Walahfrid Strabo, Vitae sanctorum Galli et Otmari. Iso Sangallensis, De miracula sancti Otmari
St. Gallen, Benediktinerkloster — um 920
Provenienz: Die Handschrift wurde von Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg 1652/53 für 12 Taler erworben (vgl. Eintrag vorderer Innendeckel - hier auch Inhaltsverzeichnis und ein Verzeichnis der richtigen Lagenanordnung; Eintrag im Bücherradkatalog, pag. 4171, vgl. , 121).
Pergament — 140 Bl. — 21,5 × 16,2 cm
Lagen: 6 IV (48). II (52). 4 IV (84). IV-1 (91). 3 IV (115). II (119). VI (131). II (135). II+1 (140). Lagen bei Neubindung in falscher Reihenfolge gebunden. Richtige Reihenfolge: Blätter 1–8, 25–40, 9–24, 41–68, 77–84, 69–76, 92–99, 85–91, 108–115, 100–107, 116–140 (vgl. , 463). Neuere Tintenfoliierung. Farb- und Metallauftrag, zum Teil verblichen. Blattränder beschnitten (Initialverlust). Schriftraum: 15,5 × 12,5 cm, einspaltig, 19 Zeilen. Karolingische Minuskel von drei Händen. Hand A: 2r–47r, 55r Z. 3–6; Hand B: 47v–54r, 55v–91r, 92r–99v, 132r Z. 6–19; Hand C: 100r–132r Z. 5, 132v–140v (vgl. , 397). Hand C identisch mit London, BL, Add MS 21170, Hand B (54r–98v; vgl. , 383). Auszeichnungsschriften der Initialzierseiten an die Initiale anschließend in Capitalis, Unzialis und Capitalis rustica. Zu den Kapiteln rubrizierte Majuskeln alternierend mit silbernen und goldenen Gründen (zum Teil schwarz/grau oxidiert), daneben auf den Blatträndern rubrizierte Paragraphenzeichen und Kapitelzählungen. Erste Textzeile in Unzialis. Incipits und Explicits in rubrizierter Capitalis rustica.
Weinroter Maroquin über dünnem Holz. Beidseitig Rahmung mit Streicheisenleisten. Zwei kleine Messingbeschläge für verlorene Schließen. (18.-19. Jh.)
INHALT
1v–86r : Vita et miracula sancti Galli , liber I: 1v–8v, 8r Initialzierseite, 9r–24v, 25r–40v, 41r–52v; liber II: 53r–68v, 77r–84v, 69r–76v, 92r–99v ( 4, 280–337; 3247; 10, 591). 86v–91r Officium sancti Galli. 108v–116v : Vita sancti Otmari 100–107v, 108v–115v, 116–116v ( 2, 41–47; 6386; 10, 591f.). 116v–139r : De miraculis sancti Otmari ( 2, 47–54; 6387; 4, 425–427; 6, 440–442). 139–140 Officium sancti Otmari.
AUSSTATTUNG
9 Initialen. 5 Initialzierseiten.Initialzierseiten: Auf 1v , 7v, 8r, 54v und 118v Einleitenden Initialen mit anschließendem Text in Capitalis. Buchstaben im Initialstil verziert oder unverziert in Minium mit goldenen und silbernen Gründen. Textanschlüsse (Buchstaben) rubriziert und farbig hinterlegt. 13–22,6 × 12,5–15,1 cm. Abb. 118-120.
, Vita et miracula sancti Galli:
1v Praefatio. (P)raefatio Walahfridi ... Abb. 122.
7v Liber I, prolog. (I)n nomine ... Abb. 118.
8r Liber I. (C)um preclara ... (ganzseitig, gerahmt). Rahmenmotive: Blüten (Gliederungsmotive) und Fiederung (Füllmotiv). Im Initialbinnenfeld dichtes Flechtband, das durch Ableger der Endgeflechte ergänzt wird. Textanschluss farbig hinterlegt. 15 × 12,5 cm. Abb. 119.
54v Liber II. (I)ncipit liber secundo ...
, De miracula sancti Otmari
118v Praefatio. (P)raefatio ysonis ...
Initialen: Zu den Textanfängen (2r, 55r - Ligatur, 109r, 110v, 116v, 117r, 133v, 134r) und den Text- und Initialzierseiten reich verzierte Initialen mit breit angelegtem goldenem Randband. Dieses an den Enden gelegentlich durch schmale Spangen geklammert (vgl. 109r). Initialstämme häufig gegliedert durch vegetabile End- und Gliederungsgeflechte oder -knoten (1v, 134v Blüten als Gliederungsmotive). In den Binnenfeldern vom Initialstamm ausgehendes Flechtwerk und Palmettenstauden (55r). Auf 54v die Initiale in einer Hand als Strauß gehalten (Abb. 120). Als Füllmotive in den Initialstämmen, teils von den Verflechtungen ausgehende gereihte Blatt- (Palmettenblatt: 7v) und Blütenmotiven (Vierpassblüte 55r; Lilien 55r, 116v) oder Äste mit entsprechendem Besatz (54v, 108v, 109r, 111r). Als weitere Füllmotive: Stufenband (5r, 55r, 116v, 117r), Schlange (111r) und Fiederung (1v, 110v). Im Besatz Sporangien, Palmetten- und Profilpalmettenblätter, an Fäden hängende Trifolien (vgl. 2r), Lilien (vgl. 54v) und fünfblättrige Blüten (vgl. 54v). Als Initialstammendung Vogel- (118v) und Tierköpfe (1v, 7v). 4,7–17,8 cm.
