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Beschreibung von Cod. Guelf. 13 Aug. 4°
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Psalter in tironischen Noten
Entstehungsort: Hofschule Karls des Kahlen (Soissons oder Compiègne)
Entstehungszeit: 9. Jh., 3. Viertel
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 122 Bl.
Format: 23,0 × 18,0 cm
Seitennummerierung: Zwei ungezählte Vorsatzblätter (Papier und eines Pergament; Einträge s.u.). Neuere Tintenfoliierung.
Lagenstruktur: II-1 (3). III+1 (10). IV (18). 13 IV (122). Lagenbezeichnungen in schwarzen römischen Zahlen auf den letzten Blättern der Lage, Blattmitte unten.
Zustand: Guter Zustand.
Seiteneinrichtung: 13,5 × 10,1 cm, einspaltig, 16 Zeilen.
Hände: 1r-3r Karolingische Minuskel von einer Hand. 4r-122v Text des Psalters und Cantica in tironischen Noten.
Schrift: Überschriften der Prologe und der Psalmen in roter Capitalis Rustica. Textanfänge der Prologe und zu Beginn jedes Psalmen einfache rote Capitalen.
Überschriften der Prologe und der Psalmen in roter Capitalis Rustica. Textanfänge der Prologe und zu Beginn jedes Psalmen einfache rote Capitalen.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    Eine Initialzierseite.
  • 4r eine große B-Initiale (11,7) und anschließendem Text in tironischen Noten. Die Initiale als Goldinitiale mit Gelenk- und Endgeflecht und in Paneelen segmentierter Stammfüllung. Paneele und Initialstamm mit roter Konturlinie. Die Paneelen mit zusätzlich farbiger Randung. Als Füllmotiv ausgespartes, zum Teil koloriertes Flechtband vor Goldgrund und Rot (Zwickel). Im Besatz geschwungene Halpalmetten, insbesondere ausgehend von den Endgeflechten, mit rückgebogener, volutenförmig eingerollter Spitze. Ein Viererblatt mit spitz zulaufendem Endblatt. Im unteren Bogenfeld axialsymmetrisch angelegtes Flechtband, das in in vegetabilen Ansätzen aus dem Initialstamm enstpringt. Zwickel und Binnenfelder der Verflechtungen farbig gefüllt. Kleine gelbe Blüten und Blätter an den Ablauf angefügt.

  • Farben:

    Goldauftrag. Als Füllfarben Gelb, Grün und Violett.
Einband: Holzdeckel mit gelblichem Lederüberzug. Abdrücke von nicht mehr vorhandenen Buckeln. Zwei Lederschließen (eine davon verloren).
Geschichte der Handschrift: Bereits in den Vorarbeiten Koehlers zu den Karolingischen Miniaturen wurde der Wolfenbütteler Psalter in tironischen Noten in der sogenannten Hofschule Karls des Kahlen, der letzten der karolingischen Hofschulen, verortet (vgl. Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V, 12, 13). Vorarbeiten bezüglich der Gruppenzususammenstellung wurden bereits von Janitschek, der die Gruppe unter dem Begriff "Schule von Corbie" führte, sowie von Swarzenski und Boinet geleistet (Die Trierer Ada-Handschrift, bearb. und hrsg. u.a. von K. Menzel, P. Corssen, H. Janitschek, Leipzig 1889, 96; G. Swarzenski, Die Karolingische Malerei und Plastik in Reims, in: Jahrbuch der Preussischen Kunstsammlungen 23 [1903], 96; A. Boinet, La miniature carolingienne, Paris 1913, Taf. CXXXIV). Mit insgesamt 12 Handschriften umfasst die Gruppe einen geschlossenen Bestand, deren frühe Werke (Gebetbuch Karls des Kahlen, München, Schatzkammer der Residenz; Paris, BnF, lat. 323; Paris, BnF, lat. 324; Antiphonar aus Compiègne, Paris, BnF, lat. 17436; Psalter Karls des Kahlen, Paris, BnF, lat. 1152; Paris, Bibliothèque de l'Arsenal, Ms. 1171) kurz nach Mitte des 9. Jahrhunderts einsetzen (vgl. Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V 75-156). Der Beginn der Schule wird mit dem Niedergang der Skriptorien in Metz (um 855) und in Tours (853) definiert, deren Künstler vermutlich in der Hofschule Karls des Kahlen ein neues Betätigungsfeld fanden (Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V, 67). Zu den späten Glanzstücken der Schule zählt der Münchener Codex Aureus (München, BSB, Clm 14000; Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V 175-197), der mit der fixen Datierung auf das Jahr 870 gleichzeitig einen Endpunkt setzt. Die Wolfenbütteler Handschrift wurde von Koehler in den Vorbereitungen zu den Karolingischen Miniaturen zusammen mit dem Antiphonar aus Compiègne (Paris, BnF, lat. 17436) chronologisch direkt in den Anschluss an die frühe Gruppe (Paris, BnF, lat. 323 und lat. 324) und noch vor den Pariser Psalter lat. 1152 gesetzt. Dies entspricht einer ungefähren zeitlichen Einordnung in die frühen 60er Jahre des 9. Jahrhunderts. Das aus dem Metzer Skriptorium (Koehler Karolingische Miniaturen III) in die Hofschule Karls des Kahlen übertragene üppige vegetabile Ornament wird in der Frühphase in das Flechtwerk der Initialen integriert und erscheint leicht umgewandelt in Form von langgezogenen Halbpalmetten in Kombination mit Dreier- und Viererblättern mit spitz zulaufendem Endblatt, wie in den beiden Pariser Evangeliaren lat. 323 und lat. 324 (vgl. lat. 323, 20v und lat. 324, 34r; Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V, Taf. V, 18f und 21d). Diese Formen, ebenso wie die starke goldene Randleiste der Initialen (vgl. Paris, BnF, lat. 323, 10v) geben gute Parallelen zum Ornament sowie zur Initialform des Wolfenbütteler Psalters und unterstützen Koehlers chronologische Einschätzung. Der vorliegende Psalter, verfasst in der römischen Kurzschrift, den Tironischen Noten, stellt eine Besonderheit dar. Die hier verwendete Schrift, aus dem Römischen übernommen und in fränkischer Zeit gerne für Glossen, Nachträge und Entwürfe eingesetzt, dürfte im Psalter als Übungsmaterial genutzt worden sein. Sein lateinischer Text galt als einer der standarisiertesten des Frühmittelalters überhaupt und bot, aufgrund seiner allgemeinen Bekanntheit, eine gute Grundlage und Gelegenheit zur Anwendung der Kurzschrift. Zusammen mit dem lexikalischen Nachschlagewerk der Commentarii oder Notae Senecae, das ebenfalls in Wolfenbüttel vorliegt (Cod. Guelf. 9.8 Aug. 4°), wurde er u.a. zum Erwerb des Zeichensystems verwendet (Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 3, 302).
Provenienz der Handschrift: Der Psalter war im Besitz des Herzogs August von Braunschweig-Lüneburg (Erwerbung vor 1627; vgl. Milde Erwerbungsjahre, 119), der sie dem Herzog Philipp von Pommern geschenkt und nach dessen Tod wieder zurückbekommen hatte (Vermerk in dem Wolfenbütteler Exemplar der Notae Romanorum des Jan Gruter); zweites Vorsatzblatt (Papier) Erklärung der Tironischen Noten von G. B. Lauterbach (Wolfenbütteler Bibliothekssekretär). Erstes Vorsatzblatt (Pergament) mit Eintrag des Michael Daniel Poland von 1593. Poland identifiziert den Psalter mit einer Handschrift, die von Johannes Trithemius im 6. Buch seiner Polygraphia "De notis" (Libri Polygraphiae VI, Straßburg 1600, 600) als mit goldenen Buchtaben geschrieben und als Psalter in tironischen Noten bezeichnet wird. Die Handschrift soll sich im Besitz der Kathedrale von Straßburg befunden haben und dort als Psalterium in lingua armenica geführt worden sein. Ein entsprechender Vermerk befindet sich auf dem Rückdeckel des Einbandes, dort Psalterium Armenicum. Der von Bischoff in den westdeutsch-elsässischen Raum lokalisierte Eintrag auf 3v (s.u.), mag darauf hinweisen, dass sich der Psalter bereits im 10. Jahrhundert in Straßburg befunden hat.
