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Beschreibung von Cod. Guelf. 1008 Helmst.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 12. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)
Handschriftentitel: Graduale - Hymnar
Entstehungsort: St. Gallen
Entstehungszeit: 1027-1032
Beschreibstoff: Pegament
Umfang: 282 Bl.
Format: 20,0 × 14 cm
Seitennummerierung: Neuere Tintenfoliierung.
Lagenstruktur: 26 IV (208). II (212). 4 IV (244). V (254). II (258). 3 IV (282).
Seiteneinrichtung: 12,5 × 10,4 cm, einspaltig, 13 Zeilen.
Hände: Karolingische Minuskel von drei Händen.
Hand A: 2r-88v, 90r-95v, 97r-112v, 137r-160v, 169r-172r, Z. 1 (?), 174r-176v, 179r-182v, 186r-191v, 193r-210v; Hand B: 89rv, 96rv, 113r-136v, 161r-168v, 172r, Z. 3-173v, 177r-178v, 183r-185v, 192rv, 211r-213r, 243v-255v, Z. 9, 257r-281r; Hand C: 214r-242v - ausgenommen 214r, Z. 8. Nach Hoffman ist Hand A identisch mit der Hand des Hymnars Berlin, SBBPK, Theol. lat. oct. I (zur Handschrift: von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 154; zur Händescheidung: Hoffmann Buchkunst, 398). Nachträge auf 255v, Z. 10-256r und 282v von einer Mindener Hand, ähnlich Hand B aus Cod. Guelf. 61 Aug. 8° (vgl. Hoffmann Buchkunst, 397).
Schrift: Lektionseinleitungen in Unzialis und Capitalis Rustica in Minium, teils goldschattiert. Zu Sonn- und Feiertagen in Größe abgestufte Initialeinleitung. Textanfänge in tintenfarbigen Majuskeln.
Lektionseinleitungen in Unzialis und Capitalis Rustica in Minium, teils goldschattiert. Zu Sonn- und Feiertagen in Größe abgestufte Initialeinleitung. Textanfänge in tintenfarbigen Majuskeln.
Musiknotationen: Durchgängige Neumierung über den Minuskeln.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
    19 Initialen.
  • Zu den Textanfängen Goldrankeninitialen mit roter Kontur (1v, 2r, 18v, 29v, 42v, 56r, 81r, 101v, 126v, 132v, 142v, 161r, 164v, 175r, 179r, 191r, 195r, 212r, 214r; 1,5-7,5). Die breiten Goldrandleisten der Initialen gelegentlich in gliedernde Knoten gelegt (vgl. 132v), Initialstämme mit Miniumfüllung. Die dicht geführten, Binnenfelder füllen Ranken mit Knollenblättern. Gelegentlich Dreier- (vgl. 81r) oder Viererblätter (1v) der Initiale an Fäden angefügt. Die Initialen mit blauen Binnengründen, 2r mit blauem, lappigem Umriss.

  • Farben: Krätiger Goldauftrag, Himmelblau, Minium.

Einband: Holzeinband mit offenem Rücken und ohne Überzug und mit Lederbändern (Werkstatt Schoy, Essen, 1958).
Geschichte der Handschrift: Die Handschrift wurde in den Jahren 1027-1032 angefertigt. Die Datierung erfolgt durch die Nennung von Personen in den Laudes regiae (256v-258v): Papst Johannes XIX. (1024-1033), Kaiser Konrad II. (1027-1039), Kaiserin Kunigunde (1014-1033), Kaiserin Gisela (1027-1043), Erzbischof Pilgrim von Köln (1021-1036) und Bischof Sigebert von Minden (1022-1036).

Das Wolfenbütteler Graduale gehört zu einer Gruppe von Handschriften, die unter Abt Thietpalt von St. Gallen (1022-1034) vor Ort für Bischof Sigebert von Minden (1022-1036) geschrieben und illuminiert worden sind (zur Gruppe vgl. von Euw St. Gallen, 241-251, Kat.Nrn. 149-156). Es handelt sich um ein Sakramentar (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. fol. 2), ein Tropar-Hymnar (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 11, z. Zt. Kraków, Biblioteka Jagiellonska, Depositum), ein Epistolar (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 1 z. Zt. Kraków, Biblioteka Jagiellonska, Depositum), ein Hymnar (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. oct. 1), ein Evangelistar (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 3), ein Hymnar-Antiphonar (Wolfenbüttel, HAB, Cod. Guelf. 1151 Helmst, Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 3 Fragm., Berlin, SBBPK, Ms. germ. qu. 42 [Einband]) und ein weiteres Graduale (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 15). Inhalt, Schrift und Ausstattung (auch Buchdekel) lassen vermuten, dass sie zum Messornat des Bischofs gehört haben. Die ältere Forschung schrieb den Ornat einer Mindener Lokalschule zu (W. Vöge, Die Mindener Bilderhandschriftengruppe, in: Repertorium für Kunstwissenschaft 16 [1893], 198-213; Goldschmidt I/II, Bd. 2, 10, 44, Nr. 145-147; A. Boeckler, Schöne Handschriften aus dem Besitz der Preußischen Staatsbibliothek, Berlin 1931, 44-48, Nr. 21-23). Paläographische Beobachtungen führten anschließend zu einer St. Galler Verortung (A. Chroust, Monumenta Palaeographica. Denkmäler der Schreibkunst in lateinischer und deutscher Sprache, Bd. 2, Liefg. 21-22; Hoffmann Buchkunst, 374-376, 398-399), die für die Gruppenzusammenstellung bei von Euw grundlegend ist. Für das Wolfenbütteler Graduale bemerkte von Euw textliche Zusammenhänge zum St. Galler Hartker-Antiphonar (Gräzismen in der Liturgie zur Kreuzverehrung am Karfreitag, 116v-117r, und zum Besuch des Grabes am Ostersonntag, 126r; vgl. St. Gallen, StiB, Cod. 390-391, 990-1000 - von Euw St. Gallen, Kat.Nr. 143), sowie weitere, für St. Gallen typische Nennungen von Heiligen (von Euw St. Gallen, 245).

