, dem es daran gefehlet. Laßt uns annehmen, seine Zufriedenheit habe ihn vor allen Arten des Neides bewahrt; seine Frömmigkeit habe ihn in allen Trübsaalen und Unglücksfällen dankbar gegen GOtt gemacht; seine Barmherzigkeit habe ihn, reich zu werden, verhindert, indem er alle Gegenstände des Mit leids seines Vermögens genießen lassen. Wenn nun Negotius von diesem Geiste des Christenthums wäre belebt worden, würde wohl ein Mensch sagen können, daß er die wahre Freude und Glückseligkeit des Lebens verlohren habe, indem er sich dergestalt nach dem Geiste des Evangelii gerichtet, und auf die Hoffnun gen desselben gegründet hätte? Kann man sagen, daß ein Leben, welches durch solche Tugenden exemplarisch gemacht
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wird, welches den Himmel beständig in Augen behält, welches die Seele hiernieden beydes er freuet und erhebet, und sie zu dem Anschauen Gottes in jener Welt geschickt macht, ein armse liges und trauriges Leben, in Vergleichung desjenigen, seyn müsse, das mit Sammlung vergänglicher Schätze verbracht wird, die uns eben so gewiß verlassen, als wir sie verlassen werden? Ich würde kein Ende finden, wenn ich alle Beyspiele von dieser Art anführen wollte, um daraus zu zeigen, wie wenig man verlieret, und wie viel man gewinnet, wenn man in iedem Stande des menschlichen Lebens eine strenge und genaue Frömmigkeit einführet. Ich will es daher eurem eignen Nachdenken überlassen, auf diesem Wege der Betrachtung weiter fortzugehen, und ich hoffe, daß ihr durch das, was bisher gesagt worden, hinlängliche Anleitung bekommen habt, euch fest zu überzeu gen, daß eine wahre und erhabne Frömmigkeit so wenig irgend ein Leben mühsam und traurig machet, daß in ihr vielmehr die einzige Freude und Glückseligkeit eines ieden Standes in der Welt bestehet. Bildet euch eine Person ein, die an einer Verzehrung oder einer andern langwieri gen unheilbaren Krankheit darnieder liegt. Wenn ihr nun sehen solltet, daß eine solche Person alles, was sie thut, nach dem Geiste der Religion thäte; daß sie von ihrer Zeit, von ih
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ren Glücksgütern, von ihren Geschicklichkeiten keinen andern als den weisesten Gebrauch mache; daß sie iede Pflicht der Frömmigkeit in ihrer größten Vollkommenheit ausübe, und den Rest ihres Lebens so vortheilhaft, als möglich, anzule gen suche; daß sie sich allen Geschäften, außer den nothwendigsten, entzöge; daß ihr alle Thor heiten und Eitelkeiten der Welt zuwider wären; daß sie keinen Geschmack an Schmuck und Pracht hätte, sondern allen ihren Trost in den Hoffnun gen und Erwartungen der Religion suchte: ihr würdet ganz gewiß ihre Klugheit preisen; ihr würdet gestehen, daß sie den sichersten Weg er wehlt habe, sich so freudig und glücklich zu ma chen, als ein Mensch in ihren Umständen seyn kann. Wenn ihr Gegentheils sehen solltet, daß eben dieselbe Person, mit zitternden Händen, kur zem Athem, verfallenen Wangen und hoh len Augen, sich noch beständig, so lange sie noch reden könnte, mit Kauffen und Verkauffen be schäftigte; wenn ihr sehen solltet, daß sie an schönen Kleidern ihre Lust habe, ob sie gleich nicht mehr stehen und sich ankleiden lassen kann; daß sie ihr Geld lieber an Pferde und Hunde wende, als die Gebete der Armen für ihre See le, welche nun bald ihren Körper verlassen muß, damit erkauffe: ihr würdet sie ganz gewiß, als einen thörichten und wahnwitzigen Menschen verdammen. So leicht es nun ist die Vernunftmäßigkeit, Weisheit und Glückseligkeit eines gottseligen
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Gemüths, an einem sterbenden Menschen einzusehen, so leicht werdet ihr auch, wenn ihr mit diesen Gedanken weiter gehen wollt, eben dieselbe Weisheit und Glückseligkeit eines gott seligen Gemüths, an iedem andern Stande des Lebens erkennen. Denn wie bald kann ein Mensch, der ietzt ge sund ist, sich in eben den Umständen befinden, in welchen sich ein Mensch befindet, der in einer auszehrenden Krankheit liegt? Wie bald kann er eben des Trostes und der Beruhigungen der Religion bedürffen, deren ieder Sterbende bedarf? Und wenn es etwas weises und seliges ist, fromm zu leben, weil wir nicht über ein Jahr mehr zu leben haben, ist es nicht etwas noch weisers, und machen wir uns dadurch nicht noch glücklicher, wenn wir mehrere Jahre zu le ben haben? Wenn ein Jahr Frömmigkeit ehe wir sterben, so wünschenswerth ist, müssen nicht mehrere Jahre Frömmigkeit noch wünschens werther seyn? Wenn ein Mensch fünf bestimmte Jahre zu leben hätte, so würde er unmöglich an alle fünfe denken können, ohne von allen fünfen den besten Gebrauch machen zu wollen. Wenn er siehet, daß sein Bleiben auf dieser Welt so kurz ist, so wird er nothwendig denken, daß die se Welt keine Welt für ihn sey; und wenn er sieht, wie nah er einer andern ewigen Welt ist, so wird er es sicherlich für sehr nothwen
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dig halten, sich bester Maaßen zu derselben vor zubereiten. So vernünftig nun die Frömmigkeit in sol chen Umständen des Lebens scheinet, eben so ver nünftig, und noch vernünftiger muß sie in allen und ieden Umständen des Lebens einem Men schen, welcher denkt, vorkommen. Denn wer anders, als ein Wahnwitziger, kann sich gewisse Rechnung darauf machen, daß er noch fünf Jahr leben werde? Und wenn es vernünftig und nothwendig ist, unsern weltlichen Neigungen zu entsagen, und gänzlich GOtt zu leben, weil wir gewiß wis sen, daß wir nach fünf Jahren sterben wer den; so muß es sicherlich noch weit vernünftiger und nothwendiger für uns seyn, in eben diesem Geiste zu leben, weil wir es nicht gewiß wis sen, ob wir noch fünf Wochen leben werden. Ferner, wenn wir zu den fünf Jahren noch zwanzig hinzuthun, welches aller Wahrschein lichkeit nach, mehr ist, als zu dem Leben der we nigsten, die bereits das männliche Alter erreicht haben, hinzugethan werden wird; was für eine armselige Sache ist das! was für ein geringer Unterschied ist zwischen fünf, und fünf und zwanzig Jahren! Es steht geschrieben, daß ein Tag bey GOtt ist, wie tausend Jahr, und tausend Jahr, wie ein Tag; weil in Betrachtung seiner Ewig keit dieser Unterschied nichts ist.
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Da wir nun alle erschaffen worden, ewig zu zu seyn, und in einer unendlichen Folge von Jahrhunderten auf Jahrhunderte zu leben, wo tausend Jahre und Millionen tausend Jah re, mit unserm ewigen Leben in GOtt in keine Vergleichung kommen werden; so sind in Anse hung dieses ewigen Standes, welches unser wirklicher Stand ist, fünf und zwanzig Jahr eine eben so armselige Kleinigkeit, als fünf und zwanzig Tage. Nun können wir aber nimmermehr ein rich tiges Urtheil von der Zeit, in so weit sie uns angeht, fällen, ohne die wahre Beschaffenheit unsrer Dauer dabey in Erwegung zu ziehen. Wenn wir zeitliche Wesen wären, alsdenn könnte eine kleine Zeit mit Recht ein großer Theil in Ansehung unser genennt werden; da wir aber ewige Wesen sind, so ist der Unterschied von wenig Jahren so gut als nichts. Wir wollen einmal setzen, es wären drey verschiedne Arten vernünftiger Wesen, die alle ihre verschiedne, aber bestimmte Dauer hät ten; die eine Art lebte ganz gewiß nur einen Monat, die andre ein Jahr, und die dritte hundert Jahre. Wenn nun diese Wesen zusammen kämen und mit einander von der Zeit sprechen sollten, so müßten sie ganz verschiedne Sprachen führen; eine halbe Stunde müßte denen, welche nur ei nen Monat zu leben haben, ganz etwas anders seyn, als was sie denen ist, die hundert Jahre leben sollen.
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Da also die Zeit, in Betrachtung des Stan des derjenigen, die sie genießen, ein so verschied nes Ding ist, so müssen wir, wenn wir wissen wollen, was die Zeit in Ansehung unser ist, un sern Stand dabey betrachten. Da nun unser ewiger Stand uns eben so ge wiß ist, als uns unser gegenwärtiger Stand ist; da wir eben so gewiß ewig leben werden, als wir ietzt überhaupt leben: so ist es offenbar, daß wir von dem Werthe irgend einer besondern Zeit, die uns angeht, nicht anders, als in Verglei chung mit der ewigen Dauer, zu welcher wir er schaffen worden, urtheilen können. Wenn ihr wissen wollt, was fünf Jahre für ein Wesen, welches hundert Jahre leben soll, zu sagen haben, so müßt ihr fünf gegen hun dert halten, und auf das Verhältniß dieser beyden Zahlen Acht haben, wenn ihr richtig ur theilen wollt. Also auch, wenn ihr wissen wollt, was zwan zig Jahre für ein Kind Adams zu sagen haben, so müßt ihr sie nicht mit einer Million Zeital ter, sondern mit einer ewigen Dauer verglei chen, gegen welche eine Menge Millionen noch kein Verhältniß haben; und alsdenn nur werdet ihr richtig urtheilen, wenn ihr findet, daß zwan zig nichts sind. Ueberleget also, wie sehr ihr die Thorheit ei nes Menschen verdammen würdet, welcher sei nen Theil der zukünftigen Herrlichkeit darum verlieren wollte, um einen einzigen armse=
|| [0281.01]
ligen Tag vor seinem Tode, reich, oder groß, oder berühmt, oder in dem Genusse irgend ei nes Vergnügens zu seyn. Wenn aber die Zeit kommen wird, da eine Menge Jahre einem ieden noch weit geringer vorkommen werden, als ihnen ietzt ein Tag vor kömmt, was für eine Verdammung muß als denn erfolgen, wenn man sieht, daß die ewige Glückseligkeit für noch weniger, als für den Ge nuß eines Tages, verlohren worden? Warum scheinet uns ietzt ein Tag eine Klei nigkeit zu seyn? Weil wir Jahre dagegen setzen können. Die Dauer von Jahren macht es, daß er uns wie nichts vorkömmt. Zu was für einer Kleinigkeit müssen also die Jahre eines Menschenalters werden, wenn wir uns gezwungen sehen, sie gegen die Ewig keit zu setzen, wenn nichts als die Ewigkeit ist, womit wir sie vergleichen können! In diesem Falle nun befindet sich ieder Mensch, sobald er den Körper verlassen hat; er sieht sich gezwungen, den Unterschied von Ta gen und Jahren zu vergessen, und die Zeit nicht nach dem Lauffe der Sonne, sondern in Ver gleichung mit der Ewigkeit, abzumessen. So wie die Fixsterne, weil wir uns in ei ner so erstaunlichen Weite von ihnen befin den, uns nur als helle Punkte vorkommen, so wird uns auch, wenn wir in der Ewigkeit seyn, und auf alle Zeit zurück sehen wer
|| [0282.01]
den, alle Zeit nicht anders als ein Augenblick vorkommen. Alsdenn wird ein Wohlleben, ein Glück, eine Hoheit von funfzig Jahren, einem ie den, der darauf zurück sieht, als ein armseli ger augenblicklicher Genuß vorkommen, und es wird ihn dünken, als sey er in seiner er sten Sünde dahin gerissen worden. Diese wenigen Betrachtungen über die Zeit, sollen blos zeigen, wie armselig diejenigen den ken und urtheilen, die sich deswegen um die Ewigkeit weniger bekümmern, weil sie viel leicht noch einige Jahre davon entfernt sind, als sie sich darum bekümmern würden, wenn sie sich nur wenige Wochen davon entfernt wüßten.
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Vierzehntes Hauptstück. Betrift denjenigen Theil der Andacht, welcher mit dem auf gewisse Stunden fest gesetzten Gebete zu thun hat. Von dem täglichen Frühgebete des Morgens. Wie man die Formeln des Gebets einrichten und den Geist der Andacht stärken soll.

------------------------------ Nachdem ich in den vorhergehenden Haupt stücken die Nothwendigkeit eines andäch tigen Geistes, oder der Fertigkeit des Gemüths, bey iedem Stücke unsers gemeinen Lebens, bey Ausführung aller unsrer Geschäfte, bey dem Ge brauch aller erhaltnen Gaben, auf GOtt zu sehen, gezeigt habe; so will ich nunmehr denjenigen Theil der Andacht betrachten, der mit den festgesetzten Zeiten und Stunden des Gebets zu thun hat. Ich nehme es für ausgemacht an, daß ieder Christ, welcher sich seiner Gesundheit zu erfreuen hat, des Morgens früh auf ist; denn es ist weit vernünftiger, eine Person früh auf zu vermu then, weil sie ein Christ ist, als weil sie ein Ar beitsmann, ein Kaufmann, oder ein Be dienter ist, oder sonst Geschäfte hat, die auf sie warten. Wir empfinden einen natürlichen Widerwil len gegen einen Mann, welcher im Bette liegt, wenn er bey seiner Arbeit, oder in seinem
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Laden seyn sollte. Wir können uns nicht ein bilden, daß etwas gutes an einem seyn könne, welcher ein solcher Sklave der Trägheit ist, daß er seine Geschäfte darüber versäumt. Dieses mag uns also lehren, wie häßlich wir in den Augen des Himmels erscheinen müssen, so oft wir im Bette, in Schlaf und Dunkelheit versenkt liegen, wenn wir GOtt preisen sollten, und solche Sklaven unsrer Trägheit sind, daß wir unsre Andacht darüber versäumen. Denn wenn der als ein träger Faullenzer zu tadeln ist, welcher lieber der verdroßnen Be häglichkeit des Schlafs genießen, als den ihm zukommenden Theil weltlicher Geschäfte verrich ten will; wie viel mehr muß der zu tadeln seyn, welcher lieber in dem Bette eingehüllt liegen, als sein Herz durch Gebet und Danksagung zu GOtt erheben will? Das Gebet ist der nächste Zutritt zu GOtt, und der vollkommenste Genuß Gottes, dessen wir in diesem Leben fähig sind. Es ist die edelste Uebung der Seele, der er habenste Gebrauch unsrer besten Fähigkeiten, und die genauste Nachahmung der seligen Ein wohner des Himmels. Wenn unsre Herzen voll von GOtt sind, und heilige Wünsche zu dem Throne der Gnade schi cken, alsdenn befinden wir uns in unserm höch sten Stande, und sind auf dem obersten Gipfel der menschlichen Hoheit; wir stehen nicht vor Königen und Fürsten, sondern in der Gegen
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wart und vor dem Angesichte des Herrn aller Welt, und wir können nicht höher steigen, als bis der Tod in den Sieg verschlungen ist. Gegentheils ist der Schlaf die armseligste und trägste Erquickung des Körpers, die man ganz und gar nicht als ein Vergnügen ansehen kann, weil man sie entweder in einem Stande der Unempfindlichkeit, oder unter den Thorhei ten der Träume genießen muß. Der Schlaf ist ein solcher träger, empfin dungsloser Stand des Daseyns, daß wir so gar unter bloßen Thieren diejenigen am mei sten verachten, welche die schläfrigsten sind. Derjenige also, welcher lieber die träge Be häglichkeit des Schlafs länger genießen, als früh mit seiner Andacht vor GOtt treten will, ziehet die sinnloseste Erquickung des Körpers der erhabensten und edelsten Verrichtung seiner See le vor; er zieht einen Stand, welcher auch blos sen Thieren zum Vorwurfe gereicht, derje nigen Uebung vor, welche die Herrlichkeit der Engel ist. Vielleicht werdet ihr sagen, ob ihr gleich spät aufstündet, so verrichtetet ihr eure Andacht doch sogleich mit aller Sorgfalt, sobald ihr aufwäret. Es mag seyn. Aber wie denn nun? Thut ihr wohl daran, daß ihr spät aufsteht, weil ihr euer Gebet verrichtet, sobald ihr auf seyd? Ist es zu vergeben, daß ihr einen großen Theil des Tages in dem Bette verbringt, weil ihr bald darauf eure Andacht abwartet?
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Es ist eben sowohl eure Pflicht zum Gebet aufzustehen, als zu beten, wenn ihr aufgestanden seyd. Und wenn ihr spät zu eurem Gebete kommt, so bringet ihr GOtt das Gebet eines trägen und faulen Anbeters dar, welcher zum Gebet aufsteht, so wie ein fauler Knecht zur Arbeit. Ferner, wenn ihr euch einbildet, daß ihr eure Andacht mit der gehörigen Sorgfalt verrichtet, sobald ihr auf seyd, ob ihr gleich die Gewohn heit habt, spät aufzustehen, so betrüget ihr euch selbst; weil ihr eure Andacht nicht so abwarten könnt, als ihr sollt. Denn der, welcher sich die ses träge Vergnügen nicht versagen kann, son dern einen guten Theil des Morgens damit ver dirbt, der ist, wenn er aufsteht, zum Gebet eben so wenig geschickt, als zum Fasten, zur Ent haltung, oder zu einer andern Art von Selbst verleugnung. Er wird zwar in der That eher eine Gebetformel lesen, als diese Pflichten erfüllen können; aber in den wahren Geist des Gebets einzudringen, dazu ist er eben so we nig geschickt, als zum Fasten. Denn der über mäßige Schlaf macht unser ganzes Gemüth weichlich und verdrossen, und verhindert uns, an irgend etwas andern Geschmack zu fin dtn, als was dem trägen Zustande unsrer Seele gemäß ist, und unsern natürlichen Lüsten eben so schmeichelt, als der Schlaf. Ein Mensch folglich, welcher ein Sklave dieser Trägheit ist, behält eben dieselbe Eigenschaft, auch wenn er auf ist; und ob er gleich nicht schläft, so fühlt
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er doch die Wirkungen des Schlafs, indem ihm alles, was faul, verdrossen und sinn lich ist, aus eben dem Grunde gefällt, warum ihm der Schlaf gefällt, und Gegentheils ihm alles, was Sorgfalt, Arbeit und Selbst verleugnung erfordert, aus eben dem Grun de zuwider ist, warum ihm das frühe Auf stehen zuwider ist. Wer in dieser Behäg lichkeit des Schlafs eine Glückseligkeit fin det, der wird gern alle Tage auf diese Art glücklich seyn wollen; und ob gleich nicht durch Hülfe des Schlafs selbst, wenigstens durch solche Ergötzungen, die dem Körper auf eben die Art schmeicheln, als der Schlaf, oder ihm doch so nahe kommen, als möglich. Die Erinnerung eines warmen Bettes kömmt ihm nie aus den Gedanken, und es ist ihm lieb, wenn er sich in der Kirche nicht hungrig sitzen darf. Nun wird man sich wohl nicht einbilden, daß ein solcher Mensch seinen Körper, dem er so güt lich thut, kasteyen könne; aber man hat eben so viel Recht, sich dieses einzubilden, als daß er sei ne Andacht gehörig verrichten, und in einem solchen sinnlosen Stande der Trägheit leben, und dem ohngeachtet die Freuden eines geistlichen Lebens empfinden könne. Denn es wird sicherlich niemand behaupten wollen, daß er die wahre Glückseligkeit des Ge bets kenne und fühle, der es nicht für werth hält, sich früh dazu aufzumachen.
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Es ist natürlicher Weise unmöglich, daß ein Schlemmer wirklich andächtig seyn kann; er muß erst allen seinen sinnlichen Lüsten absagen, ehe er die Glückseligkeit der Andacht schmecken kann. Wer aber den Schlaf in eine träge Wollust verkehret, der verdirbt und verwirret seine See le, die er zu einer Sklavinn der körperlichen Be gierden, und zu allen andächtigen und himmli schen Gesinnungen unfähig macht, eben sowohl als der, welcher die Bedürfniß des Essens zu ei ner Gelegenheit macht, sich beständig gütlich zu thun. Ein Mensch, welcher zu viel ißt und trinkt, empfindet zwar freylich keine solche Wirkungen davon, als die, welche in offenbar grober Schlemmerey und Unmäßigkeit leben; allein dieser Hang, sich beständig gütlich zu thun, ob er schon in den Augen der Welt nicht ärgerlich ist, noch sein Gewissen foltert, ist doch eine beständige Hinderniß, daß er in der Tugend nicht zunehmen kann; er macht seine Augen zu Au gen, welche nicht sehen, und seine Ohren zu Ohren, welche nicht hören; er erschafft in der Seele eine Neigung zur Sinnlichkeit, stärkt die Gewalt der Leidenschaften, und macht sie unfähig, in den wahren Geist der Religion ein zudringen. In eben diesem Falle nun befinden sich die, welche ihre Zeit mit Schlafen verbringen; ihr Leben wird zwar dadurch nicht so verwirrt,
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auch ihr Gewissen nicht so verwundet, als durch die groben Sünden der Unmäßigkeit; aber es vertilget doch eben sowohl, als iede an dre gemäßigte Wollust, ganz in der Stille, und nach und nach, den Geist der Religion, und ver senkt die Seele in einen Stand der Trägheit und Sinnlichkeit. Wenn ihr die Andacht blos als das auf ge wisse Stunden festgesetzte Gebet betrachtet, so könnt ihr sie vielleicht abwarten, ob ihr gleich euren Körper täglich pflegt. Wenn ihr sie aber als einen Stand des Herzens, als eine feuri ge Inbrunst der Seele betrachtet, die von dem Gefühl ihres Elends und Unvermögens tief durchdrungen ist, und nach dem Geiste Gottes mehr, als nach irgend etwas in der Welt, ver langt: so werdet ihr finden, daß der Geist der körperlichen Pflege, und der Geist der Andacht unmöglich bey einander bestehen können. Die Selbstverleugnung, nach allen ihren Arten, ist das wahre Leben und die Seele der Frömmig keit; wer sie aber nun in einem so geringen Maaße besitzt, daß er nicht einmal zu seinem Gebete früh aufzustehn vermögend ist, der kann unmöglich von sich denken, daß er sein Kreutz auf sich genommen habe, und Christo nachge folgt sey. Welchen Sieg hat der über sich selbst ge wonnen? Welche rechte Hand hat sich der abge hauen? Zu was für Prüfungen ist der vorberei tet? Was für ein Opfer kann der GOtt zu brin
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gen bereit seyn, der nicht einmal so grausam ge gen sich seyn kann, daß er so früh zum Gebet auf stünde, als der geschäftige Theil der Welt zu sei ner Arbeit aufzustehen pflegt. Es giebt Leute, die euch ohne Bedenken sa gen werden, sie schliefen deswegen so lange, weil sie nichts zu thun hätten; und daß, wenn sie zu einem Geschäfte oder zn einem Vergnügen aufstehen müßten, sie nicht so viel Zeit mit Schlafen verlieren würden. Aber solchen Leu ten muß man antworten, daß sie sich gewaltig irren, und daß sie sehr viel zu thun haben; sie haben ein verstocktes Herz zu bessern; sie ha ben sich den ganzen Geist der Religion eigen zu machen. Denn von dem, welcher Geschäf te und Vergnügen für wichtiger hält, als die Andacht, und nichts zu thun zu haben glaubt, weil nichts als das Gebet auf ihn wartet, kann man mit Recht sagen, daß er noch den ganzen Geist der Religion zu suchen habe. Ihr müßt also nicht in Betrachtung ziehen, was für ein geringes Verbrechen es sey, spät aufzustehen, sondern ihr müßt erwegen, was für ein großes Elend es sey, den Geist der Re ligion nicht zu haben; ein Herz zu haben, das gegen die Vortheile des Gebets unempfindlich ist, und in solcher Weichlichkeit und Trägheit zu leben, die uns zu den meisten wesentlichen Pflich ten eines wahren christlichen und geistlichen Le bens ungeschickt machen.
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Dieses ist die einzige Art, von der Sünde, ei nen großen Theil seiner Zeit im Bette zu ver bringen, gehörig zu urtheilen. Ihr müßt die Dinge nicht blos an und für sich selbst betrachten, sondern ihr müßt auch be trachten, was daraus erfolgt; welche Tugenden sie in euch unterdrücken, und welche Laster sie stärken. Denn iede üble Gewohnheit von die ser Art, entdeckt den Zustand der Seele, und verräth unsre ganze Gemüthsbeschaffenheit auf das deutlichste. Wenn unser Heiland des Morgens früh zu beten gewohnt war, wenn er ganze Nächte im Gebet zubrachte; wenn die andächtige Hanna Tag und Nacht im Tempel blieb; wenn Pau lus und Silas zu Mitternacht GOtt preiseten; wenn die ersten Christen verschiedne Jahrhun derte hindurch, außer den Betstunden des Tages, auch zu Mitternacht öffentlich in dem Tempel zusammen kamen, um Psalmen und Lobgesänge zu singen: ist es nicht offenbar, daß diese Uebungen und Gewohnheiten von dem Zustan de ihrer Herzen zeugten? Waren es nicht deutli che Beweise von ihrer ganzen Gemüthsver fassung? Und wenn ihr auf eine entgegengesetzte Art lebt, wenn ihr einen großen Theil des Tags ver schlaft, wenn ihr es noch immer für zeitig genug haltet, euer Gebet zu verrichten; ist es nicht eben so offenbar, daß dieser Wandel auf gleiche Weise den Zustand eures Herzens, und die gan ze Verfassung eures Gemüths verräth?
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Wenn daher euer Lebenswandel auf dieser Pflege des Körpers beruhet, so habt ihr eben so viel Grund zu glauben, daß ihr den wahren Geist der Andacht nicht besitzet, als ihr Grund zu glauben habt, daß die Apostel und Heilige der ersten Kirche wirklich andächtige Personen gewesen. Denn so wie ihr Lebenswandel ein Beweis ihrer Andacht war, so ist ein entgegen gesetzter Lebenswandel ein eben so starker Beweis von dem Mangel der Andacht. Wenn ihr die heil. Schrift leset, so findet ihr eine Religion darinn, die ganz Leben, und Geist und Freude in GOtt ist, und vor allen Dingen verlangt, daß sich unsre Seelen über die irrdischen Begierden erheben, und sich zu ei nem andern Körper, zu einer andern Welt, und zu andern Vergnügen vorbereiten sollen. Ihr findet die Christen darinn als Tempel des heil. Geistes vorgestellt, als Kinder des Lichts, als Anwartschafter auf eine ewige Krone, als wach same Jungfrauen, die ihre Lampen beständig bereit halten, und auf die Ankunft des Bräuti gams warten. Kann man aber von dem ver muthen, daß er diese Freude in GOtt, diese Sorge für die Ewigkeit, diesen wachsamen Geist habe, der nicht einmal Inbrunst genug hat, zu seinem Gebete früh aufzustehen? Wenn ihr euren Blick auf die Schriften und das Leben der ersten Christen wendet, so findet ihr in beyden eben den Geist, den ihr in der heil. Schrift findet. Alles ist Wirklichkeit, Leben
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und Thätigkeit. Wachen und Beten, Selbst verleugnung und Kreutzigung, war das gemei ne Geschäfte ihrer Lebenswandel. Und alle und iede, die sich, von jener Zeit an bis auf gegenwärtige, gleich ihnen, in der Fröm migkeit hervorgethan haben, sind auch gleich ih nen Muster der Selbstverleugnung und Kreutzi gung gewesen. Dieses ist der einzige Weg, welcher zu diesem Königreiche einführet. Wie weit aber seyd ihr von diesem Wege des Lebens entfernt; oder vielmehr, was für einen entgegengesetzten Weg betretet ihr, wenn ihr, anstatt ihre Strenge und Selbstverleuguung nachzuahmen, nicht einmal fähig seyd, einer so elenden Lust zu entsagen, und zu eurem Gebete früh aufzustehen! Wenn Selbstverleugnungen und körperliche Leiden, wenn Wachen und Fa sten, an dem Tage des Gerichts, unsre Ansprüche auf die ewige Herrlichkeit seyn sollen, wohin werden wir unsre Angesichter verbergen können, daß wir unsre Zeit in Faulheit und Weichlich keit verschlummert haben? Vielleicht besinnet ihr euch auf einen Vor wand, warum ihr diese Strenge des Fastens und der Selbstverleugnung, die bey den ersten Christen in Uebung war, nicht nachahmen könnt. Vielleicht bildet ihr euch ein, die mensch liche Natur sey schwächer geworden, und der Unterschied der Himmelsgegenden mache es für euch zur Unmöglichkeit, in diesen kältern Ländern eine gleiche Selbstverleugnung und Strenge zu beobachten.
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Doch das ist nichts als ein Vorwand; denn die Veränderung ist nicht in der äußern Beschaf fenheit der Dinge, sondern in der innern Be schaffenheit unsrer Herzen. Wenn eben der Geist in uns wäre, welcher in den Aposteln und ersten Christen war, wenn wir die Wichtigkeit der Religion eben so empfänden, als sie von ih nen empfunden ward, wenn wir eben den Glau ben, eben die Hoffnung hätten, so würden wir unser Kreutz auf uns nehmen, und uns selbst verleugnen, und ein eben so strenges und exem plarisches Leben führen, als sie führten. Hätte der heil. Paulus in einem kältern Lan de gelebt, hätte er einen schwachen Magen gehabt, und wäre öfftern Unbäßlichkeiten unter worffen gewesen, so würde er dem Rathe, den er selbst dem Timotheus gab, gefolgt und ein wenig Wein unter sein Wasser gemischt haben. Dem ohngeachtet aber würde er doch bestän dig in dem Stande der Selbstverleugnung und Kreutzigung geblieben seyn. Er würde noch immer von sich haben sagen können: ich lauffe, aber also, nicht als aufs Ungewisse. Ich fechte also, nicht als der in die Luft strei chet. Sondern ich betäube meinen Leib, und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde. Doch laßt uns endlich einmal annehmen, es sen<sey>, wie ihr euch einbildet, eben nicht nöthig, daß ihr eben so nüchtern und wachsam, eben so bekümmert um euch selbst, eben so streng in Re
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gierung eurer Leidenschaften, eben so behutsam gegen alle Gefahr, eben so unermüdet nach eu rer Seeligkeit wäret, als die Apostel gewesen sind. Laßt uns annehmen, ihr brauchtet weni ger Selbstverleugnung und Kreutzigung, euren Leib zu zähmen, und eure Seelen zu reinigen, als sie gebraucht haben; laßt uns annehmen, ihr dürftet eure Lenden nicht, wie sie, umgürtet, noch eure Lampen, wie sie, brennend und geschmückt halten: wollt ihr deswegen einen ganz entgegen gesetzten Lebenswandel führen? Wollt ihr des wegen euer Leben zu einem Leben der Weichlich keit und Trägheit machen, so wie ihr Leben ein Leben der Strenge und Selbstverleugnung war? Wenn ihr also schon Zeit genug zu haben glaubt, euer Gebet und andre Pflichten zu ver richten, ob ihr gleich spät aufsteht; so laßt euch wenigstens das Frühaufstehen, als einen Be weis der Selbstverleugnung empfohlen seyn. Es ist aber ein so geringer Beweis derselben, daß man ganz sicher keinen einzigen andern von euch erwarten darf, wenn ihr euch nicht einmal zu diesem aufgelegt findet. Wenn ich von euch verlangte, daß ihr der Leckerhaftigkeit eures Geschmacks, im Essen und Trinken, nicht nachhängen solltet, so würde ich mich nicht sehr dabey aufhalten, was für ein Verbrechen es sey, euer Geld auf solche Art zu verthun, ob es gleich ein sehr großes ist: son dern ich würde blos verlangen, daß ihr diesem Wege des Lebens deswegen entsagen solltet, weil
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ihr dadurch in der Sinnlichkeit und Lüsternheit bestärkt würdet, die euch unfähig machen, an den wesentlichsten Lehren der Religion einen Ge schmack zu finden. Aus gleicher Ursache will ich mich nicht viel dabey aufhalten, was für ein Verbrechen sey, so viel Zeit mit Schlafen zu verderben, ob es gleich ein sehr großes ist; sondern ich will, daß ihr blos deswegen dieser armseligen Lust entsagen sollt, weil sie die Seele weichlich und träge macht, und dem lebendigen, brünstigen und wachsamen Geiste der Selbstverleugnung so sehr zuwider ist, welcher nicht allein der Geist Christi und seiner Apostel, nicht allein der Geist der Heiligen und Märtyrer war, die iemals un ter den Menschen gewesen sind, sondern auch der Geist aller derer seyn muß, die sich von dem all gemeinen Verderben der Welt nicht wollen an stecken lassen. Von dieser Seite also müssen wir diese Ge wohnheit angreiffen; wir müssen sie nicht des wegen, weil sie dieses oder jenes Uebel nach sich zieht, verdammen, sondern wir müssen sie als ei ne allgemeine Angewohnheit verdammen, die sich durch unsre ganze Seele verbreitet, und uns in einer durchaus verwerflichen Gemüths verfassung bestärkt. Sie ist der Frömmigkeit entgegen; und zwar nicht so, wie ihr zufällige Vergehungen in dem Leben zuwider sind, sondern so, wie eine üble Lei besbeschaffenheit der Gesundheit entgegen ist.
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Wenn ihr Gegentheils des Morgens früh zum Gebete aufsteht, und dieses zu einem Be weise eurer Selbstverleugnung, zu einer Art von Entsagung der Wollust, zu einem Mittel, die verlohrne Zeit einzubringen, und euren Geist an himmlische Dinge zu gewöhnen, macht; so wer det ihr finden, daß sehr große Vortheile daraus entspringen. Denn ob es gleich nur ein gerin ger Umstand des Lebens zu seyn scheint, so wird es doch, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Mit tel zu einer großen Frömmigkeit werden; indem ihr dadurch die Wahrheit, daß Weichlichkeit und Trägheit zu fliehen sind, und Selbstverleug nung ein Stück des Christenthums ist, bestän dig vor Augen behaltet, und zugleich angewöhnt werdet, über euch selbst zu herrschen, und nach und nach auch andern Vergnügen und Neigun gen, welche mit der Seele streiten, zu entsagen. Diese einzige Regel wird machen, daß ihr auch an andre denkt; sie wird eure Seele die Genauigkeit lieben lehren, so daß sie, auch die übrige Zeit des Tages den Regeln der Klugheit und Andacht zu unterwerfen, Verlangen tra gen wird. Vor allen aber wird euch ganz gewiß dieser Vortheil daraus zufließen, daß ihr dadurch ge schickt gemacht und vorbereitet werdet, den hei ligen Geist zu empfangen. Wenn ihr in dem Geiste der Religion den Tag also anfangt, und dem Schlaffe entsagt, weil ihr der Weichlichkeit entsagen, und mit eurer Zeit sparsam seyn sollt:
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so wird diese Verfassung euer Herz in einen gu ten Stand setzen und euch den Beystand des Heil. Geistes verschaffen; denn was so gepflan zet und begossen worden, dazu wird GOtt ganz gewiß sein Gedeyen geben. Ihr werdet alsdenn aus eurem Herzen reden, eure Seele wird munter und wacker seyn, das Gebet wird euch, gleich Speise und Trank, stärken, ihr wer det, was ihr saget, fühlen, und das zu begreifen anfangen, was die Frommen und Heiligen unter der Inbrunst der Andacht verstanden haben. Wer sich durch das Gebet so vorbereitet, wer in solcher Gemüthsverfassung aufsteht, der be findet sich in einem ganz andern Stande, als der, welcher keine Regeln von dieser Art hat, sondern aufsteht, so wie es sich trift, und er das Bette entweder überdrüßig ist, oder nicht länger schla fen kann. Wenn ein solcher blos mit dem Mun de betet, wenn sein Herz nichts von dem, was er saget, fühlet, wenn sein Gebet blos aus Ge wohnheit geschieht, und nichts als eine kaltsinni ge Formel von Worten ist, die er blos deswegen wiederhohlt, weil er bald damit fertig ist: so darf man sich ganz und gar nicht darüber ver wundern; denn eine solche Gemüthsverfassung fließt ganz natürlicher Weise aus einer solchen Lebensart. Da ich nunmehr hoffe, daß ihr von der Noth wendigkeit, des Morgens früh zu eurem Gebete aufzustehen, hinlänglich überzeugt seyn werdet, so will ich weiter gehn und euch die Methode
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vorlegen, nach welcher ihr euer tägliches Gebet am besten einrichten könnt. Ich will es nicht wagen, euch den Gebrauch gewisser besondern Gebetformeln vorzu schreiben, sondern ich will euch blos von der Nothwendigkeit überzeugen, zu dieser und iener Stunde, auf diese oder iene Art zu beten. Ihr werdet hier einige Anleitung finden, wie ihr euch selbst solche Formeln des Gebets ma chen könnt, als sich für euch schicken. Und wenn ihr es in dem Geiste der Andacht so weit gebracht habt, daß euer Herz beständig bereit ist, in seiner eignen Sprache zu beten, so will ich in diesem Falle auf die Nothwendigkeit entlehnter Formeln nicht dringen. Denn ob ich gleich, bey dem öffentlichen Gottesdienste, eine gewisse Formel des Gebets für sehr nothwendig und nützlich halte, so ha be ich doch nichts darwider einzuwenden, wenn iemand eine bessere Art, sein Herz ins geheim zu GOtt zu erheben, ausfündig machen kann, als durch vorbereitete Formeln des Gebets. Mei ne Absicht geht blos dahin, denjenigen hierinn Anweisung zu geben, welche der Anweisung bedürfen. So viel, glaub ich, ist gewiß, daß die christli che Gemeine, zu den bestimmten Zeiten des Ge bets, gewisse Gebetformeln haben muß. Auch scheinet es recht gethan zu seyn, wenn ieder mit einer Gebetformel anfängt; und findet er, daß mitten unter der Andacht, sein Herz die Kräfte gewinnt,
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in neuere und höhere Töne der Andacht auszu brechen, so kann er seine Gebetformel auf einige Zeit verlassen, und dieser Inbrunst seines Her zens folgen, bis er abermals des Beystandes sei ner gewohnlichen Gebete bedarf. Dieses scheint die wahre Freyheit der pri vat Andacht zu seyn; sie soll zwar unter der Anleitung einer gewissen Gebetformel stehen, aber sie muß doch nicht so daran gebunden seyn, daß es ihr nicht frey stehen sollte, neue Ausdrü cke zu brauchen, die ihr von der Inbrunst des Herzens angebothen werden, und oftmals weit rührender und weit vermögender sind, die Seele zu GOtt zu führen, als irgend andre Ausdrücke, deren man sich ehedem bedienet. Wer nur einiger Maaßen darauf Achtung gegeben hat, was in seinem Herzen vorgeht, wird wissen, daß es, in Ansehung der Andacht, sehr veränderlich ist. Manchmal sind unsre Herzen so munter, und fühlen den Schauer der göttlichen Gegenwart so lebhaft, und sind von der Reue über unsre Sünden so durchdrun gen, daß wir uns in keiner andern Sprache, als in der Sprache der Thränen ausdrücken können. Manchmal scheinet das Licht des göttlichen Antlitzes so glänzend auf uns, manchmal sehen wir in die unsichtbare Welt so tief hinein, und werden von den Wundern der göttlichen Liebe und Gnade so sehr gerühret, daß unsre Herzen in einer Sprache anbeten, die weit höher, als
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die Sprache der Worte ist, und wir solche Ent zückungen der Andacht fühlen, die blos gefühlt werden können. Manchmal aber sind wir in unsre Körper so versunken, und gegen das, was unsre Seelen angeht, so kaltsinnig und unempfindlich, daß unsre Gebete für unsre Herzen viel zu erha ben sind; wir können den Formeln unsrer An dacht nicht nachfolgen, und fühlen in unserm Herzen kaum die Helfte von dem, was wir mit unserm Munde bekennen; wir danken und prei sen GOtt mit abgefaßten Worten, aber unser Herz hat wenig Antheil daran. Es ist daher sehr nöthig, daß wir gegen die se Unbeständigkeit unsrer Herzen auf unsrer Hut sind, und beständig solche Gebetfor meln bey der Hand haben, die den meisten Eindruck auf unser Herz gemacht haben, wenn es sich in seiner guten Verfassung befunden, und es also auch am sichersten ermuntern kön nen, wenn es in einen Stand der Unempfind lichkeit versunken ist. Denn da Worte die Kraft haben, unsre Herzen bey aller Gele genheit zu rühren, da einerley Sache, verschie den ausgedrückt, auch einen verschiednen Ein druck auf unsre Gemüther macht, so ist es ver nünftig, daß wir uns dieses Vortheils der Spra che bedienen, und beständig solche Formeln von Ausdrücken in Bereitschaft haben, die unsre See len am gewissesten bewegen und ermuntern, und sie mit den gehörigen Gesinnungen erfüllen.
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Das erste, was ihr thun müßt, wenn ihr auf euren Knien liegt, ist dieses, daß ihr die Au gen zuschließt, und mit einem kurzen Still schweigen eure Seele vor das Antlitz Gottes stellet. Dieses, sag ich, müßt ihr thun, wenn ihr anders keine besser Methode wißt, euch aller gemeinen Gedanken zu entschlagen, und euer Herz gegen die göttliche Allgegenwart so em pfindlich zu machen, als möglich. Wenn nun aber diese Zusammenfassung des Geistes nothwendig ist, und wer darf behaupten, daß sie es nicht sey? wie armselig müssen die ihre Andacht verrichten, die in einer beständigen Eilfertigkeit sind, die ihr Gebet plötzlich an fangen, und sich kaum die Zeit verstatten, es mit der gehörigen Ernsthaftigkeit und Aufmerk samkeit herzusagen? Das heißt Gebete plau dern, und nicht beten. Ferner; wenn ihr euch, so weit es sich thun läßt, gewöhnet, beständig an eben demselben Orte zu beten; wenn ihr diesen Ort der Andacht widmet, und euch nicht erlaubt, etwas gemeines an demselben zu verrichten; wenn ihr euch nie an demselben einfindet, als zu der Zeit, da ihr eure Andacht haben wollt; wenn ihr ein kleines Zimmer, oder wenn dieses nicht seyn kann, nur einen besondern Theil eines Zimmers, auf diese Art von dem gemeinen Gebrauche absondert: so wird diese Art von Heiligung, dieser GOtt ge weihte Ort, einen Eindruck auf euer Gemüth machen, und Empfindungen in euch erwecken,
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die eurer Andacht sehr zu statten kommen werden. Denn wenn ihr einen auf diese Art geweihten Ort in eurem Zimmer habt, so wird es gewisser Maaßen einer Capelle, oder einem Gotteshau se gleichen; und ihr werdet dadurch angehalten werden, beständig in dem Geiste der Religion zu wandeln, wenn ihr euch in demselben befindet, und es wird euch nie an weisen und heiligen Gedanken fehlen, wenn ihr allein darinn seyd. Euer Zimmer wird Empfindungen in euch er wecken, wie ihr habt, wenn ihr nahe an einem Altare steht; und ihr werdet euch sorgfältig in Acht nehmen, in der Nähe dieses Orts, welches der Ort der Andacht und der heiligen Gemein schaft mit GOtt ist, irgend etwas thörichtes zu denken oder zu thun. Wenn ihr euer Gebet anfangt, so braucht viele und verschiedne Ausdrücke von den Eigen schaften Gottes, die euch die Größe und Macht des göttlichen Wesens so fühlbar, als möglich, machen können. Fanget derohalben ohngefehr mit solchen Worten an: O Wesen aller Wesen, Brun quell alles Lichts und aller Herrlichkeit, gütiger Vater der Engel und Menschen, dessen Geist überall gegenwärtig ist, und allen Engeln im Himmel und allen Ge schöpfen auf Erden, Leben, Licht und Freude giebt et cetera Denn diese Borstellungen<Vorstellungen> der göttlichen Ei genschaften, die uns einiger Maaßen die Ma
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jestät und Größe Gottes zeigen, sind ein vor trefliches Mittel, unsre Herzen zu der lebhafte sten Anbetung und Verehrung zu erheben. Woher kömmt es, daß die meisten Menschen von unserm gewöhnlichen Kirchengebete bey Be gräbnissen so sehr gerührt werden: O heiliger Herr und GOtt, o mächtiger Herr, o hei liger gnädiger Erlöser, übergieb uns nicht den Quaalen des ewigen Todes? Es kömmt daher, weil so viele große Aus drücke mit einander verbunden werden, die uns eine so lebhafte Beschreibung von der Größe der göttlichen Majestät machen, daß natürlicher Weise iedes empfindliche Gemüth dadurch ge rührt werden muß. Ob nun gleich das Gebet nicht in feinen Worten und gesuchten Ausdrücken be steht; so sind doch, wie die Worte überhaupt eine gewisse Gewalt haben, in unsrer Seele Ge danken zu erwecken, also auch diese Woree<Worte>, wel che von GOtt auf die erhabenste Art reden, wel che die Macht und Allgegenwart Gottes auf das vollständigste ausdrücken, und Gedanken in uns erregen, die sich zu der Größe und Vorse hung Gottes am besten schicken, die nützlichsten und erbaulichsten Worte in unsern Gebeten. Wenn ihr eines von euren Gebeten an unsern Heiland richtet, so lasset es ohngefehr in solchen Ausdrücken abgefaßt seyn: O Heiland der Welt, GOtt von GOtt, Licht von Licht; du Glanz der Herrlichkeit deines Vaters,
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du vollkommenstes Ebenbild seiner Per son; du A und O, du Anfang und Ende aller Dinge; du, der du die Macht des Satans zerstöret, und den Tod überwun den hast; du, der du in das Allerheiligste eingegangen; der du zur Rechten des Vaters, weit über alle Throne und Für stenthümer erhaben, sitzest, und der Vor sprecher der ganzen Welt bist; du Rich ter über Leben und Tod, der du plötzlich in der Herrlichkeit deines Vaters herab kommen und allen Menschen den Lohn ihrer Werke geben wirst, sey du mein Licht und mein Friede et cetera Denn dergleichen Ausdrücke, welche so vie lerley Eigenschaften des Wesens und der Macht unsers Heilandes, beschreiben, sind nicht allein eigentliche Stücke der Anbetung, sondern er füllen auch unsre Herzen, wenn sie mit einiger Aufmerksamkeit wiederholet werden, mit der größten Inbrunst der wahren Andacht. Ferner, wenn ihr irgend eine besondre Gnade von unserm Heiland bittet, so geschehe es ohn gefehr auf folgende Art: O heiliger Jesus, Sohn des hochge lobten Gottes, der du für die Sünden der Welt gebunden, und gegeisselt, und an das Kreutz genagelt worden, laß mich mit dir gekreutziget seyn, und erfülle mei ne Seele mit deinem heiligen, demüthi gen und geduldigem Geiste. O du
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Brunnquell aller Gnaden, der du dich des Schächers am Kreutze erbarmtest, erlöse mich von der Schuld eines sündi gen Lebens; der du sieben Teufel von der Maria Magdalena austriebest, trei be alle böse Gedanken, alle schlimme Neigungen aus meinem Herzen. O Ge ber des Lebens, der du den Lazarus vom Tode erwecktest, erwecke meine Seele von dem Tode und der Finsterniß der Sünde. Du, der du den Aposteln die Gewalt über unreine Geister gabest, gieb mir Gewalt über mein Herz. Du, der du unter deinen Schülern erschienest, als die Thüren verschlossen waren, erscheine du mir in dem verborgnen Innersten meines Herzens. Du, der du den Aussatz heil test, die Kranken gesund machtest und den Blinden das Gesicht wieder schenk test, reinige mein Herz, heile die Gebre chen meiner Seele, und erfülle mich mit himmlischem Lichte. Dergleichen Anruffungen nun haben einen doppelten Nutzen. Erstlich sind sie statt so vie ler Beweise, daß wir die Wunder Christi glau ben, und werden dadurch zu eigentlichen Stücken der Anbetung und Verehrung. Zweytens stärken und vermehren sie den Glauben unsrer Gebete, indem sie uns so man che Proben von der Macht und Güte, die wir zu unserm Beystande anruffen, vor Augen legen.
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Denn wer Christum als einen, welcher Teufel ausgetrieben und Todte erweckt hat, anruft, der hat einen kräftigen Bewegungs grund, ernstlich zu beten, und auf seinen Bey stand gläubig zu hoffen. Um ferner unsre Gebete mit den vortreflich sten Ausdrücken der Andacht anzufüllen, wird es gut seyn, folgende Regel zu beobachten: So oft ihr bey Lesung der heiligen Schrift oder eines andern geistlichen Buchs, eine Stelle antrefft, die euer Gemüth mehr als ge wöhnlich rühret, und eure Herzen aufs neue zu GOtt ziehet, so versucht diese Stelle in eine Ge betformel zu verwandeln, und merkt sie unter euren andern Gebeten an. Auf diese Weise werdet ihr eure Gebeter öfters vermehren können, und euch einen Vorrath von den besten Formularen sammeln, das Verlan gen eurer Herzen GOtt zu erkennen zu geben. In allen festgesetzten Stunden des Ge bets wird es sehr nützlich seyn, wenn ein Theil eurer Andacht bestimmt, und ein Theil frey gelassen ist. Ein Theil derselben soll bestimmt seyn; nehmlich der Hauptinhalt eures Gebets zu die ser oder iener festgesetzten Zeit. Uebrigens aber kann es euch frey stehen, noch andre Gebete hinzuzuthun, nachdem es die Beschaffenheit eu rer Umstände erfordert. Zum Exempel: da der Morgen gleichsam der Anfang eines neuen Lebens ist; da euch
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GOtt zu der Zeit gleichsam aufs neue in die Welt treten läßt, so schickt es sich sehr wohl, daß eure erste Andacht ein Lob und eine Dank sagung Gottes, gleich als für eine neue Erschaf fung ist, und ihr ihm Seel und Leib, alles was ihr seyd, und alles was ihr habt, zu sei nem Dienst und zu seiner Ehre darbringet, und widmet. Betrachtet also ieden Tag als eine Auferste hung vom Tode, als einen neuen Genuß des Lebens; erblicket iede aufgehende Sonne mit solchen Empfindungen der Güte Gottes, als ob sie und alle Dinge, aufs neue für euch erschaf fen wären, und unter dem freudigen Gefühl ei nes so großen Segens, laßt euer Herz einen so gütigen und herrlichen GOtt loben und preisen. Lob und Danksagung also, wobey ihr euch selbst GOtt zu einem Opfer darbringt, laßt be ständig den bestimmten und festgesetzten Inhalt eures ersten Morgengebets seyn; und alsdenn bedienet euch der Freyheit, verschiedne andre Ge bete hinzuzuthun, die nach der zufälligen Ver schiedenheit eurer Umstände, und der zufälligen Verschiedenheit eurer Herzen, vor iedesmal die nöthigsten und nützlichsten sind. Denn einer von den größten Vortheilen der privat Andacht, besteht darinn, daß wir unser Gebet nach diesen zwey Stücken gehörig und genau einrichten können, nehmlich nach der Ver schiedenheit unsrer Umstände, und der Verschie denheit unsrer Herzen.
