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Beschreibung von Cod. Guelf. 565 Helmst.
Die mittelalterlichen Helmstedter Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil IV: Cod. Guelf. 462 bis 615 Helmst., beschrieben von Bertram Lesser (in Vorbereitung).
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Programms Erschließung und Digitalisierung handschriftlicher und gedruckter Überlieferung
Handschriftentitel: Johannes Wyclif
Entstehungsort: Prag
Entstehungszeit: um 1430
Bemerkung:
Katalognummer:
  • Heinemann-Nr. 613
  • Manuscripta Mediaevalia Objektnummer, 32412367,T
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 305 Bl.
Format: 22 × 15 cm
Seitennummerierung: Bleistiftfoliierung modern: 1–303, Zählfehler: Bl. 136 doppelt gez.
Lagenstruktur: I (VS und Vorsatz, ungez.). 8 VI (96). VI+1 (109). 15 VI (288)! IV (296). III+1 (303). Reklamanten und Lagensignaturen, vielfach durch Beschnitt verloren. Ab Bl. 121 zusätzlich Lagenzählung I–16 auf dem Fußsteg der letzten Versoseite jeder Lage.
Zustand: Das dünne Pergament ist von bemerkenswerter Qualität.
Seiteneinrichtung: 15,5 × 9,5 cm, zweispaltig, 45 Zeilen. Tintenliniierung, am Außenrand jeder Seite eine 2,5 cm breite Spalte für Marginalien und Kommentare reserviert.
Hände: Sorgfältige, äußerst regelmäßige jüngere gotische Kursive von 2 Händen,
  • Hand 1: Haupttext 1ra–303rb (auch in den übrigen Bänden der Reihe, vgl. unten);
  • Hand 2: Tabula in VS und HS.
Auszeichnungsschriften / Buchschmuck:
  • Rubriziert, am Beginn der einzelnen Sermones abwechselnd rote und blaue Lombarden über 3 Zeilen.
  • 1ra Deckfarbeninitiale C über 5 Zeilen, Buchstabenkörper in Unzialform mit grünen Akanthusblättern belegt. Der Buchstabe steht auf einem quadratischen goldfarbenen Hintergrund mit feinen Weißhöhungen, von dem aus sich nach oben und unten je eine goldfarbene Ranke auf den Bundsteg erstreckt, die in einem heellrosa gefärbten Akanthusblatt ausläuft. Die rankenartig lang ausgezogene Spitze des unteren Blattes ist mit einer blauen Fleuronnéefibrille verziert.
  • Die Initiale H auf Bl. 110ra ist analog, jedoch noch größer (6 Zeilen) und aufwendiger gestaltet: Der Buchstabenkörper besteht aus rotem Akanthus, die goldfarbene Rahmenfüllung zeigt fein ausgeführte, arabeskenartige Rankenverzierungen. Buchstabe und Rahmen sind mit zwei blauen Palmetten an einem filigranen grünen, geraden Stab verankert, der den gesamten Bundsteg der Seite einnimmt. Von dem mit einer goldenen und einer roten Scheibe belegten Stab geht auf dem Fußsteg ein grüngoldenes, weiß gehöhtes Akanthusblatt mit gewundenem, langgezogenem Mittelausläufer und spitzen Seitenblättern aus, während eine ähnlich geformte hellgrüne Ranke auf dem Kopfsteg ihren Anfang in der Oberlänge der Initiale nimmt. Die Initialen in den Schwesterhss. Wien, ÖNB, Cod. 1337, Wien, ÖNB, Cod. 1339, und Wien, ÖNB, Cod. 1341, sind vollkommen gleichartig gestaltet. Sie gehören sämtlich in den Umkreis des sog. "Meisters der Bibel des Schreibers Duchek", vgl. dazu M. Theisen, Bewegte Jahre: Kostbare Wyclif-Ausgaben aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, in: Code(x). Festgabe zum 65. Geburtstag von Alois Haidinger, hrsg. von M. Haltrich und M. Stieglecker, Purkersdorf 2010 (Codices Manuscripti, Supplementum 2), 88–94, hier 92 und 94 Abb. 5; I. von Morzé, Illuminierte Wyclif-Handschriften der ÖNB aus dem Nachlass des Kaspar von Nidbruck, in: Art in an unsettled time. Bohemian book illustration before Gutenberg (c. 1375–1450), hrsg. von M. Studničková und M. Theisen, Prag 2018, 170–181, bes. 175–177 mit Abb. 2–5.
Spätere Ergänzungen: Zahlreiche Marginalien der anlegenden Hand und späterer Hände.
Einband: Spätgotischer Holzdeckelband mit unverziertem Schweinslederbezug. 4 Doppelbünde, Kapital an Kopf und Schwanz mit ungefärbten Lederstreifen umflochten. 2 Riemenschließen mit Fensterlagern in schlichter Rechteckform, Schließenriemen und -haken verloren, rechteckige Gegenbleche mit Riemenresten erhalten. Auf dem VD stark beriebene und veblasste Aufschrift, nur noch: [do]minicales erkennbar. An Bl. 110 eine Registerzunge aus Leder.
