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Beschreibung von Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek, 8° Cod. Ms. hist. nat. 44
Lukas Wolfinger: In Vorbereitung: Katalog der mittelalterlichen volkssprachigen Handschriften der SUB Göttingen, beschrieben von Lukas Wolfinger.
Handschriftentitel: Bartholomäus Scherrenmüller
Entstehungsort: Tübingen
Entstehungszeit: um 1500 (nach 1495/vor 1505)
Katalognummer: Meyer-Sign. Hist. nat. 44
Beschreibstoff:
  • Papier
  • Wasserzeichen: Krone (WZIS DE3270-histnat44_2; ähnlich: WZIS AT3800-PO-53928 - 1496, Innsbruck; WZIS AT3800-PO-53931 - 1497, Innsbruck; WZIS AT3800-PO-53935 - 1497, Innsbruck; WZIS AT3800-PO-53936 - 1498; WZIS DE2730-PO-53937 - 1499, Marburg) und Krone (WZIS DE3270-histnat44_1; ähnlich WZIS AT3800-PO-53933 - 1497, Innsbruck); es ist unklar, ob diese beiden fragmentierten Wasserzeichen zusammenghören, oder ob es sich um Zwillingsmarken handelt; die gesamte Motivgruppe ist aktuell zwischen 1496 und 1518 nachweisbar, die ähnlichsten Wasserzeichen stammen aus den Jahren 1496-1499.
Umfang: 74 Bl.
Format: 21 × 16 cm
8
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern (1-74); zudem – teilweise zwar beschnitten aber gut erkennbar – durchgehende ma. Lagenzählung samt lageninterner Blattzählung ([a1], a2, a3, a4, ... a8, b1, b2, b3, ... b8, etc. bis k[6]).
Lagenstruktur: Das erste Blatt der ersten sowie das letzte Blatt der letzten Lage sind als VS bzw. HS an den Buchdeckel geklebt; Lagenformel: 6 IV (47!). III (53). 2 IV (69). III (74!).
Seiteneinrichtung: ca. 12-12,5 × 7 cm, 12-16 Zeilen;
Hände: gesamter Text regelmäßig und großzügig bzw. mit relativ weiten Zeilenabständen und breiten Seitenrändern von einer Hand geschrieben (Autograph des Bartholomäus Scherrenmüller oder Christoph Gwerlich? Siehe dazu die Geschichte der Handschrift);
Frakturkursive;
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck: Paragraphenzeichen in Blau und Rot; durchgehend rubriziert; rote Unterstreichungen, speziell auch zur Kennzeichnung von Zitaten; auf 4r rot-blau-braune und mit Fleuronnée verzierte G-Initiale, deren Binnenfläche gefüllt mit einem Granatapfel samt Hüllblättern auf brauner Schraffur; zudem einfachere Initialen in Rot und/oder Blau (auf 13v, 18v, 23v, 30v, 34r, 35r, 36r, 37r, 45r, 57r, 59v, 67r).
Einband: Heller Schweinsledereinband aus der ca. von 1477 bis 1501 nachweisbaren Buchbinder-Werkstatt des Johannes Zoll in Tübingen (EBDB w000021) mit Streicheisenlinien und Blindstempeln: 1) Blatt - Laubwerk lappig - gelappt: EBDB s001151; 2) Blattwerk - Blattkranz, mit oder ohne Blüten und Früchte/n: EBDB s001105; 3) Evangelistensymbole - Matthäus - Mensch (Engel), von der Seite - mit Buch: EBDB s000991; 4) Rosette - mit einem Blattkranz - sechsblättrig - Blätter gefiedert: EBDB s001101; 5) Rosette - mit einem Blattkranz - fünfblättrig - Blätter spitzoval: EBDB s001106; ehemals zwei Metallschließen; am Buchrücken übliches Pappschildchen der SUB Göttingen mit moderner Signatur sowie – darunter – Überreste eines früheren Schildchens; teilweise Insektenfraß; am VS folgende Einträge: Aus G. W. Zapfs bibliothek (1784); zudem links oben eine ältere Göttinger Signatur (Cod. med. 44), zu der als Formatangabe wohl auch der Vermerk 8. gehört, der etwas darüber in der linken oberen Ecke steht.