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Unter der Verschiedenheit unsrer Umstände wird die Verschiedenheit unsers äußerlichen Standes verstanden; als da sind Krankheit, Gesundheit, Schmerzen, Verlust, Unru hen, besondre göttliche Gnadenbezeigun gen, oder besondre Gerichte Gottes; desgleichen alle Arten der Wohlgewogen heit, der Beleidigungen oder Vorwürfe von andern. Da nun diese Dinge wichtige Stücke unsrer Lebensumstände sind, die beständig, mit ihnen zu gleich, abwechseln; so kann unsre Andacht dop pelt nützlich für uns werden, wenn sie alle Ab wechselungen unsrer Umstände in Acht nimmt, und sie zu so viel verschiednen Gelegenheiten, sich näher zu GOtt zu wenden, macht; zu Danksa gungen, zu Ergebungen in den Willen GOttes, zu Bitten, oder was sonst der besondern Verfas sung, in welcher wir uns befinden, gemäß ist. Und der, welcher iede Veränderung seiner Umstände zu einem Anlasse macht, sich mit be sondern, nach dieser Veränderung eingerichteten Bitten, an GOtt zu wenden, wird bald finden, daß er ein vortrefliches Mittel erwählt habe, nicht allein mit Inbrunst zu beten, sondern auch so zu leben, wie er betet. Das zweyte Stück, worauf wir bey Abfas sung unsrer Gebete zu sehen haben, ist die Ver schiedenheit unsrer Herzen, worunter die ver schiedne Beschaffenheit der Neigungen und Ge sinnungen unsrer Herzen verstanden wird; als
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da sind, Liebe, Freude, Friede, Gemüths ruhe, Traurigkeit des Geistes, Angst, Mißvergnügen, aufsteigende Bewegungen des Neides und des Ehrgeitzes, finstre und verzweifelnde Gedanken, Groll, Zorn und Murren. Da nun diese Neigungen und Eigenschaften, wegen der Schwachheit unsrer Natur, auch in den frömmsten Gemüthern, mehr oder weniger mit einander abwechseln: so müssen wir bestän dig den gegenwärtigen Zustand unsers Her zens zu einem Anlasse, uns deswegen insbeson dre an GOtt zu wenden, machen. Wenn wir uns in der angenehmen Stille lieblicher und ruhiger Leidenschaften, der Liebe und Freude in GOtt, befinden, so müssen wir GOtt für den Besitz so vieler Glückseligkeit, den erkenntlichen Zoll der Danksagung darbringen, und ihn für den gütigen Geber derselben dank barlich erkennen. Fühlen wir uns Gegentheils unter der Last verdrüßlicher Leidenschaften, mit Traurig keit des Geistes, mit Angst und Misvergnü gen erfüllet, so müssen wir uns vor GOtt de müehigen, unsre Unwürdigkeit bekennen, unsre Unruhe vor ihm ausschütten, ihn bitten, daß er zu seiner Zeit die Last unsrer Schwachheiten verringern, und uns von den Leidenschaften be freyen wolle, die der Reinigkeit und Vollkom menheit unsrer Seele zuwider sind. Vermittelst dieser Aufmerksamkeit nun auf die gegenwärtige Beschaffenheit unsers Herzens,
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und der darnach getroffenen Abfassung unsrer Gebete, werden wir nicht allein mit den Män geln unsrer Seele gehörig bekannt, sondern auch in der Art und Weise, ihnen abzuhelfen, wohl geübet werden. Durch diese kluge und weise Anwendung un srer Gebete, wird uns keiner von den Vorthei len entgehen, die sie uns verschaffen können; und die größte Veränderlichkeit unsrer Herzen, wird zu einem Mittel werden, eine größre Mannigfaltigkeit heiliger Neigungen wirksam zu machen. Aus alle dem nun, was bisher gesagt worden, wird man leicht einsehen, daß die, welche die großen Vortheile der Andacht genießen wollen, auf die eigne Abfassung ihrer Gebete viel Sorg falt zu wenden haben. Was denjenigen Theil ihrer Gebete anbe langt, welcher beständig von einerley Inhalt seyn soll, so können sie sich dabey der Hülfe von andern abgefaßter Gebetformeln, bedienen; in demjenigen Theile ihrer Gebete aber, welchen sie beständig nach den gegenwärtigen Umständen ihres Lebens, nach der gegenwärtigen Beschaf fenheit ihres Herzens einrichten sollen, müssen sie ihre eignen Empfindungen zu Hülfe nehmen, und solche Bitten, Danksagungen und Er gebungen in den Willen Gottes, darnach ab fassen, als ihr gegenwärtiger Zustand insbeson dre erfordert. Selig sind die, die sich hieraus ein ernstliches Geschäfte machen!
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Wenn nun also diejenigen beyderley Ge schlechts, welche Zeit und Muße haben, und oft aus Verlegenheit, wie sie ihre Zeit anwenden sollen, zu armseligen Ergötzlichkeiten, zu müßi gen Besuchen, zu lächerlichen Zeitvertreiben ge zwungen werden, um die langweiligen Stunden, die ihnen schwer über dem Haupte hängen, los zu werden; wenn solche Leute, sag ich, eine ge wisse Zeit zur Andacht aussetzten und allen Hülfsmitteln, zur Frömmigkeit des Geistes zu gelangen, nachforschten; wenn sie die besten Ge betformeln sammelten, und die stärksten Stellen aus den Gebeten in der heil. Schrift zusammen trügen; wenn sie die Seufzer, die Bitten, die Danksagungen, die Bekenntnisse, welche hier und da in den Pfalmen<Psalmen> zerstreuet sind, zusam men schrieben, und sie unter gehörige Abtheilun gen brächten, um die Flammen ihrer Andacht dadurch zu unterhalten; wenn ihre Gedanken öfters damit beschäftiget würden, wenn sie bald darüber nachdächten, bald sie auswendig lern ten, und sie sich eben so geläufig machten, als ihre eignen Gedanken: wie inbrünstig würden sie beten, wenn sie mit solchen Vorbereitungen zum Gebet kämen! Und wie viel besser würde es seyn, die müßi ge Zeit so anzuwenden, als mit den armseli gen Zeitverkürzungen des Spiels und der Be suche sein Leben zu verschleudern. Wie viel besser würde es seyn, die Lobgesänge und Lieder der Heiligen inne zu haben, und die
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Seele zu lehren, wie sie sich zu GOtt erheben müsse, als das Herz mit den wilden Einbil dungen, und lustigen Gedanken anstößiger Dichter, zu verderben und zu verwildern. Ob nun gleich Leute, welche Zeit und Muße haben, zu einer solchen Abwartung der Andacht insbesondre beruffen sind, so müssen doch auch die, welche viel Arbeit und Geschäfte haben, nicht glauben, daß sie dieser, oder einer bessern Methode, ihre Andacht zu stärken, entübrigt seyn können. Denn ie häuffiger und größer ihre Geschäfte sind, desto nothwendiger ist ihnen eine derglei chen Methode, um zu verhindern, daß ihre Her zen nicht ganz und gar davon eingenommen werden, und unter den weltlichen Neigungen erliegen, sondern beständig einen Geschmack an himmlischen Dingen behalten. Und wenn nur auch eine sehr kleine Zeit zu dieser Absicht angewendet wird, so wird sie doch sehr gros se Dinge thun, und mächtige Wirkungen her vorbringen. Und blos daher, weil man die Andacht in diesem Lichte nicht betrachtet, weil man sie nicht als etwas betrachtet, das man mit Sorg falt ernähren und unterhalten muß, als etwas, das ein Theil unsrer Geschäfte seyn, und mit allem Fleiße, mit Anwendung aller Kunst und aller der besten Hülfsmittel, verstärkt werden soll; blos daher, sag ich, weil man sie in diefem<diesem> Lich te nicht betrachtet, kömmt es, daß so wenige da
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mit gesegnet sind, und so viele unbekannt mit dem Geiste der Andacht leben und sterben, dessen sie, durch einen klugen Gebrauch der gehörigen Mittel, in einem hohen Grade hätten genießen können. Denn obgleich der Geist der Andacht ein Ge schenk Gottes ist, und aus eignen Kräften nicht erhalten werden kann, so wird er doch denen am meisten gegeben, und niemals vorenthalten, die sich durch einen weisen und fleißigen Ge brauch der gehörigen Mittel, zu Empfangung desselben vorbereiten. Man sieht mit Erstaunen, wie eifrig die Menschen ihre Gaben, ihre Scharfsinnig keit, ihre Zeit, ihr Nachdenken, ihre Fer tigkeiten gebrauchen, wie sehr sie zu allen Hülfsmitteln ihre Zuflucht nehmen, wenn sie in weltlichen Dingen nach etwas streben; und wie träge Gegentheils, wie nächläßig, wie sorglos sie sind, wie wenig sie ihre Gaben, ih re Scharfsinnigkeit und Fähigkeiten brauchen, ihre Andacht zu vermehren und stärken. Mundanus ist ein Mann, der vortrefliche Gaben und einen aufgeklärten Verstand hat. Er ist schon ziemlich alt, und hat mit seinem Gewerbe eine große Fignr<Figur> gemacht. Jeder Theil der Handlung, iede Art von Geschäften, die ihm vorgekommen, hat von ihm gewisse Verbesserungen erhalten; alles was er thut, sucht er auf die beste Weise zu thun, und treibt alles so hoch, als es sich nur immer treiben läßt. Mundanus liebt in allen Dingen die größte
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Vollkommenheit. Sein gesunder und durch dringender Verstand, seine richtige Denkungs art läßt ihn überall auf die Abschaffung der Un vollkommenheiten bedacht seyn. Er weiß alle Mängel und Irrthümer der gemeinen Methoden in der Handlung, oder in dem Bauwesen, oder in Verbesserungen des Landes, oder in Manufacturen. Die Stärke seines aufgeklärten Verstandes, welche durch beständige Uebung in diesen Dingen, und durch die Gewohnheit, seine Gedanken, um sie desto besser zu überlegen, öfters schriftlich zu entwerffen, und alles und iedes auf alle mögliche Art zu versuchen, noch immer zunimmt, hat ihn zu einem großen Meister in den meisten Geschäf ten des menschlichen Lebens gemacht. Und auf diesem Wege ist Mundanus be ständig fortgegangen und hat mit iedem Jahre an Einsicht und Ueberlegung zugenommen. Das einzige, worauf er mit seinen Verbes serungen nicht gefallen ist, und was von seinem durchdringenden Verstande keinen Nutzen ge habt hat, ist seine Andacht. Diese ist noch in eben dem armseligen Zustande, in welchem sie sich befand, als er sechs Jahr alt war; und der alte Mann betet noch immer die kleinen Formu lare, die ihm seine Mutter des Abends und des Morgens wiederhohlen ließ. Dieser Mundanus, welcher schwerlich den geringsten Hausrath sahe, oder die kleinste Nichtswürdigkeit in seine Hand nahm, ohne
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zu überlegen, wie es nützlicher gemacht oder gebraucht werden könne, hat sein ganzes Le ben hindurch eben die Gebete gebraucht, die er als ein Kind hersagte, ohne iemals zu überle gen, wie er besser und öftrer beten könne; oh ne zu überlegen, wie sehr der Geist der Andacht der Verbesserung bedürffe, zu wie viel Hülfsmit teln ein weiser und vernünftiger Mann seine Zu flucht nehmen müsse, und wie nothwendig es sey, unsre Gebete zu erweitern, zu verändern, und nach den besondern Umständen unsers Le bens einzurichten. Wenn Mundanus ein Gebetbuch sieht, so würdiget er es eben so wenig seiner Betrach tung, als ein Abc Buch, weil er sich erinnert, von seiner Mutter so manche Jahre beten ge lernt zu haben, eben als er buchstabiren lernte. Wie armselig und jämmerlich ist nun die Aufführung dieses verständigen Mannes, wel cher in allen Dingen so viel Einsicht und Ueber legung zeigt, und nur in dem einzigen nicht, welches die ganze Weisheit des Menschen ist. Und wie elend ahmen sehr viele diese Auffüh rung mehr oder weniger nach! Alles dieses aber scheint aus einer seltsamen, eingewurzelten Nachläßigkeit herzukommen, wel che die Menschen zu überlegen verhindert, was die Andacht eigentlich ist. Denn wenn sie nur einmal so weit kämen, daß sie darüber nach dächten, oder sich einige dahin abzielende Fra
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gen vorlegten, so würden sie bald sehen, daß es mit dem Geiste der Andacht wie mit ieder an dern Einsicht und Kenntniß beschaffen sey, welche blos durch Mühe und Fleiß, und durch den Gebrauch der erforderlichen Hülfsmittel wachsen und zunehmen. Claßicus ist ein gelehrter Mann, welcher in den besten Schriftstellern des Alterthums sehr wohl bewandert ist. Er hat sie so oft gelesen, daß er sich ihren Geist eigen gemacht, und die Art eines ieden sehr sinnreich nachahmen kann. Al le ihre Gedanken sind seine Gedanken, und er kann sich in ihrer Sprache vollkommen ausdrü cken. Er ist ein so großer Freund von dieser Ausbreitung des Verstandes, daß er einen jun gen Studirenden selten ohne seinen guten Rath von sich lassen wird. Claßicus sagt seinem jungen Menschen, daß er sich nicht einbilden müsse, genug gethan zu ha ben, wenn er blos Sprachen gelernt; sondern daß er sich täglich mit den besten Schriftstellern unterhalten, sie abermals und abermals lesen, und durch beständige Vertraulichkeit mit ihnen, ihres Geistes theilhaft zu werden, trachten müsse, und daß er ihnen auf keine andre Weise gleich wer den könne, als wenn er sich zu einem Manne von Geschmack und Urtheilskraft bilde. Wie weise würde Claßicus gewesen seyn, und wie viel Gutes würde er in der Welt ge stiftet haben, wenn er eben so richtig von der Andacht gedacht hätte, als er von der Gelehr samkeit denkt.
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Er hat in der That nie von der Andacht an stößig oder verächtlich geredet, weil er über haupt gar nicht an sie denkt, oder von ihr re det. Sie leidet von ihm nichts, als Verabsäu mung und Geringschätzung. Beyde Testamente, das alte und das neue, würden schwerlich einen Platz unter seinen Bü chern bekommen, wenn man sie nicht beyde grie chisch haben könnte. Claßicus glaubt seine Achtung gegen die heil. Schrift genugsam zu zeigen, wenn er euch sagt, daß er, außer ihr, kein ander geistliches Buch habe. Ihr thut sehr wohl, Claßicus, daß ihr die Bibel allen andern geistlichen Büchern vorzieht; wer hierinn nicht eurer Meinung ist, muß keinen Verstand haben. Wenn ihr aber außer der Bibel, weil sie das beste geistliche Buch ist, kein andres haben wollt, woher kömmt es, Claßicus, daß ihr euch nicht mit nur einem von den besten Büchern der Grie chen und Römer begnüget? Woher kömmt es, daß ihr so hungrig und begierig nach allen ihren Büchern seyd? Woher kömmt es, daß ihr das Verständniß des einen für ein nothwendiges Hülfsmittel zu dem Verständnisse des andern haltet? Woher kömmt es, daß ihr euch so viel Mühe gebt, und so viel Zeit und Geld daran wendet, verstümmelte Perioden und Frag mente der Alten wieder herzustellen?
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Woher kömmt es, daß ihr so viele Ausleger über den Cicero, den Horaz und den Homer, und keinen einzigen über das Evangelium leset? Woher kömmt es, daß eure Liebe gegen den Ci cero und Ovidius, euch auch alle die mit Ver gnügen lesen läßt, die wie diese Alte schreiben; da gleichwohl eure Achtung für das Evange lium keine Begierde in euch erwecket, auch die jenigen Bücher zu lesen, aus welchen der wahre Geist des Evangelii athmet? Wie kömmt es, daß ihr eurem jungen Stu direnden sagt, er müsse sich nicht damit begnü gen, die Schriftsteller blos zu verstehen, sondern müsse sie alle, ohne Unterlaß, lesen, welches das einzige Mittel sey, in ihren Geist einzudrin gen, und seinen Geschmack nach dem ihrigen zu bilden? Warum muß denn nur die einzige Bibel auf eurer Studierstube seyn? Ist der Geist der Hei ligen, die Frömmigkeit der Nachfolger Jesu Christi, nicht ein eben so gutes und nöthiges Hülfsmittel, in das Innere und den Geist des Evangelii einzudringen, als es das Lesen der Alten ist, sich den Geist des Alterthums eigen zu machen? Wird blos der Geist der Dichtkunst durch das fleißige Lesen der Redner und Dichter erlangt? Und muß der Geist der Andacht nicht auf eben die Weise erlangt werden, nehmlich durch öfters Lesen der heiligen Gedanken und frommer Seuf zer andächtiger Männer?
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Soll nur euer junger Dichter ieder Zeile nachdenken, die seiner Phantasie neue Schwingen geben, und seiner Einbildungskraft zur Richt schnur dienen kann? Und ist es nicht eben so ver nünftig, daß der, welcher in dem göttlichen Le ben, das ist, in der Liebe himmlischer Dinge, zu nehmen will, iedem Seufzer der Andacht nach forsche, welcher die heilige Hitze seiner Seele er regen und entflammen kann? Ihr gebt eurem jungen Redner den Rath, die besten Reden zu übersetzen, viele derselben dem Gedächtnisse einzuverleiben, und seine Gabe in diesem Stücke öfters zu üben, damit er eine Fertigkeit richtig zu denken, und zu reden erlan gen möge; und hat man denn nicht eben diesen Nutzen, eben diesen Vortheil auch von den geist lichen Büchern zu erwarten? Soll sie der Mensch nicht auf eben die Weise brauchen, da mit die Andacht, und die Erhebung heiliger Ge danken zu GOtt, zur Fertigkeit in ihm werde? Die Ursache nun, warum Claßicus von der Andacht nicht so vernünftig denkt und urtheilet, ist diese, weil er sie niemals anders, als unter dem Begriffe einer Wiederhohlung gewisser Formulare, zu denken pflegt. Es ist ihm noch in seinem Leben nicht in die Gedanken gekommen, sich die Andacht als eine Beschaffenheit des Herzens, als eine der Verbesserung bedürfen de Fähigkeit des Gemüths, welche eben so, wie der Verstand und die Urtheilskraft, wachsen und zunehmen, und durch den fleißigen
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und ordentlichen Gebrauch der erforderlichen Hülfsmittel, eben so gebildet werden müsse, wie iede andre Fähigkeit der Seele gebildet wird. Und blos aus Mangel dieser Ueberlegung kömmt es, daß er sich sein ganzes Leben hindurch mit den bloßen Buchstaben des Gebets be gnügt, und dagegen sich eifrigst bestrebt hat, in den Geist der heidnischen Dichter und Red ner einzudringen. Es ist sehr zu beklagen, daß sehr viele Ge lehrte dieser außerordentlichen Thorheit mehr oder weniger schuldig sind; daß sie so nachläs sig sind, ihre Andacht zu verstärken, und so be gierig nach andern armseligen Vollkommenhei ten, als ob es eine weit edlere Geschicklichkeit sey, ein Epigramm in der Wendung des Martials zu schreiben, als in dem Geiste des heil. Augustinus zu beten, zu danken und GOtt anzuruffen. Gleichwohl scheinet, diese Thorheit zu verbes sern, und die Menschen mit einem ganz andern Geiste zu erfüllen, weiter nichts erforderlich dar zu zu seyn, als der bloße Glaube an die Wahr heit des Christenthums. Und wenn ihr den Mundanus und Claßi cus, oder einen andern Handelsmann und Ge lehrten, fragen solltet, ob die Frömmigkeit nicht die höchste Vollkommenheit des Menschen, oder die Andacht das größte Gut der Welt sey, so würden beyde mit ja antworten, oder die Wahrheit des Evangelii leugnen müssen.
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Denn irgend eine Vollkommenheit gegen die Andacht setzen, oder glauben, daß irgend ein Ding, oder alle Dinge in der Welt, mit ihrer Vortreflichkeit verglichen werden könnten, ist eben so abgeschmackt, als wenn ein Weltwei ser eine Mahlzeit der größten Erweiterung seiner Einsicht vorziehen wollte. Denn so wie die Weltweisheit blos auf die Erweiterung unsrer Einsichten geht, so sucht auch das Christenthum weiter nichts, als den gefallenen Menschen wieder zu einem göttlichen Leben, zu solchen Fähigkeiten der Heiligkeit, zu solchen Graden der Andacht zu erheben, die ihn geschickt machen können, unter die heiligen Ein wohner des Himmelreichs aufgenommen zu werden. Wer dieses von dem Christenthume nicht glaubt, muß für einen Ungläubigen gehalten werden; und wer auch nur so viel davon glaubt, der hat Glauben genug, ein richtiges Urtheil von dem Werthe der Dinge zu fällen, sich bey gesundem Gemüthe zu erhalten, und alle Versuchungen zu überwinden, die ihm von der Welt in den Weg gelegt werden. Es ist Zeit, dieses Hauptstück zu schließen. Kurz; die Andacht ist nichts anders, als die rechte Furcht vor GOtt, und die rechte Ge sinnung gegen ihn. Alle Uebungen also, welche unsre wahre Furcht vor GOtt stärken und vermehren, alle Wege des Lebens, die zur Unterhaltung, zur
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Erhebung und Befestigung unsrer Gesinnungen gegen ihn, dienen, müssen wir für so viele Hülfs mittel, uns mit Andacht zu erfüllen, ansehen. Und da das Gebet die eigentliche Nahrung dieser heiligen Flamme ist, so müssen wir alle Sorge und Mühe darauf wenden, dem Gebet seine völlige Kraft zu geben; und zwar dieses, durch milde Werke, durch Selbstverleug nung, durch heiliges Lesen, durch eigne Verfertigung unsrer Gebete, oder wenig stens durch den Gebrauch der besten bereits verfertigten Gebete, durch Verlängrung der Zeit und Beobachtung der Stunden des Gebets, durch Veränderung, Ausdehnung und Bequemung unsrer Andacht nach den be sondern Umständen unsers Lebens und der Ver fassung unsers Gemüths. Die, welche mehr Zeit und Muße haben, schei nen zu einer ausnehmenden Beobachtung dieser heiligen Regeln eines andächtigen Lebens vor nehmlich beruffen zu seyn. Und die, welche we gen der dringenden Nothwendigkeit ihres Stan des, und nicht aus eigner Wahl, nur wenige Zeit darauf zu verwenden haben, müssen von dieser wenigen Zeit einen so guten Gebrauch machen, als sie nur immer können. Denn dieses ist der sicherste Weg, wenn aus der Andacht ein andächtiges Leben entstehen soll.
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Funfzehntes Hauptstück. Von dem Singen bey unsrer privat Andacht. Von der Vortreflichkeit und dem Nutzen dieser Art der Andacht. Wie stark sie auf unser Herz wirket; und wie man sie auf die beste Weise verrichten soll.

------------------------------ In dem vorhergehenden Hauptstücke hat man gesehen, was man zu Erweckung und Stärkung der Andacht für Mittel und Metho den brauchen müsse, wie früh man das Gebet anfangen, und was der Inhalt der ersten Mor genandacht seyn soll. Noch ist etwas übrig, dessen Beobachtung nicht blos als etwas taugliches und dienliches, sondern als etwas zu empfehlen ist, das ohne großen Schaden der Andacht nicht unterlassen werden kann. Und dieses ist; alle unsre Gebe te mit einem Psalmen anzufangen. Dieses ist so billig, und der Andacht so zu träglich, und wirket so stark auf unser Herz, daß man mit Recht darauf, als auf eine gemei ne Regel für alle Menschen, dringen kann. Ich will nicht sagen, daß man einen Psal men lesen soll, sondern ich verlange ausdrück lich, daß man ihn singen soll. Denn das Sin gen ist eben sowohl der eigentliche Gebrauch ei nes Psalmens, als das andächtige Flehen
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der eigentliche Gebrauch eines Gebetformulars ist. Und ein Psalm, der blos gelesen wird, hat sehr viel ähnliches mit dem Gebete, das man blos ansieht. Dieses Singen der Psalmen nun, wie es in einigen Kirchen gebräuchlich ist, ist von der Beschaffenheit, daß alle Menschen dazu aufge legt sind. Die Abänderung der Stimme, wel che der Gesang eines Psalmens erfordert, ist so gering und natürlich, daß iedermann dazu ge schickt ist, und ist gleichwohl hinlänglich, die Freudigkeit des Herzens zu erwecken und zu erhalten. Ihr müßt also dieses Singen eines Psalms, als einen nöthigen Anfang eurer Andacht, und als etwas betrachten, das alles, was gut und heilig in euch ist, erwecket, daß eure Geister zu ihrer eigentlichen Pflicht ermuntert, euch in die beste Stellung gegen den Himmel setzet, und alle Kräfte eurer Seele zur Anbetung und Verehrung stimmet. Denn nichts kann euch den Weg zu eurem Gebete so wohl bahnen, nichts kann die Schläf rigkeit des Herzens mehr zerstreuen, nichts kann die Seele von den armseligen und klei nen Leidenschaften mehr reinigen, nichts kann euch den Himmel so weit eröffnen, und euer Herz demselben so nahe bringen, als diese Lob gesänge. Sie verschaffen eine freudige Empfindung Gottes, sie erwecken heilige Begierden, sie leh
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ren, wie ihr bitten sollt, und vermögen GOtt, euch eure Bitten zu gewähren. Sie entzünden eine heilige Flamme; sie machen euer Herz zu einem Altare, euer Gebet zu Weihrauch, und bringen es als einen lieblichen Geruch vor den Thron der Gnade. Den Unterschied zwischen dem Lesen und Sin gen eines Psalms, wird man leicht begreiffen, wenn man den Unterschied zwischen dem Lesen und Singen eines gemeinen Liedes, an welchem man Gefallen hat, betrachtet. Wenn ihr es blos leset, so gefällt es euch blos, und das ist alles; wenn ihr es aber singt, so genießet ihr es, ihr fühlet alle seine Annehmlichkeiten, es hat sich eurer bemächtiget, es reißet eure Leiden schaften mit sich fort, und ihr fühlet in euch eben den Geist, welcher in den Worten des selben zu liegen scheinet. Wenn ihr zu iemanden sagtet, ihr hättet ein Lied, das man nicht nöthig habe zu singen, das man blos lesen dürfe; so würde man nicht wis sen, was ihr wolltet, und würde euch für eben so abgeschmackt halten, als wenn ihr ihm ge sagt hättet, daß er eine Speise blos anschauen, und sehen solle, ob sie gut sey, ohne daß er sie genießen dürfe: denn ein Lobgesang, welcher nicht gesungen wird, ist iedem andern guten Din ge sehr gleich, das man nicht braucht. Ihr werdet vielleicht sagen, das Singen sey eine besondre Fähigkeit, die nur gewissen Leu ten gegeben wäre, und ihr hättet zur Musik we der Stimme noch Gehör.
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Wenn ihr gesagt hättet, das Singen sey eine allgemeine Fähigkeit, in welcher die Men schen, so wie in allen Dingrn<Dingen>, mehr oder weni ger von einander unterschieden wären, so wür det ihr der Wahrheit weit näher gekommen seyn. Denn wie sehr sind die Menschen in der Fä higkeit zu denken von einander unterschieden, welche doch nicht nur allen Menschen gemein, sondern sogar das wahre Wesen der menschli chen Natur zu seyn scheinet. Wie leicht und ge schwind können manche Leute iede Sache überle gen; und wie schwer wird es hingegen andern, auch die leichteste Sache zu überdenken? Wie deutlich können sich manche Leute über die ab stractesten Materien ausdrücken; und wie ver wirrt reden hingegen andre von den allergemein sten Dingen? Niemand aber verlangt deswegen des Nach denkens, der Ueberlegung, des Redens ent übrigt zu seyn, weil er die Fähigkeiten nicht dazu hat, die gewisse andre Leute haben. Es kann aber iemand mit eben so gutem Rechte glauben, daß er gar nicht über GOtt nach den ken, gar nicht seine Pflichten überlegen, gar nicht von den Mitteln der Gnade reden dürfe, weil er die Fähigkeiten dazu in keinem besondern Grade besitze; als ein andrer glauben kann, daß er Gottes Lob zu singen überhoben seyn könne, weil er kein feines Gehör und keine musikalische Stimme habe. Denn wie nur das Reden, und nicht das anmuthige Reden zum Gebet erfordert wird;
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wie nur das Beugen und nicht das galante Beugen ein Stück der Anbetung ist: so wird auch nur das Singen, und nicht das künstli che feine Singen zu Preisung des göttlichen Lobes erfordert. Wenn sich ein Mensch des Betens enthalten wollte, weil seine Stimme einen widrigen Ton hat; so würde er eine eben so gute Ent schuldigung vor sich haben, als der, welcher sich des Singens der Psalmen enthält, weil er sei ne Stimme nur sehr schlecht abändern kann. Und wie das Reden eines Menschen, wenn es auch einen noch so widrigen Ton hat, doch den Endzwecken seiner Andacht hinlängliche Gnüge<Genüge> leisten kann; so kann auch das Singen eines Menschen, ob es gleich gar nicht musikalisch ist, dennoch den Endzwecken, warum wir uns in GOtt freuen und ihn preisen sollen, hinlängliche Genüge leisten. Zweytens würde dieser Einwurf von einiger Wichtigkeit seyn, wenn ihr zu Erbauung andrer singen solltet; aber dieses ist der gegenwärtige Fall nicht, sondern man fordert blos von euch, daß ihr das Lob Gottes bey eurer privat An dacht singen sollt. Wenn ein Mensch, der eine sehr schlechte Stim me, und eine sehr widrige Art zu reden hat, in einer Versammlung das Wort führen sollte, so würde er sich vollkommen mit seiner schlechten Stimme, und mit seiner widrigen Art zu reden, entschuldigen können. Aber es würde sehr abge
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schmackt seyn, wenn er aus eben dieser Ursache auch seine privat Andachten verabsäumen wollte. Und eben so ist es mit dem Singen bewandt; ihr habt vielleicht die Fähigkeit nicht, zu andrer Erbauung zu singen, und dieses ist Grundes ge nug, euch deswegen zu entschuldigen; wenn ihr aber aus dieser Ursache der Pflicht, GOtt ins geheim auf diese Weise zu preisen, überhoben zu seyn glaubt, so macht ihr euch einer sehr großen Ungereimtheit schuldig: denn das Singen wird eben so wenig wegen der Musik, die dabey gemacht wird, als das Gebet wegen der feinen Worte, die es enthält, erfordert, sondern es soll weiter nichts als der natürliche und eigentliche Aus druck eines sich in GOtt freuenden Her zens seyn. Unser Heiland und seine Apostel sangen einen Lobgesang, es ist aber sehr glaublich, daß sie sich vielmehr in GOtt gefreuet, als schöne Musik gemacht haben. Lebet nur so, daß sich eure Herzen wirklich in GOtt freuen, daß sie von dem Lobe Gottes lebhaft gerührt werden, und ihr werdet bald fin den, daß es euch bey dieser Verfassung des Her zens weder an Stimme noch an Gehör fehlen wird, die Melodie eines Psalms zu treffen. Jedweder Mensch findet sich zu einer oder der andern Zeit geschickt, einiger Maaßen zu singen; es giebt gewisse freudige Zeiten und Veranlas sungen, die alle und iede fähig machen, ihr Ge fühl derselben mit einer Art von Harmonie aus
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zudrücken. Die Freude, die sie empfinden, zwingt sie, ihre Stimme Antheil daran nehmen zu lassen. Wer also sagt, daß es ihm an der Stimme oder an dem Gehör, einen Psalmen zu singen, fehle, der betriegt sich sehr, es fehlet ihm an dem Geiste, der sich wirklich in GOtt freuet; die Unempfindlichkeit ist in seinem Herzen, und nicht in seinen Ohren, und wenn sein Herz eine wahre Freude in GOtt empfindet, wenn es an dem, was in den Psalmen ausgedrückt ist, einen lautern Geschmack gewinnet, so wird er es sehr anmuthig finden, die Bewegungen seines Her zens durch die Bewegungen seiner Stimme aus zudrücken. Das Singen, so wie es zu einer Kunst ge worden ist, und das Lauffen der Stimme durch diese oder jene Reihe von Tönen, nebst einer künstlichen Beobachtung des Tacts, bedeutet, ist in der That weder natürlich, noch die Wirkung einer natürlichen Verfassung des Gemüths; und in diesem Verstande ist es eben so wenig allen Menschen gemein, als jene seltsamen ausge künstelten Bewegungen, in welchen das feine Tanzen bestehen soll. Aber das Singen, wenn es eine Bewegung der Stimme, die den Bewegungen des Herzens gemäß ist, und eine Abänderung ihrer Töne, wie sie die Bedeutung der Worte erfordert, be deutet, ist eben so natürlich und allen Menschen eben so gemein, als ihnen das laute Reden
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bey zornigen Drohungen, oder das sachte Reden ist, wenn sie niedergeschlagen sind und um Vergebung bitten wollen. Es können also alle Menschen singen, so wie alle Menschen denken, reden, lachen und wimmern können. Denn das Singen ist eben so wenig eine Erfindung, als Traurigkeit und Freude Erfindungen sind. Denn iede Verfassung des Herzens, setzt auch den Körper natürlicher Weise in eine ihr gemäße Verfassung, durch welche sie sich den Augen an drer verräth. Wenn ein Mensch zornig ist, oder ihm andre verächtlich sind, so darf es ihn niemand erst lehren, wie er seine Leidenschaf ten durch den Ton seiner Stimme ausdrücken soll. Die Verfassung seines Herzens, bringt ihn von selbst auf den gehörigen Gebrauch seiner Stimme. Wenn es also nur wenige Sänger göttli cher Lieder giebt, wenn man das Volk zu die sem Stücke der Andacht zu vermahnen unter läßt; so kömmt es daher, weil nur wenige Her zen zu der Höhe der Andacht gelangt sind, daß sie bey dem Lobe Gottes Bewegungen der Freu de und des Vergnügens empfänden. Bildet euch ein, ihr wäret in dem Gefolge des Moses gewesen, als er durch das rothe Meer geführet wurde; ihr hättet gesehen, wie sich die Wasser von einander getheilet, und auf beyden Seiten aufgethürmet; ihr hättet gesehen, wie es zur Rechten und Linken gleich Mauren gestan
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den, um euch durch zu lassen, und wie es end lich über eure Feinde daher gefallen: glaubt ihr wohl, daß es euch alsdenn an Stimme oder an Gehör würde gefehlt habe, mit Mose zu sin gen: der Herr ist meine Stärke und Lob gesang, und ist mein Heil et cetera? Ich weiß gewiß euer eigen Herz sagt euch, daß bey solcher Gelegenheit alle Menschen würden haben singen können. Lernet also hieraus, daß es das Herz ist, welches die Töne zum Preise Gottes an stimmt, und daß, wenn ihr eben diese Worte ietzt nicht mit Freuden singen könnt, es diese Ur sache hat, weil ihr von der Erlösung der Welt durch Jesum Christum, nicht eben so gerührt seyd, als die Juden waren, oder ihr selbst, nach dem Durchzuge durch das rothe Meer, würdet gewesen seyn. Daß es die Verfassung des Herzens sey, die uns geneigt macht, uns durch eine besondre Art des Singens, zu erfreuen, kann gar leicht durch verschiedne Beobachtungen erwiesen werden. Ein alter Wüstling wird, nach der Sprache der Welt, weder Stimme noch Gehör haben, wenn ihr weiter nichts als einen Psalmen oder ein Lied zum Preise der Tugend singen wollt; wenn ihr aber in lustigen Liedern das Lob seiner ehemaligen Ausschweifungen an stimmt, so wird er, ob er gleich keinen Zahn mehr im Munde hat, doch bald zeigen, daß es ihm weder an der Stimme noch am Gehör fehle, diese Musik zu verstärken. Ihr erwecket alsdenn sein Herz, und es wird ihm eben so na
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türlich, dergleichen Worte zu singen, als zu la chen, wenn er lustig ist. Und so wird es mit iedem Gesange seyn, welcher das Herz rühret; wenn ihr die herrschende Leidenschaft eines Men schen besinget, so zwingt ihr ihn, seine Stimme mit euren Tönen zu verbinden. Wenn ihr also einen Menschen finden könnt, dessen herrschende Neigung die Andacht ist, dessen Herz voll von GOtt ist, so wird er mit Vergnügen in die Lobgesänge einstimmen, wel che den GOtt verherrlichen, der die Freude sei nes Herzens ist, ob er gleich weder Stimme noch Gehör zu irgend einer andern Musik hat. Wenn ihr also auf eine gefällige Art dieses Stück der Andacht ausüben wollt, so braucht ihr nicht sowohl die Töne und Noten zu ler nen, als vielmehr euer Herz vorzubereiten; denn so gewiß es ist, was unser Heiland sagt, daß aus dem Herzen arge Gedanken, Mord et cetera ent springen, so gewiß ist es auch, daß aus unsern Herzen heilige Freuden, Lob und Danksa gungen entspringen. Wenn ihr einmal mit David sagen könnt: Mein Herz ist bereit, GOtt, mein Herz ist bereit; so wird es euch sehr leicht und natürlich werden, auch mit ihm hinzuzufügen: ich will singen und loben. Laßt uns, zweytens, nun einen andern Grund für diese Art der Andacht in Erwegung ziehen. So wie das Singen eine natürliche Wir kung der Freude des Herzens ist, so hat es auch eine natürliche Kraft, uns fröhlich zu machen.
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Seel und Leib sind mit einander so vereiniget, daß eines auf das andre wirket. Gewisse Ge danken und Empfindungen in der Seele bringen diese oder jene Bewegungen oder Handlungen in dem Körper hervor; und gewisse Bewegun gen und Handlungen des Körpers Gegentheils, haben eben dieselbe Kraft, diese oder jene Gedan ken und Empfindungen in der Seele hervorzu bringen. Wie also das Singen eine natürli che Wirkung der Freude des Gemüths ist, so ist es auch zugleich eine eben so natürliche Ur sache derselben; und wie die Andacht des Her zens natürlicher Weise in äußerliche Handlun gen des Gebets ausbricht, so sind die äußerli chen Handlungen des Gebets zugleich auch na türliche Mittel, die Andacht des Herzens zu erwecken. Dieses findet bey allen Neigungen und Ver fassungen des Gemüths Statt; so wie die inne re Verfassung des Gemüths gewisse äußerliche Handlungen, die ihnen gemäß sind, hervor bringt, so haben eben diese äußerlichen Hand lungen auch gleiche Gewalt, eine innere Ver fassung des Gemüths, die ihnen gemäß ist, zu verursachen. So wie der Zorn zornige Worte hervor bringt, so reitzen auch wiederum zornige Worte den Zorn. Wir werden folglich, wenn wir auch nur blos und allein die menschliche Natur betrachten, sinden<finden>, daß das Singen der Psalmen zur Er
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weckung der Freude in GOtt eben so nöthig und nützlich sey, als es das Gebet zur Erweckung des Geistes der Andacht ist. Ein ieder Bewe gungsgrund zu dem einen, ist vollkommen ein eben so starker Bewegungsgrund zu dem andern. Wenn ihr derohalben die Ursachen und die Nothwendigkeit des Singens der Psalmen ein sehen wollt, so müßt ihr die Ursachen und die Nothwendigkeit des Lobes und der Freude in GOtt betrachten; denn das Singen der Psal men ist eine eben so eigentliche Uebung und Nahrung des Geists der Danksagung, als das Gebet die eigentliche Uebung und Nah rung des Geists der Andacht ist. Und ihr dürft mit eben so gutem Grunde glauben, daß ihr ohne Gebet, so andächtig seyn könnt, wie ihr seyn sollt, als daß ihr ohne das Singen der Psalmen, euch so in GOtt freuen könntet, wie ihr sollt; denn dieses Singen ist eben so wohl die natürliche Sprache des Lobes und der Dank sagung, als das Gebet die natürliche Sprache der Andacht ist. Die Vereinigung der Seele und des Leibes ist keine Vermischung ihrer Wesen, so wie wir sehen, daß Körper mit einander vereiniget und vermischt sind, sondern sie besteht einzig und al lein in ihren beyderseitigen Vermögen auf ein ander zu wirken. Wenn sich zwey Personen in einem solchen Stande des Einflusses auf einander befänden, daß keine von denselben sich bewegen, oder den
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ken, oder fühlen, oder etwas begehren könnte, ohne zugleich die andre in eben diese Umstände zu setzen, so könnte man ganz eigentlich sagen, daß sie sich in dem Stande der genauesten Ver einigung befänden, ob ihre Wesen gleich mit einander nicht vereiniget wären. Dieses nun ist die Vereinigung der Seele und des Leibes; das Wesen des einen kann mit dem Wesen des andern nicht vermischt oder ver einiget werden; sondern sie stehen beyde nur in einem solchen Stande der Verknüpfung, daß alle Handlungen und Leiden des einen, auch zu gleicher Zeit die Handlungen und Leiden des an dern sind. Die Seele kann nichts denken oder empfinden, es muß der Körper mit daran Theil nehmen; und in dem Körper kann keine Hand lung oder Bewegung vorgehen, die nicht zu gleich einiger Maaßen die Seele mit in Bewe gung setze. Wie nun blos und allein der Wille Gottes der Grund und die Ursache aller Kräfte und Wirkungen ist, die wir in der Welt sehen; wie die Sonne Licht und Wärme ertheilt, nicht weil sie ein natürliches Vermögen dazu hat; wie sie auf einer Stelle unbeweglich bleibt und an dre Körper sich um sie herum bewegen, nicht weil es in der Natur der Sonne ist, daß sie stille stehen muß, und in der Natur der andern Körper, daß sie sich um sie herum bewegen müs sen; sondern blos und allein, weil es der Wille Gottes ist, daß sie so beschaffen seyn sollen: wie
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das Auge das Werkzeug des Sehens ist, nicht weil die Häutchen und Feuchtigkeiten des Auges ein natürliches Vermögen, das Sehen hervorzubringen, haben: wie die Ohren die Werkzeuge des Gehörs sind, nicht weil der Bau der Ohren eine natürliche Gewalt über den Schall hat; sondern blos und allein, weil es der Wille Gottes ist, daß wir auf diese Weise sehen und hören sollen: so ist auch auf gleiche Art blos und allein der Wille Gottes, und nicht die Natur der menschlichen Seele, oder des menschli chen Körpers, die Ursache von beyder Verei nigung. Wenn ihr nun diesen kurzen Abriß von der Vereinigung des Leibes und der Seele gehörig einsehet, so werdet ihr die Ursache und Noth wendigkeit aller äußerlichen Stücke der Reli gion, großen Theils daraus erkennen. Diese Vereinigung unsrer Seelen und Kör per ist die Ursache, warum wir, beydes so wenig und so viel über uns selbst vermögen. Dieser Vereinigung muß man es zuschreiben, daß wir so wenig über unsre Seelen vermögen; denn da wir die Wirkungen der äußerlichen Gegenstände auf unsre Körper nicht verhindern können, und auch die Ursachen außer uns, nicht in unsrer Ge walt haben, so haben wir auch die innere Ver fassung unsers Gemüths nicht immer in unsrer Gewalt; weil eben so, wie die äußern Gegen stände ohne unsre Erlaubniß auf unsre Körper wirken, auch unsre Körper auf unsre Seelen,
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vermöge der Gesetze ihrer Verbindung, wirken. Daher nun, wie wir sehen, kömmt es, daß wir so wenig über uns selbst vermögen. Andern Theils muß man es auch eben dieser Verbindung zuschreiben, daß wir so viel über uns selbst vermögen. Denn da unsre Seelen in vielen Stücken von unsern Körpern abhan gen; da wir eine große Gewalt über unsre Kör per haben, deren äußerliche Handlungen auf un serm Willen beruhen; da wir uns folglich zu gewissen körperlichen Fertigkeiten geschickt ma chen können, welche ähnliche Fertigkeiten in der Seele hervorbringen; da wir unsre Körper ka steyen, und uns von den Gegenständen, die un sre Leidenschaften entflammen, entfernen können: so haben wir eine große Gewalt über die innere Verfassung unsrer Seelen. Da wir ferner Meister von unsern äußerlichen Handlungen sind, da wir uns selbst zu den äußerlichen Handlun gen des Lesens, des Betens, des Singens und dergleichen zwingen können, da alle diese kör perlichen Handlungen eine Wirkung auf die Seele haben, da sie natürlicher Weise zur Bil dung dieser oder jener Neigungen in unsern Her zen abzielen: so haben wir, indem wir von die sen äußerlichen körperlichen Handlungen Meister sind, eine große Gewalt über die innere Verfas sung unsers Herzens. Und daher ist es dieser Vereinigung zuzuschreiben, daß wir so viel über uns selbst vermögen. Hieraus nun kann man die Nothwendigkeit und den Nutzen des Singens der Psalmen, und
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aller äußerlichen Handlungen der Religion, er kennen; denn da der Körper so viel Gewalt über die Seele hat, so ist es unwidersprechlich, daß alle die körperlichen Handlungen, welche die Seele in Bewegung setzen, von großem Ge wichte in der Religion seyn müssen; nicht als ob eine wahre Anbetung, oder Frömmigkeit, in diesen Handlungen selbst wäre, sondern weil sie geschickt sind, denjenigen Geist zu erwecken und zu nähren, in welchem die wahre Verehrung Gottes besteht. Ob derohalben gleich der Sitz der Religion in dem Herzen ist, so ist es dennoch, weil unsre Körper eine Gewalt über unsre Herzen haben, und weil die äußerlichen Handlungen, beydes aus dem Herzen kommen und in das Herz gehen, offenbar, daß äußerliche Handlungen eine große Gewalt über die Religion, deren Sitz in dem Herzen ist, haben. Wir müssen uns daher, zur Erweckung und Befestigung der Frömmigkeit in unserm Her zen, eben sowohl der äußerlichen Hülfsmittel, als der innern Betrachtung bedienen. Diese Lehre kann gar leicht allzuweit getrie ben werden; denn wenn man auf allzuviel äus serliche Mittel der Anbetung dringt, so wird ei ne Art des Aberglaubens daraus, und diese Aus schweifung muß eben so sorgfältig vermieden werden, als die auf der entgegengesetzten Seite. Denn da der Religion ihr Sitz in dem Herzen angewiesen worden, so haben einige diesen Be
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grif so weit ausgedehnt, daß sie allem lauten Gebete, und andern äußerlichen Handlungen der Verehrung entsagt, und alle Religion in einen Quietismum, oder mystische Gemeinschaft mit GOtt in der Stille, aufgelöset haben. Dieses nun sind zwey Uebertreibungen, welche der wahren Religion gleich nachthei lig sind, und weder wider die innerliche noch äußerliche Anbetung eingewendet werden dür fen. So wenig als man sagen soll, daß ich zu diesem Quietisino anreitze, weil ich die Reli gion in das Herz setze; eben so wenig soll man auch sagen können, daß ich dem Aberglauben das Wort rede, weil ich die Vortheile der äußer lichen Handlungen der Anbetung zeige. Denn da wir weder ganz Seele, noch ganz Körper sind; da wir sehen, daß keine von un sern Handlungen weder der Seele allein, noch dem Körper allein zugeschrieben werden kann; da wir sehen, daß bey allen unsren Fertigkeiten beydes unsre Seelen und unsre Körper wirksam seyn müssen: so ist offenbar, daß wenn wir zu Fertigkeiten der Andacht, oder zu der Freude in GOtt, gelangen wollen, wir nicht allein nachden ken und unsre Seelen beschäftigen, sondern auch unsre Körper in allen den äußerlichen Handlun gen üben müssen, die sich zu diesen innern Ge sinnungen schicken. Wenn wir unsre Seelen wirklich vor GOtt niederwerffen wollen, so müssen wir unsre Kör per zu demüthigen Stellungen gewöhnen; wenn
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wir wahre Inbrunst verlangen, so müssen wir das Gebet zur beständigen Arbeit unsrer Lippen machen. Wenn wir allen Stolz und alle hefti ge Leidenschaften aus unsern Herzen verbannen wollen, so müssen wir uns selbst zu allen äußer lichen Handlungen der Geduld und Sanftmuth zwingen. Wenn wir die innern Bewegungen des Vergnügens und der Freude in GOtt füh len wollen, so müssen wir alle die äußerlichen Handlungen derselben ausüben, und unsre Her zen durch unsre Stimmen aufmuntern. Nunmehr werdet ihr also die Ursache und Nothwendigkeit des Singens der Psalmen klärlich einsehen; weil nehmlich die innern Em pfindungen durch äußerliche Handlungen unter stützt werden müssen, so sind die äußerlichen Hand lungen der Freude nothwendig, um die innerli che Freude des Gemüths zu erwecken und zu un terhalten. Wenn iemand deswegen das Gebet unterlas sen wollte, weil er findet, daß die Bewegungen seines Herzens selten mit den Worten, welche er spricht, übereinkommen; so würdet ihr ihn ei ner großen Ungereimtheit beschuldigen. Ihr würdet es vielmehr für sehr vernünftig halten, daß er sein Gebet fortsetze, und alle Stunden des Gebets genau beobachte, weil dieses das wahrscheinlichste Mittel ist, der Unempfind lichkeit und Verdrossenheit seines Herzens ab zuhelfen. Und so geht es großen Theils mit dem Sin gen der Psalmen. Die Leute singen oft, ohne
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eine innere Freude zu fühlen, die den Worten, welche sie aussprechen, gemäß wäre; sie werden daher darinn nachläßig, oder versäumen es gar, und überlegen nicht, daß sie eben so abgeschmackt handeln, als der, welcher das Gebet verabsäu met, weil sein Herz nicht genug davon gerühret wird. Denn es ist gewiß, daß dieses Singen ein eben so natürliches Mittel ist, Regungen der Freude in unserm Gemüthe zu erwecken, als das Gebet ein natürliches Mittel ist, die An dacht anzuflammen. Ich habe mich bey dieser Materie ein wenig lange aufgehalten, weil sie bey der wahren Re ligion von großer Wichtigkeit ist. Denn keine Verfassung des Gemüths ist so heilig, so vor treflich und so eigentlich vollkommen, als die Dankbarkeit gegen GOtt; und folglich ist in der Religion auch nichts wichtiger als das, was diese Verfassung des Gemüths in Uebung erhält und stärket. Ein mürrischer unzufriedner Geist, wel ches manchmal der Geist derjenigen ist, die in An sehung der Religion sehr sorgfältig zu seyn schei nen, ist gleichwohl von allen Verfassungen dieje nige, welche der Religion am meisten zuwider ist, denn sie leugnet den GOtt, welchen sie anzube ten vorgeben. Denn der verleugnet GOtt völ lig, der ihn nicht als ein unendlich gütiges We sen anbetet. Wenn ein Mensch nicht glaubt, daß die gan ze Welt Gottes Famlie<Familie> ist, in welcher nichts von
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ohngefehr geschieht, sondern alles durch die Vor sicht eines Wesens geordnet und regieret wird, welches ganz Liebe und Güte gegen sein Geschö pfe ist; wenn dieses ein Mensch nicht von Grund des Herzens glaubt, so kann man nicht sagen, daß er wirklich an GOtt glaube. Und wer nur so viel Glauben hat, der hat Glauben genug, die Welt zu überwinden, und beständig gegen GOtt dankbar zu seyn. Denn der, welcher glaubt, daß alles, was ihm begegnet, das be ste ist, was ihm begegnen kann, wird sich un möglich über den Mangel irgend eines Dinges beschweren, welches noch besser wäre. Wenn ihr derohalben in Murren und Kla gen lebt, und euch über alle Zufälle des Lebens beschweret, so kömmt es nicht daher, weil ihr ein schwaches unvermögendes Geschöpf seyd, sondern weil euch der erste Grund der Religion, ein rechter Glaube an GOtt, fehlet. Denn so wie die Dankbarkeit ein ausdrückliches Bekennt niß der Güte Gottes gegen euch ist, so sind Mur ren und Unzufriedenheit, eine eben so ausdrückli che Beschwerde über den Mangel der Güte Got tes gegen euch. Wollt ihr, auf der andern Seite, wissen, wer der größte Heilige in der Welt ist? Nicht der ist es, welcher am meisten betet, oder am mei sten fastet; nicht der ist es, welcher das meiste Almosen giebt, oder die größte Mäßigkeit, Keuschheit oder Gerechtigkeit zeiget; sondern der ist es, welcher beständig dankbar gegen GOtt
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ist, welcher alles will, was GOtt will, welcher alles als ein Merkmal der göttlichen Güte auf nimmt, und ein Herz hat, das beständig bereit ist, GOtt dafür zu preisen. Gebet und Andacht, Fasten und Reue, Nach denken und Einsamkeit, Sacramente und Sa tzungen, sind alle nichts als Mittel, die Seele so göttlich und mit dem Willen Gottes so gleichför mig, als nur möglich, zu machen, und sie mit Lob und Danksagung für alles, was von GOtt kömmt, zu erfüllen. Dieses ist die Vollkommenheit al ler Tugenden; und alle Tugenden, die nicht da hin abzielen, oder nicht daraus entspringen, sind nichts als falsche Zierathen einer nicht zu GOtt bekehrten Seele. Ihr dürft euch also nun nicht wundern, daß ich auf das Singen eines Psalms bey aller eurer Andacht so dringe, da ihr sehet, daß euer Herz dadurch zu der Freude und Dankbarkeit gegen GOtt gebildet werden soll, in welcher die höch ste Vollkommenheit eines göttlichen und heiligen Lebens bestehet. Wenn euch iemand den sichersten und kürzesten Weg zu aller Glückseligkeit und aller Vollkom menheit sagen wollte, so müßte er euch sagen, daß ihr es euch zum Gesetz machen solltet, GOtt für alles und iedes, was euch be gegnet, zu danken und zu loben. Denn so viel ist gewiß; welch anscheinendes Unglück euch auch immer zustößt, das verkehret ihr in Segen, sobald ihr Gott dafür danket und prei set. Könntet ihr also auch Wunder thun, so
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könntet ihr doch nicht mehr für euch ausrichten, als ihr durch diese dankbeflissene Gemüths verfassung ausrichtet, welche mit bloßen Worten heilet, und alles, was euch betrift, in Glückseligkeit verwandelt. Wenn ihr derohalben auf euer ewiges Wohl nur so ernstlich bedacht seyn wolltet, daß ihr euch diese Dankbeflissenheit als den Endzweck aller eurer Religion vorsetztet; wenn ihr euch nur fest einprägen wolltet, daß dieses die Verfassung sey, auf welche ihr mit allen euren Andachten zielen müßtet, so würdet ihr alsdenn etwas klares und augenscheinliches haben, wornach ihr euch in al len euren Handlungen richten könntet, ihr wür det alsdenn die Wirkung eurer Tugenden leicht bemerken, und von eurem Wachsthume in der Frömmigkeit sicher urtheilen können. Denn nur in so ferne ihr aller Selbstliebe, und allen Re gungen eures eignen Willens entsaget, und die Glückseligkeit nirgend anders sucht, als in der dankbaren Aufnahme aller und ieder euch zustos sender Dinge, nur in so ferne kann man sicher schließen, ob ihr in der Frömmigkeit zugenom men habt. Denn ob dieses gleich die höchste Eigenschaft, nach der ihr streben könnt, und das edelste Opfer ist, das der größte Heilige GOtt darbringen kann, so ist es doch an keine Zeit, an keinen Ort, an keine besondre Gelegenheit gebunden, sondern es ist beständig in eurer Gewalt, und kann die Uebung eines ieden Tages seyn. Denn
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die gemeinen Zufälle eines ieden Tages sind schon hinlänglich, diese Eigenschaft zu entwi ckeln und wirksam zu machen, und können satt sam zeigen, in wie weit ihr bey allen euren Handlungen, von dieser Dankbeflissenheit re gieret werdet. Und eben aus dieser Ursache ermahne ich euch zu dieser Methode bey eurer Andacht, damit ieder Tag ein Tag der Danksagung werde, und der Geist der Unzufriedenheit und des Murrens in euer Herz nicht eindringen könne, welches mit dem Lobe Gottes durch das Singen beschäf tiget wird. Man wird vielleicht nach diesem allen einwen den, daß ob schon der große Vortheil und die vortrefliche Wirkung dieses andächtigen Ge brauchs augenscheinlich sey, er sich doch ganz und gar nicht für die privat Andacht zu schi cken scheine, weil er schwerlich beobachtet werden könne, ohne unsre Andacht andern offenbar und kund zu machen, und also unser Gebet gleichsam auszuposaunen. Hierauf nun antworte ich, erstlich, daß es in sehr vieler Leute Vermögen steht, so geheim zu seyn, als sie nur immer wollen; diese also sind von erwehnter Entschuldigung ausgeschlos sen, die für andre eine Entschuldigung seyn kann, für sie aber keine ist. Dergleichen Personen folglich mögen sich dieser vortreflichen Andacht ja zu Nutze machen!