Entstehung der Handschrift: Die Hs. gehört zu einer paläographisch und kodikologisch geschlossenen Gruppe von insgesamt acht Codices, die fast alle Werke Johannes Wiclifs überliefern und um 1430 in Prag in einem sorgfältig arbeitenden Scriptorium entstanden und von mehreren Künstlern illuminiert worden sind. Die Hypothese von Schottenloher, 79f., (vgl. danach Germania Benedictina 2, 1917), die Handschrift gehöre ins oberpfälzische Kloster Reichenbach, ist irrig. Vgl. zur Gruppe bislang Theisen. Bewegte Zeiten (s. oben).
Provenienz der Handschrift: Die Codices wurden vermutlich im Jahre 1553 von Hubert Languet im Auftrage Caspars von Nidbruck in Prag gesammelt, der für Matthias Flacius Illyricus handschriftliche Quellen zur Kirchen- und Ketzergeschichte suchte, vgl. dazu Bollbuck, 156f. Die Weiterleitung ausgewählter Bände an Flacius besorgte später der böhmische Humanist Matthaeus Collinus (1516–1566), vgl. J. W. Schulte, Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Magdeburger Centurien, in: Jahresbericht der Philomathie zu Reichenbach in Schlesien 19 (1877), 51–154, hier 71. Während jedoch die sieben übrigen Prager Wiclif-Codices mit dem Nachlass von Nidbruck in die ÖNB gelangten, wo sie bis heute unter den Signaturen Wien, ÖNB, Cod. 13371343 aufbewahrt werden, blieb diese Hs. schließlich im persönlichen Besitz von Matthias Flacius Illyricus zurück. Die Inhaltsangabe Bl. Ir Postilla stammt jedoch nicht von ihm, sondern wie in Cod. Guelf. 442 Helmst., 1r, von der Hand eines Mitarbeiters oder Sekretärs der Centuriatoren.
Erwerb der Handschrift: Zusammen mit der übrigen Bibliothek des Matthias Flacius am 20.4.1597 von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg für die Wolfenbütteler Hofbibliothek erworben, 1614 in deren Gesamtkatalog von Liborius Otho (Cod. Guelf. A Extrav., p. 299 [294]) unter Nr. Z 20 der Papalia miscellanea als Postilla manuscripta gebunden in Evangelia et Epistolas Dominicales beschrieben. 1618 in die Universitätsbibliothek Helmstedt überführt, 1644 in deren Handschriftenkatalog (Cod. Guelf. 27.2 Aug. 2°, 18r) als Liber Evangeliorum Dominicalium unter den Theologici MSSti in quarto beschrieben, Ir die entsprechende Helmstedter Signatur T. 4to 131. Im Handschriftenverzeichnis von 1797 (BA III, 52) unter Nr. 485 aufgeführt.
Inhalt:
  1. VS und HS Tabula sermonum. Cum appropinquasset Ierosolimis [Mt 21,1]. Si deus omnia simul creavit … — … Nolumus vos ignorare. De dormientibus. Rex celorum reges terre quomodo gubernaret. Duxit Martha ad Ierusalem. Eine Übersicht über alle im Codex enthaltenen Sermones mit Thema und einer kurzen Inhaltsangabe. Ungedruckt.
  2. Ir Nota de sacramento. >Magister Johannes Hus<. Idem corpus quod natum ex beata virgine quod passum est in cruce … — … aliter et in celo sub propria specie in sacramento in speciebus. Von anderer Hand auf dem Kopfsteg nachgetragen. Vgl. dazu V. Flajšhans, Literární činnost Mistra Jana Husi, Prag 1900 (Sbírka pramenů k poznání literárního života československého 3), 22 und und 115 Nr. LX (Hs. genannt). Darunter Titelvermerk (siehe oben), Iv leer.
  3. 1ra–109vb Johannes Wyclif: Sermones super evangelia dominicalia.
    • (1ra–b) Prologus. >Incipiunt ewangelia dominicalia per circulum anni<. Cum deus undequaque plenus abhorret vacuum … — … que ex ewangelio possent capi.
    • (1rb–109vb) Textus. >Dominica prima in adventu domini sermo primus<. Cum appropinquasset Ierosolimis … [Mt 21,1]. Constat ex ewangelio quod Christus tribus vicibus advenit … — … perveniatur ad regnum sempiternum. Insgesamt 57 Sermones, von anlegender Hand gezählt. Die Predigtreihe ist über das Kirchenjahr hinweg in 6 Teile gegliedert: 20r: Secunda pars ista est quinarius dominicarum a dominica prima post octavam epyphanie ad dominicam primam septuagesime; 29vb: Tertia pars est a septuagesima usque ad pascha exclusive et includit 9 dominicas; 47rb: Ista pars quarta continet in se 6 dominicas cum festo pasche inclusive usque ad ascensionem; 58vb: Ista pars quinta continet in se 3 dominicas inclusive a prima dominica post ascensionem usque ad dominicam trinitatis; 65rb: Ista pars sexta et ultima est a prima dominica post festum sancte trinitatis usque adventum domini exclusive et continet ad maius 25 dominicas.