Farben: Silber (grau/schwarz oxidiert), Gold und Minium.
STIL UND EINORDNUNG
Die St. Galler Handschrift 17.5 Aug 4° enthält mit den von Wahlafrid Strabo zwischen 833-834 und 834-838 verfassten Viten (Gallus und Otmar), sowie den Miracula des Mönches und Lehrers Iso von St. Gallen (um 830–871) einen direkten Bezug zum Galluskloster. Der Text der Handschrift ist in drei weiteren St. Galler Handschriften erhalten (St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 562, St. Gallen, 890–900; vgl. , Nr. 112, Abb. 513–518; London, BL, Add MS 21170, St. Gallen, um 920, vgl. , Nr. 128, Abb. 610–613, Stuttgart, WLB, HB XIV 2, St. Gallen, 3. Viertel 9. Jh., vgl. , Nr. 129, Abb. 614, 615), wobei nach von Euw mit St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 562 die direkte Textvorlage für die Wolfenbütteler Handschrift vorliegt. Die Schreiberhand C (s.o.) ist identisch mit Hand B der zeitgleich entstandenen Londoner Handschrift. Die Initialausstattung der Wolfenbütteler Handschrift steht fest in der Tradition des St. Galler Skriptoriums und greift auf die hier im 9. Jh. ausgeprägten Ornament- und Initialformen zurück (vgl. das vom St. Galler Diakon und Schreiber gefertigte Evangelistar St. Gallen, StiB, Cod. Sang. 53, St. Gallen, um 895; , Nr. 108, Abb. 449–470 - hier besonders die auffällig ähnlich gestalteten Textzierseiten, wie p. 6). Anknüpfend an die identische Schreiberhand (s.o.), finden sich in den zeitgleich zu Wolfenbüttel entstandenen Viten London, BL, Add MS 21170 ebenfalls ähnlich gestaltete Initialen, wobei sich im Stil eine andere ausführende Hand zeigt. In etwas späterer Zeit lebt der Stil fort (vgl. Trier, Bistumsarchiv, Priesterseminar, Hs. 106, St. Gallen, 825/950; , Nr. 136, Abb. 659–668). Während H. Hoffmann für eine Datierung der Wolfenbütteler Vitae in die 2. Hälfte des 10. Jh. plädiert, erfolgte aus kunsthistorisch stilistischer Sicht eine frühere Einordnung in die Zeit des St. Galler Abtes Salomo III. (890–920), die von von Euw zuletzt überzeugend dargelegt wurde (, Nr. 127, Abb. 598–609)., Nr. 3095 (Heinemann Nr.). — , 89, 92. — , Der St. Galler Folchart-Psalter. Eine Initialenstudie, St. Gallen 1912, 21f., 33, Abb. 15c, 16b. — , Überlegungen zu Stil und Herkunft des Berner Prudentius-Codex 264, in: Florilegium Sangallense. Festschrift für Johannes Duft zum 65. Geburtstag, hrsg. von , , , St. Gallen/Sigmaringen 1980, 15–70, hier 34. — , 397, Abb. 214. — , Biographie und Epochenstil im lateinischen Mittelalter, 3: Karolingische Biographie, Stuttgart 1991 (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 10), 272–303. — , , , Das älteste Gallusoffizium, in: Lateinische Kultur im X. Jahrhundert, in: Akten des I. Internationalen Mittellateinerkongresses Heidelberg 1988, Stuttgart 1991 (Mittellateinisches Jahrbuch 24/25, 1989/90), 11–37. — , Das Ottmarsoffizium. Vier Phasen seiner Entwicklung, in: Die Offizien des Mittelalters. Dichtung und Musik, hrsg. von , , Tutzingen 1999 (Regensburger Studien zur Musikgeschichte 1), 25–39. — , Bibeltext und Schriftstudium in St. Gallen, in: Das Kloster St. Gallen im Mittelalter. Die kulturelle Blüte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, hrsg. von , Darmstadt 1999, 119–136, hier Anm. 78. — , Der ottonische Heilige und sein karolingischer Heiliger. St. Wolfgang, St. Otmar und das Problem der historischen Wahrnehmungsfähigkeit im frühen Mittelalter, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 112 (2001), 7–52, hier 22–24, Anm. 65. — , Bd. 2, Nr. IV.29, 227–229, Abb. 227 (). — , Nr. 14, Abb. 32, 33 (). — , 261. — , Nr. 127, Abb. 598–609. — , 167 Anm. 41, 311, 313, Abb. 425. — , Nr. 7296. — , Bodenseeraum? Das karolingische Epistolar in der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda, Aa 7, in: Illustrierte Epistolare des frühen und hohen Mittelalters, hrsg. von , und , Regensburg 2021, 45–78, hier 52 Anm. 27.
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).