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Zweytens, sind sehr viel Leute, als Be diente, Lehrlinge, Gefangene, Familien in kleinen Häusern, vermöge ihrer Umstände, ge drungen, beständig in Gegenwart und vor dem Angesichte andrer Personen zu seyn. Sollen nun diese deswegen ihr Gebet versäu men, weil sie nicht, ohne gesehen zu werden, be ten können? Sind sie nicht vielmehr verbunden, noch fleißiger darinn zu seyn, damit andre nicht Zeugen ihrer Nachläßigkeit seyn mögen, und durch ihr Exempel verführt werden? Was nun von der Andacht überhaupt gesagt wird, muß auch sicherlich von dem Singen der Psalmen gesagt werden, welches blos ein Stück der Andacht ist. Die Regel hierbey ist diese: betet nicht, um von andern gesehen zu werden; wenn euch aber eure Umstände nöthigen, beständig vor den Augen andrer zu seyn, so hütet euch mehr dafür, daß ihr nachläßig erfunden werdet, als daß man euch eure Zuflucht zum Gebet nehmen sieht. Drittens kommt die ganze Sache überhaupt darauf hinaus. Entweder ihr könnt mit die ser andächtigen Uebung so geheim seyn, daß euch niemand behorchen kann; oder ihr könnt es nicht seyn. Könnt ihr es seyn, so fällt der Einwurf von sich selbst weg: könnt ihr es nicht seyn, so müßt ihr den Zwang, worinn ihr euch befindet, und die Unvermeidlichkeit eures Standes, als ein Gefängniß ansehen; und alsdenn habet
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ihr einem vortreflichen Beyspiele nachzufolgen, den heil. Paulus und Silas nehmlich nachzu ahmen, welche GOtt im Gefängniße lob ten, obgleich ausdrücklich dabey gesagt wird: und es hörten sie die Gefangnen. Diese heiligen Männer also, ließen sich durch die Furcht, sie möchten von andern gehört werden, von dieser Art der Andacht nicht abhalten; und wenn folglich iemand, es sey in dem Gefäng nisse, oder außer dem Gefängnisse, in ähnliche Umstände geräth, was kann er bessers thun, als diesem Beyspiele nachfolgen? Ich kann mich von dieser Schriftstelle nicht wegwenden, ohne zu wünschen, daß ein frommer Leser betrachten möge, wie nachdrücklich wir in derselben zu dieser Nutzung der Psalmen ermun tert werden, und was der Gebrauch dieser zwey großen Heiligen für eine starke Empfehlung desselben sey. Bey diesem ihrem schweren Unglücke, im Ge fängnisse, in Ketten, unter dem schmerzlichen Gefühl der ertlittenen<erlittenen> Stäupung, mitten unter den Schrecknissen der Nacht, konnten sie nichts göttlichers, nichts heiligers thun, als GOtt loben. Und sollten wir, nach alle diesem, wohl noch eine Ermunterung zu diesem heiligen Gebrauche nöthig haben? Sollen wir den Tag ohne Dank sagungen vorbeystreichen lassen, die sie auch nicht einmal des Nachts unterlassen wollten? Sollen ihnen Gefängniß, Ketten und Fin=
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sterniß Lobgesänge eingeben, und wir sollen in unsern Kammern nicht singen? Ferner wollen wir nicht unangemerkt lassen, daß inzwischen, da diese zwey heiligen Männer mit dem erhabensten Theile der Andacht beschäf tiget waren, und das auf Erden thaten, was die Engel im Himmel thun, schnell ein gros ses Erdbeben entstand, also, daß sich be wegten die Grundfeste des Gefängnisses, und von Stund an alle Thüren aufge than, und alle Bande los wurden, [Apostg. XVI. 26.]. Und sollen wir nunmehr wohl noch nach Be wegungsgründen zu dieser heiligen Uebung fra gen, da wir, anstatt der Gründe, hier Wunder werke sehen, um uns zu überzeugen, wie viel sie bey GOtt vermöge? Könnte uns GOtt durch eine Stimme von Himmel ausdrücklicher zu solchen Lobgesängen ermuntern, als durch dieses Beyspiel, wie ge wiß er die, welche sie anstimmen, erhöre, be freye und belohne? Doch dieses im Vorbeygehen. Ich kehre zu dem vorhabenden Einwurfe zurück, und antwor te viertens: daß das Geheime unsrer An dacht nicht dadurch aufgehoben wird, daß wir Zeugen derselben haben, sondern dadurch, daß wir diese Zeugen suchen. Wenn euch also niemand hört, als die, von welchen ihr euch nicht absondern könnt, so seyd
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ihr eben so wohl im Verborgnen, und euer Vater, welcher in das Verborgne sieht, wird euch eben so gewiß belohnen, als ob ihr nur von ihm allein gesehen würdet. Fünftens setzet das privat Gebet, in so fern es dem öffentlichen entgegen gestellt wird, nicht voraus, daß es ganz und gar keinen Zeugen ha ben müsse. Denn Ehemänner und Ehe weiber, Brüder und Schwestern, Eltern und Kinder, Herren und Diener, Vor münder, und Mündel sollen unter einander die Zeugen dieser Andacht seyn, welche man ei gentlich die privat Andacht nennen kann. Es ist nichts weniger als unsre Pflicht, diese An dacht vor solchen nahen Anverwandten zu ver bergen. In allen den Fällen also, in welchen solche Anverwandte manchmal ihre privat Andacht zu sammen, und manchmal ieder die seine insbe sondre, verrichten, kann das Singen der Psal men im geringsten nicht damit streiten. Unser Heiland befiehlt uns, wenn wir fa sten unser Haupt zu salben und unser An gesicht zu waschen, damit wir nicht für den Leuten mit unserm Fasten scheinen, son dern für unsern Vater, welcher verbor gen ist. Dieses aber will nur so viel sagen, daß wir mit unserm Fasten kein öffentliches Geprän ge vor der Welt machen sollen.
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Denn wenn niemand in geheim fastet, oder wenn man von niemanden sagen kann, daß er in geheim faste, als von dem, der keinen Zeugen bey seinem Fasten hat; so kann niemand in ge heim fasten, als der, welcher ganz und gar vor sich lebt: denn in einer Familie müssen es alle wissen, wer von ihnen fastet. Die Geheim haltung des Fastens also, erfordert nicht, daß durchaus niemand etwas davon wissen darf, son dern nur, daß man es nicht selbst der Welt be kannt machen soll. Der fromme Hauptmann, Cornelius, von welchem die Schrift sagt, daß er viel Almosen gegeben und immer zu GOtt gebetet, sagte zu dem heil. Petrus: ich habe vier Tage ge fastet, bis an diese Stunde. [Apostg. X. 2]. Daß aber dieses Fasten hinlänglich geheim und GOtt angenehm war, erhellet aus der Erschei nung des Engels, mit welcher der heilige Mann zu der Zeit beglückt ward. Daß es aber nicht so geheim gewesen, daß ganz und gar niemand etwas davon gewußt, er hellet aus der Nachricht überhaupt, die davon gegeben wird, und besonders aus dem, was wei ter hernach gesagt wird: und er rief zween seiner Hausknechte, und einen gottes fürchtigen Kriegsknecht, von denen, die auf ihn warteten; daß also das Fasten des Cornelius seiner Familie so wenig unbekannt geblieben, daß vielmehr seine Soldaten und sei ne Hausknechte, die auf ihn warteten, das ist,
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seine guten Werke sahen und daran Theil nahmen, selbst dadurch gottesfürchtig geworden waren. Die ganze Sache ist die. Ein großer Theil der Menschen kann so geheim seyn, als sie wol len; diese folglich mögen diese andächtige Erhe bung ihrer Herzen zu GOtt ja nicht unterlassen! Und da die Geheimhaltung und Vortref lichkeit des Fastens dadurch nichts verlieret, weil es dem und jenem bekannt ist; so kann es auch der Geheimhaltung und Vortreflich keit eurer Andachten nicht schaden, ob euch schon dieser und jener aus eurer Familie sin gen hört. Ein andrer großer Theil der Menschen können unmöglich verschiedne ihrer Andachten ohne Zeugen verrichten; diese also mögen das Singen eines Psalms zu der Zeit ja nicht un terlassen, wenn es die, mit welchen sie leben, wis sen müssen, daß sie ihr Gebet nicht versäumen. Denn was kann es schaden, wenn man weiß, daß ihr zu der Zeit einen Psalmen singet, während welcher man weiß, daß ihr in eurem Gebete be griffen seyd? Denn wer wollte das nicht oft des Tages thun, was der heil. Paulus und Silas auch zur Mitternacht nicht unterließen? Und wenn es euch, bey diesem euren Singen beyfallen sollte, daß sich die Grundfeste des Gefängnis ses bewegte, und die Thüren aufgethan wurden, als der heil. Paulus sang, so wird es eurer Andacht gewiß nicht nachtheilig seyn.
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Und endlich, da wir sehen, daß unsre Ein bildungen über unsre Herzen eine große Ge walt haben, und uns durch ihre Vorstellun gen lebhaft rühren, wird es sehr nützlich für euch seyn, wenn ihr, bey dem Anfange eurer An dacht, euch solche Vorstellungen macht, die euer Herz zu erhitzen, und es in eine dem Gebete, das ihr GOtt bringen wollt, gemäße Verfassung zu setzen, fähig sind. Brauchet, zum Exempel, ehe ihr euren Psal men zum Lobe Gottes anstimmt, eure Einbil dungskraft auf diese Art: Haltet euch still, und bildet euch ein, ihr sä het den Himmel offen, und das glorreiche Heer von Cherubim und Seraphim um den Thron Gottes stehen. Bildet euch ein, ihr hörtet die Musik der englischen Stimmen, welche weder Tag noch Nacht, das Lob desjenigen, der da ist, und war, und seyn wird, zu singen aufhören. Helft eurer Einbildung durch Stellen aus der Schrift, dergleichen folgende ist. [Offenb. VII. 4]. Darnach sahe ich, und siehe ei ne große Schaar, welche niemand zeh len konnte, aus allen Heiden, und Völ kern, und Sprachen, vor dem Stuhl ste hende und vor dem Lamm, angethan mit weissen Kleidern, und Palmen in ihren Händen. Und schrien mit großer Stim me und sprachen: Heil sey dem, der auf dem Stuhl sitzet, unserm GOtt und dem Lamme.
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Und alle Engel stunden um den Stuhl, und um die Aeltesten, und fielen vor dem Stuhl auf ihr Angesicht, und beteten GOtt an, und sprachen: Amen, Lob und Ehre, und Weisheit, und Dank, und Preis, und Kraft und Stärke sey unserm GOtt von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Denket hierüber so lange nach, bis euch eure Einbildung über die Wolken geführet, bis sie euch unter diese himmlische Wesen versetzet, und ein brünstiges Verlangen in euch erweckt hat, an ihrer ewigen Musik Antheil zu nehmen. Wenn ihr euch nur an diese Methode gewöh nen, und eure Einbildung mit dergleichen Vor stellungen beschäftigen wollt, so werdet ihr bald finden, daß es ein vortrefliches Mittel ist, den Geist der Andacht in euch zu erwecken. Fanget also beständig euren Psalm, oder Lobgesang mit diesen Einbildungen an, und bey iedem Verse desselben bildet euch ein, ihr be fändet euch selbst in jener himmlischen Gesell schaft, ihr stimmtet mit in das Chor der En gel, deren Töne sich mit den eurigen, so wie die eurigen sich mit den ihrigen, verbänden, und sän get das mit einer schlechten und schwachen Stim me auf Erden, was die Engel im Himmel singen. Ferner bildet euch manchmal ein, ihr wäret einer von denen gewesen, welche mit unserm Hei lande, als er einen Lobgesang anstimmte, zu
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gleich gesungen. Stellet ench<euch>, so viel wie mög lich vor, welche Majestät aus seinen Augen gestrahlet; bildet euch ein, ihr hättet, mit seiner Herrlichkeit umringet, dicht bey ihm gestan den. Und dann überlegt, wie sehr euer Herz würde seyn entflammt worden, was für Ent zückungen der Freude ihr würdet gefühlt haben, wenn ihr zugleich mit dem Sohne Gottes ge sungen hättet. Ueberleget, mit welcher Lust und Andacht ihr würdet gesungen haben, wenn ihr wirklich in diesem glücklichen Stande gewesen wäret, und für was für eine Straffe ihr es wür det gehalten haben, wenn ihr dabey hättet schwei zen müssen. Dieses überlegt und lernet dar aus, mit welcher Rührung ihr eure Psalmen und Lobgesänge singen sollt. Ferner bildet euch manchmal ein, ihr hättet den heil. David, die Harfe in den Händen, und die Augen gen Himmel gewendet, gesehen; ihr hättet es mit angehört, wie er in der Ent zückung, der ganzen Schöpfung, der Sonne und dem Monde, dem Lichte und der Fin sterniß, dem Tage und der Nacht, den Men schen und den Engeln, zugerufen, sich mit seiner jauchzenden Seele zum Preise des Herrn der Heerschaaren zu verbinden. Bleibet bey dieser Einbildung so lange stehen, bis ihr wirklich mit diesem göttlichen Sänger zu singen glaubt, nnd<und> laßt euch einen solchen Ge sellschafter lehren, wie ihr euer Herz in dem fol
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genden Psalmen gehörig zu GOtt erheben sollt, mit welchem ihr beständig eure Morgenandacht anfangen könnt. Psal. CXLV. Ich will dich erhöhen, mein GOtt, du König, und deinen Na men loben immer und ewiglich. Die folgenden Psalmen, als der 34te, der 96te, der 103te, der 111te, der 146te, der 147te, sind von solchem Inhalte, daß sie die Herrlichkeit Gottes auf das wundervollste ab schildern, und ihr könnt daher ieden derselben, welcher euch am besten gefällt, zu der bestimm ten Stunde gebrauchen, oder könnt auch aus al len die schönsten Stellen nehmen, und diese aus eine Art zusammen setzen, wie es sich für eure Andacht am besten schickt.
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Sechzehntes Hauptstück. Preiset die Andacht um neun Uhr des Morgens an, welches in der Schrift die dritte Stunde des Tages heißt. Der Inhalt dieser Gebete ist die Demuth.

------------------------------ Ich komme nunmehr zu einer andern Stunde des Gebets, welche in der Schrift die drit te Stunde des Tages genennt wird; nach un srer Art aber die Stunden zu zehlen, ist es die neunte Stunde des Morgens. Der fromme Christ muß sich um diese Zeit für verbunden halten, sein Gebet vor GOtt zu er neuern, und sich abermals zu dem Throne der Gnade zu wenden. Es findet sich zwar in der That kein ausdrück licher Befehl in der Schrift, unsre Andacht in dieser Stunde zu wiederhohlen; allein man muß bedenken, daß auch kein ausdrücklicher Befehl darinn vorkömmt, den Tag mit Gebet anzufan gen und zu beschließen. Wenn dieses uns also berechtigen kann, die Andacht zu dieser Stunde zu verabsäumen, so kann es uns auch eben so wohl berechtigen, die Andacht beydes zu Anfan ge und am Ende des Tages zu verabsäumen. Wenn aber der durchgängige Gebrauch der Heiligen zu allen Zeiten, wenn die Gewohnheit der frommen Juden und ersten Christen einigen Nachdruck bey uns hat, so haben wir Ursache ge
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nug, diese Stunde zu einer beständigen Stunde der Andacht zu machen. Wir sehen aus der Schrift, daß diese Stun de sowohl bey den Juden, als bey den Chri sten, der Andacht gewidmet gewesen, und wenn wir uns also zu denen rechnen wollen, deren Herz GOtt gewidmet ist, so müssen wir diese Stun de nicht vorbey streichen lassen, ohne mit unsrer Andacht vor GOtt zu erscheinen. Doch auch außer diesen wichtigen Beyspielen ist schon die bloße Vernnnftmäßigkeit<Vernunftmäßigkeit> dieses Gebrauchs hin länglich, euch zur genauen Beobachtung dessel ben aufzumuntern. Denn wenn ihr des Morgens zu guter frü her Zeit aufsteht, so wird zwischen eurer ersten Andacht und dieser Stunde ein sattsamer Ab stand seyn, und ihr werdet euch lange genug mit andern Dingen beschäftiget haben, um zu dem größten von allen euren Geschäften zurück zukehren, nehmlich zur Erhebung eurer Seelen und Neigungen zu Gott. Wenn ihr aber zu spät aufgestanden seyd, daß ihr eure erste Andacht kaum zu dieser Stunde anfangen könnt, zu welcher ihr schon in eurer zweyten begriffen seyn solltet, so könnt ihr dar aus sehen, daß die weichliche Verlängerung des Morgenschlafs keine geringe Sache ist, weil sie euch in eurer Andacht so weit zurück setzt, und euch des Segens und der Gnadenbezeigungen beraubt, welche durch öfteres Gebet erlangt werden.
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Denn wenn das Gebet bey GOtt etwas ver mag, wenn es die Banden der Sünde auflö set, wenn es die Seele reiniget, wenn es un sre Herzen verbessert, und den Beystand der göttlichen Gnade zu uns herab ziehet; wie kann das für eine geringe Sache gehalten werden, was uns eine Stunde des Gebets entziehet? Bildet euch ein, ihr stündet irgendwo hoch in der Luft, als ein Zuschauer alles dessen, was in der Welt vorgeht; bildet euch ein, ihr sähet auf einen Blick alle die Andachten, mit welchen die Christen ieden Tag vor GOtt erscheinen. Bil det euch ein, ihr bemerktet, daß einige derselben, so wie die ersten Christen, eine fromme Einthei lung des Tages und der Nacht beobachteten, daß sie keine Stunde des Gebets versäumten, daß sie Psalmen sängen, und GOtt zu allen den Zeiten anruften, zu welchen die Heiligen und Märty rer ihre Gnadengaben von GOtt herabbeteten. Bildet euch ein, ihr sähet andre ohne alle Re gel, sowohl in Ansehung der Zeit zum Gebete, als der öftern Wiederhohlung desselben, leben; ihr sähet sie ihre Andacht früher oder später ver richten, so wie es ihnen Schlaf und Träg heit erlaubten. Wenn ihr dieses nun sehen solltet, so wie GOtt es sieht, was glaubt ihr wohl, daß dieser An blick für Regungen in euch erwecken werde? Was für ein Urtheil würdet ihr wohl über die se verschiedene Gattungen von Menschen erge hen lassen? Könntet ihr wohl denken, daß die,
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welche ihre Regeln der Andacht so genau be obachten, durch ihre Genauigkeit nichts ge winnen sollten? Könntet ihr wohl denken, daß ihre Gebete eben so aufgenommen werden, und ihnen nicht mehr Segen verschaffen würden, als die Gebete derer, welche sich lieber in Trägheit pflegen, als die Stunden und Regeln der An dacht beobachten wollen? Könntet ihr wohl die einen für eben so auf richtige Diener Gottes halten, als die andern? Könntet ihr euch wohl einbilden, daß die, wel che in ihrem Leben so unterschieden sind, nicht auch nach dem Tode einen Unterschied ihres Standes zu erwarten haben sollten? Könntet ihr es wohl für eine gleichgültige Sache hal ten, welchen von diesen Leuten ihr am ähnlich sten seyd? Ist dieses nicht, so sorget, wie ihr ie eher ie lieber zu der Zahl der Frommen, zu der Gemein schaft der Heiligen gehören möget, unter wel cher ihr, wenn ihr die Welt verlasset, erfunden zu werden wünschet. Und obschon die bloße Anzahl und Wieder hohlung unsrer Gebete, von sehr geringem Werthe ist, so können wir gleichwohl, weil das gehörig und andächtig verrichtete Gebet das na türlichste Mittel ist, unsre Herzen zu bessern und zu reinigen, und weil das Anhalten im Gebet uns in der Schrift eben so sehr empfohlen wird, als das Gebet selbst, versichert seyn, daß, wenn wir fleißig und anhaltend im Gebet sind,
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wir die besten Mittel ergriffen haben, uns der größten Vortheile eines frommen Lebens zu versichern. Und von denjenigen Gegentheils, welche sich durch Nachläßigkeit, Trägheit und Wohlleben zur Beobachtung gewisser Regeln und Stun den der Andacht ungeschickt machen, können wir gewiß glauben, daß sie sich selbst des Se gens und der Gnadenbezeigungen berauben, wel che eine genaue und inbrünstige Andacht von GOtt verschaft. Da nun dieses fleißige Anhalten im Gebet in der Schrift gegründet ist, und uns durch das Beyspiel aller wahren Anbeter Gottes empfohlen wird; so müssen wir uns wegen Unterlassung desselben nie für entschuldiget halten, als wenn wir zeigen können, daß wir unsre Zeit mit Ge schäften zubringen, die GOtt angenehmer, als unser Gebet sind. Am allerwenigsten aber müssen wir uns ein bilden, daß Trägheit, Nachläßigkeit, Er götzungen und Zeitvertreibe uns auf irgend einige Art entschuldigen können, wenn wir in Beobachtung unsrer Andacht nicht strenge und fleißig genug sind. Wenn ihr den Geist der Andacht habt, so wird es euch angenehm seyn, von Zeit zu Zeit euch zum Gebete wenden zu können, weil dieses die Seele in einem heiligen Genusse Gottes erhält, unsre Leidenschaften in göttliche Liebe verwan
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delt, und unsre Herzen mit stärkrer Freude und mächtigerm Troste erfüllt, als in irgend einem andern Dinge auf der Welt zu finden ist. Wenn ihr aber den Geist der Andacht nicht habt, so seyd ihr zu diesem Fleiße im Gebete um so viel mehr verbunden, damit das wahre Ge fühl der Andacht in eurem Herzen erweckt, und in Uebung erhalten werde. Da wir nun sehen, daß der Geist des Chri stenthums und das Beyspiel der Heiligen aller Zeiten, diese Eintheilung des Tages in gewisse Stunden des Gebets von uns fordern; so wird es euch sehr nützlich seyn, wenn ihr eine rechte Wahl unter den Dingen treffet, die der Inhalt eurer Gebete seyn sollen, und für iede Stunde des Gebets eine besondre Materie festsetzet, die ihr nach Beschaffenheit eurer Umstände verän dern oder erweitern könnt. Auf diese Weise werdet ihr die beste Gelegen heit haben, euch auf alle Stücke derjenigen Tu gend oder Gnadengabe, die ihr zu dem besondern Inhalte des Gebets gemacht habt, weitläuftig und besonders einzulassen; und wenn ihr also nach allen ihren Stücken darum bittet, und sie alle Tage zu dem Inhalte eines ganzen Gebets macht, so werdet ihr gar bald euer Herz sehr verändert finden, und es wird euch unmöglich seyn, ieden Tag eures Lebens um alle Stücke die ser oder jener Tugend so unabläßig zu bitten, und gleichwohl die übrige Zeit des Tages ihr zu wider zu leben.
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Wenn ein weltlich gesinnter Mann ieden Tag wider alle weltliche Neigungen beten woll te; wenn er eine weitläuftige Beschreibung aller Versuchungen des Geitzes machen, und GOtt um Beystand, sie alle zu überwinden, an flehen wollte, so würde er gar bald sein Gewissen so sehr gerührt finden, daß er entweder dieses Gebet, oder sein weltliches Leben, unterlassen müßte. Eben so ist es auch mit allen andern Stücken beschaffen; und wenn wir bitten und nichts erhalten, so kömmt es daher, weil wir nicht so bitten, wie es sich gehört, weil wir in kalten und allgemeinen Formeln bitten, wel che die Tugenden blos nennen, ohne ihre beson dern Theile zu beschreiben, und weil sie für unsre Umstände nicht besonders eingerichtet sind, auch keine Veränderung in unserm Herzen her vorbringen können. Wenn ein Mensch aber al le Stücke einer Tugend in seinem Gebete berüh ret, so wird sein Gewissen dadurch erweckt, und er erschrickt, sich so weit davon entfernt zu se hen. Und dadurch eben wird er zur Inbrunst im Gebete angereitzt, wenn er wahrnimmt, wie viel ihm noch von derjenigen Tugend fehlet, um die er Gott insbesondre anflehet. Ich habe in dem vorhergehenden Hauptstücke die Vortreflichkeit des Lobes nnd<und> der Danksa gung gezeigt, und beydes zu dem Inhalte eurer ersten Morgenandacht angepriesen.
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Und weil der Stand der Demuth der wahre Stand der Religion ist; weil die De muth das Leben und die Seele der Frömmig keit, der Grund und die Stütze einer ieden Tu gend und eines ieden guten Werks, die stärkste Versichrung aller heiligen Neigungen ist; so will ich euch die Demuth, als den besten Inhalt eurer Andacht, zu dieser dritten Stunde des Tags, empfehlen, und ernstlich wünschen, daß ihr keinen Tag wohl vollbracht zu haben glau ben möget, an welchem ihr nicht früh in dieser demüthigen Verfassung vor Gott erschienen, und ihn angeruffen, euch den Tag über in dem Gei ste der Sanftmuth und Niedrigkeit wan deln zu lassen. Diese Tugend ist zur gehörigen Verfas sung unsrer Seele so nothwendig, daß sich ohne dieselbe ein vernünftiges und frommes Leben auch nicht denken läßt. Wir können eben so wohl ohne Augen und ohne Athem leben, als in dem Geiste der Religion einhergehen, ohne den Geist der Demuth zu haben. Und ob nun gleich diese Tugend die Seele und das Wesen aller Pflichten der Religion ist, so ist sie doch, überhaupt zu reden, von allen Tu genden diejenige, die von den Christen insge mein, am wenigsten verstanden, am wenigsten geachtet, am wenigsten begehret und ge sucht wird. Niemand hat mehr Ursache gegen die Anfälle des Stolzes auf seiner Hut zu seyn, als die,
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welche in einem frommen Leben schon einige Progressen gemacht haben. Denn der Stolz kann eben sowohl durch unsre Tugenden, als durch unsre Laster wachsen, und er stiehlt sich in unser Herz bey aller Gelegenheit ein. Jede gute Gedanke, die wir haben, iede gute Handlung, die wir thun, stellet uns dem Stolze blos, und setzt uns den Anfällen der Eitelkeit und Selbstliebe aus. Nicht allein die Schönheit unsrer Person, nicht allein die Glücksgüter, oder unsre natürli chen Gemüthsgaben und Vorzüge des Lebens, sondern selbst unsre Andachten und Almosen, unsre Fasten und Erniedrigungen, unter werfen uns den starken Versuchungen dieses bö sen Geistes. Und dieses ist eben die Ursache, warum ich iede fromme Person so ernstlich ermahne, ieden Tag mit Uebungen der Demuth anzufangen, damit sie unter dem Schutze dieser guten Führe rinn ihren Weg sicher fortsetze, und nicht das Opfer ihrer eignen Progressen in den Tugenden werde, welche die Menschen vom Verderben er retten sollen. Die Demuth besteht nicht darinn, daß wir eine üblere Meinung von uns selbst haben, als wir verdienen, oder daß wir uns tieffer herunter setzen, als wir herunter zu setzen sind; sondern so, wie iede Tugend auf Wahrheit gegründet ist, so ist auch die Demuth auf eine wahre und
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richtige Empfindung unsrer Schwachheit, unsers Elends und unsrer Sünde gegründet. Nur der, welcher diese Empfindung seines Zu standes gehörig fühlt und darinn lebt, nur der lebt in Demuth. Unsre Schwachheit erhellet aus der Unfähig keit, irgend etwas aus unsern eignen Kräften zu thun. Unserm natürlichen Stande nach, sind wir gänzlich ohne alles Vermögen; wir sind zwar wirklich thätige Wesen, allein wir können nicht anders als vermöge derjenigen Kraft handeln, die uns alle Augenblicke aufs neue von GOtt geliehen wird. Wir können aus eigner Kraft eben so wenig eine Hand rühren, oder einen Fuß fortsetzen, als wir die Sonne bewegen, oder die Wolken aufhalten können. Wenn wir ein Wort sprechen, so fühlen wir, daß wir von uns selbst eben so wenig Vermögen dazu haben, als wir Vermögen haben, einen Todten zu erwecken. Denn wir handeln eben so wenig aus eigner Macht, oder aus eignen Kräften, wenn wir ein Wort sprechen, oder einen Laut hervorbringen, als die Apostel aus eigner Macht, oder aus eignen Kräften handel ten, wenn ein Wort aus ihrem Munde Teu fel austrieb, und Krankheiten heilte. So wie sie blos die Macht Gottes geschickt machte, mit solchem Nachdrucke zu sprechen, so macht auch uns blos die Macht Gottes ge schickt, überhaupt zu sprechen.
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Wir finden in der That, daß wir sprechen können, so wie wir finden, daß wir leben; die wirkliche Ausübung des Sprechens aber, ist eben so wenig in unsrer eignen Gewalt, als der wirk liche Genuß des Lebens. Dieses ist die abhängende, hülflose Armselig keit unsers Standes; welche ein großer Bewe gungsgrund zur Demuth ist. Denn da wir weder von uns selbst sind, noch etwas von uns selbst thun können, so machen wir uns, wenn wir auf irgend etwas, das wir sind, oder auf irgend etwas, das wir thun, stolz sind, und uns die Ehre deswegen selber zuschreiben, beydes des Stehlens und des Lügens schuldig. Wir machen uns des Stehlens schuldig, indem wir uns selber Diuge<Dinge> beylegen, welche GOtt zugehören. Wir machen uns des Lügens schuldig, indem wir unsern wahren Zustand verleugnen, und etwas zu seyn vorgeben, was wir doch nicht sind. Der zweyte Bewegungsgrund zur Demuth ist das Elend unsers Zustandes. Das Elend unsers Znstandes<Zustandes> erhellet aber daraus, daß wir diese geborgten Kräfte unsrer Natur, zur Pein und Marter unsrer selbst, und unsrer Nebengeschöpfe misbrauchen. Der allmächtige GOtt hat uns den Gebrauch der Vernunft anvertrauet, und wir misbrau chen sie zur Verwirrung und zum Verderben unsrer Natur. Wir vernünfteln uns selbst in alle Arten der Thorheit und des Elends, und machen unser Leben zu einem Spiele thörichter
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und ausschweiffender Leidenschaften, indem wir nach eingebildeter Glückseligkeit unter allen Ar ten von Gestalten suchen, uns selber tausend Bedürfnisse erschaffen, unsre Herzen mit falscher Hoffnung und Furcht aufziehen, die Welt gleich unvernünftigen Geschöpfen brauchen, einander beneiden, und mit unruhigen Leidenschaften und unvernünftigen Zänkereyen, einander plagen und martern. Es darf ein ieder nur auf sein Leben zurück sehen, und überlegen, wie er seine Vernunft gebraucht, wie wenig er sie zu Rathe gezogen, und wie selten er ihr gefolgt; was für thörichte Leidenschaften, was für eitle Gedanken, was für unnöthige Arbeit, was für ausschweiffen de Anschläge den größten Theil seines Lebens weggenommen; wie thöricht er in seinen Wor ten und seinem Umgange gewesen; wie selten er aus Ueberlegung etwas gutes gethan, und wie oft er durch den bloßen Zufall abgehalten worden, übels zu thun; wie selten er mit sich selbst zufrieden, und wie oft andre mit ihm unzufrieden gewesen; wie oft er seine Rath schlüsse geändert; wie oft er das, was er haßte, liebgewonnen, und was er liebte, zu hassen ange fangen; wie oft er über Kleinigkeiten erzürnt und entzückt worden; wie oft ihm einerley Dinge gefallen und mißfallen, und wie unab läßig er eine Eitelkeit mit der andern abgewech selt. Nur aus diesem Gesichtspuncte darf ein Mensch sein Leben betrachten, und er wird bald Gründe genug finden, die ihm das Geständniß
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auspressen, der Stolz sey nicht für den Men schen gemacht. Er darf nur bedenken, daß wenn die Welt alles von ihm wüßte, was er selbst von sich weiß; wenn man sähe, was für Eitelkeit und Lei denschaften sein Inneres regierten, und was für verborgne Neigungen seine besten Hand lungen verstellen und verderben, so würde er eben so wenig verlangen, wegen seiner Güte und Weisheit geehrt und bewundert zu wer den, als ein ungesunder, verfaulter Körper, wegen seiner Schönheit bewundert und geliebt zu werden, verlangen kann. Dieses ist so wahr, und den Herzen der aller meisten Menschen so bekannt, daß ihnen nichts schrecklichers wiederfahren könnte, als wenn sie ihre Herzen den Augen aller Zuschauer so bloß gestellet wissen sollten. Und vielleicht giebt es wenig Menschen in der Welt, welche nicht lieber sterben, als alle ihre geheime Thorheiten, alle ihre Irrthümer des Verstandes, alle Eitelkeit ihrer Gemüther, die Unlauterkeit aller ihrer Anschläge, die Heftig keit ihrer eiteln und unordentlichen Leiden schaften, ihr Misvergnügen, ihren Haß, ihren Neid, ihre Plagen, der Welt bekannt gemacht haben wollten. Und soll der Stolz wohl noch in einem Herze ernährt werden, das von seinem eignen elenden Zustande so überzeugt ist?
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Soll ein Geschöpf, welches die Scham un möglich würde ausstehen können, wenn es der Welt nach seiner wahren Beschaffenheit bekannt würde; soll ein solches Geschöpf, weil seine Schande nur GOtt, und den heiligen Engeln, und seinem Gewissen bekannt ist, es wagen dür fen, in dem Angesichte Gottes und der heiligen Engel, eitel und auf sich selbst stolz zu er scheinen? Wenn wir drittens, noch hierzu die Scham und Schuld der Sünde fügen, so werden wir einen noch größern Bewegungsgrund zur De muth finden. Es würde kein Geschöpf, wenn es schon in Unschuld gelebt hätte, deswegen ein Recht er langt haben, auf sich selbst stolz zu seyn, weil es, als ein Geschöpfe, alles, was es ist, oder hat, oder thut, von GOtt ist, hat und thut, und daher alle Ehre, die es sich anmaßt, blos und allein GOtt zukömmt. Wenn aber ein sündiges Geschöpf, welches unter dem Zorne des großen Beherrschers der ganzen Welt liegt, und nichts als Straffe und Marter, wegen des schändlichen Mißbrauchs seiner Kräfte, von ihm verdienet: wenn ein sol ches Geschöpf auf irgend etwas, das es ist, oder thut, stolz ist, so kann man mit Recht sagen, daß es auf seine Schande stolz ist. Wie ungeheuer und schändlich aber die Natur der Sünde sey, erhellet hinlänglich aus
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dem großen Versöhnopfer, durch welches wir allein von der Schuld derselben gereiniget wer den konnten. Es wurde nichts geringers darzu erfordert, die Schuld unsrer Sünden von uns zu nehmen, als der martervolle Tod des Sohnes Gottes. Hätte er nicht unsre Natur angenommen, so würde unsre Natur auf ewig von GOtt ge trennt und unfähig geblieben seyn, vor ihm zu erscheinen. Und wie ist es möglich, daß noch einiger Stolz bey uns Statt finden kann, da wir Theilhaber einer solchen Natur sind? Haben uns unsre Sünden ihm so häßlich und abscheulich gemacht, daß er auch nicht einmal unser Gebet und unsre Reue eher annehmen können, als bis der Sohn Gottes selbst Mensch, und der leidende Vorsprecher für unser ganzes Geschlecht geworden; wie können wir in diesem Zustande hohe Gedanken von uns selbst haben? Können wir an unsrer eignen Würde Ver gnügen finden, da wir nicht einmal würdig sind, ohne die Vermittelung des Sohnes Gottes, um Vergebung unsrer Sünde zu bitten? Und so tief ist der Grund zur Demuth gelegt, in diese beweinenswürdigen Umstände unsers Standes nehmlich, welche deutlich zeigen, daß es ein eben so großes Vergehen wider die Wahr heit und das Wesen der Dinge sey, wenn ein Mensch, in diesen Umständen, einen Anspruch auf irgend einen Grad der Ehre, machen will,
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als wenn er vorgeben wollte, er habe sich selbst erschaffen. Wenn ein Mensch auf etwas, das sein eigen ist, stolz seyn will, so muß er auf sein Elend und seine Sünde stolz seyn; denn die ses ist das einzige, was ihm eigenthümlich zu gehört. Kehret eure Augen gen Himmel und bildet euch ein, ihr sähet alles, was daselbst geschiehet; bildet euch ein, ihr sähet die Cherubim und Seraphim und alle die glorreichen Einwoh ner dieses Orts, alle zu einem Werke vereiniget; wie sie nicht ihre eigne Ehre suchen, wie sie nicht nach ihrer eignen Erhebung trachten, wie sie nicht ihre eignen Vollkommenheit be wundern, wie sie nicht ihr eigen Lob singen, wie sie nicht sich selbst hoch schätzen und andre verachten, sondern wie sie alle mit einerley Werke beschäftiget und alle in einerley Freude selig sind; wie sie ihre Kronen vor dem Throne Gottes niederwerffen, und ihn allein für würdig erkennen, Preis, Ehre und Kraft zu nehmen. [Offenb. V. 10. 11]. Alsdenn kehret eure Augen auf die gefallene Welt, und überleget, wie unvernünftig und häßlich es für solche arme Würmer, für solche elende Sünder, sich an ihrer eignen eingebil deten Herrlichkeit zu vergnügen, da inzwi schen die erhabensten und glorreichsten Söhne des Himmels, keine andre Größe und Ehre su chen, als die, alle Ehre, Größe und Herrlichkeit GOtt allein zuzuschreiben.
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Der Stolz ist blos ein Verderben der gefal lenen Welt, und findet unter keinem andern Wesen Statt; er kann blos da bestehen, wo Unwissenheit und Sinnlichkeit, Lügen und Falschheit, Lüste und Unreinigkeit herrschen. Laßt einen Menschen, wenn er mit seiner eig nen Figur am zufriedensten ist, seine Augen auf ein Crucifix werfen, und unsern Erlöser be trachten, wie er mit ausgestreckten Armen ans Kreutz genagelt ist; und alsdenn laßt ihn überlegen, wie abgeschmackt es sey, wenn ein Herz voller Stolz und Eitelkeit zu GOtt be ten, und sich in seinem Gebete auf Martern ei nes so sanftmüthigen und gekreutzigten Er lösers gründen will. Dieses sind die Betrachtungen, welche ihr oft anstellen müßt, damit ihr dadurch geschickt ge macht werdet, vor GOtt und den Menschen in einem solchen Geiste der Demuth einherzugehen, als sich für den schwachen, elenden und sün digen Stand aller derer schickt, welche von dem gefallenen Adam abstammen. Wenn ihr nun durch dergleichen allgemeine Betrachtungen, euren Verstand von der Ver nunftmäßigkeit der Demuth überzeugt habt, so müßt ihr euch nicht damit begnügen, und glau ben, ihr wäret also schon demüthig, weil euer Ver stand die Vernunftmäßigkeit der Demuth erken net, und sich wider den Stolz erkläret. Son dern ihr müßt euch unmittelbar darauf, an die
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Ausübung dieser Tugend selbst machen, gleich ei nem jungen Anfänger, welcher noch alles zu lernen hat, welcher auf einmal nur sehr wenig, und noch dazu mit großer Schwierigkeit lernen kann. Ihr müßt bedenken, daß ihr nicht allein diese Tugend zu lernen habt, sondern daß ihr, als ein Lehrling, eure ganze Zeit über darinn weiter gehen, nach größern Graden derselben streben, und alle Tage Handlungen der Demuth ausüben müßt, so wie ihr alle Tage Handlungen der An dacht ausübet. Ihr würdet euch nicht einbilden, daß ihr des wegen andächtig wäret, weil euer Verstand das Beten billiget, und ihr euch öfters für die An dacht vortheilhaft erkläret. Wie viel Leute aber bilden sich ein, demüthig genug zu seyn, und zwar aus keiner anderu<andern> Ursache, als weil sie die Demuth oft empfehlen, und sich wider den Stolz mit vielem Nachdrucke erklären? Cäcus ist ein reicher Mann, der eine gute Lebensart und feine Gaben hat. Er hat sich in den Putz verliebt, und ist auf alle Kleinig keiten bedacht, die seiner Person irgend eine Zierath mehr geben können. Er ist gegen alle seine Untergebene aufgeblasen und gebietherisch, er ist von allem, was er sagt und thut, eingenom men, und kann sich unmöglich einbilden, daß ein Verstand, wie der seinige, irren könne. Er kann keinen Widerspruch ertragen, und entdeckt die Schwäche eures Verstandes, sobald ihr euch ihm widersetzet. Er verändert alle Dinge in sei
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nem Hause, seine Kleider, und seine Equi page, sobald ihm etwas zierlichers vorkömmt. Cäcus würde sehr religiös gewesen seyn, wenn er nur nicht beständig geglaubt hätte, er wäre es schon. Nichts ist dem Cäcus verhaßter, als ein stol zer Mensch; und zu allem Unglücke ist er hier inn so scharfsichtig, daß er bey allen Menschen Spuren der Eitelkeit entdecket. Gegentheils liebt er demüthige und bescheidne Personen ganz außerordentlich. Die Demuth, sagt er, ist so eine liebenswürdige Eigenschaft, daß sie uns unsre Hochachtung abdringt, wir mögen sie antreffen, wo wir wollen. Es ist gar keine Möglichkeit, die geringste Person, welche sie besitzt, zu verachten, oder den größten Mann, welchem sie fehlet, hochzuschätzen. Cäcus bildet sich eben so wenig ein, daß er stolz sey, als er sich einbildet, daß es ihm an Sinnen fehlen sollte; und die Ursache hiervon ist die, weil er beständig fühlet, daß er die De muth so sehr liebet, und wider den Stolz so auf gebracht ist. Es ist wahr, Cäcus, ihr redet aufrichtig, wenn ihr sagt, daß ihr die Demuth liebet und den Stolz verabscheuet. Ihr seyd kein Heuchler, ihr redet die wahren Gesinnungen eures Ge müths; allein laßt euch auch zugleich dieses ge sagt seyn, Cäcus, daß ihr blos an andern die Demuth liebet, und den Stolz hasset. Ihr habt in eurem ganzen Leben an keine andre De
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muth, und an keinen andern Stolz gedacht, als an den, welchen ihr an andern Leuten gesehen. Der Fall, worinn sich Cäcus befindet, ist ein sehr gewöhnlicher Fall; es leben nicht wenige Leute in allen Thorheiten des Stolzes, und hän gen aller Eitelkeit nach, die sich ihrer Gemüther bemächtigen kann; gleichwohl aber kommen sie auch nicht einmal auf die Vermuthung, daß sie von Stolz und Eitelkeit regieret würden, weil sie wissen, wie sehr ihnen stolze Leute zuwider sind, und wie ungemein ihnen Demuth und Be scheidenheit gefallen, sie mögen sie finden, wo sie wollen. Alle ihre Reden zum Vortheile der Demuth, alle ihre Spöttereyen wider den Stolz, betrach ten sie als so viele wahre Uebungen und Wir kungen ihres demüthigen Geistes. In der That aber sind dieses nichts weniger, als Handlungen oder Beweise der Demuth, son dern sie sind vielmehr sichre Merkmale des Man gels derselben. Denn ie stolzer einer selbst ist, desto unerträg licher wird ihm die geringste Spur des Stolzes an andern seyn; und ie weniger Demuth einer selbst hat, desto mehrere wird er von andern verlangen, und desto lieber wird er sie an andern finden. Ihr müßt also hier ein ganz ander Maaß an nehmen, und euch nur in so weit für demüthig halten, als ihr alle Beweisstücke der Demuth
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euch selbst auflegt, und sie niemals von andern verlanget. Ihr müßt nur in so ferne von euch glauben, daß ihr den Stolz hasset, in so ferne ihr ihn bey euch selbst nicht Statt finden lasset, noch an andern Personen tadelt. Dieses nun zu bewerkstelligen, dürft ihr blos bedenken, daß Stolz und Demuth nichts für euch zu bedeuten haben, als in so ferne sie euer eigen sind; daß sie euch weder schädlich noch nütz lich seyn können, als in so ferne sie die Eigen schaften eures eignen Herzens sind. Daß ihr also die Demuth liebt, dieses kann euch zu nichts helfen, als in so ferne ihr es gerne seht, daß eure eignen Gedanken, Worte und Werke von ihr regiert werden. Und daß ihr den Stolz hasset, dieses kann euch weiter keinen Vortheil bringen, und ist auch weiter keine Voll kommenheit an euch, als in so ferne ihr euch hü tet, irgend einen Grad derselben in eurem eignen Herzen zu dulden. Um nun in der Ausübung der Demuth einen guten Anfang zu machen, müßt ihr es für aus gemacht annehmen, daß ihr stolz seyd, und daß ihr, euer ganzes Leben hindurch, mit dieser unver nünftigen Neigung mehr oder weniger behaftet gewesen. Ihr müßt also glauben, daß der Stolz eure größte Schwachheit ist, daß ihm euer Herz sehr ergeben ist, und daß er sich so unabläßig in das selbe einzustehlen sucht, daß ihr ja wohl auf eu
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rer Hut seyn, und seine Angriffe in allen euren Handlungen befürchten müßt. Und das ist es, was die meisten Menschen, besonders Anfänger in einem frommen Leben, mit gutem Grunde der Wahrheit von sich den ken können. Denn es ist kein ander Laster in unsrer Natur so tief eingewurzelt, und keines bekömmt fast von allen Dingen, die wir denken oder thun, so viel Nahrung, als der Stolz. Es werden wenig Dinge in der Welt seyn, die wir nöthig ha ben, oder gebrauchen, es werden sich wenig Handlungen oder Pflichten des Lebens fin den, an welchen der Stolz nicht Mittel finden sollte, einigen Antheil zu nehmen. Wir mögen uns also mit unsrer Andacht zu GOtt wenden, wenn wir wollen, wir können immer gewiß seyn, daß wir einen großen Theil Stolzes zu be reuen haben. Wenn es euch also zuwider ist, diese Mei nung von euch selbst zu hegen, und wenn ihr euch unter die nicht rechnen wollt, welche von der Krankheit des Stolzes geheilet zu werden bedürfen, so könnt ihr es so gewiß glauben, als ob es euch ein Engel vom Himmel gesagt hätte, daß euch mehr nicht, als noch eure ganze De muth, fehlt. Denn das ist das größte Merkmal eines ein gewurzelten Stolzes, wenn man, schon demü thig genug zu seyn, glaubt. Wer GOtt schon
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genug zu lieben vermeint, der zeigt, daß ihm diese heilige Leidenschaft gänzlich unbekannt ist; und wer schon Demuth genug zu besitzen meinet, der zeiget gleicher Maaßen, daß man ihn noch nicht einmal einen Anfänger in der Ausübung der wahren Demuth nennen kann.

Siebzehntes Hauptstück. Zeiget wie schwer die Ausübung der Demuth, durch den allgemeinen Lauf und Geist der Welt gemacht werde, und wie sehr das Christenthum, der Welt ent gegen zu leben, von uns fordre.

------------------------------ Ein ieder, der sich an die Ausübung dieser Tugend der Demuth macht, muß sich, wie ich zuvor gesagt habe, als einen Anfänger be trachten, welcher etwas zu lernen hat, das sei nen vorigen Eigenschaften und Neigungen zu wider ist, und blos durch eine tägliche und be ständige Uebung erlangt werden kann. Er hat nicht nur blos so viel zu thun, als der, welcher irgend eine neue Kunst, oder Wissenschaft zu lernen hat, sondern er muß auch sehr vieles erst wieder verlernen. Er muß seinen eignen Geist, welcher sich lange Zeit selbst bestimmet und gebildet hat, vergessen und ablegen; er muß die Menge von Leiden
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schaften und Meinungen, welche ihm die Mo de, der Lauf und der Geist der Welt natürlich gemacht haben, aufgeben und sich völlig von ih nen los machen. Er muß seinen eignen Geist ablegen; denn da wir in Sünden gebohren sind, so gehöret auch der Stolz zu diesen Sünden, welcher uns eben so natürlich ist, als die Selbstliebe, und unaufhörlich aus derselben entspringt. Und dieses ist eine von den Ursachen, warum das Christenthum so oft, als eine neue Geburth und als ein neuer Geist vorgestellt wird. Er muß die Meinungen und Leidenschaften aufgeben, die er von der Welt angenommen hat, weil die Mode und der Lauf der Welt, von welchem wir, ehe wir noch von dem Werthe der Dinge ein richtiges Urtheil fällen können, gleich als von einem Strome dahin gerissen wer den, in mancherley Betrachtung der Demuth zuwider ist; so daß wir also das, was uns der Geist der Welt gelehret hat, wieder verlernen müssen, ehe wir von dem Geiste der Demuth re giert werden können. Der Teufel wird in der Schrift der Fürst die ser Welt genennet, weil er viel Gewalt in der selben hat, und weil viele von ihren Regeln und Grundsätzen von diesem bösen Geiste, dem Vater aller Lügen und Falschheit, erfunden worden, um uns von GOtt zu trennen und unsrer Rückkehr zur Seligkeit vorzukommen.
