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Beschreibung von Cod. Guelf. 430 Helmst. VS und HS
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 3: Cod. Guelf. 371 bis 460 Helmst. Beschrieben von Bertram Lesser. Wiesbaden: Harrassowitz, (im Erscheinen).
Handschriftentitel: Michael de Massa. Evangelium Nicodemi
Entstehungsort: Südniedersachsen
Entstehungszeit: 1456
Katalognummer: Heinemann-Nr. 465
Beschreibstoff:
Umfang: 157 Bl.
Format: 28,5 × 20,5 cm
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 1–156, Vorsatzbl. leer, ungez.
Lagenstruktur: VI+1 (12)! 12 VI (156). Reklamanten.
Seiteneinrichtung: 21–21,5 × 13,5–14 cm, zweispaltig (Spalten unregelmäßig 5,5–7 cm breit), 33–39 Zeilen.
Hände: Sehr regelmäßige Bastarda mit Merkmalen der jüngeren gotische Kursive von der Hand des Schreibers Johannes Wisen.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Rubriziert, rote Lombarden,
  • auf Bl. 1ra eine schlichte rote Initiale V über 7 Zeilen mit einem federgezeichenten schematischen Gesicht eines bärtigen Mannes (Christus?) im Binnenfeld, ähnlich wie in Cod. Guelf. 373 Helmst., 1ra.
Einband: Spätgotischer Holzdeckelband mit ungefärbtem Schweinslederbezug. Streicheisenlinien. Einzelstempel Blatt, Dreiblatt ohne Zwischenblätter: EBDB s000466. Blüte, Vierblatt ohne Zwischenblätter: EBDB s001652. Rosette an Zweig, ein Blattkranz: EBDB s006661. Wappen oder Hausmarke, Buchstabe H: EBDB s009244. Sämtlich der bislang nur von diesem Einband bekannten Werkstatt "H" (EBDB w000364) zugeschrieben. Vier Doppelbünde, dazwischen alternierend drei einfache Zierbünde ohne Heftfunktion. Kapital an Kopf und Schwanz mit ungefärbten Lederstreifen umflochten. Zwei Langriemenschließen, Ösen am Rand fein gezähnt und am oberen Ende gespalten, mit Bohrung für Zugriemen. Von VD und HD jeweils fünf runde Schonernägel entfernt; nach den Spuren zu urteilen in gleicher Hutform wie bei den übrigen unten genannten Codices. Auf dem VD beschädigtes Signaturschild (Papier, 5 × 2 cm) der Konventsbibliothek Clus mit der braunen Aufschrift: R V, vgl. dazu bei Cod. Guelf. 389 Helmst. und Cod. Guelf. 434 Helmst. Weitgehend identische Einbandgestaltung und Beschlagmaterial bei zahlreichen im Benediktinerkloster St. Blasius in Northeim gebundenen Hss., vgl. die Liste bei Cod. Guelf. 296 Helmst., so dass vermutlich auch die Einbandwerkstatt dorthin zu lokalisieren ist.
Entstehung der Handschrift: Laut Kolophon und Wasserzeichendatierung wurde der Codex im Jahre 1456 im südlichen, noch zur Erzdiözese Mainz gehörigen Teil Niedersachsens von dem bislang nicht näher identifizierbaren Kleriker Johannes Wisen geschrieben. Abgesehen von den Einzelstempeln gleicht die Einbandgestaltung einigen im Benediktinerkloster St. Blasius in Northeim geschriebenen und gebundenen Codices (s. oben), so dass die Schriftheimat dieser Hs. ebenfalls dort zu vermuten ist. Eine fast gleiche Entstehungsgeschichte weist Cod. Guelf. 721 Helmst. auf, der eine aus dem Mittelniederländischen ins Mittelniederdeutsche transponierte volkssprachige Fassung von "De spiritualibus ascensionibus" des Gerardus de Zutphania enthält.
Provenienz der Handschrift: Später befand sich die Hs. nach Ausweis des typischen Signaturschildes im Besitz des Benediktinerklosters Clus, vgl. dazu Härtel Nachweis, 83 und 88 (Hs. genannt), sowie oben bei Cod. Guelf. 369 Helmst.
Erwerb der Handschrift: Am 3.2.1624 mit einem Großteil der Buchbestände des Konvents in die Universitätsbibliothek Helmstedt überführt. 1644 in deren Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 10v) als Vita Christi. In alter sächsischer Sprache Anno 1456. Passionale Nicodemi. In alter sächsischer Sprache unter den Theologici [MSSti] in folio nachgewiesen, im Katalog von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 234 genannt.
