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Evangeliar Heinrichs d. Löwen (Cod. Guelf. 105 Noviss. 2°) — Signaturdokument
Handschriftentitel: Evangeliar Heinrichs d. Löwen
Entstehungsort: Benediktinerkloster Helmarshausen
Entstehungszeit: ca. 1188
Alternative Schreibung: München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 30055
Beschreibstoff: Pergament
Format: 34,2 × 25,5 cm.
Seiteneinrichtung: 22 Zeilen.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    Der ungewöhnlich reichhaltige und außerordentlich qualitätsvolle Buchschmuck läßt sich in vier Gruppen gliedern: Kanontafeln, ganzseitige Miniaturen, Zierseiten mit den Anfangsversen der Evangelien, Verzierungen der Textseiten. Der Bilderzyklus des Evangeliars läßt erkennen, daß ihm eine ikonographische Konzeption zugrunde liegt. Die in ihm deutlich werdenden vielschichtigen Bezüge lassen eine umfassende theologische und literarische Bildung derjenigen sichtbar werden, die diese Handschrift geschaffen haben.
  • 5v Prolog des Hieronymus an Papst Damasus.
  • 15v Kanontafel mit dem Medaillon des Apostels Simon.
  • 18v Kanontafel mit dem Medaillon Johannes des Täufers, der auf das Lamm Gottes weist.
  • 19r Widmungsbild. Das Widmungsbild zeigt im unteren Bereich Heinrich den Löwen und seine Gemahlin Mathilde, die von den Heiligen St. Blasius und St. Aegidius, der in der Mitte thronenden Maria zugeführt werden. Heinrich der Löwe bietet Maria das Evangeliar dar. Neben Maria sind Johannes der Täufer und der heilige Bartholomäus, die der Braunschweiger Kirche und dem Welfenhaus eng verbunden sind, dargestellt.
  • 19v Der Stammbaum Christi. Die Abbildung zeigt unterhalb der Taube Jesus Christus zwischen Maria und Joseph. In der unteren Reihe wird der Urvater Abraham mit dem Propheten Jeremia und dem Apostel Paulus dargestellt.
  • 20r Die Geburt Christi mit der Anbetung der heiligen drei Könige. Die heiligen drei Könige vor König Herodes.
  • 20v Die Taufe Christi im Jordan durch Johannes den Täufer. Die Versuchung Christi auf dem Berge durch den Teufel.
  • 22r Zierseite mit den Anfangsworten des Matthäusevangeliums: LIBER GENERATIONIS (Buch der Geschlechterfolgte).
  • 22v Verzierte Seite mit anschließendem Text aus dem Matthäusevangelium (Matth. 1, 1–3).
  • 74v Die drei Marien am leeren Grab Christi mit dem Verkündigungsengel. Die Grablegung Christi.
  • 75r Die Himmelfahrt Christi.
  • 110v Die Verkündigung an Maria durch den Erzengel Gabriel. Maria und Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers.
  • 112v Pfingstbild. Das Pfingstbild zeigt die 12 Apostel mit Maria. Im oberen Teil des Bildes werden die 7 Gaben des Heiligen Geistes dargestellt (Geist der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis, der Demut und der Furcht des Herrn).
  • 111r Die Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten. Die Darbringung Christi im Tempel.
  • 170r Das letzte Abendmahl Jesu. Die Fußwaschung.
  • 170v Die Geißelung Christi. Die Kreuzigung Christi.
  • 171r Die Auferstehung Christi.
  • 171v Krönungsbild. Das Bild zeigt die Krönung Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde durch Christus. Hinter dem knienden Herzog erscheinen seine Eltern, Herzog Heinrich der Stolze und Herzogin Gertrud, sowie seine Großeltern, Kaiser Lothar III. und Kaiserin Richenza. Hinter der Herzogin Mathilde folgen ihr Vater, König Heinrich II. von England und ihre Großmutter Mathilde. Die obere Bildhälfte zeigt Christus umgeben von 8 dem Herzoghaus nahestehenden Heiligen, unter denen auch Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, vertreten ist. Man interpretiert diese Miniatur als Empfang der Krone des ewigen Lebens ebenso wie das Widmungsgedicht von der Aufnahme des Herzogpaares in die Gemeinschaft der Gerechten spricht. Darauf deutet auch die Tatsache, daß die fürstlichen Personen Kreuze in den Händen halten. Die Inschrift auf der Pergamentrolle, die Christus in seinen Händen hält, spricht vom Kreuz: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir (Matth. 16, 24).
  • 172r Christus mit den Symbolen der 4 Evangelisten und einer Darstellung der 6 Schöpfungstage.
  • 172v Der Evangelist Johannes.
  • 173r Zierseite mit den Anfangsworten des Johannesevangeliums: In Principio erat (verbum) – Am Anfang war das Wort.
Einband: Die Handschrift wurde 1594 in Prag neu gebunden und mit dem jetzigen Ledereinband versehen. Der mit dunkelrotem Seidensamt überspannte Vorderdeckel enthält Reliquien der Heiligen Sigismund und Markus. Der Stifter dieses Einbandes, der damalige Dekan des Prager Veitsdomes Georg Barthold Pontanus von Breitenberg (gest. 1614), ließ sein ebenfalls noch erhaltenes Wappen auf der Vorderseite anbringen.