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Nach dem Geiste und dem Lauffe dieser Welt nun, deren verdorbne Luft wir alle einge zogen haben, werden viel Dinge für groß und rühmlich und wünschenswerth angesehen, die es doch so wenig sind, daß die wahre Grös se und Ehre unsrer Natur darinn besteht, sie nicht zu begehren. Einen Ueberfluß an Gütern besitzen; Häuser und reiche Kleider haben; mit Prung und Pracht bedienet werden; schön von Person seyn; Wür den und Titel führen; unsern Nebengeschöpfen vorgezogen werden; über den Gehorsam und die Ehrenbezeigungen andrer zu gebieten haben; mit Bewunderung angesehen werden; unsre Feinde mit Gewalt überwinden; sich alle unter werfen, die sich uns widersetzen; sich in so vielem Glanze darstellen, als nur möglich ist; hoch und köstlich leben, und essen, und trinken; und sich auf die theuerste Art vergnügen: das sind die großen, die rühmlichen, die wünschenswer then Dinge, auf welche der Geist der Welt die Augen aller Menschen richtet; und es fürchtet sich mancher, stille zu stehen, und diesen Din gen nicht nachzujagen, weil ihn eben diese Welt für einen Thoren halten möchte. Die Geschichte des Evangelii, ist fast nichts als die Geschichte des Sieges Christi über die sen Geist der Welt; und die Anzahl der wahren Christen, ist einzig die Anzahl derer, welche dem Geiste Christi gefolgt sind, und diesem Geiste der Welt entgegen gelebt haben.
|| [0382.01]
Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein; und ferner: alles was von GOtt gebohren ist, überwindet die Welt. Trachtet nach dem, das droben ist, und nicht nach dem, das auf Erden ist; denn ihr seyd gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in GOtt. Dieses ist die Sprache des ganzen neuen Testaments. Dieses ist das Merkmahl des Christenthums; ihr sollt gestorben seyn, das ist, ihr sollt dem Gei ste und dem Laufe der Welt abgestorben seyn, und in dem Geiste Christi ein neues Leben leben. Der Klarheit und Deutlichkeit dieser Lehren aber ungeachtet, nach welchen wir der Welt al so entsagen sollen, leben und sterben gleichwohl ein großer Theil der Christen als Sklaven der Gewohnheiten und des Laufs der Welt. Wie viele sind von Stolz und Eitelkeit auf Dinge aufgeblasen, die sie ganz und gar nicht einmal würden zu schätzen wissen, wenn sie nicht von der Welt bewundert würden? Würde sich wohl ein Mensch zehn Jahr län ger mit der mühseligsten Arbeit plagen, um noch zwey Pferde mehr vor seine Kutsche spannen zu können, wenn er nicht wüßte, daß die Welt eine Kutsche mit sechs Pferden ungemein sehr bewundre? Wie bekümmert sind viel Leute, ihre Häuser nicht prächtig genug meublirt zu haben, oder nicht kostbar genug gekleidet zu seyn, blos aus der einzigen Ursache, die Welt werde
|| [0383.01]
sie sonst nicht gehörig achten, und sie mit dem niedrigsten Pöbel in eine Classe setzen? Wie oft würde nicht der und jener der Auf geblasenheit und schlechten Gemüthsart andrer nachgegeben und ein demüthiges Wesen gezeigt haben, wenn er es nur wagen dürfte, in den Augen der Welt für einen so kleinmüthigen Mann zu gelten? Wie mancher würde seinen Groll unterdrü cken, und eine Beleidigung vergeben, wenn er nicht befürchten müßte, die Welt möchte ihm seine Versöhnlichkeit übel auslegen? Wie mancher würde die christliche Mäßig keit und Nüchternheit nach ihrer größten Voll kommenheit ausüben, wenn ihm nicht für das Urtheil bange wäre, welches die Welt über so ein Leben zu fällen pflegt? Andre haben sehr oft den Vorsatz, nach den Regeln der christlichen Vollkommenheit zu le ben, welche blos dadurch wieder davon abge schreckt werden, weil sie überlegen, was die Welt wohl von ihnen sagen werde. So sehr fesseln die Eindrücke, welche wir in dem Umgange mit der Welt annehmen, unsre Gemüther; wir wagen es nicht, in den Augen Gottes und der heiligen Engel vorzüglich zu erscheinen, blos weil wir uns fürchten, in den Augen der Welt für klein gehalten zu werden. Und hieraus entspringen die größten Schwie rigkeiten der Demuth, weil sie in keinem andern
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Gemüthe Statt finden kann, als in einem sol chen, welches der Welt abgestorben ist, und alle Begierde nach ihren Ehren und Hoheiten auf gegeben hat; daß man also, um wirklich de müthig zu seyn, alle die Begriffe wieder ver lernen muß, die man das ganze Leben hin durch, von diesem verderbten Geiste der Welt gelernet hat. Ihr könnt den Anfällen des Stolzes eher nicht widerstehen, die sanftmüthigen Gesinnun gen der Demuth können in eurer Seele eher nicht Platz finden, als bis ihr der Gewalt der Welt über euch, Einhalt gethan, und euch des blinden Gehorsams gegen ihre Gesetze entle diget habt. Und wenn ihr einmal so weit gekommen seyd, daß ihr in dem Strome der weltlichen Gewohnheiten und Neigungen, ohne mit fortgerissen zu werden, stille stehen, und den wahren Werth der Dinge, welche in der Welt am meisten gelten, und am meisten bewun dert werden, untersuchen könnt, so seyd ihr eurer Freyheit um ein großes näher gekommen, und habt einen sehr guten Grund zur Verbes serung eures Herzens gelegt. Denn so groß auch die Macht der Welt ist, so beruht sie doch nur blos und allein auf einem blinden Gehorsame, und wir dürfen nur die Augen aufthun, um uns von ihrer Gewalt frey zu machen.
|| [0385.01]
Fraget wen ihr wollt, Gelehrte oder Un gelehrte, ein ieder wird es wissen und beken nen, daß der allgemeine Lauf und Geist der Welt, nichts als Thorheit und Ausschwei fung ist. Wer wird nicht zugeben, daß die Weisheit der Philosophie, und die Frömmigkeit der Re ligion allezeit nur einer kleinen Anzahl von Menschen eigen ist? Und zeigt dieses nicht aus drücklich und offenbar, daß der Geist und die Neigungen der Welt weder der Weisheit der Philosophie, noch der Frömmigkeit der Reli gion gemäß sind. Die Welt scheint also durch ihr selbst eignes Bekänntniß genugsam verdammt zu seyn, und es einem denkenden Manne sehr leicht zu machen, daß er ein gleiches Urtheil darüber fällt. Und ich hoffe auch nicht, daß man es für ei nen harten Befehl halten wird, wenn man, um demüthig zu seyn, seinen Gehorsam von diesem Geiste der Welt, der den Thoren und Eitlen Gesetze giebt, abziehen und seine Urthei le nach der Weisheit der Philosophie und der Frömmigkeit der Religion abfassen soll. Wer würde sich ein Bedenken machen, einen solchen Tausch zu thun? Noch einmal, um eure Furcht und Hochach tung für die Welt zu veringern, so bedenkt, wie bald euch die Welt hintansetzen, ja so wenig an euch denken oder Achtung für euch haben wird, als für das elendeste Thier, das in einer Grube umkömmt.
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Eure Freunde, wenn sie können, mögen euch mit einigen Vorzügen begraben und ein Denk mal aufrichten, welches die Welt unterrichtet, daß euer Staub unter diesem Steine liegt. Euer Platz ist schon wieder durch einen andern angefüllet, die Welt ist in eben derselben Ver fassung, wie zuvor, ihr seyd aus ihrem Gesichte verwischt, und so sehr von der Welt vergessen, als wenn ihr niemals zu ihr gehört hättet. Denkt an die Reichen, Großen und Ge lehrten, die ein großes Aufsehn gemacht ha ben, und in der Hochachtung der Welt erhaben waren: viele unter ihnen starben zu eurer Zeit, und schon sind sie versunken, verlohren, vergan gen, und eben so bey der Welt vergessen, als wenn sie nur so viel Wasserblasen gewesen wären. Denkt ferner, wie viel arme Seelen den Him mel verlohren haben, und ietzt eine unglückliche Ewigkeit erwarten, weil sie sich einer Welt auf geopfert und ihr gedienet haben, die sich ohne sie eben so glücklich schätzt, eben so lustig ist, als sie war, da sie sich noch drinnnen befanden. Verlohnt es sich also wohl der Mühe, den ge ringsten Grad der Tugend zu verliehren, da mit man einem so schlimmen Herrn und ei nem so falschen Freunde, als die Welt ist, ge fallen möge? Verlohnt es sich der Mühe, daß wir die Knie vor einem solchen Götzen, wie diesem, beugen, der sobald weder Augen, noch Ohren, noch ein
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Herz für uns haben wird: anstatt daß wir die sem großen, und heiligen, und mächtigen GOtt dienen, der alle seine Diener zu Gefährten seiner eignen Herrlichkeit macht? Soll die Furcht einer falschen Welt, die keine Liebe für euch hat, bey euch über die Furcht des jenigen Gottes siegen, der euch einzig erschaffen hat, der euch in alle Ewigkeit mit Liebe und Seligkeit erfüllen wird? Endlich müßt ihr erwegen, was für eine Aufführung die Bekenntniß des Christenthums von euch in Absicht auf die Welt fordert. Dieses aber ist in folgenden Worten deutlich aufgezeichnet: Der sich selbst für unsre Sün de gegeben hat, daß er uns errettete von der gegenwärtigen argen Welt. [Gal. I. 4]. Das Christenthum schließt also eine Rettung von der Welt in sich; und derjenige, der es be kennet, bekennt sich zu einem Leben, das iedem Dinge und ieder Neigung, die dieser argen Welt eigen ist, widerstreitet. Johannes erklärt diese Entgegensetzung der Welt folgender Maaßen: Sie sind von der Welt, darum reden sie von der Welt, und die Welt hört sie. Wir sind von GOtt. [1 Joh. IV. 5]. Dieß ist die Beschreibung der Nachfolger Christi; und es ist Beweis ge nug, daß diejenigen sich nicht zu den wahreu<wahren> Christen zählen dürfen, die, ihren Herzen und Neigungen nach, zu dieser Welt gehören. Wir wissen, sagt eben dieser Apostel, daß wir von
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GOtt sind, und die ganze Welt liegt im Argen. [Cap. V. v. 19]. Christen können also nur in so ferne wissen, daß sie von GOtt sind, in so ferne sie wissen, daß sie nicht von der Welt sind: das ist, wenn sie nicht den Wegen und dem Geiste der Welt gemäß leben. Denn alle Wege, und Grundsätze, und Klugheit und Neigung der Welt liegt im Argen. Und der ist einzig Got tes, oder aus GOtt in Christo Jesu gebohren, der die Welt überwunden hat, das ist, welcher erwählt hat, durch den Glauben zu le ben und seine Handlungen nach den Grundsätzen einer von GOtt durch Christum Jesum geoffen barten Weisheit zu regieren. Paulus nimmt es für eine den Christen so bekannte Wahrheit an, daß sie nicht länger dür fen angesehen werden, als lebten sie in dieser Welt, daß er sogar hieraus, als aus einem un leugbaren Grundsatze, auf die Abschaffung der Gebräuche des Jüdischen Gesetzes schließt: So ihr denn nun abgestorben seyd mit Chri sto den Satzungen der Welt, was laßt ihr euch den fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? [Col. II 20]. Es könnte darinnen kein Beweis liegen, wenn es nicht der Apostel für unleugbar annähme, daß die Christen überzeugt wären; ihr Bekenntniß erfordre, allen Neigungen und Begierden dieser Welt abgestorben zu seyn, als Bürger eines neuen Jerusalems zu leben, und ihren Wandel im Himmel zu führen.
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Unser theuerster Heyland selbst hat diesen Punkt in folgenden Worten vollkommen be stimmt: Sie sind nicht von dieser Welt, so wie ich nicht von dieser Welt bin. Dieses ist der Zustand des Christenthums, in Ab sicht auf diese Welt. Wenn ihr nicht also aus der Welt, oder ihr zuwider seyd, so fehlet euch das entscheidende Kennzeichen des Christen thums: ihr gehört Christo nur alsdenn an, wenn ihr außer der Welt seyd, so wie er außer ihr war. Wir können uns, wenn wir wollen, durch eit le und schmeichelnde Auslegungen dieser Worte selbst betrügen, aber sie werden und müssen doch allezeit in ihrer ersten Einfalt und Richtigkeit von einem ieden angenommen werden, der sie in eben dem Geiste liest, in welchem sie unser Se ligmacher gesprochen hat. Denn sie in einem geringern und weniger bedeutendem Verstande annehmen, ist nichts anders, als die fleischliche Weisheit diese Lehre hinweg erklären lassen, durch welche sie selbst sollte zerstöret werden. Der Christen größter Sieg über die Welt ist, ganz und gar in dem Geheimnisse Christi über das Kreutz enthalten. Hierdurch und hieraus lehrte er die Christen, wie sie aus der Welt kom men und sie besiegen sollten, und was sie thun müßten, um seine Jünger zu werden. Alle Leh ren, Sacramente, und Einsetzungen des Evangelii sind blos so viel verschiedene Ausle gungen des Verstandes, und Anwendungen der Wohlthat dieses großen Geheimnisses.
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Der Stand des Christenthums schließt wei ter nichts, als eine gänzliche unumschränkte Uebereinstimmung mit demjenigen Geiste in sich, den Christus in dem geheimnißvollen Opfer seiner Selbst am Kreutze bezeigt hat. Jedermann ist also nur in so fern ein Christ, als er an diesem Geiste Christi Antheil nimmt. Aus diesem Grunde drückt sich auch der heil. Paulus selbst so feurig aus: Es sey aber ferne von mir rühmen, denn allein von dem Kreutz unsers Herrn Jesu Christi: Doch warum rühmet er sich? Vielleicht weil Christus an seiner Statt gelitten, und ihn von dem Leiden befreyet hat? Nein, keinesweges; sondern weil ihn das Bekenntniß des Christen zu der Ehre ruft, mit Christo zu leiden und der Welt unter Schmach und Verachtung abzuster ben, so wie er an dem Kreutze gethan. Denn er setzt unmittelbar hinzu: durch welchen mir die Welt gekreutziget ist, und ich der Welt. [Gal. VI. 14]. Hieraus erhellet, was die Ursache seines Rühmens in dem Kreutze Chri sti sey, weil es ihn nehmlich zu einem gleichen Tode und Kreutzigung der Welt ruft. Also war das Kreutz Christi, in den Tagen Pauli, der Ruhm der Christen; nicht in dem Verstande, als ob sie sich nicht schäm ten, den für ihren Herrn zu erkennen, der ge kreutziget worden war, sondern in so fern, als sie sich einer Religion rühmten, welche nichts anders, als eine Lehre des Kreutzes war, die sie
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zu eben den Leiden, zu eben dem Opfer ihrer selbst, zu eben der Entsagung der Welt, zu eben der Sanftmuth und Demuth, zu eben der Ge duld in Schande, Trübsalen und Verachtung, zu eben dem Absterben aller Größe, Ehre und Glückseligkeit dieser Welt rufte, die Christus an dem Kreutze zeigte. Damit wir uns einen rechten Begriff vom Christenthume machen, so dürfen wir nicht un sern Erlöser betrachten, wie er an unsrer Statt leidet, sondern wie er uns selbst vorstellet, wie er in unserm Namen, und mit so einem besondern Verdienste handelt, daß er unsre Vereinigung mit ihm GOtt angenehm mache. Er litte, und opferte sich selbst, damit er un ser Leiden und das Opfer unsrer selbst bey GOtt annehmungswürdig machte. Wir müssen mit Christo leiden, gekreutziget werden, sterben und auferstehn: sonst hilft uns seine Kreutzigung, sein Tod und seine Auferstehung nichts. Die Nothwendigkeit einer solchen Gleichför migkeit mit alle demjenigen, was Christus that und um unsertwillen duldete, ist aus dem gan zen Verhältnisse der Schrift klar. Erstlich, was sein Leiden betrifft, so ist dieses die einzige Bedingung, unter welcher wir durch dasselbe sollen selig werden, dulden wir mit ihm, so werden wir mit ihm herr schen. Zum andern, was seine Kreutzigung anbe trifft. Dieweil wir wissen, daß unser al=
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ter Mensch samt ihm gekreutziget ist et cetera [Röm. VI. 6]. Hier sehen wir, daß Christus nicht an unsrer Statt gekreutziget ist: sondern daß, wofern nicht unser alter Mensch wirklich samt ihm gekreutziget wird, uns das Kreutz Christi nichts helfe. Drittens, ist in Ansehung des Todes Christi die Bedingung diese: Sind wir mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden. [v. 7]. Wenn also Christus allein todt ist, wenn wir nicht mit ihm todt sind, so sind wir aus dieser Schriftstelle eben so gewiß, daß wir auch nicht mit ihm leben werden. Zuletzt, was die Auferstehung Christi an belangt, so zeigt uns die heil. Schrift, wie wir an der Wohlthat derselben Theil nehmen kön nen: Seyd ihr nun mit Christo auferstan den, so suchet was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. [Col. III. 1]. Also sehet ihr, wie deutlich die heil. Schrift unsern Erlöser darstellt, als denjenigen, der uns selbst vorstellt, in unserm Namen thut und leidet, und uns bindet und verbindet, uns in al lem, was er für uns gethan und gelitten, ihm gleichförmig zu machen. Um dieser Ursache willen, sagt unser Heiland von seinen Jüngern, und in ihnen von allen Gläubigen, sie sind nicht von dieser Welt, so wie ich nicht von dieser Welt bin. Denn alle wahre Gläubigen leben dem Leiden, der Kreutzi
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gung, dem Tode und der Auferstehung Christi gemäß, nicht länger nach dem Geiste und Laufe dieser Welt, sondern ihr Leben ist mit Chri sto verborgen in GOtt. Dieß ist der Stand der Trennung von der Welt, zu welchem alle Christen berufen sind. Sie müssen allen weltlichen Lüsten so sehr entsa gen, und sich also durch die Dinge eines andern Lebeus<Lebens> regieren lassen, daß sie zeigen, daß sie wahrhaftig und wirklich mit Christo gekreutzi get, gestorben und auferstanden sind. Es ist aber eben so nothwendig, daß alle Christen sich dieser großen Veränderung des Geistes un terwerfen, also in Christo neue Creaturen sind, als es nothwendig war, daß Christus um unsrer Seligkeit willen leiden, sterben und wieder auferstehn mußte. Wie weit aber der Christen Leben über die Wege dieser Welt hinausgesetzt ist, dieß ist vor trefflich von dem heil. Paulo in diesen Worten beschrieben: Darum von nun an kennen wir niemand nach dem Fleisch. Und ob wir auch Christum gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch ietzt nicht mehr. Darum ist iemand in Chri sto, so ist er eine neue Creatur. Das alte te ist vergangen, siehe, es ist alles neu worden. [2 Cor. V. 16]. Derjenige, der die Kraft und den Geist die ser Worte fühlt, kann schwerlich davon eine menschliche Auslegung ertragen. Von nun an,
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sagt er; das ist, seit der Tod und die Auferste hung Christi, der Stand des Christenthums, ein so glorreicher Stand geworden, daß wir selbst Christum nicht mehr in dem Fleische auf Erden betrachten, sondern als einen GOtt der Herrlichkeit im Himmel; so betrachten wir uns selbst nicht als Menschen in dem Fleisch, sondern als Mitglieder einer neuen Gesellschaft, die ihr ganzes Herz, alle ihre Begierden und ihren Wan del im Himmel haben sollen. Also ist es das Christenthum, welches uns aus und über die Welt gesetzet hat; und wir feh len in unserm Berufe, sobald wir in die Nei gungen der Welt fallen. Nun aber, gleichwie es der Geist der Welt war, der unsern gesegneten Erlöser an das Kreutz nagelte; also muß auch iederman, wer den Geist Christi hat, und sich der Welt entgegen setzet, wie er that, gewiß auf eine oder die andre Art wieder durch die Welt gekreutziget werden. Denn das Christenthum lebt noch in eben der Welt, wo es Christus aufgerichtet hat; und diese zwey werden in beständiger Feindschaft le ben, bis das Reich der Finsterniß gänzlich zerstö ret ist. Hättet ihr mit unserm Heylande, als sein wahrer Jünger gelebt, so würdet ihr anch<auch> ge haßt worden seyn, wie er; und wenn ihr ietzt in seinem Geiste lebet, so wird euch die Welt eben so feind seyn, als sie ihm war.
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Wäret ihr von der Welt, sagt unser Erlöser, so hätte die Welt das ihre lieb: Dieweil ihr aber nicht von der Welt seyd, sondern ich habe euch von der Welt er wählet, darum hasset euch die Welt. [Joh. XV. 19]. Wir können die wahre Bedeutung dieser Wor te verliehren, wenn wir sie blos als eine histori sche Beschreibung desjenigen Zustandes be trachten, in welchem sich dazumal unser Heyland und seine Jünger befanden. Doch auf diese Art liest man die Schrift als einen todten Buchstaben; da sie uns doch auf das genaueste den Stand der wahren Christen, zu dieser und al len andern Zeiten, bis an das Ende der Welt beschreibet. Denn da das wahre Christenthum nichts anders, als der Geist Christi ist, so mag nun die ser Geist in der Person Christi selbst, oder in seinen Aposteln, oder in seinen Nachfolgern zu ieder Zeit sich zeigen; er bleibt allezeit eben der selbe: und es mag diesen Geist haben, wer da will; er wird von der Welt, so wie er, gehaßt, verachet und verdammet werden. Denn die Welt wird allezeit ihr eignes lieben, und nichts anders, als ihr eignes: Dieses ist so gewiß und unveränderlich, als der Streit zwi schen Licht und Finsterniß. Wenn Jesus sagt, so euch die Welt haßt, so setzt er nicht etwan diesen Trost hinzu, daß ir gend einmal ihr Haß aufhören, oder daß sie sie
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nicht allezeit hassen werde; er giebt dieses als ei ne Ursache an, warum sie es ertragen sollen, So wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat: und zeigt damit, daß er es war, das ist, sein Geist, welcher, weil er der Welt entgegen ist, damals und allezeit, von ihr muß gehasset werden. Ihr werdet vielleicht sagen, daß die Welt ietzt christlich geworden ist, zum wenigsten der Theil davon, worinnen wir leben; und dahero dürfte man die Welt nicht mehr dem Christenthume entgegen gesetzt betrachten, als wie es mit dem Heydenthume war. Ich gebe es zu, die Welt bekennet ietzt das Christenthum. Doch wird wohl iemand sagen, daß die christliche Welt der Geist Christi sey? Sind denn ihre allgemeine Neigungen die Nei gungen Christi? Sind die Leidenschaften der Sinnlichkeit, die Selbstliebe, der Stolz, der Geitz und Ehrgeitz, die Hoffarth, dem Geiste des Evangelii ietzt weniger zuwider, da sie unter den Christen herrschen, als da sie unter den Heyden waren? Oder will man behaupten, daß die Neigungen und Begierden der heydnischen Welt verlohren gegangen sind? Betrachtet zum andern, was man unter der Welt verstehen muß. Es wird uns dieses von Johanne sehr vollständig beschrieben. Alles was in der Welt ist, Augenlust, Fleisches lust und hoffärtiges Leben et cetera [1 Joh. II. 16]. Dieß ist eine genaue und vollständige Beschrei
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bung der Welt. Nun, sagt ihr, diese Welt ist aber christlich geworden? Doch wenn alles dieses noch vorhanden ist, so ist sie eben die Welt, wie sie ietzt ist, und eben die Feindinn des Christenthums, die sie in den Tagen Jo hannis war. Johannes verdammte diese Welt, weil sie nicht von dem Vater wäre; sie mag also nun äußerlich das Christenthum bekennen, oder es offenbar verfolgen, sie bleibt allezeit in eben dem Stande des Widerspruchs mit dem wahren Gei ste und der Heiligkeit des Evangelii. Und in der That ist die Welt, durch das Be kenntniß des Christenthums ein weit gefährli cher Feind, als sie vorher war, weil sie durch ihre Gunstbezeigungen mehr Christen zu Grunde ge richtet hat, als sie iemals durch die heftigsten Verfolgungen gethan. Weit gefehlt also, daß wir die Welt in einem Stande einer geringern Feindschaft oder Wi dersetzung des Cchristenthums<Christentums>, als sie zu den er sten Zeiten des Evangelii war, betrachten dür fen, wir müssen sie vielmehr ietzt als einen weit größern und gefährlichern Feind, als sie in die sen Zeiten war, fürchten. Sie ist ein größrer Feind, weil sie größre Macht über die Christen durch ihre Güter, Reichthümer, Ehrenstellen, Belohnungen und Schutz hat als sie durch das Feuer und die Wut ihrer Verfolger hatte.
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Sie ist ein weit gefährlicher Feind, weil sie den Schein der Feindschaft verlohren hat. Ihr äußerliches Bekenntniß des Christenthums macht, daß man sie nicht länger für einen Feind hält, und also läßt sich der größte Theil der Menschen leicht bereden, sich selbst aufzugeben, um von ihr beherrschet uud<und> geleitet zu werden. Wie vieler Gewissen bleibt, um keiner andern Ursache willen, ruhig, als weil sie unter dem An sehen der christlichen Welt sündigen? Wie viele Befehle des Evangelii bleiben von ihnen unbemerkt; und wie gleichgültig werden sie von vielen, aus keiner andern Ursache, als weil sie von der christlichen Welt unbemerkt zu seyn scheinen, gelesen? Wie viel Gefälligkeiten thun nicht die Men schen der christlichen Welt, ohne Bedenken, oder Reue, welche sie gewiß, wenn sie blos die Hey den von ihnen gefodert hätten, als der Heiligkeit des Christenthums zuwider, würden abgeschlagen haben? Wer würde wohl zufrieden seyn, wenn er sä he, wie sehr sein Leben dem Evangelio zuwider ist, wenn er nicht sähe, daß er lebt, wie die christ liche Welt pfleget? Welcher Leser des Evangelii würde wohl er mangeln, sich von der Nothwendigkeit der gros sen Selbstverleugnung, Demuth und Ar muth des Geistes zu überzeugen, wenn nicht das Ansehen der Welt die Lehre des Kreutzes ver bannet hätte?
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Es hat dannenhero niemand mehr, als ein guter Christ, Ursache, bey dem Ansehen der christlichen Welt argwöhnisch zu seyn, und sich darwider beständig zu waffnen. Alle Stellen der heil. Schrift, welche die Welt dem Christenthume zuwider vorstellen, und die unsre Trennung von derselben, als von einem Mammon der Ungerechtigkeit, und einem Ungeheuer der Gottlosigkeit, erfodern, müssen in eben dem strengen Verstande in Absicht auf die gegenwärtige Welt genommen werden. Denn die Veränderung, die die Welt erlit ten, hat blos ihre Methoden verändert, nicht aber ihre Macht, die Religion zu zerstören, ver ringert. Die Christen hatten von der heydnischen Welt nichts, als den Verlust ihres Lebens, zu fürchten: doch da die Welt ihr Freund gewor den, so macht sie es ihnen schwer, ihre Reli gion zu retten. Da Stolz Wollust, Geitz und Ehrgeitz blos das Ansehn der heidnischen Welt hatten, so wurden die Christen dadurch in den entgegen gesetzten Tugenden desto aufmerksamer. Doch da Stolz, Wollust, Geitz und Ehrgeitz das An sehn der christlichen Welt haben, so sind die Privatchristen in der äußersten Gefahr, nicht al lein bey der Ausübung derselben alle Scham, sondern auch selbst den wahren Begriff der Gott seligkeit des Evangelii, zu verlieren.
|| [0400.01]
Es ist dannenhero kaum eine Möglichkeit, euch von der gegenwärtigen Welt zu erretten, wo ihr sie nicht, als eben dieselbe ruchlose Feindinn der wahren Heiligkeit, betrachtet, wie sie uns in der Schrift vorgestellet wird, und wenn ihr euch nicht selbst überzeuget, daß es eben so ge fährlich ist, sich ietzt, da sie christlich ist, nach ih ren Neigungen und Leidenschaften zu richten, als vormals, da sie heydnisch war. Denn fraget euch nur selbst, ist die Fröm migkeit, die Demuth, die Nüchternheit der christlichen Welt, die Frömmigkeit, die Demuth und Nüchternheit des christlichen Geistes? Wo dieß nicht ist, wie könnt ihr durch irgend eine Welt mehr verderbet werden, als wenn ihr euch nach der, die christlich ist, richtet? Braucht ein Mensch mehr, seine Seele der Gnade Gottes unfähig zu machen, als wenn er lüstern und begierig nach Ehre ist? Aber wie kann ein Mensch dieser Neigung entsagen, ohne daß er zugleich dem Geiste und der Neigung der Welt entsaget, in welcher ihr ietzt lebet? Wie kann sich ein Mensch des Geistes Christi unfähiger machen, als wenn er einen falschen Werth auf Reichthümer setzet; und wie kann er gleichwohl sich in dem Werthe, den er darauf setzet, mehr betrügen, als indem er dem Ansehn der christlichen Welt folget? Ja, selbst in iedem Range und Posten des Lebens, er mag die Gelehrsamkeit oder die Geschäfte betreffen, entweder in der Kirche oder
|| [0401.01]
im Staate, kann man sich nie zu dem Geiste der Religion erheben, ohne daß man den allgemei nen Neigungen und dem Betragen dererje nigen entsagt, die von eben demselben Range und Geschäfte sind, als ihr selbst. Und obgleich die menschliche Klugheit sich sehr weise dünkt, wenn sie uns von der Nothwendigkeit vorredet, das Sonderbare zu vermeiden, so wird doch derjenige, der nicht die Schwachheit waget, ein Sonderling zu seyn, sehr oft die wesentlichsten Pflichten der christli chen Frömmigkeit unterlassen. Diese Betrachtungen werden, wie ich hoffe, euch diese Schwierigkeiten überwinden, und diesen Versuchungen widerstehen helfen, welche das Ansehn und die Mode der Welt wider die Ausübung der christlichen Demuth erho ben hat.
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Achtzehntes Hauptstück. Zeigt, wie schwer die Auferziehung, die die Menschen insgemein in der Jugend er halten, die Lehren der Demuth in der Ausübung machet. Der Geist einer bes sern Erziehung wird in dem Charakter des Paternus dargestellet.

------------------------------ Eine andre Schwierigkeit in der Ausübung der Demuth entsteht aus unsrer Erzie hung. Wir alle werden meistentheils schlecht erzogen, und alsdenn unserm eignen Laufe in ei ner verderbten Welt überlassen; und also ist es kein Wunder, wenn wir so selten Beyspiele einer großen Frömmigkeit sehen. Ein großer Theil der Welt geht verlohren, weil er in Familien, die keine Religion haben, gebohren und erzogen wird: und hier werden sie lasterhaft und unordentlich, weil sie denenjeni gen gleich werden, in deren Gesellschaft sie gleich anfangs leben. Doch dieß ist noch nicht die Sache, die ich meyne; die Auferziehung, auf die ich hier meine Absicht habe, ist selbst diejenige, die Kinder ins gemein von tugendhaften und ehrbaren Eltern, und von gelehrten Aufsehern und Hofmeistern empfangen. Hätten wir die Vollkommenheit beybehalten, in der GOtt den ersten Menschen schuf, viel
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leicht wäre die Vollkommenheit unsrer Natur zum selbsteignen Unterrichte eines ieden zu reichend gewesen. Doch, gleichwie Krankhei ten und Seuchen die Arzneymittel und Aerzte nothwendig gemacht haben, so hat auch die Ver änderung und Unordnung unsrer vernünftigen Natur die Nothwendigkeit der Erziehung und Aufseher eingeführet. Gleichwie aber der einzige Endzweck des Arz tes ist, die Natur wieder in ihren eignen Zu stand zu setzen, also ist auch der einzige Endzweck der Auferziehung, unsrer vernünftigen Natur zu ihrem eignen Stande zu verhelfen. Die Er ziehung muß also als die Vernunft betrachtet werden, die man iemanden anders borget, um, so viel als möglich ist, den Verlust der ur sprünglichen Vollkommenheit zu ersetzen. Und so wie die Arzneykunst mit Recht die Kunst zur vorigen Gesundheit zu verhelfen genennt wird, so darf man auch die Erziehung in kei nem andern Lichte betrachten, als in so ferne sie die Kunst ist, dem Menschen den Gebrauch sei ner Vernunft wieder zu verschaffen. Nun aber da die Unterweisung ieder Kunst oder Wissenschaft auf den Entdeckungen der Weisheit, der Erfahrung und den Grundsä tzen verschiedner großen Leute beruht, die darin nen gearbeitet haben: so ist auch diese menschli che Weisheit oder der rechte Gebrauch un srer Vernunft, zu welchem junge Leute durch ihre Erziehung sollten geruffen werden, nichts an
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ders, als die besten Erfahrungen und die feinsten Schlüsse der Menschen, die sich selbst, dem Dienste der Weisheit und der Verbesserung der menschlichen Natur gewidmet haben. Und also sollte alles, was die größten Hei ligen und Menschen auf dem Sterbebette; wenn siezu<sie zu> dem vollständigsten Lichte und zur wah ren Ueberzeugung gelanget waren, oder sich zum höchsten Grade der Vernunft erhoben hatten, alles, was sie von der Nothwendigkeit der Gott seligkeit, der Vortreflichkeit der Tugend, der Pflicht gegen GOtt, der Nichtigkeit der Reich thümer, der Eitelkeit der Welt gesagt haben; alle die Aussprüche, Urtheile, Schlüsse und Grundsätze der weisesten Philosophen, wenn sie zum höchsten Stande der Weisheit ge stiegen waren, diese sollten, sage ich, die allge meinen Lehren des Unterrichts vor junge Ge müther seyn. Dieses ist der einzige Weg den jungen und unwissenden Theil der Welt für die Weis heit und Erkänntniß der weisen und der alten fähiger zu machen. Eine Erziehung, die nicht ganz hierauf ab zielet, ist eben so sehr vom Zwecke entfernet, als eine Arzneykunst, die wenig oder gar keine Absicht auf die Wiederherstellung der Gesund heit hat. Die Jünglinge, die in der Schule des Py thagoras, Socrates, Plato und Epickte tus waren, wurden also auferzogen. Ihre
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tägliche Unterweisungen und Unterrichte waren eben so viel Vorlesungen über die Natur des Menschen, seinen wahren Endzweck, und den rechten Gebrauch seiner Kräfte: über die Un sterblichkeit der Seele, seinen Verhältniß gegen GOtt, die Schönheit der Tugend, den Wohl gefallen der göttlichen Natur daran; über die Würde der Vernunft, die Nothwendigkeit der Mäßigkeit, Tapferkeit und Großmuth, und der Schande und Thorheit der Begierden, wenn man ihnen den Zügel läßt. Nun aber da das Christenthum, die mora lische und religiöse Welt gleichsam neu ge schaffen, und alles, was vernünftig, weise, hei lig und wünschenswerth ist, in sein wahres Licht gesetzet hat; so sollte man erwarten, daß die Erziehung der Jugend eben so sehr durch das Christenthum sollte verbessert worden seyn, als der Glaube und die Lehren der Religion. Da sie einen solchen neuen Zustand der Din ge eingeführet, uns so vollständig von der Natur des Menschen, von dem Endzwecke seiner Schöpfung, von dem Stande seiner Bedingung unterrichtet hat; da sie alles Gute und Ueble so genau bestimmt, und uns die Mittel, unsre Seelen zu reinigen, GOtt zu gefallen, und ewig glücklich zu werden, gelernet hat; so sollte man natürlicher Weise glauben, daß ein iedes christ liches Land an solchen Schulen einen Ueber fluß hätte, wo sie nicht allein einige wenige Fra gen und Antworten aus dem Catechismo lern
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ten, sondern wo man die Jugend bildete, an führte und in einem solchen äußerlichen Le benswandel übte, wie ihn die höchsten Vor schriften, die strengsten Regeln, und die er habensten Lehren des Christenthums erfordern. Eine Auferziehung unter dem Pythagoras, oder Sokrates hatte keinen andern Endzweck, als die Jugend zu unterrichten, wie sie denken, urtheilen, thun und solchen Vorschriften des Lebens folgen sollten, wie Pythagoras und Socrates gewohnt waren. Und ist es nicht eben so vernünftig, voraus zusetzen, daß eine christliche Erziehung keine an dre Absicht haben sollte, als die Jugend zu leh ren, wie sie denken, urtheilen, thun, und den strengsten Gesetzen des Christenthums ge mäß leben sollte? Endlich sollte man glauben, daß man in al len christlichen Schulen bey der lernenden Ju gend darauf, daß sie ihr Leben in dem Geiste des Christenthums, in einer solchen Strenge des Wandels, in einer solchen Enthaltsamkeit, Nüchternheit, Demuth und Andacht, als das Christenthum erfordert, anfangen möchten, nicht nur mehr, sondern hundertmal mehr, als auf irgend etwas in der Welt, sehen sollte. Denn unsre Auferziehung sollte unsre Schutz engel nachahmen, unsern Gemüthern nichts eingeben, als was weise und heilig ist: und uns iede eitle Begierde unsrer Herzen, und ie
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den falschen Schluß unsers Verstandes ent decken und besiegen helfen. Doch unsre Auferziehung ist leider nicht von dieser Art. Die erste Neigung, die wir in Kindern zu erwecken suchen, ist Stolz; eine eben so gefähr liche Leidenschaft, als die Wollust. Wir we cken sie zu eiteln Gedanken von sich selbst auf, und thun alles mögliche, ihre Gemüther mit ei ner Empfindung ihrer eignen Geschicklichkeit auf zuschwellen. Wir mögen sie zu einer Lebensart bestimmen, zu welcher wir wollen, so suchen wir uns des Feuers und der Eitelkeit ihrer Gemüther zu bedienen, und ermahnen sie zu ieder Sache durch verdorbene Bewegungsgründe. Wir wecken sie zu ihren Unternehmen durch Gründe des Nach eifers und Ehrgeitzes, durch Ruhm, Neid und das Verlangen, sich hervorzuthun, auf, damit sie andre weit übertreffen, und in den Augen der Welt glänzen mögen. Wir wiederhohlen und trichtern ihnen diese Bewegungsgründe so lange ein, bis sie es für einen Theil ihrer Pflicht halten, stolz, neidisch, eitel und ruhmrädig auf ihre eignen Vollkom menheiten zu seyn. Und wenn wir sie nun gelehrt haben, sich ja zu hüten, daß sie nicht von einem andern über troffen werden, keinen Nebenbuhler zu leiden, nach iedem vortheilhaften Augenblicke des
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Beyfalls zu dürsten, mit nichts als den höchsten Vorzügen zufrieden zu seyn; alsdenn fangen wir an in ihnen Trost zu fühlen, und der Welt mächtige Dinge von Jünglingen von einem so glorreichen Geiste zu versprechen. Wenn Kinder zum geistlichen Stande be stimmt sind, so stellen wir ihnen einen großen Redner vor, dessen feine Predigten ihn zur Bewunderung unsrer Zeit gemacht und ihn durch alle Würden und erhabene Posten der Kirche geführt haben. Wir muntern sie auf, diese Ehrenstellen stets vor Augen zu haben, und die Belohnungen ihres Fleißes von ihnen zu gewarten. Ist der Jüngling zum Handel bestimmt: so ermahnen wir ihn, auf alle die reichen Leute von eben demselben Handel zu sehen, und wohl zu betrachten, wie viel von ihnen ietzt in Staats carossen herum fahren, die in eben so niedri gen Umständen, wie er, angefangen haben. Wir erwecken seinen Ehrgeitz, und bemühen uns seinem Verstande eine rechte Wendung durch die wiederhohlte Erzehlung zu geben, wie sehr reich der oder jener Kaufmann gestorben sey. Soll er ein Rechtsgelehrter werden, so stellen wir ihm große Minister, Kanzler und geheimde Räthe vor. Wir erzählen ihm, was für ansehnliche Einkünfte, und was für ein großer Beyfall eine feine Wis senschaft der Rechte begleiten. Wir ermah nen ihn, sich diese Dinge anfeuren zu lassen, in
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sich selbst den Geist der Nacheiferung zu erheben, und mit nichts geringern, als mit den höchsten Ehrenstellen des Staats, zufrieden zu seyn. Daß dieses die Beschaffenheit unsrer besten Erziehung ist, braucht gar keines Beweises: es ist zu bekannt, und ich glaube, es giebt wenig Eltern, die sich nicht darüber freuen würden, ih re Kinder täglich auf diese Art unterrichtet zu sehen. Und nachgehends beklagen wir uns noch über die Wirkungen des Stolzes; wir wundern uns, wenn wir erwachsne Leute durch Ehr geitz, Neid, Verachtung andrer, und Be gierden nach Ruhm getrieben und davon beherr schet sehen, und bedenken nicht, daß man, ihre ganze Jugend hindurch, alle ihre Handlungen und allen ihren Fleiß auf eben dieselben Grund sätze führte. Ihr lehret ein Kind, sich ja zu hüten, daß es nicht übertroffen werde, daß es nach Vor zügen und Beyfalle dürsten müsse; ist es nun ein Wunder, daß es seine ganze Lebenszeit auf eben diese Weise zu handeln fortfährt? Wenn nun aber ein junger Mensch in so ferne ein Christ seyn soll, daß er sein Herz durch die Lehren der Demuth zu regieren wisse, so möch te ich wohl wissen, zu was für einer Zeit er anfangen soll: oder wenn er ja einmal an fangen soll, warum wir ihn in ganz entgegen gesetzten Neigungen auferziehn.
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Wie trocken und arm muß die Lehre der De muth einem jungen Menschen klingen, der zu allen seinem Fleiß durch Ehrgeitz, Neid, Nacheifer und einem Verlangen nach Ruh me und Vorzügen angespornet worden? Und wenn er nicht als ein Mann nach diesen Grund sätzen handeln soll, warum ruffen wir ihm zu, in seiner Jugend darnach zu handeln? Man hält den Neid insgemein für die unedel ste, niederträchtigste und gottloseste Leiden schaft, die nur in das Herz eines Menschen kom men kann. Ist dieses also wohl eine Neigung, die man den Gemüthern junger Leute einflößen, sie darin nen nähren und aufrichten sollte? Ich weiß, man giebt vor, es sey nicht der Neid, sondern der Nacheifer, den man in den Gemüthern junger Leute zu erwecken suche. Allein dieß ist vergebens. Denn wenn die Kinder gelehret werden, keinen neben sich zu leiden, und sich es für einen Schimpf anzurech nen, wenn sie iemand von ihrem Alter überträ fe, so lehren wir ihnen ja deutlich und gerade Wegs neidisch zu seyn. Denn es ist un möglich, sich etwas für einen Schimpf anzu rechnen, oder mit Nebenbuhlern zu streiten, ohne zugleich vom Neide wider alle diejenigen zu entbrennen, die uns zu übertreffen, oder irgend einen Vorzug vor uns zu gewinnen scheinen. Also ist dasjenige, was den Kindern gelehrt wird, ein
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recht fruchtbarer Neid, den man blos mit ei nem weniger verhaßten Nahmen bedecket. Anderns, wenn der Neid also offenbar nie derträchtig ist, und es einzig der Nacheifer seyn soll, den man in Kindern zu erwecken su chet, so sollte man wahrhaftig große Sorge tra gen, den Kindern auch den Unterschied unter diesen beyden wohl beyzubringen, damit sie den einen als ein großes Laster verabscheuen, und den andern zu ihren Herzen hinzu lassen möchten. Doch wenn man es untersuchen wollte, so würde die Feinheit des Unterschieds zwischen Neid und Nacheifer zeigen, daß es leichter sey, sie in Worten zu unterscheiden, als sie in der Hand lung von einander abzusondern. Wenn man auch den Nacheifer auf die beste Art beschreiben will, so ist er doch nichts anders, als eine gekünstelte Ausputzung des Neides, oder vielmehr der scheinbarste Theil dieser schwar zen und giftigen Leidenschaft. Und ob es gleich leicht ist, sie in dem Be griffe abzusondern, so wird doch der scharfsin nigste Philosoph, der sonst die Kunst zu unter scheiden noch so wohl versteht, gewiß finden, daß, wenn er sich selbst dem Nacheifer überläßt, er selbst tief im Neide versunken sey. Denn der Neid ist nicht eine ursprüngli che Neigung, sondern die natürliche, nothwen dige und unvermeidliche Wirkung des Nachei fers, oder ein Verlangen nach Ruhm.
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Also richtet derjenige, der die eine in die Ge müther der Menschen pflanzt, nothwendig die andre auch auf. Und man kann auf keine an dre mögliche Art den Neid zerstören, als wenn man den Nacheifer, oder die Ruhmbegierde ausrottet. Denn die eine erhebt sich, oder fällt allezeit nach dem Verhältnisse der andern. Ich weiß, man sagt, zur Vertheidigung die ser Art der Erziehung, daß der Ehrgeitz und die Ruhmbegierde nöthig wäre, junge Leute zum Fleiße anzutreiben; und daß, wenn wir ihnen die Lehren der Demuth einprägen wollten, wir ihre Seelen erniedrigen, und sie in Faulheit und Müßiggang versenken würden. Doch diejenigen, die dieses behaupten, sehen nicht ein, daß diese Ursache, wenn sie einiges Gewicht hat, eben so vollgültig und stark ist, erwachsene Leute ab zuhalten, daß sie ja nicht die Lehren der Demuth auf sich wirken lassen, damit sie nicht ihre Seelen erniedrigen, oder sich selbst in Faulheit und Müßiggang versenken mögen. Denn wer sieht nicht, daß Leute von mitt lerm Alter eben so sehr den Beystand des Stol zes, des Ehrgeitzes und der eiteln Ruhmbegier de nöthig haben, als Kinder, um zu Unterneh mungen und zum Fleiße angereitzt zu werden? Und es ist gewiß, daß die Lehren der Demuth den Absichten solcher Leute weit mehr zuwider, und ihren Gemüthern schmerzhafter sind, als sie bey jungen Gemüthern zu seyn pflegen.
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Diese Ursache also, die man angiebt, warum Kinder nicht in den Grundsätzen einer wahren Demuth sollen auferzogen werden, ist eine eben so gute Ursache, warum man dieselbe Demuth auch niemals von erwachsenen Leuten fordern sollte. Drittens, laßt diejenigen, die da glauben, man würde die Kinder, wenn sie nicht also erzo gen würden, ins Verderben stürzen, dieses über legen. Können sie wohl glauben, daß wenn ihre Kinder von unserm geseegneten Heylande und seinen heil. Aposteln hätten sollen auferzogen werden, daß ihre Gemüther in Faulheit und Müßiggange würden versunken seyn. Oder können sie zweifeln, daß solche Kinder nicht würden in den tiefsten Gründen einer strengen und wahren Demuth seyn auferzogen worden? Oder können sie sagen, daß unser theuer ster Erlöser, der der sanftmüthigste und demü thigste war, der iemals auf Erden gewesen, durch seine Demuth sey gehindert worden, das größte Beyspiel würdiger und glorreicher Handlungen zu seyn, dergleichen iemals von Menschen ge than geworden? Können sie sagen, daß seine Apostel, die in der Demuth ihres Meisters lebten, deswegen aufhörten herrliche und thätige Werkzeuge zu seyn, um aller Welt gutes zu thun? Einige wenige Gründe, wie diese, sind hin reichend, den ganzen elenden Vorwand einer
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Auferziehung in Stolz und Ehrgeitz zu ent kleiden. Paternus lebte ungefehr vor zweyhundert Jahren, er hatte nur einen Sohn, den er selbst in seinem eignen Hause auferzogen. Als sie einst beysammen in dem Garten saßen, da der Knabe zehn Jahr alt war, fieng Paternus al so zu ihm an. Die wenige Zeit, die du in der Welt gewesen bist, mein Kind, hast du ganz mit mir zuge bracht: meine Liebe und Zärtlichkeit zu dir, hat verursachet, daß du auf mich, als deinen ein zigen Freund und Wohlthäter, und als die Ursache aller deiner Zufriedenheit und Freude, siehst: dein Herz, ich weiß es, würde für Schmerzen brechen, wenn dir der Gedanke ein fiel, daß dieses der letzte Tag wäre, den ich mit dir leben sollte. Aber, mein Kind, ob du dich gleich für un gemein glücklich hältst, weil du von meiner Hand geführet wirst, so bist du doch unter den Händen und unter der zärtlichen Aufsicht eines weit grös sern Vaters und Freundes, als ich bin, dessen Liebe zu dir weit größer ist, als die meinige, und der dich mit so viel Glückseligkeiten überhäuft, als dir kein Sterblicher geben kann. Der GOtt, den du mich täglich anbeten siehst, den ich täglich anruffe, sowohl dich, als mich, und alle Menschen zu segnen, dessen wunderbare Thaten in denen Schriften aufgezeichnet sind, die du täglich liesest. Dieser GOtt, der Himmel
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nnd<und> Erden geschaffen, der über die alte Welt ei ne große Fluth goß, der den Noah in dem Ka sten errettete, der der GOtt Abraham, Isaac und Jakob war, den Hiob in seinen größten Leiden seegnete und pries, der die Israeliten aus den Händen der Egyptier befreyete, der der Beschützer Josephs, Moses, Josua und des heiligen Daniels war, der seinen Sohn Jesum Christum, das menschliche Geschlecht zu erlösen, sandte: dieser GOtt, der alle diese großen Din ge gethan, der so viel Millionen Menschen er schaffen, der da lebte und starb, ehe du geboh ren warst, bey dem die Seelen der Redlichen, die aus diesem Leben geschieden, ietzt leben, den eine unzählige Menge Engel im Himmel anbeten; dieser große GOtt, der der Schöpfer der Wel ten, der Engel und Menschen ist, der ist auch dein liebender Vater und Freund, dein gütiger Schöpfer und Erhalter, von ihm, und nicht von mir, empfiengst du vor zehn Jahren dein Da seyn, eben zu der Zeit, da ich diese kleine zarte Ulme pflanzte, die du hier siehst. Ich selbst habe nur halb das Alter dieser schattichten Eiche, unter welcher wir sitzen; viele unsrer Väter haben unter ihren Zweigen gesessen, wir alle von uns haben sie nach der Reihe die unsre genennt, ob sie gleich steht, und ihre Besitzer fallen sieht, so wie ihre Blätter abfallen. Du siehst, mein Sohn, dieses weite und gros se Firmament über unsern Häuptern, wo die
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Sonne, der Mond und die Sterne wechselswei se erscheinen. Wenn du zu irgend einem von diesen Körpern, die eine so ungeheure Weite von uns entfernt sind, solltest geführt werden, so würdest du wieder andre eben so weit über dir entdecken, als du hier die Sterne über der Er de erhaben siehst. Du magst auf oder nieder wärts gehen, nach Osten, Westen, Süden oder Norden, du wirst einerley Höhe ohne ei nen Gipfel finden, und einerley Tiefe ohne ei nen Abgrund. Nun aber, mein Kind, ist GOtt so groß, daß alle diese Körper zusammen genommen, nur ein kleines Sandkorn in seinen Augen sind. Und dennoch sorgt dieser große GOtt und Vater al ler Welten, und aller Geister eben so sehr für dich, als ob er sonst keinen Sohn, außer dich hätte, oder als ob er sonst keine Kreatur zu lie ben und zu beschützen hätte, als dich allein. Er zählt die Haare auf deinem Haupte, er wa chet über dich, wenn du schläfst und wenn du wachst, und er hat dich schon vor tausend Ge fahren behütet, von denen weder du, nach<noch> ich das geringste weiß. Wie armselig ist meine Macht, und wie we nig bin ich vermögend, dasjenige für dich zu thun, was du so oft gesehn hast. Deine letzte Krankheit hat dir gezeiget, wie wenig ich in diesem Zustande für dich habe thun können; und die häufigen Schmerzen deines Hauptes sind deutliche Proben, daß es nicht in meiner Macht war, sie zu heben.
