de :: en
Permalink: PURL

Suche

Anzeigen als: XML :: Print :: Faksimile in der WDB

Beschreibung von Cod. Guelf. 81.17 Aug. 2°
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Psalter
Entstehungsort: St. Bertin
Entstehungszeit: 9. Jh., 2. Viertel
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 98 Bl.
Format: 28,7 × 22,2 cm
Seitennummerierung: Neuere Tintenfoliierung
Lagenstruktur: IV-1 (7). 5 IV (79). VI-1 (86). IV (94). III-3 (98).
Seiteneinrichtung: 20,4 × 14,6 cm, zweispaltig, 26 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von zwei Händen
1. Hand 1-96v, 2. Hand 97r-98v.
Schrift: Incipitseite (1v) in goldener Capitalis. Überschriften und Textanfänge in Capitalis oder Unzialis. Zu Beginn des Psalters eine Incipt- und eine Initialzierseite. Ab Ps 10 jeder 10. Psalm und der Beginn der Cantica mit einer gerahmten Initialzierseite (Zierseite zu Ps 120 fehlt). Zu den restlichen Psalmanfängen kleinere Initialen oder einfache Kapitale.
Incipitseite (1v) in goldener Capitalis. Überschriften und Textanfänge in Capitalis oder Unzialis. Zu Beginn des Psalters eine Incipt- und eine Initialzierseite. Ab Ps 10 jeder 10. Psalm und der Beginn der Cantica mit einer gerahmten Initialzierseite (Zierseite zu Ps 120 fehlt). Zu den restlichen Psalmanfängen kleinere Initialen oder einfache Kapitale.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    6 Hohlbuchstaben. Zahlreiche Goldinitialen. Eine Incipitseite. 15 Initialzierseiten.
  • Initialen und Holbuchstaben:

    Zu den Psalmenanfängen und auf den Initialzierseiten rotkonturierte Goldinitialen 3,5-16,0. Initialstämme häufig durch freigelassene Segmente geteilt. Einige Buchstaben vollständig in geometrische Formen, wie z.B. Spirale oder Kreuz, übergehend (30r, 40r, 56r). In den Initialstämmen Panneele mit Flechtband vor schwarzem Grund. Diese in Aussparungstechnik, häufig auch mit Schlangenverzierungen (4r, 4v, 12r, 17v, 21v, 24r, 29r, 42v, 52r), gelegentlich mit farbigen Wellenlinien (33v, 36v, 38r). End- und Gelenkstellen mit farbig hinterlegten Verflechtungen. Die Initialstämme enden häufig in einfachen, doppelt oder aufwendiger verzierten Knospen (9r, 13v, 14v, 29v - kombiniert mit Profilpalmetten, 26v, 27v, 39v, 53r, 55v, 87v, 95v) und Tierköpfen (Fabelwesen: 2r, 4r, 12v, 16r, 16v, 48r, 63r, 64v, 72v; Vögel mit unterschiedlichen Schnabelformen, davon einige mit Zepter im Schnabel: 2r, 5r, 7r, 7v, 17r, 19v, 24v, 26v, 44r, 48v, 52r, 59v, 63v, 70r, 88r). Im Besatz und freistehend den Initialen beigegeben symmetrische Verflechtungen und Drahtgeflechte, teils farbig hinterlegt (12v, 24v, 27r, 41v, 54r, 61r, 64v, 67v, 69r, 72r, 82r, 85r, 86v). Unterschiedliche Blattformen: kräftige Profilpalmetten mit doppelt konturierten Lappungen, gestielten Fruchtständen, rückgebogenen Blattspitzen und fadenförmigen Ansätzen mit kugelartigen Einrollungen (14v, 20r, 53v, 61v, 63v, 83r, 91r, 96r), Palmetten aus der Draufsicht mit kreis- oder herzförmigen Ansätzen (8v, 29v, 30v, 33v, 35v, 37v, 50v, 71v), Blätter mit Äderung (13r, 13v), Zweige mit mehreren Blättern (55v, 87v), gestielte Herz- (35r, 62v, 73r, 74v, 83v, 84v, 89v, 90r) und Kleeblätter (73r, 89r), geometrische Blüten (meist als Zirkelschlagornament 36r, 41v, 42v, 45v, 51r). Ein Spiralbaum (58v) und eine Staude (82v). Zu den hinzugefügten Cantica gefüllte Hohlbuchstaben von einer zweiten Hand 97r-98r; 2,1-4. Die Initialstammenden mit eingerollten Serifen und umgeschlagenen Blattenden. Als Füllmotive Achterschlingen (97r), Pfeile (98r) und ein stilisierter Fisch (98r).

