de :: en
Permalink: PURL

Suche

Anzeigen als: XML :: Print

Beschreibung von Cod. Guelf. 618 Helmst.
geplant: Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil V: Cod. Guelf. 616 bis 927 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser.
Handschriftentitel: Eberhardus Bremensis
Entstehungsort: Mittel- oder Süddeutschland
Entstehungszeit: 1476
Katalognummer: Heinemann-Nr. 667
Beschreibstoff:
  • Papier
  • Wasserzeichen: Ochsenkopf mit Augen, darüber zweikonturige Stange, darüber Krone, darüber zweikonturiges Kreuz: WZIS DE8100-PO-70663 (1471), DE6300-PO-70675 (1472). Ochsenkopf mit Augen, darüber einkonturige Stange, darüber Krone, darüber Blume, Balken an Stange, darunter Antoniuskreuz: WZIS DE0960-Mlf819_107 (1489, nur Schaltzettel Bl. 40).
Umfang: 59 Bl.
Format: 22,5 × 16 cm
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 159.
Lagenstruktur: V+3 (13). 2 VI (37). V+1 (48). VI–1 (59). Reklamanten.
Zustand: Drei gez. Schaltzettel: Bl. 2 (11 x 16 cm), Bl. 12 (11 x 16 cm, leer Gegenstück zu Bl. 2) und Bl. 40 (11 x 16 cm).
Seiteneinrichtung: 14,5 × 9 cm, einspaltig, mit breitem Rand für Kommentar, Text 12 Zeilen mit vergrößertem Abstand für die Interlinearglossierung, Kommentar und übrige Texte bis zu 54 Zeilen.
Hände:
  • Der Text und der Großteil des marginalen und interlinearen Kommentars wurden in einer sehr regelmäßige Bastarda mit Merkmalen der Humanistica von einer Hand geschrieben;
  • einige Ergänzungen des Kommentars sowie der Textnachtrag auf den Schaltzettel 40r–v stammen dagegen von mehreren weiteren Händen in Bastarda und jüngerer gotischer Kursive.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Die Bl. 4r–9r, 14v–16r und 26r–30r rubriziert, teilweise rote, kunstvoll geformte Lombarden (16r mit brauner federgezeichneter Sitzfigur im Binnnenfeld, die von einem Hund begleitet wird), 19r, 34v, 35r, 38v und 41r nur die offenbar vom Schreiber angelegten Vorzeichnungen der Lombarden.
  • Mehrere Initialen in detaillierter und kunstvoll ausgeführter Federzeichnung: 4r Initiale P über 4 Textzeilen; Buchstabenkörper rot konturiert und golden gefüllt, im Buchstabenkörper zusärtlich links ein ausgespartes vegetabiles Ornament, rechts ein zurückgewendeter zweifüßiger geflügelter Drache. Im Binnenfeld steht auf einem Podest eine federgezeichnete männliche Gestalt mit langem Obergewand, Schnabelschuhen und roter Mütze, die in der Rechten ein Spruchband über dem Kopf schwingt und sich damit wohl als Autorbild zu erkennen gibt. Der Buchstabenstamm läuft in in eine geschwungene, abwechselnd rot und golden gestaltete vegetabile Ranke aus, die den gesamten linken Rand des Textspiegels einnimmt und unten von einem hundeartigen Drachen, oben von zwei kämpfenden Einhörnern und einem bewaffneten Reiter drolerieartig bewohnt ist. 7r Figureninitiale N über 2 Textzeilen: Eine nackte menschliche Gestalt mit gelocktem Haar schlägt mit einer schwertartigen Waffe auf einen zweifüßigen Drachen ein, der sich um ihren Hals geschlungen hat. 13r Figureninitiale H über 2 Textzeilen, Gestaltung wie vorige: Den Buchstabenstamm bildet ein auf den Hinterbeinen aufgerichteter Hirsch mit nach hinten gewendetem Kopf, in dessen Brust sich ein ebenfalls auf den Hinterpfoten aufgerichteter Jagdhund verbissen hat. 14v Figureninitiale L in einem dünnen roten quadratischen Rahmen über 2 Textzeilen; den Buchstabenstamm bildet ein rot gekleideter, kopfstehender gelockter Gaukler, der mit einer Hand einen kleinen, schildkrötenartig wirkenden, rot konturierten Drachen berührt, der sich auf ihn zubewegt und den Querbalken des Buchstabens bildet. 17r Figureninitiale R: Der Buchstabenstamm besteht aus einem langgestreckten, vom unteren Blattrand heraufschreitenden Löwen, aus dessen Maul filigrane vegetabile Ranken hervorwachsen, die den Löwen mit einem rotfüßigen und rotgezungten Basilisken verbinden, aus dessen Leib, zwei Drachenhälse hervorwachsen, die zusammen den restliche Buchstabenkörper bilden und sich in die Ranken verbeißen. 21r Figureninitiale S über 2 Textzeilen: Der Buchstabenkörper besteht aus dem gewundenen Leib der Paradiesesschlange; der Baum der Erkenntnis und Eva befinden sich in der inneren, großenteils durch die moderne Heftung verdeckten inneren Marginalspalte.