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Ich kann dir Speise und Arzneyen bringen, doch steht es nicht bey mir, sie auch in deine Stär ke und Nahrung zu verkehren; GOtt ist es al lein, der dieses für dich thun kann. Dannenhero, mein Kind, fürchte, liebe und bete GOtt an. Deine Augen können ihn in der That noch nicht sehen, doch alle Dinge, die du siehst, sind so viel Kennzeichen seiner Macht und Gegenwart, und er ist dir näher, als irgend et was, das du sehen kannst. Nimm ihn zu deinem Herrn, und Vater, und Freunde an, blicke auf ihn, als die Quelle und Ursache alles desjenigen Guten, das du aus meinen Händen empfängst, und verehre mich blos als den Ueberbringer und Diener der Güter, die dir GOtt giebt. Und er, der mei nen Vater seegnete, ehe ich gebohren war, der wird dich auch seegnen, wenn ich todt bin. Deine Jugend und noch zu kleine Erkenntniß ist blos mit meiner Familie bekannt, und darum denkest du, daß außer ihr kein Glücke sey. Aber mein Kind, du gehörest zu einer weit größern Familie, als die meine ist, du bist ein junges Glied von der Familie dieses allmächti gen Vaters aller Völker, der unendliche Ord nungen von Engeln, und unzählbare Geschlech ter von Menschen geschaffen hat, damit sie einst Mitglieder einer und eben derselben Gesellschaft im Himmel seyn möchten. Du thust wohl, daß du Ehrerbietung und Ge horsam für mein Ansehn hast, weil mir GOtt
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über dich Macht gegeben hat, dich in seiner Furcht aufzuziehen, und für dich dasjenige zu thun, was für ihre Kinder, wie die Schrift er zählt, die heiligen Väter gethan haben, die ietzt in Ruhe und Frieden bey GOtt sind. Ich werde in kurzer Zeit sterben, und dich GOtt und dir selbst überlassen, und wenn mir GOtt meine Sünden vergiebt, so werde ich zu seinem Sohne Jesu Christo kommen, und mit ten unter den Patriarchen, Propheten, Heiligen und Märtyrern leben, wo ich für dich beten und auf deine selige Ankunft an eben demselben Orte hoffen will. Dannenhero, mein Kind, denke diesen wichti gen Dingen nach, und deine Seele wird durch dieses Nachdenken groß und edel werden. Laß deine Gedanken oft diese Gärten, diese Felder und Landgüter verlassen, um GOtt und dem Himmel nachzudenken, und dein Herz zu den Engeln und den Geistern der Frommen zu erheben, die in Licht und Herrlichkeit leben. Da du gewohnt gewesen bist, auf mich in al len deinen Handlungen zu sehen, und dich alle zeit gefürchtet, etwas zu thun, ehe du zuvor mei nen Willen darüber erkannt hattest; so laß es ietzt dir zu einer Regel deines Lebens seyn, auf GOtt in allen deinen Handlungen zu sehn, iedes Ding in seiner Furcht zu thun, und dich alles dessen zu enthalten, was seinem Willen nicht ge mäß ist.
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Trage ihm allezeit in deinem Gemüthe, lehre deine Gedanken, ihn an iedem Orte zu verehren, denn es ist kein Ort in der Welt, wo er nicht ist. GOtt hält ein Buch des Lebens, worinnen die Handlungen aller Menschen geschrieben sind; dein Nahme ist auch darinnen, mein Kind, und wenn du stirbst, wird dieses Buch vor En geln und Menschen aufgeschlagen liegen, und du wirst, nachdem deine Handlungen befunden wer den, entweder zu der Glückseligkeit der Heiligen, die vor dir gelebt haben, aufgenommen, oder un ter die gottlosen Seelen verstoßen werden, die GOtt in Ewigkeit nicht sehen werden. GOtt, mein Kind, ist ganz Liebe, Weisheit und Güte; und iedes Ding, das er gemacht hat, und iede Handlung, die er thut, ist eine Wirkung davon. Dannenhero kannst du GOtt nur in so ferne gefallen, als du dich bemühest, in Liebe, Weisheit und Güte zu wandeln. So wie alle Liebe, Weisheit und Güte von GOtt kömmt, so kann uns auch nichts anders, als Liebe, Weis heit und Güte zu GOtt führen. Wenn du dasjenige liebst, was GOtt liebt, so handelst du mit ihm, so vereinigest du dich selbst mit ihm. Dieses ist der wahre und richti ge Weg; denke was GOtt liebet, und liebe du es auch von ganzen Herzen. Vor allen Dingen, mein Kind, verehre und bete GOtt an, denke von ihm erhaben, sprich von ihm ehrerbietig, preise seine Vorsehung, ver
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ehre seine Macht, besuche fleißig seinen Dienst, und bete zu ihm öfters und standhaft. Nächst diesem, liebe deinen Nächsten, welches alle Menschen sind, mit solcher Zärtlichkeit und Neigung, als du dich selbst liebst. Denke, wie GOtt alle Menschen liebt, wie gnädig er ihnen ist, was für Zärtlichkeit er für sie hat, wie sorg fältig er sie erhält, und alsdenn bemühe dich, die Welt also zu lieben, wie sie GOtt liebt. GOtt wollte gern, daß alle Menschen glück lich wären, dannenher wolle und verlange du eben dieses. Alle Menschen sind große Beweis thümer der göttlichen Liebe, dannenhero laß alle Menschen auch Beweisthümer deiner Liebe seyn. Doch vor allen Dingen, mein Sohn, merke dieß; thue niemals etwas aus einem Vorzugs streite, oder Neid, oder Nacheifer, oder Eitelkeit. Niemals thue etwas darum, damit du andre übertreffen, sondern damit du GOtt gefallen mögest, und weil es sein Wille ist, daß du al les so gut machest, als es in deinem Vermögen steht. Denn wenn es dir einmal eine Freude ist, al le andre zu übertreffen, so wird es dir auch nach und nach eine Freude seyn, andre Leute nicht so gut zu sehen, als du selber bist. Verbanne dannenhero ieden Gedanken von Eigenliebe und Eigenlob, und gewöhne dich selbst, dich über alle Vortreflichkeiten und Voll kommenheiten deiner Nebengeschöpfe zu erfreuen,
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und über eine ihrer guten Handlungen eben so vergnügt zu seyn, als über deine eignen. Denn so wie GOtt an ihren guten Thaten, sowohl als an den unsern, einen Wohlgefallen hat, so mußt du auch ein Verlangen haben, daß alles, was weise, heilig und gut ist, in einem eben so hohen Grade von andern möge vollzogen werden, als von dir selbst. Laß dieses also deinen einzigen Bewegungs grund und Antrieb zu allen guten Handlungen, zu einem anständigen Fleiße und Geschäfte seyn, daß du iedes Ding auf eine so vollkommene und vortrefliche Weise thust, als dir möglich ist, aus dieser einzigen Ursache, weil es GOtt wohlge fällt, der deine Vollkommenheit verlangt, und alle deine Thaten auf ein Buch schreibt. Wenn ich sterbe, mein Sohn, so wirst du Besitzer mei nes ganzen Vermögens, welches um einen großen Theil das Nothdürftige einer Familie überstei get. Dannenhero, so wie du liebreich gegen die Seelen der Menschen bist, und ihnen eine glei che Glückseligkeit mit dir im Himmel wünschest, so sey auch gegen ihre Körper liebreich, und be mühe dich, sie so glücklich zu machen, als du selbst auf dieser Erde bist. Da GOtt alle Dinge zum allgemeinen Besten der Menschen geschaffen hat, so wende denjeni gen Antheil, der davon auf dich gefallen ist, zum allgemeinen Besten aller so an, wie GOtt selbst alles würde wollen angewandt haben.
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Vor allen Dingen, mein Sohn, thue denenje nigen Gutes, die es am meisten verdienen, her nach aber erinnere dich auch, allen Gutes zu thun. Die größten Sünder empfangen täg lich Proben von Gottes Güte, er ernährt und erhält sie, damit es sie gereuen und sie zu ihm wiederkehren mögen: ahme derowegen GOtt nach, und halte keinen einzigen für zu böse, um ihm deinen Trost und deine Mildthätigkeit zu entziehen, wenn du siehst, daß er derselben nö thig hat. Ich lerne dir das Lateinische und Griechi sche, nicht eben daß ich die Begierde bey dir er wecken möge, ein großer Kunstrichter, ein feiner Dichter, oder ein beredter Redner zu werden: ich wünsche nicht, daß dein Herz ir gend eine Begierde darnach empfände; denn das Verlangen nach diesen Vollkommenheiten ist ei ne Eitelkeit der Seele, und diejenigen, die sie be sitzen, sind meistens eitle Leute. Denn die Be gierde nach einer Sache, die nicht ein wirkliches Gut ist, verringert die Anwendung des Ge müths in Erhaltung derjenigen, welche es in der That ist. Sondern ich lehre dich diese Sprachen, daß du zur gehörigen Zeit die Geschichte der vergan genen Zeiten aufschlagen und daraus die Wege der göttlichen Vorsehung über die Welt lernen mögest. Daß, wenn du die Schriften der alten Weisen liest, du sehen mögest, wie Weisheit und Tugend die Lobsprüche der größten Männer
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aller Zeitalter gewesen sind, und deine Seele durch ihre weisen Sprüche befestigen. Laß dannenhero Wahrheit und Aufrichtigkeit die einzige Zierde deiner Sprache seyn, und stu dire nichts so sehr, als wie du vor allen Dingen so denken mögest, wie sie es verdienen, wie du allezeit das Beste wählen, nach der Vernunft und Ordnung leben, und in iedem Theile deines Lebens dem Willen Gottes gemäß handeln mögest. Denke darauf, wie du dein Herz ganz mit der Liebe Gottes und der Liebe des Nächsten anfüllen mögest, und dann sorge nicht, weder ein tiefe rer Gelehrter, noch ein feinerer Herr zu seyn, als dich diese Neigungen machen werden. Da die wahre Religion nichts anders ist, als die einfache Natur durch die richtige Vernunft re gieret, so liebt und fordert sie auch eine größre Gleichheit und Einfältigkeit des Lebens. De rowegen vermeide alles überflüßige Gepränge von Zierrath und Equippage, und laß dein Haus mit mäßigen doch anständigen Bequemlichkeiten versehen seyn. Siehe nicht darauf, was dir dein Vermögen gewähren könnte, sondern was die Vernunft verlanget. Laß deinen Anzug mäßig, reinlich und be scheiden seyn, nicht damit du die Schönheit dei ner Person auslegest, sondern daß du deine Ge müthsbescheidenheit zeigest, daß dein äußerlicher Schmuck der inwendigen Redlichkeit und Ein falt deines Herzens gleiche. Denn es ist im
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höchsten Grade vernünftig, daß du nur ein Mann unzusammen gesetzt seyst, und auswen dig so erscheinest, wie du inwendig bist. Was dein Essen und Trinken anbetrifft, so beobachte darinnen die höchsten Regeln der christlichen Mäßigkeit und Nüchternheit: be trachte deinen Leib blos, als den Diener und Verwalter der Seele; und nähre ihn einzig so, wie er ihr die demüthigsten und gehorsamsten Dienste leisten mag. Aber, mein Sohn, dieses, woran ich dich täg lich erinnern will, so lange als ich bey dir lebe, betrachte als das Vornehmste. Hasse und verachte allen menschlichen Ruhm, denn er ist nichts weiter, als menschli che Thorheit. Er ist die größte Schlinge, und der größte Verräther, den du zu deinem Her zen zulassen kannst. Liebe die Demuth in allen ihren Aussichten, übe sie nach allen ihren Theilen aus, denn es ist der edelste Stand der Seele des Menschen; sie wird dein Herz und deine Neigungen gegen GOtt rechtschaffen machen, und dich mit ieder zärtlicher und liebreicher Regung gegen die Men schen erfüllen. Laß dannenhero ieden Tag einen Tag der De muth seyn, laß dich zu allem Unvermögen und Schwachheiten deiner Nebengeschöpfe herab, be decke ihre Fehler, liebe ihre Vorzüge, muntre ihre Tugenden auf, steh ihnen in ihrem Mangel bey, erfreue dich in ihrem Glücke, habe Mitlei
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den mit ihnen im Unglück, nimm ihre Freund schaft an, übersieh ihre Unfreundlichkeit, vergieb ihrer Bosheit, sey ein Knecht der Knechte, und steige so weit herab, auch die geringsten Pflich ten den niedrigsten unter den Menschen nicht zu versagen. Trachte nach nichts so sehr, als nach deiner eig nen Reinigkeit und Vollkommenheit, und habe keinen andern Ehrgeitz, als iede Unternehmung auf eine so vernünftige und religiöse Weise zu thun, daß es dir angenehm seyn muß, daß GOtt überall zugegen ist und alle deine Hand lungen sieht und beobachtet. Die größte Prü fung der Demuth ist ein demüthiges Betragen gegen diejenigen, die dir an Alter, Vermögen und Stande gleich sind. Dannenhero sorge vor allen Dingen für die Bewegungen deines Herzens gegen diese Art von Leuten. Laß dein ganzes Bezeigen gegen sie durch eine unge schmünkte Liebe regieret werden. Habe kein Verlangen, irgend einen deines gleichen unter dich zu stoßen, doch sey auch nicht auf diejeni gen erzürnt, die sich von ihnen über dich hin weg setzen. Sind sie stolz, so müssen sie an ei ner sehr üblen Gemüthsart krank seyn, und als denn verdienen sie dein zartes Mitleiden: viel leicht findet deine Sanftmuth eine Gelegenheit sie zu heilen. Doch wenn auch deine Demuth keine gute Wirkung haben sollte, so wird sie doch für dich selbst das größte Gut seyn, das du dir nur verschaffen kannst.
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Erinnere dich, daß nur ein Mensch in der Welt ist, mit dem du einen beständigen Streit haben und allezeit im Kampfe seyn mußt, ihn zu übertreffen, und das bist du selbst. Die Zeit der Ausübung dieser Lehren, mein Kind, wird bald vorüber seyn, die Welt wird dir bald durch die Hände schlüpfen, oder du wirst vielmehr durch sie schlüpfen: es scheint mir nur der andre Tag zu seyn, seit ich eben diesen Unterricht, den ich ietzt dir überlasse, von mei nem theuren Vater empfieng. Und der GOtt, der mir Ohren zu hören gegeben, und ein Herz, dasjenige anzunehmen, was mir mein Vater sag te, der wird, wie ich hoffe, auch dir seine Gnade geben, diese Lehren werth zu halten, und ihnen zu folgen. Auf diese Art zog Paternus seinen Sohn auf. Kann man wohl glauben, daß eine Erzie hung, wie diese, die Gemüther junger Leute schwächen und erniedrigen, und die Welt irgend einer würdigen und vernünftigen Arbeit berau ben werde? Weit gefehlt: es ist vielmehr nichts so vermö gend, die Seele zu adeln und zu erheben, und sie zu der heldenmüthigsten Ausübung aller Tu genden zuzubereiten. Denn wer wird nicht zugestehen, daß die Lie be Gottes, das Verlangen, ihm zu gefallen, die Liebe unsers Nächsten, die Liebe zur Wahrheit, Vernunft und Tugend, die Betrachtung der
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Ewigkeit, und die Belohnung der Frömmigkeit, nicht weit stärkre Bewegungsgründe zu großen und guten Handlungen sind, als ein kleines un gewisses Lob des Volks. Im Gegentheil ist in der That nichts, das das Gemüthe mehr schwächet, und es zur Nie derträchtigkeit und Sklaverey herab zieht, nichts, das uns weniger zu Herren unsrer eignen Hand lungen, oder weniger vermögend machet, der Vernunft zu folgen, als die Liebe des Ruhms und der Ehre. Denn da Ruhm und Ehre öfters Dingen und Personen ohne Verdienst und nur in so ferne gegeben wird, weil sie allgemein gelobet und geehret werden, und weil sie meistens dem Eigensinne, den Moden und lasterhaften Neigungen der Welt schmeicheln: so muß der jenige, der blos aus Begierde nach Lob und Bey falle handelt, ieden andern Grundsatz fahren las sen: er muß schwarz weiß nennen, bitter für süße, nnd<und> süße für bitter ausgeben, und die niedrigsten und kriechendsten Dinge thun, um nur Beyfall zu erhalten. Denn in einer verdorbenen Welt, wie diese ist, müssen sich würdige Handlungen blos durch ihren eignen Werth erhalten, weil sie oft, anstatt erhoben und geehret zu werden, zum Vorwurfe gemacht und verfolget werden. Derowegen ist die Erziehung der Kinder, die man man auf Antrieb des Nacheifers oder der Ruhmbegierde in einer Welt bauet, wo
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der Ruhm an sich selbst falsch ist, und meistens allgemein ungerecht ertheilet wird, eben so viel als die natürliche Aufrichtigkeit und Stärke ih rer Gemüther verheeren, und ihnen ein Gewich te geben, welches sie öfterer zu niederträchtigen und kriechenden Handlungen herabzieht, als zu großen und erhabnen Handlungen erhebet.

Neunzehntes Hauptstück. Zeiget, wie sehr die gewöhnliche Erzie= hung der Töchter es ihnen schwer machet, den Geist der christlichen Demuth anzuneh men. Wie unglücklich sie durch eine solche Erziehung verführt und hintergangen wer den. Der Geist einer bessern Erziehung wird in dem Charakter der Euse bia vorgestellet.

------------------------------ Diejenige Wendung des Gemüths, die man den Töchtern in der Erziehung beyzu bringen, und worzu man sie aufzumuntern sucht, macht es für sie unglaublich schwer, sich in eine sol che Empfindung und Ausübung der Demuth zu setzen, als der Geist des Christenthums erfordert. Die rechte Erziehung dieses Geschlechts ist für das menschliche Leben von äußerster Wichtig keit. Nichts ist für das allgemeine Beste der ganzen Welt mehr unsrer Wünsche werth.
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Denn obgleich Weibspersonen sich nicht auf den Handel oder auf Geschäfte der Welt legen, so ist ihnen doch, als Müttern und Haus frauen, die auf einige Zeit die Sorge der Erzie hung ihrer Kinder von beyden Geschlechtern auf sich haben, ein so wichtiger Theil anvertrauet, der für das menschliche Leben von der größten Folge ist. Um dieser Ursache willen können gute und böse Frauenspersonen eben so viel Gutes oder Böses in der Welt stiften, als gute oder böse Männer in den wichtigsten Geschäften des Lebens. Denn wie die Gesundheit und Stärke oder Schwäche unsrer Körper sehr von der Lebensart in unsrer Jugend abhängt: also ha ben wir auch nicht weniger die Gesundheit oder Thorheit unsrer Gemüther denen ersten Neigungen und Denkungsarten zu danken, die wir mit Begierde von der Liebe, Zärtlichkeit, dem Ansehn, und dem beständigen Umgange unsrer Mütter annehmen. Wir nennen unsre erste Sprache unsre Mut tersprache; mit eben so viel Rechte sollten wir unsre ersten Neigungen unsre Mutterneigun gen nennen; und vielleicht würde es leichter seyn, unsre Muttersprache zu vergessen, als uns von diesen Neigungen loszureissen, die wir in unsern Säuglingsjahren lernten. Es ist dannenhero sehr zu bejammern, daß dieses Geschlecht, von welchem so viel abhängt, denen die erste Bildung so wohl unsrer Köper<Körper>,
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als unsers Geistes anvertrauet ist, nicht allein im Stolze, sondern auch in dem einfältigsten und verächtlichsten Theile desselben, auferzo gen wird. Es ist wahr, man erlaubt ihnen nicht, sich mit uns in Wettstreit über die stolzen Preise der Künste und Wissenschaften, der Gelehr samkeit und Beredtsamkeit einzulassen, ob ich gleich einen großen Verdacht habe, daß sie uns darinnen sehr oft übertreffen würden: aber wir ziehen sie zu der Bemühung nach Schönheit und Putze, und die ganze Welt vereiniget sich, sie an nichts anders denken zu las sen. Väter, Mütter, Freunde und Ver wandte scheinen keinen andern Wunsch für das kleine Mädchen zu haben, als daß sie eine schöne Haut, eine feine Gestalt, eine artige Kleidung haben, und biszum Entzücken tan zen möge. Nun aber, wenn die Zärtlichkeit für unsre Person, das Verlangen nach Schönheit, und die Liebe zum Putz ein Theil des Stolzes ist, (wie er denn gewiß der verächtlichste Theil desselben ist,) so scheint der erste Schritt zur weiblichen De muth eine Reue über ihre Erziehung zu ver langen. Denn man muß einräumen, daß gute Eltern, überhaupt gesprochen, niemals mehr in ihre Töchter verliebt sind, als wenn sie sehen, daß sie in sich selbst nur allzu verliebt und auf eine
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solche Art geputzt sind, die der Ernhstaftigkeit<Ernsthaftigkeit> und Nüchternheit des christlichen Lebens zum größten Vorwurfe gereichet. Und was die Sache am meisten beklagens würdig macht, ist dieß, daß Frauenspersonen nicht nur durch diese Erziehung verderben, son dern daß wir auch denjenigen Theil der Welt verderben, der außerdem die meisten Proben einer großen und erhabenen Frömmigkeit able gen würde. Denn ich glaube, man kann es sicher zugeben, daß dieses Geschlecht, was den größten Theil be trifft, eine feinere Empfindung, einen heite rern Geist, eine leichtere Fähigkeit und sanftere Neigungen, als das andre, besitzt. Wären aber alle diese Eigenschaften, durch eigenthümliche Bemühungen, und ernsthaf tere Arten der Erziehung gebessert, so würden sie es, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu weit hö hern Graden der Frömmigkeit bringen, als unter dem allgemeinen Haufen der Männer gefunden werden. Um dieser Ursache willen rede ich auch bey dieser Gelegenheit mit so viel Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit, weil es zu beklagen ist, daß Per sonen, die von Natur so geschickt sind, große Muster der Gottseligkeit zu seyn, durch eine fehlerhafte Erziehung, armselige und kostbare Beyspiele der größten Eitelkeit sind. Die Kirche hat in den ersten Zeiten in diesem Geschlechte die angesehensten Heiligen ge
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habt; und man kann vernünftiger Weise glau ben, daß es blos ihrer elenden und eiteln Er ziehung zuzuschreiben ist, daß diese Ehre ihres Geschlechts größtentheils nur auf die ersten Jahrhunderte eingeschränkt ist. Das Verderben der Welt unterstützt sie in ihrer großen Eitelkeit, und die Männer scheinen auf sie aus keinem andern Gesichtspunkte zu se hen, als auf so verschiedne gemahlte Götzen, die ihre Begierden reitzen und befriedigen sol len: also, daß wenn nun Frauenzimmer eitle, leichte und kindische Creaturen sind, sie sich damit entschuldigen können, daß sie nicht allein ihre Erziehung also gemacht, sondern auch der größte Theil der Welt sie also haben wolle. Doch alsdenn sollten sie überlegen, daß die Freunde ihrer Eitelkeit nicht auch Freunde von ihnen sind; sie sollten überlegen, daß sie für sich selbst leben, daß sie einen eben so großen Antheil an der vernünftigen Natur, als die Männer, haben; daß sie auf die Vernunft eben so viel Anspruch und eben so viel Verbindlich keit haben, nach den allerhöchsten Voll kommenheiten einer christlichen und gründli chen Tugend zu streben, als die ernsthafte sten und weisesten unter den christlichen Weltweisen. Sie sollten überlegen, daß man sie verra then, betrogen, und um ihre einzige Voll kommenheit gebracht, wenn man sie iemals
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gelehrt, daß etwas an ihnen eine Zierde sey, was nicht eine Zierde an den weisesten unter den Männern ist. Man sagt insgemein, daß Weibspersonen von Natur kleine, eitle Gemüther haben; aber dieß kömmt mir eben so falsch und unver nünftig vor, als wenn man sagen wollte, daß Fleischer von Natur grausam wären; denn so wie ihre Grausamkeit gar nicht ihrer Natur zuzuschreiben ist, sondern blos ihrer Art zu le ben, die ihre Natur verändert hat; also ist auch das Kleine und Eitle, das man in den Ge müthern des weiblichen Geschlechts will bemer ket haben, eben so, wie die Grausamkeit der Fleischer, eine Neigung, die sie durch diejenige Lebensart angenommen haben, welche sie zu füh ren gewöhnt und angehalten worden. Endlich muß ich auch dieß noch hinzusetzen, daß wir nichts auf ihre Natur schieben dürfen, bis wir zuvor Sorge getragen, daß sie nicht durch ihre Erziehung verderbt worden. Auf der andern Seite, wenn es wahr wäre, daß sie von Natur eitle und leichtsinnige Ge schöpfe wären, um wie viel tadelnswürdiger müßte diese Erziehung seyn, die recht ausgedacht zu seyn scheinet, diese Thorheit und Schwach heit ihrer Gemüther zu befestigen und zu ver mehren? Denn wenn es bey einem Frauenzimmer eine Tugend wäre, stolz und eitel auf sich selbst zu seyn, so könnten wir keine bessern Mittel finden,
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diese Leidenschaft in ihr zu erwecken, als diejenigen sind, die wir ietzt in ihrer Erziehung beobachten. Mathilde ist ein feines Frauenzimmer, von guter Lebensart, großem Verstande, und viel Religion. Sie hat drey Töchter, die durch sie selbst sind erzogen worden. Sie will sie sonst keinem Menschen, oder irgend einer Art von Schule anvertrauen, aus Furcht, daß sie etwas Uebels lernen möchten. Sie ist allezeit bey dem Tanzmeister zugegen, so lange er sie unter richtet, damit sie alles höret, was ihnen gesagt wird. Sie hat sie so oft in der heiligen Schrift lesen lassen, daß sie einen großen Theil auswen dig wiederhohlen kann: und es wird schwerlich ein gutes Buch zur Unterhaltung der Andacht gefunden werden, das sie nicht in ihrem Kabi nette hat. Hätte Mathilde in den ersten Tagen des Christenthums gelebt, da es noch in der Voll ständigkeit und Deutlichkeit seiner Lehren ausgeübet wurde, so wäre sie, aller Wahrschein lichkeit nach, eine von seinen größten Heiligen gewesen. Doch da sie zu verderbten Zeiten ge bohren worden, da es an Mustern der christli chen Vollkommenheit fehlet, und man schwer lich eine Frömmigkeit höher, als die ihrige stei gen sieht: so hat sie auch verschiedne Fehler, und theilet sie auch alle ihren Töchtern mit. Mathilde ist niemals in ihrem Leben mit telmäßig gekleidet gewesen; und nichts gefällt
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ihr in ihrem Anzuge, was nicht reich ist, und schön ins Auge fällt. Ihre Töchter sehen ihren großen Eifer in der Religion, doch sie sehen auch eine gleiche Be mühung für alle Arten von feinem Putz. Sie sehen, daß sie nicht nachläßig in ihrer An dacht ist, doch sie sehen sie noch sorgfältiger, ihre angenehme Farbe zu erhalten, und den Ver änderungen zuvorzukommen, womit ihr Zeit und Alter drohen. Sie fürchten sich, ihr zu begegnen, wenn sie die Kirche versäumt haben; aber sie fürchten sich noch mehr sie zu sehen, wenn sie sich nicht so enge, als möglich, geschnürt haben. Sie zeigt ihnen oft ihr eigen Bildniß, wel ches man von ihr nahm, als sich ihr Vater in sie verliebte. Sie erzählt ihnen, wie sehr ihn die Liebe zerstreuete, als er sie das erstemal sah, und daß sie niemals eine so feine Haut würde gehabt haben, wenn nicht ihre gute Mut ter darauf Achtung gegeben, die eine ausnehmen de Sorgfalt dafür trug. Mathilde ist so auf alle Künste, ihren An putz zu verschönern, außen, daß sie fast ieden Tag einen neuen Einfall hat, und keinen Schmuck, von der reichsten Juwele an bis zu der gering sten Blume, unversucht gelassen. Sie ist so eigensinnig und kritisch in ihrem Urtheile, so empfindlich bey dem kleinsten Versehen, daß das Kammermädchen oft ihre Töchter drey
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bis viermal in einem Tage an oder auskleiden muß, ehe sie damit zufrieden ist. Was das Auflegen der Schminkpfläster chen anbelangt, so behält sie sich dieses selbst vor; denn sie sagt, wenn sie nicht mit Verstan de aufgelegt würden, so wären sie dem Gesichte mehr nachtheilig, als vortheilhaft. Die Kinder sehen die Neigung ihrer Mut ter so deutlich, daß sie schon sich stellen, weit mehr Gefallen am Putze zu haben, und weit verliebter in alle kleine Zierrathen zu seyn, als sie wirklich sind, blos um ihre Gewogenheit zu erhalten. Sie sahen, daß sie einst ihre älteste Schwe ster bis zum Thränen brachte, und auf das heftigste wegen ihrer Hartnäckigkeit aus schalt, weil sie sich unterfieng, zu sagen, daß sie es für besser hielt, den Nacken zu bedecken, als so weit bloß zu gehen, wie es die ietzige Mode erfordert. Sie mißt ihnen ihre Speise zu, und ist in dem Essen und Trinken sehr eigensinnig; denn sie erzählt ihnen, wie viel artige Gesichter sie zu ihrer Zeit, aus Mangel einer solchen Sorg falt hat verderben sehen. Wenn ein Blätter chen in ihren Gesichtern aufschießt, so ist sie in einem großen Schrecken, und sie selbst gerathen ihrentwegen in Furcht, als wenn sie gleich eine noch so große Sünde begangen hätten. Wenn sie anfangen, ein wenig vollblütig und gesund auszusehen, so läßt sie geschwind
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den Arzt zu Hülffe ruffen: und wenn Arzney oder Aderlaß verhindern, daß ihre Farbe nicht zu gemein oder roth wird, so glaubt sie, daß sie recht wohl gebraucht werden. Durch diese Mittel werden sie zu armen, bleichen, kränklichen Geschöpfen, aus Man gel der Lebensgeister kriegen sie Vapeurs, sie schreyen bey den geringsten Zufällen, fallen in Ohnmacht bey dem geringsten Umstande, der sie erschreckt, und sind kaum vermögend, die Last ihrer schönsten Kleider zu tragen. Die älteste Tochter lebte so lange, als sie konnte, unter dieser Zucht, und starb im zwan zigsten Jahre ihres Alters. Als ihr Körper geöffnet wurde, fand man, daß ihr die Rippen in die Leber gewachsen, und ihre Eingeweide durch das allzustarke Einschnüren sehr verletzt waren: denn ihre Mut ter ließ sie so scharf zusammen pressen, daß ihr oft die Thränen in die Augen traten, wenn sie ihr Mädchen anzog. Ihre jüngste Tochter lief mit einem Spieler davon, einem Manne der sehr wohl aussah, und in der Art sich zu kleiden und im Tanzen nicht seines gleichen hatte. Mathilde sagt, sie würde sich über diesen Zufall zu Tode grämen, wenn sie nicht ihr Ge wissen überzeugte, daß sie auf keine Art etwas da zu beygetragen hätte. Sie beruft sich auf ihr Kabinett, auf ihre Gebetbücher, diese sollen Zeu
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gen seyn, wie viel sie sich Mühe gegeben, ihre Kinder zu einer wahren Gottesfurcht und An dacht zu erziehen. Ob ich gleich hierdurch gar nicht behaupten will, daß keine Töchter auf eine bessere Art, als diese, auferzogen würden, denn ich hoffe, es giebt ihrer noch verschiedene: so glaube ich doch auch sicherlich, daß der größte Theil von ihnen nicht einmal sowohl erzogen, oder zu so viel Reli gion angehalten wird, als in dem gegenwärtigen Beyspiele. Ihre Gemüther werden also zu sehr gewöh net, für nichts, als ihre Schönheit und ihren Putz, zu sorgen, und, wie in dem gegenwärtigen Falle, ihren eitlen Begierden nachzuhängen, ohne daß sie einmal allezeit solche Regeln der Fröm migkeit empfangen, sich ihnen zu widersetzen. Wenn dannenhero die wahre Frömmigkeit, Demuth, und ein bescheidnes Gefühl ihrer selbst bey diesem Geschlechte so sehr vermißt wird, so ist es eine deutliche und natürliche Folge einer eitlen und verdorbenen Erziehung. Und wenn sie sich oft den ersten Thoren, Stutzern und feinen Tänzern in die Arme werfen: so ist es kein Wunder, wenn ihnen das jenige an Männern gefällt, was man sie gelehrt hat, an sich selbst zu bewundern. Und wenn man sie endlich das wenige von der Religion verlieren sieht, was sie in ihrer Ju gend gelernet haben, so darf man sich eben so wenig darüber wundern, als wenn man eine
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kleine Blume unter dem wilden Unkraute ersticket und getödet sieht. Denn ein persönlicher Stolz, eine gezwun gene Eigenliebe, ein Vergnügen über die eigne Schönheit, und eine Zärtlichkeit für die Kleiderpracht sind Neigungen, die entweder al le Religion in der Seele tödten müssen, oder durch sie müssen getödtet werden; sie können eben so wenig beysammen bestehen, als Gesundheit und Krankheit. Einige, die übereilt urtheilen, werden vielleicht hier sagen, daß ich zu strenge mit dem schönen Geschlechte verfahre. Doch vernünftigere Personen werden leicht wahrnehmen, daß ich dieß Geschlecht ganz verschone, und blos ihre Erziehung beurthei le; ja, daß ich nicht allein sie verschone, sondern auch mich ihrer Sache annehme, ihre Ehre vertheidige, ihre Vollkommenheiten der Welt zeige, ihre natürlichen Neigungen lobe, und nur diejenige Auferziehung verdamme, die ihrem Vortheile so zuwider ist, ihre Ehre so ernie driget, und den Männern das Glück ihrer so vortrefflichen Gemüthsgaben und Neigungen raubet. Ich gestehe es, ihre Erziehung kann ich un möglich schonen, aber die einzige Ursache ist, weil sie ihre größte Feindinn ist, weil sie die Welt um so viel Glückseligkeit, und die Kir che um so viel Heilige bringt, als wahrschein licher Weise von Personen könnte erwartet wer
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den, die durch ihre natürlichen Neigungen zu al ler Sanftmuth und Zärtlichkeit so sehr gebildet, und durch die Feinheit und Lebhaftigkeit ihres Verstandes so geschickt sind, alles, was heilig, tugendhaft und göttlich ist, zu betrachten, zu lie ben und zu bewundern. Wenn man aber hier einwenden wollte, daß ich ihre Erziehung mit allzugroßen Vor würfen beschwere, und daß sie dadurch nicht so viel Schaden leiden, als ich mir einbilde: So dienet zur Antwort, daß wenn ich gleich nicht im Stande bin, den dadurch verursachten Schaden auf das genaueste zu bestimmen, so ist doch ihre klare und natürliche Absicht, Scha den zu thun, hinlänglich genug, die uneinge schränkteste Verdammung derselben zu recht fertigen. Doch wenn iemand, der sich etwan einbildet, daß kein personlicher Stolz oder zärtliche Eigen liebe bey denenjenigen darunter liegt, die sich mit Schminkpflästerchen belegen, und sich mit so viel Flitterzierrath und Kunst ausgeputzt haben, wissen will, wie allgemein das weibli che Geschlecht unter dieser Erziehung leidet: Der mag nur, wo es ihm gefällt, folgenden Versuch anstellen. Er mag nur irgend einem Frauenzimmer sei ne Meinung von ihr wissen lassen: ich will nicht, daß er ihr dieselbe gerade unter das Gesicht sa gen, oder ihr sonst auf eine unhöfliche Art öffent lich erklären soll: sondern er mag den anstän=
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digsten, geheimsten und freundschaftlich sten Weg erwählen, den er selbst für gut hält, ihr seine Meinung wissen zu lassen; daß er nehmlich glaubt, sie sey weder artig, noch daß sie sich wohl putze, noch auch, daß ihr ihre schö nen Kleider wohlstünden: und ich getraue mir zu sagen, daß sehr wenig fein geputzte Frauenzimmer seyn werden, die ihn nicht um seiner bloßen Meinung willen, und wenn sie gleich niemand außer ihnen selbst weiß, auf das ärgste hassen werden: ja, es wird nicht lange werden, so wird er die Früchte ihres Zorns er fahren. Doch wenn ihm ein solcher Versuch nun zei get, daß es sehr wenig Frauenzimmer gebe, die seine Freundschaft ertragen können, wenn sie erfahren, daß er eine solche Meinung von ihnen hat, so ist es gewiß Zeit, sie zu bedauern, und über eine Erziehung zu klagen, die ihre Herzen so allgemein verdorben hat. Denn ob es gleich schwer ist, von den Herzen andrer zu urtheilen, so sprechen sie doch, so bald sie ihren Zorn und Unwillen über etwas er klärt haben, über sich selbst das Urtheil. Wenn ein Frauenzimmer einem Manne nicht vergeben kann, der sie nicht für schön hält, oder der sich einbildet, daß ihr ihr Putz eben keine große Zierde verschaffe, so entdeckt sie unfehlbar den Zustand ihres Herzens, und wird durch ihr eignes, nicht durch ein ander Urtheil ver dammt.
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Denn wir werden niemals über andre böse, als wenn ihre Meinung von uns derjenigen zu wider ist, die wir von uns selbst haben. Ein Mann, der keinen Anspruch auf die Gelehrsamkeit macht, ist niemals über diejenigen unwillig, die ihn nicht für einen Gelehrten halten: Wenn also ein Frauenzimmer keine hohe Meinung von ihrer eignen Person und ihrem Putze hat, so würde sie auf diejenigen gewiß nicht erzürnt seyn, die nicht hierinnen ihrer Meinung sind. Derowegen sind die allgemeinen schlimmen Wirkungen dieser Erziehung nur allzusehr be kannt, als daß man den geringsten vernünfti gen Zweifel zulassen darf. Doch die Möglichkeit, Töchter auf eine vor trefflichere Art zu erziehen, mag der folgende Charakter erklären. Eusebia ist eine fromme Wittwe, von guter Herkunft und wohl erzogen: sie hat ein hübsches Vermögen für fünf Töchter, die sie so auferzieht, als ob es ihr von GOtt anvertrauet wäre, fünf Jungfrauen vor das Reich des Himmels ge schickt zu machen. In ihrer Familie ist eben die Einrichtung, als in einem zur Religion be stimmten Hause, und alle ihre Anordnungen gehen dahin, eine beständige richtige Andacht darinnen zu unterhalten. Sie, ihre Töchter und ihre Mägde, kom men den Tag über zu gewissen Betstunden zu sammen; sie singen, und beten und ihre übrige
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Zeit bringen sie in solchen guten Werken und un schuldigen Vergnügen zu, die sie geschickt ma chen, wieder zu ihren Gesängen und Gebeten zurückzukehren. Sie liebet sie, als ihre geistlichen Kinder, und sie lieben sie als ihre geistliche Mutter, mit einer solchen Liebe, die die zärtlichste Freundschaft weit übersteiget. Sie hat einen Theil ihres Vermögens unter sie vertheilet, damit eine iede vor sich, außerdem, was sie selbst darzu bestimmt hat, müdthätig seyn, und auf ihren eignen Antheil für arme und kranke Personen des Kirchspiels sorgen möge. Eusebia hält sie zu allen Arten von Arbeit an, die sich für ein Frauenzimmer schicken, als Nähen, Stricken, Spinnen, und allen übri gen Theilen der Haushaltung: und zwar nicht blos zu ihrem Vergnügen, sondern damit sie sich und andern einst dienen, und von den Ver suchungen, die ein müßiges Leben begleiten, mö gen gerettet werden. Sie sagt ihnen, daß sie sie lieber zu der Noth wendigkeit, ihren Unterhalt durch ihre eigne Ar beit zu verdienen, gebracht, als reich zu sehen wünschte, damit sie sich dadurch selbst wegen der Arbeit entschuldigen könnten. Denn ob ihr gleich, sagt sie, im Stande seyd, den Armen oh ne eure Arbeit beyzustehen, so werdet ihr doch durch dieselbe in Stand gesetzet, ihnen noch weit mehr beyzustehen.
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Wenn Eusebia so frey von Sünden gelebt hat, als es für die menschliche Natur möglich ist, so ist gewiß die Ursache, weil sie allezeit wi der alle Angriffe des Stolzes wachsam gewe sen und sich verwahret hat. Und wenn sich ih re Tugenden über andrer ihre so hoch erheben, so geschieht es blos dadurch, weil sie alle auf eine tiefe Demuth gegründet sind. Meine Kinder, sagt sie, als euer Vater starb, hatten meine Freunde viel Mitleid mit mir, weil er mir allein die Sorge für eine Familie über ließ, und die Verwaltung unsers Vermögens ganz auf mir lag. Doch mein eigner Schmerz war auf eine ganz andre Ursache gegründet: ich bejammerte, daß ich mich selbst eines so getreuen Freundes berau bet, und ein solches herrliches Beyspiel der christ lichen Tugenden den Augen seiner Kinder sollte entrissen sehen, ehe sie von dem Alter waren, es zu lieben, und ihm zu folgen. Denn was die weltlichen Sorgen anbetrifft, wovon meine Freunde glaubten, daß sie so schwer auf mir lägen, so kömmt es meistens auf uns an, wie wir sie machen wollen, und sie fallen gleich hinweg, sobald wir uns selbst kennen. Wenn eine Person im Traume durch seltsa me Erscheinungen beunruhiget wird, so ist seine Angst gleich vorüber, wenn er erwachet, und sieht, daß es blos die Phantasie eines Traums war. Eben so, wenn eine richtige Erkenntniß un srer selbst unsre Gemüther erheitert, so macht sie
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eine eben so große Veränderung in unsern Ge danken und Sorgen, als wenn wir von der Wanderschaft eines Traums erwachen. Wir halten einen Menschen für unsinnig, oder melancholisch, der sich einbildet, er sey von Glas, und deswegen in beständiger Angst, ist, daß er nicht zerbreche: oder der sich von Wachs zu seyn glaubt, und sich nicht getrauet, die Sonne auf sich scheinen zu lassen. Aber, meine Kinder, es giebt Dinge in der Welt, die man für Weisheit, Artigkeit, Grös se, Glückseligkeit und feine Erziehung hält: Welche aber eine eben so große Unwissenheit un ser selbst zeigen, und eben sowohl für Unsinn sollten gehalten werden, als wenn sich ein Mensch einbildet, er sey von Glas, oder Eis. Ein Frauenzimmer, das in der Welt nicht oh neschöne Kleider erscheinen mag, die es für eine Glückseligkeit hält, ein Gesicht von ange nehmer Farbe, und eine zarte und feine Haut zu haben, die eher sterben, als arm wer den, und für ihren dürftigen Unterhalt zu ar beiten, gezwungen seyn wollte, diese kennet sich eben so wenig, als derjenige, der sich von Glas zu seyn dünket. Dessentwegen sind auch alle meine Unterre dungen mit euch dahin gegangen, euch mit euch selbst bekannt zu machen, und euch an solche Bücher und Andachten zu gewöhnen, die euch in dieser allergrößten Kenntniß unterrichten möchten.
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Ihr würdet es für schwer halten, wenn ihr die Familie nicht kennen solltet, in welcher ihr ge bohren seyd, von was für Vorfahren ihr stam met, oder was ihr für ein Vermögen zu gewar ten habt. Aber, meine Kinder, ihr könnt viel leicht alles dieses aufs genaueste wissen, und doch in Ansehung eurer selbst so unwissend seyn, wie derjenige, der sich selbst von Wachs zu seyn glaubte. Denn ob ihr gleich alle von meinem Leibe ge bohren, und nach eures Vaters Nahmen ge nennt seyd, so seyd ihr doch alle zusammen, blos se Geister. Ich will hierdurch nicht so viel gesagt haben, als ob ihr keine Körper hättet, die Speise und Trank Schlaf und Kleidung benöthigt wären, sondern, daß dasjenige alles, was Ihr genennet zu werden verdienet, nichts anders als Geist sey. Ein geistiges und ver nünstiges<vernünftiges> Wesen seiner Natur nach, das allen fleischlichen und körperlichen Wesen eben so zu wider ist, als das Leben dem Tode; das nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, und bestimmt ist, immerdar zu leben, niemals weiter aufzuhö ren, sondern des Lebens, der Vernunft, der Erkenntniß in Gegenwart Gottes und der Ge sellschaft der Engel und seligen Geister in alle Ewigkeit zu genießen. Jedes Ding, daß ihr nur nennt, ist, außer diesem Geiste, wie eure Kleidung, etwas, das ihr nur auf eine Weile zu brauchen habt, und alsdenn muß es zu Ende gehen, sterben und
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verschwinden, und für euch nichts weiter seyn, als die Kleider und Körper andrer Leute. Aber, meine Kinder, ihr seyd nicht allein auf diese Art Geister, sondern ihr seyd auch gefal lene Geister, die ihr Leben in einem Stande der Verderbniß und der Unordnung, voller bösen Neigungen und Leidenschaften angefangen ha ben, die die Vernunft eurer Seele verblenden und verfinstern, und euch zu dem, was schädlich ist, reitzen. Eure Körper sind nicht allein elend und hin fällig, wie eure Kleider, sondern sie sind wie an gesteckte Kleider, die euch mit Krankheiten und Seuchen anfüllen, indem sie die Seele mit verdorbnen Neigungen und eiteln Begierden un terdrücken. Also besteht alles von uns gleichsam in zwey Wesen, die auch zwey Herzen in sich haben; durch das eine sehen, empfinden und bewundern wir Vernunft, Reinigkeit und Heiligkeit; durch das andre sind wir zu Stolz, Eitelkeit und sinn lichen Vergnügungen geneigt. Diesen innerlichen Krieg fühlen wir täglich mehr oder weniger in uns: und wenn ihr etwas wissen wollt, das der ganzen Welt nöthig ist, so ist es dieß: alles dasjenige, was in unsrer Natur vernünftig, heilig und göttlich ist, zu erhalten und vollkommner zu machen, hinge gen was Eitelkeit, Stolz und Sinnlichkeit ist, welche aus der Verderbniß unsers Zustandes
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entspringen, zu züchtigen, zu entfernen und aus zurotten. Könnt ihr zweifeln, meine Kinder, wenn ihr einen Blick auf diese Welt werft, und seht, was für Gewohnheiten, Moden, Freuden, Un ruhen, Entwürfe und Neigungen die Herzen und die Tage der Menschen beschäftigen, daß dem also sey, wie ich euch gesagt habe? Doch laßt euch diese Dinge nicht rühren, die Welt ist ein großer Traum, und nur wenig Menschen sind darinnen wache. Wir bilden uns ein, daß wir in Dunkelheit fallen, wenn wir sterben; doch ach! der meiste Theil von uns ist bis dahin im Dunkeln, und die Augen unsrer Seelen fangen erst alsdenn an zu sehen, wenn unsre körperlichen Augen geschlos sen sind. Ihr seht also euren Stand, meine Kinder; es kömmt euch zu, diesen Geist, der in euch ist, zu verherrlichen, zu verbessern und vollkommner zu machen, es kömmt euch zu, ihn zu dem Rei che des Himmels zuzubereiten, ihn mit der Liebe Gottes, und der Tugend zu nähren, ihn mit gu ten Werken zu schmücken, und ihn so heilig und himmlisch zu machen, als es möglich ist. Euch kömmt es zu, ihn vor den Irthümern und Ei telkeiten der Welt zu verwahren; ihn von den Verderbnissen des Körpers, von diesen falschen Freuden, und sinnlichen Begierden zu retten, zu welchen ihn der Körper verleitet.
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Es ist eure Pflicht, eure Seelen mit frommen Lesen und heiligen Betrachtungen, mit Wachen, Fasten und Beten zu unterhalten, damit ihr die sen ewigen Stand, den ihr mit dem Ende dieses Lebens antretet, schmecken, empfinden, und dar nach verlangen möget. Was eure Körper anbetrifft, so müßt ihr sie als elende vergängliche Wesen ansehen, die gegenwärtig siech und verdorben sind, und bald in den allgemeinen Staub hinfallen werden. Ihr müßt über sie, als über Feinde wachen, die allezeit euch zu reitzen und zu verführen su chen, und mithin niemals ihrer Meinung und ihrem Rathe folgen; ihr müßt sie als den Platz und die Wohnung eurer Seelen ansehen, und sie deswegen rein, unbefleckt und keusch hal ten: ihr müßt sie als Diener und Werkzeuge der Handlungen betrachten, und ihnen also Nahrung, Ruhe und Kleidung geben, da mit sie stark und gesund seyn mögen, die Pflich ten eines wohlthätigen, nützlichen und frommen Lebens zu erfüllen. Wenn ihr also lebet, so lebet ihr, wie ihr selbst: sobald ihr aber weniger Achtung für eure Se len, oder mehr für eure Körper habt, als sich ge ziemet: sobald ihr mehr darauf bedacht seyd, eu re Person zu schmücken, als eure Seelen voll kommner zu machen, so seyd ihr weit unsinniger, als derjenige, der lieber ein reiches Kleid, als einen gesunden Leib, haben möchte. Um dieser Ursache willen, meine Kinder, ha be ich euch nichts gelernet, was euch auf einige
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Art gefährlich seyn könnte. Ich habe euch von allem zurückgehalten, was euch zu Schwach heit und Thorheit verleiten könnte: und euch niemals überredet, in der Welt etwas für schön, außer einer schönen Seele, etwas für glück lich, außer der Gnade Gottes, oder irgend etwas für wünschenswerth zu halten, außer allein das Vermögen, in der Welt so viel Gutes zu thun, als euch möglich ist. Anstatt der eiteln und oft unbescheidnen Be schäftigung gewisser Schauspiele und Opern, ha be ich euch gelehret ein Vergnügen in dem Be suche des Kranken und Armen zu empfinden. Was Musik, Tanzen und andre Zeitvertrei be für viele in der Welt sind, das sind euch Ge bet, Andacht und Lieder. Eure Hände sind nicht beschäftiget, die Haare zu kräuseln und eure Per sonen zu schmücken: sondern Kleider für die Ent blöseten zu verfertigen. Ihr habet nicht euer Vermögen an euch selbst verschwendet, sondern es durch euren Fleiß noch vermehret, um andern desto mehr Gutes zu thun. Anstatt gezwungner Bildungen, geschmink ter Gesichter, buhlerischer Minen und affectirter Bewegungen, habe ich euch ge lehrt, eure Körper durch einen bescheidnen An zug zu verbergen, und den Augen der Welt an euch nichts vorzulegen, als Reinigkeit, Aufrichkeit<Aufrichtigkeit> und Demuth in allem euern Be tragen. Ihr wißt, meine Kinder, die hohe Voll kommenheit und die großen Belohnungen
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des ledigen Standes; ihr wißt, wie sehr er von weltlichen Sorgen und Unruhen befreyet, und Mittel und Gelegenheit giebt, es in einem gött lichen Leben weit höher zu bringen: dannenhero liebet, ehret und haltet diesen Stand hoch; dan ket GOtt für alle die glorreichen Gesellschaf ten von heiligen Jungfrauen, die von Anbeginn des Christenthums in den verschiednen Zeital tern der Kirche, den Sorgen und Freuden des Ehestandes entsaget haben, um beständige Bey spiele der Einsamkeit, der Betrachtung und des Gebets zu seyn. Doch da iedes seine eigne Gabe von GOtt em pfangen hat, wie ich denn in euch selbst die große Glückseligkeit eines verheyratheten Standes em pfinde; so überlasse ich es auch eurer eignen Wahl, entweder so zu thun, wie ich gethan habe, oder auch nach höhern Graden der Vollkommenheit in einem jungfräulichen Leben zu trachten. Ich verlange nichts, ich nöthige euch zu nichts, als daß ihr dieses Leben so gut, als mög lich, führen, und in iedem Stande des Lebens, den ihr erwählen werdet, nach der Vollkommen heit streben möget. Betrachtet euch dannenhero niemals selbst, als Personen, die da müssen gesehen, bewun dert und von Mannspersonen angebetet wer den, sondern als arme Sünder, die sich selbst von den Eitelkeiten und Thorheiten einer elenden Welt, durch Demuth, Andacht und Selbst verleugnung retten sollen. Lernet vor euch
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selbst und vor den Dienst Gottes zu leben; und laßt nichts von der Welt bey euch einigen Werth haben, außer dasjenige, was euch mehr zum Dienst Gottes ziehen, und ein Mittel eurer künftigen Glückseligkeit seyn kann. Betrachtet, wie nachdrücklich ihr zu einem tu gendhaften Leben berufen seyd, und was für große und herrliche Dinge GOtt für euch ge than hat, um eure Liebe für alles zu erwecken, was seine Ehre befördern kann. Denket an die Eitelkeit und Kürze des mensch lichen Lebens, und laßt Tod und Ewigkeit oft eure Gemüther beschäftigen; denn diese Gedan ken werden eure Seelen befestigen und erheben; euch weise und verständig, und das Kleine aller menschlichen Dinge recht fühlbar machen. Denkt an die Glückseligkeit der Propheten und Apostel, der Heiligen und Märtyrer, die sich ietzt in der Gegenwart Gottes freuen, und sich selbst in dem Besitze der ewigen Herrlichkeit se hen. Und denkt, wie wünschenswerth es sey, zu wachen und zu beten, und Gutes zu thun, wie sie thaten, daß, wenn ihr sterbet, euer Loos unter ihnen seyn möge. Ihr möget also verheyrathet oder unverhey thet seyn, so sehet euch selbst als Mutter oder Schwestern, als Freunde und Verwande aller derjenigen an, die eure Hülfe bedürfen; vergön net euch niemals müßig zu seyn, weil andre ei nen Mangel an demjenigen leiden, was eure Hände vor sie machen können.