Entstehung der Handschrift: Zu dem Umstand, dass der Einband der Handschrift aus der Werkstatt des Johannes Zoll stammt, die von ca. 1477-1500 in Tübingen tätig war (s. dazu die Angaben zum Einband), passt sehr gut, dass der Kodex ein Werk des als Doktor der Medizin titulierten Bartholomeus Aulon beinhaltet. Bei diesem handelt es sich um den sonst meist als Bartholomäus Scherrenmüller von Aalen bekannten Mediziner, der um 1450 geboren wurde, an der Universität Erfurt studierte, dort 1476 Magister wurde und dann an die neue Universität Tübingen wechselte, wo er zuerst an der Artistenfakultät lehrte. Seit 1491 ist Scherrenmüller in Tübingen als Doktor der Medizin nachweisbar sowie (seit 1492) als Inhaber eines der beiden medizinischen Lehrstühle – womit ein Anhaltspunkt für den terminus post quem sowohl der Handschrift als auch des Textes gegeben ist (zu Scherrenmüller s. etwa Zapf, Art. Scherrenmüller, Sp. 1424-1427). Einen weiteren Fixpunkt für die Datierung bildet die Nennung des Augsburger Bürgermeisters Johann Langenmantel, dem Scherrenmüller seinen Text widmete. Dieser ist in den Jahren 1478, 1480, 1482, 1487, 1489, 1491, 1493, 1495, 1497, 1499, 1501, 1503, 1505 als Bürgermeister nachweisbar (vgl. Geffcken, Stadtpfleger, S. 967 sowie Geffcken, Langenmantel, S. 599); zudem fällt in seine Zeit der Ausbruch der 'Franzosenkrankheit' bzw. der Syphilis-Epidemie in Augsburg 1495, mit dem Wilhelm Meyer den Pestilenz-Traktat Scherrenmüllers in Verbindung brachte (Göttingen 2, S. 300), da Scherrenmüller in seiner Widmung an den Bürgermeister schreibt: ... so hab ich mit der hilf gottes für mich genommen etwas kürtzest ich kan von der selben gemainen kranckhait (yetzunt in ewer stat Augspurg vnd byligenden gegenden regnieret) zů schryben ... (allgemeiner zur Franzosenkrankheit in Augsburg siehe Stein, Die Behandlung). Stimmt diese Einordnung, dürfte der Text frühestens 1495, aber noch vor dem Tod Johann Langenmantels im Jahr 1505 entstanden sein. Die Verfertigung des Textes und die Bindung des Kodex fallen also beide in den selben Zeitraum und erfolgten beide in Tübingen, wo Scherrenmüller lehrte. Zusammen mit der Widmungsvorrede, die dem Traktat vorangestellt ist, deuten diese Entstehungsumstände darauf hin, dass es sich hier, wie bereits Wilhelm Meyer (Göttingen 2, S. 300) vermutete, tatsächlich um jenes Widmungsexemplar des Werkes handelt, das Bartholomäus Scherrenmüller durch seinen Adoptivsohn, den Magister Christoph Gwerlich (magistro Cristofero Gwerlich), an den Augsburger Bürgermeister übersenden ließ. Eine Reihe von Argumenten kann diese These weiter stützen: Der Text ist nicht nur durchgehend rubriziert, die Seiten sind auch sehr großzügig gestaltet, mit breiten Seitenrändern und vergleichsweise großer und regelmäßiger Schrift; das einleitende Widmungsschreiben ist vom Haupttext eigens durch eine leere Seite abgesetzt, was nicht nötig gewesen wäre, wenn es sich hier einfach nur um eine spätere Abschrift der Widmungsfassung gehandelt hätte. Auffällig ist zudem, dass der Text des Traktats trotz seiner Kürze nicht mit anderen Texten zusammengebunden wurde, sondern einen eigenen Einband erhielt, der nicht ganz unaufwändig war. Und schließlich sind die beiden anderen erhaltenen Werke Scherrenmüllers in Handschriften überliefert, die offenbar gleichfalls Widmungsexemplare waren (in diesem Fall freilich für Eberhard im Bart, den Grafen von Württemberg; vgl. dazu etwa Zapf, Art. Scherrenmüller, Sp. 1426 und 2VL 8, Sp. 652-653) und als solche jeweils auch nur das betreffende Werk Scherrenmüllers enthalten. Zumindest das Widmungsexemplar mit dem 'Bůch von der wundartzny', der Münchner Cgm 144, wurde außerdem, so wie der Göttinger Kodex, von der Werkstatt des Johannes Zoll in Tübingen gebunden (vgl. dazu den VD und HD der Münchner Handschrift).Inwieweit die Göttinger Handschrift ein Autograph Scherrenmüllers sein könnte, wäre noch genauer zu prüfen. Die beiden anderen von ihm erhaltenen Widmungsexemplare, die ebenfalls als mögliche Autographe gehandelt werden, sind jedenfalls in deutlich anderer Schrift geschrieben – was aber auch daran liegen könnte, dass diese Handschriften, ihrem landesfürstlichen Empfänger entsprechend, aufwändiger gestaltet sind. Die Verwendung einer anderen Schriftart wäre dann als Teil einer hochwertigeren Ausstattung zu verstehen. Gut denkbar ist auch, dass Scherrenmüllers Adoptivsohn Christop Gwerlich die Handschrift geschrieben hat.