Einband:
  • Der ursprüngliche Einband, wahrscheinlich ein spätgotischer Koperteinband, ist verloren.
  • Jetzt in einen schlichten grauen Pappumschlag des 19. Jh. geheftet.
Entstehung der Handschrift: Der Codex wurde nach der im Text befindlichen und von den Wasserzeichen gestützten Dateierung 1476 im mittel- oder süddeutschen Raum geschrieben oder wenigstens dort benutzt. Den einzigen erhaltenen Hinweis darauf bietet der Sprachstand der volkssprachlichen Federprobe, während Besitzvermerke o. ä. fehlen und möglicherweise mit dem originalen Einband verlorengegangen sind.
Provenienz der Handschrift: Wann und über welche Vorbesitzer die Hs. in die Universitätsbibliothek Helmstedt gelangte, ist ebenfalls unbekannt.
Erwerb der Handschrift: Dort ist sie erstmals 1644 im Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 31r) unter den Miscellanei MSSti in quarto als Labyrinthus, Carmen de Miseria Rectoris Scholarium beschrieben; im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 626 aufgeführt.
Inhalt:
  1. 1r Probationes pennae. Versus. Die von mehreren Händen z. T. übereinander angelegten Federproben enthälten Konjugationsbeispiele, aber auch Verse wie Walther II 18042 und 4893, das astronomische Distichon Thorndike/Kibre, 802.4 sowie folgende Merkverse ("pons asinorum") zur Auffindung des Mittelbegriffs in den verschiedenen Formen des Syllogismus:
    Fecana cageti dafenes hebare gedacon
    Gebali stant sed non stant hedas febas et hecas
    H d sunt extra g c presunt f bque sequuntur
    Predicat a subit e sic exemplum trahis inde.
    Vgl. dazu I. Thomas, Later history of the pons asinorum, in: Contributions to logic and methodology in honor of J. M. Bocheński, hrsg. von A.-T. Tymieniecka und C. Parsons, Amsterdam 1965, 142–150, hier 147. Unter bzw. neben den Versen finden sich unvollständig ausgeführte Angaben zu den Aufgaben der Parzen: Officium Clothonis est … Officium Latesis est trahere filum. Officium Atropos est incidere filum vel occare … Mitten im Text die verblassten und durch Überschreibung nur noch unsicher lesbaren Schriftzüge: Werner [?] dar mach neckenn vnnd nicht irer verdencken. – 1v leer.
  2. 2r–55r Eberhardus Bremensis: Laborintus cum commento marginali glossaque interlineari.
    • (2r–v) Accessus ad Laborintum. Et secundo penthametro. Cuius causa est ad ostendendum in modo suo procedendi miseriam et laborem rectoris scolarium … — … emendare idem est quod vicium exstirpare aut malum dimittere sive pro malo satisfacere etc. Der nach Art eines Accessus ad auctorem gegliederte, ungedruckte Text wurde von zwei Händen auf einem Schaltzettel nachgetragen.
    • (3r–55r) Commentum. Quare presens liber intitulatur Laborintus: Nota secundum quod recitant antiqui textus et tunc dicitur sic a domo Dedali unde ut recitat Ovidius VIIIo libro Methamorphoseos et Theodolus recitat fabulam … — … nemo ex omni parte beatus id est perfectus quia omnium habere memoriam est magis divinum quam humanum. Die marginale Kommentierung ist bis zum Schluss des Textes durchgeführt.
    • (4r–55r) Textus.
      Pierius me traxit amor iussitque camena
      Scribere materiam me dedit ipsa michi
      … — …
      Ex omni parte mala sunt vicina petendis
      De quo fine benedictus sit trinus et unus