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Diese nützliche, liebreiche, demüthige Beschäf tigung eurer selbst, befehle ich euch mit dem größten Ernste, als den wesentlichsten Theil eines weisen und frommen Lebens an. Denn außer dem Guten, das ihr dadurch andern erweiset, wird auch iede Tugend eures Herzens dadurch ungemein erhöhet werden. Denn nach dem Lesen, der Betrachtung und dem Gebete ist nichts, das unsre Herzen so sehr für thörichte Leidenschaften in Sicherheit setzet, nichts das die Gestalt unsrer Seele so hei lig und weise erhält, als eine nützliche und de müthige Beschäftigung unsrer selbst. Betrachtet also niemals eure Arbeit als eine Unterhaltung, die euch von der Zeit helfen, und sie euch nur so lange vertreiben soll, als es euch gefällt; sondern betrachtet sie als etwas, das euch und andern dienen soll; wodurch ihr einige bescheidne Absichten des Lebens erreichen, die Zeit retten und kaufen, und sie zu eurem Vortheile anwenden wollt, da die Werke aller Menschen durchs Feuer sollen geprüfet werden. Da ihr noch klein waret, so überließ ich euch einem kleinen Zeitvertreibe, um an gewissen un schuldigen Dingen vor euch selbst ein Vergnü gen zu finden: ietzt aber, da ihr zur Erkenntniß Gottes und eurer selbst herangewachsen seyd: da eure Seelen mit dem Werthe und der Kost barkeit der Tugend bekannt, und durch die großen Lehren der Religion erhoben geworden, so ist es eure Pflicht, nichts mehr als Kinder zu thun;
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sondern alles was armselig, eitel und thöricht ist, zu verachten: nunmehr müßt ihr die Arbeit eu rer Hände der Frömmigkeit eurer Herzen gemäß einrichten, und um eben desselben Endzwecks willen und mit eben demselben Geiste, mit dem ihr wachet und betet, euch selbst beschäftigen. Denn wenn ihr irgend etwas Gutes durch eu re Arbeit schaffen könnt, wenn ihr euch nützlich für andre zu beschäftigen im Stande seyd, wie einfältig, wie sehr der Religion zuwider wäre es, wenn ihr dasjenige zu einem bloßen Zeitver treibe machen wolltet, was ihr eben so leicht zu einer Uebung der größten Liebe machen könnet? Was würdet ihr von der Weisheit desjenigen halten, der seine Zeit darauf wenden wollte, Wasser abzuziehen, die kein Mensch nutzen könn te, blos deswegen, daß er sich an der Reinig keit und Verschiedenheit der Farben ergötzen wollte, da er mit weniger Arbeit und Aufwand dem Mangel dererjenigen könnte zu statten kom men, die nichts zu trinken haben? Er würde aber auf eine eben so kluge Art be schäftiget seyn, als diejenigen, die sich selbst die Zeit mit solchen verdrüßlichen Dingen vertrei ben, die sie weder brauchen, noch von denen sie kaum wissen, zu was sie nützen, wenn sie vollen det sind: da sie mit weniger Arbeit und Ausga ben so viel Gutes thun könnten, als derjenige, der den Nackenden kleidet, oder den Kranken besucht.
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Macht euch derowegen ein Vergnügen dar aus, euch nach dem Mangel der Dürftigsten zu erkundigen, und laßt eure Hände in Verferti gung solcher geringen und ordentlichen Din ge vor sie beschäftiget seyn, als ihre Nothdurft erfordert. Wenn ihr also eure Arbeit zu einem Geschenke und Dienste des Armen machet, so wird euer ordentliches Gewerbe in einen Got tesdienst verwandelt werden und GOtt so ange nehm seyn, als eure Andachten. Und da die Liebe die größte aller Tugenden ist, so wie sie allezeit die Hauptneigung der größten Heiligen gewesen; so kann nichts eure Liebe in den Augen Gottes so liebenswürdig ma chen, als diese Art ihr eure Arbeit zuzusetzen. Die Demuth dieser Beschäftigung also wird vor euch so vortheilhaft, als die Liebe derselben seyn. Sie wird euch für allen eiteln und stol zen Gedanken eures eignen Standes und Vor zugs im Leben, und für der Art, mit den Armen, als mit Geschöpfen von ganz andrer Gattung, zu verfahren, gänzlich bewahren. Wenn ihr euch selber zu dieser Arbeit und dem Dienste der Armen, als die Jesum Christum selbst vorstellen, gewöhnet, so werdet ihr bald euer Herz von der größten Sanftmuth und Niedrigkeit gegen sie gerührt finden. Ihr werdet ihren Stand hoch achten, es für eine Ehre halten, ihnen zu dienen, und niemals mehr mit euch selbst zufrieden seyn, als wenn ihr auf das demüthigste in ihrem Dienste beschäftigt seyd.
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Dieses wird euch zu wahren Schülern eures sanften Herrn und Meisters machen, der nicht in die Welt kam, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene, und ob er gleich Herr von allen Geschöpfen seiner eignen Hände, doch unter ihnen war, als einer, der da dienete. Das Christenthum hat alsdenn seine herrlich ste Wirkungen auf eure Herz gethan, wenn es also euren Geist verändert, und allen Stolz des Lebens von euch entfernt und gemacht hat, daß ihr, in der Demüthigung eurer selbst unter die niedrigsten eurer Nebengeschöpfe, ein wahres Vergnügen finden könnet. Lebet also, meine Kinder, so wie ihr euer Leben angefangen habt, in demüthiger Arbeit vor das Beste andrer; und lasset euch Staatsbesuche und eitle Bekanntschaften so wenig Zeit rauben, als möglich ist. Machet euch keine alberne Freundschaften, oder eitle Zärtlichkeiten für ge wisse einzelne Personen eigen, sondern liebt die am meisten, die am meisten eure Liebe auf GOtt und euer Mitleiden auf die ganze Welt lenken. Doch hauptsächlich, vermeidet den Umgang mit galanten Thoren und Stutzern, und hasset nichts mehr, als die leeren Geschwätze, Schmeicheleyen und Complimenten dieser Art von Leuten: denn sie sind die Schande ihres eignen Geschlechts, und müssen der Abscheu des eurigen seyn. Wenn ihr ausgeht, so laßt Demuth, Beschei denheit und ein anständiges Betragen den ganzen
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Staat seyn, den ihr mit euch nehmt; und laßt Zärtlichkeit, Mitleiden und ein gutes Herz die ganze Lebensart seyn, die ihr überall zeiget. Wenn übel reden, lästern und verleum den die Unterhaltung der Gesellschaft ist, in die ihr von ungefehr kommt, so bewahret euer Herz und eure Zunge: seyd darüber so sehr beleidigt, als ob ihr unter Fluchen und Schwören wäret, und begebet euch so bald, als möglich, fort. Solltet ihr die Absicht haben zu heyrathen, so laßt es euch doch nie eher einfallen, bis ihr den Mann findet, der diejenigen Vollkommenheiten besitzet, welche ihr an euch zu erlangen gearbei tet habt; der auf gleiche Weise ein Freund al ler eurer Tugenden ist, und mit dem ihr besser leben könnt, als wenn euch sein Beyspiel fehlte. Liebet die Armuth, und haltet die Armen, sowohl um verschiedner andrer Ursachen willen, als auch insbesondre deswegen hoch, weil unser theuerster Heiland selbst einer aus ihnen war, und weil ihr euch eben so viel Freunde und Fürsprecher für euch bey GOtt an ihnen machet. Besuchet sie und geht fleißig mit ihnen um: ihr werdet oft Redlichkeit, Unschuld, Ge dult, Standhaftigkeit und eine große Fröm migkeit unter ihnen finden; und wo dieses nicht ist, so werdet ihr sie vielleicht durch euer gutes Exempel bessern.
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Erfreuet euch über iede Gelegenheit, wo ihr eine demüthige Handlung thun, und die Sanft muth eures Geistes üben könnet: es sey nun, in dem ihr, wie die Schrift es ausdrückt, der Hei ligen Füße waschet, das ist, indem ihr denen jenigen helfet und dienet, die unter euch sind; oder indem ihr dererjenigen Stolz und Hochmuth ertraget, die eures gleichen, oder über euch sind. Denn es ist nichts vortrefflicher, als Demuth; sie ist die reiche Quelle aller Tugenden, und al les was milde und gut ist, fließt von sich selbst daraus. Dannenhero, meine Kinder, betet um De muth, übet sie aus, und verwerfet alles, es mag in der Kleidung, oder Aufführung, oder im Umgange seyn, was den Schein des Stol zes hat. Strebet nach allem, was liebenswerth ist, aber thut nichts deswegen, daß ihr gelobet wer det; und denket an keine Belohnungen für alle Arbeiten der Liebe und der Tugend, als bis Christus mit allen seinen heiligen Engeln kom men wird. Hauptsächlich aber, meine Kinder, hütet euch vor allen eiteln und stolzen Gedanken über eure selbsteigne Tugenden. Denn sobald als die Menschen sich von dem gemeinen Wege der Welt absondern, und ihre Eitelkeiten verachten, so stellt ihnen der Teufel gleich die Höhe ihrer ei gnen Vollkommenheiten vor, und ist mit ihren guten Werken zufrieden, wenn er sie nur darauf stolz machen kann.
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Dannenhero wachet über eure Tugenden mit einem eifersüchtigen Auge, und verwerfet eben so sehr ieden eiteln Gedanken, als ihr alle gottlose Vorstellungen fliehet: denn bedenket, was wür de es nicht für ein Verlust vor euch seyn, wenn die Frucht aller eurer guten Werke durch die Ei telkeit eurer eignen Seelen sollte verschlungen werden. Verachtet deswegen diejenigen nicht, die nicht euren Lebensregeln folgen wollen; sondern zwingt eure Herzen, sie zu lieben und für sie zu GOtt zu beten, und laßt allezeit die Demuth euch zulispeln, daß ihr von diesen Regeln viel leicht morgen weichen würdet, wenn euch GOtt eurer eignen Kraft und Weisheit überlassen wollte. Wenn ihr nun Tage und Wochen wohl ange wandt habt, so gestattet euren Herzen nicht, ir gend etwas als euer eignes Werk zu betrachten, sondern gebt in allen der göttlichen Gnade die Eh re, die euch durch solche Gesetze eines heiligen Le bens hindurch geführet hat, da ihr nicht vermö gend waret, sie durch eure eignen Kräfte zu beob achten: und hütet euch, daß ihr ja den nächsten Tag nicht als solche anfanget, die es schon in der Tugend weit gebracht, und große Dinge thun können, sondern als arme Anfänger, die den täglichen Beystand Gottes nöthig haben, um sie von den gröbsten Sünden zu retten. Euer lieber Vater war ein demüthiger, wach samer, frommer und weiser Mann. So lange
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seine Krankheit ihm erlaubte, mit mir zu reden, so war sein Gespräch hauptsächlich auf eure Er ziehung gerichtet. Er kannte die Früchte der Demuth, er sah das Verderben, welches der Stolz in unserm Geschlechte anrichtet, und des wegen beschwor er mich mit den zärtlichsten Aus drückungen, der Mode, die Töchter in Stolz und Weichlichkeit und in der Sorge für ihre Schönheit und ihren Putz zu erziehen, gänz lich zu entsagen; sondern sie in dem richtig sten und einfältigsten Verhalten eines demü thigen, heiligen und fleißigen Lebens zu unter richten. Er lehrte mir eine vortrefliche Regel der Demuth, die er alle Tage seines Lebens ausübte; welche darinnen bestund: keinen Morgen vor bey zu lassen, ohne an eine Schwachheit und Gebrechlichkeit unsrer selbst zu denken, die uns bestürzt und innerlich schamroth ma chen, und uns eine geringere Meinung von uns selbst beybringen möge. Denket dannenhero, meine Kinder, daß die Seele eures redlichen Vaters, der ietzt bey GOtt ist, durch meinen Mund zu euch spricht; und laßt das dopppelte<doppelte> Verlangen, eures Vaters, der vorüber ist, und meiner selbst, weil ich noch bey euch bin, euch bewegen, GOtt zu lieben, und eure eigne Vollkommenheit zu untersuchen, die Demuth zu üben, und mit einer unschuldigen Arbeit und Liebe, allen euren Nebengeschöpfen, so viel Gutes erzeigen, als euch möglich ist, bis euch GOtt in ein anders Leben rufet.
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Also erzog die fromme Wittwe ihre Töchter. Der Geist dieser Erziehung spricht vor sich selbst so deutlich, daß ich, wie ich hoffe, nicht nöthig habe, etwas zu ihrer Rechtfertigung zu sagen. Wenn wir es sowohl im Leben sehen, als in Büchern lesen könnten, so würde die Welt bald die glücklichen Wirkungen davon em pfinden. Eine Tochter, die also erzogen ist, würde ein Seegen für diejenige Familie seyn, in die sie kä me: eine geschickte Gefährtinn vor einen weisen Mann, die ihn in der Führung seines Hauswe sens, und in der Erziehung seiner Kinder glück lich machen würde. Diejenige aber, die nicht zur Heyrath geneigt wäre, oder nicht eine Wahl ihrem Wunsche ge mäß treffen könnte, würde wissen, wie sie in ei nem ledigen Stande zu großen und vortreflichen Absichten leben sollte. Selbst eine sehr gemeine Kenntniß von dem Geiste des Christenthums scheint hinlänglich zu seyn, uns zu überzeugen, daß keine Erziehung einem jungen Frauenzimmer zum wahren Vor theile gereichen könne, als diejenige, wodurch sie zu einem demüthigen Fleiße, zu einer großen Redlichkeit im Leben, zu einer genauen Be scheidenheit in der Kleidung, in Sitten und in der Aufführung, und zu einer wah ren Andacht erzogen wird. Denn was soll ein christliches Frauenzimmer sonst seyn, als ei ne aufrichtige, unaffectirte, bescheidne, de=
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müthige Creatur, die alles und iedes in ihrem Anzuge und ihrer Aufführung vermeidet, wo durch sie die Augen der Zuschauer auf sich ziehen, oder die Leidenschaften unverschämter und wol lüstiger Personen reitzen kann? Wie unbekannt muß derjenige mit dem Evan gelio seyn, der nicht weiß, daß es dieß zum Gei ste einer frommen Weibsperson erfordert? Unser geseegneter Heyland sagt, wer ein Weib ansiehet ihr zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in sei nem Herzen. [Math. V. 28]. Kann wohl eine Erziehung, welche die Ge müther der Frauenzimmer auf die Künste und Zierrathen des Putzes und der Schönheit len ket, stärker verdammet werden, als durch diese Worte? Denn wahrhaftig, wenn das Auge so leicht und gefährlich verführet wird, so ist iede Kunst und ieder Zierrath, dessen Absicht na türlicher Weise zu verführen ist, genugsam ver dammet. Und wie kann ein frommes Frauenzimmer etwas aus gerechterer Ursache verabscheuen und vermeiden, als dasjenige, was ihre Person mehr zu einer Nachstellung und Versuchung an drer machet? Wenn die Begierde und buhle rische Augen der Tod der Seelen sind, können sich Frauenzimmer wohl für unschuldig halten, die mit entblösten Brüsten, geschminkten Ge sichtern, und iedem Schmucke des Putzes die Augen zur Wollust einladen?
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So wenig sie aber bey einem solchen Betra gen einigen Anspruch auf die Unschuld machen können, so wenig können sie auch die Grenzen ihrem Verbrechen bestimmen. Denn da sie nicht einmal wissen, wie sehr und wie oft sie an dern Leuten Gelegenheit zur Sünde gegeben ha ben, so können sie niemals wissen, wie hoch ih nen ihre Missethat mag angerechnet werden. Dieses sollte, meinen Gedanken nach, iedes fromme Frauenzimmer zur Gnüge von iedem Dinge abschrecken, wodurch sie andern die Ge legenheit zu üppigen Begierden geben kann. Der heil. Paulus, da er von einer ganz un schuldigen Sache redet, schließt folgender Maßen: Sehet aber zu, daß diese eure Freyheit nicht gerathe zu einem Anstoß der Schwachen. — Und wird also über deinem Erkenntniß der schwache Bruder umkommen, um welches willen doch Christus gestorben ist. Wenn ihr aber also sündiget an den Brüdern, und schla get ihr schwaches Gewissen, so sündiget ihr an Christo. Darum so die Speise meinen Bruder ärgert, wollt ich nim mermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte. [1 Cor. VIII. 9. 11. 12. 13.]. Ist nun aber dieses der Geist des Christen thums; verlanget er, daß wir uns von so ge setzmäßigen, unschuldigen und nützlichen Dingen enthalten sollen, sobald wir unsre schwachen
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Brüder zum Irrthume verführen können: so kann man es wahrhaftig nicht für einen zu übertriebenen oder unnöthigen Gewissens punkt vor Frauenzimmer halten, daß sie solche Dinge vermeiden, die nicht nur nicht unschuldig, noch nützlich sind, sondern ihre eigne Herzen zu verderben, und böse Begierden bey andern zu erregen abzielen. Wahrhaftig, iedes fromme und christliche Frauenzimmer sollte in dem Geiste des Apostels sagen, wenn Schminke und Anstrich oder ieder eitle Zierrath meiner Person, ein natür liches Mittel ist, schwachen und unachtsamen Augen einen Anstoß zu verursachen, so will ich allen diesen Künsten, so lange als ich lebe, ent sagen, damit ich nicht meine Nebengeschöpfe zur Sünde reitze. Ich will nun diesen Innhalt von der De muth verlassen; denn ich habe, dünkt mir, ge nug gesagt, um euch die Nothwendigkeit zu em pfehlen, sie zum beständigen und vornehmsten Gegenstande eurer Andacht in dieser Betstunde zu machen. Ich habe die Natur und Nothwendigkeit der Demuth, und ihre große Wichtigkeit zu einem gottseligen Leben betrachtet. Ich habe euch ge zeigt, wie viele Schwierigkeiten wider sie aus unsern natürlichen Neigungen, dem Geiste der Welt und der allgemeinen Erziehung beyder Ge schlechter entstehen. Diese Betrachtungen werden euch, wie ich hoffe, unterrichten, wie ihr euer Gebet darum
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aufs beste einrichten möget; und euch von der Nothwendigkeit überzeugen, keinen Tag, ohne ein ernsthaftes Gebet zu GOtt um den ganzen Geist der Demuth, vorbey streichen zu lassen: ihn feurig anzuflehen, ieden Theil eurer Seele damit zu erfüllen, sie zur regierenden und bestän digen Gewohnheit eurer Seele zu machen, damit ihr sie nicht allein empfinden, sondern auch füh len möget, daß alle übrigen Neigungen daraus entstehen: ja daß ihr keine andre Gedanken, kei ne Begierden, keine Absichten als solche haben möget, welche die Früchte eines demüthigen, sanf ten und niedrigen Herzens sind. Damit ihr allezeit arm, klein, und niedrig in euren Augen erscheinet, und zufrieden seyn mö get, wenn andre eben diese Meinung von euch haben. Damit der ganze Lauf eures Lebens, eure Ausgaben, euer Haus, eure Kleidung, eure Art zu essen, zu trinken, Umgang zu haben, und alles was ihr thut, so viel beständige Pro ben einer wahren ungeheuchelten Demuth eures Herzens seyn mögen. Damit ihr auf nichts sehen, euch nichts zuei gnen, nichts übel aufnehmen möget: sondern durch alle Handlungen und Zufälle des Lebens heiter und ruhig, als vor GOtt, einher gehet, ganz auf ihn sehet, ganz für ihn wirksam seyd; keinen eitlen Beyfall suchet, keine Beleidigungen oder Beschimpfungen hoch empfindet, sondern alles
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in dem sanften und demüthigen Geiste eures Herrn und Heylandes Jesu Christi thut und aufnehmet.

Zwanzigstes Hauptstück. Befiehlt die Andacht um zwölf Uhr an, welche in der Schrift die sechste Stunde des Tages genennet wird. Diese öftere Wiederhohlung des Gebets ist für alle Gattungen von Leuten gleich nöthig. Die allgemeine Liebe wird hauptsächlich zum Gegenstande des Gebets auf diese Stunde anbefohlen. Von der Fürbitte, als einer Handlung der allgemeinen Liebe.

------------------------------ Es werden vielleicht einige glauben, daß diese Betstunden zu oft kommen; daß sie blos von Leuten können beobachtet werden, die nichts zu thun haben, daß man sie aber nicht denen Men schen überhaupt aufdringen könne, welche die Sorgen der Familien, der Handlung, oder Amtsverrichtungen auf sich hätten, noch auch den Vornehmen, deren Staat und Fi gur in der Welt eine solche öftere Andacht nicht zulassen würde. Dieses schickte sich blos vor Mönchs= und Nonnenklöster, oder solche Leute, die eben so wenig in der Welt, als diese, zu thun hätten.
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Hierauf dienet zur Antwort. Erstlich, daß diese Art der Andacht gar nie manden als unumschränkt nothwendig dür fe aufgedrungen, sondern iedermann angeprie sen werden, als die beste, glücklichste und vollkommenste Art zu leben. Da aber eine große und exemplarische An dacht eben so wohl die größte Glückseligkeit und Vollkommenheit eines Kaufmanns, Solda tens, oder eines Mannes vom Stande ist, als sie die größte Glückseligkeit und Vollkommenheit des eingezogensten Lebens ausmachet, so ist sie eben so geschickt ohne dem geringsten Ab bruch der einen Art von Menschen, als der an dern anbefohlen zu werden. Der Weltmann und der Handelsmann mögen und müssen den größten Theil ihrer Zeit auf eine andre Art, als der fromme Mönch in dem Kloster, oder der tiefsinnige Einsiedler in der Wüste, zubringen: doch, gleichwie der Mönch und Einsiedler, wenn sie sie nicht ganz und gar der Andacht widmen, die Absichten ihrer Ent fernung verlieren; also verfehlet auch der Welt mann und Kaufmann den großen Endzweck des geselligen Lebens, und lebet zu seinem Verluste in der Welt, wenn nicht die Andacht ihre erste und regierende Neigung ist. Es ist den Menschen sehr anständig und rühmlich, wenn sie sich der Handlung und andrer Verrichtungen annehmen; es ist auch billig, daß Leute vom Stande vor ihr Ver=
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mögen und ihre Familien sorgen, und auch sol che Ergötzungen genießen, die ihrem Stande ge mäß sind. Aber ieder Weltmann und Handels mann verlieret die größte Glückseligkeit seiner Schöpfung, er beraubet sich einer Sache, die größer ist, als alle Bedienungen, Vorzüge und Freuden der Welt, wenn er eben so wenig vor die Frömmigkeit und Andacht, als vor sonst etwas in der Welt lebet. Die Leute von Geschäften und Figur in der Welt haben also gar keine Entschuldigung vor sich. Erstlich hieß dieses sich um einer Sache willen entschuldigen, die der größte Endzweck des Lebens ist; und eben so viel Ursachen aus findig machen, warum man sich so wenig nütz lich, als GOtt und der Welt dienstgeflissen zu seyn brauchte. Anderns, vertiefen sich die meisten Men schen von Geschäften und Figur zu sehr in weltliche Händel; ja weit mehr, als die Ursa chen des menschlichen Lebens oder die Nothwen digkeiten der Welt es erfordern. Kauf= und Handwerksleute, zum Exem pel, sind zehnmal mehr in die Geschäfte verwickelt, als es nöthig wäre. Der Mangel der Zeit zur Andacht ist also durchaus keine vernünftige Ent schuldigung: es ist vielmehr ihr eigen Ver brechen, welches eben so sehr sollte beurtheilet werden, als eine strafbare Entschuldigung des Geitzes und Ehrgeitzes. Der Adel und Personen von Stande über lassen sich entweder den Staatsgeschäften,
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oder den Befriedigungen ihrer Leidenschaften in einem wollüstigen und üppigen Leben: soll man aber diese Dinge für erlaubte Verhin derungen in der Andacht gelten lassen, so müßte man die Andacht für einen sehr elenden Umstand des Lebens halten. Wofern nicht Leute vom Stande zeigen können, daß sie einen andern GOtt, als den Vater unsers Herrn Jesu Christi; eine andre Natur, als diejenige, die wir von Adam em pfangen haben; eine andre Religion, als die christliche, haben, so ist es umsonst, ihren Stand, ihre Würde und ihre Vergnügungen, als Ursa chen vorzuschützen, warum sie nicht ihre Seelen, durch eine genaue und regelmäßige Andacht, vor GOtt zubereiten. Denn da Frömmigkeit und Andacht die ge meinen unveränderlichen Mittel sind, alle Seelen in der Welt, die da sollen gerettet wer den, zu retten, so ist vor den Vornehmen, den Soldaten und den Handwerksmann nichts übrig gelassen, als Sorge zu tragen, daß ihre verschiednen Stände, durch Sorge und Wach samkeit, durch Betrachtungen und Gebet, zu Ständen einer genauen und gründlichen Gottseligkeit gemacht werden. Wenn ein Kaufmann sich den allzugroßen Ge schäften entzogen hätte, um ruhig den Dienst Gottes abzuwarten, und dessentwegen nach sei nem Tode statt funfzig tausend, zwanzig tausend Pfund hinterließe, würde man wohl behaupten
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können, daß er seines Rufs verfehlet, oder mit Verluste aus dieser Welt gegangen wäre? Wenn ein Junker weniger Füchse getöd tet, weniger Bälle, Spieltische und lustige Gesellschaften besucht hätte, weil er einen be stimmten Theil seiner Zeit der Entfernung, dem Nachdenken und der Andacht gewidmet hätte; bildet man sich wohl ein, daß er bey sei nem Abschiede aus der Welt, den Verlust der jenigen Stunden bedauern werde, die er auf die Sorge und Verbesserung seiner Seele ver wandt hat. Wenn ein Handwerksmann, der nach der christlichen Vollkommenheit strebet, und sich selbst öfters von seinem Geschäfte entfernt, an statt daß er seinen Kindern ein Vermögen hin terläßt, um es in Schwelgerey und Müßig gange durchzubringen, ihnen dafür die Sorge überließ, durch ihre eigne ehrliche Arbeit ihr Leben zu erhalten: würde man wohl sagen können, daß er sich die Welt schlecht zu Nutze gemacht, weil er seinen Kindern gezeigt hat, daß seine Absicht mehr auf das, was ewig ist, gegangen, als auf dasjenige, was so bald ein Ende hat? Weil derowegen die Andacht nicht allein die beste und würdigste Beschäftigung in einem Kloster, sondern auch die beste und würdigste Beschäftigung aller Menschen, als Menschen, und in einem ieden Stande des Lebens ist, so sind diejenigen, die sich deswegen zu entschuldigen glauben, weil sie Leute vom Stande, von Ver=
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mögen und Geschäften sind, nicht weiser, als diejenigen, die da wünschen, wegen der Ge sundheit und Glückseligkeit entschuldiget zu seyn, weil sie Leute vom Stand und Vermö gen wären. Ich kann nicht einsehen, warum ieder Vor nehme, Kaufmann oder Soldat, diese Fra gen nicht ernsthaft an sich selbst thun sollte: Was ist wohl das Beste vor mich, auf das ich in allen meinen Handlungen se hen, und wornach ich trachten sollte? was muß ich thun, um die größte Pflicht des menschlichen Lebens zu erfüllen? Wel che Wege sollte ich wohl wünschen, daß ich genommen hätte, wenn ich die Welt verlassen werde? So weise aber zu seyn, und so viel Gebrauch von seiner Vernunft zu machen, scheint nur ein geringer und nothwendiger Theil der Weis heit zu seyn. Denn wie können wir wohl An spruch auf den Verstand machen, wenn wir es nicht wagen, nach demjenigen, was solche Fra gen von uns erfordert, unser Leben ernsthaft zu betrachten, Rechenschaft davon zu geben und es zu regieren? Soll ein Edelmann seine Geburth für eine zu hohe Würde halten, um zu solchen Fragen, als diesen, herabzusteigen? oder soll ein Hand werksmann sein Gewerbe für zu groß hal ten, als daß er sich um sich selbst bekümmern könne?
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Man wird gewiß in seinem Leben nicht mehr Andacht brauchen, als die Antwort dieser we nigen Fragen Zeit erfordert. Jede Andacht, die nicht demjenigen, der sie ausübet, zu größerm Vortheile gereichet, als ir gend sonst eine Sache, die er während der Zeit thun könnte; iede Andacht, die nicht ein un endlich größer Gut verschaffet, als durch die Unterlassung desselben erhalten wird, muß ohne Umstand aufgegeben werden, das braucht gar keiner Frage. Aber wenn Leute in einer so großen Unwis senheit leben, daß sie niemals diese Fragen an sich selbst thun, sondern auf gerathe wohl los le ben, ohne zu fragen, was und warum sie es thun? ohne iemals den Werth, die Schätzbar keit, oder die Absicht ihrer Handlungen zu unter suchen, ohne zu betrachten, was GOtt, Ver nunft, Ewigkeit und ihre eigne Glückseligkeit von ihnen erfordern: so gereichet es der An dacht zur Ehre, daß sie niemand verabsäumen kann, als diejenigen, die so unüberlegt leben, und die nicht nach dem, was das Beste und ih rer Wohlfahrt am würdigsten ist, zu forschen wagen. Es ist gewiß, Claudius, ihr seyd ein Mann vom Stande und Vermögen, ihr habet die Rolle eines solchen Standes in dem menschli chen Leben zu spielen: ihr seyd nicht berufen, wie Elias, ein Prophet, oder, wie der heil. Paulus, ein Apostel zu seyn.
|| [0473.01]
Doch werdet ihr euch deswegen nicht selbst lieben? werdet ihr eure eigne Glückseligkeit nicht suchen und darnach ringen, weil ihr nicht berufen seyd, andern darüber zu predigen? Man würde es für sehr abgeschmackt halten, wenn iemand nicht seine Gesundheit hochschä tzen wollte, weil er nicht ein Arzt wäre; noch die Erhaltung seiner Glieder, weil er nicht Beinbrüche heilte. Doch für euch, Clau dius, ist es noch weit abgeschmackter, den Wachsthum eurer Seele in der Frömmigkeit deswegen zu verabsäumen, weil ihr kein Apostel oder Bischoff seyd. Betrachtet den Innhalt dieser Schriftstelle: Wo ihr nach dem Fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen: wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödtet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder. [Röm. VIII. 13. 14.]. Glaubet ihr denn, daß die Stelle nicht alle Menschen angeht? Findet ihr hier vor Leute von Stande und Vermögen eine Ausnahme? Wird nicht ein geistliches und demüthiges Leben hier zur allgemeinen Bedingung gemacht, unter welche alle Menschen zu Kindern Gottes werden sol len? Wollt ihr also die Stunden des Gebets und Regeln der Andacht besondern Ständen des Lebens überlassen, da euch und iedermann nichts, als eben derselbe Geist der Andacht, von dem ewigen Tode retten kann?
|| [0474.01]
Betrachtet noch diese Stelle: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf daß ein ieglicher empfahe, nachdem er gehandelt hat bey Leibes Le ben, es sey gut oder böse. [2 Cor. V. 10]. Wenn euer Stand also euch wegen der Erschei nung vor seinem Richterstuhle entschuldiget: wenn euer Ansehn euch für der Empfahung, nach dem ihr gehandelt habt, schützen könnte, so würdet ihr einigen Vorwand haben, die Andacht andern Menschen zu überlassen. Doch wenn ihr, die ihr ietzt einen solchen Vorzug in der Welt habt, alsdenn unter allen Seelen, ohne irgend einem andern Vorzug vor andern, als denjenigen, den ihr durch eure Tugend habt, entblößt erschei nen müßt: seyd ihr alsdenn nicht eben so wohl, als ein Prophet oder Apostel, verbunden, euch vor die besten Belohnungen dieses großen Tages den besten Vorrath zu sammeln? Nachgehends betrachtet diese Lehre des Apo stels: Denn unser keiner, das ist von uns Chri sten, lebet ihm selber, unser keiner stirbt ihm selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn darzu ist Christus auch gestorben und auferstan den, und wieder lebendig worden, daß er über Todte und Lebendige ein Herr sey. [Röm. XIV. 7. 8. 9.]. Seyd ihr wohl, Claudius, in dieser Stelle ausgenommen? werdet ihr, eures Standes
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wegen, es einer besondern Gattung von Leu ten überlassen, Christo zu leben und zu ster ben? Ist dem also, so müßt ihr ihnen auch die Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Christi überlassen. Denn diese Stelle enthält die ausdrückliche Lehre, daß Christus deswegen gestorben und wieder auferstanden, daß unser keiner ihm selbst leben solle. Es sind nicht Prie ster, Apostel, oder Mönche und Einsiedler, die nicht länger ihnen selbst leben sollen: sondern unser keiner, das ist, kein Christ, er mag von einem Stande seyn, von welchem er wolle, soll ihm selbst leben. Wenn es also Gründe zur Frömmigkeit, und Regeln der Andacht giebt, die ihr verabsäumen könnet, und doch eben sowohl Christo leben, als ob ihr sie beobachtet hättet, so rufet euch dieser Spruch zu keiner solchen Andacht. Wenn ihr aber eine solche Andacht unterlaßt, die, wie ihr selbst gestehet, von einer besondern Art Leuten erwartet wird; wenn eine solche Andacht, wie ihr gleichfalls bekennt, denenjenigen ansteht, die ganz Christo leben und nach einer großen Frömmigkeit ringen; wenn ihr endlich eine solche Andacht, um irgend einer weltlichen Ab sicht willen, unterlaßt, damit ihr desto mehr eu rer eignen Neigung, und eurem Geschmacke, desto mehr den Moden und Wegen der Welt, nachleben möget, so unterlaßt ihr auch die Be dingungen, unter welchen die Christen allein des Todes und der Auferstehung Christi sollen theil haftig werden.
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Betrachtet ferner, wie eben diese Lehre durch den heil. Petrus vorgetragen wird; Nach dem, der euch berufen hat, und heilig ist, seyd auch ihr heilig in allen eurem Wandel. [1 Pet. I. 15.]. Wenn ihr also, Claudius, einer von denen jenigen seyd, die hierzu berufen sind, so seht ihr ja, was es ist, worzu ihr berufen seyd. Es ist nicht, daß ihr nur so viel Religion habt, als sich zu eurer Neigung, eurem Geschäfte und euren Ver gnügungen schicket: es ist nicht, daß ihr eine be sondre Art von Frömmigkeit habt, die für einen Mann von Ansehn und Vermögen zureichend ist: sondern es ist, erstlich, daß ihr so heilig seyd, als er, der euch beruffen, heilig ist: anderns, daß ihr so heilig in allen Arten des Umgangs seyd; das ist, daß ihr diesen Geist und Grad der Heiligkeit in iedem Theil und durch die ganze Gestalt eures Lebens mitführet. Die Ursache aber, die der Apostel unmittel bar angiebt, warum dieser Geist der Heiligkeit der allgemeine Geist der Christen seyn müsse, ist sehr rührend, und ruft alle Arten von Christen auf gleiche Weise darzu. Denn ihr wisset, sagt er, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöset seyd, von eurem eiteln Wandel — sondern mit dem theu ren Blute Christi et cetera Als ob er gesagt hätte, denn ihr wisset, daß ihr zu diesem Stande der Heiligkeit fähig ge macht seyd, daß ihr mit Christo eine Gemein
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schaft eingegangen, und seiner Herrlichkeit Er ben geworden, nicht durch menschliche Mittel, sondern durch ein so geheimnißvolles Beyspiel der Liebe, welches alles, was nur in dieser Welt kann gedacht werden, unendlich weit übetrifft<übertrifft>: Da euch GOtt ihm selber, und eure eigne Glück seligkeit um einen so großen Preis erkauft hat: wie niederträchtig und schändlich würde es seyn, wenn ihr euch hinfort nicht ganz dem Ruhme Gottes widmen und heilig werden wolltet, wie er, der euch berufen hat, heilig ist? Wenn ihr also, Claudius, euren Stand und euer Vermögen ansehet; oder wenn ihr, nach den Worten des Spruches, euer Gold und Sil ber und andre vergängliche Dinge dieses Le bens, als eine Ursache anseht, warum ihr nach eurer Neigung und Gefallen leben und eine strenge Gottesfurcht und Andacht verabsäumen dürftet; wenn ihr irgend etwas in der Welt für eine Entschuldigung haltet, um in dem ganzen Laufe und der Gestalt eures Lebens die Heilig keit Christi nicht nachzuahmen, so machet ihr euch selbst so strafbar, als einer, der die Heilig keit des Christenthums deswegen hintansetzte, weil er Stroh lesen wollte. Denn die Größe dieses neuen Lebens, zu wel chem wir in Christo Jesu berufen sind, um den Engeln Gottes im Himmel gleich zu seyn, und die Größe des Preises, durch welchen wir die ses Standes der Herrlichkeit theilhaft geworden, hat alles, was weltlich, zeitlich und vergäng=
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lich ist, durchgängig klein und verächtlich gemacht, daß es nicht weniger eine eben so große Niederträchtigkeit und Thorheit ist, und eine eben große Verachtung des Blutes Christi, die geringste Grade der Heiligkeit zu verabsäu men, weil man ein Mann von Ansehn und Stande ist, als es eine wäre, wenn man sie verabsäumete, weil es uns einfiel, Strohhal men zu lesen. Wiederum sagt eben derselbe Apostel: Wis set ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von GOtt, und seyd nicht euer selbst? Denn ihr seyd theuer erkauft, darum so preiset GOtt an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes. [1 Cor. VI. 19. 20.]. Wie schlecht also, Claudius, müßt ihr die Schrift gelesen haben, wie wenig müßt ihr vom Christenthume wissen, wenn ihr euch auf euer Vermögen und eurem Stand, als auf eine Entschuldigung einer freyern Lebensart, berufet? Seyd ihr wohl mehr euer eigen, als derjeni ge, der kein Vermögen noch Ansehn in der Welt hat? Sollen nur niedrige und geringe Leute ihre Leiber, als Tempel des heiligen Geistes, durch Wachen, Fasten und Beten bewahren: doch ihr sollet den eurigen im Müßiggange, in Lü sten und Begierde nachhängen, weil ihr so viel Einkünfte oder einem so angesehenen Rang habt? Wie armselig und unwissend sind diese Gedanken?
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Und dennoch muß man entweder also denken, oder eingestehn, daß die Heiligkeit der Prophe ten, Apostel und Heiligen, eben dieselbe ist, nach der ihr mit aller möglichen Sorgfalt und allem Fleiße trachten sollt. Wenn ihr es aber andern überlaßt, in solcher Frömmigkeit und Andacht, in solcher Selbst verleugnung, Demuth und Mäßigkeit zu leben, die sie geschickt machen, GOtt in ihrem Leibe und in ihrem Geiste zu verherrlichen; so müßt ihr ihnen auch die Wohlthat des Blutes Christi überlassen. An einem andern Orte sagt der Apostel: Wie ihr denn wisset, daß wir, als ein Vater seine Kinder, einen ieglichen unter euch ermahnet und getröstet, und bezeugt ha ben, daß ihr wandeln sollet würdiglich vor GOtt, der euch berufen hat zu seinem Reich, und zu seiner Herrlichkeit. [1 Thess. II. 11]. Vielleicht habt ihr, Claudius, oft diese Wor te gehöret, ohne iemals daran zu gedenken, was sie von euch fordern, und doch könnet ihr sie un möglich betrachten, ohne zu fühlen, zu was für einem erhabenen Stand der Heiligkeit sie euch beruffen. Denn wie kann die Heiligkeit des christlichen Lebens euch in höhern Ausdrücken vorgelegt wer den, als wenn es euch GOtt würdiglich wandeln heißt? Könnt ihr wohl glauben, daß man schon von der Tugend etwas abbrechen und
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in der Andacht versäumen könne, und doch dabey ein Leben führen, das Gottes selbst würdig sey? Könnet ihr euch einbilden, daß derjenige auf die se Art wandelt, der nicht auf alle seine Schritte Achtung giebt? Und so hoch auch diese Ausdrü cke die Heiligkeit zu treiben scheinen, so ist es doch klar, daß dieses die nothwendige Heiligkeit aller Christen seyn muß. Denn der Apostel vermah net hier nicht zu dieser Heiligkeit blos seine Mit apostel und Heiligen, sondern er befiehlet allen Christen darnach zu trachten. Wir be zeugen ieglichem unter euch, daß ihr wandeln sollet würdiglich vor GOtt, der euch beruffen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit. Wiederum sagt der heil. Petrus: So ie mand rede, daß ers rede, als Gottes Wort. So iemand ein Amt hat, daß ers thue, als aus dem Vermögen, das GOtt darreichet, auf daß in allen Dingen GOtt gepreiset werde, durch Jesum Christ. [1 Petr. IV. 11]. Seht ihr, Claudius, hier nicht deutlich eu ren Beruf? Soll der nicht, der da redet, so auf seine Worte Achtung geben, daß ers rede als Gottes Wort? Soll der, der da giebt, nicht Sorge tragen, daß ers also gebe, als aus dem Vermögen, das GOtt darreichet? Und soll alles dieses nicht geschehen, auf daß GOtt in allen Dingen gepreiset werde? Müßte es nicht sonst heißen, hat iemand Adel, Reichthum, Würden, oder Ansehn in der
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Welt? so laß ihn seinen Adel, sein Ansehn so gebrauchen, als gebrauche er es als die Gaben Gottes, damit seine Ehre desto mehr dadurch verherrlichet werde. Ist in diesem Schlusse, Claudius etwas gezwungenes oder weit herge hohltes? Ist es nicht der deutliche Verstand der Worte, daß iedes Geschäfte unsers Lebens uns zur Heiligkeit vor GOtt Anlaß geben soll? Ist dem also, so spricht euch euer Vermögen und Ansehn nicht nur nicht von der Pflicht einer großen Frömmigkeit und Heiligkeit des Le bens frey, sondern es leget euch vielmehr eine weit größre Nothwendigkeit zur Ehre Gottes zu le ben auf, weil ihr mehr von seinen Gaben empfan gen habt, durch die ihr sie befördern könnet. Denn wenn Leute von Stande, Geschäf ten, oder Ansehn in der Welt, eine große Frömmigkeit und erhabene Andacht nur einer geringern Art von Leuten oder solchen über lassen, von denen sie glauben, daß sie nichts wei ter in der Welt zu thun haben, so thun sie nichts anders, als daß sie ihnen auch das Reich Gottes überlassen. Denn dieß ist der eigentliche Zweck des Chri stenthums, alle Classen von Menschen in eine heilige Gemeinschaft zu bringen, damit Reiche und Arme, Hohe und Niedrige, Herren und Knechte, in einem und eben demselben Geiste der Frömmigkeit, ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums werden
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mögen, daß sie verkündigen sollen die Tugend deß, der sie beruffen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht. [1 Pet. II. 9.]. Da ich nunmehr zur Gnüge erwiesen habe, daß große Andacht und Heiligkeit nicht einer besondern Art von Leuten darf überlassen wer den, sondern, daß dieses der allgemeine Geist aller seyn muß, die ein Verlangen tragen, der Bedingung des allgemeinen Christenthums nach zuleben: so gehe ich weiter und betrachte die Natur und Nothwendigkeit der allgemeinen Liebe, die hier als der Gegenstand unsrer An dacht auf diese Stunde anbefohlen wird. Ihr werdet also hier zur Fürbitte beruffen, welche Uebung am geschicktesten ist, diese Liebe zu erre gen und zu erhalten. Unter der Fürbitte verstehe ich ein Gebet zu GOtt, worinnen wir ihn für unsre Nebenge schöpfe anflehen. Unser theuerster Heiland hat uns seine Liebe zu uns als das Muster und Beyspiel unsrer Lie be eines zu dem andern vorgestellet. Denn gleichwie er beständig uns alle vor seinem Vater vertritt, so sollen wir auch einer den andern ver treten und für einander bitten. Ein neues Gebot, sagt er, gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebet, wie ich euch geliebet habe, auf daß auch ihr einander lieb habet. Dabey wird ieder=
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mann erkennen, daß ihr meine Jünger seyd, so ihr Liebe unter einander habt. Die Neuheit dieses Gebets besteht nicht dar innen, daß den Menschen befohlen wurde einer den andern zu lieben; denn dieß war, sowohl nach dem Gesetze Moses, als nach dem natür lichen, ein altes Gebot. Aber es war in so ferne neu, daß uns ein neues und bis dahin unerhör tes Beyspiel der Liebe vorgestellet wurde: daß wir einer den andern so lieben sollten, wie Chri stus uns geliebet hat. Wenn also die Menschen daran erkennen sol len, daß wir Christi Jünger sind, wenn wir nach seinem neuen Beyspiel der Liebe einer den andern lieben: so ist gewiß, daß, wenn wir diese Lie be nicht haben, wir den Menschen deutlich zu erkennen geben, daß wir nicht seine Jün gern sind. Es ist keine Empfindung des Herzens, die GOtt angenehmer seyn könnte, als eine allge meine brennende Liebe für alle Menschen, die für ihre Glückseligkeit Wünsche und Gebet abschicket: denn es ist keine Empfindung des Herzens, die uns mehr GOtt gleich machet, der die Liebe und Güte selbst ist, und alle Dinge zu dem Genusse ihrer eignen Glückseligkeit ge schaffen hat. Der größte Gedanke, den wir von GOtt haben können, ist, wenn wir ihn uns, als ein Wesen von einer unendlichen Liebe und Güte vorstellen, das eine unendliche Weisheit und
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Macht für das allgemeine Beste und die Glück seligkeit aller seiner Geschöpfe anwendet. Der höchste Begriff also, den wir vom Men schen machen können, ist, wenn wir ihn hierinnen GOtt, sogleich als möglich, finden: wenn er al le seine endliche Vermögen, es mag nun der Weisheit, der Macht oder des Gebets seyn, zum allgemeinen Guten aller seiner Nebengeschöpfe anwendet; mit dem herzlichen Verlangen, daß sie alle derjenigen Glückseligkeit, der sie fähig sind, theilhaftig werden und von ihm so viel Wohltaten und Beystand erhalten mögen, als er nach seinen Umständen in der Welt ihnen zu verschaffen vermögend ist. Was ist im Gegentheil nicht für eine Nieder trächtigkeit und Gottlosigkeit in den Handlungen eines gehäßigen, neidischen, mißgünstischen und boshaften Herzens; wenn wir überlegen, daß iede Probe davon GOtt gerade zuwider handelt und denenjenigen Geschöpfen Betrüb niß und Schmerz zu verursachen suchet, die GOtt liebet, beschützet und erhält? Ein Mann von einem bösen Herzen ist unter den göttlichen Geschöpfen die allerverkehrteste Creatur in der Welt, die derjenigen Liebe zu widerhandelt, durch die er selbst subsistiret, und welche das Daseyn allen diesen verschiednen We sen giebt, die das Leben in irgend einem Theile der Schöpfung genießen. Was ihr wollt, das euch die Leute thun sollen, das sollt ihr ihnen auch thun.
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Ob aber dieses gleich eine Lehre der streng sten Gerechtigkeit ist, so ist es doch blos die allgemeine Liebe, die sie erfüllen kann. Denn da die Liebe das Maas unsrer Handlungen ge gen uns selbst ist, so können wir niemals auf eben dieselbe Art gegen andre handeln, wenn wir nicht auf sie mit eben der Liebe, als auf uns selbst sehen. Da wir keine Grade von Groll, Neid oder Haß gegen uns selbst haben, so können wir auch gegen andre nicht eher also gesinnt seyn, wie wir es gegen uns selbst sind, als bis wir durchgän gig allen Empfindungen des Grolles, Neides und Hasses, selbst in dem geringsten Grade, entsagen. Wenn wir eine Unvollkommenheit in unsern Augen hätten, die uns ein einzig Ding ver kehrt vorstellte, so würden uns aus demsel ben Grunde hundert andre Dinge verkehrt vor kommen. Also, wenn wir die geringste Neigung in un sern Herzen haben, die uns neidisch, gehäßig oder übegelsinnt<übelgesinnt> gegen einen einzigen Menschen macht, so wird uns eben dieselbe Neigung ge gen eine große Menge andrer Menschen neidisch, gehäßig und übelgesinnt machen. Wenn wir also diese göttliche Tugend der Lie be verlangen, so müssen wir unsre Herzen in der Liebe aller üben, weil es nicht eher eine christli che Liebe ist, als bis es die Liebe aller ist.
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Und wenn ein Mensch dieses ganze Gesetz der Liebe halten könnte, und nur in einem Punkte darwider handelte, so würde er in Ansehung aller strafbar seyn. Denn so wie eine erwiesene Probe der Ungerechtigkeit, die Gerechtigkeit aller unsrer übrigen Handlungen vernichtet, so wird auch ein einziger überzeugender Beweis des Nei des, Hasses und eines bösen Herzens, alle unsre übrigen Handlungen der Mildthätigkeit und Wohlthat zu nichte machen. Handlungen der Liebe, die nicht aus einem Grunde der allgemeinen Liebe entspringen, gleichen denen Handlungen der Gerechtigkeit, die aus einem der allgemeinen Gerechtigkeit ungeneigten Herzen entspringen. Eine Liebe, die nicht allgemein ist, kann in der That Zärtlichkeit und Gewogenheit; nichts aber von Gerechtigkeit und Frömmigkeit bey sich haben: sie ist blos Naturell, Neigung oder Vortheil, oder eine solche Liebe, wie die Zöllner und Heyden ausüben. Jeder besondre Neid und Groll ist eine so deutliche Abweichung von dem Geiste des Chri stenthums, als irgend eine besondre Handlung der Ungerechtigkeit. Denn es ist sowohl ein Gesetz Christi, iedermann für unsern Nächsten zu halten, und unsern Nächsten als uns selbst zu lieben, als es ein Gesetz des Christenthums ist, sich des Diebstahls zu enthalten. Der edelste Bewegungsgrund zu dieser allge meinen Zärtlichkeit und Gewogenheit ist auf
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diese Lehre gegründet, GOtt ist die Liebe, und wer in der Liebe ist, der bleibet in GOtt. Wer wollte aber, wenn sein Herz das gering ste Verlangen nach GOtt hat, nicht nach dieser göttlichen Neigung trachten, die unsre Natur so sehr verändert und sie zu einer Vereinigung mit ihm erhebet? Wie sehr sollten wir uns nicht in der Aus übung dieser Liebe erfreuen, die, so oft wir sie fühlen, eben so oft eine Versicherung für uns ist, daß GOtt in uns ist, daß wir seinem Geiste gemäß handeln, der die Liebe selbst ist? Doch wir müssen bemerken, daß die Liebe auch allein als denn diese gewaltige Macht hat, uns mit GOtt zu vereinigen, wenn sie so rein und allgemein ist, daß sie diejenige Liebe nachahmet, die GOtt zu allen seinen Creaturen trägt. GOtt will die Glückseligkeit aller Wesen, ob ihm gleich selbst keine Glückseligkeit daraus ent steht. So müssen wir auch die Glückseligkeit aller Wesen verlangen, ob gleich daraus nicht eine Glückseligkeit für uns erfolget. GOtt freuet sich in den Vollkommenheiten aller seiner Geschöpfe, also sollen wir uns auch in diesen Vollkommenheiten freuen, wir mö gen sie finden, wo wir wollen, und eben so sehr andre Menschen, als uns selbst, vollkommen wünschen. Gleichwie GOtt allen vergiebt, und seine Gnade ertheilet, so sollen auch wir alle die Be
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leidigungen und Beschimpfungen, womit uns andre belegen, vergeben, und ihnen nach unserm Vermögen alles Gute erzeigen. Der allmächtige GOtt hat, außer seinem gros sen Beyspiele der Liebe, die alle seine Creaturen nach sich ziehen sollte, für uns alle gesorgt, und unsre Glückseligkeit für alle so allgemein ge macht, daß wir nicht Ursache haben, einer den andern zu beneiden oder zu hassen. Denn wir können nicht einer dem andern im Wege stehen, oder durch den Genuß eines be sondern Guten den andern von seinem vollen Antheil daran ausschließen. Da wir nur in der Freude Gottes glücklich seyn können, so können wir nicht einer den andern beneiden oder seiner Glückseligkeit be rauben. Was aber die übrigen Dinge anbetrifft, nehm lich die Freuden und Glückseligkeiten dieses Lebens, so sind sie an sich selbst so klein, für unsre wahre Glückseligkeit so fremd, und überhaupt zu reden, demjenigen, was sie zu seyn scheinen, so zuwider, daß man nicht Ursache hat, ieman den deswegen anzufeinden, zu hassen und zu beneiden. Wie einfältig müßte man seyn, wenn man denjenigen beneiden wollte, der aus einer golde nen Schale Gift tränke? und kann man wohl sagen, daß derjenige weiser handelt, der den andern um den Besitz einer weltlichen Größe beneidet?
