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Beschreibung von Cod. Guelf. 269 Gud. lat.
Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert, beschrieben von Stefanie Westphal (in Bearbeitung)

Ps.-Hieronymus, Breviarium in Psalmos

Corbie, Benediktinerkloster (?) — 8. Jh., 1. Hälfte

Provenienz: Besitzeintrag: 1r oben liber fc̄i uiti i in corbea (mittels Reagenz sichtbar; 10. Jh.). Darunter Liber fc̃i stephani tuitj. Die vorliegende Hieronymus-Handschrift hat laut Besitzeintrag, zum Anfangsbestand der Corveyer Bibliothek gehört (H.-J. Schmalor, Die Zerstörung der mittelalterlichen Bibliothek der Reichsabtei Corvey im Dreißigjährigen Krieg und die erhalten gebliebenen Handschriften, in: A. Rapp und M. Embach, Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken. Chancen - Entwicklungen - Perspektiven, Frankfurt a.M. 2009, 381–393, hier 385 Anm. 23). Auf 44v der marginale Eintrag einer Corveyer Hand aus der Zeit um 1100: Nota quod dicit de diversitate evangelist(arum) (vgl. Hoffmann Schreibschulen, 22). Zu einem späteren Zeitpunkt gelangte sie in den Besitz des Münsteraner Arztes und Humanisten Bernhard Rottendorff (1594–1671; der Codex ist in seinem Handschriftenverzeichnis von 1651 als Nr. 15 vermerkt P. Lehmann, Aus dem Leben, Briefwechsel und der Büchersammlung eines Helfers der Philologen, in: P. Lehmann, Erforschung des Mittelalters, Bd. 4, Stuttgart 1961, 107–127, hier 126) und anschließend in die Hände von Marquard Gude. 1710 gelangte die Handschrift zusammen mit den anderen Gudiani in den Besitz der Herzog August Bibliothek (zur Sammlung Gude in Wolfenbüttel vgl. Lesser Ornamentum, 445–516).

Pergament — 237 Bl. (letztes Blatt ungezählt). — 19,4 × 14,6 cm

Lagen: 9 IV (72). IV-1 (79). 5 IV (119). III (125). IV (133). IV-2 (139). 5 IV (178). V (188). 5 IV (228). III+1 (235). I (237). Lagenbezeichnungen auf dem unteren Blattrand, am Ende jeder Lage (1–139 Buchstaben A-S; 154 Y; 162; 189 a; 196 b; 204 G; 212 d; 220 e; 235 g). Neuere Tintenfoliierung. Schriftraum: 14,5 × 11,6 cm, einspaltig, 24 Zeilen. Unziale von einer Hand Incipits und Explicits in Unzialis oder Halb-Unziale. Gelegentlich Satzmajuskeln.

Roter Schweinsledereinband. Auf der Rückseite in goldenen Buchstaben S. HIERONYMI IN PSALMOS MS. VETVSTISS. Der Einband ist unter Marquard Gude (1635–1689) angelegt worden. Gleiche Einbände besitzen die Handschriften Cod. Guelf. 29 Gud. graec. und Cod. Guelf. 30 Gud. graec. sowie Cod. Guelf. 96 Gud. lat.

INHALT

1v–237v Ps.-Hieronymus: Breviarium in Psalmos (PL 26, 812–1270; CPL 629; BHM 2, 220; Wolfenbüttel Gud., Nr. 4574).

AUSSTATTUNG

8 Federinitialen. 2 Hohlbuchstaben.

Hohlbuchstaben: Zu den Traktaten zu Ps 127 (176r) und Ps 147 (227r ) gering verzierte Hohlbuchstaben (1,3–2,4 cm).

Initialen: Zu einigen Traktatabschnitten geringfügig verzierte Federinitialen (37r zu Ps 76; 49v zu Ps 78; 56r zu Ps 81; 130r zu Ps 106; 147v zu Ps 109; 153v zu Ps 111; 156v zu Ps 114; 230v zu Ps 148; 1,1–3,3 cm).

Die Stämme der Hohlbuchstaben und der Federinitialen enden einfach oder spiralförmig aufgerollt (vgl. 176r); bei der Federinitiale auf 156v geht die Initialstammendung in eine groß angelegte Knospe mit weit ausschwingenden Seitenblättern über. Als Füllelemente werden horizontal oder diagonal gesetzte Stege (vgl. 147v, 153v) oder Kreise (Augen) ausgespart (vgl. 153v - mit punktförmigem Einschluss). Auffällig ist die wiederkehrende, griffelförmige Kombination von Strich und Kreis (vgl. 153v, 227r).