    Incipitseite und Initialzierseiten: Die Initalzierseiten als gerahmte Seiten mit je einer großen Initiale oder Initialligatur und anschließendem Text (2r Ps 1, 7r Ps 10, 12v Ps 20, 18v, 26v Ps 40, 32v Ps 50, 38v Ps 60, 44r Ps 70, 52r Ps 80, 58v Ps 90, 63r Ps 100, 72r Ps 110, 82v Ps 130, 86v Ps 140, 91r Beginn des Canticum Esaiae). Zur Initialausstattung vgl. oben. Die Rahmen den Initialen enstsprechend mit breitem Goldrand und gefüllter Mittelpaneele. Als Gliederungs- und Eckelemente aus der Konturlinie hervorgehende Verflechtungen oder Rosetten (12v und 52r). Als Füllmotive der Zierseite des ersten Psalms (2r) in Minium ausgespart: Wirbelmotive, Vögel, gegenständige Profilpalmetten, Stauden, Ranken, Kreuze (2r). Als Füllmotive der restlichen Zierseite (außer der Inciptseite 1v - hier nur Flechtband): farbige Ranken (2r, 7r, 52r, 58v, 91r), Schraffuren (32v), Wellenlinien (18v, 26v, 72r, 82v, 86v), Seilband (38r), Pfeilmuster (44r), Zickzacklinie (58v).

  • Farben:

    Reicher Goldauftrag, Gelb, Dunkelrot, Minium, Grün, Beige/Braun, Türkisblau, Blassrosa. Die gefüllten Hohlbuchstaben der hinzugefügten Cantica (vgl. 98r) in schwarzer Feder mit Minium.
Einband: Pappdeckel mit braunem Leder, 18. Jahrhundert
Geschichte der Handschrift: Der Psalter Cod. Guelf. 81.17 Aug. 2°, mit seiner reichen Ornamentausstattung, gehört zu den Handschriften im sogenannten frankosächsischen Stil. Zusammen mit 5 weiteren erhaltenen Handschriften wurde er im 2. Viertel des 9. Jahrhunderts im nordfranzösischen Kloster St. Bertin bei St. Omer geschrieben und illuminiert, wobei die Ausstattung einer frühen frankosächsischen Stilstufe enstpricht (auch als Untergruppe der sogenannte Hauptgruppe bezeichnet; zur Gruppe vgl. C. Nordenfalk, Ein karolingisches Sakramentar aus Echternach und seine Vorläufer, in: Acta Archaeologica 2 (1931), 207-244; Koehler Nachlass, Anm 105.; Westphal; Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII, 53, 55 Anm. 15, 56, 57, 66, 58, 61, 62, 63, 65, 67, 108-110, 298-313, Taf. 128-136). Erhaltene Handschriften: Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. fol. 58; Prag, Archiv Pražského Hradu, B 66; Rom, BAV, Pal. lat. 47; Bolougne-sur-Mer, BM, Ms. 71 und St. Omer, BM, Ms. 254). Die Lokalisierung der Handschriften nach St. Bertin/St. Omer erfolgte aufgrund der in der Litanei des Berliner Psalter erfolgten Nennung der Heiligen Audomarus und Bertinus (vgl. G. Swarzenski, Die Regensburger Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts, Leipzig 1901, 14; zum Kloster St. Bertin vgl. Westphal, 15-22). Der Beginn der Buchproduktion lässt sich für St. Bertin mit dem Berliner Psalter stilistisch im frühen 2. Viertel des 9. Jahrhunderts verankern. Nach schweren Normannenüberfällen (für die Jahre 860, 879 und 891 belegt) endete vermutlich bereits in den 60er Jahren die Tätigkeit des Skriptoriums und Handschriftenbestände sowie eventuell auch ausführende Künstler fanden im nordfranzösischen Kloster St. Amand, das in der Zeit 844-864 durch das doppelte Abtamt Adalhards mit St. Bertin verbunden war, eine neue Heimat. Die Ausstattung der St. Bertin-Handschriften erfolgte ausschließlich ornamental, dies jedoch auf höchstem Niveau. Der Berliner Psalter, nachweislich für einen König Ludwig geschrieben (Ludwig der Fromme oder Ludwig der Deutsche; zur Diskussion vgl. Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII, 67), zeigt enge Parallelen zum Wolfenbütteler Psalter, und wurde vermutlich für diesen in St. Bertin als Vorlage verwendet. Sein Formenspektrum, das starke Anklänge an die am kaiserlichen Hof entstandenen Handschriften aufweist (Stauden, Kandelaber- und Rankenmotive der Rahmenfüllung; zur ornamentalen Austattung der Hofschulhandschriften vgl. Denzinger), wurde im Wolfenbüttler Psalter durch stark insular geprägte Formen (Tierköpfe - 2r und Tierinitialen - 16r) sowie geometrisch angelegte Abläufe und Initialformen (41r, 56r) und nordfranzösisch geprägte Initialausstattungen (Blattvarianten - 29v, 14v) ersetzt und/oder ergänzt (zum Ornament vgl. ausführlich Westphal). Als besonders charakteristisch für die Gruppe gilt der Spiralbaum (58v). Auch im Text des Psalters liegt nachweislich insularer Einfluss vor. Der Text beinhaltete zunächst nur eine ältere, kürzere Cantica-Reihe, die in insularer Tradition steht (vgl. Vespasianpsalter, London, BL, Cotton Ms. Vespasian A I, Canterbury, zweites Viertel 8. Jahrhundert). Diese wurde von einer zweiten Hand (ab 79r) ergänzt (Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII, 107-114.). Direkt in Anlehnung an den Wolfenbütteler Psalter entstand das etwas weniger reich ausgestattete Evangeliar aus Prag, die weiteren Handschriften folgten. Die Gruppe der St. Bertin-Handschriften darf als Impulsgeber für die in St. Amand ab ca. 850 einsetzende frankosächische Schule bezeichnet werden (frühe Handschriften dieser Gruppe: Pruntrut/Porrentruy, Bibliothèque Cantonale Jurassienne, Ms. 34, Ivrea, Biblioteca Capitolare, Ms. XXIX (15), Paris, BnF, lat. 259 und Paris, BnF, lat. 2773 (111r-123v), Ivrea, Biblioteca Capitolare, Ms. XXIX (15), Paris, BnF, lat. 259 und Paris, BnF, lat. 2773 (111r-123v), Paris, BnF, lat. 11956; vgl. Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII, 129-145).
Provenienz der Handschrift: Innendeckel, rechte untere Ecke: R. D. Velis quod potes. Von Herzog August d. J. zwischen 1651 und 1665, wohl auf einer Auktion in Holland für die Bibliothek erstanden (vgl. Milde, 26; bei Milde Erwerbungsjahre, 113 mit den ERwerbungsjahren 1652/53 verzeichnet).
Inhalt:
  • 1v-90v Liber psalmorum iuxta editionem LXX interpretum a sancto Hieronymo presbytero emendatus.
  • 91r-98v Cantica. 91r Canticum Isaiae. 91v Canticum Ezechiae regis. 92v Canticum Annae. Canticum Moysi. 93r Canticum Abacuc. 94r Canticum Deuteronomii. 95v Ymnus trium puerorum. 96r Canticum Zachariae. 96v Canticum sanctae Mariae. 97r Canticum Symeonis, Te deum laudamus … . 97v Quidam sapiens … . 98r Canticum angelorum, Oratio Dominica, Symbolum apostolorum, Fides catholica sancti Athanasii episcopi (zum Text und zur Reihung vgl. ausführlich Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII, 107-114).
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