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Wie viel Heilige hat die Widerwärtigkeit dem Himmel zugesandt? Und wie viel arme Sünder hat das Glück in ewiges Elend gestür zet? Ein Mann scheint alsdenn im glorreichsten Stande zu seyn, wenn er seinen Feind besiegt, unterdrückt und gedemüthiget hat; ob es gleich geschehen kann, daß eben dieser Sieg seinen Wi dersacher gerettet und ihn selbst gestürzet hat. Dieser Mann wäre vielleicht ohne sein Glück und guten Fortgang niemals in ein unordentliches Leben gerathen: jener wäre viel leicht ohne seine Armuth und sein Glück niemals fromm gewesen. Sie, die man ihrer Schönheit wegen beneidet, hat derselben vielleicht ihr ganzes Elend zuzu schreiben: und eine andre ist vielleicht auf ewig glücklich, weil sie keine Bewundrer ihrer Per son gehabt hat. Ein Mann hat in allen Sachen einen glück lichen Fortgang, und verlieret darüber alles: Ein andrer trifft nichts als Kreutzwege und Hindernisse an, und gewinnt dadurch mehr, als die ganze Welt werth ist. Dieser Geistliche geräth vielleicht ins Ver derben, weil er Bischoff geworden ist: und jener rettet vielleicht sich und andre, weil er bey sei ner ersten dürftigen Caplanstelle bleiben müssen. Wie wurde nicht Alexander beneidet, als er die Welt besiegte, er bauete Städte, richtete sei
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ne Ehrensäulen auf, und ließ in so vielen Kö nigreichen die Zeugnisse seines Ruhms! Und wie verachtet war der arme Prediger Paulus, als er mit Ruthen gestrichen ward! allein wie sehr hat sich die Welt in ihrem Urtheile betrogen! Wie sehr verdiente der heil. Paulus beneidet! Wie sehr Alexander mit Mittleiden angesehn zu werden! Diese wenigen Betrachtungen zeigen uns zur Gnüge, daß die verschiednen Umstände dieses Le bens nichts in sich haben, unsre Begierden zu reitzen, nichts, das vernünftiger Weise unsre Liebe und Neigung gegen andre unterbrechen könnte. Wir gehen dannenhero zu einem andern Be wegungsgrunde dieser allgemeinen Liebe. Unser Vermögen, äußerliche Thaten der Liebe und Güte zu thun, ist oft sehr enge und ein geschränkt. Es giebt vielleicht wenige, denen wir in der Welt einige Erleichterung verschaffen können. Allein obgleich unsre äußerlichen Mittel, gu tes zu thun, oft so eingeschränkt sind, so erhalten wir dadurch doch so viel, als ob wir eine unend liche Macht besäßen, wenn nur unsre Herzen mit Liebe und Güte erfüllet sind: denn GOtt will uns diese guten Werke, diese Thaten der Liebe und eines zärtlichen Wohlthuns, welches wir aufrichtig verlanget, und mit Freuden, wenn es in unserm Vermögen gestanden, würden ausge übet haben, zurechnen.
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Ihr könnt nicht alle Kranken heilen, noch allen Armen beystehen: ihr könnet nicht alle Betrübten trösten, noch ein Vater aller Waysen seyn. Ihr könnet vielleicht die wenigsten von ihrem Unglücke befreyen, oder sie lehren, ihren Trost in GOtt zu finden. Aber, ist eine Liebe und Zärtlichkeit in eurem Herzen, die in diesen guten Werken ein Ver gnügen findet, und euch ermuntert, alles zu thun, was in eurem Vermögen ist: hat eure Lie be keine Schranken, sondern wünschet und betet beständig für die Glückseligkeit und den Trost aller Unglücklichen, so werdet ihr GOtt so angenehm seyn, als der Wohlthäter aller derer jenigen, die nichts als euren guten Willen und herzliche Neigung von euch empfangen haben. Ihr könnet keine Hospitäler für den Un heilbaren bauen. Ihr könnet keine Klöster aufrichten, wo Personen in heiliger Einsam keit, beständigem Gebete und Busse erzogen werden; aber wenn ihr euch in euren Herzen mit denenjenigen vereiniget, die es thun, und GOtt für ihre frommen Absichten danket; wenn ihr Freunde von diesen großen Freunden des menschlichen Geschlechts seyd, und euch in ihren erhabnen Tugenden freuet, so werdet ihr von GOtt als Theilhaber solcher guten Werke ange sehen, wobey zwar nicht eure Hände, doch euer ganzes Herz ist. Diese Betrachtung reichet gewiß zu, uns zu ermuntern, daß wir auf unsre Herzen sehen und
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darüber mit aller Sorgfalt wachen: daß wir unsre inwendigen Neigungen zu verbessern su chen, und nach ieder Höhe und Vollkommenheit einer liebreichen, mitleidenden und gütigen See le trachten. Auf der andern Seite können wir daraus das große Uebel und Unrecht aller verkehrten Ge müthsneigungen, des Neides, der Mis gunst, des Hasses und eines bösen Herzens kennen lernen. Denn wenn uns die Güte un srer Herzen ein Recht auf die Belohnungen der jenigen guten Handlungen giebt, die wir nie mals ausgeübet haben: so ist es gewiß, daß die Niederträchtigkeit unsrer Herzen, Neid, Mis gunst und Haß, uns der Schuld solcher Hand lungen theilhaftig machet, die wir niemals be gangen haben. So wie derjenige, den nach einem Weibe gelü stet, schon zu den Ehebrechern gerechnet wird, ob er sie gleich nur in seinem Herzen gebrochen: so soll auch der Boshafte, Mißgünstische und Uebel gesinnte, der sich nur bey andrer Unglück freuet, unter die Mörder gezählet werden, ob er gleich kein Blut vergossen. Weil also unsre Herzen, die stets vor Gottes Augen unverborgen und offen sind, entweder unsre Tugenden oder Laster so ungemein erwei tern und vergrößern, so muß es unsre liebste und größte Beschäftigung seyn, die Bewegung unsrer Herzen zu regieren, und über den inwen digen Zustand und die Neigung unsrer Seelen
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zu wachen, sie zu bessern und vollkommener zu machen. Es ist aber nichts, das unsre Seelen mehr er hebet, als diese himmlische Liebe; sie reiniget, wie ein heiliges Feuer, und vor ihr fallen alle böse Neigungen hinweg. Sie machet allen Tugen den Platz, und führet sie zu ihrem größten Gi pfel. Alles was gut und heilig ist, entsteht dar aus, und sie wird eine Quelle aller heiligen Be gierden und Andachtsübungen. Ich verstehe hier nicht unter der Liebe eine na türliche Zärtlichkeit, die nach der Beschaffenheit der Körper bey einem mehr oder weniger ist: sondern einen sich weit verbreitenden Bewe gungsgrund der Seele, der sich auf die Ver nunft und Frömmigkeit gründet, und uns ge gen alle unsre Nebengeschöpfe Gottes und um seinetwillen, liebreich, freundlich und wohlthätig machet. Es ist diejenige Liebe, die alle Dinge in GOtt, als seine Geschöpfe, als Ebenbilder seiner Macht, als Creaturen seiner Güte, als Theile seiner Fa milie, als Glieder seiner Gesellschaft liebt, und daher eine heilige Quelle aller großen und guten Handlungen wird. Die Liebe des Nächsten ist also blos von unsrer Liebe gegen GOtt eine Folge. Denn wenn wir GOtt von ganzem Herzen und von ganzer Seele und aus allen Kräften lieben, so werden wir auch nothwendig diejenigen Wesen lieben, die mit GOtt in einer so nahen Verwandschaft stehen,
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alles von ihm empfangen haben, und durch ihn erschaffen sind, damit sie der Gegenstand seiner ewigen Liebe würden. Wenn ich iemanden in der Welt hasse oder verachte, so hasse ich etwas, das GOtt nicht hasset, und verachte etwas, das er liebet. Und kann ich wohl glauben, daß ich GOtt von ganzem Herzen liebe, wenn ich dasjenige hasse, was GOtt allein zugehört, welches keinen andern Herrn, als ihn hat, welches sein Eben bild trägt, ein Theil seiner Familie ist, und blos seine fortdaurende Liebe dafür sein Daseyn er hält? Die Unmöglichkeit dieser Sache beweiset der heil. Johannes, wenn er spricht: So iemand saget, er liebe GOtt und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Diese Ursachen beweisen zur Gnüge, daß kei ne Liebe heilig oder der Religion gemäß ist, als bis sie allgemein wird. Denn wenn die Religion von mir verlanget, alle Menschen als Gottes Geschöpfe, die ihm zu gehören, die sein Ebenbild tragen, seines Schu tzes genießen, und Glieder seiner Familie und Haushaltung ausmachen, zu lieben: wenn dieses die großen und nothwendigen Ursachen sind, warum ich in Liebe und Freundschaft mit ieder mann in der Welt leben soll: so sündige ich noth wendig auch wider alle diese Ursachen, und zerreiße alle diese Bande und Verbindlichkei ten, so bald ich im geringsten die Liebe gegen ie
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dermann aus den Augen setze. Wenn man also iemanden hasset oder verachtet, so ist es eine so große Sünde, als wenn man die ganze Schö pfung hasset; und die Nothwendigkeit, einen Menschen zu lieben, ist eben dieselbe Nothwen digkeit iedermann in der Welt zu lieben. Und ob uns gleich verschiedne Menschen so sündhaft, hassenswürdig oder ausschweifend in ihrer Auf führung vorkommen, so müssen wir doch dieses niemals als den geringsten Bewegungsgrund zu irgend einiger Verachtung oder Groll wider sie ansehn; sondern mit ihnen, als mit solchen, die sich in einem erbarmungswürdigsten Zustande befinden, Mitleiden haben. Um die Sünden der Welt wurde der Sohn Gottes ein mitleidender, dultender Fürsprecher für alle Menschen: also ist keiner von dem Gei ste Christi, wenn er nicht das größte Mitleiden für die Sünder hat. Ja, es ist kein größrer Beweis eurer eignen Vollkommenheit, als wenn ihr gegen dieienigen, die schwach und fehlerhaft sind, ganz Liebe und Mitleiden werdet. Im Gegentheil habet ihr niemals weniger Ursache, mit euch zufrieden zu seyn, als wenn ihr euch über das Bezeigen andrer erzürnt und beleidiget findet. Alle Sünde verdienet zwar gehasset und verabscheuet zu werden, sie mag seyn, wo sie will, aber alsdenn müssen wir uns der Sünde so wi dersetzen, wie wir bey Krankheiten und Seu chen thun, wo wir uns liebreich und mitleidig ge gen den Kranken und Siechen erzeigen.
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Aller andre Haß der Sünde, der nicht das Herz mit den sanftesten und liebreichsten Neigungen gegen solche elende Leute erfüllet, ist zu eben derselben Zeit, da er sie zu hassen scheint, der Sünde Knecht. Es ist auch keine Empfindung, wider welche sich selbst die besten Menschen sorgfältiger be wahren und waffnen müssen, als diese. Denn es ist eine Neigung, die sich unter der Decke ver schiedner Neigungen verbirgt, und desto mehr Schaden anrichtet, ie weniger man einen Arg wohn darwider hat. Man glaubt natürlicher Weise, daß es un sre ausnehmende Liebe zur Tugend sey, daß wir diejenigen nicht ertragen können, die sie nicht be sitzen. Wenn man aber einen verabscheuet, einen andern verachtet und den Namen des dritten nicht hören kann, so sehen wir es für ei nen Beweis an, was wir für eine hohe Em pfindung von der Tugend und für einen ge rechten Haß wider die Sünde haben. Allein man sollte auch glauben, daß man sich von dieser Neigung zu heilen, nur dieß einzige erwegen dürfte: Daß, wenn dieses der Geist des Sohnes Gottes gewesen wäre, und er die Sünde auf diese Art gehasset hätte, so hätte keine Erlö sung der Welt statt gefunden. Und wenn GOtt die Sünde auf diese Art gehasset hät te, die Welt schon lange würde untergegan gen seyn.
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Dieses können wir also zu einer sichern Re gel annehmen, daß iemehr wir an der göttlichen Natur Antheil haben, desto mehr werden wir uns selbst verbessern, desto höher wird unsre Em pfindung der Tugend steigen, und desto mehr Mitleiden werden wir mit den Untugendhaften haben. Der Anblick solcher Leute, wird nicht mehr eine hochmüthige Verachtung oder einen bittern Unwillen wider sie in uns erregen, son dern uns eben so sehr mit Mitleiden erfüllen, als ob wir das Elend eines Hospitals ansähen. Damit also nicht die Thorheiten, Verbrechen und Ausschweifungen unsrer Nebengeschöpfe die se Liebe und Zärtlichkeit, die wir allen Menschen schuldig sind, vermindern mögen, so müssen wir öfters die Ursachen erwägen, auf welche sich die se Pflicht der Liebe gründet. Nun sollen wir unsern Nächsten ,<>lieben, das ist, alle Menschen, nicht weil sie weise, heilig, tugendhaft, oder wohl gezogen sind: denn die ses waren niemals alle Menschen, und werden es auch niemals seyn: und also ist es gewiß, daß die Ursache, warum wir sie zu lieben verbun den sind, nicht auf ihre Tugend gegründet ist. Nachgehends; wäre ihre Tugend oder Güte die Ursache, warum wir andre zu lieben verbun den wären; so würden wir gar keine Regel ha ben, an die wir uns halten könnten: Denn ob gleich bey einigen die Tugenden sehr in die Au gen fallen, so sind wir doch, überhaupt zu reden,
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sehr üble Richter in Beurtheilung der Tugenden und Verdienste anderer. Drittens, sind wir gewiß, daß die Verbind lichkeit iemanden zu lieben, nicht aus iemandes Tugenden und Verdiensten entsteht, weil uns befohlen wird, die größten Proben der Liebe auch unsern ärgsten Feinden zu geben: wir sollen die jenigen lieben, sie segnen und für sie bitten, die uns am heftigsten beleidigen. Der Beweis ist also richtig, daß das persönliche Verdienst keine Ursache ist, worauf wir die Verbindlichkeit sie zu lieben, gründen sollen. Lasset uns weiter betrachten, wie diejenige Lie be müsse beschaffen seyn, die wir unserm Näch sten schuldig sind. Wir sollen ihn, als uns selbst, lieben, das ist, alle diejenigen Empfin dungen gegen ihn haben, die wir gegen uns selbst haben; ihm so viel Gutes wünschen, als wir uns mit Recht selbst wünschen können: über iedes Gute oder Böse, das ihm wiederfährt, ver gnügt oder bekümmert seyn; endlich uns in den Stand setzen, ihm alle Arten von Freundschaft zu erweisen, die wir uns selbst erweisen möchten. Diese Liebe also, wie ihr sehet, ist nichts an ders, als eine Liebe der Gewogenheit: sie ver langet nichts von uns, als solche gute Werke, sanfte Neigungen und Handlungen der Gü te, wie wir uns selbst erzeigen würden. Dieses ist auch die ganze Liebe, die wir dem Besten unter den Menschen schuldig sind: und wir müssen es auch an keinem Grade derselben
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gegen den ärgsten und unvernünftigsten feh len lassen. Was ist nun aber die Ursache, warum wir iedermann auf diese Art lieben sollen? Unsre Ver bindlichkeit, alle Menschen also zu lieben, grün det sich auf verschiedne Ursachen. Erstlich auf einen Grund der Billigkeit; denn wenn es gerecht ist, sich selbst auf diese Weise zu lieben, so muß es ungerecht seyn, an dern diese Liebe in dem geringsten Grade zu ver sagen, da iedermann, im genauesten Verstande, von eben derselben Natur, und von eben dersel ben Beschaffenheit ist, als wir selbst. Wenn also eure eignen Verbrechen und Thor heiten die Verbindlichkeit, euer eignes Beste zu suchen und euch selbst alles Gute zu wün schen, nicht verringern: so müssen die Thorheiten und Verbrechen eures Nächsten, eure Verbind lichkeit, das Beste eures Nächsten zu wünschen und zu befördern, eben so wenig verringern. Eine andre Ursache dieser Liebe ist auf den Willen Gottes gegründet, der uns befohlen hat, iedermann als uns selbst zu lieben. Drittens, sind wir zu dieser Liebe durch die Pflicht, die göttliche Güte nachzuahmen, verbun den, auf daß wir mögen Kinder seyn unsers Va ters im Himmel, der die Glückseligkeit aller sei ner Creaturen verlanget, und seine Sonne über Böse und Gute aufgehen läßt. Viertens, rufet uns unsre Erlösung durch Jesum Christum zu der Ausübung dieser Liebe,
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der vom Himmel kam, und sein Leben für die ganze sündliche Welt dahin gab. Fünftens, wegen des Befehls unsers Herrn und Heylandes, der von uns verlanget, daß ei ner den andern lieben soll, wie er uns gelie bet hat. Diese sind die großen unveränderlichen Be wegungsursachen, worauf unsre Verbindlichkeit, alle Menschen, als uns selbst, zu lieben, gegrün det ist. Diese Gründe sind unveränderlich, sie behal ten beständig ihre volle Kraft: und verbinden daher auf gleiche Weise zu allen Zeiten, und in Absicht aller Personen. GOtt liebet uns, nicht weil wir weise, gut und heilig sind, sondern aus Mitleiden gegen uns, weil uns diese Glückseligkeit fehlet: Er lie bet uns, damit er uns gut machen möge. Un sre Liebe muß also diesen Lauf nehmen, nicht auf das Verdienst unsrer Brüder sehen oder es ver langen, sondern mit ihrer Unordnung Mitleid haben, und ihnen alles Gute wünschen, daß ih nen fehlet, und dessen sie fähig sind. Aus diesem allen nun erhellet, daß die Liebe, die wir unsern Brüdern schuldig sind, blos eine Liebe der Gefälligkeit ist. Anderns, daß diese Pflicht der Gefälligkeit sich auf solche Ur sachen gründet, die unveränderlich sind, und die nicht von den Eigenschaften der Personen ab hängen. Hieraus folget, daß es eine eben so große Sünde sey, einen Mangel der Liebe ge
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gen einen schlimmen Menschen, als gegen einen guten zu haben. Denn derjenige, der eine von dieser Gefälligkeit einem schlimmen versagt, belei diget eben dieselben Ursachen der Liebe, als der jenige, der sie einem guten Menschen versagt, und folglich ist die Sünde einerley. Wenn ihr also irgend einer boshaften Be gierde, des Hasses oder der Verachtung gegen einen bösen Menschen, (wofür ihr ihn haltet,) Raum gebet, so erwäget, was ihr von einem an dern halten würdet, der eben dieses gegen einen redlichen Mann thun würde, und seyd gewiß versichert, daß ihr einerley Sünde begeht. Ihr werdet vielleicht sagen, wie es möglich ist, einen guten und bösen Mann in einerley Grade zu lieben? Eben so möglich, als es ist, gegen einen guten Mann sowohl, als gegen einen schlimmen ge recht und treu zu seyn. Nun aber, glaubt ihr wohl, eine Schwierigkeit zu finden, auch gegen ei nen schlimmen Mann Gerechtigkeit und Treue auszuüben? Zweifelt ihr im geringsten, ob ihr nicht ihm sowohl, als dem guten, gerecht und treu seyn müsset? Und warum zweifelt ihr gar nicht daran? Weil ihr wisset, daß Gerechtigkeit und Treue auf unveränderlichen und un wandelbaren Bewegungsgründen beruhen, daß sie nicht von den Verdiensten der Men schen abhangen, sondern in der Natur der Din ge und in dem Gesetze Gottes gegründet sind,
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und also mit einer gleichen Genauigkeit gegen Böse und Gute müssen beobachtet werden. Nun aber denket eben so richtig von der Liebe des Nächsten, daß sie auf unveränderlichen Gründen beruhe, von keinen Verdiensten der Menschen abhange, und ihr werdet es eben so möglich finden, eine genaue Liebe, als eine genaue Gerechtigkeit gegen alle Menschen, böse und gute auszuüben. Ihr werdet vielleicht fragen, ob ihr nicht für gute Menschen eine besondre Hochachtung, Ergebenheit und Ehrfurcht zu haben schul dig seyd? Antwort: Ja. Aber alsdenn ist die se Hochachtung und Ehrfurcht von derjeni gen Liebe oder Gefälligkeit, die wir unsern Nächsten schuldig sind, sehr verschieden. Diejenige Hochachtung und Ehrfurcht, die ihr für einen Mann von ausnehmender Fröm migkeit habt, ist keine Handlung der Liebe des Nächsten; ihr verehret ihn nicht aus Mitleiden, sondern es ist mehr eine Handlung der Liebe ge gen euch selbst, damit eine solche Hochachtung und Ehrerbietung euch ermuntern möge, seinem Beyspiele zu folgen. Ihr könnt die Lebensart des redlichen Mannes billigen, lieben und eine Freude daran haben: aber alsdenn ist es blos die Liebe zur Tugend, wir mögen sie antreffen, wo wir wollen. Wir lie ben aber nicht die Tugend mit der Liebe der Gefäl ligkeit, als etwas, das unsrer guten Wünsche
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vonnöthen habe, sondern als etwas, das unser eignes Gute ist. Der Innhalt der ganzen Sache ist dieser. Die Handlungen, die wir lieben, hochschä tzen und bewundern sollen, sind die Handlun gen der guten und frommen Menschen; doch die Personen, denen wir nach Vermögen gutes thun sollen, in allen Arten der Güte und des Mitleids, sind alle Menschen, gute und böse. Dieser Unterschied unter der Liebe der Gefäl ligkeit, und der Hochachtung oder Ehrerbietung, ist sehr deutlich und offenbar. Und ihr werdet vielleicht die Deutlichkeit und Nothwendigkeit aus der folgenden Vergleichung besser ersehen. Kein Mensch hat einige Hochachtung oder Ehrerbietung für seine eigne Vollkommenheiten, oder Aufführung; aber iedermann ist bereit, sich selbst zu lieben, das ist, sich selbst Gutes zu wün schen: also ist dieser Unterschied unter Liebe und Hochachtung, nicht allein deutlich, sondern er muß auch nothwendig bemerket werden. Nachgehends, wenn ihr es für ziemlich un möglich haltet, die Handlungen unvernünftiger Leute zu misbilligen und doch für sie eine wahre Liebe zu haben: so betrachtet dieses in Absicht auf euch selbst. Es ist, wie ich hoffe, für euch sehr möglich, daß ihr an einem großen Theile eurer eignen ver gangnen Handlungen nicht nur einen Misfallen habt, sondern sie auch aufs heftigste verab scheuet, und euch selbst ihrentwegen der größ=
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ten Thorheit anklaget. Allein verlieret ihr deswegen iemals irgend eine dieser zärtlichen Empfindungen gegen euch selbst, die ihr für euch zu haben pflegt? Höret ihr auf euch selbst Gu tes zu wünschen? Ist nicht auch alsdenn die Lie be zu euch selbst eben so stark, als zu ieder an dern Zeit. Was aber in Absicht auf euch selbst möglich ist, das ist auch auf gleiche Art in Absicht an drer möglich. Wir können ihnen alles Gutes von der Welt wünschen, alle Glückseligkeit, nach der wir selbst verlangen, auch ihnen gönnen, und doch zu eben derselben Zeit ihre Lebensart mis billigen. Ferner; alle diejenige Liebe, die wir mit Recht für uns selbst haben, sind wir nach der streng sten Gerechtigkeit auch für alle andre Men schen zu haben verbunden; und wir versündigen uns wieder das große Gesetz unsrer Natur, und das größte Gesetz Gottes, wenn unsre Neigun gen gegen andre von denenjenigen verschieden sind, die wir gegen uns selbst haben. Nun aber erhält uns diese Selbstliebe, die billig und vernünftig ist, in einer beständigen Zärtlichkeit, Neigung und Wohlwollen gegen uns selbst: wenn ihr aber diese liebreichen Empfindungen nicht gegen alle andre Menschen fühlet, so könnet ihr versichert seyn, daß ihr nicht in demjenigen Stande der Liebe seyd, wel cher das rechte Leben und die Seele des christli chen Mitleids ist.
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Ihr wisset, wie es euch beleidiget, wenn ihr der Scherz und das Gelächter andrer seyn sollet; wie es euch schmerzet, wenn man euch eure Ehre raubet und euch die gute Meinung eures Nächsten entreißt. Wenn ihr also an dre dem Spott und der Verachtung auf die geringste Art aussetzet: wenn es euch eine Freude ist, ihre Gebrechlichkeiten und Schwachheiten zu sehen oder zu hören; oder wenn es euch verdrüßlich fällt, ihre Fehler zu verheelen, so seyd ihr nicht nur davon weit ent fernt, daß ihr sie, als euch selbst lieben solltet, sondern man kann sicher schließen, daß ihr sie eben so sehr hasset, als euch selbst lieb habet. Denn solche Neigungen sind so gewiß die eigent lichen Früchte des Hasses, als die entgegen gesetz ten Neigungen die eigentlichen Früchte der Lie be sind. Und gleichwie es ein gewisses Zeichen ist, daß ihr euch selbst liebet, weil ihr um iedes Ding be sorgt seyd, das euch angeht; so ist es auch ein gewisses Zeichen, daß ihr euren Nächsten hasset, wenn ihr an dem geringsten, was ihn beleidiget, eine Freude habt. Wenn nun aber der Mangel einer wah ren und genauen Liebe ein so großer Fehler ist, daß er, wie der heil. Paulus sagt, unsre größ ten Tugenden zu einem tönenden Erzte und ei ner klingenden Schelle macht, was für eine große Pflicht haben wir auf uns, iede Kunst zu lernen und iede Wissenschaft anzuwenden, wo
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durch wir unsre Seelen zu diesem Stande der Liebe erheben sollen? Um dieser Ursache willen verlanget man auch hier von euch, diese Bet stunde nicht ohne ein vollständiges und feyerli ches Flehen zu GOtt, um alle Gaben einer allge meinen Liebe und Gewogenheit für alle Men schen, vorbey zu lassen. Solche tägliche und beständige Andachten sind die einzigen wahren Mittel, euch in einem solchen Stande der Liebe zu erhalten, und sie sind auch eben so nothwendig, wenn ihr euch als wahre Nachfolger Jesu Christi beweisen wollt.

Ein und zwanzigstes Hauptstück. Die Nothwendigkeit und der Vortheil der Fürbitte wird als eine Ausübung der allgemeinen Liebe betrachtet. Die Pflich ten aller Menschen bey GOtt für einander zu bitten. Wie eine solche Fürbitte noth wendig die Herzen dererjenigen bessert, die sie zu thun pflegen.

------------------------------ Dieser Fürspruch ist ein großer und noth wendiger Theil der christlichen Andacht, und durch die Schrift ausdrücklich geboten. Die ersten Nachfolger Christi scheinen durch ihr gemeinschaftliches Gebet für einander ihre
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ganze Liebe befestiget, und ihre Gemeinschaft und Uebereinstimmung erhalten zu haben. Paulus, er mag nun entweder an Kirchen oder einzelne Personen schreiben, zeiget allezeit seine unabläßige Fürbitte für sie, und daß sie der beständige Innhalt seiner Gebete sind. Also schreibt er an die Philipper: Ich danke meinem GOtt, so oft ich euer ge denke. Welches ich allezeit thue in alle meinem Gebet für euch alle, und thue das Gebet mit Freuden. [Philipp. I. 3. 4]. Seine Andacht schließt aber auch eben diese Sorge für einzelne Personen in sich; wie aus folgender Stelle erhellet: Ich danke GOtt, dem ich diene von meinen Voreltern her, in reinem Gewissen, daß ich ohne Unter laß dein gedenke in meinem Gebet Tag und Nacht. [2 Tim. I. 3]. Was für eine heilige Freundschaft und Liebe war dieß, wie würdig solcher Personen, die schon über diese Welt erhaben, und in eine andre, als Mitglie der des Königreichs des Himmels versetzet waren! Die Apostel und großen Heiligen erbaten al so nicht allein Kirchen und einzelnen Personen Glück und Segen: sondern sie selbst empfingen auch Gnade von GOtt durch das Gebet andrer. Also sagt der heil. Paulus zu den Corinthern: durch Hülfe eurer Fürbitte für uns, auf daß über uns, für die Gabe, die uns ge geben ist, durch viele Personen, viel Danks geschehe. [2 Cor. I. 11.].
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Dieß war die alte Freundschaft der Chri sten, die ihre Herzen, nicht durch weltliche Vor theile oder menschliche Leidenschaften, sondern durch die gegenseitige Gemeinschaft des geistli chen Segens, durch Gebet und Danksagungen zu GOtt für einander vereinigte und befestigte. Diese heilige Fürbitte war es, die die Christen zu einem solchen Stande der gemeinschaftlichen Liebe erhob, die alles, was in der menschlichen Freundschaft iemals gepriesen und bewundert worden, weit übertraf. Wenn aber eben dersel be Geist der Fürbitte wieder in die Welt kömmt, wenn das Christenthum wieder diese Gewalt über die Herzen der Menschen gewinnt, als sie dazumal hatte, so wird diese heilige Freundschaft wieder Mode werden, und die Chri sten werden wieder, wegen dieser ausnehmenden Liebe, die einer zu den andern trägt, zum Wun der der Welt werden. Denn eine öftere Fürbitte bey GOtt, ein ernstliches Flehen für die Vergebung der Sün den aller Menschen, ein Gebet, sie mit seiner Vorsehung zu segnen, sie mit seinem Geiste zu erleuchten, und sie zu einer ewigen Glückseligkeit zu bringen, dieß ist die göttlichste Uebung, mit der sich das menschliche Herz beschäftigen kann. Betet dannenhero täglich auf euren Knien in einer feyerlichen ernsthaften Vollziehung dieser Andacht, für andre in solchen Ausdrücken, in einer solchen Länge, mit so viel Anhalten und Ernste, als ihr für euch selbst thut: und ihr
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werdet bald finden, daß alle niedrige, bos hafte Leidenschaften sterben, euer Herz groß und edel wird, und sich über die allgemeine Glückseligkeit andrer eben so sehr, als über seine eigne freuet. Denn derjenige, der täglich GOtt bittet, daß alle Menschen im Himmel glücklich werden mö gen, wählet den leichtesten Weg, auch ihre Glückseligkeit auf Erden zu wünschen, und sich darüber zu erfreuen. Denn es ist nicht leicht möglich, GOtt anzuliegen und zu flehen, daß er iemanden mit den höchsten Freuden aller seiner Herrlichkeit in Ewigkeit glücklich machen möge, und doch beunruhiget zu seyn, wenn wir eben denselben einige weit geringere Geschenke Gottes in diesem kurzen und niedrigen Stande des Le bens genießen sehen. Denn wie selten und unnatürlich würde es nicht seyn, wenn wir GOtt um Gesundheit und ein länger Leben für einen Kranken an flehen, und ihn zu gleicher Zeit um das armseli ge Vergnügen einer angenehmen Arzney benei den wollten? Doch dieß würde eben so wenig wunderbar und unnatürlich seyn, als wenn man GOtt bit ten wollte, daß er unserm Nächsten die höchsten Stuffen seiner Gnade und Herrlichkeit möchte ersteigen lassen, und ihm zu gleicher Zeit um das geringste Ansehn beneiden wollte, das er unter seinen Nebengeschöpfen hat. Wenn ihr also euer Herz einmal zu einer ernst haften Beschäftigung dieser heiligen Fürbitte ge
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wöhnet, so habt ihr einen großen Schritt ge than, um es ganz des Hasses und Neides un fähig und es natürlicher Weise über die Glück seligkeit des ganzen menschlichen Geschlechts freudig zu machen. Dieß ist die natürliche Wirkung einer allge meinen Fürbitte für alle Menschen. Doch die größten Vortheile erhält man erst alsdenn, wenn sie sich in solchen besondern Vorfallenhei ten zeiget, als unser verschiedner Stand des Le bens von uns besonders erfodert. Denn ob wir wohl bey allen Gelegenheiten alle Menschen als Nächsten und Brüder be trachten sollen; so können wir doch blos in der wirklichen Gesellschaft etlicher weniger leben, und durch unsern Stand in einem größern Verhältnisse mit diesem, als mit andern ste hen: also wenn unsre Fürbitte zu einer Beschäf tigung der Liebe und Sorgfalt für diejenigen wird, unter die uns unser Loos gesetzet hat, oder die mit uns in einem nähern Verhältnisse stehen, so wird sie alsdenn die größte Wohlthat für uns selbst, und bringt ihre besten Wirkungen in unsern eignen Herzen hervor. Wenn ihr also allezeit eure Fürbitten verän dern sollet, nachdem die Nothdurft und Um stände eurer Nächsten und Freunde es zu erfor dern scheinen; z. E. wenn ihr GOtt bittet, daß er sie von dem oder jenem besondern Uebel be freyen, oder ihnen diesen oder jenen Segen ge währen solle; solche Fürbitten, würden außer der
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großen Liebe, die sie enthalten, eine gewaltige Wirkung auf euer eigen Herz thun, indem sie euch zu iedem andern Dienste, und zur Aus übung ieder andern Tugend gegen andre Perso nen geschickt machen würden, die so oft an eu rem Gebete Antheil haben. Dieses würde es euch selbst angenehm machen, gegen iedermann freundlich, gefällig und nachgebend zu seyn; und es euch unmöglich machen, etwas unhöfliches und hartes denenje gen zu sagen oder anzuthun, für die ihr selbst in eurem Gebete so liebreich und mitleidig zu seyn pfleget. Nichts flößet uns also leichter für iemanden Liebe ein, als wenn wir für ihn beten; und wenn ihr nur einmal vermögend seyd, dieses aufrich tig für iemanden zu thun, so habt ihr eure See le auch schon geschickt gemacht, ihm alles, was freundschaftlich und gefällig ist, zu erweisen. Dieses wird euer Herz mit einem Adel und einer Zärtlichkeit anfüllen, die euch ein weit besseres und sanfteres Betragen geben, als alles, was eine feine Lebensart und artige Sitten ge nennet werden. Wenn ihr euch aber selbst als einen Fürspre cher bey GOtt für eure Nächsten und Freunde betrachtetet, so würde es euch niemals schwer fallen, mit ihnen in Friede zu leben. Es wür de euch leicht werden, diejenigen zu tragen und ihnen zu vergeben, für die ihr insbesondre die göttliche Gnade um Vergebung anflehet.
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Solche Gebete, wie diese unter Nachbarn und Freunden, würden sie mit den stärksten Fesseln der Liebe und Zärtlichkeit vereinigen. Es würde ihre Seelen erheben und adeln, und sie lehren, wie einer den andern in einem weit hö hern Stande, als Glieder einer geistlichen Ge sellschaft betrachten solle, die für den Genuß der allgemeinen Seligkeiten Gottes geschaffen, und Miterben einer ewigen Herrlichkeit sind. Durch dieses Verlangen aber, daß ein ieder seinen vollen Antheil an der Gnade Gottes ha ben möge, würden sie nicht allein zufrieden, son dern auch erfreuet darüber seyn, wenn einer den andern in den kleinen Freuden dieses vorüberge henden Lebens glücklich sähe. Dieses würden die natürlichen Wirkungen ei ner solchen Fürbitte unter Leuten von einerley Stadt und Nachbarschaft seyn, oder solcher, wo ein ieder mit des andern Stande und Um ständen bekannt ist. Uranius ist ein Priester, voll von dem Geiste des Evangelii, der für sein kleines armes Dorf wachet, arbeitet und betet. Jede Seele darin nen ist ihm so theuer, als ihm die seinige ist; und er liebet sie alle so sehr, als er sich selbst liebet, weil er für sie alle betet, wenn er für sich selbst betet. Wenn sein ganzes Leben eine beständige Uebung des größten Eifers und der mühsam sten Arbeit ist, die nicht einmal allezeit die ge ringsten Arten der Sorgfalt und des Wachens
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zufrieden stellen, so kömmt es blos daher, weil er so oft vor GOtt, als ein Fürsprecher für diese Seelen erschienen ist, und dadurch den großen Werth derselben eingesehen. Er glaubt niemals seine Heerde genug zu lie ben, oder für sie genug zu thun: denn er sieht sie niemals aus einem andern Gesichtspunkte an, als auf lauter Personen, die, wenn sie die Ga ben und Gnade Gottes empfahen, seine Hoff nung, seine Lust und die Krone seiner Freu de werden müssen. Er geht beständig in seinem Kirchspiele her um, und besucht darinnen iedermann; doch er besucht sie in eben dem Geiste der Frömmigkeit, mit der er ihnen prediget: er besuchet sie, um sie in ihren Tugenden zu ermuntern, ihnen mit seinem Rathe und Gutachten beyzustehn, ihre Lebens art zu entdecken und den Zustand ihrer Seelen zu kennen, damit er nach Beschaffenheit ihrer besondern Nothdurft bey GOtt für sie bit ten möge. Als Uranius sich zuerst in diesen heiligen Stand begab, hatte er einen gewissen Stolz und eine große Verachtung für alle thörichte und unvernünftige Leute; aber er hat diesen Geist weggebetet und ietzt die größte Liebe auch für die hartnäckigsten Sünder: denn er hofft allezeit, daß GOtt eher oder später, das Ge bet erhören werde, das er für ihre Bekehrung zu ihm abschicket. Anfangs wurde er ungedultig, wenn er bey einem unter seiner Heerde Grobheit, Groll
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und Unempfindlichkeit fand: doch ietzt fühlt er keine andre Leidenschaft in sich aufsteigen, als das Verlangen, sich vor GOtt im Gebete für sie auf seine Knie zu werfen. Also hat sein Gebet für andre den Zustand seines eignen Herzens ganz verändert und gebessert. Man geräth in Entzücken, wenn man sieht, in was für einem Geiste er mit ihnen umgeht, mit was für einer Zärtlichkeit er ihnen Fehler verweiset, mit was für einer Empfindung er sie ermahnet, und mit was für einer Lebhaftig keit er predigt: und dieses danket er blos der Ursache, weil er diejenigen strafet, vermahnet, und denen predigt, für die er erst zu GOtt gebeten hatte. Diese Andacht macht sein Herz sanft, erleuch tet seine Seele, lindert seine Neigung, und macht alles, was von ihm kömmt, erbaulich, liebens würdig und rührend. Als er zuerst in dieses kleine Dorf kam, so war es ihm so unangenehm, als ein Gefängniß, und ieder Tag schien ihm zu verdrießlich, um ihn länger an einem so einsamen Orte auszuhalten. Er glaubte, sein Kirchspiel sey zu voll von ar men und geringen Leuten, als daß er darin nen iemanden finden könnte, der sich zum Um gange für einen Mann von seinem Stande schickte. Dieß machte, daß er recht eifrig dem Studi ren nachhieng. Er blieb meistens zu Hause, schrieb Anmerkungen über den Homer und
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Plautus, und bisweilen kam ihm der Beruf schwer vor, für arme Leute zu beten, wenn er eben mitten in einer von Homers Schlachten begriffen war. Dieß war seine galante, oder ich möchte lie ber sagen, seine elende und unwissende Ge müthsart, ehe die Andacht die Herrschaft über sein Herz gewann. Doch weit gefehlt, daß ihm noch ietzt seine Tage so verdrüßlich, oder sein Kirchspiel für ihm zu einsam seyn sollte: es fehlt ihm ietzt so gar beständig an Zeit, das abwechselnde Gute aus zuführen, nach dem seine Seele dürsiet<dürstet>. Die Einsamkeit seines kleinen Kirchspiels wird ihm ietzt eine Ursache des größten Trostes, weil er hoffet, daß GOtt ihn und seine Heerde hieher gesetzet hat, um hier ihren Weg gen Himmel zu nehmen. Er kann ietzt nicht allein mit den ärmsten Leu ten umgehen, sondern er besuchet sie und dienet ihnen mit Freuden. Täglich wachet er über den Schwachen und Blöden, erniedriget sich ge gen den verkehrten, unhöflichen und unwissenden Haufen, er mag ihn finden, wo er will; und weit gefehlt, daß er sich ietzt als einen angese henen Mann unter ihnen betrachten sollte, so verlanget er vielmehr als ein Diener aller ge halten zu werden; und in dem Geiste seines Herrn und Meisters gürtet er sich selbst, und ist freudig nieder zu knien, und ihnen die Füße zu waschen.
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Er hält ietzt das ärmste Geschöpfe in seinem Kirchspiele für gut und groß genug, ihm die de müthigsten Dienstleistungen, die angenehmsten Freundschaften, und die zärtlichsten Pflichten, die ihm nur möglich sind, zu erzeigen. Alle diese edlen Gedanken und göttlichen Em pfindungen sind die Wirkungen seiner großen Andacht; er trägt ieden so oft GOtt in seinem Gebete vor, daß er niemals glaubt diejenigen hoch genug zu schätzen, sie genug zu verehren und ihnen genug zu dienen, für die er von GOtt so vielen Seegen erflehet. Uranius ist ungemein von diesem Spruche der heil. Schrift gerühret. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Dieß macht, daß er alle Wege des heiligen Lebens gehet, und nach ieder Art von Frömmig keit und Gerechtigkeit trachtet, damit sein Gebet für seine Heerde seine völlige Stärke haben und vor GOtt gelten möge. Um dieser Ursache willen hat er ein kleines Gut, daß er besaß, verkauft, und ein abgesonder tes Haus für alte, arme Leute aufgerichtet, da mit sie in Gebete und Frömmigkeit leben können, und sein Gebet, von solchen guten Werken un terstützet, die Wolken durchdringen und Se gen auf diejenigen Seelen herab bringen mö ge, die seiner Sorgfalt anvertrauet sind. Uranius liest, wie GOtt selbst zu Abime lech in Ansehung Abrahams sagte: Er ist
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ein Prophet, und laß ihn für dich bitten, so wirst du lebendig bleiben. [1 B. Mos. XX. 7]. Und wiederum, wie er von Hiob sagt: Und mein Knecht Hiob wird für euch bitten; denn ihn will ich erhören. [Hiob XLII. 8]. Aus diesen Stellen schließt Uranius ganz richtig, daß das Gebet von Leuten, die durch eine besondre Heiligkeit des Lebens erhaben sind, einen außerordentlichen Nachdruck bey GOtt habe; daß er andern Leuten durch ihr Gebet solche Ver gebungen, Tröstungen und Glückseligkeiten ver schaffe, als er Leuten von weniger Frömmigkeit und Vollkommenheit nicht gewähren würde. Dieß macht, daß sich Uranius außerordentlich der christlichen Vollkommenheit befleißiget, ieder Gnade und heiligen Empfindung nachjaget, sein Herz von aller Unart reiniget, und ihn über ie den Irrthum und Fehler seines Lebens furchtsam machet, damit das Gebet für seine Heerde durch seinen eignen Mangel der Heiligkeit bey GOtt ja nicht ungültiger werde. Dieses machet ihn wegen ieder Neigung sei nes Herzens sorgfältig, er giebt Almosen von allem, was er hat, er wachet, fastet, thut Buße, und lebet nach den strengsten Regeln der Mäßigkeit, Sanftmuth und Demuth, da mit er nur in einem Grade dem Abraham oder Hiob, in seinem Kirchspiele gleichen, und solche Gebeter für sie abschicken möge, die GOtt erhö ren und annehmen wird.
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Dieses sind die glücklichen Wirkungen, die ei ne andächtige Fürbitte in dem Leben des Uranius hervorgebracht hat. Und wenn andre Leute in ihren verschiednen Ständen diesem Beyspiele auf eine solche Art, die sich zu den Umständen ihres Lebens schickte, nachahmen wollten, so würden sie gewiß eben die se glücklichen Wirkungen davon empfinden. Wenn Herren, zum Exempel, also sich ihrer Dienstboten in ihren Gebeten erinnern und GOtt bitten wollten, sie zu segnen, und übrigens auch ihre Bitten nach den besondern Bedürfnis sen ihres Gesindes einrichteten: wenn sie keinen Tag ohne die völlige Ausübung dieses Theils der Andacht vorbey ließen, so würde der Vor theil sowohl für sie selbst, als für ihr Gesinde groß seyn. Keine Art in der Welt ist so geschickt, als die se, sie die wahre Empfindung derjenigen Macht, die sie in ihren Händen haben, fühlen zu lassen, und ihnen die Freude davon empfindend zu ma chen, wenn man gutes thut und in allen Arten ein Beyspiel eines weisen und gütigen Herrn wird. Indem sie so oft GOtt ihre Dienstboten, als solche Personen vorstellen, die auf eine gleiche Art GOtt angehören, und auf eben dieselben Erwar tungen des Himmels ein Recht haben, so wird ihnen dieses natürlicher Weise die Neigung bey bringen, ihnen nicht allein mit solcher Mensch lichkeit, als sich für Mitgeschöpfe geziemet,
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sondern auch mit solcher Zärtlichkeit, Sorg falt und Großmuth, als Miterben eben der selben Herrlichkeit gebühret, zu begegnen. Diese Andacht würde die Herren zu ieder Sache geneigt machen, die ihren Bedienten vortheilhaft wäre: sie würden über ihre Aufführung wachen, und eben so bereit seyn, eine genaue Beobachtung der Pflichten des Christenthums, als die Pflichten ihrer Dienste, von ihnen zufordern. Dieses würde sie lehren, ihre Knechte, als Knechte Gottes anzusehn, ihre Vollkommenheit eifrig zu wünschen, nichts in ihrer Gegenwart zu thun, was ihre Gemüther verderben könnte, ihnen keine Beschäftigung aufzulegen, wodurch ihre Empfindung in der Religion möge geschwächt werden, oder sie an ihrer, sowohl öffentlichen als häuslichen Andacht, auf einige Weise zu hin dern. Dieses Beten für sie würde sie in Stand setzen, ein eben so großes Vergnügen über eine ausnehmende Frömmigkeit ihrer Knechte, als ihrer selbst zu empfinden, und ihnen sowohl zur Erkenntniß, als Ausübung aller Pflichten des christlichen Lebens, alle Gelegenheit und Auf munterung verschaffen. Wie natürlich wird es einem solchen Herrn seyn, keinen Theil seiner häuslichen Andacht zu versäumen; beständige Betstunden zu halten; keine Entschuldigung von ihnen ihrer Abwesen heit halber anzunehmen; oft die Schrift und erbauliche Bücher mit ihnen zu lesen; alle Ge legenheiten zu nützen, sie zu unterrichten,
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ihre Seelen zu GOtt zu erheben und sie zu leh ren, alle ihre Geschäfte, als einen Gottesdienst, in der Hoffnung und Erwartung eines andern Le bens zu verrichten? Wie nothwendig würde es für einen solchen Mann seyn, mit ihrer Schwachheit und Un wissenheit Mitleiden zu haben, die Einfalt ih res Verstandes zu tragen; sie mit Sanftmuth zu bessern, und mit Liebe zu ermahnen, in der Hoffnung, daß GOtt sein Gebet für sie erhören werde? Wie unmöglich würde es einem solchen Herrn seyn, der auf diese Art zu GOtt für sein Ge sinde betete, sie die geringste unfreundliche Be gegnung fühlen zu lassen, ihnen wie Hunden und Bösewichtern zu fluchen, und mit ihnen als mit dem Auswurfe der Schöpfung umzugehen? Diese Andacht würde ihnen hinwiederum einen andern Geist geben, und sie zu allen Pflichten der Sorgfalt, Gefälligkeit und Wachsamkeit für denjenigen aufmerksam machen, der ihre Kräfte und Zeit zu ihrem eignen Dienste verwendet hat. Wenn aber vielleicht Leute von Stande die Ausübung einer solchen Andacht, in Anse hung ihrer Dienstboten für eine ihrem Stan de und ihrer Würde unanständige Beschäftigung halten, so können sie glauben, daß sie noch weit von dem Geiste Christi entfernet sind, der sich nicht allein zum Fürsprecher, sondern zu ei nem Opfer für das ganze sündige Geschlecht der Menschen machte.
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Sie mögen überdenken, wie elend es um ihre Größe stehen würde, wenn der Sohn Gottes, es für eben so niedrig für sich hielte, für sie zu be ten, als sie es glauben, wenn sie für ihre Neben geschöpfe beten sollen. Sie mögen erwegen, wie weit sie von dem Geiste entfernet sind, der für seine ärgsten Fein de bat, da sie nicht einmal Menschenliebe genug haben, für diejenigen zu beten, durch deren Ar beit und Dienst sie selbst in Ruhe leben. Nachgehends, wenn Eltern also sich selbst zu Fürsprechern bey GOtt für ihre Kinder ma chen, und stets gen Himmel ihrentwegen bitten wollten, so würde nichts mehr vermögend seyn, nicht nur ihre Kinder zu segnen, sondern auch ih re eignen Seelen zur Ausführung alles desjeni gen, was vortrefflich und preiswürdig ist, zu bil den, und zu gewöhnen. Ich setze hier voraus, daß die meisten Eltern ihrer Kinder in ihrem Gebete gedenken, und GOtt um Segen für sie anruffen. Was ich hier also meyne, ist nicht auf eine bloße Erinne rung ihrer abgesehen, sondern auf eine richtige Methode, alle ihre besondern Bedürfnisse und Mängel GOtt anzubefehlen, und um iede be sondre Gnade und Tugend, nachdem es ihr Stand und ihre Lebensart erfodert, für sie GOtt anzuflehen. Der Stand der Eltern ist ein heiliger Stand, und in einem gewissen Grade dem Priesterthume ähnlich, weil er sie berufft, ihre Kinder durch ihr
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Gebet und Opfer vor GOtt zu bringen. Also wachte der fromme Hiob über seine Kinder und segnete sie, er heiligte sie, und machte sich des Morgens früh auf, und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl. [Hiob. I. 5.]. Würden also Eltern sich selbst in diesem Lich te betrachten, und täglich GOtt auf eine feyer liche und bedachtsame Art anruffen, und ihre Fürbitten verändern und erweitern, nach dem der Stand und die Größe ihrer Kinder es erforderte: so würde eine solche Andacht einen mächtigen Einfluß auf ihr ganzes übriges Leben haben; es würde sie in der Erziehung derselben vorsichtig und klug, und sorgfältig in allem, was sie sagten, oder thäten, machen, damit nicht ihr eigen Exempel sie an demjenigen hinderte, war um sie in ihrem Gebete so eifrig flehen. Wenn ein Vater täglich GOtt insbesondre bittet, daß er seine Kinder mit wahrer Fröm migkeit, großer Demuth und einer stren gen Mäßigkeit ausrüsten möge, was ist fähiger, den Vater selbst zu einem Muster aller dieser Tugenden zu machen, als dieses? Wie natürlich ist es, daß er sich schämen wird, die jenigen Tugenden nicht zu besitzen, die er an seinen Kindern für nöthig hält? Auf diese Art wird sein Gebet für ihre Frömmigkeit ein ge wisses Mittel seyn, seine eigne zu dem größten Grade zu erheben. Wenn sich ferner ein Vater also, als einen Für bitter bey GOtt für seine Kinder ansieht, damit er
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ihnen durch sein Gebet Segen bringen möge, was kann ihn mehr anreitzen, selbst nach iedem Grade der Heiligkeit zu streben, damit er dadurch desto eher den Segen vom Himmel für sie erhal ten möge? Wie wird er bey solchen Gedanken nicht alles zu vermeiden suchen, was sündlich und GOtt misfällig ist, damit nicht GOtt, wenn er für seine Kinder zu ihm betet, sein Gebet ver werfe? Wie zärtlich, wie gottselig würde ein solcher Vater nicht mit seinen Kindern umgehen, die er als seine kleine geistliche Heerde ansähe, und die er zur Tugend durch sein eigen Beyspiel bilden, durch sein Ansehen aufmuntern, durch seinen Rath unterhalten, und durch sein Gebet zu GOtt segnen sollte? Wie furchtsam würde er nicht alle üble und ungerechte Wege ihr Glück zu bauen vermeiden, oder sie im Stolz und Nachsicht zu erziehen, oder sie in die Welt verliebt zu machen, damit er sie nicht selbst der Gnade unfähig machte, die er so oft von GOtt für sie erbeten? Da dieses die wahren, natürlichen und glück lichen Wirkungen dieser Fürbitte sind, so wer den alle Eltern, denen, wie ich hoffe, die wahre Wohlfahrt ihrer Kinder zu Herzen geht, die ein Verlangen haben, ihre wahre Freunde und Wohlthäter zu seyn, und unter ihnen in dem wahren Geiste der Weisheit und Frömmigkeit zu leben, alle solche Eltern, sage ich, werden nicht leicht so wichtige Mittel verabsäumen, sowohl
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ihre eigne Tugend zu erheben, als auch denenje nigen, die ihnen durch die strengsten Bande der Natur, so nahe und so theuer sind, eine ewige Wohlfahrt zu verschaffen. Endlich, wenn alle Menschen, indem sie die ersten Annäherungen des Zorns, Neides oder der Verachtung gegen andre fühlen; oder wenn sie bey allen kleinen Verdrüßlichkeiten und Misverständnissen, anstatt der kleinen nieder trächtigen Gedanken, denen sie gemeiniglich nach hängen, ihre Zuflucht bey solchen Gelegenheiten zu einer besondern und außerordentlichen Fürbit te bey GOtt für solche Personen, die sie zum Zorne, Neide oder Misvergnügen gereitzet ha ben, nehmen wollten: so würde dieses ein sicherer Weg seyn, dem Wachsthume aller solcher un freundlichen Neigungen vorzukommen. Wenn ihr euer Gebet und eure Fürbitte bey solcher Gelegenheit also einrichten könntet, daß es derjenigen Leidenschaft, in der ihr eben waret, im höchsten Grade zuwider wäre, so würde die ses ein vortreffliches Mittel seyn, eure Herzen zu dem größten Stande der Vollkommenheit zu erheben. Zum Exempel, wenn ihr einmal Regungen des Neides gegen iemanden, entweder seiner Reichthümer, Macht, Ehre, Gelehrsam keit oder Vorzüge halber, empfinden solltet, und unmittelbar darauf euch selbst in eurem Ge bete strafen und GOtt bitten wolltet, ihn selbst in derjenigen Sache, um welcher willen ihr ihn
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beneidet, Heil und Fortgang wiederfahren zu las sen; wenn ihr eure Bitten in den stärksten Aus drücken wiederhohlen und GOtt anflehen woll tet, ihm alle nur mögliche Glückseligkeit aus dem Genusse desselben zu gewähren, so würdet ihr bald finden, daß dieses das stärkste Gegen gift sey, womit das Gift dieser tödlichen Leiden schaft könne vertrieben werden. Dieses würde ein solcher Sieg über euch selbst seyn, euch so demüthig machen, und euer Herz zu einem solchen Gehorsam zwingen, daß sich der Teufel selbst fürchten würde, euch auf diese Art wieder zu versuchen, weil er sahe, daß die Versu chung ein so großes Mittel den Zustand eures Herzens zu reinigen und zu bessern war. Desgleichen, wenn ihr einen kleinen Zwist oder Misverständniß mit einem Verwandten, Nachbar oder irgend sonst iemanden von un gefähr hättet, so solltet ihr alsdenn für sie auf eine außerordentlichere Art, als ihr zuvor gethan, beten, daß ihnen GOtt iede Gnade, ie den Segen und alle nur erdenkliche Glückselig keit verleihen wolle; ihr würdet die geschwinde sten Mittel ergreifen, alle Zwistigkeit auszusöh nen, und alles Misverständniß ihnen begreifflich zu machen. Ihr würdet nichts für so groß hal ten, daß nicht könne vergeben werden; keine Herablassung erwarten, keine Mittelsperson vonnöthen haben, sondern mit Freuden eure Lie be und euer gutes Herz demjenigen zeigen, der einen so hohen Rang in eurem geheimen Gebe te erhält.