Hauptsprache: Schreibsprache: Mittelniederdeutsch (ostfälisch).
Inhalt:
  1. 1ra131rb Michael de Massa: Vita Christi ('Tleven ons heren Ihesu Christi', mnd. Überlieferungsgruppe).
    • (1ravb) Vorrede des Übersetzers. >Hir beghint de prologus in deme boke von deme levende unses heren Ihesu Christi unde is te male de not etc.< Vaken unde lange hebbe ek in mynen synne gedacht to makende in dudescher sprake ute deme latine eyn bok von deme levende unses heren Ihesu Christi … — … hylghe gheyst dre personen unde eyn war god Amen.
    • (1vb8rb) Prolog. So also de hilghe apostel Paulus sprekt … Neymant en mach eyn ander fundament setten … — … unde der maget Marien von welker we erst seggen schullen.
    • (8rb130va) Text. >Wat geschagh ere unse here herneder quam in Marien lyf<. Do eyn lange tyd alse viff dusent unde twey hundert iar eyn iar myn jamerliken dat unsalige mynschelike gheslechte dar neder lach … — … bestrafinge der worde unde der sede unde vorlofinge alle unser sunde Amen. >Deo gracias<.
    • (130va131rb) Tabula. In deme ersten wat gheschude eyr unse here Ihesus nedder in syne moder quam … — … De beslutinge van dussem bok mit guden beden.
    Hir endiget sek dat bouk van deme levende unses heren Ihesu Cristi gescreven na syner gebort Mo CCCCo dar na in deme ses unde voftigesten iare des middewekens vor deme avende sinte Elizabeth woraff sy gode loff unde ere Amen Amen.
    Textgeschichte: Ein Auszug in Cod. Guelf. 1162 Helmst., 1r–270v, vermutlich aus dem Augustiner-Chorfrauenstift Marienberg bei Helmstedt.
    Zur Diskussion um die Autorschaft der lateinischen Vorlage vgl.
    • K.-E. Geith, Ludolf von Sachsen und Michael de Massa. Zur Chronologie von zwei Leben Jesu-Texten, in: Ons geestelijk erf 61 (1987), 304–336;
    • Ders., Lateinische und deutschsprachige Leben Jesu-Texte. Bilanz und Perspektiven der Forschung, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 12 (2000), 273–289 (281 zur mnd. Übersetzung);
    • Kemper, 124–133.
    Edition der mittelniederländischen Fassung
    • Tleven ons heren Ihesu Cristi. Het Pseudo-Bonaventura-Ludolfiaanse Leven van Jesus, hrsg. von C. C. de Bruin, Leiden 1980 (Corpus Sacrae Scripturae Neerlandicae medii aevi. Miscellanea 2), 3–229.
    Literatur
    • Vollmer, 5 (Hs. genannt);
    • Deschamps, 161–163 Nr. 53 (162 Hs. genannt);
    • J. A. A. M. Biemans, Codices manuscripti sacrae scripturae Neerlandicae – Middelnederlandse Bijbelhandschriften, Leiden 1984 (Corpus Sacrae Scripturae Neerlandicae medii aevi. Catalogus), 303 (Hs. genannt);
    • 2VL 5, 974–978;
    • K.-E. Geith, Die Leben-Jesu-Übersetzung der Schwester Regula aus Lichtenthal, in: ZfDA 119 (1990), 22–37 (28 Hs. genannt).
  2. 131va155vb Evangelium Nicodemi. In deme namen uns heren Ihesu Christi. Dut ewangelium bescrift uns Nicodemus unde desulve was eyn vorste under den yoden … — … de warheyt seggen unde den Joden nicht engeloveden. Got sy myt uns allen nu unde in alle tyde Amen. Finita est hec passio Nichodemi ipsa vigilia Lucie per me Johannem Wisen clericum Maguntinensem etc. Bei diesem Text handelt es sich um die einzige bislang bekannte niederdeutsche Übertragung der alemannischen Prosafassung E, vgl. W. J. Hoffmann, Konrad von Heimesfurt. Untersuchungen zu Quellen, Überlieferung und Wirkung seiner beiden Werke "Unser vrouwen hinvart" und "Urstende", Wiesbaden 2000 (Wissensliteratur im Mittelalter 37), 272 (Hs. genannt).
    Textgeschichte: Zur Parallelüberlieferung der lateinischen Fassung vgl. Cod. Guelf. 297 Helmst., 131ra137va.
    Edition
    • Dat Ewangelium Nicodemi van deme lidende vnses heren Ihesu Christi. Zwei mittelniederdeutsche Fassungen hrsg. von A. Masser, Berlin 1978 (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 29), 61–97 (nach dieser Hs., Sigle W, 15–19 und 25–27 ausführlich beschrieben).