      >Amen<. Der Text ist marginal in drei Traktate gegliedert, deren Anordnung auch der nach dieser Leiths. angefertigte Druck Leysers (s. unten) übernimmt und durch eine separate Zeilenzählung wiedergibt. Der hinzugefügte Schaltzettel 12r–v ist leer geblieben, 31r–v wurde ohne Textverlust und ohne erkennbaren Grund freigelassen. Die Datierung des Textes befindet sich 54v am Schluss des Verses tract. III.683: Langwida segnicies hodiernos crastinat actus. 1476. Die Verse tract. I.64–66 stehen in der Reihenfolge 65, 67, 66, die Verse tract. I.76 und 77 sind vertauscht, aber durch die vorangestellten Minuskelbuchstaben a und b korrigiert. 39v wurden die Verse tract. III.217–228 vom Hauptschreiber irrtümlich ausgelassen und von anderer Hand auf dem Schaltzettel 40r–v nachgetragen.
    • (4r–55r) Glossa interlinearis. 'Pyereus' id est dilectio Pigerii sive poetica. 'Me' id est Eberhardum sive autorem. 'Traxit' id est monit. 'Iussit' id est precepit … — … 'Ex omni' id est complete. 'Vicina' id est propinqua ipsis bonis. 'Petendis' id est desiderandum.
    Textgeschichte: Mit jeweils abweichendem Kommentar auch in Cod. Guelf. 608 Helmst., 89v–114r; 622 Helmst., 319v–344r (beide aus dem Benediktinerkloster Clus); 965 Helmst., 194r–210v (unvollständig); 18.30 Aug. 4°, 250r–263v (unvollständig); Fragmente in Cod. Guelf. 1070 Helmst., VS; 33.1 Aug. 2°, 80v–81r und 187v. Ebenfalls über das Benediktinerkloster Clus gelangte die 1461 in Tangermünde von Tilomannus Botho († 1497, siehe zu ihm ) angefertigte Abschrift des "Laborintus" nach Helmstedt, vgl. Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 30v, unter den Miscellanei MSSti in quarto als Fabulæ Æsopi carminicè cum Commentario. Labyrinthus sive lamentacio diversarum miseriarum Rectoris Scholarium, carminicè. Sie wurde 1786 im Nachlass von H. von der Hardt nach Göttingen verkauft (vgl. Hardt Catalogus bibliothecae, 32 Nr. 151), wo sie heute mit der Signatur Göttingen, SUB, Cod. Ms. philol. 106, 37r–62v (Göttingen 1, 23) aufbewahrt wird.
    Druck
    • Leyser, 795854 (mit dieser Hs. als Leiths. der Ausgabe, als Msc. I bezeichnet, die Traktat- und Kapitelzählung der Hs. ist ebenso im Apparat vermerkt wie die vom Kommentator angegebenen marginalen Schlagwörter);
    • E. Faral, Les arts poétiques du XIIe et du XIIIe siècle. Recherches et documents sur la technique littéraire du Moyen Âge, Paris 1924 (Bibliothèque de l'École des hautes études. Sciences historiques et philologiques 238), ND Genf 1982, 336–377.
    Literatur
    • Glorieux Faculté, 134 Nr 96;
    • Walther I 1613, 9148 und 14114;
    • 2VL 2, 273–276;
    • F.-J. Worstbrock, Zum Stand der Forschung über Warnerius von Basel, in: Mittellateinisches Jahrbuch 33/2 (1998), 45–54 (53 Anm. 37 Hs. genannt);
    • T. Haye, Der Laborintus Eberhards des Deutschen. Zur Überlieferung und Rezeption eines spätmittelalterlichen Klassikers, in: Revue d'histoire des textes N. S. 8 (2013), 339–369 (368 Hs. genannt, Sigle Wo4).
  3. 55v–57v De coniugatione verborum secundum doctrinam Alexandri de Villa Dei. Nudius diei ocia inter cetera dum mente notarem memorie. Qualiter prolixitas inimica sit imbecillo tedium afferat intellectui studiique modum impediat … — … comperio comperui compertum in supinis sepelio sepelivi sepultum etc. Amen. Bei dem bislang nur hier nachgewiesenen Text handelt es sich um eine knappe Zusammenfassung jener Regeln zur Bildung der Verbstammformen, die im ersten Teil des "Doctrinale" Alexanders de Villa Dei präsentiert werden (Iuxta ea que in prima parte Allexandri de Villa Dei compacta sunt … ). Die ausgewählten Beispiele zeigen aber, dass vermutlich noch andere Quellen, vielleicht das "Speculum doctrinale" des Vinzenz von Beauvais, benutzt wurden (vgl. Vincentius Bellovacensis 2, Sp. 147–157). – 58r–59v leer.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