Provenienz der Handschrift:
  • Die Handschrift dürfte tatsächlich an den Augsburger Bürgermeister gelangt und in der Folge in Augsburg aufbewahrt worden sein. Zumindest spricht dafür der Umstand, dass sie sich im 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Historikers und Bibliographen Georg Wilhelm Zapf befand. Dieser war – nach einer Tätigkeit als Kanzleischreiber in Aalen – insbesondere auch Notar in Augsburg (1773-1786), in dessen Umgebung er auch später noch wohnte und über dessen Geschichte er mehrere Arbeiten verfasste (zu Zapf siehe etwa Gier, Art. Zapf, S. 941). Über welche Vorbesitzer die Handschrift in Zapfs Besitz gelangte, bleibt vorerst offen. Zu denken ist genauso an die Erben Johann Langenmantels wie an eine städtische Bibliothek oder Institutionen wie das Ausgburger 'Blatterhaus', das kurz nach Ausbruch der Syphilisepidemie in der Stadt für eine große Zahl von Erkrankten errichtet wurde und an dem mehrere Ärzte angestellt waren (zum Blatterhaus vgl. etwa Stein, Die Behandlung, hier speziell S. 115-127).
  • Schließlich verkaufte G. W. Zapf die Handschrift – gemeinsam mit mehreren anderen – 1784 an die Universitätsbibliothek Göttingen; vgl. auch 1r den alten Eintrag Aus G. W. Zapfs bibliothek (1784).
Inhalt:
  • 1v-72v Bartholomäus Scherrenmüller: Pesttraktat.
    1. (1v-3r) Widmung. Dem fürsichtigen vnd strenngen herren herrn Johann Langmannteln burgernmaistern zů Augspurg minem besunnderen günstigen lieben herren embuit ich Bartholomeus Aulon doctor der artzny mein vndertenig willig dienst mit wünschung vil gůtter glückhafter säliger jare hie vff erde vnd darnach ewige růw der säligkait … — … Vnd wo ich solichs ytz zůmal bessern künde wer ich genaigt emsiglich zů thond dann ich ditz buechlin nit mit clainer muewe usz den fürnemesten doctorn der artzny gezogen hab vnnd in etlich capitell gethailt wie das hienach clarlich herscheint also angefenngt.
    2. (4r-72v) >Galienus an dem ennd des ersten bůchs von der synnen richigkait sagt<. Es zympt sich nit in onwyssenhait zů stond in dem vffenthalt der gesunthait usz welchen wortenn genommen würt emsigliche sorg vnnd bewarunng zů haben vor der herschrocklichen vnnd töttlichen krannckhait der pestilenntz; vnd das zůvervolgen nim ich für mich vier ding. … — … Vnnd das ist sin vrsach, dann dise matery ist vast vergyft vnd von der natur nit angenem warumb sie dann von ir verlassenn würt also das sich die anatur me zů der spys vnnd trank kert do zů machen gůtte zaychen des harnns vnd anndere vnd also sterbennd die kranckenn. Hie enndet sich ditzes clain regimen des vffenthalts vor der pestilentz zů lob dem schoepfer der planeten gestirn vnnd influentzen, der den winden vnnd mer gebuit vnd dem alle ding on mittel gehoram sind, der woelle vns vor dem boszhaften luft boehieten vnd influentz, das wir nach langer zytt vnnser leben mit ainem gůtten ennd volenndent.
    Dieser medizinische Traktat, der auf 74v als clain Regimen des vffenthalts vor der pestilentz bezeichnet wird, war bislang nicht als Werk Scherrenmüllers bekannt (vgl. etwa Zapf, Art. Scherrenmüller, Sp. 1424-1427; dass der Pesttraktat in dieser Form wirklich von Scherrenmüller stammt, legt allein schon der Umstand nahe, dass es sich hier offenkundig um ein autorisiertes, vielleicht sogar eigenhändiges Widmunsgexemplar handelt; s. dazu unter Herkunft der Handschrift).
  • 73r–74v leer.
Bibliographie

Abgekürzt zitierte Literatur

2VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 12 Bde., hrsg. von K. Ruh u. a., 2., völlig neu bearbeitete Aufl., Berlin, New York 1978–2005, Ergänzungsbde.: Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon, 3 Bde., hrsg. von F. J. Worstbrock, Berlin, New York 2005–2015
EBDB Einbanddatenbank (http://www.hist-einband.de/, besonders die Sammlung Wolfenbüttel)
Göttingen 2 Die Handschriften in Göttingen, Bd. 2: Universitäts-Bibliothek: Geschichte, Karten, Naturwissenschaften, Theologie, Handschriften aus Lüneburg, beschrieben von W. Meyer, Berlin 1893 (Verzeichniss der Handschriften im Preussischen Staate, Abt. 1: Hannover, Bd. 1: Die Handschriften in Göttingen, Teil 2)
WZIS Wasserzeichen-Informationssystem. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (http://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php)

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