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Dieses würde die gewaltige Wirkung einer christlichen Andacht seyn; sie würde alle wider spenstige Neigungen vertreiben, euer Herz zu den sanftmüthigsten Herablassungen geschickt machen, und der beste Schiedsrichter aller Strei tigkeiten seyn, die sich zwischen euch und einem eurer Bekannten iemals erheben könnten. Die größten Verbitterungen entstehen sehr oft unter Freunden und Nachbarn aus einer elenden Kleinigkeit des Eigensinns, und andern ge ringen Versehen in der Aufführung. Ein ge wisses Merkmal von einer blos menschlichen Freundschaft, die auf keine religiöse Betrachtung gegründet, oder durch das Band eines gemein schaftlichen Gebets unter einander befestiget ist, wie es bey den ersten Christen gewöhnlich war! Denn eine solche Andacht muß nothwendig entweder solche Neigungen zerstören, oder selbst durch sie zerstöret werden. Ihr könnet unmöglich eine üble Gesinnung gegen denjenigen haben, oder euch unfreundlich bezeigen, dessen Wohlfahrt euch also am Herzen liegt, daß ihr bey GOtt im Stillen sein Für sprecher seyd. Hieraus können wir die verhaßte Natur und das große Verbrechen alles Grolles, Hasses, der Verachtung und andrer bittern Leiden schaften ersehen; wir müssen sie nicht nur als Mängel eines guten Herzens, und einer sanf ten Gemüthsart, nicht blos als Fehler wider die Höflichkeit der Sitten und eine gute Le=
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bensart ansehn, sondern als solche niederträch tige Neigungen, die mit der Liebe der Für bitte ganz und gar nicht bestehen können. Ihr haltet es für etwas geringes, feindselig oder übelgesinnt gegen den oder jenen zu seyn; doch ihr solltet überlegen, ob es etwas geringes sey, dasjenige zu thun, was ihr nicht thun wür det, wenn ihr so viel Liebe des Nächsten hättet, daß ihr ihn in eurem Gebete GOtt anbefehlen könntet. Ihr haltet es für etwas geringes, iemanden lächerlich zu machen und einen andern zu verachten; doch ihr solltet bedenken, ob es etwas geringes sey, gegen diejenigen keine Liebe zu ha ben, welche, als Christen, so gar ihre heftigsten Feinde zu lieben verbunden sind. Seyd nur erst so liebreich gegen diejenigen, segnet und bittet für sie also, wie ihr verbun den seyd, eure Feinde zu segnen und für sie zu bitten, und ihr werdet euch alsdenn liebreich ge nug finden, als daß ihr es für möglich halten solltet, ihnen mit der geringsten Art der Verach tnng<Verachtung> zu begegnen. Denn es ist unmöglich, daß ihr denjenigen verachten solltet, den ihr in eurem geheimen Gebete der Liebe und Gnade Gottes anbe fehlet. Wenn ihr einen Mann verachtet und lächerlich machet, so geschieht es aus keiner andern Absicht, als ihn in den Augen andrer Leute lächerlich und verächtlich zu machen, und ihm ihre Hochachtung
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zu entziehen. Wie ist es aber möglich, daß ihr GOtt aufrichtig anflehen könnt, denjenigen mit dem Ruhme seiner Liebe und Gnade zu segnen, den ihr den Menschen verachtungswürdig zu machen suchet? Könntet ihr wohl aus Liebe zu einem Nach bar wünschen, daß euer Fürst ihn mit allen Zei chen seiner Hochachtung und Huld begnadigte, und ihn zu gleicher Zeit der Verachtung und dem Gelächter eurer eignen Bedienten aus setzen? Dieses ist aber eben so möglich, als einen Mann dem Schimpfe und der Verachtung eu rer Nebengeschöpfe auszusetzen, den ihr der Gna de Gottes in eurem geheimen Gebete anbefehlet. Aus diesen Gründen können wir leicht die Richtigkeit und Billigkeit dieser Lehre des Evan gelii entdecken. Wer aber saget zu seinem Bruder, Racha, der ist des Raths schul dig; wer aber saget, du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig. [Math. V. 22]. Wir dürfen, wie ich voraus setze, nicht glau ben, daß iedes übereilte Wort, oder ieder unge rechte Ausdruck, der uns von ungefähr oder aus Uebereilung entfährt, und unsrer Absicht und Neigung widerstreitet, die große Sünde sey, die hier angezeiget ist. Der aber saget, Racha, oder du Narr, muß hauptsächlich denjenigen bedeuten, der sich selbst überlegte, vorgenommene Handlungen des Schimpfes und der Verachtung gegen sei
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nen Nächsten vergönnet und in dieser Verfassung mit und von ihm in Lästerungen spricht. Weil aber daraus erhellet, daß diese Gemüths art im Grunde eine recht eingewurzelte Lieb losigkeit ist, weil niemand derselben schuldig seyn kann, als wer nicht Liebe genug hat, für sei nen Bruder bey GOtte zu bitten; so kann man es auch für keine zu harte und strenge Gerechtig keit halten, wenn solche Gemüther Gefahr lau fen, die Seligkeit der Christen zu verlieren. Denn wer würde es wohl für hart halten, wenn ein Christ nicht die Gnade Gottes für sich selbst erhalten könnte, wofern er nicht seinen christlichen Bruder als einen, der das Bild Gottes trägt, als einen, für den Christus gestorben ist, als ein Mitglied dieser heiligen Gemeine auf Erden, die mit der triumphirenden Kirche in Vereinigung steht, hochschätzte und verehrte? Doch diese Betrachtungen alle müssen verges sen, alle diese glorreichen Freyheiten aus den Au gen gesetzet werden, ehe ein Mensch mit demjeni gen, der sie besitzt, als mit einem Gegenstande des Schimpfs und der Verachtung umgehen kann. Man kann also den Frevel, einen Bruder zu verachten oder zu verschmähen, oder wie unser Heyland spricht, zu ihm Racha oder du Narr zu sagen, sicher unter die verhaßtesten, unge rechtesten und strafbaresten Neigungen, die nur in ein christliches Herz kommen können, rechnen, weil sie von aller Hoffnung auf die
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durch Jesum Christum erworbene Seligkeit ausschließen. Denn derjenige, der iemanden verachtet, für den Christus gestorben ist, handelt eben so sehr Christo zuwider, als derjenige, der etwas von demjenigen verachtet, was Christus gesagt, oder gethan hat. Wenn ein Christ, der mit der heil. Jungfrau Maria gelebt hätte, nach dem Tode unsers Heylandes ihr bey Gelegenheit schimpflich be gegnet wäre, so würdet ihr gewiß sagen, er hät te seine Frömmigkeit gegen unsern theuersten Heyland verlohren. Denn eine wahre Ehr furcht für ihn, müßte einen solchen gezwungen haben, derjenigen mit Hochachtung zu begegnen, die ihm so nahe verwandt war. Ich frage einen ieden bey seinem Gewissen, ob er nicht überzeugt ist, daß diese Verwandtschaft der Jungfrau Maria mit unserm Erlöser, alle diejenigen, die mit ihr lebten und um sie waren, müsse verbunden haben, ihr mit der größten Hochachtung und Ehrfurcht zu begegnen. Wür de nicht ein Mensch sich für der göttlichen Ra che gefürchtet haben, wenn er ihr die geringste Beschimpfung und Verachtung erwiesen hätte? Fällt aber diese Betrachtung einem ieden in die Augen, daß man eine iede Beschimpfung, die man der Jungfrau Maria erwiesen, für eine Beschimpfung Christi, wegen ihrer nahen Ver wandtschaft mit ihm, hätte auslegen müssen, so kann euch eben diese Betrachtung von der Gottlo
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sigkeit überführen, wenn man einen seiner Brü der verachtet. Ihr könnet keinen Bruder verachten, ohne denjenigen zu verachten, der mit GOtt, seinem Sohne Jesu Christo, und der heiligen Dreyei nigkeit in der höchsten Verwandtschaft steht. Ihr würdet es wahrhaftig für eine große Gottlosigkeit halten, wenn iemand einer Schrift mit Verachtung begegnen wollte, die durch den Finger Gottes wäre geschrieben worden; und könnet ihr es für eine geringere Gottlosigkeit halten, wenn iemand seinen Bruder verschmähet und verkleinert, der nicht nur ein Werk, son dern auch das Ebenbild Gottes ist? Ihr würdet es für die größte Entheiligung halten, wenn man einen Altar schimpflich mit Füßen treten wollte, weil er zu einem heiligen Gebrauche gewidmet wäre und den Leib Christi oft getragen hätte; und könnet ihr es wohl für weniger ruchlos halten, wenn ihr euren Bruder verächtlich unter die Füße tretet, der GOtt so angehöret, daß selbst sein Leib als ein Tempel des heiligen Geistes angesehn wird? [1 Cor. VI. 13]. Hättet ihr die Jungfrau Maria verachtet und ihr übel begegnet, so hättet ihr euch der Gottlosigkeit schuldig gemacht, diejenige zu ver achten, von der Christus gebohren war. Und wenn ihr einen Bruder verachtet und verschmä het, so macht ihr euch der Gottlosigkeit schuldig,
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denjenigen zu verachten, für den Christus sein Leben niedergelegt. Wenn nun aber diese verachtende Gemüths art sich auf eine Verunehrung aller dererjenigen Verwandschaften gründet, die ieder Christ mit GOtt, mit Christo und der heil. Dreyeinigkeit hat, dünkt es euch wohl Wunder, oder hart, wenn ein Christ, der sich es also vergönnet, sei nen Bruder zu verachten, in Gefahr ist, des höl lischen Feuers schuldig zu werden? Anderns, müssen wir hier bemerken, daß ob gleich in diesen Worten, wer aber saget, du Narr et cetera die größte Sünde, die hier verdam met wird, eine wohlbedächtige Neigung zu verstehen ist, einen Bruder zu verachten: so müssen wir doch auch glauben, daß alle über eilte Ausdrücke und verächtliche Worte, ob sie gleich von ungefehr und aus Uebereilung gesprochen worden, durch diesen Spruch, als große Sünden, und unleugbare Uebertretun gen der christlichen Liebe müssen verdammet werden. Sie entstehen aus einem großen Mangel der christlichen Liebe und Sanftmuth, und erfordern eine große Reue. Sie sind blos geringere Sün den, wenn sie mit den Gewohnheiten und der eingewurzelten Gemüthsart, seinem Bru der schimpflich zu begegnen, verglichen werden, haben aber eben sowohl die Verdammung dieser Schriftstelle auf sich zu deuten, als die gröbsten Gewohnheiten der Lieblosigkeit.
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Die Ursache aber, warum wir allezeit große Strafen zu befürchten, und eine strenge Buße für diese übereilten Ausdrückungen des Zorns und der Verachtung zu thun haben, ist diese; weil sie selten dasjenige sind, was sie zu seyn scheinen: sie sind nehmlich nicht allezeit bloße Anfälle des Temperaments, die nur durch eine Uebereilung oder einen Zufall verursachet worden, sondern weit öfter, als wir es gemei niglich glauben, unsre eignen Handlungen. Ein Mann sagt dem andern einen Haufen Bitterkeiten: er verzeiht sich gegenwärtig selbst, weil er voraussetzet, daß es von der jählingen Gelegenheit, oder von einem gewissen Zufalle herkam, der ihn aus seiner Verfassung brachte. Doch er sollte überlegen, daß vielleicht der Zufall oder die Uebereilung gar nicht die Ur sache seiner heftigen Ausdrücke war, sondern die Ursache, seine bittere Gemüthsart auszulassen. Da sich dieses nun, überhaupt davon zu reden, also verhält, da alle stolze und zornige Worte meistentheils aus einigen geheimen Gewohn heiten eines stolzen Herzens entspringen: so haben doch diejenigen, die ihnen unterworfen sind, ob sie gleich hier und da aus Zufällen ent stehen können, große Ursache, dabey noch mehr, als ihre gegenwärtige Aufführung zu bereuen, sich selbst mit einer größern Schuld, als der zu fälligen Leidenschaft zu belegen, und sich selbst ei ner solchen Reue und Buße zu unterwerfen, die
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auch geschickt ist, die Gewohnheiten eines hochmüthigen Geistes auszurotten. Und dieses mag wohl die Ursache seyn, war um die Schrift nicht weiter, als nur auf die äus serlichen Worte geht, und warum sie blos saget, wer aber saget, du Narr; denn wenig kön nen sich so sehr vergessen, in hochmüthige und schimpfliche Worte bey einem ungefähren Zufalle auszubrechen, wofern ihr Herz nicht mehr oder weniger von den Gewohnheiten und ein gewurzelten Neigungen des Stolzes und Hochmuths eingenommen ist. Doch wieder zur Sache zu kommen. Die Fürbitte ist nicht allein der beste Schiedsrichter aller Streitigkeiten, der beste Beförderer einer wahren Freundschaft, das beste Arzney= und Verwahrungsmittel wider alle unfreundliche Gemüthsarten, wider alle zornige und hochmü thige Leidenschaften, sondern sie ist auch ungemein geschickt uns den wahren Zustand unsrer Herzen kennen zu lernen. Es giebt verschiedne Neigungen, die wir für gesetzmäßig und unschuldig halten, die wir nicht einmal wegen der geringsten Bitterkeit in Verdacht haben; die, so bald sie durch diese An dacht geprüfet werden, uns gleich überführen, wie sehr wir uns selbst betrogen haben. Susurrus ist ein frommer, mäßiger, ehrli cher, und wegen einer Menge trefflicher Eigen schaften hochachtungswürdiger Mann. Nie mand wohnet fleißiger, als er, dem Gottesdienste
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bey und ist in seinem Herzen mehr davon ge rührt. Seine Liebe ist so groß, daß er sich selbst arm machet, um desto mehr Almosen dem Dürf tigen geben zu können. Doch Susurrus hat auch entsetzliche Fehler bey allen diesen großen Tugenden. Er hat eine unglaubliche Begierde, die Fehler und Schwachheiten aller andern, die um ihn sind, zu wissen und zu entdecken. Man ist bey ihm willkommen, wenn man ihm nur etwas von iemanden erzählen kann und es nur nicht in der Sprache eines Feindes vorträgt. Er ist nie mals über einen Verläumder böse geworden, ausgenommen, wenn seine Ausdrücke zu heftig und bitter waren. Wenn ihr ihm aber nur et was auf eine feine Art zulispeln wollet, es mag an sich selbst so böse seyn, als es will, so wird es Susurrus anhören. Wenn er Besuche giebt, so höret man ihn ge meiniglich erzählen, wie verdrieslich er über die Fehler und Gebrechen dieses oder jenen Nachbars ist. Er sagt euch, wie lieb ihm sein guter Ruf sey: wie ungern er sage, was er doch zu sagen gezwungen sey, und wie gern er es verheelen wolle, wenn es könne verheelet werden. Susurrus hat so eine sanfte und mitleidige Art Sachen zu erzählen, die seinem Nächsten zum größten Nachtheile gereichen, und doch scheint er so wohl seinet als andrer wegen, zu eben der Zeit eine christliche Liebe auszuüben,
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wenn er der Neigung eines Ohrenbläsers und Verleumders nachhängt. Susurrus blies einst einem vertrauten Freunde sehr geheimnißvoll eine so schändliche Sache ins Ohr, die man sich öffentlich zu sagen schämet. Er beschloß seine Rede mit der Versi cherung, wie vergnügt er wäre, daß die Sache noch nicht bekannt sey, und er deswegen noch ei nige Hoffnung hätte, daß dieselbe nicht wahr seyn könnte, so stark auch der Verdacht wäre. Sein Freund antwortete ihm darauf: Du sagest, Susurrus, du seyst vergnügt, daß die Sache noch nicht bekannt, und daß du Hoffnung hast, daß sie vielleicht nicht wahr sey. Geh also nach Hause in dein Cabinet und bitte GOtt für diesen Mann auf so eine Art und mit solchem Nachdruck, als wenn du über eine glei che Gelegenheit GOtt für dich selbst anflehen solltest. Bitte GOtt, daß er ihn mit seiner Gnade zu Hülfe kommen, für allen falschen Anklägern be wahren, und diejenigen zu Schanden machen wolle, die durch liebloses Ohrenblasen und geheime Erzählungen ihn wie diejenigen ver wunden, die einen in Finstern ermorden. Und wenn du dieses Gebet vollendet hast, so kannst du, wenn es dir beliebt, zu einem andern guten Freunde gehen und ihm eben dasselbe Geheimniß erzählen, das du mir vertrauet hast. Susurrus wurde unglaublich durch diese Antwort gerühret, und fühlte die Stärke dersel
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ben in seinem Gewissen auf eine so lebhafte Art, als ob er die Bücher am Tage des Gerichts geöffnet gesehen. Vielleicht hätte er allen andern Widerle gungsgründen widerstanden; aber hier war es dem Susurrus unmöglich, diese Erinnerung zu verwerfen, oder ihr zu folgen, ohne sich auf gleiche Art in dem höchsten Grade zu ver dammen. Von dieser Zeit an, hat er sich allezeit an die se Art der Fürbitte gewöhnet, und sein Herz ist dadurch so sehr geändert worden, daß er eben so wenig iemanden etwas zum Nachtheil andern ins Ohr blasen kann, als GOtt öffentlich anfle hen, daß er doch iemanden schaden möchte! Ohrenbläser und Verläumder beleidigen sein Ohr ietzt so sehr, als Flucher und Schwörer; und er hat einen Tag in der Woche zu einem Bußtage, so lange als er lebet, bestimmt, damit er sich selbst in dem traurigen Bekenntnisse sei nes vorigen Verbrechens vor GOtt demüthigen möge. Vielleicht wundert man sich, wie ein Mann von so viel Frömmigkeit, als Susurrus, so lange sich selbst betrügen und in einem solchen Aergernisse und Verläumden leben können, ohne auf den Verdacht zu gerathen, daß er des sen schuldig sey. Doch dieß kam von seiner Liebe und anscheinenden Mitleiden her, mit dem er alles hörte und erzählte, und wodurch er sich selbst und andre betrog.
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Es war die Falschheit des Herzens, welche blos durch die wahre Liebe der Fürbitte ganz mußte ausgerottet werden. Und wenn tugendhafte Leute, die eben so we nig Böses als Susurrus, von sich denken, oft ih ren Geist durch eine solche Fürbitte prüfen woll ten, so würden sie sich oft, so wenig sie es auch in der Welt vermuthen, eines gleichen Verge hens schuldig finden. Ich habe euch nun die verschiednen und gros sen Vortheile der Fürbitte vorgeleget. Ihr habt gesehen, was sie für eine göttliche Freund schaft unter den Christen hervorbringen muß, wie theuer sie Verwandte und Nachbarn, einen dem andern machet; wie viel sie beyträgt, Geistli che, Herren und Eltern exemplarisch und voll kommen in allen Pflichten ihres Standes zu ma chen; wie sicher sie allen Neid, Groll und alle boshafte Leidenschaften ausrottet; wie geschwind sie alle Zwistigkeiten aussohnet, und mit was für einem durchdringenden Lichte sie den Menschen den wahren Zustand seines Herzens entdecket. Diese Betrachtungen werden, wie ich hoffe, euch antreiben, eine solche Fürbitte, die sich zu eu rem Stande schickt, zur beständigen und hauptsächlichen Unterhaltung eurer Andacht in dieser Betstunde zu machen.
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Zwey und zwanzigstes Hauptstück. Befiehlt die Andacht um drey Uhr an, die in der heil. Schrift die neunte Stunde des Tages genennet wird. Der Inhalt des Gebets in dieser Stunde, ist die Erge bung in den göttlichen Willen. Die Na tur und Pflicht der Uebereinstimmung mit den Willen Gottes in allen unsern Handlungen und Absichten.

------------------------------ Ich habe gewisse Materien zum hauptsächli chen Innhalte unsrer Andacht vorgeschla gen und auf alle Stunden, die wir bereits durch gegangen sind, feste gesetzt. Die Danksagung und Darstellung seiner selbst vor GOtt ist der Inhalt eures ersten Ge bets des Morgens. Um neune ist es die große Tugend der christlichen Demuth, um zwölfe seyd ihr berufen, für alle Gaben einer allge meinen Liebe zu beten, und sie in eurem Herzen durch solche allgemeine und besondre Fürbit ten zu erheben, wie euer eigner Stand und Ver hältniß mit andern es insbesondre von euch zu fordern scheinen. Um diese Stunde des Nachmittags sollt ihr die Nothwendigkeit erwägen, euch im göttlichen Willen zu ergeben, euch ihm gleichförmig zu bezeigen, und diese große Tugend zum vor nehmsten Innhalt eures Gebets zu machen.
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Nichts ist so weise, heilig und gerecht, als der große Wille Gottes. Dieses ist in einem so genauen und strengen Verstande wahr, als wenn man saget, daß nur GOtt unendlich und ewig sey. Keine Wesen also, weder im Himmel noch auf Erden, können weise, heilig und gerecht seyn, als in so ferne sie sich diesem Willen Gottes ge mäß bezeigen. Die Gleichförmigkeit mit diesem Willen giebt den höchsten Diensten der Engel im Himmel ihre Tugenden und Vollkommenhei ten: und eben diese Gleichförmigkeit mit eben diesem Willen machet auch die allgemeinsten Handlungen der Menschen auf Erden zu einem angenehmen Dienste vor GOtt. Die ganze Natur der Tugend besteht in dem gleichförmigen Bezeigen mit dem Willen Got tes, und die ganze Natur des Lasters in der Ab weichung von demselben. Alle Creaturen Got tes sind erschaffen, seinen Willen zu thun: Son ne und Mond gehorchen seinem Willen, ver möge der Nothwendigkeit ihrer Natur: Engel er füllen seinen Willen, wegen der Vollkommenheit ihrer Natur: wenn ihr euch also nicht selbst re bellisch und abtrünnig von der Ordnung der Schöpfung beweisen wollet, so müßt ihr, wie die se beyde Wesen, die über und unter euch sind, handeln; es muß das große Verlangen eurer Seele seyn, daß Gottes Wille geschähe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Es muß der feste Vorsatz und Zweck eures Herzens seyn,
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nichts zu wollen, nichts zu beschließen, nichts zu thun, als wovon ihr Ursache zu glauben habt, daß es der Wille Gottes sey, also zu wol len, zu beschließen und zu thun. Es ist eben so billig und nothwendig, in die ser Verfassung des Herzens zu leben, und also von GOtt und euch selbst zu denken, als der Ge danke ist, daß ihr von ihm abhängt. Und es ist ein eben so großer Aufruhr wider GOtt, zu glauben, daß euer Wille von dem seinigen könne verschieden seyn, als zu glauben, ihr hättet das Vermögen des Willens nicht von ihm em pfangen. Ihr müßt euch derowegen als Wesen betrach ten, die kein andres Geschäfte in der Welt haben, als was GOtt von ihnen fordert; die keine an dern Neigungen haben, sich keine andern und eigne Vorschriften machen, keine eignen Absich ten und Zwecke suchen, als daß sie eine gewisse Stelle einnehmen, und eine Rolle in der streng sten Uebereinstimmung mit dem Willen Gottes und einer dankbaren Ergebung in demselbigen spielen. Denn, zu glauben, daß ihr euer eigen seyd, und nach eurem eignen Gutdünken mit euch ver fahren könntet, ist eben so abgeschmackt, als wenn ihr glauben wolltet, ihr hättet euch selbst geschaffen und könntet euch selbst erhalten. Es ist daher ein eben so richtiger und nothwendi ger Grundsatz, zu glauben, ihr seyd also Got tes, daß ihr ihm ganz zugehöret, und alles in
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einer dankbaren Ergebung in seinem Willen, lei den und thun müßt, als es zu glauben noth wendig ist, daß ihr in ihm lebet, schwebet und seyd. Die Ergebung in den göttlichen Willen bedeutet einen liebesvollen Beyfall, und eine dankbare Annehmung alles dessen, was von GOtt kömmt. Es ist nicht genug, sich gedul tig zu unterwerfen, sondern wir müssen es auch mit Danke empfahen, und alle dem völligen Bey fall geben, was uns durch die Vorsehung Got tes wiederfährt. Denn so viel wir Ursache haben, gedultig zu seyn, eben so viel und eine noch weit stärkere Ur sache treibet uns an, dankbar zu seyn. Wenn wir unter der Aufsicht eines weisen und guten Arztes wären, der sich nicht betrügen noch etwas anders thun könnte, als alles, was gewiß zu un serm Besten gereichte: so würde es nicht genug seyn, gedultig zu seyn und sich alles Murrens gegen einen solchen Arzt zu enthalten: sondern es würde eine eben so große Uebertretung der Pflicht und Dankbarkeit gegen ihm seyn, wenn man sich nicht dasjenige, was er gethan, wollte gefallen lassen und dafür dankbar seyn, als es straf bar wäre, wieder ihn zu murren. Dieses ist aber unser wahrer Zustand in Ab sicht auf GOtt. Wir können unmöglich sagen, daß wir an ihn glauben, wenn wir nicht glau ben, daß er von unendlicher Weisheit ist. Jeder Bewegungsgrund zur Gedult unter sei
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ner Regierung ist ein eben so starker Bewe gungsgrund zum Beyfalle und zur Dankbarkeit für alles, was er an uns thut. Dannenhero haben wir nichts mehr vonnöthen, uns zu die ser Dankbarkeit gegen GOtt anzutreiben, als ei nen vollen Glauben an ihn, daß er die unend lichste Weisheit, Liebe und Güte sey. Glaubet nur dieser Wahrheit auf eben die Art, als ihr Dingen glaubt, an denen ihr kei nen Zweifel habt, und ihr werdet voller Liebe alle demjenigen Beyfall geben, was GOtt vor euch gebilliget hat. Denn gleichwie ihr nur mit eines Aufführung gegen euch um dessentwillen zufrieden seyn könnet, weil sie für euch gut, an sich selbst weise, und die Wirkung seiner Liebe und Güte gegen euch ist; also wenn ihr zufrieden seyd, daß GOtt nichts thun kann, als was weise, gut und freundlich ist, nichts, als was die Wirkung einer unendlichen Weisheit und Liebe in der Sorge für euch ist: so wird es eben so nothwendig für euch seyn, weil ihr dieß zugesteht, dankbar zu seyn, und an allem, was GOtt für euch wählet, einen Wohlgefallen zu ha ben, als eure eigne Glückseligkeit zu wünschen. Wenn ihr also euch iemals zu einem Ver druß oder Murren über etwas geneigt findet, das eine Wirkung der göttlichen Vorsehung über euch ist, so müßt ihr von euch selbst glau ben, daß ihr die Weisheit oder die Güte Gottes verläugnet. Denn iede Klage setzet dieses noth wendig voraus. Ihr werdet euch niemals über
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euren Nachbar beklagen, wo ihr nicht ein un weises, ungerechtes oder unfreundliches Betragen gegen euch zu erweisen glaubt. Nun aber ist iedes Murren, ieder ungedulti ger Gedanke unter der Vorsehung Gottes, zu gleich eine Klage über denselben. Eine Klage aber setzet allezeit einen Misbrauch voraus. Hieraus könnet ihr allezeit die große Noth wendigkeit und die Pflicht dieses dankbaren Zu standes des Herzens ersehen, weil der Mangel desselben allezeit eine Klage über Gottes Man gel an Weisheit oder Güte in seiner Regie rung über uns einschließt. Es ist also kei nesweges ein hoher Grad der Vollkommen heit, die sich auf eine ungemeine Spitzfindigkeit im Nachdenken, oder auf sehr feine Begriffe gründet, sondern es ist ein deutlicher Grundsatz, der sich blos auf die Zuversicht gründet, daß GOtt ein Wesen von unendlicher Weisheit und Güte sey. Man kann aber diese Ergebung in den gött lichen Willen aus zween Gesichtspunkten betrach ten: Erstlich, in wie ferne sie einen dankbaren Beyfall der allgemeinen göttlichen Vorsehung über die Welt anzeiget; Anderns, in so ferne sie eine dankbare Annehmung seiner besondern Vorsehung über uns bedeutet. Erstlich, ist ieder Mensch nach dem Gesetze der Schöpfung und dem ersten Artikel des christlichen Glaubens, verbunden, die Weisheit und Güte Gottes in seiner allgemeinen Vor
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sehung über die ganze Welt, einzugestehen und zu bekennen. Er muß glauben, daß es eine Wirkung der großen Weisheit und Güte Got tes sey, daß die Welt selbst zu einer solchen Zeit und auf eine solche Art gemacht; daß die allgemeine Ordnung der Natur, die ganze Gestalt der Dinge, auf die beste Art erdacht und gebildet worden. Er muß glauben, daß Got tes Vorsehung über die Staaten und Königrei che, Zeiten und Jahreswechsel, allezeit die beste sey. Daß die Abwechselungen der Staaten, die Veränderungen der Reiche, das Steigen und Fallen der Monarchien; Verfolgungen, Kriege, Hunger, Seuchen, und alles durch Gottes Vor sehung, zum allgemeinen Besten des Menschen in diesem Stande der Prüfung, zugelassen und ausgeführet werde. Ein frommer Mann muß dem allen mit ei nem solchen vollständigen Beyfalle glauben, als er glaubet, daß GOtt überall ist, ob er ihn gleich nicht sieht, und die Art seiner Gegenwart begrei fen kann. Dieses ist eine edle Hoheit der Gedanken, eine wahre gottselige Größe der Seele, wenn man auf diese Art von Gottes allgemeiner Vorsehung gerühret ist, seine Weisheit in allen Dingen be wundert und preiset; niemals wider den Lauf der Welt oder den Zustand der Dinge murret, sondern auf alles umher, auf Himmel und Erde, als ein recht zufriedner Zuschauer sieht: und die se unsichtbare Hand anbetet, die allen Bewegun
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gen Gesetze giebt, und alle Vorfallenheiten zu Endzwecken, die der höchsten Weisheit und Gü te gemäß sind, hinaus führet. Es ist unter den Menschen sehr gewöhnlich, daß sie sich selbst große Freyheiten nehmen, in dem sie in solchen Dingen Fehler finden wollen, die doch GOtt allein zu ihrer Ursache haben. Jener denkt, er habe ein Recht zu sagen, in was für einer unseligen, abscheulichen Himmels gegend er lebe. Dieser sagt auch offt, was dieß für ein verfluchter böser Tag ist, und was für unerträgliche Witterung wir haben. Ein an derer glaubt, er habe sehr wenig Ursache GOtt zu danken, da sichs kaum der Mühe verlohnet, in einer Welt, die so vielen Abwechselungen und Veränderungen unterworfen ist, zu leben. Doch dieses sind Eigenschaften einer großen Ruchlo sigkeit, und zeigen, daß die Religion noch nicht von den Herzen solcher Menschen Besitz genom men habe. Es klingt in der That weit besser, wider den Lauf der Welt, oder den Zustand der Dinge, als wider die Vorsehung zu murren: sich über die Jahrszeiten und das Wetter, als über GOtt zu beschweren: Da doch diese Dinge keine andere Ursache, als GOtt und seine Vorsehung haben, so ist es eine sehr elende Ausflucht, wenn ihr sa get, daß ihr blos über die Dinge, aber nicht über dem Urheber und Beherrscher derselben bö se seyd. Wie heilig die ganze Gestalt der Welt sey, und wie sehr alle Dinge, als Gottes Werk und
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als ihm angehörig müssen betrachtet werden, leh ret uns unser Heyland in dem Falle der Eyd schwüre: Ich aber sage euch, daß ihr al lerdings nicht schwören sollt, weder bey dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bey der Erden, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bey Jerusalem denn sie ist eines großen Königs Stadt. Auch sollt du nicht bey deinem Haupte schwö ren, denn du vermagst nicht ein einiges Haar weiß oder schwarz zu machen; [Matth. V. 34. 35. 36.] Das ist, weil die Weiße oder Schwärze deines Haars nicht deine, sondern Gottes ist. Hier sehet ihr, daß alle Dinge in der ganzen Ordnung der Natur, von den höchsten Himmeln bis zu dem kleinsten Haare, allezeit nicht abge sondert, wie sie an sich selbst sind, sondern in ei nem gewissen Verhältnisse mit GOtt müssen be trachtet werden. Ist aber dieses ein richtiger Schluß, du sollst nicht schwören bey der Erde, oder Stadt, oder deinem Haar, weil diese Din ge Gottes sind und in gewissermaßen ihm zuge hören; ist es nicht eben so richtig, wenn ich also schließe: Du sollst nicht murren wider diese Jahrszeiten der Erde, Staaten der Länder, und Wechsel der Zeiten, weil alle diese Dinge in dem Händen Gottes sind, ihn zu ihren Urheber haben, und durch ihn zu solchen Endzwecken ge leitet und regieret werden, die sich am meisten zu seiner weisen Vorsehung schicken?
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Wenn ihr denket, ihr könnet, ohne wider die Vorsehung zu murren, wider den Zustand der Dinge murren, oder euch wider die Zeiten bekla gen, ohne über GOtt zu klagen; so höret, was unser Heyland noch mehr über die Schwüre sa get: Darum wer da schwöret bey dem Altar, der schwöret bey demselben, und bey allem was droben ist. Und wer da schwöret bey dem Tempel, der schwöret bey demselbigen, und bey dem, der drin nen wohnet, und wer da schwöret bey dem Himmel, der schwöret bey dem Stuhl Gottes, und bey dem, der drauf sitzet, [Matth. XXIII. 20.] Hier verbindet uns ja die Schrifft deutlich, auf diese Art zu schließen: Wer da murret wi der den Lauf dieser Welt, murret wider Gott, der den Lauf der Welt regieret. Wer da über die Jahrszeiten und das Wetter seufzet, und un gedultig von Zeiten und Begebenheiten spricht, seufzet und redet ungedultig wider GOtt, der der einzige Herr und Beherrscher der Zeiten, Witterungen, und Begebenheiten ist. Wenn wir also an Gott denken, so dürfen wir es niemals anders als mit Empfindungen des Preises und des Dankes thun; also auch, wenn wir auf diejenigen Dinge sehen, die unter Got tes Aufsicht sind, und durch seine Vorsehung re gieret werden, so müssen wir sie mit eben den selben Empfindungen des Preises und des Dan kes betrachten.
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Denn ob wir gleich nicht alles für recht, bil lig und gesetzmäßig halten dürfen, was die gött liche Vorsehung zuläßt; denn auf diese Art würde nichts ungerecht seyn, weil nichts ohne seine Zulassung geschieht: so müssen wir den noch GOtt auch in den größten öffentlichen Trübsalen, schmerzhaftesten Verfolgungen, als solchen Dingen anbeten, die GOtt, wie Pesti lenz und Hungersnoth, zu Absichten, die sei ner Weisheit und Herrlichkeit in der Regierung der Welt gemäß sind, gestattet. Es ist aber der Frömmigkeit einer vernünfti gen Creatur, oder dem Geiste eines Christen nichts anständiger, als Gott auf diese Art in allen Handlungen, und seiner allgemeinen Vorsehung Beyfall zu geben, sie zu bewundern und zu preisen: Die Welt aber als seine besondere Familie, und alle Begebenheiten, als Folgen seiner weisen Regie rung zu betrachten. Jedermann scheint dieses als eine unleugbare Wahrheit zuzugeben, daß alle Dinge seyn müssen, wie es GOtt gefällt: und ist dieß nicht genug, um sie jedem Menschen angenehm zu machen? Wie kann aber jemand sich über et was, das eine Würkung der Vorsehung ist, auf eine so wunderliche Art beschweren, wenn er nicht zei gen will, daß sein Eigenwille und seine Selbst weisheit mehr Gewicht bey ihm habe, als der Wille und die Weisheit Gottes? Und wie we nig Kraft muß die Religion bey demjenigen ge habt haben, dessen Herz in diesem Zustande ist?
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Denn wenn er nicht GOtt, so wohl in Wi derwärtigkeiten und Leiden, als in Glück und Wohlergehn danken und preisen kann, so ist er so weit von der christlichen Frömmigkeit entfer net, als derjenige, der blos diejenigen liebt, die ihn lieben, noch weit von der christlichen Liebe entfernet ist. Denn so wenig es eine Würkung des Glaubens ist, nur das zu glauben, was man sieht, so wenig ist es auch eine eigne Handlung der Gottseligkeit, GOtt nur für solche Dinge zu danken, die uns gefallen. Nur die Ergebung in den göttlichen Willen und die Danksagung sind Würkungen der Frömmig keit, wenn sie Würkungen des Glaubens, der Zuversicht und des Vertrauens auf die gött liche Güte sind. Der Glaube Abrahams war eine Handlung der wahren Gottesfurcht, weil er an keinen Schwürigkeiten hängen blieb, und durch keine menschliche Erscheinungen verändert oder ver ringert wurde. Er ward erst, wider allen Schein der Glückseligkeit, von seinem Geschlech te und Vaterlande in ein fremdes Land geführet, und wuste nicht, wo er hinkäme. Er mu ste wider alle Wahrscheinlichkeit der Natur, da sein Körper erstorben war, und weil er fast hundertjährig war, blos sich auf die Verheissung Gottes verlassen, denn er wuste aufs gewisseste, daß was GOtt verheisset, er auch thun könne. Eben dieser Glaube machte, daß er wider so viel Unwahrscheinlichkeit
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der Natur, und wider so viel Scheingründe der Vernunft, durch ihn, den Isaac opferte und dachte, GOtt kann ihn auch wohl von den Todten erwecken, [Hebr. XI. 17. 19.] Nun ist aber dieser Glaube das wahre Mu ster der christlichen Ergebung in den göttlichen Willen; ihr müsset GOtt nicht allein für ange nehme Dinge, die den Schein der Glückseligkeit und des Trostes haben, danken und lobsingen, sondern auch, wenn ihr, wie Abraham, allem äußerlichen Scheine des Trostes entrissen wer det, um ein Pilgrim in einem fremden Lande zu seyn, und mit einem einzigen Sohne auszuge hen: indem ihr von der göttlichen Güte in allen Dingen, die euch wiederfahren, so vollkommen überzeugt seyd, als es Abraham von der göttli chen Verheissung war, ungeachtet nicht der ge ringste Anschein zur Erfüllung derselben da war. Die wahre christliche Ergebung in GOtt ist es, die nichts mehr zu ihrem Unterhalte brau chet, als eine solche vollkommne Ueberzeugung von der Güte Gottes, wie Abraham von seiner Wahrhaftigkeit. Und wenn ihr euch selbst fra get, ob Abraham mehr Ursache hatte sich auf die göttliche Wahrhaftigkeit, als ihr auf die gött liche Güte zu verlassen, so werdet ihr keine grös sere finden. Ihr dürfet also dieses gar nicht als einen unnö thigen, hohen Gipfel der Vollkommenheit ansehen, weil der Mangel desselben gar nicht einen Mangel hoher Begriffe einschließt, sondern den Mangel ei
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nes ordentlichen aufrichtigen Glaubens in den unwidersprechlichsten Lehren, so wohl der natür lichen, als geoffenbarten Religion. Da also eine sehr bereitwillige Ergebung in den göttlichen Willen, einen dankbaren Beyfall über Gottes allgemeine Vorsehung bedeu tet: so müssen wir sie in so ferne betrachten, als sie eine dankbare Annehmung der besondern Vorsehung Gottes über uns anzeiget. Jedermann muß sich als einen besondern Ge genstand von der göttlichen Vorsehung, und un ter eben der Sorgfalt und Aufsicht Gottes betrach ten, als ob die Welt für ihn allein wäre gemacht worden. Kein Mensch ist von ungefähr um diese oder jene Zeit, von den oder jenen Eltern, und in dem oder jenem Orte und Stande ge bohren worden. So gewiß es ist, daß durch den ausdrücklichen Willen Gottes einige Wesen Engel, andere, Menschen sind: so gewiß ist es auch, daß jede Seele durch den ausdrücklichen Entwurf Gottes, nach gewissen Absichten seines Willens, und zu gewissen Endzwecken, um diese oder jene Zeit, in den oder jenen Um ständen, in den Körper gekommen ist. Es geschah eben so wohl durch den Rath und ewigen Entschluß Gottes, daß ihr in euerm beson dern Stande gebohren wurdet, und daß Isaac der Sohn Abrahams seyn sollte, als daß Gabriel ein Engel und Isaac ein Mensch zu seyn be stimmt war. Die Schrifft versichert uns, daß es durch gött liche Bestimmung geschah, daß unser Erlöser zu
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Bethlehem, um eine gewisse Zeit gebohren wurde. Ob man es nun gleich der Hoheit sei ner Person, und der großen Wichtigkeit seiner Geburt zuschreiben könnte, daß der göttliche Rathschluß in Ansehung der Zeit und der Art derselben erkläret wurde: so werden wir doch ge wiß durch die Schrift überzeuget, daß Zeit und Art, wie ein Mensch in die Welt kömmt, einem ewigen Rathschlusse und einer Anordnung der göttlichen Vorsehung, in Ansehung einer ge wissen Zeit, eines gewissen Ortes, und gewis sen Umstände gemäß sey, welche von GOtt zu besondern Absichten seiner Weisheit und Güte geleitet und regieret werden. Wir sind davon aus der deutlichsten Offenba rung so gewiß, als von irgend einer Sache in der Welt, überzeugt. Denn wenn uns gesagt wird, daß kein Sperling auf die Erde falle, ohne unsern himmlischen Vater; soll uns dieses nicht weit stärker überzeugen, daß die mensch lichen Seelen, als weit größere Wesen, nicht ohne die Sorge und Bestimmung unsers himm lischen Vaters in die Welt kommen? Wenn ge sagt wird, daß selbst die Haare auf unsern Häuptern alle gezählet sind: Kann uns dieß nicht lehren, daß nichts, auch nicht die gering sten Dinge, die man sich nur vorstellen kann, uns von ungefähr begegnen können? Wenn aber von den geringsten Dingen in der Welt ge sagt wird, daß sie unter der göttlichen Regie rung stehen, haben wir wohl vonnöthen, oder kön
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nen wir deutlicher unterrichtet werden, daß die größten Dinge des Lebens, als unser Eintritt in die Welt, unsre Eltern, die Zeit und andere Umstände unserer Geburt und unsers Stan des den ewigen Rathschlüssen, Regierungen und Bestimmungen der göttlichen Vorsehung gemäß sind? Als die Jünger diese Frage unserm Erlöser wegen des blinden Mannes aufwarfen und spra chen: Meister, wer hat gesündiget? Die ser, oder seine Eltern, daß er blind ge bohren ist? so antwortete er, der die ewige Weisheit Gottes selbst ist: Es hat weder die ser gesündiget, noch seine Eltern, sondern daß die Werke Gottes offenbar würden an ihm. [Joh. IX. 2. 3.] Er gab hierdurch deutlich zuverstehen, daß die Umstände von eines jeden Geburt, der Körper, den er empfängt, und der Stand und die Beschaffenheit des Lebens, zu wel cher er gebohren wird, durch eine geheime Weis heit bestimmt ist, die alle Dinge nach ihren be sondern Zeiten, Veränderungen und Art ih rer Existenz regieret, damit die Weisheit und Werke Gottes an ihnen allen offenbar würden. Und also ist es gewiß, daß wir sind, was wir sind, in Ansehung der Geburt, Zeit und Beschaf fenheit unsers Eintrittes in die Welt: weil al les, was in unserm Stande uns insbesondere angeht, die Wirkung der besondern göttlichen Vorsehung über uns ist, und da sie uns zu ge wissen besondern Absichten so wohl seiner Herr
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lichkeit, als unserer eignen Glückseligkeit bestim met hat, so sind wir durch die größten Verbind lichkeiten der Dankbarkeit beruffen, unsern Wil len nach dem Willen Gottes in allen diesen Aussichten zu richten; mit einem dankbaren Beyfalle alles dasjenige, was unserm Zustande be sonders eigen ist, anzunehmen, seinen Nahmen um unserer Geburt willen von den oder jenen Eltern, unter diesen oder jenen Umständen des Standes und der Lebensart, zu preisen und zu verherrlichen: und völlig versichert zu seyn, daß es Ursachen seiner unendlichen Weisheit und Güte waren, warum wir in gewissen besondern Ständen des Lebens sind gebohren worden. Wenn der oben angeführte Mann deswegen blind gebohren war, damit die Werke Got tes offenbar würden in ihm, hatte er nicht große Ursache ihn zu preisen, daß er ihm zu ei nem Werkzeuge seiner Herrlichkeit gemacht hat te? Und wenn jemand hier, und ein anderer dort gebohren ist: wenn einem Reichthum, dem andern Armuth zufällt: wenn einer sein Fleisch und Blut von diesen Eltern empfängt, und ein anderer von jenen, zu eben so besondern Absichten, als der blindgebohrne Mann; haben nicht alle Menschen die größte Ursache, GOtt zu loben und gegen ihn für ihren eignen Stand und Vermögen dankbar zu seyn, weil alles was darinnen besonders ist, eben so gerade zur Herrlichkeit Gottes und ihrem eignen Besten abgezielet ist, als die besondere Blindheit die
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ses Mannes, der so gebohren war, damit die Werke Gottes offenbar würden in ihm. Was für einen edlen Begriff giebt uns nicht die göttliche Allwissenheit, die über die Welt herrschet, und eine so große Kette und Verbin dung von anscheinenden Zufällen und Begeben heiten, zum allgemeinen und besondern Vorthei le aller Wesen regieret, also, daß allen Men schen, in einer so wunderbaren Abwechselung der Ursachen, Zufälle und Begebenheiten, solche besondere Umstände zu Theil werden, die vorher gesehn, zu ihrem größten Vortheile vorherbestim met und also eingerichtet waren, daß sie zu den weisen und glorreichen Endzwecken der göttli chen Regierung über die Welt dienen konnten. Könntet, ihr alles sehen, was GOtt sieht, die ganze glückliche Kette aller Ursachen und Bewe gungsgründe, die euch zu einem rechten Wandel euers Lebens reizen und einladen, so würdet ihr etwas sehn, das euch den Stand, darinnen ihr seyd, und warum ihr euch dazu geschickter als andre findet, angenehm machen. Doch da ihr dieses nicht sehen könnet, so ist es eure Pflicht, euer christliches Vertrauen und eure Zuversicht auf GOtt zu beweisen, und euch für die Glückseligkeit eures Standes so dankbar und erkenntlich zu bezeigen, als ob ihr jedes Ding mit euern Augen sähet, das etwas darzu beyträgt. Wenn aber dieses der Fall jedes Menschen in der Welt ist, daß er mit demjenigen Stande ge
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segnet ist, der sich für ihm am besten schicket, wie vernünftig ist es für iedermann, dasjenige zu wollen, was GOtt für uns gewollt hat? und durch ein gottseliges Vertrauen auf die göttliche Güte, diese weise Vorsehung voll Erkenntlichkeit anzubeten und zu preisen, die gewiß die beste Wahl für ihn in solchen Dingen gethan hat, die er nicht selbst für sich wählen konnte. Jedes Misvergnügen über unsern eignen Zu stand, ist auf eine Vergleichung mit andrer Leute ihren gegründet. Dieses ist aber eben so unver nünftig, als wenn ein Wassersüchtiger über diejenigen böse seyn wollte, die ihm andre Din ge vorschreiben, als denenjenigen, die gesund sind. Denn alle verschiedne Stände im Leben sind wie die verschiednen Krankheiten, was dem einem in seinem Stande ein Hülfsmittel ist, kann vielleicht dem andern ein Gift seyn. So abgeschmackt es also ist, wenn ein Mensch in einer Krankheit wider diejenigen murren woll te, die mit ihm auf eine andre Art als mit an dern verfahren, eben so ist es, wenn man mur ren wollte, wenn man nicht ist, was andre sind. Vielleicht, wenn man ihm seinem Willen ließe, würde ihm dasjenige tödtlich seyn, was den an dern heilet. Es ist dieses in den verschiednen Ständen des Lebens eben so richtig; wenn ihr euch selbst dem Misvergnügen<Missvergnügen> überlasset, oder euch über etwas in eurem Stande beschweret, so seyd ihr eben so undankbar gegen GOtt, als wenn ihr über das
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jenige selbst murret, was doch zu eurer Seligkeit gereichen soll. Wäre es in eurer Macht gewesen, dasjenige zu erhalten, dessen Mangel euch so wehe thut, so würde es vielleicht eben dasjenige seyn, was euch mehr, als alles andre, einer ewigen Ver dammniß aussetzen würde. Also mögen wir entweder die unendliche Gü te Gottes betrachten, die nichts zu unsern Scha den wählen kann, oder unsre eigne Unwissenheit in alle dem, was uns am vortheilhaftesten ist, so kann nichts so vernünftig und fromm seyn, als keinen andern Willen, als den göttlichen, zu ha ben, nichts für uns selbst, in unsrer Person, in unserm Stande, und in unsrer Lebensart zu wünschen, als dasjenige, worauf uns die gütige Vorsehun