V. Rose, Die Handschriften-Verzeichnisse der Königlichen Bibliotheken zu Berlin, Bd. 13: Verzeichniss der lateinischen Handschriften, Bd. 2: Die Handschriften der kurfürstlichen Bibliothek und der kurfürstlichen Lande, 1. Abteilung, Berlin 1901
2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
Glorieux Faculté P. Glorieux, La Faculté des Arts et ses maîtres au XIIIe siècle, Paris 1971 (Etudes de philosophie médiévale 59)
Goetting 2 H. Goetting, Das Bistum Hildesheim, Bd. 2: Das Benediktiner(innen)kloster Brunshausen. Das Benediktinerinnenkloster St. Marien vor Gandersheim. Das Benediktinerkloster Clus. Das Franziskanerkloster Gandersheim, Berlin, New York 1974 (Germania Sacra N.F. 8)
Göttingen 1 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 1: Universitäts-Bibliothek: Philologie, Literärgeschichte, Philosophie, Jurisprudenz, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Herbst Klus H. Herbst, Das Benediktinerkloster Klus bei Gandersheim und die Bursfelder Reform, Leipzig, Berlin 1932 (Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance 50)
Leyser Polycarpi Leyseri… Historia Poetarum Et Poematum Medii Aevi Decem Post Annvm A Nato Christo CCCC Seculorum…, Hallae 1741
Thorndike/Kibre L. Thorndike und P. Kibre, A catalogue of incipits of mediaeval scientific writings in latin, revisited and augmented edition, London 21963 (Mediaeval Academy of America publication 29)
Vincentius Bellovacensis Bibliotheca mundi seu speculi maioris Vincentii Burgundi præsulis Bellovacensis, ordinis Prædicatorum, 4 Bde., Douai 1624
Walther I H. Walther, Initia carminum ac versuum medii aevi posterioris Latinorum, Göttingen 1959 (Carmina medii aevi posterioris Latina 1)
Walther II H. Walther, Proverbia sententiaeque Latinitatis medii aevi, Bd. 1–6; P. G. Schmidt, Proverbia sententiaeque Latinitatis medii aevi. Nova series, Bd. 7–9, Göttingen 1963–1969, 1982–1986 (Carmina medii aevi posterioris Latina 2, 1–9)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

  • Weitere Literaturnachweise im OPAC suchen.
  • Weitere Literaturnachweise suchen (ehem. Handschriftendokumentation)

Dieses Dokument steht seit dem 1.März 2013 unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz (CC BY-SA).

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (Copyright Information