Inhalt:
4v Widmungsgedicht. Die Handschrift beginnt mit einem lateinischen Widmungsgedicht, dessen 20 Hexameter in goldenen Großbuchstaben geschrieben sind. Es bezeugt, daß Herzog Heinrich und seine Gemahlin Mathilde, sie königlicher, er kaiserlicher Abstammung, das goldglänzende Evangeliar aus Liebe zu Christus anfertigen ließen. Ihre Vorfahren übertreffend, haben sie sich beide ihrer Stadt (nämlich Braunschweig) gegenüber großzügig gezeigt. Deren Ruhm wurde erhöht durch Reliquien, Kirchen und die Erweiterung der Stadtmauern; nun wird dieses goldene Buch Christus in Demut dargebracht. Die Stifter verbinden damit ihre Hoffnung darauf, daß ihnen das ewige Leben zuteil wird.
In den drei letzten Zeilen des Gedichtes wird mitgeteilt, daß das Werk von einem Mönch namens Herimann auf Befehl des Abtes Konrad (II.) von Helmarshausen angefertigt wurde, der damit einem Befehl des Herzogs (Heinrich) nachkam.
Aurea testaturhec si pagella legatur,
Christo devotusHeinricus dux quia totus
cum consorte thorinil pretulit eius amori.
Hanc stirps regalishunc edidit imperialis.
Ipse nepos Karolicui credidit Anglia soli
mittere Mathildamsobolem que gigneret illam,
per quam pax Christipatrieque salus datur isti.
Hoc opus auctorispar nobile iunxit amoris.
Nam vixere bonivirtutis ad omnia proni,
larga manus quorumsuperans benefacta priorum
extulit hanc urbemloquitur quod fama per orbem,
sacris sanctorumcum religione bonorum,
templis ornavitas muris amplificavit.
Inter que Christefulgens auro liber iste
offertur ritespe perpetue tibi vite.
Inter iustorumconsortia pars sit eorum.
Dicite nunc natinarrantes posteritati.
En, HemlwardenseConrado (IIe) patre iubente,
devota menteducis imperium peragente,
Petre tui monachiliber hic labor est Herimanni.
Entstehung der Handschrift:
  • Das Evangeliar ist im Benediktinerkloster Helmarshausen entstanden. Von 1152 an bis zu seiner 1180 erfolgten Ächtung hatte Heinrich der Löwe die Vogtei der Helmarshäuser Abtei St. Maria und Petrus inne. Dem Kloster auf diese Weise bereits verbunden, hat ihn wohl auch das hohe Ansehen der dortigen Künstler dazu bewogen, den Auftrag zur Anfertigung des prächtigen Evangeliars dorthin zu vergeben. Neben dieser Prunkhandschrift sind zuvor bereits zwei Psalter im Auftrag des Herzogs in Helmarshausen geschrieben worden. Eines, von dem nur einzelne Seiten erhalten sind, war ebenfalls aufwendig ausgestattet und hat denselben Schreiber wie das Evangeliar. Auf dem in der British Library in London aufbewahrten Fragment finden sich, wie auf dem Widmungsbild des Evangeliars, Darstellungen Heinrichs und seiner Gemahlin Mathilde.
  • Das Evangeliar wurde der Stiftskirche in Braunschweig dediziert, was auch durch die Darstellung des Herzogs im Widmungsbild zum Ausdruck kommt, der in der linken Hand das Evangeliar hält, während der Patron der Kirche, der heilige Blasius, seine Rechte ergreift, um das Buch an die Gottesmutter weiterzuleiten.
Provenienz der Handschrift:
  • Zu einem unbekannten Zeitpunkt gelangte die Handschrift auf nicht näher bekannten Wegen in den Besitz des Prager Domkapitels.
  • 1861 erwarb König Georg V. von Hannover die Prunkhandschrift direkt vom Prager Domkapitel für das von ihm gegründete Welfenmuseum, in dem auch der später als “Welfenschatz” bezeichnete Reliquienschatz der Blasiuskirche Aufnahme fand.
  • Nach dem 1866 erfolgten Sieg Preußens über das Königreich Hannover und der damit verbundenen Abdankung Georgs V. wurde der Band als Privatbesitz der Welfenfamilie nach Schloß Cumberland in Gmunden (Österreich) gebracht. 1932/33 konnte das damals als “Gmundener Evangeliar” bezeichnete Werk letztmalig für wissenschaftliche Untersuchungen eingesehen werden. Kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde es dem englischen König zum Kauf angeboten. Bei dieser Gelegenheit entstand eine umfangreiche Serie von Schwarzweißaufnahmen durch das Warburg-Institute in London, die jahrelang die einzige Grundlage für eine wissenschaftliche Auswertung der Handschrift bot. Das Original war unzugänglich; sein Aufbewahrungsort blieb fast 40 Jahre unbekannt.
Erwerb der Handschrift: Erst im August 1983 wurde das noch immer ausgezeichnet erhaltene Evangeliar dem Londoner Auktionshaus Sotheby‘s von bis heute unbekannter Seite zur Versteigerung angeboten. Am 6. Dezember desselben Jahres konnte der solange verschollene Band für den spektakulären Preis von rund 32,5 Millionen DM mit Geldern der Länder Niedersachsen und Bayern, des Bundes und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie mit erheblichen Spenden aus der Bevölkerung erworben und nach Deutschland zurückgebracht werden. Die Handschrift ist gemeinsames Eigentum des Landes Niedersachsen, des Freistaats Bayern, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Bundesrepublik Deutschland.
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Kategorie zum Element textClass hinzugefügt: Illuminiert (schassan, 2017-10-02)
  • Normdaten ergänzt oder korrigiert. (schassan, 2015-09-07)
  • Kategorie zum Element textClass hinzugefügt: Zimelie (schassan, 2015-01-07)

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