Inhalt:
  • 1r-114r Psalter. 1r-2v Praefatio Origo prophetiae David regis psalmorum … (Stegmüller RB 1, Nr. 414). 2v-3r Prolog Hieronimi presbiteri. Psalterium Romae dudum... (Stegmüller RB 1, Nr. 430). 4r-114r Psalter (Ps 1-Ps 150). 3v Eintrag Concurrite huc populi … (Chevalier, 3730), nach Bischoff von einer Hand des 10. Jahrhunderts aus der westdeutschen-elsässichen Region (Anm. bei Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V, 123).
  • 114v-122r Cantica. 114v-120v Cantica. 114v-119r Cantica Veteris Testamenti (Isaiae, Ezechiae, Annae [auf Rasur], Moysi I [auf Rasur], Abacuc, Moysi II (Stegmüller RB 21g). 120r-122r Te Deum, Canticum Simeonis (Stegmüller RB 21h), Pater Noster, Credo, Quicumque. Zur Auswahl und Anordnung der Cantica vgl. Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V, 56, 57.
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

Berschin Mittellateinische Studien W. Berschin, Mittellateinische Studien, 2 Bde., Heidelberg 2005/2010
Bischoff Mittelalterliche Studien B. Bischoff, Mittelalterliche Studien. Ausgewählte Aufsätze zur Schriftkunde und Literaturgeschichte, 3 Bde., Stuttgart 1966/1967/1981
Chevalier Repertorium hymnologicum. Catalogue des chants, hymnes, proses, séquences, tropes en usage dans l'église latine depuis les origines jusqu'à nos jours, Bd. 1–6, ed. par U. Chevalier, Louvain u. a. 1892–1921
Ganz Tironian Notes D. Ganz, On the History of Tironian Notes, in: D. Ganz (Hg.), Tironische Noten, Wiesbaden 1990 (Wolfenbütteler Mittelalter Studien, Bd.1), 35-51
Härtel Kostbarkeiten H. Härtel, Kostbarkeiten aus den Sammlungen der Herzog August Bibliothek. Eine Führung von der Spätantike bis zur Reformation. Ausgewählt und eingeleitet von H. Härtel, hrsg. von H. Schmidt-Glintzer, Wolfenbüttel 1999
Hellmann Tironische Noten M. Hellmann, Tironische Noten in der Karolingerzeit am Beispiel eiens Persius-Kommentars aus der Schule von Tours, Hannover 2000
Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen V W. Koehler/F. Mütherich, Die karolingischen Miniaturen V. Die Hofschule Karls des Kahlen, Berlin 1982
Koehler Karolingische Miniaturen III W. Koehler, Die karolingischen Miniaturen III. Metzer Handschriften, Berlin 1960
Koehler Nachlass W. Koehler, Buchmalerei des frühen Mittelalters. Fragmente und Entwürfe aus dem Nachlass, hrsg. von E. Kitzinger und F. Mütherich, München 1972
Milde Erwerbungsjahre W. Milde, Die Erwerbungsjahre der Augusteischen Handschriften der Herzog August Bibliothek, Supplement zum Katalog von Otto Heinemann "Die Augusteischen Handschriften" Bd. 1-5, Wolfenbüttel 1890-1903, in: Wolfenbütteler Beiträge 14 (2006), 73-144
Otto der Große und das Römische Reich Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter, Landesausstellung Sachsen-Anhalt im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, 27. August - 9. Dezember 2012, hrsg. von M. Puhle und G. Köster, Regensburg 2012
Schramm/Mütherich P. E. Schramm/F. Mütherich, Denkmale der deutschen Könige und Kaiser, 2 Bde., München 1962/1978 (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 2)
Stegmüller RB F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, Bd. 1–11, Madrid 1950–1980
Wolfenbüttel Aug. Die Augusteischen Handschriften, beschrieben von O. von Heinemann, Teil 1-5, Frankfurt/M. 1890–1903, Nachdruck 1965–1966 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Die alte Reihe 4–8)
Wolfenbütteler Cimelien Wolfenbütteler Cimelien. Das Evangeliar Heinrichs des Löwen in der Herzog-August-Bibliothek. Konzeption von Ausstellung und Katalog: P. Ganz, H. Härtel und W. Milde, Weinheim 1989 (Ausstellungskataloge der Herzog-August-Bibliothek 58)

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