Ars sacra A. Boeckler, Ars sacra. Kunst des frühen Mittelalters. Ausstellung München, Prinz-Carl-Palais, Juni–Oktober 1950, München 1950
Bischoff Katalog 3 B. Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen), Teil 3: Padua–Zwickau, aus dem Nachlass hrsg. von B. Ebersperger, Wiesbaden 2014
Koehler/Mütherich Karolingische Miniaturen VII W. Koehler/F. Mütherich, Die karolingischen Miniaturen VII. Die Frankosächsische Schule, unter Mitarbeit von K. Bierbrauer und F. Crivello, Wiesbaden 2009
Koehler Nachlass W. Koehler, Buchmalerei des frühen Mittelalters. Fragmente und Entwürfe aus dem Nachlass, hrsg. von E. Kitzinger und F. Mütherich, München 1972
Kuder Studien U. Kuder, Studien zur ottonischen Buchmalerei, hrsg. und eingel. von K. G. Beuckers, 2 Bde., Kiel 2018 (Kieler kunsthistorische Studien NF 17)
Micheli G. Micheli, L 'Enluminure du haut moyen-âge et les influences irlandaises, Brüssel 1939
Milde Mittelalterliche Handschriften der Herzog August Bibliothek, ausgewählt und erläutert von W. Milde, Frankfurt/M. 1972 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sonderbd. 1)
Milde Erwerbungsjahre W. Milde, Die Erwerbungsjahre der Augusteischen Handschriften der Herzog August Bibliothek, Supplement zum Katalog von Otto Heinemann "Die Augusteischen Handschriften" Bd. 1-5, Wolfenbüttel 1890-1903, in: Wolfenbütteler Beiträge 14 (2006), 73-144
Westphal S. Westphal, Der Wolfenbütteler Psalter. Eine ornamentgeschichtliche Studie, Wiesbaden 2006 (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 19)
Wolfenbüttel Aug. Die Augusteischen Handschriften, beschrieben von O. von Heinemann, Teil 1-5, Frankfurt/M. 1890–1903, Nachdruck 1965–1966 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Die alte Reihe 4–8)

  • Weitere Literaturnachweise im OPAC suchen.
  • Weitere Literaturnachweise suchen (ehem. Handschriftendokumentation)

Dieses Dokument steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz (CC BY-SA).

Für die Nutzung weiterer Daten wie Digitalisaten gelten gegebenenfalls andere Lizenzen. Vgl. die Copyright Information der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.