Der Buchschmuck sämtlicher Handschriften der Gruppe ist weitestgehend übereinstimmend. Als vereinheitlichende Merkmale gelten der Initialstil und die Farbgebung (insbesondere die blaue Hinterlegung). Von Euw konnte nachweisen, dass Einflüsse aus Regensburg und Tegernsee erfolgten, die sich u.a. im eng angelegten Flechtwerk erkennen lassen (vgl. Uta-Evangelistar München, BSB, Clm 13601, Regensburg, 1. Viertel 11. Jahrhundert; Klemm Illuminierte Hss. 2, Kat.Nr. 18, Abb. IV-V, 36-41 und Evangeliar des Abtes Ellinger von Tegernsee München, BSB, Clm 18005, Tegernsee, um 1035-1040; Klemm Illuminierte Hss. 2, Kat.Nr. 114, Abb. XII, 224-235). Für die Wolfenbütteler Handschrift, ebenso wie für das zeitgleich entstandene Berliner Graduale (Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 15) mit seinem Buchschmuck derselben Stilstufe, ergeben sich, für Wolfenbüttel auch in textlicher Hinsicht (s.o.), besonders enge Parallelen zum frühen Hatker-Antiphonar (vgl. hier insbesondere die Buchstabenbilder des A(d te levavi) - 2r und Berlin, SBBPK, Ms. theol. lat. qu. 15, 2r mit St. Gallen, StiB, Cod. 390-391, p. 15).

Das Wolfenbütteler Graduale und die gesamte Gruppe der Mindener Handschriften wirken in St. Gallen, im 3. Viertel des 11. Jahrhunderts weiterhin stilbildend. Der Initialstil wird hier mit etwas freier angelegten, weniger dicht wirkenden Rankenverläufen weiterentwickelt (vgl. Tropar-Sequentiar des Notker Balbulus St. Gallen, StiB, Cod. 380, 1050/1060 und Graduale-Sakramentar St. Gallen, StiB, Cod. 340, 1050/1075; von Euw St. Gallen, Kat.Nrn. 161 und 164).


Provenienz der Handschrift: Auf der Innenseite des Deckels Schriftreste von ehemals aufgeklebten Pergamentstücken. Die Handschrift gelangte 1597 mit der Sammlung des Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) nach Wolfenbüttel. 1610 wurde sie von Michael Praetorius gebraucht (Eintrag 1r), dann 1618 an die Helmstedter Universität übergeben. Anschließend gelangte sie, nach deren Aufhebung (1809/1810), wieder zurück in die Herzog August Bibliothek (vgl. W. Milde, Die Handschriften des Bischofs Sigebert von Minden, in: Lectionarium Berlin, Ehem. Preußische Staatsbibliothek, Ms. theol. lat. qu. I. Farbmikrofiche-Edition, München 1993 (Codices illuminati medii aevi 18), 19).
Inhalt:
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Lizenzangaben korrigiert (schassan, 2020-04-17)

Abgekürzt zitierte Literatur

Berschin Mittellateinische Studien W. Berschin, Mittellateinische Studien, 2 Bde., Heidelberg 2005/2010
Divina Officia P. Carmassi, Divina officia. Liturgie und Frömmigkeit im Mittelalter, Wiesbaden 2004 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 83)
Fingernagel Ill. Hss. 4.–12. Jh. Die illuminierten lateinischen Handschriften süd-, west- und nordeuropäischer Provenienzen der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz: 4.–12. Jahrhundert, beschrieben von A. Fingernagel, Teil 1: Textband, Teil 2: Abbildungen, Wiesbaden 1999 (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung, Reihe 3: Illuminierte Handschriften 2)
Goldschmidt I/II A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser, VIII.-XI. Jahrhundert, 2 Bde., Berlin 1914/1918
Hoffmann Buchkunst H. Hoffmann, Buchkunst und Königtum im ottonischen und frühsalischen Reich, Textbd., Stuttgart 1986 (MGH Schriften 30,1)
Kuder Studien U. Kuder, Studien zur ottonischen Buchmalerei, hrsg. und eingel. von K. G. Beuckers, 2 Bde., Kiel 2018 (Kieler kunsthistorische Studien NF 17)
Kunst und Kultur im Weserraum Kunst und Kultur im Weserraum 800–1600. Ausstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, Corvey 1966, Bd. 2: Katalog, hrsg. von B. Korzus u. a., Münster/Westf. 1966
Mayr-Harting H. Mayr-Harting, Ottonische Buchmalerei. Liturgische Kunst im Reich der Kaiser, Bischöfe und Äbte, Stuttgart 1991
Milde Handschriften Sigeberts W. Milde, Die Handschriften des Bischofs Sigebert von Minden, in: Lectionarium Berlin, Ehem. Preußische Staatsbibliothek, Ms. theol. lat. qu. I. Farbmikrofiche-Edition, München 1993 (Codices illuminati medii aevi 18)
von Euw St. Gallen A. von Euw, Die St. Galler Buchkunst vom 8. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts, 2 Bde., St. Gallen 2008
Werdendes Abendland V. H. Elbern, Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr. Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, 18.5.–15.9.1956, 4Essen 1956
Wolfenbüttel Helmst. O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)

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