Commentarii notarum tironiarum
Saint-Amand — um 850
Provenienz: 1r Liber iste pertinet ad librariam …. Der Hinweis B. Bischoffs auf ein Exlibris der nordfranzösischen Bibliothek Saint-Bertin bei Saint-Omer lässt sich nicht mehr rekonstruieren (vgl. , Bd. 3, 302). 1655/56 für die Bibliothek des Herzog August des Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg erworben (Eintrag im Bücherradkatalog auf pag. 4355; , 118).
Pergament — 99 Bl. — 23,9 × 15,5 cm
Lagen: Vorsatzblatt Papier I-III nicht foliiert. I (Papier). 5 IV (40). IV-1 (47). 2 IV (63). III (69). 3 IV (93). II+2 (99). Vorderes und hinteres Schmutzblatt (Pergament) aus einer kanonistischen Rechtshandschrift des 14. Jhs. Neuere Tintenfoliierung. Guter Zustand. Schriftraum: 17,2 × 11 cm, dreispaltig, 23 Zeilen. Tironische Noten und karolingischen Minuskel von zwei Händen. Hand 1: Bl. 1–69; Hand 2: Bl. 70–98v. 1r Incipit in roter und schwarzer Capitalis quadrata. Anschließende Notenbenennungen ebenfalls in Capitalis quadrata.
Holzdeckel mit Oasenziegenleder überzogen (1956; Peter Hahne, Hamburg). Von den ursprünglich zwei Schließen ist eine erhalten. Auf dem Vorderdeckel ein Pergamentstreifen mit dem Titel Note Senecae Lib.
INHALT
1r–98v Commentarii notarum tironiarum (, Commentarii notarum Tironianarum. Cum prolegomenis, adnotationibus criticis et exegeticis, notarumque index alphabetico, Osnabrück 1893 [Nachdruck 1968]). 99v Verzeichnis der Dies Aegyptiaci (, Beiträge zur lateinischen Sprache und Literaturkunde, 1877, 307f.).
AUSSTATTUNG
2 Initialen. 1 Initialzierseite.Initialen: Auf der Initialzierseite 3 Notae (1r Ab, ad, con; Abb. 416), im weiteren Verlauf die Notae prob (15r) und purpura (28r). Die Buchstaben, bzw. Notaezeichen, teils mit durchgängigem Randband (1r), dunkler Kontur (1r, 15r), eingefügten Flechtbandpaneelen (1r, 15r - an den Ecken verziert mit Herzblättern und Punkten) und bandförmigen Endgeflechten (1r - kombiniert mit antithetisch gesetzten Vogelköpfen, 15r). Als Gliederungsmotiv ein Medaillon mit ausgespartem Tier- bzw. Fabelwesen und Punktverzierungen (1r). Als Füllmotive Flechtband und Achterschlingen im Aussparungstypus. Auf 1r als Initialstammendungen einfache Knospen und als Füllmotive eine Knospenstaude mit flankierenden Pfeilen. 2,6–15,6 cm.
Farben: Initialen in Tintenfarbe gezeichnet. Auf 1r anteilig rosa- und silberfarben koloriert (nachträglich).
STIL UND EINORDNUNG
Die Commentarii wurden von B. Bischoff paläographisch in die 1. Hälfte des 9. Jhs. datiert und in das nordfranzösische Kloster Saint-Amand lokalisiert (, Nr. 7291). Der Buchschmuck weist die Handschrift als ein Werk der in Saint-Amand beheimateten frankosächsischen Schule aus. Parallelen, u.a. der mittels Band verlängerte Achterknoten als Füllmotiv, liegen in den frühen Evangeliaren der Schule vor, deren Beginn von Mütherich in die Zeit gegen Mitte des 9. Jhs. gesetzt wird (, 49–52). Ebenso wie die Wolfenbütteler Handschrift verzichten diese Codices auf den in späterer Zeit üppig auftretenden Goldauftrag und zeigen leicht lavierend gehaltene Farben oder gar unkolorierte Initialen (vgl. Saint-Amand, um 850: Pruntrut/Porrentruy, Bibliothèque Cantonale jurassienne, Ms. 34; , 129–133, Taf. 1–3 und Ivrea, Biblioteca Capitolare, Ms. XXIX (15); , 134–137, Taf. 4–5). Zusätzlich knüpfen die Commentarii an die zeitlich vorausgehende, für Saint-Amand stilbildende Schule von Saint-Bertin bei Saint-Omer an (Knospen und Knospenendungen sowie die für das frühe Saint-Amand noch untypischen Greifvogelköpfe; vgl. 1r mit 81.17 Aug. 2°; , Nr. 1.2.1.2 A-E, 1.7.6 B, ). Aufgrund des Schulbeginns in Saint-Amand gegen Mitte des 9. Jh., ist der paläographische Datierungsvorschlag von B. Bischoff auf diesen Zeitraum zu präzisieren.
, Nr. 2989 (Heinemann Nr.). — , "Salzburger Formelbücher und Briefe aus Tassilonischer und Karolingischer Zeit", Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1973), Heft 4, 63. — , Bd. 1, 89. — , Bd. 3, 302. — , 262. — , Nr. 7291. — , 1, 44.
Beschreibung erstellt im Rahmen des Projektes Katalogisierung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Teil I (6.–11. Jh.).