    Literatur
    • U. Steinmann, Der Weckruf Michaels im Redentiner Osterspiel, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 57 (1932), 373–379 (375 Hs. genannt);
    • 2VL 2, 659–663 (661 Hs. genannt);
    • W. J. Hoffmann, The Gospel of Nicodemus in High German Literature of the Middle Ages, in: The Medieval Gospel of Nicodemus. Texts, Intertexts, and Contexts in Western Europe, hrsg. von Z. Izydorczyk, Tempe, Ariz. 1997 (Medieval and Renaissance Texts and Studies 158), 287–336 (310 Hs. genannt);
    • W. J. Hoffmann, The Gospel of Nicodemus in Dutch and Low German Literatures of the Middle Ages, in: The Medieval Gospel of Nicodemus (s. oben), 337–360 (349 Hs. genannt).
    156rv leer.
Bibliographie
Handschriftenteil: VS und HS
Entstehungsort: Norddeutschland
Entstehungszeit: 1180–1230
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 2 Doppelbl.
Format: 28,5 × 20,5 cm
Zustand: Die Doppelbl. sind mitgeheftet und um die erste Lage gehängt.
Seiteneinrichtung: 17,5 × 11 cm, einspaltig, noch 31 blindliniierte Zeilen erkennbar (beschnitten).
Hände: Regelmäßige Carolino-Gothica von einer Hand.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Rubriziert, rote Lombarden und Satzmajuskeln.
  • Auf dem VS am Beginn von Ps. 101 und 109 rote Spaltleisteninitialen in Unzialform über 9 bzw. 16 Zeilen mit schwarzen Schnallen, roten, palmettenartig gebuchteten Konturbegleitstrichen und federgezeichneten Palmettenfüllungen im Binnenfeld.
Spätere Ergänzungen: Auf dem VS findet sich außerdem ein nachträglich aufgeklebtes Schildchen mit dem (Signatur)Buchstaben B wie bei Cod. Guelf. 721 Helmst. und 803 Helmst.
Inhalt:
1. VS, HS Psalterium feriatum cum ordinario officii. Im einzelnen sind enthalten: (VS) Ps 108,29–110,6 und 118,13–39; zwischen Ps 108 und 109 die Initien der Antiphonen für sabbato per annum (CAO 1736, 3373, 1744, 3749, 2169, 2705, CANTUS 200425, CAO 3218 und 3184) ohne Neumierung in kleinerer Schrift ohne Notation eingetragen. (HS) Ps 91,7–93,9 und 101,1–16.

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
CANTUS CANTUS: A Database for Latin Ecclesiastical Chant. Indices of chants in selected manuscripts and early printed sources of the liturgical Office (http://cantus.uwaterloo.ca//)
CAO R.-J. Hesbert, Corpus antiphonalium officii, Bd. 1–6, Rom 1963–1979 (Rerum ecclesiasticarum documenta. Series maior 7–12)
Deschamps Middelnederlandse handschriften uit Europese en Amerikaanse bibliotheken. Tentoonstelling ter gelegenheid van het honderdjarig bestaan van de Koninklijke Zuidnederlandse Maatschappij voor Taal- en Letterkunde en Geschiedenis. Catalogus bewerkt door J. Deschamps, Brussel 1970, 2. Aufl. Leiden 1972
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
Härtel Nachweis H. Härtel, Zum Nachweis der Bibel in niedersächsischen Klöstern, in: Deutsche Bibelübersetzungen des Mittelalters. Beiträge eines Kolloquiums im Deutschen Bibel-Archiv, hrsg. von N. Henkel und H. Reinitzer, Bern u. a. 1991 (Vestigia Bibliae 9/10), 76–96
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Kemper T. A. Kemper, Die Kreuzigung Christi. Motivgeschichtliche Studien zu lateinischen und deutschen Passionstraktaten des Spätmittelalters, Tübingen 2006 (MTU 131)
Krämer S. Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, Bd. 1–3, München 1989–1990 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1)
Lesser Clus B. Lesser, Die Benediktiner von Clus und ihre Bücher. Exemplarische Analyse und Rekonstruktion der Konventsbibliothek, in: Zentrum oder Peripherie? Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12.–15. Jahrhundert), hrsg. von M. E. Müller und J. Reiche, Wiesbaden 2017 (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 32), 165–228
Vollmer H. Vollmer, Ober- und mitteldeutsche Historienbibeln, Berlin 1912 (Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde 1)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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