STIL UND EINORDNUNG

Die vorliegende Hieronymushandschrift gilt als der älteste erhaltene Codex aus Corvey (vgl. Provenienz). Sie wurde im Kloster gebraucht, wie die Einträge aus dem 10. Jh. und um 1100 zeigen (vgl. 1r und 44v), jedoch nicht vor Ort hergestellt. Als Entstehungsort nennt Lowe Frankreich, vielleicht Burgund ("… [written] doubtless in France, perhaps in Burgundy") mit der Datierung 7./8. Jh. (CLA IX, Nr. 1379.). Weitere Lokalisierungsvorschläge für die Handschrift liegen nicht vor. Bischoff nennt Corvey, wobei er vermutlich den Aufbewahrungsort meint (Bischoff Katalog 3, Nr. 7323a). Die Tatsache, dass das Kloster Corvey in seiner ersten Gründungsphase ganz wesentlich von seinem Mutterkloster Corbie geprägt wurde, ist unbestritten. Drei Äbte aus der ersten Hälfte des 8. Jh. waren in Personalunion sowohl Äbte von Corbie als auch von Corvey (vgl. H. W. Storck, "…lass Deine Engel Wächter ihrer Mauern sein", in: Saxones. Niedersächsische Landesausstellung 2019 im Landesmuseum Hannover und im Braunschweigischen Landesmuseum, hrsg. von B. Ludovici, Darmstadt 2019, 306–317, hier 307). Noch in der Mitte des 9. Jh. waren Schreiber aus Corbie in Corvey tätig (vgl. Cod. Guelf. 132 Gud. lat.), so dass davon ausgegangen werden kann, dass ein reger Bücheraustausch stattfand. Ein Vergleich der Wolfenbütteler Handschrift mit in Corbie geschriebenen Codices aus der ersten Hälfte des 8. Jh. zeigt sowohl paläographische als auch stilistische Gemeinsamkeiten. Paläographisch sind die frühen Corbier Handschriften abhängig von Luxeuil, da Theofrid, der erste Abt von Corbie vorher Mönch im Benediktinerkloster Luxeuil war (vgl. Ganz Corbie, 38 Anm. 17). Auch die Wolfenbütteler Handschrift zeigt Luxeuiler Ansätze, wie bereits Lowe nachweisen konnte (das große Q mit Cauda, die den unteren Bereich des Binnenfeldes zweiteilt; CLA IX, Nr. 1379). Der Initialschmuck lässt in den Füllornamenten Parallelen zu einer in Corbie entstandenen, ebenfalls zu Beginn in Unzialis verfassten Historia Francorum erkennen (Paris, BnF, lat. 17655, Corbie, Ende 7. Jh.; Ganz Corbie, 38ff.; Zimmermann Miniaturen, Taf. 89). Auch hier ist die enge Verwandtschaft zu Luxeuil noch zu erkennen. Bei den verbindenden Ornamentdetails handelt es sich um die griffelförmige Kombination von Strich und Kreis, die häufige Verwendung von Kreisen/Augen und gliedernden Stegen. Die auffälligen Augen zeigt auch die paläographisch definierte AB-Handschrift Berlin, SBBPK, Ms. Ham. 132, Corbie, Anfang 9. Jh. (Ganz Corbie, 48ff.; Zimmermann Miniaturen, Taf. 111). Ähnlich ausgeprägte Spiral- und Knospenformen liegen in einer Historia Francorum Cambrai, BM, Ms. 684 vor (Corbie, 8. Jh.; Zimmermann Miniaturen, Taf. 93).

Wolfenbüttel Gud., Nr. 4574. — CLA IX, Nr. 1379. — P. Lehmann, Corveyer Studien, in: P. Lehmann, Erforschung des Mittelalters, Bd. 5, Stuttgart 1962, 94–178, hier 103. — Bischoff Mittelalterliche Studien, Bd. 3, 116. — Hoffmann Buchkunst, 129. — H.-J. Schmalor, Die Bibliothek der ehemaligen Reichsabtei Corvey, in: Westfälische Zeitschrift, Bd. 147 (1997), 251–269, hier 253 Anm. 10. — Bischoff Katalog 3, Nr. 7323a. — Hoffmann Schreibschulen, 22. — Carmassi Le miscellanee scientifiche, 54. — C. Heitzmann, Widukinds Bibliothek, in: Saxones. Niedersächsische Landesausstellung 2019 im Landesmuseum Hannover und im Braunschweigischen Landesmuseum, hrsg. von B. Ludovici, Darmstadt 2019, 364–365, Abb. 1. — H. W. Storck, "…lass Deine Engel Wächter ihrer Mauern sein", in: Saxones. Niedersächsische Landesausstellung 2019 im Landesmuseum Hannover und im Braunschweigischen Landesmuseum, hrsg. von B. Ludovici, Darmstadt 2019, 306–317, hier 307.


Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).
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