    Edition
    • Iohannis Wyclif Sermones, Bd. 1: Super evangelia dominicalia, hg. von J. Loserth, London 1887, ND New York 1966 (Wyclif's Latin Works 11,1), 1–377.
    Literatur
    • Thomson Wyclif Nr. 54–114 ( Hs. genannt);
    • A. Hudson, Aspects of the 'Publication' of Wyclif's Latin Sermons, in: Late-Medieval Religious Texts and Their Transmission. Essays in Honour of A.I. Doyle, hrsg. von A. J. Minnis, Cambridge 1994 (York Manuscripts Conference 6), 121–129 (122f. Hs. genannt);
    • A. Hudson, Wyclif's Latin Sermons: Questions of Form, Date and Audience, in: Archives d'histoire doctrinale et littéraire du Moyen Âge 68 (2001), 223–248 (225, 245 Hs. genannt);
    • A. Hudson, So far and yet so near: Distance od proximity of author and witness in manuscripts of John Wyclif's sermons, in: Preaching the word in manuscript and print in late medieval England. Essays in honour of Susan Powell, hrsg. von M. W. Driver und V. O'Mara, Turnhout 2013 (Sermo. Studies on patristic, medieval, and Reformation sermons and preaching 11), 49–62 (pass. Hs. genannt).
  4. 110ra–303rb Johannes Wyclif: Sermones super epistulas cum tribus allis sermonibus suppleti. >Epistole dominicales per circulum anni<. Hora est … [Rm 13,11]. Omnes quatuordecim libri apostoli et septem epistole canonice … — … de Salomone et multis similibus veteris testamenti etc. >Et sic est finis epistolarum<. Die Sammlung enthält 62 von anlegender Hand gezählte Sermones: 110ra–292va die 59 Sermones super epistolas zum Jahreskreis, anschließend drei Sermones in dedicacione epistola (292va–296ra), de mortuis epistola (296ra–299va) und in exequiis mortuorum (299va–303rb).
    Textgeschichte: Alle 62 Sermones mit identischem Text in dieser Abfolge auch in Cod. Guelf. 306 Helmst., 3ra–209va.
    Edition (in dieser Reihenfolge)
    • Wyclif Sermones 3, 1–520 Nr. I–LIX;
    • Wyclif Sermones 4, 492–501 Nr. LXIII, 1–24 Nr. I, II.
    Literatur
    • Thomson Wyclif Nr. 176–234, 297, 235, 236 (jeweils Hs. genannt);
    • Hudson. Aspects (siehe oben), (122f. Hs. genannt);
    • Hudson. Sermons (siehe oben), (pass., bes. 225–229, 245 Hs. genannt).
Bibliographie

Korrekturen, Ergänzungen:
  • Manuscripta Mediaevalia Objektnummer hinzugefügt (schassan, 2019-08-20)
  • Normdaten ergänzt bzw. korrigiert. (schassan, 2015-09-04)

Abgekürzt zitierte Literatur

Bollbuck H. Bollbuck, Wahrheitszeugnis, Gottes Auftrag und Zeitkritik. Die Kirchengeschichte der Magdeburger Zenturien und ihre Arbeitstechniken, Wiesbaden 2014 (Wolfenbütteler Forschungen 138)
Germania Benedictina Germania Benedictina, hrsg. von der Bayerischen Benediktiner-Akademie München in Verbindung mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach, Bd. 1–, St. Ottilien 1994–
Hartmann M. Hartmann, Humanismus und Kirchenkritik. Matthias Flacius Illyricus als Erforscher des Mittelalters, Stuttgart 2001 (Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 19)
Heinemann O. von Heinemann, Die Helmstedter Handschriften, Bd. 1–3, Wolfenbüttel 1884–1888, Nachdruck Frankfurt/M. 1963–1965 (Kataloge der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Die alte Reihe 1–3)
Schottenloher K. Schottenloher, Handschriftenschätze zu Regensburg im Dienste der Zenturiatoren (1554-1562). Teil II: Reichenbacher Handschriften in der Flaciusbibliothek, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 34 (1917), 65–82
Thomson Wyclif W. R. Thomson, The Latin Writings of John Wyclif. An Annotated Catalogue, Toronto 1983 (Subsidia Mediaevalia 14)
Wyclif Sermones Johannis Wyclif Sermones, Bd. 1–4, hrsg. von J. Loserth, London 1887–1890, Nachdruck New York 1966 (Wyclif's Latin Works 11,1–4)

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